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	<title>Gender Archives</title>
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	<description>Wissenswertes und Nachrichten aus Kirgistan, Tadschikistan, Usbekistan, Kasachstan und Turkmenistan</description>
	<lastBuildDate>Sat, 17 Jan 2026 15:50:17 +0000</lastBuildDate>
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	<title>Gender Archives</title>
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		<title>Wer entscheidet in Zentralasien, wie Frauen auszusehen haben?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Die Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 15 Jan 2026 23:36:15 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>F&#xFC;r &#x201E;Sch&#xF6;nheitsspritzen&#x201C; m&#xFC;sse man im Jenseits Rechenschaft ablegen, erkl&#xE4;rte k&#xFC;rzlich ein tadschikischer Geistlicher. Im benachbarten Turkmenistan droht f&#xFC;r Sch&#xF6;nheitsoperationen keine himmlische Strafe, sondern eine ganz irdische: Passagierinnen mit vergr&#xF6;&#xDF;erten Lippen und verl&#xE4;ngerten Wimpern werden Berichten zufolge nicht auf internationale Fl&#xFC;ge zugelassen. Warum versuchen Geistliche und weltliche Machthaber in den L&#xE4;ndern Zentralasiens, das Aussehen von Frauen [&#x2026;]</p>
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<p class="wp-block-paragraph">Für <em>„Schönheitsspritzen“</em> müsse man im Jenseits Rechenschaft ablegen, erklärte kürzlich ein tadschikischer Geistlicher. Im benachbarten Turkmenistan droht für Schönheitsoperationen keine himmlische Strafe, sondern eine ganz irdische: Passagierinnen mit vergrößerten Lippen und verlängerten Wimpern werden Berichten zufolge nicht auf internationale Flüge zugelassen. Warum versuchen Geistliche und weltliche Machthaber in den Ländern Zentralasiens, das Aussehen von Frauen zu kontrollieren?</p>



<h2 class="wp-block-heading">Nein zu Botox und eng anliegender Kleidung, Ja zu Kleid mit weiten Hosen</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Der Vorsitzende des Rates der Ulemas [muslimischer Rat, Anm. d. Übers.], <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mufti">Mufti</a> Sajdmukarram Abdulqodirsoda von Tadschikistan, äußerte sich während seiner jüngsten Freitagspredigt scharf über die <em>„Mode“</em> von Botox, Fillern und plastischen Operationen bei Frauen. Das Video seiner Rede, das auf dem YouTube-Kanal des Islamischen Zentrums veröffentlicht wurde, wurde zehntausende Male angesehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Mufti bezeichnete kosmetische Eingriffe als <em>„haram”</em> (im Islam verboten) und forderte die Gläubigen auf, <em>„ihr Verhalten zu verbessern, nicht ihr Aussehen”</em>. Er verurteilte die Begeisterung für<em> „Schönheitsspritzen“ </em>und plastische Operationen und erklärte, dass <em>„der Körper ein von Gott anvertrautes Gut“</em> sei und man für solche Handlungen <em>„im Jenseits Rechenschaft ablegen muss“</em>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Rhetorik steht im Einklang mit umfassenderen staatlichen Beschränkungen: Vor anderthalb Jahren verschärfte Tadschikistan seine Politik in Bezug auf Frauenkleidung. Im Frühjahr 2024 <a href="https://rus.azattyq.org/a/33003844.html">unterzeichnete</a> Präsident <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Emomalij_Rahmon">Emomalij Rahmon</a> Änderungen zum Gesetz <em>„Über die Regulierung von Traditionen, Feierlichkeiten und Ritualen“</em> und verbot damit de facto <em>„die Einfuhr, Werbung und den Verkauf von Kleidung, die nicht der nationalen Kultur entspricht“</em>. Bei Verstößen drohen Geldstrafen von 7.920 bis 57.600 Somoni (ca. 730 bis 5.300 Euro).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Arten von Kleidungsstücken werden im Gesetzestext nicht aufgeführt, aber nach Meinung von Expert:innen fällt unter diese vage Formulierung vor allem Kleidung, die den islamischen Kanonen des Nahen Ostens entspricht. In Tadschikistan ist sogar ein spezieller Begriff für <em>„fremde Kleidung”</em> entstanden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Medien berichteten über Fälle, in denen Frauen mit <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Hidsch%C4%81b">Hidschabs</a> nicht in medizinische Einrichtungen gelassen wurden, solange sie ihr Kopftuch nicht <em>„auf tadschikische Art” </em>mit einem Knoten nach hinten gebunden hatten. Manchmal werden auch kurze Röcke und enge Oberteile als <em>„nicht der nationalen Kultur entsprechend”</em> angesehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Juli 2024 nahmen Polizeibeamte zwei junge Frauen wegen Veröffentlichungen auf Instagram fest, auf denen sie in kurzen Kleidern posierten, mit der Begründung, dies <em>„verletze die Ehre“</em> tadschikischer Frauen und Mütter. Nach einem <em>„präventiven”</em> Gespräch wurden die Frauen freigelassen, aber ihre Fotos wurden auf der offiziellen Seite der Strafverfolgungsbehörden in den sozialen Netzwerken veröffentlicht, wobei ihre Gesichter und persönlichen Daten sichtbar blieben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Etwa zur gleichen Zeit veröffentlichte der Rat der Ulemas eine <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Fatwa">Fatwa</a> gegen <em>„schwarze, eng anliegende und durchsichtige”</em> Kleidung und behauptete, diese sei <em>„unvereinbar mit der nationalen Kultur der Tadschiken”</em>. <em>„Tadschikische Frauen trugen jahrhundertelang Kleidung, die den Anforderungen der Scharia entsprach und lokale Bräuche und Ornamente sowie klimatische Besonderheiten berücksichtigte”</em>, hieß es in der Fatwa. Sogar die religiösen Führer schrieben Frauen also vor, die Nationaltracht zu tragen – ein Kleid mit Hosen und einem Kopftuch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Später veröffentlichte das Kulturministerium Beispiele für traditionelle Nationaltrachten, die Frauen und Mädchen <em>„empfohlen“</em> werden, und stellte sogar Muster zur Verfügung, wie sie sich <em>„altersgerecht“</em> und den Umständen entsprechend kleiden sollten – sei es im Alltag, bei der Arbeit, bei Festen oder kulturellen Veranstaltungen. Dabei ging es um die <em>„Erhaltung der Kultur”</em>, doch tatsächlich lenken solche Initiativen die Aufmerksamkeit der Gesellschaft von den wirklichen Problemen ab – Armut, Arbeitslosigkeit und Inflation.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Wenn der Lebensstandard niedrig ist und die sozialen Probleme zunehmen, wird die Betonung der ‚moralischen Erscheinung‘ zu einem bequemen Instrument für die Machthaber“</em>, argumentiert ein Soziologe aus Duschanbe, der darum gebeten hat, seinen Namen nicht zu nennen. <em>„Es handelt sich um eine Form der sozialen Kontrolle, die unter dem Deckmantel der Sorge um die Moral getarnt ist. Dabei wird die Frage des Aussehens von Frauen zu einem Instrument der ideologischen Einflussnahme, ebenso wie der Kampf gegen <em>‚</em>fremde<em>‘</em> Kleidung.“</em></p>



<h2 class="wp-block-heading">Strafen und Entlassungen wegen Verstössen gegen die „Ustosy Türkmençilik“</h2>



<p class="wp-block-paragraph">In Turkmenistan unterliegt das äußere Erscheinungsbild von Frauen staatlichen Vorschriften. Und die Kontrollen sind viel strenger geworden: Nach dem Amtsantritt von Präsident <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Serdar_Berdimuhamedow">Serdar Berdimuhamedow</a> im Jahr 2022 (er löste seinen Vater <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gurbanguly_Berdimuhamedow">Gurbanguly Berdimuhamedow</a> ab) wurden Frauen auffälliges Make-up, helles Färben der Haare, Wimpern- und Nagelverlängerungen sowie Botox-Injektionen verboten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Jahr 2023 nahm die Polizei in der turkmenischen Stadt <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mary_(Turkmenistan)">Mary</a> zwei Frauen fest und beschuldigte sie, <em>„für Turkmeninnen unangemessene Kleidung” </em>getragen zu haben. Sie wurden zur Polizeistation gebracht und nach mehreren Stunden Verhör wieder freigelassen, <a href="https://rus.azattyq.org/a/32425166.html">berichtete die turkmenische Redaktion von Radio Free Europe/Radio Liberty, Azatlyk</a>. <em>„Sie sind für Turkmeninnen unangemessen gekleidet. Sehen Sie sich ihre Kleider an, ihre Brüste sind zur Schau gestellt“</em>, zitierten Zeug:innen des Vorfalls die Worte der Polizisten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im selben Jahr <a href="https://rus.azattyq.org/a/32145480.html">berichtete Azatlyk</a>, dass Frauen wegen ihrer vergrößerten Lippen und verlängerten Wimpern nicht zu internationalen Flügen zugelassen wurden. Mitarbeitende der Flughäfen behaupteten, dass Gesichtserkennungsprogramme sie aufgrund ihres <em>„verzerrten Aussehens nicht erkennen“</em> würden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als Reaktion auf die internationale Kritik an dem faktischen Verbot kosmetischer Eingriffe erklärte der Abgeordnete Serdar Arazow, dass die Verbote <em>„auf hygienischen Normen beruhen“ </em>und <em>„in keiner Weise mit einer Einschränkung der Rechte von Frauen zusammenhängen“</em>. <em>„Ich glaube, Sie wurden falsch über das Aussehen von Frauen informiert. Wir haben diese Frage unter medizinischen Gesichtspunkten betrachtet. Es wurde eine umfassende Analyse durchgeführt, bei der Aspekte wie mangelnde Hygiene und illegale Arbeit im Bereich der Kosmetik festgestellt wurden“</em>, erklärte Arazow damals.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Unterdessen führen Polizisten Kontrollen auf den Straßen durch und kontrollieren Frauen mit <em>„übermäßigem Make-up”</em> und <em>„unangemessener Kleidung”</em>. Verstöße gegen die <em>„Grundsätze des Türkme</em>n<em>çilik“</em> (eine nicht offiziell definierte Verhaltensnorm, mit deren Hilfe die Behörden Turkmenistans das Aussehen, den Lebensstil und sogar die privaten Gewohnheiten der Bürger:innen kontrollieren und dies mit dem Schutz der<em> „nationalen Identität und Moral“</em> rechtfertigen) werden mit Geldstrafen und dem Verlust des Arbeitsplatzes geahndet. Berichten zufolge haben Dutzende von Frauen ihren Arbeitsplatz bei der nationalen Fluggesellschaft und den Eisenbahnbehörden verloren, angeblich weil sie sich die Lippen vergrößern oder Brustimplantate einsetzen ließen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Gesetzgebung Turkmenistans enthält keine Liste von Kleidung, die für turkmenische Frauen <em>„angemessen” </em>oder <em>„unangemessen” </em>ist und es gibt auch keine bestimmten Regeln für ihr Verhalten in der Öffentlichkeit. Trotzdem verschärfen die Behörden unter dem Vorwand der Aufrechterhaltung der sogenannten <em>„Türkmençilik”</em> von Zeit zu Zeit die bereits jetzt restriktiven Maßnahmen.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><em>„Wie man Frauen unter dem Deckmantel der moralischen Sorge kontrolliert“</em></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Rhetorik der Behörden sowohl in Tadschikistan als auch in Turkmenistan verweist auf den Schutz von Traditionen und Moral, aber dient im Wesentlichen dazu, Frauen zu kontrollieren und die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit abzulenken.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Wenn die Regierung oder religiöse Führer über Botox und Kleidung diskutieren, weichen sie Gesprächen über Arbeitslosigkeit, Korruption und Inflation aus. Das ist eine bewährte Taktik“</em>, meint Anora Sadyqowa, Soziologin aus Duschanbe. <em>„Unter dem Vorwand, die Kultur des Staates zu schützen, konstruieren sie die <em>‚</em>ideale Frau&#8216; – gehorsam, bescheiden und ohne Mitspracherecht.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine ähnliche Meinung vertritt eine Gender-Aktivistin aus Duschanbe, die anonym bleiben möchte. Ihrer Meinung nach wird in einer Gesellschaft, in der reale sozioökonomische Probleme ungelöst bleiben, die Kontrolle über das Verhalten und das Aussehen von Frauen zu einem bequemen Instrument, um von den tatsächlichen Problemen abzulenken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Darüber hinaus werfe diese gängige Praxis Fragen zu Doppelmoral und Ungleichheit zwischen Männern und Frauen in Bezug auf das Aussehen auf: <em>„Warum richtet sich die Aufmerksamkeit immer nur auf Frauen?“</em>, fragt sie. <em>„Gewisse Männer, darunter gerade jene, die in staatlichen Behörden arbeiten, pflegen sich ebenfalls: Sie lassen sich die Nägel machen, färben graue Haare, bekämpfen Haarausfall und lassen sich Haare transplantieren. Aber niemand verurteilt sie dafür. Warum wird ihnen nicht empfohlen, traditionsgemäß <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Tschapan">Tschapan</a> und Turban zu tragen? Das ist doch auch Teil der nationalen Kultur! Nein, sie tragen Anzüge mit Krawatten, die den Tadschiken  ‚fremd&#8216; sind. Und wenn es um das Aussehen von Frauen geht, fallen sofort Begriffe wie  ‚Sünde&#8216;,  ‚Schande&#8216; oder  ‚fremde Kultur&#8216;. Das ist eine Möglichkeit, Frauen unter dem Deckmantel der Sittenwahrung zu kontrollieren.&#8220;</em></p>



<h2 class="wp-block-heading">Verteidigung von „Traditionen“ als regionaler Trend</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Elemente einer solchen Kontrolle lassen sich auch in anderen Ländern Zentralasiens beobachten. In Kasachstan, Kirgistan und Usbekistan wird keine offene Kritik an kosmetischen Eingriffen geäußert, aber unter dem Vorwand der Bewahrung von <em>„Traditionen“</em> werden zunehmend Beschränkungen hinsichtlich der Kleidung und des Aussehens von Frauen eingeführt. Aus Angst vor einem zunehmenden Einfluss des Islam nutzen säkulare Regierungen häufig das Thema des Aussehens der Bürgerinnen als Instrument der sozialen und ideologischen Kontrolle.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im August 2025 wurde in <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Namangan">Namangan</a> im Osten Usbekistans den Ehefrauen islamischer Geistlicher vorgeschrieben, <a href="https://rus.azattyq.org/a/zhyonam-uzbekskih-imamov-veleli-snyat-hidzhaby-i-nosit-platki-po-mestnym-traditsiyam/33510996.html">Kopftücher nach lokaler Sitte zu tragen</a> – sie hinter dem Kopf zu verknoten und nicht nach arabischem Vorbild. Das Verbot des <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Niqab">Niqab</a> (ein langes muslimisches Gewand, das den Körper, die Haare und das Gesicht bedeckt, nur die Augen bleiben frei) wurde in Usbekistan bereits 2023 eingeführt: Die Maßnahme wurde mit der Notwendigkeit begründet, die öffentliche Ordnung und die Arbeit des Videoüberwachungssystems zu gewährleisten. Bei Verstößen droht eine Geldstrafe von 350 bis 700 Euro.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Sommer 2025 <a href="https://rus.azattyq.org/a/v-kazahstane-zapretili-zakryvayuschuyu-litso-odezhdu-s-chem-svyazano-tabu-i-ne-narushaet-li-ono-svobodu-religii-/33461827.html">unterzeichnete</a> der Präsident Kasachstans <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Qassym-Schomart_Toqajew">Qasym-Jomart Toqaev</a> ein Gesetz, das das Tragen von Kleidung, die das Gesicht bedeckt, in der Öffentlichkeit verbietet. Damit wurde der Niqab verboten. Auf dem nationalen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kurultai">Kurultaı</a> in <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Atyrau">Atyrau</a> im März betonte er: <em>„Anstatt sich in schwarze Gewänder zu hüllen, die das Gesicht verhüllen, ist es viel besser, Kleidung im nationalen Stil zu tragen. Sie ist harmonisch und sieht besonders bei Frauen schön aus.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Im benachbarten Kirgistan trat das Niqab-Verbot im Januar 2025 <a href="https://rus.azattyq.org/a/v-kyrgyzstane-zapreschayut-parandzhu-kritiki-preduprezhdayut-chto-eto-mozhet-privesti-k-otchuzhdeniyu-nekotoryh-zhenschin/33295488.html">in Kraft</a>. Ausnahmen gelten nur für Kleidung, die mit der Arbeit oder medizinischen Indikationen zusammenhängt. Zuwiderhandlungen werden mit einer Geldstrafe von ca. 200 Euro geahndet. Die Abgeordneten des Parlaments <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Dschogorku_Kengesch">Dschogorku Kengesch</a> begründeten das Verbot mit Sicherheitsaspekten, damit die Gesichter der Menschen zur Identifizierung sichtbar seien. Kritiker:innen wiesen jedoch darauf hin, dass dies die Freiheit der Kleiderwahl <a href="https://rus.azattyq.org/a/v-kyrgyzstane-zapreschayut-parandzhu-kritiki-preduprezhdayut-chto-eto-mozhet-privesti-k-otchuzhdeniyu-nekotoryh-zhenschin/33295488.html">einschränkt</a>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kirgistan ist damit das einzige Land in der Region, in dem das Tragen des Hidschabs in Schulen und Büros erlaubt ist. In Kasachstan, Tadschikistan und Usbekistan hingegen ist der Hidschab in Bildungseinrichtungen, staatlichen Einrichtungen und Regierungsgebäuden verboten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In Berichten der internationalen Organisationen <a href="https://www.hrw.org/ru/world-report/2025/country-chapters/tajikistan?utm_source=chatgpt.com">Human Rights Watch</a>, <a href="https://www.amnesty.org/en/location/europe-and-central-asia/eastern-europe-and-central-asia/turkmenistan/report-turkmenistan/?utm_source=chatgpt.com">Amnesty International</a> und der <a href="//www.uscirf.gov/sites/default/files/Tajikistan.pdf?utm_source=chatgpt.com">US-Kommission für internationale Religionsfreiheit (USCIRF)</a> wird schließlich festgehalten, dass die Behörden Zentralasiens unter dem Vorwand der Bekämpfung des Extremismus die Kontrolle über das Aussehen, das Verhalten und die religiösen Praktiken der Bürger:innen verstärken.</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Radio Azattyq</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem <a href="https://rus.azattyq.org/a/greh-styd-chuzhdaya-kultura-kto-i-pochemu-v-tsentralnoy-azii-reshaet-kak-nuzhno-vyglyadet-zhenschinam/33582084.html">Russischen</a> von Michèle Häfliger</strong></p>
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		<title>„Mit 17 Jahren zwei Fehlgeburten und eine Scheidung“: Wie frühe Heirat das Leben von Mädchen in Zentralasien zerstören kann</title>
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		<dc:creator><![CDATA[rferl]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 09 Jul 2025 18:38:55 +0000</pubDate>
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<p class="wp-block-paragraph">Vor zwei Jahren hat Nigora aufgehört, zur Schule zu gehen. Weil sie verheiratet wurde. Sie war 17 Jahre alt. Ähnlich sieht das Schicksal Tausender Mädchen in Zentralasien aus: Anstelle von Schulprüfungen erwartet sie „Nikah“ (religiöse Trauung), anstelle einer höheren und manchmal sogar mittleren Bildung schwere Hausarbeit. Ihre Familien begründen die frühe Verheiratung ihrer Töchter mit dem Wunsch, Traditionen zu wahren und die „Ehre“ zu bewahren. Sehr oft verbergen sich dahinter zerbrochene Schicksale und sogar Menschenrechtsverletzungen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Sie haben mich verheiratet. Und sie haben mich nichts gefragt.“</em> &#8211; Die zierliche Nigora, die wie ein Teenager aussieht, ist jetzt 19 Jahre alt. Sie ist bereits geschieden und lebt wieder im Haus ihrer Eltern. In demselben Zimmer, in dem sie einst davon träumte, Ärztin zu werden. Nigora sagt, man erinnere sie hier oft daran, dass sie überflüssig sei.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Ich bin die Älteste in der Familie. Meine Mutter starb, als ich 15 war. Es war noch kein Jahr vergangen, da begann mein Vater mit Verwandten über meine Heirat zu sprechen. Sie sagten, es sei besser, mich früh zu verheiraten, bevor „Probleme“ aufträten“</em>, erinnert sich Nigora.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bald stellte sich heraus, dass sie mit einem entfernten Verwandten ihres Vaters, dem 25-jährigen Komil, verheiratet werden sollte. Der arbeietete auf einer Baustelle in Russland. Niemand fragte Nigora nach ihrer Zustimmung.</p>



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<p class="wp-block-paragraph"><em>„Damals war ich gerade 17 geworden und hatte die 10. Klasse abgeschlossen. Komil kam aus Russland zurück und das war&#8217;s, sie haben mich verheiratet. Sie haben mich nicht gefragt. Es gab keine Hochzeit, nur eine bescheidene Nikah-Zeremonie und ein paar Gäste“</em>, erzählt sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Leben im Haus ihres Mannes, mit seinen Eltern, Brüdern und Schwägerinnen, war gefüllt mit schwerer Arbeit: <em>„Früh morgens fegte ich den Hof, melkte die Kuh, säuberte den Stall, buk Fladenbrot und bereitete das Frühstück für alle zu. Wäsche waschen, Geschirr spülen, dann Mittagessen, dann Abendessen. Und so jeden Tag. Ich hatte keine Minute Ruhe. Als ich schwanger wurde, fuhr mein Mann wieder nach Russland. Einmal versuchte meine Schwägerin zu helfen, aber meine Schwiegermutter wies sie sofort zurecht: „Wozu ist die Schwiegertochter im Haus?“ Ich war moralisch und körperlich erschöpft. Bald darauf kam es zu einer Fehlgeburt.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Einige Monate vergingen, Komil kam zurück und Nigora wurde wieder schwanger. Sie hatte eine zweite Fehlgeburt. Die Verwandten meines Mannes beschuldigten sie, dass sie <em>„keine Kinder bekommen kann“</em>, und bestanden auf einer Scheidung. Komil sprach dreimal das Wort „Talak“ aus, was in der muslimischen Tradition die Auflösung der Ehe bedeutet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nigora kehrte in das Haus ihres Vaters zurück. <em>„Ich fühle mich von niemandem gebraucht. Ich habe keine Ausbildung, kein Geld und weiß nicht, wie weiter“</em>, sagt sie.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Von Brautraub und Frühehe</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Asel (Name geändert), eine 17-jährige junge Frau aus der Region <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Dschalal-Abad">Dschalal-Abad</a> in Kirgistan, erinnert sich noch immer mit Bitterkeit an den Tag, der ihr Leben auf den Kopf stellte. Sie war 16 Jahre alt, ging in die 9. Klasse und plante, sich an einer Kunsthochschule zu bewerben.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Ilschat ist neun Jahre älter als ich. Er schrieb mir, rief mich an, wir unterhielten uns ein wenig. Und dann kam er eines Tages mit Freunden vorbei, als ich zum Laden ging, und entführte mich einfach. Er brachte mich nach Hause, wo seine Verwandten bereits auf mich warteten. Am nächsten Tag riefen sie meine Eltern an, die kamen, mich aber nicht mitnahmen. Sie sagten, ich sei nun Ilschats Frau, das sei eine kirgisische Tradition [genannt „Ala Katschuu“, Entführung von Mädchen zum Zweck der Zwangsheirat, Anm. d. Red.]. Mein Vater hatte seinerzeit meine Mutter auf die gleiche Weise geheiratet. Es wurde eine religiöse Trauung abgehalten, und meine Eltern fuhren wieder weg“</em>, erzählt Asel.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So wurde Asel eine „Kelin“ [junge Schwiegertochter in den Ländern Zentralasiens, Anm. d. Red.]. Sie musste die Schule abbrechen und ihre Träume von einer Karriere als Künstlerin begraben.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Ich liebe es zu malen. Das war mein Ein und Alles. Jetzt weiß ich gar nicht mehr, wann ich das letzte Mal einen Pinsel in der Hand hatte. Ich möchte meine Gefühle zum Ausdruck bringen, aber mir fehlt die Zeit und die Kraft dazu“</em>, meint sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vor kurzem kam ihr Kind als Frühgeburt zur Welt: <em>„Wegen des Stresses habe ich keine Milch. Das Geld reicht gerade mal für Babynahrung. Mein Mann ist derzeit arbeitslos, wir leben bei seinen Eltern. Manchmal helfen mir meine Verwandten.“</em> Auf Fragen zu ihrer Beziehung zu ihrem Mann wollte sie nicht antworten.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Gesetzeslücken bei der Legalisierung früher Ehen</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Nach Angaben der internationalen Menschenrechtsorganisation Equality Now machen Frühehen beziehungsweise &#8222;Kinderehen&#8220; (von Personen unter 18 Jahren geschlossen) in Kirgistan etwa 13 Prozent aller Ehen aus. In Tadschikistan sind es 9 Prozent und in Usbekistan 3,4 Prozent, in den konservativeren Regionen des Landes jedoch bis zu 11 Prozent.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Darjana Grjasnowa, Rechtsberaterin bei Equality Now und Mitautorin des Berichts „Barrieren überwinden: Die Lösung des Problems der Kinder-, Früh- und Zwangsehen in Eurasien“, erklärt, dass es für die Legalisierung solcher Ehen Gesetzeslücken gibt. <em>„Die Gesetze Kirgistans, Tadschikistans und Usbekistans erlauben es, das Heiratsalter auf 17 Jahre zu senken. Dies steht in direktem Widerspruch zu internationalen Standards, vor allem zur Konvention über die Rechte des Kindes und den Empfehlungen des Ausschusses für die Beseitigung der Diskriminierung der Frau“</em>, so Grjasnowa.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In Tadschikistan erfolgt die Herabsetzung des Heiratsalters laut der Genderforscherin und nationalen Expertin Diana Ismailowa meist mit Zustimmung des Gerichts. Eine Analyse der Rechtsprechung aus den Jahren 2017 bis 2018, die über 500 Fälle umfasst, ergab, dass Richter in 82 Prozent der Fälle ihre Entscheidung mit der schwierigen finanziellen Lage der Familie des Mädchens begründeten. In fast der Hälfte der Fälle wurde <em>„die gegenseitige Liebe des Paares“</em> als Grund angegeben.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/usbekistan/gebunden-durch-tradition-das-stille-leiden-der-schwiegertoechter-in-usbekistan/">Gebunden durch Tradition: Das stille Leiden der Schwiegertöchter in Usbekistan</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Laut Ismailowa gab es auch <em>„absurde Begründungen”</em>: <em>„Es gab Fälle, in denen Gerichte eine Entscheidung nur deshalb trafen, weil die Kosten für die Hochzeit bereits angefallen waren und im Standesamt plötzlich festgestellt wurde, dass die Braut noch nicht 18 Jahre alt war. Solche Fälle machen nur 3 Prozent aus, aber allein die Tatsache, dass es sie gibt, sagt viel über die Herangehensweise aus”</em>, schildert Ismailowa.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie betont, dass geschlechtsspezifische Aspekte in der Praxis der Gerichte praktisch nicht berücksichtigt werden: <em>„Die Gerichte achten selten auf die Rechte der Heiratswilligen, insbesondere der Mädchen – wie die Freiwilligkeit der Ehe, die Interessen des Kindes, die Möglichkeit, selbstständig Entscheidungen zu treffen.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Juristin und Menschenrechtsaktivistin Larisa Aleksandrowa aus Tadschikistan verweist auf die offiziellen Daten zu registrierten Frühehen in diesem Land in den vergangenen Jahren – zwischen 0,8 und 1,02 Prozent.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Auf den ersten Blick scheinen die Zahlen gering zu sein und die Situation stabil. Aber das ist eine Illusion. Hinter den trockenen statistischen Daten verbirgt sich ein weitaus beunruhigenderes Bild – die Verbreitung informeller Ehen, die nach religiösen Bräuchen ohne staatliche Registrierung geschlossen werden“</em>, betont Aleksandrowa.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Obwohl &#8222;Nikah&#8220; keine Rechtskraft habe, beginne eine Vielzahl von frühen, erzwungenen und polygamen Verbindungen mit ihr.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Das Gesetz „Über die Regelung von Feierlichkeiten und Zeremonien“ regelt nur den Ablauf der Trauung, die maximale Anzahl der Gäste bei der Hochzeit und die Dauer der Hochzeit selbst, verlangt aber nicht, dass der Mullah von den Brautleuten eine Heiratsurkunde verlangt, bevor er die Nikah-Zeremonie durchführen darf. Und es ist keine Verantwortung des Mullahs vorgesehen, dass er die Nikah-Zeremonie mit Minderjährigen ohne Überprüfung der offiziellen Dokumente durchführen kann“</em>, sagt die Juristin.</p>



<h2 class="wp-block-heading">&#8222;Ein Teufelskreis der Angst, Isolation und Gewalt&#8220;</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt viele Gründe, warum Familien weiterhin nicht volljährige Mädchen verheiraten. Wie Darjana Grjasnowa erklärt, ist wirtschaftliche Instabilität nach wie vor einer der Hauptgründe. Angesichts finanzieller Probleme sehen Familien eine frühe Heirat manchmal als Möglichkeit, die Belastung durch ein weiteres Familienmitglied zu verringern, Kosten zu senken, sogar ihren sozialen Status durch eine „gute Partie“ oder ihre finanzielle Situation durch eine Mitgift zu verbessern.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Besonders gefährdet sind Mädchen. Der fehlende Zugang zu Bildung beraubt sie ihrer Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung und erhöht das Risiko einer frühen Heirat. Dies führt zu einem Teufelskreis: Der Mangel an Bildung schränkt die Fähigkeit der Mädchen ein, für ihre Rechte einzutreten, verstärkt ihre Abhängigkeit von familiären und sozialen Erwartungen und macht eine frühe Heirat zu einem wahrscheinlichsten Ausgang“</em>, sagt sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es geht nicht nur um Geld; die Beweggründe von Familien seien oft tiefgreifender und widersprüchlicher. Laut Gulnora Beknasarowa, Direktorin des Zentrums für soziologische Forschung „Serkalo“ in Duschanbe, sind an solchen Entscheidungen selten nur die Eltern beteiligt: Es handelt sich um eine kollektive Diskussion, bei der Großeltern, Tanten, Onkel und sogar Nachbarn mitreden. Alles wird berücksichtigt: der Status der Familie, die Meinungen der Umgebung, die unausgesprochenen Erwartungen der Gemeinschaft, der Druck der „sozialen Uhr“ – die Überzeugung, dass man „rechtzeitig“ heiraten muss, sonst ist der Ruf gefährdet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und weiter meint Beknasarowa: <em>&#8222;Eltern fürchten die Verurteilung, wenn ihre Tochter unverheiratet bleibt. In der Gesellschaft kann man hören: „Sie ist schon 20 – sie ist alt.“ Das ist ein schreckliches Stigma, und obwohl es nicht immer laut ausgesprochen wird, beeinflusst es weiterhin das Schicksal der Menschen. In einer traditionellen Gesellschaft sind Normen und Bräuche oft wichtiger als Logik. Es werden keine kausalen Zusammenhänge zwischen einer frühen Heirat und beispielsweise einer Beeinträchtigung der reproduktiven Gesundheit, mangelnder Bildung oder der Unfähigkeit, sich im Falle einer Scheidung selbst zu versorgen, hergestellt. Es ist einfach so üblich, so „muss es sein.“&#8220;</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/tadschikistan/geschichte-zwei-wie-schwangere-frauen-in-tadschikistan-diskriminiert-werden/">Wie schwangere Frauen in Tadschikistan diskriminiert werden</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Menschenrechtsaktivistin Larisa Aleksandrowa weist darauf hin, dass frühe Ehen oft als Mittel eingesetzt werden, um Mädchen zu einem erwarteten Verhalten zu „zwingen”: <em>„Die Eltern befürchten, dass ihre Tochter „vom rechten Weg abkommt“ und die Familie in Verruf bringt – insbesondere in ländlichen Gebieten, wo das Risiko einer außerehelichen Schwangerschaft als direkte Bedrohung der Familienehre angesehen wird. Unter solchen Umständen wird eine frühe Heirat als „Schutzmaßnahme“ dargestellt, obwohl sie in Wirklichkeit die Freiheit und Rechte des Mädchens einschränkt.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch der emotionale Faktor spielt eine Rolle, insbesondere bei älteren Familienmitgliedern. Wie Aleksandrowa sagt, ist der Wunsch, die Enkelin noch zu Lebzeiten zu verheiraten, manchmal ausschlaggebend: <em>„Für viele Großeltern ist die Hochzeit ein Symbol für die Erfüllung ihrer Lebensaufgabe. Das Mädchen ist vielleicht noch nicht bereit, aber die Meinung der Älteren ist wichtiger als ihr eigener Wunsch.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Unabhängig von den Motiven – wirtschaftlichen, kulturellen oder persönlichen – bleibt eine frühe und erzwungene Heirat eine Form geschlechtsspezifischer Gewalt. Sie nimmt Mädchen das Recht auf Selbstbestimmung, körperliche Autonomie und die Freiheit, sie selbst zu sein, sagt Darja Grjasnowa: <em>„Für viele ist dies nicht der Beginn eines neuen Lebens, sondern der Eintritt in einen Teufelskreis der Angst, Isolation und Gewalt, aus dem es sehr schwer ist, wieder herauszukommen.“</em></p>



<h2 class="wp-block-heading">Frühe Heirat: eine Gefahr für Gesundheit, Psyche und Zukunft</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Mädchen, die in jungen Jahren heiraten, sehen sich oft mit schwerwiegenden körperlichen Folgen konfrontiert, die mit der Unreife ihres Körpers für eine Schwangerschaft zusammenhängen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit diesen Problemen ist Tahmina Saidowa täglich konfrontiert – sie ist Gynäkologin und Leiterin der gemeinnützigen Stiftung „Öffentliche Gesundheit und Menschenrechte“ in Duschanbe.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Der Zusammenhang zwischen frühen Ehen, frühen Schwangerschaften und schweren medizinischen Komplikationen ist unbestreitbar und gibt der medizinischen Fachwelt Anlass zu großer Sorge“</em>, sagt sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihr zufolge haben Mädchen im Alter von 15 bis 19 Jahren ein doppelt so hohes Risiko, während der Schwangerschaft oder Geburt zu sterben, als Frauen über 20 Jahren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Gründe dafür können vielfältig sein – starke Blutungen, Infektionen, Komplikationen nach unsicheren Abtreibungen. Der Körper einer Teenagerin ist nicht immer gänzlich bereit für eine Geburt: Beispielsweise kann es aufgrund eines schmalen Beckens zu einer schweren Geburt kommen, die oft mit Verletzungen, Behinderungen oder sogar dem Tod der Mutter und des Kindes endet. In einigen Fällen bleiben die Folgen ein Leben lang bestehen – von Rissen bis hin zur Bildung von Fisteln, die nicht nur die Gesundheit beeinträchtigen, sondern dem Mädchen auch ein normales Leben unmöglich machen“, schildert Saidowa.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei jungen Frauen unter 20 kommen häufiger Frühgeborene und untergewichtige Babys zur Welt, was ebenfalls das Risiko der Säuglingssterblichkeit erhöht.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/miss-world-2025-vertreterin-kirgistans-prangert-gewalt-gegen-frauen-an/">Miss World 2025: Vertreterin Kirgistans prangert Gewalt gegen Frauen an</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Nicht weniger verheerend sind die Auswirkungen früher Ehen auf die Psyche. <em>„Frühehen gehen oft mit Gewalt, Isolation und dem Verlust des Zugangs zu Bildung einher. All dies kann zu Depressionen, Angststörungen und sogar zu posttraumatischem Stress führen“</em>, sagt die Ärztin.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch die Gefahr von Infektionen muss gesondert erwähnt werden. <em>„Aufgrund fehlender Sexualaufklärung und mangelnden Zugangs zu Verhütungsmitteln können sich junge Mädchen nicht vor HIV und anderen sexuell übertragbaren Infektionen schützen. Meistens haben sie keine Möglichkeit, auf ungeschützten Sex zu verzichten oder rechtzeitig medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen“</em>, betont Tahmina Saidowa.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Laut der Menschenrechtsaktivistin Diana Ismailowa ist eine weitere schmerzhafte Folge der Frühehe die vollständige wirtschaftliche Abhängigkeit der Mädchen.<em> „In der Regel haben sie keine Zeit, einen Beruf zu erlernen und die für den Eintritt in den Arbeitsmarkt erforderlichen Fähigkeiten zu erwerben. Die Ausbildung wird aufgeschoben und findet oft gar nicht statt. Was passiert, wenn diese Verbindung zerbricht? Die Frau ist dann schutzlos“</em>, sagt die Expertin.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Wie kann die Praxis der Frühehen gestoppt werden?</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Laut Suhaili Kodiri, Leiter der Abteilung für den staatlichen Schutz der Rechte von Kindern im Büro des Ombudsmanns in Tadschikistan, werden derzeit konkrete Schritte zur Bekämpfung von Frühehen unternommen: Es wird diskutiert, die Norm aus dem Familiengesetzbuch zu streichen, die eine Senkung des Heiratsalters auf 17 Jahre erlaubt.<em> „Viele staatliche Stellen haben diese Initiative bereits unterstützt“</em>, betont er.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In Kirgistan wurde im Mai dieses Jahres ein Entwurf für ein neues Familiengesetzbuch <a href="https://24.kg/obschestvo/329082_proekt_novogo_semeynogo_kodeksa_vkr_isklyuchaet_rannie_braki/">ausgearbeitet</a>, das Ehen unter 18 Jahren vollständig verbietet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Allerdings reichen legislative und strafrechtliche Maßnahmen allein nicht aus, betont Darjana Grjasnowa, Rechtsberaterin bei der Organisation Equality Now. Ihrer Meinung nach liegen die Wurzeln des Problems tiefer: <em>„Die Praxis der Frühehen entsteht auf dem Boden von Geschlechterdiskriminierung, Armut und gesellschaftlichem Druck. Es handelt sich nicht nur um eine rechtliche, sondern auch um eine kulturelle und soziale Frage.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Deshalb müsse man an mehreren Fronten dagegen vorgehen: die Gesetzgebung verschärfen und streng anwenden, Familien und Jugendliche über die Risiken einer frühen Heirat aufklären, die wirtschaftlichen Möglichkeiten für Mädchen und ihre Familien erweitern, den Betroffenen umfassende Hilfe leisten und vor allem die Gemeinschaften aktiv in die Neudefinition von Normen und Traditionen einbeziehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diana Ismailowa, nationale Gender-Expertin aus Duschanbe, betont, dass dies nicht nur eine Angelegenheit für Gerichte oder Standesämter ist.<em> „Der Kampf gegen Frühehen betrifft alle: von Ministerien bis hin zu lokalen Meinungsführenden. Stellen Sie sich vor, im Abendprogramm würden im Fernsehen reale Geschichten von Mädchen gezeigt, die unter einer frühen Heirat gelitten haben. Die Medien prägen das Denken von Millionen“</em>, sagt sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/mit-15-verheiratet-und-schwanger-kinderbraute-aus-kirgistan-erzahlen-ihre-geschichten/">Mit 15 verheiratet und schwanger – Kinderbräute aus Kirgistan erzählen ihre Geschichten</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Expertin schlägt sogar vor, das Verteidigungsministerium einzuschalten. <em>„Jungs heiraten oft schnell nach ihrem Militärdienst. Warum sollte man ihnen dort, bevor sie in ihr Heimatdorf zurückkehren, nicht Kurse über Familienkompetenz und die Rechte von Männern und Frauen anbieten? Das könnte die Grundlage für gesunde Beziehungen und verantwortungsvolle Entscheidungen schaffen“</em>, meint sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die 19-jährige Nigora aus Duschanbe, die zwei Fehlgeburten und eine Scheidung hinter sich hat, spricht das Problem ganz einfach an: <em>„Lernt, träumt. Beeilt euch nicht. Heiratet nur, wenn ihr es selbst wollt und bereit dafür seid. Es ist euer Leben. Und es sollte mit eurer Zustimmung beginnen.“</em></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Nargiz Chamrabajewa für Radio Azattyk</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem <a href="https://rus.azattyq.org/a/v-17-dva-vykidysha-i-razvod-kak-rannie-braki-lomayut-sudby-devochek-v-tsentralnoy-azii/33461019.html">Russische</a><a href="https://fergana.news/articles/138365/">n</a> von Michèle Häfliger</strong></p>



<p class="has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/">Linkedin</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</strong></em></p>
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		<title>Selbstmorde und Morde an Frauen nehmen zu, wenn der Staat bei häuslicher Gewalt wegschaut</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Asia Plus]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 18 Jun 2024 22:52:53 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Frauenrechte]]></category>
		<category><![CDATA[Gender]]></category>
		<category><![CDATA[Gewalt]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Der ehemalige kasachische Wirtschaftsminister Kuandyk Bischimbajev wurde vor wenigen Tagen in Astana zu einer 24-j&#xE4;hrigen Gef&#xE4;ngnisstrafe verurteilt. Er soll seine Frau Saltanat Nukenova gefoltert und besonders grausam ermordet haben. Dieser Fall war nicht nur deshalb von Bedeutung, weil ein ehemaliger Beamter &#x2013; ein Mann mit viel Macht &#x2013; vor Gericht stand, sondern weil es kein [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph">Der ehemalige kasachische Wirtschaftsminister Kuandyk Bischimbajev wurde vor wenigen Tagen in Astana zu einer 24-jährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Er soll seine Frau Saltanat Nukenova gefoltert und besonders grausam ermordet haben. Dieser Fall war nicht nur deshalb von Bedeutung, weil ein ehemaliger Beamter &#8211; ein Mann mit viel Macht &#8211; vor Gericht stand, sondern weil es kein Einzelfall ist: Die Statistiken über Gewalt an Frauen in allen zentralasiatischen Ländern sind erschreckend.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Seine Liebe hinderte ihn nicht, sie zu töten</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Bischimbajev gab zu, dass er am Tod seiner Frau beteiligt war, bestritt jedoch die Foltervorwürfe und, dass es sich um einen brutalen und vorsätzlichen Mord gehandelt habe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihm zufolge hatte seine Frau an jenem Abend zu viel Alkohol getrunken und dadurch den Konflikt und seine aggressive Reaktion „provoziert“. Dies hätte ihn dazu veranlasst, sie zu schlagen, wenngleich er nicht gewusst hätte, dass sie sterben würde.</p>



<figure class="wp-block-image size-full"><img fetchpriority="high" decoding="async" width="924" height="600" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/06/Die-ermordete-Saltanat-Nukenova-und-ihr-Ehemann-Kuandyk-Bishimbayev-1.jpg" alt="" class="wp-image-39574" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/06/Die-ermordete-Saltanat-Nukenova-und-ihr-Ehemann-Kuandyk-Bishimbayev-1.jpg 924w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/06/Die-ermordete-Saltanat-Nukenova-und-ihr-Ehemann-Kuandyk-Bishimbayev-1-300x195.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/06/Die-ermordete-Saltanat-Nukenova-und-ihr-Ehemann-Kuandyk-Bishimbayev-1-768x499.jpg 768w" sizes="(max-width: 924px) 100vw, 924px" /><figcaption class="wp-element-caption">Die ermordete Saltanat Nukenova und ihr Ehemann Kuandyk Bishimbayev; Collage: Asia-Plus</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Die Äußerungen des ehemaligen Ministers zu seiner Verteidigung sorgten nicht nur in Kasachstan, sondern auch in anderen Ländern für Aufsehen und Empörung. Nutzer sozialer Medien und Netz-Psychologen, die Bischimbajevs Rede vor Gericht analysierten, wiesen darauf hin, dass er die Öffentlichkeit bewusst manipuliere und die Zuhörer indirekt zu dem Schluss geführt habe, Saltanat selbst sei an dem schuld, was ihr widerfahren sei.<br>Bischimbajev versicherte, dass die schweren Kopfverletzungen, die zum Tod seiner Frau führten, nicht durch seine Schläge verursacht wurden, da er ihre „lebenswichtigen Organe“ nicht getroffen habe. Nach Angaben des Angeklagten schlug Saltanat selbst gegen die Wände und den Fliesenboden und fiel mit dem Gesicht nach unten auf die Toilette.</p>



<p class="wp-block-paragraph">&#8222;Sie verlor das Gleichgewicht und taumelte in Richtung Toilettenschüssel. Sie schlug gegen die Wand, begann zu taumeln und flog gegen die Wand, stieß sich mit der Hand ab und fiel mit dem Gesicht voran auf die Toilettenschüssel. Es war ein lauter Aufprall, bumm, sie fiel, und ihr Gesicht kam mit Wucht auf der Toilette auf und sie fiel zu Boden&#8220;, sagte Bischimbajev vor Gericht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Ermittlungen ergaben derweil, dass sie nicht gestürzt sei, sondern erdrosselt wurde. Gleichzeitig wiederholt der Mann immer wieder, dass er seine Frau geliebt und sich um sie gekümmert habe.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">Die Staatsanwältin Aijan Aimaganova machte aus ihrer Fassungslosigkeit keinen Hehl: „Sie haben sie also geliebt? 6-8 Stunden vergingen nach den Schlägen bis zu ihrem Tod. Wo blieb ihr Notruf? Sie sagen in Ihrer Aussage, dass Sie eine Wahrsagerin angerufen hätten. Sie sagen selbst, dass sie nicht mehr aufstehen konnte. Warum konnten Sie nicht sofort den Krankenwagen rufen?&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Übertragungen der Gerichtsverhandlungen erreichten Hunderttausende von Zuschauern. In der ganzen Welt wurde das gerechte Urteil erwartet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Janna Urazbahova, die Anwältin des Opfers, die für ihre langjährige Erfahrung in der Verteidigung von Frauen, die Opfer häuslicher Gewalt geworden sind, bekannt ist, sagte in einem Interview, dass in jedem derartigen Fall, unabhängig vom sozialen Status und Ruhm der Familie, jedem sofort die Alarmglocken läuten sollten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">&#8222;Wenn so etwas in der Familie eines Ex-Ministers, einer einflussreichen Person, passiert, was soll man dann über normale Menschen ohne im Ausland erworbene Diplome und Hochschulbildung sagen. Leider rührt das aus langjährigen Traditionen, in denen die Frau als Objekt angesehen wird, und wenn sie heiratet, wird sie als wehrloses Objekt ihrem Mann als eine Art Accessoire&nbsp;übergeben&#8220;, betonte die Anwältin.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Erschreckende Statistiken</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">In Kasachstan ist dies der erste aufsehenerregende Fall von Gewalt in der Familie, der vor einem Schwurgericht verhandelt und live übertragen wird. Es ist jedoch bei weitem nicht der einzige Fall imLand.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach Angaben des <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Entwicklungsprogramm_der_Vereinten_Nationen">UNDP</a> wird jedes Jahr eine von sechs Frauen in Kasachstan von ihrem Partner misshandelt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Statistiken über Fälle von Gewalt gegen Frauen lassen in allen zentralasiatischen Ländern viel zu wünschen übrig. Hier sind nur einige schockierende Fälle aus jüngster Zeit.<br>Im Januar dieses Jahres (2024) hat ein Mann in Bischkek seine Lebensgefährtin vor den Augen ihres Kindes brutal ermordet.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/der-kampf-gegen-haeusliche-gewalt-in-kirgistan-gesetze-und-realitaet/">Der Kampf gegen häusliche Gewalt in Kirgistan: Gesetze und Realität</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Anfang April dieses Jahres erstach ein Mann im usbekischen Oblast <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Viloyat_Sirdaryo">Syrdarynsk</a> seine Frau und ihre Mutter wegen eines Familienstreits mit einem Küchenmesser. Im September letzten Jahres erstach ein Mann seine Ex-Frau aus Eifersucht im Bezirk <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Mastchoh_District">Matschinsk</a> in Tadschikistan.<br>In Usbekistan werden fast 90 Prozent der Fälle von Gewalt gegen Frauen innerhalb der Familie verübt.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/sexuelle-gewalt-in-usbekistan-milde-justiz-und-tragische-schicksale/">Sexuelle Gewalt in Usbekistan: Milde Justiz und tragische Schicksale</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">In Kirgisistan sind mehr als 95 Prozent der Opfer von Gewalt Frauen. In Tadschikistan ist jede fünfte Frau Opfer häuslicher Gewalt, und ein Drittel der Frauen wird gerade von ihren Ehemännern misshandelt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">&#8222;In einer demokratischen Gesellschaft sollte Gewalt gegen Frauen nicht als Bagatelldelikt betrachtet werden. Die Kriminalisierung häuslicher Gewalt auf gesetzlicher Ebene ist eine Notwendigkeit. Eine Gesellschaft, die die Unterdrückung von Frauen duldet, kann nicht als zivilisiert bezeichnet werden&#8220;, sagte Aschraf Azami, tadschikischer Gender-Aktivist und Journalist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Er kennt das Problem aus erster Hand: Seine Familie hat häusliche Gewalt am eigenen Leib erfahren &#8211; seine Schwester wurde von ihrem (inzwischen Ex-)Mann regelmäßig verprügelt. Als sie schwanger wurde und er weitermachte, lief sie davon. Die Polizei konnte der schwangeren Frau nicht anderweitig helfen, als mit dem Gewalttäter zu sprechen und eine Geldstrafe zu verhängen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">&#8222;Solange Schläge durch den Ehemann nicht als Straftat gelten, ist die Polizei machtlos. Es gibt keinerlei Schutzanordnungen oder Isolierung des Opfers, solange die Einzelheiten ungeklärt sind. Psychologische Anlaufstellen für die Angreifer sind rar. All das gibt es in 148 Ländern, die ein Gesetz zur Bekämpfung der häuslichen Gewalt verabschiedet haben. Darunter ist auch Kasachstan, aber wir nicht&#8220;, sagt der Journalist.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Die Wurzeln der Gewalt reichen bis in die Kindheit zurück</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Verabschiedung neuer Gesetze und die Einführung gesonderter Strafen für häusliche Gewalt werden dazu beitragen, Statistiken ans Licht zu bringen und möglicherweise zu einem besseren Umgang der Strafverfolgungsbehörden mit derartigen Fällen führen. Doch das reicht nicht aus, meint der tadschikische Blogger und Medienspezialist Rustam Gulow. Er plädiert dafür, näher mit den Betroffenen zusammenzuarbeiten und den Gang zum Psychologen zu enttabuisieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Insbesondere für diejenigen, die eine gewisse Neigung zu Gewalt haben, sollten Zugang zu einem Psychologen haben. Auf lange Sicht müsse auch Erziehung und Bildung miteinbezogen werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/hausliche-gewalt-in-kasachstan-ein-tabuthema-wird-angegangen/">Häusliche Gewalt in Kasachstan – ein Tabuthema wird angegangen</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">&#8222;In unserer Gesellschaft werden Kinder oft als Menschen zweiter Klasse behandelt. Da ist es nicht verwunderlich, wenn aus ihnen respektlose, gewalttätige Erwachsene werden&#8220;, so Gulow.</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img decoding="async" width="1024" height="665" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/06/Schuhe-1024x665.jpg" alt="" class="wp-image-39575" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/06/Schuhe-1024x665.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/06/Schuhe-300x195.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/06/Schuhe-768x499.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/06/Schuhe.jpg 1068w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Die türkische Künstlerin Vahit Tuna hat 440 Paar Frauenschuhe an der Wand eines Hauses angebracht, um an die Frauen zu erinnern, die 2018 durch häusliche Gewalt ums Leben gekommen sind. Foto: Reuters</figcaption></figure>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Ein totales Tabu für Gewalt</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Der Publizist Parwiz&nbsp;Jamalow ist überzeugt, dass es zur langfristigen Beseitigung geschlechtsspezifischer Gewalt nichts Wirksameres gibt als eine breit angelegte Informationskampagne, die keinen Teil der Gesellschaft außer Acht lässt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">&#8222;Ziel einer solchen mehrjährigen Kampagne sollte die völlige Ablehnung der männlichen Aggression gegen Frauen durch die Gesellschaft sein. Kurz: Allein der Gedanke, die Hand gegen eine Frau zu erheben, sollte mit den Worten &#8218;haram&#8216;, &#8218;Sünde&#8216;, &#8218;Schande&#8216;, gleichgesetzt werden&#8220;, sagt Parwiz.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Frauen müssten gleichermaßen einbezogen werden wie Männer betont er: „Schließlich ist es nicht ungewöhnlich, dass die Schwiegermutter, die einst das gleiche Trauma erlitten hat wie ihre Schwiegertochter, die die treibende Kraft ist oder auch selbst Gewalt ausübt, um nun für „Gerechtigkeit“ zu sorgen, sagt er.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/ein-leben-als-kelinka-bericht-ueber-einen-kasachischen-brauch/">Ein Leben als Kelinka – Bericht über einen kasachischen Brauch</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">&#8222;Im öffentlichen Bewusstsein muss systematisch daran gearbeitet werden, Stereotypen und Normen zu überwinden, die eine Kultur der Gewalt und der Herrschaft unterstützen. Dies kann durch Bildung und Aufklärung erreicht werden, einschließlich der obligatorischen Einführung von Geschlechtererziehung in Schulprogrammen, Medienkampagnen über die negativen Folgen von Gewalt, Unterstützung und Entwicklung von Geschlechtergleichstellung und Empathie&#8220;, erklärt der Gesprächspartner. Darüber hinaus hält es Parwiz Jamalow für wichtig, dass die Gesellschaft erkennt, dass Gewalt gegen Frauen nicht nur ein Problem des individuellen Verhaltens ist, sondern ein strukturelles Problem, das eine systemische Lösung und die Unterstützung aller Mitglieder der Gesellschaft erfordert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">&#8222;Wir lernen für den Führerschein, für den Schulabschluss, für einen Beruf. Warum beschäftigen wir uns nicht auf ähnliche Weise mit Erziehung und dem Eheleben?&#8220;, fordert der tadschikische Rechtsanwalt Faridun Machmudow.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nicht alle traditionellen Informationen über die Ehe, die Beziehungen zwischen Mann und Frau und die Kindererziehung seien für unsere Zeit relevant. Die meisten Konzepte haben sich längst in Stereotype verwandelt, und viele Menschen interpretieren Traditionen und Religion auf ihre Weise, um damit ihr Handeln und Verhalten zu rechtfertigen.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Ist das Eis gebrochen?</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Der Mord an Saltanat Nukenova hat das Problem der Gewalt gegen Frauen in der kasachischen Gesellschaft in den Vordergrund gerückt. Die Art und Weise, in der ihr Mann und ehemalige Beamte versuchten, sich der Verantwortung zu entziehen, trat eine Welle friedlicher Kundgebungen und Proteste in einer Reihe von Ländern los. Ihre Forderung: ein fairer Prozess und die Kriminalisierung häuslicher Gewalt in Kasachstan. Die Behörden reagierten darauf mit der Verabschiedung eines Gesetzentwurfs zur Stärkung der Rechte von Frauen und der Sicherheit von Kindern. Das Gesetz zur Kriminalisierung häuslicher Gewalt, das der kasachische Präsident am 15. April unterzeichnete, wurde „Saltanat-Gesetz“ genannt. Das erste Land in der Region, das häusliche Gewalt unter Strafe stellte, war Usbekistan. Dort hatte man das entsprechende Gesetz im März 2023 verabschiedet. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Die öffentliche Live-Übertragung des Prozesses um Saltanat schuf mehr Vertrauen in die Justiz. Eine Erfahrung aus der es zu lernen gilt.</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><a href="https://asiaplustj.info/ru">Asia Plus</a></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem <a href="https://asiaplustj.info/ru/news/centralasia/20240419/kak-zakrivaya-glaza-na-nasilie-v-seme-v-tsentralnoi-azii-mnozhat-suitsid-i-ubiistva-zhentshin">Russischen</a> von Arthur Siavash Klischat</strong></p>



<p class="has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/">Linkedin</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</strong></em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><a id="_msocom_1"></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">&nbsp;</p>
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		<item>
		<title>Der schwierige Kampf der LGBT+-Aktivist:innen in Kasachstan und Kirgistan</title>
		<link>https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/der-schwierige-kampf-der-lgbt-aktivistinnen-in-kasachstan-und-kirgistan/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[vschulmann]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 01 Mar 2022 17:36:36 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Kirgistan]]></category>
		<category><![CDATA[Gender]]></category>
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		<category><![CDATA[Menschenrechte]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die Situation der LGBT+-Gemeinschaft in Kirgistan und Kasachstan verschlechtert sich, berichten gemeinn&#xFC;tzige Organisationen, die sich vor Ort f&#xFC;r die Rechte von LGBT+-Menschen einsetzen. Auf dem kasachstanischen Nachrichtenportal Vlast berichten Aktivist:innen, mit welchen Schwierigkeiten sie zu k&#xE4;mpfen haben.Novastan hat den am 25. Mai 2021 ver&#xF6;ffentlichten Artikel mit freundlicher Genehmigung der Redaktion &#xFC;bersetzt. Vertreter:innen der LGBT+-Organisationen Kasachstans [&#x2026;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong>Die Situation der LGBT+-Gemeinschaft in Kirgistan und Kasachstan verschlechtert sich, berichten gemeinnützige Organisationen, die sich vor Ort für die Rechte von LGBT+-Menschen einsetzen. Auf dem kasachstanischen Nachrichtenportal <a href="https://vlast.kz/obsshestvo/45135-borba-silnee-straha.html">Vlast</a> berichten Aktivist:innen, mit welchen Schwierigkeiten sie zu kämpfen haben.</strong><strong>Novastan hat den am 25. Mai 2021 veröffentlichten Artikel mit freundlicher Genehmigung der Redaktion übersetzt.</strong>

Vertreter:innen der LGBT+-Organisationen Kasachstans und Kirgistans berichten, dass die sich Lage für die LGBT+-Gemeinschaft in den vergangenen Jahren deutlich verschlimmert habe. Sie vermerken nicht nur direkte Drohungen, sondern auch eine Verschlechterung der Atmosphäre in den Ländern. Dies werde sie jedoch nicht davon abhalten, sich weiterhin für Menschenrechte einzusetzen, wie sie während einer Panel-Diskussion in <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/kasachstans-hauptstadt-wird-in-nursultan-umbenannt/">Nur-Sultan</a>, der Hauptstadt Kasachstans, verkündeten. Organisiert wurde die Veranstaltung von der niederländischen Botschaft und anderen diplomatischen Vertreter:innen, um Homophobie, Biphobie und Transphobie zu bekämpfen.

</p>


<p style="background-color: #d4d4d4;"><span style="color: #000000;">Novastan ist das einzige deutschsprachige Nachrichtenmagazin über Zentralasien. Wir arbeiten auf Vereinsgrundlage und <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/werde-unser-mitglied-werde-novastan/"><strong>Dank eurer Teilnahme</strong></a>. Wir sind <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/unser-projekt/">unabhängig</a> und wollen es bleiben, dafür brauchen wir euch! Durch jede noch so kleine <strong><a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/spenden/">Spende</a></strong> helft ihr uns, weiter ein realitätsnahes Bild von Zentralasien zu vermitteln.</span></p>



<p class="wp-block-paragraph">

Die öffentliche Organisation <a href="https://indigo.kg/en">Kyrgys indigo</a> beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Problemen der LGBT+-Gemeinschaft in Kirgistan. Ihre Vertreter:innen berichten von einer deutlichen Verschlechterung der Menschenrechtssituation nach dem <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/sadyr-dschaparow-der-volksfluesterer/">Regierungswechsel im Herbst 2021</a>.

<strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kasachstan/wir-existieren-lgbt-jugendliche-in-kasachstan-13/"><strong>Wir existieren! LGBT-Jugendliche in Kasachstan (1/3)</strong></a>

„<em>Bei uns wurde die Verfassung vollständig umgeschrieben. Wie ein roter Faden durchzieht sie der Gedanke, dass die Verfassung alle moralischen, gesetzlichen und geistigen Werte Kirgistans reguliert. Alle gemeinnützigen Organisationen, welche die LGBT-Gemeinschaft und die feministische Bewegung repräsentieren, unterliegen einer Art Verbot, da wir nicht zu der moralischen und spirituellen Werten Kirgistans passen</em>“, merkt ein Vertreter der Organisation an.

</p>



<figure class="wp-block-image"><img decoding="async" src="https://novastan.org/fr/wp-content/uploads/sites/4/2021/12/Vlast-LGBT-1.jpg" alt="Militants LGBT Droits des femmes Féministes Kazakhstan Kirghizstan Almaty Marche" class="wp-image-52230"/></figure>



<p class="wp-block-paragraph">

Die Aktivistinnen Galzada Serjan, Janar Sekerbayeva und Tatiana Tschernobyl während des Frauenmarsches, Almaty, 2021.
</p>



<h5 class="wp-block-heading"><strong>Persönliche Daten von Aktivist:innen veröffentlicht</strong></h5>



<p class="wp-block-paragraph">
Ihm zufolge hatten die Strafverfolgungsbehörden die Aktivist:innen beobachtetet und deren persönliche Daten veröffentlicht. Dennoch setzen sie den Kampf für ihre Rechte fort.

„<em>Insgesamt gehen die Politik und Regierung in Kirgistan jetzt viel gegen Aktivist:innen und Blogger:innen mit abweichenden Meinungen vor. Solidarität im zivilen Bereich gibt es nicht mehr. Große Aktionen gibt es jetzt nicht. Wir haben </em>(nach der Veröffentlichung von Videos und persönlichen Daten, Anm. d. Vlast-Red.)<em> &nbsp;lange überlegt und sind zu der Erkenntnis gekommen, dass unser Kampf stärker ist als die Angst, und unsere Liebe stärker als der Tod. Wir wollen erreichen, dass kein Mensch, der in Kirgistan oder Zentralasien die LGBT-Gemeinschaft repräsentiert, mehr </em>(Angst oder Scham, Anm. d. Vlast-Red.) <em>dafür erfahren muss, wer er ist, als was er arbeitet, oder wie er arbeitet</em>“, berichtet er.

Es gebe Lichtblicke in dieser Situation, doch sie bleibt insgesamt schwer, gibt Janar Sekerbaeva zu. Die Mitbegründerin der kasachischen feministischen Initiative <a href="https://feminita.kz/">Feminita</a> erklärt, dass die Leute in Kasachstan aktiver seien und ihre Position äußern könnten: Doch im Zuge der zunehmenden Anti-Gender-Bewegung würden sie vorsichtiger.

<strong>Lest auch auf Novastan:</strong><a href="https://novastan.org/de/usbekistan/usbekistan-pro-lgbt-blogger-taschkent-angegriffen/">Usbekistan: Pro-LGBT*IQ-Blogger in Taschkent mit Baseballschlägern angegriffen</a><em>„Ich denke, dass wir die Reaktion auf erste anti-gender Äußerungen verpasst haben. Trotz dessen, dass Feminita die Gender-Diskussion antrieb, gewidmet dem Vorschlag von Irina Unjakova </em>(Vertreterin des Unterhauses im kasachischen Parlament)<em> das Wort „Gender“ durch „Geschlechtergleichstellung“ zu ersetzen. Diese Rhetorik &#8211; wir haben ihre Wurzel gefunden &#8211; das ist die faschistische Rhetorik rechter Parteien in Deutschland. Das heißt, dass wir im modernen Kasachstan dazu gekommen sind, die Rhetorik rechter Parteien in Deutschland nachzuahmen (&#8230;). Es gibt Menschen, welche daran interessiert sind, ständig anti-gender, anti-LGBT und weitere „anti“-Themen anzusprechen</em>“, erzählt Sekerbaeva.
</p>



<h5 class="wp-block-heading"><strong>Online-Rechtsberatung für LGBT+-Gemeinschaft</strong></h5>



<p class="wp-block-paragraph">
Die Situation hat sich verschlechtert, auch aufgrund der Corona-Pandemie. Früher konnten Mitglieder der LGBT+-Gemeinschaft allein leben und ihr Elternhaus verlassen, um vor Problemen und Ablehnung innerhalb der Familie zu fliehen. Nun sind sie isoliert und stehen unter ständigem Druck ihrer Nächsten, welche kein Verständnis für sie haben.

</p>


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<p class="wp-block-paragraph">

Als Antwort darauf schulte der öffentliche Fond „<a href="https://afew.org/countries/kazakhstan/">AFEW Kazakhstan</a>“ zehn Aktivist:innen in fünf kasachischen Städten in grundlegenden Prinzipien der Rechtshilfe, damit sie online Beratung für Mitglieder der LGBT+-Gemeinschaft anbieten können. Laut dem Geschäftsführer des Fonds Roman Dudnik besteht das Hauptproblem darin, dass Menschen ihre bürgerlichen Rechte gar nicht kennen.

<strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/rueckblick-novastan-trifft-quarteera/">Rückblick: Novastan trifft Quarteera </a></strong>

„<em>In manchen Momenten hat es den Anschein, wir würden im Mittelalter leben. Da bekommt man Gänsehaut, wenn man die Fälle liest. Wie kann so etwas sein? In unserer Gesellschaft ist es immer noch normal, Menschen, die transgender sind, zu beleidigen, sie aufzufordern, sich auszuziehen oder Teile ihres Körpers zu zeigen. Das ist grausam! Die Situation verschlimmert sich dadurch, dass Mitglieder der LGBT-Gemeinschaft sehr, sehr uninformiert sind was Rechtliches angeht – sie kennen ihre Rechte nicht, wissen nicht, dass ihre Rechte verletzt wurden, wissen nicht, an wen sie sich wenden können</em>“, sagt er.
</p>



<h5 class="wp-block-heading"><strong>„Gegen jegliche Diskriminierung stark machen“</strong></h5>



<p class="wp-block-paragraph">
Evgenij Jovtis, Direktor des <a href="https://bureau.kz/en/">kasachstanischen Büros für Menschenrechte</a>, merkt an, dass es schwer sei, permanenter Diskriminierung ausgesetzt zu sein und sich in einem Zustand des ständigen Kampfes zu befinden. Allerdings sei es genau dieser Kampf, der zu konkreten Resultaten führe. So habe er bereits zu Beginn der 90er Jahre von der Abschaffung der Todesstrafe gesprochen. Tatsächlich wurde sie aber erst im Jahr 2020 abgeschafft. Ähnlich verhalte es sich beim Thema Folter: War es Ende der 90er Jahre undenkbar, darüber zu sprechen, könne man heutzutage offen darüber diskutieren.

</p>



<figure class="wp-block-image"><img decoding="async" src="https://novastan.org/fr/wp-content/uploads/sites/4/2021/12/VLAST-LBGT-2.jpg" alt="Evgueni Jovtis Militant Droits de l'Homme LGBT Droits des Femmes Kazakhstan" class="wp-image-52231"/></figure>



<p class="wp-block-paragraph">

Evgenij Jovtis.

<em>„Die LGBT-Gemeinschaft verbündet sich, doch es ist wichtig zu verstehen, dass es ein allgemeines Problem mit Diskriminierung gibt. Sie richtet sich nicht nur gegen die LGBT-Gemeinschaft, sondern gegen viele unterschiedliche Gruppen. Auf dieser gemeinsamen Grundlage sollten wir uns für ein Abschaffen jeglicher Diskriminierungsgründe, jeglicher Ausgrenzung, Erniedrigung und Verletzung jeglicher Rechte aus beliebigen Gründen stark machen. Wir sollten gemeinsam und mit maximaler Stärke dagegen ankämpfen. Dann erst kann jede Person ihr eigenes Ding machen, eigene Probleme lösen und im eigenen Raum leben. Deshalb ist die Abschaffung von Diskriminierung als Vorstellung so unfassbar wichtig, sei es in der Gesetzgebung oder in der Praxis </em>“, fasst Jovtis zusammen.
</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Tamara Wal auf <a href="https://vlast.kz/obsshestvo/45135-borba-silnee-straha.html">Vlast</a>
</strong><strong>Aus dem Russischen von Vanessa Schulmann</strong>
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