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	<title>Frauenraub Archives</title>
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	<description>Wissenswertes und Nachrichten aus Kirgistan, Tadschikistan, Usbekistan, Kasachstan und Turkmenistan</description>
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	<title>Frauenraub Archives</title>
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		<title>Femizide in Kirgistan: Warum erkennt der Staat das Problem auf rechtlicher Ebene nicht an?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[cabarasia]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 30 Apr 2024 21:43:05 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Kirgistan]]></category>
		<category><![CDATA[femizid]]></category>
		<category><![CDATA[Frauen]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Jedes Jahr gibt es in Kirgistan 20 bis 30 Opfer von Femiziden, doch der Staat erkennt deren Existenz auf gesetzlicher Ebene nicht an. Von 2010 bis 2023 wurden 1.109 Frauen ermordet, ein Drittel davon waren Femizide. Am 15. Februar 2024 reichten die Angeh&#xF6;rigen der 19-j&#xE4;hrigen Asel Zhanarbek eine Erkl&#xE4;rung bei der Bezirkspolizeibeh&#xF6;rde Issyk-Ata ein. An [&#x2026;]</p>
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<p class="wp-block-paragraph">Jedes Jahr gibt es in Kirgistan 20 bis 30 Opfer von Femiziden, doch der Staat erkennt deren Existenz auf gesetzlicher Ebene nicht an. Von 2010 bis 2023 wurden 1.109 Frauen ermordet, ein Drittel davon waren Femizide.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am 15. Februar 2024 reichten die Angehörigen der 19-jährigen Asel Zhanarbek eine Erklärung bei der Bezirkspolizeibehörde Issyk-Ata ein. An diesem Tag hatte sie ihr Haus in <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kant_(Kirgisistan)">Kant</a> verlassen und war verschwunden. Zuvor hatte sie ihrer Mutter eine Audionachricht geschickt, in der sie ihr mitteilte, dass sie sich umbringen würde und dass ihr Mann dafür verantwortlich sei. Ihre Leiche wurde am 18. März im <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Great_Ch%C3%BCy_Canal">Großer Tschui-Kanal</a> (GTK) gefunden. Zuvor hatten sich Angehörige über die Untätigkeit der Polizei beschwert. Das Mädchen hatte zwei Monate zuvor geheiratet. Ihr Vater <a href="https://24.kg/proisshestvija/287985_rodstvenniki_19-letney_propavshey_devushki_jaluyutsya_nabezdeystvie_militsii_/">erzählte</a> gegenüber 24.KG, dass seine Tochter in den Selbstmord getrieben worden sein könnte. Die Publikation berichtet auch, dass Asels Onkel an 15 Stellen in der Nähe des GTK Blutspuren gefunden und diese fotografiert habe. Die Ermittler:innen hätten jedoch keine Proben zur Untersuchung entnommen.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">Das Jahr 2024 begann auch mit dem Tod der 23-jährigen Aikyz Kalmurza. Sie war taubstumm und hatte eine Behinderung der Gruppe 1. Das Paar geriet in Streit und der Mann erwürgte seine Frau vor den Augen ihrer dreijährigen Tochter. Nach Angaben der Strafverfolgungsbehörden ereignete sich der Mord am 2. Januar im Dorf Masaliev im Bezirk <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Kadamjay_District">Kadamzhai</a> in der Region <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Oblus_Batken">Batken</a>. Der örtliche Polizeibeamte Akylbek Amiraev sagte, dass ein Strafverfahren gemäß Artikel <em>„Mord“</em> im <a href="https://cbd.minjust.gov.kg/112309/edition/3548/ru?anchor=st_122">Strafgesetzbuch</a> der Kirgisischen Republik eröffnet worden sei. Angehörige der Verstorbenen <a href="https://rus.azattyk.org/a/32771539.html">berichteten</a> Reporter:innen, dass sie bereits zuvor geschlagen worden und im Krankenhaus gelandet sei. Doch ihre Appelle an die Polizei waren wirkungslos geblieben – es waren keine Maßnahmen ergriffen worden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Regionalpolizei Batken berichtete, dass seit Jahresbeginn im Dorf <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Andarak">Andarak</a> sieben Frauen versuchten, Selbstmord zu begehen. Fünf von ihnen starben.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Femizide in Kirgistan</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Unter Femizid versteht man die Tötung einer Frau durch einen Mann aus Hass auf Frauen, Geschlechterdiskriminierung und/oder staatlich sanktionierter geschlechtsspezifischer Gewalt. Die überwiegende Mehrheit der Morde an Frauen in Kirgistan wurde von Männern begangen – durchschnittlich acht von zehn Morden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In drei von vier Fällen kannte die ermordete Frau ihren Mörder (Partner, Verwandten oder Freund), und die Hauptgründe waren: <em>„sie störte das Fernsehen“</em>, <em>„kochte Essen langsam“</em>, Eifersucht, Familienbudget, Heiratsverweigerung, Verweigerung des Geschlechtsverkehrs. Die Opfer von Femiziden wurden mit besonderer Grausamkeit, Brutalität und Aggression getötet. Bei 2/3 der Femizide handelte es sich um Mehrfachverletzungen, mehrere Stichwunden und Strangulation. In 70 von 100 Fällen von Frauenmorden entsorgte der Mörder die Leiche, um das Verbrechen durch Verbrennen oder Zerstückeln zu vertuschen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">2017 wurden Leitlinien für Richter:innen entwickelt, die über Fälle von Tötung und schwerer Gesundheitsschädigung mit Todesfolge entscheiden. In diesem Dokument werden Femizide nicht thematisiert. Im Jahr 2019 erschien Artikel 135 des Strafgesetzbuches der Kirgisischen Republik <em>„Todesursache durch Fahrlässigkeit“</em>, wonach Fälle registriert werden, in denen es sich bei der Verstorbenen um eine Frau handelt.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Kirgistan muss die Existenz von Femiziden auf gesetzlicher Ebene anerkennen</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Ende September 2023 wurde die 36-jährige Asel Nogoibaeva Opfer von Gewalt. Sie entkam zwar dem Tod durch ihren Ex-Mann,doch sie wurde grausam verstümmelt – ihr Mann hatte ihr Nase und Ohren abgeschnitten. Der jüngste Sohn, der der einzige Zeuge der brutalen Misshandlung seiner Mutter wurde, kann nicht sprechen. Asels Berufung wurde erst stattgegeben, nachdem der Fall in den Medien bekannt wurde. Am 26. Januar verurteilte das Bezirksgericht <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sokuluk">Sokuluk</a> Azamat Estebesov dann zu 20 Jahren Gefängnis. Der Gerichtsentscheidung zufolge muss der Angeklagte seiner Ex-Frau Asel 2 Millionen Soms (22,34 Tausend US-Dollar) zahlen. Asels Anwält:innen und Angehörige fordern eine Bestrafung des Richters, der den Verbrecher zuvor unter Bewährung freigelassen hatte. Sie fordern außerdem, dass die Generalstaatsanwaltschaft unverzüglich eine Untersuchung wegen Fahrlässigkeit seitens der Strafverfolgungsbehörden einleitet. Wie sich herausstellte, hatte Asel allein im letzten Jahr fünf Schutzanordnungen gegen ihren Ex-Mann erlassen. Aber keine davon war umgesetzt worden: Der Mann war weiterhin zu ihr nach Hause gekommen, hatte sie geschlagen und vergewaltigt. Die Polizei hatte nicht auf ihre Beschwerden reagiert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein weiterer Fall ereignete sich im Winter 2023 &nbsp;als eine Mutter und ihre beiden Kinder brutal ermordet wurden. Die Frau wurde geschlagen und aus dem Fenster geworfen, die Kinder wurden erstochen und erdrosselt. Der Mörder arbeitete zuvor im Staatssicherheitsdienst des Staatskomitees für nationale Sicherheit und nahm an Parlamentswahlen teil.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/femizid-in-usbekistan-es-sind-wirksamere-mechanismen-zum-schutz-von-frauen-erforderlich/">Femizid in Usbekistan – Es sind wirksamere Mechanismen zum Schutz von Frauen erforderlich</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Einer der schlimmsten Mordfälle ereignete sich im Jahr 2018. Die 19-jährige Burulai wurde von dem Mann, der sie geraubt hatte und der sie heiraten wollte, erstochen. Nach der Entführung kontaktierten Burulais Eltern die Polizei, der Täter wurde festgenommen und zur Polizei gebracht. Der Entführer und Burulai wurden in eine Abteilung des Innenministeriums gebracht und aus irgendeinem Grund dort allein gelassen. Das Mädchen wurde von ihrem Entführer direkt auf der Polizeistation getötet. Das Gericht verurteilte den Entführer Burulais zu 20 Jahren Haft in einem Hochsicherheitstrakt und beschlagnahmte sein Eigentum. Auch die Abteilungsleitung des Innenministeriums, in der Burulai ermordet wurde, wurde entlassen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Jahr 2021 wurde die 27-jährige Aizada Kanatbekova ein ebenfalls Opfer der Tradition des Brautdiebstahls. Anfang April, am frühen Morgen, zeichnete eine Überwachungskamera der Hauptstadt <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Bischkek">Bischkek</a> auf, wie das Mädchen in ein Auto gezwungen und weggebracht wurde. Die Polizei, an die sich Aizadas Verwandte sofort wandten, weigerte sich, die Aussage aufzunehmen. Einer der Mitarbeiter:innen soll sogar unpassend gescherzt haben: <em>„Warum machen Sie Lärm? Bereiten Sie sich auf die Hochzeit vor“.</em> Zwei Tage später wurde das Mädchen in der Nähe der Hauptstadt gefunden. Der Entführer hatte sie vergewaltigt, anschließend mit einem T-Shirt gewürgt und mehrmals auf sie eingestochen. Danach beging er Selbstmord. Nach dem Vorfall forderten die Bürger:innen, dass alle an diesem Verbrechen Beteiligten sowie diejenigen, deren Untätigkeit zum Tod von Kanatbekova führte, vor Gericht gestellt werden. In Bischkek und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Osch">Osch</a> fanden Proteste <em>„</em><a href="https://storage.googleapis.com/qurium/kloop.kg/blog-2022-07-08-v-bishkeke-i-oshe-proshli-aktsii-protiv-nasiliya-v-otnoshenii-devochek-i-zhenshhin.html#:~:text=08%20%D0%B8%D1%8E%D0%BB%D1%8F%202022%208%20%D0%B8%D1%8E%D0%BB%D1%8F%20%D0%B2%20%D0%91%D0%B8%D1%88%D0%BA%D0%B5%D0%BA%D0%B5%20%D0%BF%D0%B5%D1%80%D0%B5%D0%B4,%D0%B8%D0%B7%D0%BD%D0%B0%D1%81%D0%B8%D0%BB%D0%BE%D0%B2%D0%B0%D0%BD%D0%B8%D0%B8%2013-%D0%BB%D0%B5%D1%82%D0%BD%D0%B5%D0%B9%20%D0%B4%D0%B5%D0%B2%D0%BE%D1%87%D0%BA%D0%B8%2C%20%D0%BF%D0%BE%20%D0%BA%D0%BE%D1%82%D0%BE%D1%80%D0%BE%D0%BC%D1%83%20%D0%BE%D0%B1%D0%B2%D0%B8%D0%BD%D1%8F%D1%8E%D1%82%20%D0%B4%D0%B2%D1%83%D1%85%20%D0%BC%D0%B8%D0%BB%D0%B8%D1%86%D0%B8%D0%BE%D0%BD%D0%B5%D1%80%D0%BE%D0%B2."><em>Против насилия</em></a><em>“</em> <em>(Gegen Gewalt, Anm. der Redaktion)</em> statt, bei denen der Rücktritt des Innenministers und Reformen in den Strafverfolgungsbehörden gefordert wurden. Die Ermittlungen zum Mordfall wurden aufgrund des Todes des Entführers eingestellt. Die entlassenen Polizist:innen kehrten nach einiger Zeit wieder in den Dienst zurück und wurden keine Reformen durchgeführt.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Die Tradition der Ehe und Stereotypen</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Frauen gehören zu den tausenden Mädchen in Kirgistan, die jedes Jahr entführt werden, um sie zur Heirat (<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ala_Kachuu">Ala-Katschuu</a>) zu zwingen. Die Menschenrechtsorganisation <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Freedom_House">Freedom House</a> schätzt die Zahl solcher Entführungen jährlich auf 8.000 bis 12.000. Jede fünfte Familie in Kirgistan ist das Ergebnis von Ala-Katschuu. Ein gestohlenes Mädchen aus dem Haus des Bräutigams zu holen, gilt als Schande, weshalb viele Eltern ihre Töchter bei Männern zurücklassen, die ihnen unbekannt sind. Für solche Verbrechen gibt es im Land strafrechtliche Sanktionen. In den letzten Jahren häuften sich nach Angaben von Menschenrechtsaktivist:innen die Anrufe bei der Polizei.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/kirgistanischer-sicherheitsdienst-veroeffentlicht-persoenliche-daten-von-sexarbeiterinnen/">Kirgistanischer Sicherheitsdienst veröffentlicht persönliche Daten von Sexarbeiterinnen</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Einmal verheiratet, ertragen Frauen Gewalt und Demütigung durch ihre Ehemänner, weil die Gesellschaft geschiedene Frauen verurteilt. Nach <a href="https://www.stat.kg/ru/news/semejnoe-nasilie-sredi-zhenshin-i-muzhchin/">Angaben</a> des Nationalen Statistikausschusses hat sich in Kirgistan die Zahl der Opfer häuslicher Gewalt in den letzten sechs Jahren fast verdreifacht, 96 % davon sind Frauen. In den ersten acht Monaten des Jahres 2023 wurden 8.512 Fälle von Gewalt in der Familie registriert. Nur 2 % gehen vor Gericht. Dies zeigt auch, wie sehr das Justizsystem und die Gesetzgebung des Landes dazu beitragen, dass Femizide stattfinden, und dass die Untätigkeit der Polizei die Situation nur verschlimmert.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Das Problem liegt in den Traditionen, die sich in den Strafverfolgungsbehörden in Bezug auf Fälle wie Ala-Katschuu, Gewalt und Mord an Frauen entwickelt haben,“</em> so Nurbek Toktakunov, Menschenrechtsaktivist und Anwalt der Familie der ermordeten Aizada Kanatbekova. <a><em>„Es ist notwendig, bestimmte Traditionen ins Strafverfolgungssystem zu integrieren und Fahrlässigkeit zur Rechenschaft zu ziehen</em></a><em>. Diejenigen, die nach den Morden an Burulai und Aizada entlassen wurden, wurden schnell wieder eingestellt [&#8230;] Korruption als Möglichkeit, Strafen zu vermeiden, das Fehlen von Mechanismen zur Verhinderung häuslicher Gewalt, das Vorhandensein von Geschlechterstereotypen und diskriminierenden Einstellungen gegenüber Frauen – all dies macht ein sofortiges Eingreifen der staatlichen Behörden und der Strafverfolgungsbehörden erforderlich.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aigerim Turgunbaeva für Cabar</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem <a href="https://cabar.asia/ru/zhenshhiny-prodolzhayut-umirat-pochemu-kyrgyzstan-ne-priznaet-sushhestvovaniya-femitsida-na-zakonodatelnom-urovne">Russischen</a> von Irina Radu</strong></p>



<p class="has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/">Linkedin</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</strong></em></p>
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		<title>Zentralasien durch die Linse von… Irina Unruh</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Veronika Haluch]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 26 Apr 2020 02:30:43 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kirgistan]]></category>
		<category><![CDATA[Ala kachuu]]></category>
		<category><![CDATA[Brautraub]]></category>
		<category><![CDATA[Frauenraub]]></category>
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		<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[Irina Unruh]]></category>
		<category><![CDATA[Porträt]]></category>
		<category><![CDATA[Zentralasien durch die Linse von...]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Mit &#x201E;Zentralasien durch die Linse von&#x2026;&#x201C; pr&#xE4;sentiert Novastan zentralasiatische Fotografinnen und Fotografen und ihre Arbeit. Die in Kirgistan geborene Fotografin Irina Unruh kam als Kind mit ihrer Familie nach Deutschland, wo sie bis heute lebt. Obwohl sie sich immer f&#xFC;r Fotografie interessiert hat, entschied sie sich erst sp&#xE4;t, sie zu ihrem Ausdrucksmittel zu machen. Mittlerweile [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify"><b>Mit &#8222;Zentralasien durch die Linse von&#8230;&#8220; präsentiert Novastan zentralasiatische Fotografinnen und Fotografen und ihre Arbeit.</b></p>
<p style="text-align: justify"><b>Die in Kirgistan geborene Fotografin Irina Unruh kam als Kind mit ihrer Familie nach Deutschland, wo sie bis heute lebt. Obwohl sie sich immer für Fotografie interessiert hat, entschied sie sich erst spät, sie zu ihrem Ausdrucksmittel zu machen. Mittlerweile arbeitet sie, inspiriert von den vielen Begegnungen weltweit, die sie im Laufe ihres Lebens als Lehrerin machte, auch als freiberufliche Fotografin.  Irina widmet sich in ihrer Arbeit ihren Wurzeln und den Geschichten von Frauen und Mädchen in Kirgistan. </b><b>Im Interview erzählt sie, wie ihre eigene Geschichte ihr Werk beeinflusst.</b></p>
<p style="text-align: justify"><b>Name: </b>Irina Unruh</p>
<p style="text-align: justify"><b>Alter: </b>41</p>
<p style="text-align: justify"><b>Heimatstadt und -Land: </b>Warendorf, Deutschland</p>
<p style="text-align: justify"><b>Nationalität und Staatsangehörigkeit</b>: Deutsch</p>
<p style="text-align: justify"><b>Novastan: Warum hast du die Fotografie als dein Ausdrucksmittel gewählt?</b></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Irina Unruh:</strong> Ich komme ursprünglich aus Kirgistan, geboren 1979 in einer deutschen Familie in einem kleinen deutschen Dorf namens Telman, nicht weit von der heutigen Hauptstadt Bischkek entfernt. Im Alter von neun Jahren siedelte meine Familie 1988 nach Deutschland um, wo ich meine Schul- und Universitätsausbildung beendete. Die Fotografie faszinierte mich aber seit meiner frühen Kindheit in Kirgistan. Eine meiner Tanten hatte eine einfache analoge Kamera und war die einzige Person in meiner riesigen Familie, die unser einfaches Alltagsleben ein wenig dokumentierte. Ich erinnere mich, wie sie regelmäßig Bilder von uns zu meinen Eltern brachte. Es war magisch, all diese eingefrorenen Momente zu sehen. Als Kind konnte ich stunden damit verbringen,  durch unsere zwei Familienalben zu blättern und verlor mich in den schwarz-weiß Bildern.</p>
<p style="text-align: justify">Später in Deutschland belegte ich während einer Projektwoche im 7. Schuljahr einen Fotokurs. Aber ich habe als Jugendliche nie darüber nachgedacht, Fotografin zu werden. Ich habe stattdessen Mathematik, Deutsch und Theologie studiert, um Lehrerin zu werden. Nach meiner Lehrerausbildung arbeitete ich viele Jahre als Lehrerin in verschiedenen Ländern (Costa Rica, Guatemala, Italien und Deutschland). In dieser Zeit bin ich viel gereist, immer mit meiner Kamera in der Tasche. Und erst während der fünf Jahre, die ich mit meiner Familie bis August 2018 in Rom lebte und arbeitete, entdeckte ich die Kamera als ein Instrument, um Geschichten zu erzählen. Denn ich wurde aufgrund meines slawischen Namens häufig zu meiner Herkunft befragt und musste oft viele Fragen zu Kirgistan beantworten. Im Jahr 2015 begann ich meine große Leidenschaft für die Fotografie zu erweitern, entschied mich für eine Teilzeittätigkeit als Lehrerin und widmete mich der Dokumentarfotografie. Ich nahm als Autodidaktin an verschiedenen internationalen Workshops mit großartigen Fotojournalisten teil, darunter Monika Bulaj, Karl Mancini und K M Asad. Derzeit arbeite ich freiberuflich als Dokumentarfotografin und weiterhin in Teilzeit als Lehrerin.</p>
<p style="text-align: justify"><p style="background-color: #d4d4d4;"><span style="color: #000000;">Novastan ist das einzige deutschsprachige Nachrichtenmagazin über Zentralasien. Wir arbeiten auf Vereinsgrundlage und <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/werde-unser-mitglied-werde-novastan/"><strong>Dank eurer Teilnahme</strong></a>. Wir sind <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/unser-projekt/">unabhängig</a> und wollen es bleiben, dafür brauchen wir euch! Durch jede noch so kleine <strong><a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/spenden/">Spende</a></strong> helft ihr uns, weiter ein realitätsnahes Bild von Zentralasien zu vermitteln.</span></p></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Novastan:</strong> <b>Wie reagieren die Menschen in deinem Land auf deine Fotos?</b></p>
<p style="text-align: justify">Während ich in Italien die Gelegenheit hatte, meine Bilder in zwei Ausstellungen in Rom zu zeigen, die auf großes Interesse stoß, gab es diese Gelegenheit in Deutschland bisher noch nicht. Meine Serie „I am Jamilia“ kam jedoch beim renommierten deutschen Felix Schoeller Photo Award auf die Shortlist und erhält vermehrt internationale Anerkennung. Aber grundsätzlich erlebe ich ein unglaubliches Interesse an den Bildern und Erzählungen aus Kirgistan. Für viele Menschen ist Kirgistan nach wie vor ein Land, von dem sie kaum oder noch nie etwas gehört haben.</p>
<p style="text-align: justify">Mein Projekt „Kyrgyzstan diary“ ist meine persönliche Sicht auf das postsowjetische Land. Ich sehe die Dichotomie zwischen dem Modernen und dem Alten. Ich versuche durch meine unterschiedlichen Bilder meine Reisen in Kirgistan zu dokumentieren. Denn für die Serie „I am Jamilia“ reise ich sehr viel durch ganz Kirgistan, lerne wundervolle Menschen kennen, die mich zu sich nach Hause einladen, mit denen ich zusammen esse und bei denen ich schlafe. Sie erzählen nicht nur, sondern geben mir Einblick in ihr Leben in Kirgistan. Das Dokumentieren von alltäglichen Situationen und besonderen Momenten hilft mir in erster Linie, das Land in all seinen Facetten besser kennen zu lernen. Es sind meine persönlichen Erfahrungen und Begegnungen mit einem Land, zu dem ich mich stark verbunden fühle. Jedes Mal, wenn ich das Land meiner Kindheit besuche,entdecke ich neue, unscheinbare Momente des täglichen Lebens. Manchmal nur kurze Augenblicke, die vielleicht unwichtig erscheinen. Aber alles in allem vervollständigen sie mein Verständnis von Kirgistan.</p>
<p style="text-align: justify"><b>Welches ist dein aktuelles oder nächstes Fotoprojekt?</b></p>
<p style="text-align: justify">Ich arbeite weiterhin an dem Projekt „I am Jamilia“, in dem ich Frauen unterschiedlichen Alters und aus unterschiedlichen Regionen in Kirgistan interviewe und porträtiere, deren Ehe durch den Brauch von Ala kachuu (Übersetzung: &#8222;eine Frau nehmen und weglaufen&#8220;) entstand. Da ich mit diesem Projekt eine Thematik aufgreife, die unglaublich vielschichtig ist, möchte ich dieses Projekt weiter mit Sorgfalt, Geduld und Respekt fortführen. Die bisherigen Portraits von betroffenen Frauen sind zwar der Mittelpunkt meiner bisherigen Arbeit, doch ich bin dabei, die Arbeit zu erweitern. Mir ist es wichtig, die Frauen nicht als Opfer darzustellen, sondern die tiefe psychologische Dimension hinter dem Brauchtum Ala Kachuu aufzugreifen. Und diese betrifft nicht nur die Frauen, sondern eine ganze Gesellschaft. Mir haben beispielsweise Eltern berichtet, wie hilflos sie sich aus unterschiedlichen Gründen fühlten, als ihre Tochter entführt wurde. Ich sprach mit einem jungen Mann, der mit 18 Jahren aus einer Angst heraus seine Freundin heiratete. Denn kurz zuvor wurde sie von einem unbekannten Mann entführt. Es gelang ihm gemeinsam mit ihrer Familie, seine Freundin aus der Heiratssituation zu „befreien“. Aus der Angst heraus vor einem erneuten Brautraub entschlossen die beiden zu heiraten.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/brautraub-in-kirgistan-studenten-demonstrieren-in-bischkek/">Brautraub in Kirgistan: Studierende demonstrieren in Bischkek</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">Eine junge Studentin schrieb mir, dass sie eine permanente Angst mit sich trage, sie könnte auf offener Straße entführt werden. Wenn sie in der Öffentlichkeit sei, beobachte sie mit Wachsamkeit alles, was um sie herum geschehe. Mir sind aber auch positive Geschichten in diesem Zusammenhang sehr wichtig, die nicht nur Hoffnung auf weitere Veränderungen geben, sondern zeigen, dass diese Veränderung durch individuelle Entscheidungen bereits stattfindet. Mich hat insbesondere ein Gespräch mit einem älteren Mann sehr bewegt. Er ist der einzige aus seiner Generation in einer großen Verwandtschaft, der seine Frau bewusst nicht als seine Braut geraubt hat mit der Begründung: Ich habe als Kind erlebt, wie unglücklich und verletzt meine Mutter durch ihren Brautraub war. Mein Wunsch ist es, all diese Facetten von Ala kachuu aufzugreifen. Deswegen erweitere ich dieses Projekt und werde weiter an dieser Thematik arbeiten. Aber gleichzeitig möchte ich weiterhin vom alltäglichen Leben in Kirgistan durch unterschiedliche Begegnungen berichten. Dabei besuche ich auf meinen Reisen beispielsweise immer das Dorf Telman, in dem ich eine liebenswerte Familie vor zwei Jahren kennenlernte, die mir ans Herz gewachsen ist. In „Swallows in my world“ erzähle ich von ihrem Leben. Es ist keine spektakuläre Geschichte mit großen Besonderheiten oder besonderen Persönlichkeit. Es ist eine Geschichte, die vom kirgisischen Leben erzählt. Und ich hoffe, eines Tages meine eigene familiäre Geschichte erzählen zu können. Es wäre eine historische Arbeit über die Geschichte der sogenannten Russlanddeutschen.</p>
<p style="text-align: justify"><b>Welches Foto von dir magst du am liebsten und warum?</b></p>
<p style="text-align: justify">Das ist eine sehr schwierige Frage, denn ich sehe hinter meinen Bildern nicht einfach einen abgelichteten Moment. Für mich sind meine Bilder mit Individuen, mit besonderen Begegnungen, Situationen, Gerüchen und Stimmungen verbunden, was unmöglich ist auf einem Bild wiederzugeben. Wenn ich meine eigenen Bilder betrachte, ist es so, als wäre ich wieder an diesem Ort und in diesem Augenblick. Zu meinen Lieblingsbildern gehört eine Aufnahme, die ich im September 2017 zwischen Sarytschelek und Taschkömür von einem Schulmädchen aufnahm, dass auf einer hohen und schmalen Bordsteinkante an einer Landstraße von der Schule nach Hause geht. Es war eine zufällige Situation, die ich einfangen konnte. Aber für mich steckt hinter diesem Bild eine tiefe Symbolik für das Land Kirgistan und meine Arbeit in Kirgistan.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Womit beschäftigst du dich neben der Fotografie?</strong></p>
<p style="text-align: justify">Die Fotografie ist wesentlicher Teil meines Lebens und gehört zu mir einfach dazu. Sie zieht sich durch alle Bereiche meines Lebens und meines Alltags hindurch. Ich verbringe mit meiner Familie, insbesondere mit meinen beiden Kindern, und meinen Freunden so viel Zeit wie möglich. Meine Kinder haben meinen Blick auf unsere Welt, auf das Leben, auf menschliche Beziehungen, auf unsere Welt grundlegend verändert. Meine fotografische Arbeit entsteht somit nicht nur aus meinem Blickwinkel als Frau, sondern auch als Mutter. Da ich weiterhin noch in Teilzeit als Lehrerin arbeite, bleibt mir nicht all zu viel Zeit. Was ich aber in mir trag,e ist eine große Neugierde und „innerliche Unruhe“, die mich immer wieder zu neuen Orten, zu neuen Begegnungen und Unternehmungen führen.</p>
<p style="text-align: justify"><b>Wenn du die Gelegenheit hättest, drei Fotografen in Zentralasien zu benennen, </b><b>wen würdest du auswählen?</b></p>
<p style="text-align: justify">Mir fallen direkt folgende drei Fotografen ein: der Dokumentarfotograf Elyor Nemat aus Usbekistan, dessen Arbeit mir sehr gut gefällt, da er einen authentischen Einblick in das Leben und die Herausforderungen in Zentralasien gibt. Des weiteren schätze ich die Arbeit des kirgisischen Fotografen Shailo Djekshenbaev. In seinen Bildern vermag er die Veränderungen in seinem Heimatland während der letzten Jahrzehnte zu zeigen. Und als dritten möchte ich den Fotografen Matthieu Paley nennen. Er stammt zwar nicht aus Zentralasien, sondern aus Frankreich, doch er dokumentierte über mehr als ein Jahrzehnt die harten Lebensbedingungen kirgisischer Nomaden in der hochgelegenen Landschaft des abgelegenen Afghanistan und machte mit seiner Arbeit auf die dortige Situation der Pamir Kirgisen aufmerksam.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Wir zeigen eine Auswahl von Fotos der Serie &#8218;I am Jamilia&#8216; in der Irina Unruh Frauen in Kirgistan porträtiert, deren Leben durch die als Brautraub bekannten Praxis des <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ala_Kachuu">Ala-Kachuu</a> in oft jungen Jahren eine radikale, teils schmerzhafte Veränderung bedeutete. Für mehr Bilder besucht ihre <a href="https://www.irinaunruh.com/index/G0000MjXRz.MZ.Jo">Webseite</a>, oder folgt ihr auf Instagram: <a href="https://www.instagram.com/irinaunruh/?hl=de">@irinaunruh</a>.</strong></p>
<p style="text-align: justify">Die Entführung von Bräuten kann zwei verschiedene Formen annehmen: Eine echte erzwungene Entführung oder eine inszenierte. In Kirgistan hat sich dieses <a href="https://novastan.org/de/tag/brautraub/">Phänomen</a>, das als uralte <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/brautraub-in-kirgistan-studenten-demonstrieren-in-bischkek/">Tradition</a> gilt, nach der Unabhängigkeit ausgeweitet. Ursprünglich in aller Stille und ohne Gefahr, hat sich die Tradition im Lauf der Zeit sehr verändert und nimmt immer wieder gewalttätige Züge an. Schätzungsweise 50 Prozent der Ehen beginnen heutzutage mit einer Entführung; zwei Drittel davon sind keine einvernehmlichen Entführungen. Eine von fünf Frauen kennt ihren künftigen Ehemann vor der Entführung nicht.  Irina Unruh portraitiert diese Frauen und lässt sie ihre Geschichten erzählen.</p>
<p><figure id="attachment_20983" aria-describedby="caption-attachment-20983" style="width: 6000px" class="wp-caption aligncenter"><img fetchpriority="high" decoding="async" class="size-full wp-image-20983" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_05-min.jpg" alt="Frau Porträt Ala Kachuu Brautraub" width="6000" height="4000" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_05-min.jpg 6000w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_05-min-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_05-min-768x512.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_05-min-1024x683.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_05-min-1300x867.jpg 1300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_05-min-128x86.jpg 128w" sizes="(max-width: 6000px) 100vw, 6000px" /><figcaption id="caption-attachment-20983" class="wp-caption-text">&#8222;Der Freund meines Bruders hat mich entführt. Am Anfang konnte ich mich nicht an ihn und seine Familie gewöhnen, aber ich fand seine Familie sehr schön. Sie waren aufmerksam und unterstützten mich. Sie haben mir auch geholfen, mich an ihn zu gewöhnen. Zuerst waren meine Familie und meine Verwandten verärgert darüber, dass ich mich entschied zu bleiben. Und jetzt sehen sie mein Leben und freuen sich für mich, weil ich Teil dieser Familie geworden bin. Gott sei Dank, mein Mann kümmert sich finanziell gut um mich. Er stimmte zu, dass ich meine Universitätsausbildung fortsetzen könnte und bezahlte Geld dafür. Außerdem respektiert er meine Familie. Kurz gesagt, ich bin momentan dankbar für mein Leben. Wir sind Eltern von zwei Kindern. Wir sind glücklich.&#8220;</figcaption></figure></p>
<p><figure id="attachment_20979" aria-describedby="caption-attachment-20979" style="width: 6000px" class="wp-caption aligncenter"><img decoding="async" class="size-full wp-image-20979" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_03-min.jpg" alt="Porträt Frau Ala Kachuu Brautraub" width="6000" height="4000" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_03-min.jpg 6000w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_03-min-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_03-min-768x512.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_03-min-1024x683.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_03-min-1300x867.jpg 1300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_03-min-128x86.jpg 128w" sizes="(max-width: 6000px) 100vw, 6000px" /><figcaption id="caption-attachment-20979" class="wp-caption-text">&#8222;Ich bin unzufrieden mit meinem Leben und enttäuscht von meinen Klassenkameraden. Sie unterstützten den Mann, mich zu entführen. Mein Vater stimmte meiner Zwangsheirat zu, also musste ich dort bleiben. Aber ich wollte nicht bleiben. Es war so angespannt, zusammen zu leben. Letztendlich haben wir uns scheiden lassen. Momentan lebe ich mit meinen vier Kindern getrennt. Ich wünsche keiner anderen Frau ein Leben wie ich. Ich wünsche jungen Mädchen ein glückliches Leben zusammen mit ihren Geliebten und Kindern.&#8220;</figcaption></figure></p>
<p><figure id="attachment_20977" aria-describedby="caption-attachment-20977" style="width: 6000px" class="wp-caption aligncenter"><img decoding="async" class="size-full wp-image-20977" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_01_01.jpg" alt="" width="6000" height="4000" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_01_01.jpg 6000w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_01_01-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_01_01-768x512.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_01_01-1024x683.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_01_01-1300x867.jpg 1300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_01_01-128x86.jpg 128w" sizes="(max-width: 6000px) 100vw, 6000px" /><figcaption id="caption-attachment-20977" class="wp-caption-text">„Ich denke, mein Leben mit meinem Mann war glücklich. Aber am Anfang war es schwierig. Eine neue Familie, ein neues Leben, als er mich entführte, aber es war unsere Tradition. Wenn ein Mann eine Frau mochte, entführte er sie. Nach einem harten Jahr des Zusammenlebens begann ich mich an ihn zu gewöhnen und meinen Mann zu lieben. Wir haben 30 Jahre glücklich zusammen gelebt und drei wunderschöne Mädchen. Ich bin meinem Mann für unsere Mädchen dankbar. Vor fünf Jahren haben wir ihn verloren und es war eine Herausforderung für mich. Ich weinte fast ein Jahr lang und konnte mich nicht an das Leben ohne ihn gewöhnen. Danach nahm ich wieder Mut und lebte ohne ihn weiter. Zwei meiner Töchter sind nach eigener Wahl verheiratet. Ich habe fünf Enkelkinder. Meine jüngste Tochter ist eine Schülerin der 10. Klasse in der Schule. Ich lebe mit meiner jüngsten Tochter. Es ist so schade, dass mein Mann uns so früh verlassen hat. Wir erinnern uns sehr oft an ihn und lieben Ihn.&#8220;</figcaption></figure></p>
<p><figure id="attachment_20982" aria-describedby="caption-attachment-20982" style="width: 6000px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-20982" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_04-min.jpg" alt="Frau Porträt Ala Kachuu Brautraub" width="6000" height="4000" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_04-min.jpg 6000w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_04-min-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_04-min-768x512.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_04-min-1024x683.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_04-min-1300x867.jpg 1300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_04-min-128x86.jpg 128w" sizes="auto, (max-width: 6000px) 100vw, 6000px" /><figcaption id="caption-attachment-20982" class="wp-caption-text">„Ich wurde auch entführt. Er hat zu Hause mit meinem Vater gearbeitet. Ich kannte ihn nicht gut. Nach meiner Entführung zwang mich mein Vater, bei ihm zu bleiben. Denn nach unserer Tradition kann ein Mädchen nach einer Entführung nicht mehr nach Hause zurückkehren. Er fing an zu trinken. Ich fand heraus, dass seine ganze Familie Alkohol trinkt. Jetzt habe ich vier Kinder. Ich habe zehn Jahre lang gelitten. Ich erwartete, dass die Kinder ihm helfen würden, seine schlechte Angewohnheit loszuwerden, aber es passierte nicht. Schließlich ließen wir uns scheiden und jetzt passe ich alleine auf meine Kinder auf. Ich wünschte, jedes Mädchen würde nach eigener Wahl und Wunsch heiraten. Es wäre besser, wenn die Rechte der Frauen nicht nur von der Regierung, sondern auch von der Gesellschaft geschützt würden.“</figcaption></figure></p>
<p><figure id="attachment_20978" aria-describedby="caption-attachment-20978" style="width: 6000px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-20978" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_02-min.jpg" alt="Porträt Frau Ala Kachuu Brautraub" width="6000" height="4000" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_02-min.jpg 6000w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_02-min-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_02-min-768x512.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_02-min-1024x683.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_02-min-1300x867.jpg 1300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_02-min-128x86.jpg 128w" sizes="auto, (max-width: 6000px) 100vw, 6000px" /><figcaption id="caption-attachment-20978" class="wp-caption-text">Ich bin gegen Ala Kachuu. Das erste Mal wurde ich auch entführt und musste dort bleiben, weil ich Angst vor den älteren hatte. Aber das zweite Mal, als ich entführt wurde, wurde ich in eine sehr abgelegene Gegend gebracht. Ich weigerte mich jedoch, dort zu bleiben und kehrte zurück. Ich kannte ihn überhaupt nicht und selbst ich habe ihn vorher nicht gesehen. Wie könnte ich dort bleiben? Also kehrte ich nach Hause zurück. Ala Kachuu zerstört das Leben vieler junger Mädchen. Viele leiden darunter, weil ich unter meinen Entführungen gelitten habe. Nach der zweiten Entführung wurde ich desillusioniert. Ich hoffe, dass diese kirgisische Tradition der Brautentführung bald verblasst.”</figcaption></figure></p>
<p><figure id="attachment_20984" aria-describedby="caption-attachment-20984" style="width: 6000px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-20984" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_06-min.jpg" alt="Porträt Frau Ala Kachuu Brautraub" width="6000" height="4000" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_06-min.jpg 6000w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_06-min-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_06-min-768x512.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_06-min-1024x683.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_06-min-1300x867.jpg 1300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_06-min-128x86.jpg 128w" sizes="auto, (max-width: 6000px) 100vw, 6000px" /><figcaption id="caption-attachment-20984" class="wp-caption-text">„Ich wurde am 17. Dezember 1991 entführt. Ich war damals so traurig. Allmählich begann ich mich an die neue Familie zu gewöhnen. Ich schämte mich, nach meiner Entführung nach Hause zurückzukehren. Außerdem sympathisierte ich mit meiner Schwiegermutter. Sie zog ihre Kinder alleine auf und verlor ihren Mann früh. All diese Tage sind vergangen, jetzt sind wir eine Familie und haben unsere Kinder. Gegenwärtig bin ich dankbar für mein Leben und Gott dankbar. Lassen Sie uns Ala Kachuu loswerden. Jetzt ändert sich alles und die Gesellschaft entwickelt sich. Ich bin dankbar, dass Sie sich mit diesem Thema befassen und uns interviewen. Mit freundlichen Grüßen, die Teilnehmerin.&#8220;</figcaption></figure></p>
<p><figure id="attachment_20985" aria-describedby="caption-attachment-20985" style="width: 6000px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-20985" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_09-min.jpg" alt="Porträt Frau Ala Kachuu Brautraub" width="6000" height="4000" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_09-min.jpg 6000w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_09-min-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_09-min-768x512.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_09-min-1024x683.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_09-min-1300x867.jpg 1300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_09-min-128x86.jpg 128w" sizes="auto, (max-width: 6000px) 100vw, 6000px" /><figcaption id="caption-attachment-20985" class="wp-caption-text">„Ich denke, Ala Kachuu ist das Schlimmste auf der Welt. Weil es schmerzhaft ist, mit der Person zu leben, die sie vorher nicht gesehen und gekannt haben. Schließlich werden sie Kinder haben und sich daran gewöhnen. Ich habe nicht gefühlt, was Liebe ist. Ich habe sieben Kinder mit meinem Mann. Unsere Kinder sind aufgewachsen und das Leben ist unmerklich vergangen. Später, als die Kinder aufwuchsen, wurde alles schön, unsere Kinder haben eine hohe Ausbildung, jetzt ist alles gut. Bubunai.“</figcaption></figure></p>
<p><figure id="attachment_20989" aria-describedby="caption-attachment-20989" style="width: 6000px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-20989" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_8_01.jpg" alt="Porträt Frau Ala Kachuu Brautraub" width="6000" height="4000" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_8_01.jpg 6000w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_8_01-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_8_01-768x512.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_8_01-1024x683.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_8_01-1300x867.jpg 1300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_8_01-128x86.jpg 128w" sizes="auto, (max-width: 6000px) 100vw, 6000px" /><figcaption id="caption-attachment-20989" class="wp-caption-text">„Ich wurde zweimal entführt. Beide Male war es ohne meine Zustimmung, ohne meinen Wunsch. Das ist Wildnis. Ich war gegen die Ehen und weigerte mich, bei beiden Gelegenheiten dort zu bleiben. Es war eine Herausforderung, aber ich bestand darauf und bekam endlich meine Freiheit. Sie sind schuldig, die mich gewaltsam entführt haben. Ihre Handlungen sollten kritisiert werden. Ich bin überzeugt, dass ich zu Recht die Entführer verlassen habe. Auf der anderen Seite haben viele haben Mitleid mit mir, dass ich nicht geblieben bin. Ihr Weltbild sollte sich verändern. Unsere Gesellschaft sollte sich in diesem Punkt ändern und mutiger gegenüber Ala Kachuu sein.“</figcaption></figure></p>
<p><figure id="attachment_20990" aria-describedby="caption-attachment-20990" style="width: 4000px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-20990 size-full" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_7_01.jpg" alt="Frau Porträt Als Kachuu Brautraub" width="4000" height="6000" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_7_01.jpg 4000w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_7_01-200x300.jpg 200w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_7_01-768x1152.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_7_01-683x1024.jpg 683w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_7_01-1300x1950.jpg 1300w" sizes="auto, (max-width: 4000px) 100vw, 4000px" /><figcaption id="caption-attachment-20990" class="wp-caption-text">„Meine Gedanken zur Entführung… Ich bin nicht mit der Entführung der Braut einverstanden. Wir (Frauen) sind Menschen, es wird richtig sein, mit uns über die Ehe zu diskutieren und zu verhandeln. Heute haben wir eine gute Zeit, wir müssen nur gute Absichten haben, und alles wird gut. Ich wurde auch entführt. Im Moment habe ich ein gutes Leben, ich habe vier Kinder, ich bin glücklich. Ich wünsche allen ein friedliches Leben “.</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: right"><strong>Interview : Veronika Haluch<br />
</strong></p>
<p><strong><em>Ihr kennt zentralasiatische Fotografinnen oder Fotografen und bewundert ihre Arbeit? Schickt uns ihre Namen oder ihren Instagram-Account an <a href="mailto:info@novastan.org">info@novastan.org</a> und wir veröffentlichen sie in unserer Serie. </em></strong></p>
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		<title>&#8222;Wir pfeifen auf die Blumen&#8220; &#8211; Interview mit der Wortführerin der Bischkeker Weltfrauentagsdemo</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Philip Klein]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 21 Mar 2018 14:52:04 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kirgistan]]></category>
		<category><![CDATA[Aktivismus]]></category>
		<category><![CDATA[Demonstration]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<category><![CDATA[Frauenbewegung]]></category>
		<category><![CDATA[Frauenraub]]></category>
		<category><![CDATA[Frauenrechte]]></category>
		<category><![CDATA[Weltfrauentag]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Als zum internationalen Frauentag hundert Demonstrantinnen den Tschui-Boulevard entlang ziehen, ist Baktygul Rakymbajewa ganz vorne mit dabei, spricht ins Megafon und nennt die Dinge beim Namen: Sexismus, mangelnde politische Repr&#xE4;sentanz, Entf&#xFC;hrungen und Zwangsheirat. Sie artikuliert lautstark die Hindernisse und Hoffnungen der Aktivistinnen. &#xDC;ber ihre Alltagserfahrungen als Jugendliche, Sch&#xFC;lerin und Feministin im heutigen Kirgistan sprach sie [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify"><strong>Als zum internationalen Frauentag hundert Demonstrantinnen den Tschui-Boulevard entlang ziehen, ist Baktygul Rakymbajewa ganz vorne mit dabei, spricht ins Megafon und nennt die Dinge beim Namen: Sexismus, mangelnde politische Repräsentanz, Entführungen und Zwangsheirat. Sie artikuliert lautstark die Hindernisse und Hoffnungen der Aktivistinnen. Über ihre Alltagserfahrungen als Jugendliche, Schülerin und Feministin im heutigen Kirgistan sprach sie mit <em>Philip Klein</em>, Journalist für Novastan.</strong></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Novastan: Du bist jetzt bei der Demonstration vorne gelaufen und hast knapp anderthalb Stunden ins Megafon gesprochen – Wie ist dein Eindruck von der Demonstration?</strong></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Baktygul Rakymbajewa:</strong> Tatsächlich habe ich gar nicht gesehen, wie viele da waren, die meisten liefen ja hinter mir. Ich hatte Sorge, dass gar niemand kommen würde, daher freue ich mich, dass die Leute kamen. Alles andere werden wir dann über die Sozialen Medien erfahren.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Eure Sprechchöre hast du bestimmt schon auswendig drauf, aber was waren für dich die wichtigsten Forderungen?</strong></p>
<p style="text-align: justify">Natürlich kann ich das auswendig. Unsere konkrete Forderung ist, dass wir 30 % Frauen im Parlament haben wollen, wie es die Verfassung eigentlich auch vorschreibt. Zur Zeit sind es nur 18%. Wir Frauen sind stark, wir stehen gegen Gewalt gegen Frauen. Der sogenannte Brautraub ist keine Tradition, es ist einfach Gewalt, die Leute sollen das nicht zur Folklore erklären. Damit geht auch einher, dass wir sagen, wir wollen Wahlfreiheit. Auch was unsere Körper angeht und was wir anziehen. Unser Körper ist unsere Angelegenheit. Und dieser Tag ist dazu da, für Frauenrechte und Gleichberechtigung einzutreten. Leider geht das hier in Kirgistan oft unter. Die Männer begnügen sich damit, uns Blumen zu schenken. Unsere Haltung ist aber: Wir pfeifen auf die Blumen – Wir wollen Gleichberechtigung!</p>
<p><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/freiheit-gleichheit-schwesternschaft-demonstrationen-zum-frauentag-in-kirgistan/">“Freiheit, Gleichheit, Schwesternschaft!” – Demonstrationen zum Frauentag in Kirgistan</a></strong></p>
<p><figure id="attachment_13104" aria-describedby="caption-attachment-13104" style="width: 960px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-13104" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/03/29472565_10215159370075741_279962989308674048_n.jpg" alt="Frauenrechte, Demonstration, Kirgistan" width="960" height="639" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/03/29472565_10215159370075741_279962989308674048_n.jpg 960w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/03/29472565_10215159370075741_279962989308674048_n-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/03/29472565_10215159370075741_279962989308674048_n-768x511.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/03/29472565_10215159370075741_279962989308674048_n-128x86.jpg 128w" sizes="auto, (max-width: 960px) 100vw, 960px" /><figcaption id="caption-attachment-13104" class="wp-caption-text"><strong>Forderungen auf der Demonstration am 8. März in Bischkek</strong></figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Du meintest, du hättest Sorge gehabt, dass kaum jemand kommen würde?</strong></p>
<p style="text-align: justify">Wir wurden auf unseren Social-Media-Kanälen massiv bedroht. Auf unserer Homepage haben irgendwelche Leute geschrieben, dass sie vorbeikommen und uns fertig machen. Auch die Polizei hat angerufen und uns Organisatorinnen nahegelegt, die Demonstration nicht abzuhalten. Sie sagten, dass sich Demonstrationsgegner angekündigt hätten und es gefährlich werden würde. Sie haben aber nicht gesagt, ob sie uns beschützen würden. Das hat mich schon beunruhigt.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Das klingt tatsächlich beängstigend&#8230;</strong></p>
<p style="text-align: justify">Ja, ich hatte schon etwas Angst, ich bin ja noch sehr jung und ich will natürlich nicht von der Polizei mitgenommen werden.</p>
<p><figure id="attachment_13103" aria-describedby="caption-attachment-13103" style="width: 960px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-13103" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/03/29468396_10215159371355773_204078102668640256_n.jpg" alt="Frauenrechte, Weltfrauentag, Demonstration, Kirgistan" width="960" height="639" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/03/29468396_10215159371355773_204078102668640256_n.jpg 960w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/03/29468396_10215159371355773_204078102668640256_n-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/03/29468396_10215159371355773_204078102668640256_n-768x511.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/03/29468396_10215159371355773_204078102668640256_n-128x86.jpg 128w" sizes="auto, (max-width: 960px) 100vw, 960px" /><figcaption id="caption-attachment-13103" class="wp-caption-text">Baktygul (mit Megafon) in Aktion</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Du bist 17 Jahre alt. Wie ist es denn an der Schule? Wie gehen die Leute mit deiner feministischen Haltung um?</strong></p>
<p style="text-align: justify">In der Schule hassen mich die meisten, vor allem die Jungs. Aber auch Lehrer. Meine Klassenlehrerin sagt immer, es sollte für uns Mädchen im Leben nur drei wichtige Dinge geben: Erstens Mutter werden, zweitens vom Mann geliebt zu werden und drittens die Hausarbeit, dass immer schön sauber ist und gut gekocht wird und so. Natürlich stehe ich dann auf und stelle das infrage, die bekommen von mir dann ein klares “Nein” zu hören. Aber dabei stoße ich nur auf Ablehnung.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Also führt ihr im Unterricht Diskussionen und du kannst deine Argumente vorbringen?</strong></p>
<p style="text-align: justify">Ja, das schon, aber das endet meist in einem fürchterlichen Streit. Sie wollen gar nicht hören, was ich zu sagen habe. Ich lass‘ mir normalerweise den Mund aber nicht verbieten. Aber dann rufen die Mitschüler, ich solle die Klappe halten. Also Schule macht mir meistens keinen Spaß.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Wie bist du dazu gekommen, Aktivistin zu werden? </strong></p>
<p style="text-align: justify">Das ist tatsächlich eine lustige Geschichte. Als ich angefangen habe, zu sprechen, habe ich immer allen erzählt, dass ich eines Tages Präsidentin werde. Meine Eltern meinten nur, ich könne das vergessen, weil ich ein Mädchen sei. Weil hier in Zentralasien die Präsidenten immer Männer sind. Ich habe das zunächst so hingenommen. Aber als ich neun Jahre alt war, habe ich mitbekommen, dass unsere Präsidentin <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/rosa-otunbajewa-eine-ausnahmefrau/">Rosa Otunbajewa</a> war. Das habe ich natürlich meinen Eltern vorgehalten, ich meinte, schaut, es ist doch möglich für eine Frau so weit zu kommen, ihr wolltet es ja nicht glauben. Danach dachte ich dann, alles ist möglich – unabhängig vom Geschlecht. Alle können tun oder werden was sie wollen. Aber die Leute hängen oft an traditionellen Vorstellungen.</p>
<p><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/sexismus-in-kirgistan/">Sexismus in Kirgistan</a></strong></p>
<p><figure id="attachment_13102" aria-describedby="caption-attachment-13102" style="width: 960px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-13102" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/03/29468037_10215159369875736_3944775745951236096_n.jpg" alt="Weltfrauentag, Frauenrechte, Demonstration, Kirgistan" width="960" height="639" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/03/29468037_10215159369875736_3944775745951236096_n.jpg 960w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/03/29468037_10215159369875736_3944775745951236096_n-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/03/29468037_10215159369875736_3944775745951236096_n-768x511.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/03/29468037_10215159369875736_3944775745951236096_n-128x86.jpg 128w" sizes="auto, (max-width: 960px) 100vw, 960px" /><figcaption id="caption-attachment-13102" class="wp-caption-text">Baktygul Rakymbaeva, Wortführerin der Demonstration am 8. März in Bischkek</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Das war also dein erster Schritt in dieser Richtung?</strong></p>
<p style="text-align: justify">Ich bin zusammen mit drei Jungen groß geworden. Wir spielten immer zusammen, auch wildere Spiele, Jungenspiele. Aber wenn es an den Abwasch oder ums Putzen ging, hieß es immer: „Baktygul – das ist deine Aufgabe, du bist das Mädchen“. Ich habe aber keinen Unterschied zwischen uns gesehen. Ich habe das lange hingenommen und alles erledigt. Eines Tages aber hat mich das so aufgeregt, dass ich wütend war und richtig lange geschrien habe. Warum sollen die Jungs ausruhen und Fernsehen schauen, während ich die Arbeit mache? Warum sollen die sich wertvoller fühlen als ich? Ich war so zornig und niemand konnte mich beruhigen. Dann haben sie mich zum ersten Mal ernst genommen. Nach diesem Vorfall haben wir uns die Hausarbeit aufgeteilt, Tag für Tag haben wir uns abgewechselt. Das war mein kleiner Sieg und ich fühlte mich bestätigt, dass sich Dinge, die ich nicht leiden kann, verändern lassen.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Und wie hast du dann Mitstreiterinnen gefunden?</strong></p>
<p style="text-align: justify">Mit 13 Jahren habe ich zum ersten Mal an Treffen und Fortbildungen teilgenommen, die vor allem von UN Women [Organ der Vereinten Nationen für Geschlechtergleichheit und Empowerment von Frauen] organisiert wurden. Dabei wurde ich dann eingeladen, bei <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/junge-aktivisten-in-kirgistan-die-gleichheit-als-leidenschaft/">Girl Activists of Kyrgyzstan</a> mitzumachen. Die engagieren sich für Gleichberechtigung und Rechte von Mädchen. Das Besondere an dieser Organisation ist, dass alle 13 bis 17 Jahre alt sind. Denn: Nur wir wissen, was gut für uns ist.</p>
<p><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/die-feministische-bewegung-in-kirgistan/">Die feministische Bewegung in Kirgistan</a></strong></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Unter euch Mädchen konntet ihr die Probleme besser ansprechen?</strong></p>
<p style="text-align: justify">Wir hatten viele Workshops, einen Blog, Mädchen aus dem ganzen Land konnten so ihre Probleme artikulieren. Wir hatten aber auch Aktionen mit Jungs, wo wir unsere Themen dann auch direkt vorbringen können.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Um dort zur Veränderung anzuregen, wie bei deinen Brüdern?</strong></p>
<p style="text-align: justify">Ja, genau. Wir haben gemeinsam Demonstrationen und Aktivitäten geplant, aber wir hatten auch Selbstbehauptungskurse. Dadurch kam ich in Kontakt mit Bishkek Feminist Initiatives. Unsere Mädchen-Organisation wurde auch zu einer der besten weltweit gewählt, eben weil es eine Jugendorganisation ist, bei der niemand über 18 Jahre alt ist. Leider bedeutet das, das ich bald auch zu alt bin, um dort weiter mitzuarbeiten.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Wie steht deine Familie zu deinen Aktivitäten? Wissen sie, was für eine Rolle du da heute gespielt hast?</strong></p>
<p style="text-align: justify">Sie wissen, dass ich da heute bin, aber was genau ich tue, ist ihnen nicht klar. Sie meinten auch, bleib lieber daheim, und sagten: „Hoffentlich kriegt dich die Polizei nicht. Wenn du auf der Wache sitzt, werden wir dich nicht rausholen. Also lass dich lieber nicht schnappen“. So nach dem Motto: „Es ist deine Sache, was du machst.“</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Klingt eher nicht, als würdest du da große Unterstützung erfahren?</strong></p>
<p style="text-align: justify">Meine Mutter unterstützt mich schon, sie glaubt an mich und sagt mir, ich solle tun, was ich für richtig halte.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Also bist du aktiv, seit du 13 Jahre alt bist – Auf wie vielen Demonstrationen warst du bisher?</strong></p>
<p style="text-align: justify">Ich bin das dritte Mal nun auf einer Demonstration, also jedes Jahr einmal. Der Internationale Frauentag ist der wichtigste Tag für mich, beinahe wichtiger als mein Geburtstag. Auch letztes Jahr war ich schon mit dem Megafon unterwegs. Die Organisatorinnen mochten einfach meine Stimme, auch wenn ich heute nicht ganz so zufrieden mit ihr bin.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Bei all euren Standpunkten und Wünschen, was liegt dir persönlich besonders am Herzen?</strong></p>
<p style="text-align: justify">Mir ist besonders wichtig, dass Brautentführungen nicht länger als Tradition verklärt werden. Meine Mutter wurde entführt, als sie 17 Jahre alt war. Sie war ein Jahr weg von Zuhause und lebte mit der Familie, die sie entführt hatte. Sie wollte immer fort von da, aber ihre Mutter redete auf sie ein und sagte: „Es ist eine gute Familie, der Mann liebt dich und du wirst bestimmt glücklich werden.“ Also hatte sie keine Wahl, es war schrecklich für sie, aber sie konnte nichts machen. Ich will, dass Mädchen und Frauen selbst bestimmen können, zu gehen, wann und wohin sie wollen. Es regt mich echt auf, dass es Leute gibt, die meinen, das sei eine Tradition. Das ist es sicher nicht!</p>
<p style="text-align: justify">Bei so einer Entführung sind es immer vier, fünf Männer, die einen entführen und zum Haus des Mannes bringen. Da heißt es dann: „Du wirst jetzt meine Frau“. Und viele Mädchen können gar nichts dagegen tun. Dann ruft die Familie des Mannes die Eltern des Mädchens an, sie sagen dann: „Kommt her, wir halten die Hochzeit ab.“ Wenn die Eltern dann nicht zustimmen, können sie das Mädchen wieder zurückholen. Aber wenn die Eltern des Mädchens die Familie des Mannes gut genug finden, sind sie zufrieden und willigen in die Vermählung ein. Aber was das Mädchen will, hat überhaupt keine Bedeutung. Als ob sie kein Mensch wäre, viel eher wie ein Tier über das verhandelt wird. Wie über ein Schaf.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Und deine Mutter hat das auch erlebt?</strong></p>
<p style="text-align: justify">Sie wurde mit einem Mann verheiratet und lebte ein Jahr lang mit ihm. Sie dachte, sie müsse bleiben und mit ihm zusammenleben. Immer in der Hoffnung, vielleicht glücklich zu werden, vielleicht eine glückliche Familie zu werden. Aber sie sagte, dass es dort sehr, sehr schlimm gewesen sei. Dabei nahm sie sich vor, zu bleiben und eine gute Ehefrau zu sein. Eines Tages aber entschied sie, dass sie es nicht mehr aushalten konnte und sie flüchtete. Sie selbst heiratete danach nicht wieder. Mit 42 Jahren hat sie mich dann geboren.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Du meintest, du bist bald zu alt für die Mädchen-Organisation. Was sind deine Zukunftspläne?</strong></p>
<p style="text-align: justify">Ich werde für ein feministisches Jugendmagazin schreiben. Ich sollte mich eigentlich mal damit auseinandersetzen, was ich studieren möchte. Aber bisher habe ich noch keine konkrete Idee. Ich interessiere mich für so viele Dinge, darum fällt es mir auch schwer, mich für das eine Studium zu entscheiden. Generell aber lieber nicht hier, ich würde gerne im Ausland studieren. Hier ist es schwer auszuhalten, ich befürchte die Universitäten hier sind schlimmer als die Schulen.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Was würdest du anderen Mädchen und Frauen mit auf den Weg geben?</strong></p>
<p style="text-align: justify">Ich würde sagen, als Mädchen können wir nicht darauf warten, dass uns unsere Rechte irgendwann einfach so zufliegen. Wir müssen sie einfordern, wir müssen etwas tun, manchmal sogar schreien. Solange es nur laut genug ist.</p>
<p style="text-align: right"><strong>Mit Baktygul Rakymbajewa sprach Philip Klein,<br />
</strong><strong>Journalist für Novastan in Bischkek.</strong></p>
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		<title>Mit 15 verheiratet und schwanger – Kinderbräute aus Kirgistan erzählen ihre Geschichten</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kaktus.media]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 22 Oct 2017 14:55:47 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Kirgistan]]></category>
		<category><![CDATA[Ehe]]></category>
		<category><![CDATA[Frauenraub]]></category>
		<category><![CDATA[Jugendliche in Kirgistan]]></category>
		<category><![CDATA[Menschenrechte]]></category>
		<category><![CDATA[Zwangsheirat]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die Verheiratung von minderj&#xE4;hrigen M&#xE4;dchen ist ein gro&#xDF;es Problem in Kirgistan. Die Soziologin Rimma Sultanowa hat an Untersuchungen zur Genderwahrnehmung der Gesellschaft mitgewirkt und mit der Redaktion von kaktus.media &#xFC;ber F&#xE4;lle aus ihrer Feldforschung gesprochen. Den Artikel, der anl&#xE4;sslich des Weltm&#xE4;dchentages erschien, &#xFC;bersetzen wir mit freundlicher Genehmigung der Redaktion. &#xA0;Der 11. Oktober ist Weltm&#xE4;dchentag. Gl&#xFC;ckliche [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong>Die Verheiratung von minderjährigen Mädchen ist ein großes Problem </strong><strong>in Kirgistan. Die Soziologin Rimma Sultanowa hat an Untersuchungen zur Genderwahrnehmung der Gesellschaft mitgewirkt und mit der Redaktion von <a href="http://kaktus.media/doc/364451_otdali_zamyj_v_15_let_chtoby_ne_perejivat._realnye_istorii_unyh_jen.html"><em>kaktus.media</em></a> über Fälle aus ihrer Feldforschung gesprochen. Den Artikel, der anlässlich des Weltmädchentages erschien, übersetzen wir mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"> Der 11. Oktober ist Weltmädchentag. Glückliche Eltern beglückwünschen ihre Töchter und sagen ihnen, dass sie die besten, klügsten und schönsten sind. Eingerichtet wurde der Tag aber zu dem Zweck, um  Aufmerksamkeit auf soziale Probleme und Ungerechtigkeiten zu legen, die Mädchen in der ganzen Welt aufgrund ihres Geschlechtes erfahren. Hierzu zählen das Fehlen von Bildungsmöglichkeiten, vollwertiger Ernährung und medizinischer Hilfe, aber auch Probleme wie Diskriminierung und Gewalt sowie Zwangsverheiratung im Kindesalter.</p>



<h2 class="wp-block-heading"> <strong>Vom Kinderheim in die Ehe</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die erste Geschichte handelt von einer jungen Frau, die im Kinderheim aufwuchs. Nennen wir sie Alina. Warum sie ins Kinderheim kam, weiß sie nicht. An Ihre Eltern kann sie sich nicht erinnern und alle ihre Kindheitserinnerungen sind lediglich mit dem Heim verbunden. Im Alter von 14-15 Jahren dachte sie über ihre Zukunft nach, darüber was &nbsp;aus ihr werden soll, wenn die Zeit gekommen ist, das Kinderheim zu verlassen. Alina beschloss, dass die beste Lösung ihrer Probleme eine Heirat sei. Dies würde ihr nicht nur eine Familie sondern auch ein Dach über dem Kopf geben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sehr bald lernte die 15-jährige Alina einen 28-jährigen Mann kennen, der&nbsp; bereits beim zweiten Treffen um ihre Hand anhielt. Adilet (Name ebenfalls geändert) sagte, dass es sich nach muslimischem Brauchtum nicht ziemt, wenn Braut und Bräutigam sich mehr als drei Mal treffen. Voller Hoffnungen und Träume stimmte Alina zu und zog zu ihm ins Dorf. Mit 16 gebar sie das erste&nbsp; Kind und war gleich darauf wieder schwanger.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt – zwei Jahre nach der Hochzeit – versteht Alina, dass sie ihre Probleme nicht lösen konnte. Eine echte Familie hat sie nicht gewonnen. Vielmehr schlägt sie der Mann und die Schwiegermutter kontrolliert Alinas Leben vollständig, bestimmt sogar, was sie zu essen hat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Adilet verbirgt noch nicht einmal, dass er Alina geheiratet hat, weil sie aus einem Kinderheim kommt. „Es es ist angenehm Mädchen aus dem Kinderheim zu heiraten. Sie haben keine Verwandten, die ihnen Rückhalt geben. Man muss niemandem Kalym („Ablösegeld“ an die Eltern der Braut, Anm. d. Ü.) zahlen. Sie sind ungebildet. Sie kann man leichter lenken“, sagte er UN-Vertreter*innen, die die Untersuchung durchführten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Alina würde gerne ihren Mann verlassen. Aber wohin? Bald wird ihr zweites Kind geboren. Außerdem hat sie weder Bildung noch das Wissen sich alleine zurechtzufinden.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong><em>„</em>Ich wollte nicht minderjährig aussehen<em>“</em></strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Als ich mich erstmals mit Aziz traf, war ich in der neunten Klasse und er hatte die Schule schon beendet“,</em> erzählt Altynaj (Name geändert). <em>„In unserem Dorf waren alle Mädchen in ihn verliebt. Er ist groß, spielt Gitarre und seine Eltern sind reich. Und er hatte ein Auge auf mich geworfen. Warum weiß ich nicht.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Ich versuchte all die Zeit, nicht wie eine Minderjährige auszusehen. Dazu tat ich, was Aziz wollte. Als ich schwanger war, sagte er, dass er mich heiraten würde. Aber dann sagte er, dass er nach Bischkek fährt, um Geld zu verdienen. Seine Anrufe wurden immer seltener und dann sagte er, dass ich mein Leben lebe und er seines.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Meine Eltern wollten, dass ich abtreibe, doch die Ärzte sagten, es sei schon zu spät sei. Deswegen gingen wir zu Verwandten in einem entfernten Dorf, wo ich meine Tochter gebar. Jetzt ist sie 12 Jahre alt. Sie glaubt, dass ich ihre Schwester bin. Meine Eltern haben sie wie ihre Tochter aufgezogen. Mit 25 habe ich einen Witwer mit drei Kindern geheiratet. Es ist gut, dass er mich geheiratet hat. Mittlerweile haben wir noch zwei Kinder bekommen.“</em></p>



<figure class="wp-block-image alignnone size-full wp-image-9366"><img loading="lazy" decoding="async" width="1200" height="900" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/06/Arslanbob-Ballgame.jpg" alt="Arslanbob Kirgistan Ballspiel" class="wp-image-9366" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/06/Arslanbob-Ballgame.jpg 1200w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/06/Arslanbob-Ballgame-300x225.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/06/Arslanbob-Ballgame-768x576.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/06/Arslanbob-Ballgame-1024x768.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/06/Arslanbob-Ballgame-800x600.jpg 800w" sizes="auto, (max-width: 1200px) 100vw, 1200px" /><figcaption class="wp-element-caption">Nicht allen Mädchen in Kirgistan ist eine unbeschwerte Jugend vergönnt</figcaption></figure>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Minderjährige gelten als gehorsame Ehefrauen</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Protagonistin unserer nächsten Geschichte wurde im Alter von 15 Jahren vermittelt. Wir nennen sie Aselja. Es begann damit, dass ein 27-jähriger Mann keine Partnerin fürs gemeinsame Leben finden konnte. Seine Eltern wandten sich mit der Bitte um Hilfe an die älteste Schwiegertochter Ainur (Name geändert). Die nahm sich der Sache gewissenhaft an, fuhr nach Bischkek und schaute sich dort die Nachbarin ihrer Bekannten an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Mädchen arbeitete als Tellerwäscherin in einem Bischkeker Café. Ihre Eltern hatten die Entscheidung getroffen sie zu verheiraten, was sie damit erklärten, dass sie sehr beunruhigt waren, wenn die Tochter spät abends von der Arbeit heimkehre. Es wäre besser, wenn eine neue Familie die Verantwortung für sie übernehme und für ihre Sicherheit sorge.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a class="mkd-pt-link" href="https://novastan.org/de/kirgistan/eine-tour-durch-ak-talaa-maraimbek-gulzat-und-der-brautraub-26/" target="_self" rel="noopener"><strong>Maraimbek, Gülzat und der Brautraub</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit 16 war Aselja bereits schwanger, unter den Bekannte in ihrem Umfeld wunderte sich niemand. Im Gegenteil: Aseljas Schwiegermutter sagte, dass es sehr angenehm sei ein Mädchen in dem jungen Alter zur Frau zu nehmen: <em>„Sie ist klein und gehorsam. Man kann sie erziehen, wie man&nbsp; es will.“</em> Lediglich der jüngere Bruder des Ehemannes – der 22-jährige Ataj – sagte, dass es nicht richtig sei, minderjährige Mädchen zur Frau zu nehmen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Häufig sind es gerade Frauen, die während des Brautraubs für den Bräutigam Partei ergreifen und die geraubten Mädchen überzeugen in der Familie zu bleiben. Sie (meistens die älteren Schwiegertöchter) überprüfen zur Hochzeit die Jungfräulichkeit der Mädchen.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Die frühe Verheiratung und ihre gesellschaftlichen Folgen</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Das Mindestalter für eine Heirat liegt in Kirgistan offiziell bei 18 Jahren. Nur in besonderen Fällen haben die Behörden das Recht, für die Heirat von Jugendlichen ab 16 Jahren die Erlaubnis zu erteilen. So sieht es das Gesetz vor. Dennoch heiraten mehr als 12 Prozent der Frauen in Kirgistan, bevor sie die Volljährigkeit erreicht haben. Und das sind nur die offiziellen Zahlen. Die Dunkelziffer dürfte viel höher liegen, insbesondere da die neuen „Familien“ die Hochzeit oft nicht den Staatsorganen melden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Besonders viele minderjährige Bräute gibt es in den Dörfern und abgelegenen Regionen. Die Eltern fördern die Eheschließungen ihrer Töchter schon im Kindheitsalter, da sie hoffen, dass es ihnen finanziellen und sozialen Nutzen bringt und gleichzeitig Last von der Familie nimmt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Grund für die wachsende Zahl an minderjährigen Bräuten ist die Armut in der Bevölkerung. Andererseits spielen auch Traditionen ihre Rolle. Frühe Eheschließungen waren charakteristisch für das Kirgistan des 19. Jahrhunderts. Entsprechend der Daten der Volkszählung von 1897 waren 35 Prozent aller 15- bis 16-jährigen Mädchen verheiratet, in der Altersgruppe 20-24 Jahre waren quasi alle Frauen in einer Ehe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Kampf gegen die frühen Ehen begann in der Sowjetunion, als&nbsp; die Mehrheit der jungen Mädchen anfing, im Bildungssystem zu arbeiten. Mit dem Zerfall der Union und der damit einhergehenden Verarmung kehrte das Phänomen der Zwangsehen zurück und wurde typisch für Kirgistan.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zwangsehen gelten als Menschenrechtsverletzung, da so die normale Entwicklung der Mädchen gestört und ihre soziale Isolierung gefördert wird. Frauen, die zu früh eine Ehe eingehen, bleiben häufig ohne höhere Bildung. Außerdem werden sie statisch häufig Opfer von Gewalt in der Familie. Und sie haben ein höheres Risiko bei der Geburt ihrer Kinder zu sterben.</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem Russischen von Robin Roth</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Im Original erschienen auf <a href="http://kaktus.media/doc/364451_otdali_zamyj_v_15_let_chtoby_ne_perejivat._realnye_istorii_unyh_jen.html">kaktus.media</a></strong></p>



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