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	<title>Flucht Archives</title>
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	<description>Wissenswertes und Nachrichten aus Kirgistan, Tadschikistan, Usbekistan, Kasachstan und Turkmenistan</description>
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	<title>Flucht Archives</title>
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		<title>Kirgistan schiebt einen weiteren russischen Aktivisten nach Moskau ab</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Die Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 19 Dec 2023 17:36:08 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kirgistan]]></category>
		<category><![CDATA[Politik & Wirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Abschiebung]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die L&#xE4;nder Zentralasiens helfen Russland bei der Verfolgung Oppositioneller. Immer wieder werden Antikriegsaktivist:innen nach Russland abgeschoben. Nachdem Lew Skorjakin in der Nacht vom 16. auf den 17. Oktober in Kirgistan verschwand, tauchte er am 3. November in einem Gef&#xE4;ngnis in Moskau wieder auf. Das berichtet Memorial. Zwei Wagen waren an seinem Wohnsitz in Bischkek vorgefahren. [&#x2026;]</p>
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<h2 class="wp-block-heading"><strong>Die Länder Zentralasiens helfen Russland bei der Verfolgung Oppositioneller. Immer wieder werden Antikriegsaktivist:innen nach Russland abgeschoben.</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Nachdem Lew Skorjakin in der Nacht vom 16. auf den 17. Oktober in Kirgistan verschwand, tauchte er am 3. November in einem Gefängnis in Moskau wieder auf. Das berichtet <a href="https://memopzk.org/news/pohishhennogo-v-kyrgyzstane-aktivista-lva-skoryakina-vyvezli-v-moskvu-i-pytali-v-sizo-2/">Memorial</a>. Zwei Wagen waren an seinem Wohnsitz in Bischkek vorgefahren. Die Personen, die sich als Beamte der Abteilung für strafrechtliche Ermittlungen der kirgisischen Polizei ausgaben, brachten ihn an einen unbekannten Ort, von wo er am nächsten Tag mit dem Flugzeug nach Moskau ausgeflogen wurde. Dort wurde Skorjakin dann, laut Memorial, gefoltert und zwei Wochen lang in Untersuchungshaft festgehalten, ohne dass ein Verfahren gegen ihn eröffnet wurde.</p>


<p style="background-color: #d4d4d4;"><span style="color: #000000;">Novastan ist das einzige deutschsprachige Nachrichtenmagazin über Zentralasien. Wir arbeiten auf Vereinsgrundlage und <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/werde-unser-mitglied-werde-novastan/"><strong>Dank eurer Teilnahme</strong></a>. Wir sind <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/unser-projekt/">unabhängig</a> und wollen es bleiben, dafür brauchen wir euch! Durch jede noch so kleine <strong><a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/spenden/">Spende</a></strong> helft ihr uns, weiter ein realitätsnahes Bild von Zentralasien zu vermitteln.</span></p>



<p class="wp-block-paragraph">Skorjakin war als Aktivist der Bewegung „<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Left_Bloc_(Russia)">Linksblock</a>“ ins Visier der russischen Behörden geraten. Die Gruppe engagiert sich unter anderem gegen den Krieg, den Russland in der Ukraine begonnen hat. Laut <a href="https://www.svoboda.org/a/rossiyskiy-aktivist-pohischennyy-v-bishkeke-zayavil-ob-izbienii-fsb/32678289.html">Radio Svoboda</a>, dem russischen Dienst von Radio Free Europe, wird Skorjakin die Beteiligung an einer Demonstration im Dezember 2021 vor dem Büro des russischen Geheimdiensts FSB vorgeworfen, während der er ein Transparent mit der Aufschrift „<em>Frohen Tscheka Tag</em>“ getragen haben soll (die 1917 gegründete und 1922 aufgelöste Tscheka war die erste mit der brutalen Verfolgung politischer Oppositioneller betraute Organisation der Bolschewiki). Bereits im März 2020 war er bei einer <a href="https://ovd.info/express-news/2020/06/03/v-moskve-u-posolstva-ssha-zaderzhali-uchastnikov-levogo-bloka">Protestaktion</a> vor der amerikanischen Botschaft festgenommen worden, weil er ein „Justice for George Floyd“-Spruchband aufgehangen hatte. Im Januar 2021 kam es im Zuge einer <a href="https://ovd.info/news/2021/01/31/spisok-zaderzhannyh-na-akcii-v-podderzhku-alekseya-navalnogo-31-yanvarya-2021-goda">Solidaritätsveranstaltung</a> für Aleksej Nawalny zu einer erneuten Inhaftierung.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Verhaftungen russischer Oppositioneller nehmen zu</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Verhaftung von Lew Skorjakin ist kein Einzelfall: Die russische Staatsmacht geht immer härter gegen Oppositionelle vor, auch außerhalb Russlands. Bereits im Juni lieferte Kirgistan den Antikriegsaktivisten <a href="https://rus.azattyk.org/a/32448088.html">Alexej Rojkow</a> nach Russland aus. Ebenfalls im Juni wurde <a href="https://t.me/sotaproject/60655">Aljona Krylowa</a>, die ehemalige Pressesprecherin der russischen Gruppe „Für die Menschenrechte“, in Bischkek festgenommen. Aufgrund ihrer Beteiligung an der Bewegung „Linker Widerstand“ wird ihr von Russland Extremismus vorgeworfen.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/geflohene-russische-aktivistinnen-in-kirgistan-festgenommen/"><strong>Geflohene russische Aktivist:innen in Kirgistan festgenommen</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch im Zuge der russischen Emigration entstandene Organisationen sind in Kirgistan Repressionen ausgesetzt: <a href="https://www.instagram.com/p/Cy2N8UsoeSb/?img_index=1">Rubezh</a>, ein 2022 gegründetes Künstler:innenkollektiv, dem viele Geflüchtete angehören, hat wegen der intensivierten Zusammenarbeit zwischen Russland und Kirgistan bei der Verfolgung Oppositioneller und Kriegsdienstverweigerer seinen Sitz nach Georgien verlegt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gleiches gilt für Red Roof. Das Kollektiv bot Unterkünfte für Bedürftige an, insbesondere für Russen, die vor der Mobilisierung geflohen sind. Die kirgisischen Behörden überwachten die Mitglieder der Gruppe und drohten ihnen mit der Ausweisung.</p>


<p style="background-color: #d4d4d4;"><span style="color: #000000;">Lust auf Zentralasien in eurer Mailbox? Abonniert unseren kostenlosen wöchentlichen Newsletter <strong><span style="text-decoration: underline;"><a href="https://2ff41361.sibforms.com/serve/MUIFAD3kOVgHRZMEzVL0tQuvV__Lm5slYuTqY-DEgdyDpH9WazOpCwYD2CLbIZdPKxyD_Mnaw2SKMY78StG6vCfPNIE1HcIumNXgnjsKyqsb8MuZ5Ng1jN3cNsBhf4SSp2VDJAgy_38b6jiUL7aU6Y-RaIAVhUpNqW1tNwmWOB-8YcNp9LBWEk57rUlkszlx_tQ8qxYED63Sz6UU">mit einem Klick.</a></span></strong></span></p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Der Krieg in der Ukraine als Katalysator</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine am 24. Februar 2022 haben die Verhaftungen und Auslieferungen russischer Aktivist:innen in Kirgistan erhöhte Aufmerksamkeit erhalten. Im Gespräch mit Novastan sagte uns ein Experte, der anonym bleiben möchte, dass „<em>Russland einige Zeit gebraucht hat, um zu reagieren und Druck auf die kirgisischen Behörden auszuüben</em>“.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zahlreiche Vereinigungen in und außerhalb Russlands haben sich gegen den Krieg positioniert. Russischen Aktivist:innen und denjenigen, die vor der Mobilisierung flohen, wurde Unterstützung entgegengebracht. Doch erst seit Ende 2022 (nach Ankündigung der Teilmobilmachung in Russland) kam es, dem erwähnten Experten zufolge, zu Repressionen, um potentielle Deserteure abzuschrecken und die Bildung regierungskritischer Gruppen in der russischen Einflusssphäre zu verhindern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das erklärt sowohl die Verhaftungen linker Oppositioneller wie Aljona Krylowa oder Lew Skorjakin als auch die Schwierigkeiten, mit denen die Organisationen zu kämpfen haben, die sich gegen den Krieg positionieren.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Vertiefte Zusammenarbeit zwischen Kasachstan, Kirgistan und Russland</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Zahl der Verhaftungen in Kirgistan erklärt sich, laut dem Experten, auch dadurch, dass Kirgistan und Kasachstan mehr fliehende Russ:innen anziehen als die anderen Länder in der Region, die als autoritärer und repressiver wahrgenommen werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kirgistan/kirgistan-ziel-fuer-russinnen-auf-der-flucht/"><strong>Kirgistan: Ziel für Russ:innen auf der Flucht</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Beide Staaten bedienen sich verschiedener Instrumente, um die Fluchtbewegungen unter ihre Kontrolle zu bringen. Dazu gehört die Anwendung von Überwachungstechnologien: Mit dem euphemistisch „<a href="https://cabar.asia/en/how-road-conditions-in-bishkek-have-changed-after-the-implementation-of-safe-city-project#:~:text=In%20February%202019%2C%20the%20Ministry,and%20ensure%20safety%20of%20citizens.">Safe City</a>“ genannten Projekt hat Kirgistan ein umfassendes, von russischen und chinesischen Unternehmen entwickeltes Überwachungssystem im öffentlichen Raum implementiert. Wie die russische Nachrichtenagentur <a href="https://tass.ru/proisshestviya/17992237">TASS</a> berichtet, werden dabei neuerdings auch Gesichtserkennungsverfahren genutzt. <a href="https://www.rferl.org/a/china-kazakhstan-technology/30223745.html">Radio Free Europe</a> weist auf die Ausweitung der Gesichtserkennung im öffentlichen Raum auch in Kasachstan hin.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Sommer dieses Jahres hat Kirgistan zudem beschlossen, einem multilateralen Abkommen mit Russland und Kasachstan über den Austausch personenbezogener Daten der sich innerhalb ihrer Staatsgrenzen aufhaltenden Menschen beizutreten, schreibt <a href="https://www.themoscowtimes.com/2023/06/22/kazakhstan-and-kyrgyzstan-to-share-data-with-moscow-on-anti-war-russians-conscripts-a81594">The Moscow Times</a>. Das Abkommen ermöglicht den Geheimdiensten der drei Länder den Zugang zu persönlichen Adressen, Informationen über Zweitwohnsitze, die berufliche Tätigkeit oder das Strafregister der Bürger:innen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das französische, auf geheimdienstliche Aktivitäten spezialisierte Nachrichtenportal <a href="https://www.intelligenceonline.com/government-intelligence/2022/02/15/guided-by-the-fsb-nur-sultan-and-moscow-forge-closer-links,109734233-art">Intelligence Online</a> erinnert daran, dass der FSB immer noch einen gewissen Einfluss in Kasachstan und Kirgistan hat. Das neue Abkommen wird diesen Einfluss wohl eher noch vergrößern.</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Kiana Meghdadi, Redakteurin für Novastan</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem </strong><a href="https://novastan.org/fr/kirghizstan/kirghizstan-continue-dexpulser-militants-russes-vers-moscou/"><strong>Französischen</strong></a><strong> von Lucas Kühne</strong></p>


<p><span style="font-weight: 400;">Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen, schaut mal vorbei bei </span><a href="https://twitter.com/novastan_de"><span style="font-weight: 400;">Twitter</span></a><span style="font-weight: 400;">, </span><a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/"><span style="font-weight: 400;">Facebook</span></a><span style="font-weight: 400;">, </span><a href="https://telegram.me/novastan"><span style="font-weight: 400;">Telegram</span></a><span style="font-weight: 400;">, </span><a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/"><span style="font-weight: 400;">Linkedin</span></a><span style="font-weight: 400;"> oder </span><a href="https://www.instagram.com/novastanorg/"><span style="font-weight: 400;">Instagram</span></a><span style="font-weight: 400;">. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem </span><a href="http://eepurl.com/O0Qub"><span style="font-weight: 400;">wöchentlichen Newsletter anmelden</span></a><span style="font-weight: 400;">. </span></p>
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		<title>Kirgistan: Ziel für Russ:innen auf der Flucht</title>
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		<dc:creator><![CDATA[lkuehne]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 02 May 2022 16:34:58 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kirgistan]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Nach dem &#xDC;berfall Russlands auf die Ukraine haben viele Russ:innen ihre Heimat verlassen. Zentralasien wurde dabei schnell zur Drehscheibe russischer Emigration. Die Gr&#xFC;nde daf&#xFC;r sind sowohl praktischer wie &#xF6;konomischer Natur. Mehr und mehr russische Staatsb&#xFC;rger:innen wandern seit Beginn des Jahres nach Zentralasien aus. In den Statistiken hat sich das allerdings noch nicht niedergeschlagen: Das kirgisische [&#x2026;]</p>
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<p class="wp-block-paragraph"><strong>Nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine haben viele Russ:innen ihre Heimat verlassen. Zentralasien wurde dabei schnell zur Drehscheibe russischer Emigration. Die Gründe dafür sind sowohl praktischer wie ökonomischer Natur.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Mehr und mehr russische Staatsbürger:innen wandern seit Beginn des Jahres nach Zentralasien aus. In den Statistiken hat sich das allerdings noch nicht niedergeschlagen: Das kirgisische Ministerium für Digitale Entwicklung teilte der Nachrichtenagentur <a href="https://24.kg/obschestvo/227935_tsifra_dnya10tyisyach_357_rossiyan_zaregistrirovali_vkyirgyizstane_snachala_marta/">24.kg</a> mit, dass sich zwischen dem 1. Januar und dem 17. März 38.042 russische Staatsbürger:innen in dem zentralasiatischen Land registriert hätten. Nach Angaben des kirgisischen Onlinemediums <a href="https://www.akchabar.kg/ru/news/rossiyane-massovo-priezzhayut-v-kyrgyzstan-mincifry-predostavil-statistiku/">Akchabar</a> wurden im letzten Jahr zwischen Januar und März 41.953 Registrierungen gezählt.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><p style="background-color: #d4d4d4;"><span style="color: #000000;">Novastan ist das einzige deutschsprachige Nachrichtenmagazin über Zentralasien. Wir arbeiten auf Vereinsgrundlage und <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/werde-unser-mitglied-werde-novastan/"><strong>Dank eurer Teilnahme</strong></a>. Wir sind <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/unser-projekt/">unabhängig</a> und wollen es bleiben, dafür brauchen wir euch! Durch jede noch so kleine <strong><a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/spenden/">Spende</a></strong> helft ihr uns, weiter ein realitätsnahes Bild von Zentralasien zu vermitteln.</span></p></p>



<p class="wp-block-paragraph">Aktuell halten sich jedoch wahrscheinlich sehr viel mehr Russ:innen in Kirgistan auf, als von der Statistik erfasst werden. Das <a href="https://grs.gov.kg/ru/subord/drnags/registration/782-rieghistratsiia-inostrannykh-ghrazhdan-i-lits-biez/">kirgisische Gesetz</a> schreibt eine Registrierung nämlich nur dann vor, wenn man sich mehr als 30 Tage in dem Land aufhält. Emigrant:innen, die sich lediglich auf der Durchreise etwa nach Armenien, Georgien oder in die Türkei befinden oder die sich bisher einfach noch nicht registriert haben, werden in den offiziellen Zahlen folglich nicht berücksichtigt.</p>



<h5 class="wp-block-heading">Die Gründe für die Emigration sind vielfältig</h5>



<p class="wp-block-paragraph">Wer sind diese neuen Migrant:innen und was hat sie nach Zentralasien geführt? Novastan hat sich in Osch, im Süden Kirgistans, mit Betreiber:innen von Jugendherbergen und Russ:innen getroffen, um die Hintergründe besser zu verstehen. Ein Teil der Emigrierten gibt an, Russland aus politischen Gründen verlassen zu haben: Der Überfall Russlands auf die Ukraine stelle für sie einen Wendepunkt dar, auch wenn sie schon vor dem 24. Februar nicht mit der Politik des Kremls einverstanden gewesen sind. Der Krieg und die damit verbundenen Repressionen haben den Ausschlag für die Entscheidung zur Emigration gegeben. Sie sehen für sich in Russland keine Zukunft mehr. Unter ihnen sind viele Journalist:innen und Künstler:innen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viele Männer sind allerdings aus Angst vor dem drohenden Militärdienst geflohen. Nach Beobachtung von Novastan handelt es sich dementsprechend bei den meisten Russ:innen, die in letzter Zeit nach Zentralasien gekommen sind, entweder um junge Menschen ohne Familien oder um junge Familien mit kleinen Kindern. Für die Überrepräsentation dieser Altersgruppe gibt es aber auch soziale und ökonomische Gründe: Aika*, eine Betreiberin von Jugendherbergen in Osch, erzählt, dass ihren Schätzungen nach mehr als die Hälfte ihrer russischen Gäste in der IT-Branche beschäftigt sind oder es sich leisten können, mobil zu arbeiten. Die Auswanderung dieser sozialen Gruppe ist bedingt durch die gegen Russland verhängten Sanktionen, die eine schwierige Zukunft für die Mittelklasse erwarten lassen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch bei Novastan:</strong> <a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/der-krieg-in-der-ukraine-und-seine-folgen-fuer-zentralasien/">Der Krieg in der Ukraine und seine Folgen für Zentralasien</a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Wieder andere arbeiten für internationale Unternehmen und Organisationen. Aufgrund der Russland-Sanktionen konnten sie plötzlich nicht mehr auf ihre Gehaltszahlungen zugreifen. Teilweise sind sie dann nach Zentralasien gekommen, um hier ein neues Konto einzurichten, das sie für internationale Transaktionen nutzen können. So musste sich beispielsweise Pjotr*, der schon vor Jahren nach Lateinamerika ausgewandert ist, eigens nach Kirgistan begeben, um dort ein Bankkonto zu eröffnen, weil er in Mexiko, wo er momentan lebt, von seinem Konto, das immer noch in Rubel geführt wird, kein Geld mehr abheben und keine Überweisungen mehr tätigen kann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nicht zuletzt verlassen binationale Familien Russland aus Angst davor, von einem neuen Eisernen Vorhang auseinandergerissen zu werden. Davon zeugt etwa die Geschichte eines russisch-britischen Paares das von <a href="https://rus.azattyk.org/a/31746325.html">Radio Azattyk</a>, dem kirgisischen Dienst von Radio Free Europe, interviewt wurde. Ihre Befürchtungen scheinen sich zu bestätigen: Laut Aika wurden bereits Anfang April Buchungen von russischen Staatsbürger:innen storniert, weil es ihnen nicht mehr gelungen ist, die Grenze zu überqueren. Die Gründe für die Auswanderung nach Zentralasien sind also vielfältig. Ihre gemeinsame Ursache haben sie indessen in dem russischen Krieg gegen die Ukraine.</p>



<h5 class="wp-block-heading">Fluchtpunkt Kirgistan</h5>



<p class="wp-block-paragraph">Manchmal war die Abreise am Vortag noch nicht einmal geplant und vollzog sich dann überstürzt in dem Bewusstsein, dass es mit jedem Tag schwerer werden würde, dem russischen Boden zu entrinnen: Die Zahl möglicher Fluchtziele verringert sich, viele Linien verkehren nicht mehr oder immer seltener und die Kosten für ein Ticket steigen unablässig. Laut einem Gespräch, das <a href="https://www.sibreal.org/a/rossiyane-ekstrenno-emigriruyut/31742700.html">Sibir.Realii</a> – ein Projekt von Radio Svoboda, dem russischen Dienst von Radio Free Europe – mit russischen Emigrant:innen geführt hat, ist es seit dem 3. April für Russ:innen nicht mehr möglich nach Armenien, einem der beliebtesten Ziele, zu fliegen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch bei Novastan:</strong> <a href="https://novastan.org/de/tadschikistan/die-schwierige-situation-tadschikischer-arbeitsmigranten-in-russland/">Die schwierige Situation tadschikischer Arbeitsmigranten in Russland</a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Unter den widrigen Umständen ist es noch vergleichsweise einfach nach Zentralasien zu gelangen. Die Preise für die Flugtickets sind aufgrund der hohen Nachfrage zwar gestiegen. Taschkent und Bischkek, die Hauptstädte von Usbekistan und Kirgistan, sind aber weiterhin erreichbar. Hinzu kommt, dass in diesen Ländern in Rubel bezahlt werden kann und dass sie der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) angehören. Das bedeutet, dass Russ:innen hier ohne Visum einreisen können und dass auch ein mittel- oder langfristiger Aufenthalt ohne allzu große administrative Schwierigkeiten möglich ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gegenüber anderen zentralasiatischen Staaten hat Kirgistan den Vorteil, dass es in den großen Städten eine gute und von der Zensur nicht eingeschränkte Internetverbindung gibt. Wer mobil arbeiten möchte, lässt sich deshalb wahrscheinlich eher in Bischkek oder Osch nieder als in Usbekistan oder Kasachstan.</p>



<h5 class="wp-block-heading">Eine sich organisierende Gemeinschaft</h5>



<p class="wp-block-paragraph">Anfang März versuchten die Neuankömmlinge noch häufig, von Kirgistan aus in andere Länder weiterzureisen. Sie sind nur so lange in dem Land geblieben, wie es eben nötig war, um sich auszuruhen und die nächsten Schritte zu planen. Andere sind, nachdem sie ihr Konto in Kirgistan eröffnet und ihre neuen Bankkarte erhalten haben, wieder direkt nach Russland zurückgekehrt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Einen Monat später hat sich die Situation bereits verändert: „Die Russen verbringen einige Tage im Hotel, schauen sich die Stadt und Ololohaus [ein Coworking-Space im Stadtzentrum von Osch; Anm. d. Red.] an und testen die Internetverbindung. Einige entscheiden sich dann dazu hierzubleiben, zumal das Leben in Osch günstiger ist als in Bischkek.“ erklärt Aika.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dieser Prozess lässt sich in der Telegram-Gruppe nachvollziehen, die von Russ:innen gegründet wurde, die kürzlich in Kirgistan angekommen sind. Die Gruppe zählt rund 2.300 Mitglieder, die in dem Kanal Ratschläge und Informationen austauschen, zum Beispiel darüber, wie man die kirgisische Staatsbürger:innenschaft beantragt – ein Beleg dafür, dass einige von ihnen vorhaben, sich hier für längere Zeit niederzulassen.</p>



<h5 class="wp-block-heading">Wirtschaftliche Chancen für Kirgistan</h5>



<p class="wp-block-paragraph">Auch Kirgistan ist von den westlichen Sanktionen betroffen. Die Einwanderung aus Russland wird wirtschaftlich aber als Chance gesehen. Die Banken erhoffen sich dadurch neue Kund:innen und auch der Tourismussektor, der immer noch unter der Krise infolge der Pandemie leidet, hofft von der Entwicklung zu profitieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Russ:innen sorgen dafür, dass sich die Hotels wieder füllen und der Tourismus bis zu einem gewissen Grad wiederbelebt wird. Viele nutzen den Zwangsaufenthalt, um das Land zu besichtigen, bevor sie wieder abreisen beziehungsweise ihre neue Kreditkarte erhalten.</p>



<h5 class="wp-block-heading">Wohnungskrise in Sicht</h5>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt aber auch Stimmen, die gegen diese als zu großzügig empfundene Aufnahme protestieren und die der Meinung sind, Kirgistan bedürfe diese Einwanderungswelle nicht. Das betrifft übrigens nicht nur Russ:innen, sondern auch die zahlreichen Arbeitsmigranten, die seit Beginn des Kriegs in ihre Heimat zurückkehren.</p>



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		</p>



<p class="wp-block-paragraph">Neben den Folgen der westlichen Sanktionen, wie der Abwertung des Som, den steigenden Preisen und dem sinkenden Einkommen, ist Kirgistan von einer Wohnungsknappheit betroffen. Das ist vor allem in Bischkek der Fall. Nach Angaben des kirgisischen Onlinemediums <a href="https://kaktus.media/doc/456464_pochemy_v_bishkeke_vyrosla_v_cene_arenda_kvartir._rasskazyvaut_eksperty_po_nedvijimosti.html">Kaktus </a>stieg die Nachfrage nach Immobilien bereits in der Pandemie. Seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine und der dadurch ausgelösten Emigrationswelle, hat sich die Lage auf dem Wohnungsmarkt jedoch noch weiter verschärft: Während die kirgisischen Arbeitsmigranten aus Russland meist zu ihren Familien zurückkehren, die auf dem Land wohnen, bleiben die russischen Emigrant:innen in den Städten, weil sie auf eine stabile Internetverbindung angewiesen sind.</p>



<p class="wp-block-paragraph">*der Vorname wurde geändert.</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong><a href="https://novastan.org/de/author/paulivana/">Paulinon Vanackère</a>, Redakteurin für Novastan France</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem <a href="https://novastan.org/fr/kirghizstan/le-kirghizstan-destination-populaire-des-russes-fuyant-leur-pays/">Französischen</a> von <a href="https://novastan.org/de/author/lkuehne/">Lucas Kühne</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><p><span style="font-weight: 400;">Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen, schaut mal vorbei bei </span><a href="https://twitter.com/novastan_de"><span style="font-weight: 400;">Twitter</span></a><span style="font-weight: 400;">, </span><a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/"><span style="font-weight: 400;">Facebook</span></a><span style="font-weight: 400;">, </span><a href="https://telegram.me/novastan"><span style="font-weight: 400;">Telegram</span></a><span style="font-weight: 400;">, </span><a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/"><span style="font-weight: 400;">Linkedin</span></a><span style="font-weight: 400;"> oder </span><a href="https://www.instagram.com/novastanorg/"><span style="font-weight: 400;">Instagram</span></a><span style="font-weight: 400;">. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem </span><a href="http://eepurl.com/O0Qub"><span style="font-weight: 400;">wöchentlichen Newsletter anmelden</span></a><span style="font-weight: 400;">. </span></p></p>
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		<title>Die EU ist bereit, Afghanistans Nachbarn 600 Millionen Euro für die Aufnahme von Geflüchteten zu zahlen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Nerphalone Saint-Rival]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 09 Sep 2021 16:59:05 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Kirgistan]]></category>
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		<category><![CDATA[Zentralasien & Europa]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Nach der Macht&#xFC;bernahme der Taliban in Afghanistan haben sich die Innenminister:innen der Europ&#xE4;ischen Union zu einer Dringlichkeitssitzung in Br&#xFC;ssel getroffen, um einen Plan f&#xFC;r die Aufnahme Gefl&#xFC;chteter auszuarbeiten. Die EU verl&#xE4;sst sich darauf, dass Nachbarl&#xE4;nder wie Usbekistan oder Tadschikistan afghanische Gefl&#xFC;chtete bei sich aufnehmen. Die Europ&#xE4;ische Union (EU) will einen Zustrom von Migrant:innen nach Europa [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong>Nach der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan haben sich die Innenminister:innen der Europäischen Union zu einer Dringlichkeitssitzung in Brüssel getroffen, um einen Plan für die Aufnahme Geflüchteter auszuarbeiten. Die EU verlässt sich darauf, dass Nachbarländer wie Usbekistan oder Tadschikistan afghanische Geflüchtete bei sich aufnehmen. </strong> </p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Europäische Union (EU) will einen Zustrom von Migrant:innen nach Europa um jeden Preis verhindern. Am 31. August hielten die EU-Innenminister:innen ein Treffen ab, um über die Aufnahme afghanischer Migrant:innen zu diskutieren. Nach Angaben der <a href="https://www.ft.com/content/c3688ac7-f7e0-473c-98ea-91735e3278d5">Financial Times</a> haben einige EU-Behörden ihre Befürchtung geäußert, dass die Situation in Afghanistan eine ähnliche Migrationsbewegung wie 2015 durch den Krieg in Syrien auslösen wird. </p>


<p style="background-color: #d4d4d4;"><span style="color: #000000;">Novastan ist das einzige deutschsprachige Nachrichtenmagazin über Zentralasien. Wir arbeiten auf Vereinsgrundlage und <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/werde-unser-mitglied-werde-novastan/"><strong>Dank eurer Teilnahme</strong></a>. Wir sind <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/unser-projekt/">unabhängig</a> und wollen es bleiben, dafür brauchen wir euch! Durch jede noch so kleine <strong><a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/spenden/">Spende</a></strong> helft ihr uns, weiter ein realitätsnahes Bild von Zentralasien zu vermitteln.</span></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Die Europäische Union und ihre Mitgliedstaaten sind entschlossen, gemeinsam zu handeln, um eine Wiederholung der illegalen Migrationsbewegungen der Vergangenheit zu verhindern&#8220;</em>, heißt es in der am Dienstagabend veröffentlichten <a href="https://www.consilium.europa.eu/fr/press/press-releases/2021/08/31/statement-on-the-situation-in-afghanistan/">gemeinsamen Erklärung</a> der Innenminister:innen. <em>„Jeder möchte eine Situation wie 2015 vermeiden“</em>, sagte <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ylva_Johansson">Ylva Johansson</a>, EU-Kommissarin für Inneres, nach dem Treffen. Laut Financial Times will die EU daher den Nachbarländern Afghanistans finanzielle Unterstützung in Höhe von 600 Millionen Euro für die Unterbringung afghanischer Flüchtlinge anbieten. Dies könnte bedeuten, dass Brüssel Pakistan und möglicherweise auch Usbekistan und Tadschikistan Geld zur Verfügung stellt. Der Iran, der internationalen Sanktionen unterliegt, könnte ebenfalls davon profitieren. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/zentralasien-bewahrt-angesichts-der-machtuebernahme-der-taliban-die-ruhe/"><strong>Zentralasien bewahrt angesichts der Machtübernahme der Taliban die Ruhe</strong></a> </p>



<p class="wp-block-paragraph">Zwar hat die EU noch keine konkrete Entscheidung getroffen, allerdings umfasst der europäische Finanzrahmen für den Zeitraum 2021-2027 laut Financial Times 80 Milliarden Euro. <em>„Ich glaube nicht, dass das Geld das Problem sein wird&#8220;</em>, sagte <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Margaritis_Schinas">Margaritis Schinas</a>, Vizepräsident der Europäischen Kommission, gegenüber der britischen Tageszeitung. </p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Ein Deal wie mit der Türkei?</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph"> Der Bericht der Financial Times erschien zwei Tage nach einem Interview, das der Hohe Vertreter der EU für Außenpolitik, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Josep_Borrell">Josep Borrel</a>, der italienischen Tageszeitung <a href="https://www.corriere.it/english/21_agosto_30/borrell-afghanistan-was-catastrophe-europe-must-share-responsibility-3c8a0f46-08f2-11ec-92ce-f1aac6dc2317.shtml">Corriere della Serra</a> gegeben hatte. Das Wichtigste sei laut Borrell, die Zusammenarbeit mit den Nachbarn Afghanistans zu stärken. <em>„Ohne eine starke Zusammenarbeit geht nichts&#8220;</em>, sagte er im Interview. Die EU könnte sich dabei vom <a href="https://www.consilium.europa.eu/de/press/press-releases/2016/03/18/eu-turkey-statement/">Abkommen</a> zwischen der EU und der Türkei von 2016 inspirieren lassen, um afghanische Geflüchtete auf Distanz zu halten. Die EU hatte damals 6 Milliarden Euro zur Verfügung gestellt, damit Ankara weiterhin 3,5 Millionen Syrer:innen aufnahm. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kasachstan/die-eu-und-zentralasien-wollen-ihre-zusammenarbeit-vertiefen/"><strong>Die EU und Zentralasien wollen ihre Zusammenarbeit vertiefen </strong></a> </p>



<p class="wp-block-paragraph">Bundesinnenminister Horst Seehofer forderte seinerseits, die EU müsse schnell handeln, um <em>„ein weiteres Versagen des Westens&#8220;</em> zu vermeiden, berichtet die Financial Times. Er erwarte, dass die Europäische Kommission die Nachbarländer nachdrücklich unterstütze, teilte er Reporter:innen bei seiner Ankunft am 31. August mit. </p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Wenig Aufnahmebereitschaft in Zentralasien</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph"> Einige europäische Länder haben die Idee aufgeworfen, dass Tadschikistan, Usbekistan oder sogar Kasachstan eine große Anzahl afghanischer Migrant:innen aufnehmen könnten. Wie die amerikanische Nachrichtenagentur <a href="https://cabar.asia/ru/strany-tsentralnoj-azii-ne-gotovy-prinimat-bezhentsev-iz-afganistana">Cabar</a> berichtet, findet diese Idee jedoch nicht die Unterstützung der zentralasiatischen Regierungen. Lediglich Tadschikistan hat zugestimmt, seine Türen vorübergehend <a href="https://eurasianet.org/tajikistan-temporarily-takes-in-around-1000-afghan-refugees">für 1.000 Flüchtende</a> zu öffnen. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/tadschikistan/afghanistankrise-bundesaussenminister-maas-zu-gast-in-usbekistan-und-tadschikistan/"><strong>Afghanistankrise: Bundesaußenminister Maas zu Gast in Usbekistan und Tadschikistan</strong></a> </p>



<p class="wp-block-paragraph">Die kasachstanischen und usbekischen Behörden haben hingegen klar ihre Weigerung zum Ausdruck gebracht, Flüchtende aus Afghanistan auf ihrem Territorium aufzunehmen. Am 31. August <a href="https://mfa.uz/ru/press/news/2021/informacionnoe-soobschenie-press-sluzhby-mid-respubliki-uzbekistan---30215">dementierte</a> das usbekische Außenministerium die Behauptung, dass Usbekistan bereit sei, <em>„seine Grenzen für Menschen zu öffnen, die vor dem Taliban-Regime in Afghanistan fliehen&#8220;</em>. Der Sprecher des kasachstanischen Außenministeriums, Aıbek Smadiıarov, erklärte gegenüber der russischen Nachrichtenagentur <a href="https://tass.ru/mezhdunarodnaya-panorama/12132871">TASS</a>, dass sein Land nicht plane, afghanische Flüchtlinge aufzunehmen. Kirgistan hat sich unterdessen bereit erklärt, 500 „Studierenden“-Visa an junge Afghan:innen zu vergeben [<a href="https://novastan.org/fr/kirghizstan/avec-larrivee-des-talibans-le-kirghizstan-propose-des-visas-etudiant-aux-afghans/">fr</a>/<a href="https://kloop.kg/blog/2021/08/16/kyrgyzstan-gotov-vydat-vizy-dlya-afganskih-studentov-iz-za-situatsii-s-talibanom-glava-gknb/">ru</a>]. </p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Tadschikistan zur Aufnahme bereit</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">
Zwischen Tadschikistan und Europa scheinen Verhandlungen jedoch&nbsp;nicht ausgeschlossen. So berichtet <a href="https://asiaplustj.info/ru/news/tajikistan/politics/20210902/tadzhikistan-zayavil-chto-ne-smozhet-prinyat-massovii-potok-afganskih-bezhentsev">Asia-Plus</a>, dass Tadschikistans Innenminister Ramason Rahimsoda am 1. September den Vertreter des Hohen Flüchtlingskommissariats der Vereinten Nationen (<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Hoher_Flüchtlingskommissar_der_Vereinten_Nationen">UNHCR</a>) Mulugeta Zewdie empfangen hat. Während des Gesprächs wurde unter anderem die Frage der potentiellen Aufnahme und Unterbringung afghanischer Geflüchteter auf dem Territorium Tadschikistans besprochen.

</p>


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<p class="wp-block-paragraph">

Während des Treffens sagte Rahimsoda, dass Tadschikistan in den letzten 15 Jahren mehr als 15.000 Geflüchtete aus Afghanistan aufgenommen habe. Er fügte hinzu, dass nach der Machtergreifung der Taliban rund 5.000 afghanische Soldaten die Grenze nach Tadschikistan überschritten hätten. Dabei habe in den letzten 20 Jahren keine internationale Organisation dabei geholfen, eine Infrastruktur für die Aufnahme potenzieller Flüchtlinge aus Afghanistan zu schaffen. <em>„Vor diesem Hintergrund wird Tadschikistan keinen massiven Zustrom afghanischer Geflüchteter aufnehmen können&#8220;</em>, betonte der Minister.
</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Nerphalone Saint-Rival, Redakteurin für Novastan</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem </strong><a href="https://novastan.org/fr/europe-et-asie-centrale/lue-serait-prete-a-verser-600-millions-deuros-aux-voisins-de-lafghanistan-pour-accueillir-les-refugies/"><strong>Französischen</strong></a><strong> von Robin Roth</strong></p>


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		<title>Ein Paar Ohrringe für eine Wohnung</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Gisela Zeindlinger]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 19 Dec 2020 17:56:22 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Tadschikistan]]></category>
		<category><![CDATA[Emigration]]></category>
		<category><![CDATA[Flucht]]></category>
		<category><![CDATA[Rückkehr]]></category>
		<category><![CDATA[Tadschikischer Bürgerkrieg]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die Geschichte von zwei Freundinnen, die aufgrund des Kriegs aus Tadschikistan flohen und die Republik nach 26 Jahren wieder besuchten. Der folgende Artikel von Alija Chamidullina erschien am 5. September 2020 auf Fergana. Wir &#xFC;bersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion. Durch den Zerfall der Sowjetunion und den beginnenden B&#xFC;rgerkrieg in Tadschikistan (1992-1997) waren viele [&#x2026;]</p>
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<p class="wp-block-paragraph"><strong>Die Geschichte von zwei Freundinnen, die aufgrund des Kriegs aus Tadschikistan flohen und die Republik nach 26 Jahren wieder besuchten. Der folgende Artikel von Alija Chamidullina erschien am 5. September 2020 auf <a href="https://fergana.site/articles/120376/">Fergana</a>. Wir übersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Durch den <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Zerfall_der_Sowjetunion">Zerfall der Sowjetunion</a> und den beginnenden <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Tadschikischer_B%C3%BCrgerkrieg">Bürgerkrieg in Tadschikistan</a> (1992-1997) waren viele russischsprachige Einwohner der Republik gezwungen, diese zu verlassen. Die Angst um die eigene Sicherheit sowie um die Zukunft der Kinder veranlasste viele Leute dazu, ins Blaue aufzubrechen und ihre gut ausgestatteten Wohnungen zurückzulassen. Auch ein großer Teil der ursprünglich ansässigen Bevölkerung floh in diesen unsicheren Jahren aus der Republik. Während des Krieges war es praktisch unmöglich, die eigene Wohnung zu verkaufen. Flüchtlinge und Emigranten hinterließen ihr Zuhause für bessere Zeiten. Wenn sie dann nach einigen Jahren in die Heimat zurückkehrten, fanden sie in ihren Wohnungen Leute vor, die sich eigenmächtig zu neuen BewohnerInnen gemacht hatten.</p>


<p style="background-color: #d4d4d4;"><span style="color: #000000;">Novastan ist das einzige deutschsprachige Nachrichtenmagazin über Zentralasien. Wir arbeiten auf Vereinsgrundlage und <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/werde-unser-mitglied-werde-novastan/"><strong>Dank eurer Teilnahme</strong></a>. Wir sind <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/unser-projekt/">unabhängig</a> und wollen es bleiben, dafür brauchen wir euch! Durch jede noch so kleine <strong><a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/spenden/">Spende</a></strong> helft ihr uns, weiter ein realitätsnahes Bild von Zentralasien zu vermitteln.</span></p>



<p class="wp-block-paragraph">Solche Fälle gab es zu Hunderten, und die tatsächlichen EigentümerInnen mussten vor Gericht gehen, um ihre Immobilie zurückzubekommen. Aber es gab auch jene AussiedlerInnen, die ihr Zuhause einfach aufgaben oder es für einen Spottpreis verkauften. Zu diesen gehörten auch die Familien der zwei Freundinnen Tatjana Berger und Natalja Schunenkowa. Sie erzählten „Fergana“ wie sie aus Tadschikistan weggefahren und nach 26 Jahren wieder in die Heimat zurückgekommen sind.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Unfreiwillige Ausreise</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">In den 1970er Jahren wurden die Eltern von Tatjana und Natalja nach <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Istiqlol">Taboschar</a> (heute Istiqlol), eine <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Geschlossene_Stadt">geschlossene</a> Kleinstadt im Norden Tadschikistans, entsandt, um dort als JungabsolventInnen in einem Unternehmen zu arbeiten. Das Unternehmen „Sarja Wostoka“, das in der Rüstungsindustrie tätig war und Raketenteile produzierte, benötigte damals dringend MitarbeiterInnen und stellte den ExpertInnen alles Notwendige zur Verfügung: komfortable Wohnungen, Kindergarten- und Schulplätze, Urlaubsreisen an Erholungsorte. Über die Tätigkeit der Firma wusste kaum jemand Bescheid. <em>„Wir produzieren Souvenirs.“</em> So empfahl die Unternehmensleitung von „Sarja Wostoka“ ihren MitarbeiterInnen auf die neugierigen Fragen Einheimischer zu antworten.</p>



<div class="wp-block-jetpack-slideshow aligncenter" data-effect="slide"><div class="wp-block-jetpack-slideshow_container swiper-container"><ul class="wp-block-jetpack-slideshow_swiper-wrapper swiper-wrapper"><li class="wp-block-jetpack-slideshow_slide swiper-slide"><figure><img fetchpriority="high" decoding="async" width="920" height="644" alt="Junge Familien kommen nach Taschobar, um die Stadt zu entwickeln. Foto aus dem Privatarchiv der Freundinnen" class="wp-block-jetpack-slideshow_image wp-image-24546" data-id="24546" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-1.jpeg" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-1.jpeg 920w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-1-300x210.jpeg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-1-768x538.jpeg 768w" sizes="(max-width: 920px) 100vw, 920px" /><figcaption class="wp-block-jetpack-slideshow_caption gallery-caption">Junge Familien kommen nach Taschobar, um die Stadt zu entwickeln. Foto aus dem Privatarchiv der Freundinnen</figcaption></figure></li><li class="wp-block-jetpack-slideshow_slide swiper-slide"><figure><img decoding="async" width="920" height="644" alt="Die Erstklässlerinnen Tanya Berger und Natasha Shunenkova werden in die Oktobristen aufgenommen. Foto aus dem Privatarchiv der Freundinnen" class="wp-block-jetpack-slideshow_image wp-image-24547" data-id="24547" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-2.jpeg" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-2.jpeg 920w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-2-300x210.jpeg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-2-768x538.jpeg 768w" sizes="(max-width: 920px) 100vw, 920px" /><figcaption class="wp-block-jetpack-slideshow_caption gallery-caption">Die Erstklässlerinnen Tanya Berger und Natasha Shunenkova werden in die Oktobristen aufgenommen. Foto aus dem Privatarchiv der Freundinnen</figcaption></figure></li></ul><a class="wp-block-jetpack-slideshow_button-prev swiper-button-prev swiper-button-white" role="button"></a><a class="wp-block-jetpack-slideshow_button-next swiper-button-next swiper-button-white" role="button"></a><a aria-label="Pause Slideshow" class="wp-block-jetpack-slideshow_button-pause" role="button"></a><div class="wp-block-jetpack-slideshow_pagination swiper-pagination swiper-pagination-white"></div></div></div>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Damals, in der Nachkriegszeit, wurden Deutsche, die aus Polen und der Ukraine vertrieben wurden, nach Taboschar geschickt, um Uran abzubauen. Mein Großvater war einer von ihnen“</em>, erzählt Tatjana Berger. <em>„Meine Mutter ist nach Abschluss ihres Studiums in <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kemerowo">Kemerowo</a> als junge Expertin hierhergekommen und lernte bei der Arbeit in der Fabrik ihren zukünftigen Ehemann, meinen Vater, kennen. Mein Vater ist ein ortsansässiger Einwohner Taboschars. Als meine Eltern heirateten, bekamen sie zunächst ein Zimmer im Wohnheim und als ich – ihr erstes Kind – zur Welt kam, wurde ihnen eine Zweizimmerwohnung zugeteilt. Nachdem 1982 dann mein Bruder geboren wurde, bekamen wir eine geräumige Dreizimmerwohnung, in der wir bis zu unserer Ausreise wohnten.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/tadschikistan/erinnerungen-an-den-burgerkrieg-die-redakteurin-sebo-tadschibajewa-13/">Erinnerungen an den tadschikischen Bürgerkrieg: “Die Kugeln fliegen schneller, als man rennen kann” (1/3)</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Tatjanas Worten zufolge lebten bis zu Beginn der 90er Jahre hunderte solcher Familien in Taboschar. Sie arbeiteten, heirateten, schmiedeten Pläne für die kommenden Jahre und ihr zukünftiges Leben in ihrer geliebten Stadt, die für viele zur zweiten Heimat geworden war.</p>


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<p class="wp-block-paragraph"><em>„Wir dachten überhaupt nicht daran wegzufahren, es ging uns gut in Tadschikistan. Wir führten ein, so schien es uns, geglücktes Leben: sichere und hochdotierte Arbeit, gut ausgestattete Wohnungen, zufriedenstellende Lebensbedingungen. Ich war dabei die Schule abzuschließen und dachte über meine Studienpläne nach. Aber der Krieg änderte alles. Alle begannen auszureisen – nach Russland, Deutschland, Israel. Meine Eltern machten sich Sorgen, dass es gefährlich werden könne, und ihr Schutzinstinkt brachte sie dazu, sich für einen baldigen Umzug zu entscheiden. Ich kann mich noch sehr gut an diese allgemeine Panik erinnern: die Leute waren in Hektik, man musste schnell entscheiden, wohin. Man begann sich an Verwandte, auch weit entfernte, zu erinnern, um nur irgendwie wegfahren zu können. Hauptsache weit weg vom Chaos dieser Zeit“</em>, erinnert sich Berger.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img decoding="async" width="800" height="500" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-3.jpeg" alt="Familie Berger. Foto aus dem Privatarchiv" class="wp-image-24549" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-3.jpeg 800w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-3-300x188.jpeg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-3-768x480.jpeg 768w" sizes="(max-width: 800px) 100vw, 800px" /><figcaption>Familie Berger. Foto aus dem Privatarchiv</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Wie tausende andere flüchtete Tatjanas Familie ins Unbekannte. An nur einem Tag luden die Bergers alle Möbel in einen LKW-Container. Vieles mussten sie zurücklassen, da ihnen statt eines Containers mit zehn Tonnen lediglich einer mit fünf Tonnen Kapazität zur Verfügung stand. Tatjana erinnert sich, wie sie in der möblierten Wohnung einschlief und die Wohnung beim Aufwachen bereits halb leer war. Traurig fuhr die Familie los. In Tadschikistan ließ sie ein Stück von sich zurück, die Liebe und Verbindung zu den Orten der Heimat. Das Leben teilte sich in ein „davor“ und „danach“.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im November 1992 machte sich Tatjana mit ihrem Vater auf den Weg nach Kemerowo. Dort sollte nach zwei Wochen auch der Container mit ihren Möbeln und anderen Sachen ankommen. Die Familie sollte bei der Großmutter wohnen, der einzigen Verwandten, die Tatjanas Mutter noch in Russland hatte. Sie hatte nur eine kleine Zweizimmerwohnung, weshalb die Familie beschloss, nicht sofort gemeinsam zu kommen. Und die Mutter musste mit ihrem Unternehmenohnehin noch die Frage der Kündigung klären. Deshalb blieb sie mit Tatjanas kleinem Bruder noch einige Zeit in Taboschar. Kurze Zeit später, im Februar 1993, wurde die Familie wieder vereint und begann sich am neuen Wohnort einzuleben.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Aufgeben</strong><strong> </strong><strong>oder</strong><strong> </strong><strong>für</strong><strong> </strong><strong>einen</strong><strong> </strong><strong>Spottpreis hergeben</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach einem Jahr fuhren Tatjanas Eltern während ihres Urlaubs nach Taboschar, um die Wohnung, die sie privatisieren lassen hatten und die sich noch in ihrem Eigentum befand, zu verkaufen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Gleich nach ihrer Ankunft hatten sie ein unerwartetes Erlebnis. Sie fanden die Eingangstür unserer Wohnung an einer Wohnung in einem anderen Stock vor. Nachdem sie die Bewohner nach dem Grund dafür gefragt hatten, hörten sie folgende Erklärung: „Sie sind ja weggefahren und haben die Wohnung zurückgelassen. Wozu brauchen Sie dann eine gute Tür? Unsere Tür ist schon sehr alt und so haben wir sie ausgetauscht.“ Meine Eltern wussten nicht, was sie sagen sollten“</em>, erzählt Tatjana.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="496" height="310" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-4.jpeg" alt="So verließen Tatjana und Natalja Taboschar. Foto aus dem Privatarchiv der Freundinnen" class="wp-image-24551" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-4.jpeg 496w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-4-300x188.jpeg 300w" sizes="auto, (max-width: 496px) 100vw, 496px" /><figcaption> So verließen Tatjana und Natalja Taboschar. Foto aus dem Privatarchiv der Freundinnen </figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Plünderungen und Diebstähle in den zurückgelassenen Wohnungen waren in dieser Zeit eine alltägliche Erscheinung. Viele Leute bekamen ihre Wohnungen von den Unternehmen, für die sie arbeiteten, gestellt, sie galten also als Dienstwohnungen. Nicht alle hatten die Möglichkeit noch einmal zurückzukehren, um die Wohnung privatisieren zu lassen und zu verkaufen. Allerdings gab es ohnehin kaum potenzielle KäuferInnen; aufgrund des Krieges und der Wirtschaftskrise kam es zur Massenarbeitslosigkeit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Urlaub ging dem Ende zu und es blieben nur zwei Lösungen: Die Wohnung zurücklassen oder sie für einen Spottpreis hergeben. Da es unmöglich schien, später noch einmal nach Taboschar zu kommen, blieb nichts anderes übrig, als das Angebot des zu diesem Zeitpunkt einzigen aufgetauchten Interessenten anzunehmen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Wohnung wurde gegen ein Paar goldene Ohrringe und ein bisschen Bargeld als Aufzahlung eingetauscht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Geld reichte genau dafür aus, um die Ausgaben für die Rückfahrt zu decken.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Diese Ohrringe mit gelbem Bernstein haben wir bis heute noch. Wir tragen sie nicht und werden das wahrscheinlich auch nie tun. Sie sind ziemlich altmodisch</em>“, lächelt Tatjana. <em>„Ich denke, diese Reliquie wird von Generation zu Generation weitergegeben werden – gemeinsam mit der Erzählung ihrer Geschichte. Meine Tochter liebt die Geschichten meiner Mutter über diese unvergessenen Zeiten ihres Lebens in Taboschar. Nicht eine Zusammenkunft vergeht bei uns ohne eine dieser Erinnerungen. Das war eine einzigartige, glückliche Zeit und Taboschar ist für immer in unseren Herzen.&#8220;</em></p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="496" height="369" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-5.jpeg" alt="Die Goldohrringe mit Bernstein. Foto aus dem Privatarchiv der Freundinnen" class="wp-image-24552" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-5.jpeg 496w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-5-300x223.jpeg 300w" sizes="auto, (max-width: 496px) 100vw, 496px" /><figcaption>Die Goldohrringe mit Bernstein. Foto aus dem Privatarchiv der Freundinnen</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Berger erinnert sich daran, dass ihr geliebtes Klavier keinen Platz im Container fand. Da das Musizieren ihre Lieblingsbeschäftigung war, machte sie sich deshalb viele Gedanken. Als sie sich schon damit abgefunden hatte, dass das ihr so teure Instrument die neuen Wohnungsbesitzer bekommen würden, nahm das Schicksal des Klaviers – im Gegensatz zur Wohnung – doch noch eine bessere Wendung.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Klaviere der Marke ‚Lyrika‘ hatten einen guten Ruf unter Musikern und waren für ihren angenehmen Klang bekannt. Das Klavier wurde von <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Wolgadeutsche">Deutschen</a> gekauft, die von Taboschar nach Deutschland emigrierten. Ich bin sehr froh, dass das Instrument in seiner tatsächlichen Bestimmung zum Einsatz kam. Schlimmstenfalls wäre sein Los gewesen, als Brennholz verkauft zu werden oder als unnützes Zeug herumzustehen“</em>, sagt Tatjana.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der Familie Schunenkow gibt es auch eine Geschichte in Zusammenhang mit dem Verkauf ihrer Wohnung. Der eilige Umzug aus dem sonnigen Tadschikistan nach Sibirien hatte Einfluss auf das Ergebnis dieses Geschäfts. Natalja – damals ein junges Mädchen – hatte keine warme Jacke. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihre Eltern tauschten die Wohnung gegen einen Pelzmantel ein, in dem Natalja nach Russland fuhr.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="496" height="310" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-6.jpeg" alt="Tatjana und Natalja im Taboscharer Kulturhaus. Foto aus dem Privatarchiv der Freundinnen" class="wp-image-24553" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-6.jpeg 496w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-6-300x188.jpeg 300w" sizes="auto, (max-width: 496px) 100vw, 496px" /><figcaption>Tatjana und Natalja im Taboscharer Kulturhaus. Foto aus dem Privatarchiv der Freundinnen</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Der Pelzmantel war der einzige ‚wertvolle‘ Gegenstand, der uns von den Käufern für unsere Wohnung in Taboschar angeboten wurde. Es stellte sich allerdings heraus, dass dieser Mantel aus irgendeinem undefinierbaren Tierfell war. Später sagte uns jemand, es wäre Hundefell. Ich erinnere mich, dass wir im Zug saßen und mich ständig irgendetwas gebissen hat. Das waren Flöhe. Später habe ich einen neuen Mantel bekommen, und von dem alten haben wir uns erfolgreich getrennt. In dieser Hinsicht hatte Tanja mehr Glück: Immerhin ist ihr irgendein Erinnerungsstück an die alte Wohnung geblieben</em>“, lacht Natalja.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Wiedersehen mit der Stadt der Kindheit</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Heute erzählen Tatjana und Natalja diese Geschichten mit einem Lächeln, aber damals, Anfang der 1990er, war alles viel dramatischer. Familien verloren einen Teil ihres erwirtschafteten Vermögens und standen praktisch ohne ein Dach über dem Kopf da. Kränkungen gebe es keine, sagen die Frauen: Damals waren alle in einer schwierigen Lage. Auch viele tadschikische Familien mussten ihre Heimat verlassen und ihren gesamten Besitz zurücklassen. Darüber hinaus wollten die Freundinnen all diese Jahre über nach Tadschikistan fahren und die Orte besuchen, wo sie die besten Momente ihrer Kindheit erlebten.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/tadschikistan/warum-breschnew-millionen-in-nurek-staudamm-in-tadschikistan-investierte/">Warum Breschnew Millionen in den Nurek-Staudamm in Tadschikistan investierte</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Reise nach Taboschar war bei den Frauen oft Gesprächsthema. Von jeder Gehaltszahlung legten sie eine kleine Summe in eine Schachtel mit der Aufschrift „Für Taboschar“. Die Freundinnen reisten in Gedanken oft in jene Zeit zurück. Sie versuchten sich vorzustellen, wie die Stadt jetzt aussah, wer in ihren damaligen Wohnungen lebte, oder ob jemand von den Alteingesessenen geblieben ist?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und schließlich, nach 26 Jahren, erfüllten sich Tatjana und Natalja, die nun im Oblast Kemerowo leben, ihren Traum und fuhren nach Taboschar.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="496" height="310" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-7.jpeg" alt="Die frühere Wohnung der Familie Berger im 4. Stock. Foto aus dem Privatarchiv" class="wp-image-24554" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-7.jpeg 496w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-7-300x188.jpeg 300w" sizes="auto, (max-width: 496px) 100vw, 496px" /><figcaption>Die frühere Wohnung der Familie Berger im 4. Stock. Foto aus dem Privatarchiv</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Es war ein sehr bewegender Moment, als wir über die Treppe vom Flugzeug hinuntergingen und auf tadschikischen Boden stiegen. Wir atmeten die frische Luft ein, diese unglaubliche Luft, vermischt mit dem Duft aller möglichen Blumen und dem Geruch des in der Sonne glühenden Asphalts. Wir waren überglücklich. Am liebsten hätten wir den Boden der Heimat geküsst. Dieses einzigartige Gefühl, als ob du das ganze Leben lang nur für diesen Moment gelebt hättest. Jenen, die keine Trennung von ihrer Heimat erleben mussten, wird es schwerfallen, diese Gefühle zu verstehen“</em>, erinnert sich Tatjana.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Frauen erzählen, wie sie auf dem Weg nach Taboschar versuchten, jeden Moment einzufangen und ganz unbeabsichtigt ihre Kindheitserinnerungen mit den aktuellen Gegebenheiten verglichen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Die gleichen Bäume entlang des Straßenrands, die gleichen grünen Wiesen mit gelbem Löwenzahn, die gleichen plätschernden Bächlein. Aber an der Stadteinfahrt stach uns gleich das Schild ins Auge, auf dem schon der neue Name stand: „Willkommen in Istiqlol“. Auch der Hauptplatz hatte sich verändert. Statt der Leninstatue steht da nun ein schönes Denkmal mit dem Wappen“</em>, erzählt Natalja.<em> „Die Stadt ist nach wie vor eine grüne Stadt geblieben. Wir waren erfreut, dass es überall wunderbar nach Blumen duftet. Die bekannten deutschen Steinhäuser erhielten das einzigartige Erscheinungsbild der Stadt.“</em></p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="496" height="310" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-8.jpeg" alt="Tatjana vor dem Haus ihrer Großmutter. Foto aus dem Privatarchiv" class="wp-image-24555" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-8.jpeg 496w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-8-300x188.jpeg 300w" sizes="auto, (max-width: 496px) 100vw, 496px" /><figcaption>Tatjana vor dem Haus ihrer Großmutter. Foto aus dem Privatarchiv</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Unser Traum wurde wahr! Zuerst fuhren wir gleich in unseren Stadtteil. Tanjas und mein Haus waren in der Nachbarschaft. Wir erkannten die Häuser nicht gleich. Es war so ein Gefühl, als ob sie niedriger geworden wären. Die Innenhöfe waren leer. Dabei war unser Hof ständig voll mit Kindern bei den Schaukeln, Sandkisten und Rutschen. Jetzt gibt es nichts mehr davon. Mich überkam sofort ein tiefes Gefühl der Traurigkeit und Nostalgie nach diesen glücklichen Zeiten. Gleichzeitig empfand ich eine große Freude darüber, dass ich unser Haus wiedersehen konnte, welches wir auf der Suche nach einem besseren Leben zurücklassen mussten. Unsere Wohnungen stehen zum Glück nicht leer, davon zeugten die Vorhänge hinter den Fenstern“</em>, fährt Natalja fort.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Freundinnen blieben drei Tage in Taboschar. Sie übernachteten bei einem Schulkollegen von Nataljas jüngerem Bruder, der sie die ganze Zeit über begleitete.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Wir sind fast die ganze Stadt abgegangen. Wir spazierten die bekannten Straßen entlang und besuchten für uns persönlich wichtige Orte: das Haus meiner Oma, das Stadion, den See, das Kulturhaus, den Park, den Markt“</em>, erzählt Tatjana. <em>„Von der europäischen Bevölkerung ist praktisch niemand übriggeblieben. Aber es ist erfreulich, dass fast alle Einwohner fließend Russisch sprechen und wir überhaupt keine Sprachbarriere fühlten. Die Stadt lebt weiterhin ihr Leben, wenn auch nicht so ein aktives wie früher. Als wir schon auf dem Rückweg waren, saß ich im Flugzeug und dachte über unsere Reise nach, die schlussendlich zustande gekommen ist. Und plötzlich erkannte ich, dass ich in mir so ein Gefühl der Unvollständigkeit trug. Als ob ich irgendetwas nicht vollendet hätte, also ob es notwendig gewesen wäre, noch länger in Taboschar zu bleiben. Aber dieses Mal erlaubten das die Umstände nicht. Ich denke, dass wir unsere Reise in die Heimat irgendwann für einen längeren Zeitraum wiederholen werden, damit wir diese Zeit und unsere Erinnerungen in vollen Zügen genießen können.“</em></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Alija Chamidullina für <a href="https://fergana.site/">Fergana</a></strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem Russischen von Gisela Zeindlinger</strong></p>


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