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	<title>Erinnerungen Archives</title>
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	<description>Wissenswertes und Nachrichten aus Kirgistan, Tadschikistan, Usbekistan, Kasachstan und Turkmenistan</description>
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	<title>Erinnerungen Archives</title>
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		<title>Erinnerungen an den tadschikischen Bürgerkrieg: „Das Leben geht weiter, so oder so&#8230;“  (3/3)</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Asia Plus]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 29 Jun 2017 10:26:53 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Tadschikistan]]></category>
		<category><![CDATA[Biographie]]></category>
		<category><![CDATA[Erinnerungen]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Krieg]]></category>
		<category><![CDATA[Tadschikischer Bürgerkrieg]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Das&#xA0;tadschikische Nachrichtenportal Asia Plus&#xA0;hat Erz&#xE4;hlungen aus dem Alltag der Tadschiken w&#xE4;hrend des B&#xFC;rgerkriegs gesammelt, der vor 20 Jahren zu Ende ging. Wir &#xFC;bersetzen sie mit freundlicher Genehmigung der Redaktion. Infolge umstrittener Pr&#xE4;sidentschaftswahlen kam es im Mai 1992 in Tadschikistan zu Ausschreitungen, die in einen&#xA0;B&#xFC;rgerkrieg&#xA0;eskalierten. Es stehen sich zwei Lager gegen&#xFC;ber: auf der einen Seite die [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify"><em><strong>Das </strong></em><strong><em><a href="https://news.tj/ru/news/tajikistan/society/20170617/lyudi-grazhdanskoi-voini-chem-nam-zapomnilis-strashnie-90-e">tadschikische Nachrichtenportal Asia Plus</a></em></strong><em><strong> hat Erzählungen aus dem Alltag der Tadschiken während des Bürgerkriegs gesammelt, der vor 20 Jahren zu Ende ging. Wir übersetzen sie mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.</strong></em></p>
<p style="text-align: justify"><em>Infolge umstrittener Präsidentschaftswahlen kam es im Mai 1992 in Tadschikistan zu Ausschreitungen, die in einen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Tadschikischer_B%C3%BCrgerkrieg">Bürgerkrieg</a> eskalierten. Es stehen sich zwei Lager gegenüber: auf der einen Seite die Kommunisten, die von der Regierung unterstützt wurden, auf der anderen eine Oppositionskoalition, angeführt von der Partei der Islamischen Wiedergeburt, die seit 2015 verboten ist.</em></p>
<p style="text-align: justify"><em><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/tadschikistan/tadschikistan-der-unvergessliche-horror-des-burgerkriegs/">Tadschikistan  &#8211; Der unvergessliche Horror des Bürgerkriegs</a> </strong></em></p>
<p style="text-align: justify"><em>Die Oppositionskoalition bestand hauptsächlich aus Tadschiken aus dem Pamir und aus der Gharm-Region, der ursprünglich politische Konflikt bekommt so darüber hinaus eine starke regionale und ethnische Dimension. Die Friedensverträge, die am 27. Juni 1997 unterzeichnet wurden, sahen eine Quote von 30 Prozent innerhalb der Regierung für die Opposition vor. Noch mehrere Monate nach der Unterzeichnung wurde die Hauptstadt Duschanbe von während des Bürgerkriegs gegründeten Milizen und Mafias kontrolliert. Der tadschikische Bürgerkrieg dauerte von Mai 1992 bis Juni 1997 und forderte 50 bis 100.000 Todesopfer.</em></p>
<p style="text-align: justify"><em>Zwanzig Jahre nach den Friedensverträgen veröffentlicht Asia Plus Erzählungen aus dem Alltag der Menschen, der trotz des Krieges irgendwie weiterging. Diese verschiedenen Erzählungen liefern ebenso viele Perspektiven auf die Realität des Krieges.</em></p>
<p style="text-align: justify"><em>In zwei weiteren Teilen erinnerten sich die <a href="https://novastan.org/de/tadschikistan/erinnerungen-an-den-burgerkrieg-die-redakteurin-sebo-tadschibajewa-13/">Redakteurinnen Sebo Tadschibajewa</a> und <a href="https://novastan.org/de/tadschikistan/erinnerungen-an-den-tadschikischen-burgerkrieg-der-krieg-begann-mit-den-containern-23/">Lilija Gajsina</a>.</em></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Die Korrespondentin Manischa Kurbanowa </strong></p>
<p style="text-align: justify">&#8222;Ich beendete gerade mein Studium, als der Krieg begann. Lange suchte ich eine Arbeit in einer Redaktion, aber niemand wollte mich einstellen: Viele Zeitungen erschienen nicht mehr. Schließlich wurde ich Sekretärin im staatlichen Arbeitsamt.</p>
<figure id="attachment_9554" aria-describedby="caption-attachment-9554" style="width: 1024px" class="wp-caption alignnone"><img fetchpriority="high" decoding="async" class="size-large wp-image-9554" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/06/RIAN_archive_466496_Rally_on_Shakhidon_square-1024x685.jpg" alt="Demonstrationen Tadschikistan Bürgerkrieg" width="1024" height="685" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/06/RIAN_archive_466496_Rally_on_Shakhidon_square.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/06/RIAN_archive_466496_Rally_on_Shakhidon_square-300x201.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/06/RIAN_archive_466496_Rally_on_Shakhidon_square-768x514.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/06/RIAN_archive_466496_Rally_on_Shakhidon_square-128x86.jpg 128w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption id="caption-attachment-9554" class="wp-caption-text">Demonstrationen in Duschanbe in Mai 1992</figcaption></figure>
<p style="text-align: justify">Ende November trafen die Kämpfer von Sangak Safarow in die Stadt ein. In der Vorstadt kämpften die Divisionen von Safarali Kendschajew. Eines morgens kam mir eine Gruppe Männer aus der Nachbarschaft entgegen, als ich gerade aus meiner Wohnung herauskam. Sie waren verwundert, fragten mich, wo ich hinginge. „Zur Arbeit“, antwortete ich gelassen. Plötzlich schrie der Älteste der Gruppe: „Bist du verrückt geworden, oder was?! Schaust du kein Fernsehen? Hörst du nicht, wie dort geschossen wird?“ Ich ärgerte mich darüber sehr, denn ich durfte auf keinen Fall zu spät zur Arbeit kommen.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Wie in einem Film</strong></p>
<p style="text-align: justify">Der städtische Nahverkehr funktionierte nur unregelmäßig und ich ging zu Fuß zur Arbeit, über Schleichwege durch die Vorstadtviertel.</p>
<p style="text-align: justify">In der Nähe von dort, wo ich wohnte, im Safarschon-Viertel, wurden Wohnungen mit Granatenwerfern zerstört. Die Jungs unseres Innenhofs stiegen auf die Dächer, um das Geschehen gut zu beobachten und uns genau erläutern zu können. Wir gewöhnten uns irgendwie an den ganzen Lärm.</p>
<p style="text-align: justify">Einmal beobachtete ich selbst aus dem Fenster in der siebten Etage einen Kampf: Ein Uniformierter rannte vor zwei Kämpfern weg, alle schossen. Die Realität kam uns nicht echt vor, als würden wir uns einen Film anschauen. Selbst als ich bei den Mülleimern beim Haus die Leiche eines Mannes sah, in eine Decke gewickelt und in Telefonkabeln gebunden, konnte ich nicht glauben, dass es echt war.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Mein Viertel „dem Erdboden gleich gemacht“</strong></p>
<p style="text-align: justify">Einmal ging ich von der Arbeit zur Karabolo-Haltestelle, der Bus fuhr aber nicht. Eine Menschengruppe ging zu Fuß los und ich mit ihnen. Plötzlich sagte einer: „Der Bus 25 fährt auch nicht, heute wurde das Viertel in der Richtung zerbombt und dem Erdboden gleichgemacht.“</p>
<p style="text-align: justify">Sie hatten also mein Viertel „dem Erdboden gleichgemacht“. Und mein Mann, der zu der Zeit Doktorand war, war zuhause. Vom Münztelefon aus konnte ich ihn nicht erreichen. Ich lief die Straße entlang und schrie laut. Zum Glück haben sich meine schlimmsten Befürchtungen nicht bestätigt.</p>
<p style="text-align: justify">Noch eine Geschichte: Die Großmutter meines Mannes und zwei seiner Cousinen lebten für eine gewisse Zeit lang bei uns. Kaum fingen die Schießereien an, stürzte sie sich auf ein Bündel mit ihren Klamotten anstatt, dass sie ihre Enkel beschützte. Das hat mich damals sehr überrascht. Als unser Haus ein weiteres Mal von zwei Seiten beschossen wurde, stiegen wir mit der Oma und den Mädchen aus der siebten Etage herunter und gingen zu Fuß zum Haus an der Perwyj Sowjetskij-Straße zu unseren Verwandten.</p>
<p style="text-align: justify">Der Weg war lang. Irgendwo beim Busbahnhof, als sogar ein Vorbeifahrender Traktor mit Anhänger keinen Halt machte, um uns aufzunehmen, blieb unsere Oma stehen. Sie konnte ihre Tasche nicht weiter tragen. Ich schimpfte laut, man müsse jetzt ans Leben denken und nicht  irgendein Zeug herumtragen. Die Oma antwortete mir unter Tränen: „<em>Doch das sind nicht irgendwelche Klamotten. Das ist mein Leichentuch, sollte ich plötzlich auf dem Weg sterben.</em>“ Bis heute schäme ich mich vor dieser Frau, die schon nicht mehr von dieser Welt ist.</p>
<p style="text-align: justify">Ich habe so viele Erinnerungen an den Krieg, dass sich die Bilder in meinem Kopf so aneinanderreihen. Das schrecklichste dabei ist, wie die Ereignisse des Krieges sich auf die Psyche eines Menschen einwirken, wie sie ihn verändern.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Gefühllos und Herzlos</strong></p>
<p style="text-align: justify">Ende 1992, als Mengen an Flüchtlingen aus dem Süden des Landes in die Hauptstadt flohen, wurde im Arbeitsministerium eine Zentralverwaltung für Flüchtlinge und Zwangsumgesiedelte gegründet. Ich arbeitete dort im Sekretariat des Direktoren Chimat Dawlatow, schrieb und verteilte Bescheinigungen, die Dutzenden Angehörigen ethnischer Minderheiten, also Russen, Tataren, Deutschen, dabei halfen, das Land zu verlassen und einen Flüchtlingsstatus zu erhalten.</p>
<p style="text-align: justify">Es kamen Lastwagen voll mit Flüchtlingen zur neuen Zentrale. Überall Tränen, Gebrüll, Geschiebe… und schreckliche Geschichten. Frauen erzählten, wie sie ihre Kinder in den Fluss schmissen, weil sie keine Kraft mehr hatten, sie zu tragen, und nichts, um sie zu ernähren. Diese Frauen waren vom Krieg zerstört, sie kamen mit herzlosen, gefühllosen Gesichtern zu uns, konnten weder lachen noch weinen.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>„Ich sah zum ersten Mal, wie Männer weinen können“</strong></p>
<p style="text-align: justify">Irgendwann kamen sechs junge Kinder zu uns, deren Schicksal die ganze Zentrale beschäftigte. Ihre Mutter war auf dem Weg gestorben und ihr Vater schon davor verschwunden. Die Kinder wurden aufgeteilt: Manche wurden von Verwandten aufgenommen, andere ins Waisenhaus geschickt. Nur die Jüngste, ein sechs Monate altes Mädchen, wollte niemand aufnehmen. Eine aserbaidschanische Mitarbeiterin wollte sie unbedingt adoptieren.</p>
<p style="text-align: justify">Während die nötigen Dokumente ausgefüllt wurden, tauchte der Vater wieder auf. Man hatte ihn fast ein halbes Jahr lang in irgendeiner zerstörten Fabrik festgehalten. Er konnte nur durch ein Wunder fliehen und kam auf der Suche nach seiner Familie nach Duschanbe. Er war am Boden zerstört, als er vom Schicksal seiner Frau und seiner Kinder erfuhr. Ich sah dort vielleicht zum ersten Mal, wie Männer weinen können: Als man ihm seine Kinder brachte, darunter das jüngste Töchterchen, brüllte er wie ein verwundetes Tier, umarmte und küsste jedes einzelne.</p>
<figure id="attachment_9555" aria-describedby="caption-attachment-9555" style="width: 1024px" class="wp-caption alignnone"><img decoding="async" class="size-large wp-image-9555" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/06/RIAN_archive_466493_Rally_on_Ozodi_square-1024x689.jpg" alt="Frauen Demonstrarion Duschanbe 1992" width="1024" height="689" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/06/RIAN_archive_466493_Rally_on_Ozodi_square.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/06/RIAN_archive_466493_Rally_on_Ozodi_square-300x202.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/06/RIAN_archive_466493_Rally_on_Ozodi_square-768x517.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/06/RIAN_archive_466493_Rally_on_Ozodi_square-128x86.jpg 128w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption id="caption-attachment-9555" class="wp-caption-text">Demonstration auf dem Ozodi-Platz in Duschanbe am 3. Mai 1992</figcaption></figure>
<p style="text-align: justify">Der tägliche Kontakt mit der menschlichen Trauer ging auch an mir nicht spurlos vorbei. Auch ich wurde herz- und gefühllos. Als immer neue Flüchtlinge mit ihren tonnenschweren Geschichten kamen, reagierte ich gar nicht mehr. Ich führte meine Arbeit ganz mechanisch aus. Und mein guter und barmherziger Chef Chimmat Dawlatowitsch versuchte, jedem wenigstens mit Geld oder Essen zu helfen, während er selbst in einer kleinen Wohnung lebte und eigentlich auch selbst geflüchtet war.</p>
<p style="text-align: justify">Als Chimmat mich eines Tages wegen meiner Herzlosigkeit ausschimpfte, entgegnete ich, dass ich früher auch eine Andere war. Er gab mir recht: „Du hast recht, meine Kleine. Ich bin auch vor Trauer und Tränen erschöpft. Mir tut auch niemand mehr leid.“</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Ein Flämmchen Hoffnung</strong></p>
<p style="text-align: justify">…Noch eine letzte Zeile. Ende 1992 erfuhr ich, dass ich ein Kind erwarte. Ich hatte eine unheimliche Begierde nach etwas, das es nicht gab: frische Tomaten. Mein Mann ging durch die Geschäfte, konnte aber nirgends welche finden. Die ganze Wohnung war voll mit eingelegten Tomaten, aber ich wollte unbedingt frische.</p>
<p style="text-align: justify">Im Folgejahr ließen die Menschen im brechend vollen Bus mir mit meinem Bauch ihren Platz frei und mir war das unangenehm. Erst jetzt verstehe ich, dass in den Blicken der Menschen dieser unsteten Zeit, die bei meinem Anblick von ihrem Platz aufsprangen, ein Flämmchen Hoffnung lag: Das Leben geht weiter, so oder so&#8230;&#8220;</p>
<p style="text-align: right"><strong>Manischa Kurbanowa<br />
<a href="https://news.tj/ru/news/tajikistan/society/20170617/lyudi-grazhdanskoi-voini-chem-nam-zapomnilis-strashnie-90-e">Asia Plus</a></strong></p>
<p style="text-align: right"><strong>Aus dem Russischen von Florian Coppenrath</strong></p>
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		<title>Erinnerungen an den tadschikischen Bürgerkrieg: &#8222;Der Krieg begann mit den Containern&#8220; (2/3)</title>
		<link>https://novastan.org/de/tadschikistan/erinnerungen-an-den-tadschikischen-burgerkrieg-der-krieg-begann-mit-den-containern-23/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Asia Plus]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 28 Jun 2017 11:40:01 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Tadschikistan]]></category>
		<category><![CDATA[Bürgerkrieg]]></category>
		<category><![CDATA[Erinnerungen]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Krieg]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Sie freuten sich &#xFC;ber den ausfallenden Unterricht, spielten Seilspringen, w&#xE4;hrend sie stundenlang auf die Brotrationen warteten und teilten sich zu zweit ein paar Rollschuhe. Au&#xDF;erdem suchten sie Arbeit, studierten und bekamen Kinder. Das&#xA0;tadschikische Nachrichtenportal Asia Plus&#xA0;hat Erz&#xE4;hlungen aus dem Alltag der Tadschiken w&#xE4;hrend des B&#xFC;rgerkriegs gesammelt, der vor 20 Jahren zu Ende ging. Wir &#xFC;bersetzen [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify"><em><b>Sie freuten sich über den ausfallenden Unterricht, spielten Seilspringen, während sie stundenlang auf die Brotrationen warteten und teilten sich zu zweit ein paar Rollschuhe. Außerdem suchten sie Arbeit, studierten und bekamen Kinder. Das </b><strong><a href="https://news.tj/ru/news/tajikistan/society/20170617/lyudi-grazhdanskoi-voini-chem-nam-zapomnilis-strashnie-90-e">tadschikische Nachrichtenportal Asia Plus</a></strong><b> hat Erzählungen aus dem Alltag der Tadschiken während des Bürgerkriegs gesammelt, der vor 20 Jahren zu Ende ging. Wir übersetzen sie mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.</b></em></p>
<p style="text-align: justify"><em>Infolge umstrittener Präsidentschaftswahlen kam es im Mai 1992 in Tadschikistan zu Ausschreitungen, die in einen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Tadschikischer_B%C3%BCrgerkrieg">Bürgerkrieg</a> eskalierten. Es stehen sich zwei Lager gegenüber: auf der einen Seite die Kommunisten, die von der Regierung unterstützt wurden, auf der anderen eine Oppositionskoalition, angeführt von der Partei der Islamischen Wiedergeburt, die seit 2015 verboten ist.</em></p>
<p style="text-align: justify"><em>Die Oppositionskoalition bestand hauptsächlich aus Tadschiken aus dem Pamir und aus der Gharm-Region, der ursprünglich politische Konflikt bekommt so darüber hinaus eine starke regionale und ethnische Dimension. Die Friedensverträge, die am 27. Juni 1997 unterzeichnet wurden sahen eine Quote von 30% innerhalb der Regierung für die Opposition vor, doch noch mehrere Monate nach der Unterzeichnung wurde die Hauptstadt Duschanbe von während des Bürgerkriegs gegründeten Milizen und Mafias kontrolliert. Der tadschikische Bürgerkrieg dauerte von Mai 1992 bis Juni 1997 und forderte 50 bis 100.000 Todesopfer.</em></p>
<p style="text-align: justify"><em>Zwanzig Jahre nach den Friedensverträgen veröffentlicht Asia Plus Erzählungen aus dem Alltag der Menschen, der trotz des Krieges irgendwie weiterging. Diese verschiedenen Erzählungen liefern ebenso viele Perspektiven auf die Realität des Krieges.</em></p>
<p style="text-align: justify"><em>Im ersten Teil der Erzählungen erinnerte sich die <b><a href="https://novastan.org/de/tadschikistan/erinnerungen-an-den-burgerkrieg-die-redakteurin-sebo-tadschibajewa-13/">Redakteurin Sebo Tadschibajewa</a>. </b></em></p>
<p style="text-align: justify"><b>Die Korrespondentin Lilija Gajsina </b></p>
<p style="text-align: justify">Für mich begann der Krieg mit den Containern. Genauer gesagt, als ich verstand, was diese verdammten Container mit den blutigen Ereignissen zu tun hatten. Obwohl mir nicht genau einleuchtete, was es mit den Ereignissen auf sich hatte, merkte ich, dass irgendetwas nicht stimmte. Mal brachte ein Nachbar, mal ein anderer, mal mehrere auf einmal diese metallischen Behältnisse in unseren Innenhof und füllten sie mit allem, was aus ihrer Wohnung dort hineinpasste.</p>
<p style="text-align: justify">Wir halfen eifrig, standen uns gegenseitig auf den Füßen, regten uns tierisch über diese Container auf. Dann schlossen sich die metallischen Türen mit einem Knirschen und eine meiner Freundinnen wurde ganz verwirrt von ihren Eltern aus dem Innenhof geführt und mit Koffern, Papagei- und Hamsterkäfigen, mit Hunden und Katzen weggebracht.</p>
<p style="text-align: justify">Erst ging eine Freundin auf diese Art, dann eine zweite, eine dritte, eine vierte. Von den ganzen Mädchen mit ewig wunden, grünen Knien, mit denen wir Puppen spielten und den Jungs, die uns immer ärgerten, die man uns aber als zukünftige Ehemänner vorstellte, blieben zum Anfang des Krieges nur zwei: Galjka und ich. Wir teilten uns ein paar laute Roller, mit denen wir über die Sträßchen zwischen den Häusern donnerten. Um unsere Ärmel waren Bänder gewickelt: Mal weiße, mal hellblaue, mal rote. Die Erwachsenen trugen sie so, und wir auch.</p>
<p style="text-align: justify">Mit dem Essen wurde es immer schwerer. Ich ärgerte mich, als mein Lieblingsbrot aus den Rationen verschwand. Anfangs schlürfte ich Kefir (wie dumm ich war!) und verzichtete auf Suppe (Idiotin!), verlangte einen zweiten Kefir. Den gab es schon nicht mehr und bald gab es auch keine Suppen mehr. Meine Launen hörten auf. Ich weiß noch, wie meine Mutter mit anerkennender Stimme meine Oma in der Küche sagte, Liljka sei ganz hungrig zu Bett gegangen und hätte nichts gesagt. Ich war unglaublich stolz auf mich.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/tadschikistan/tadschikistan-der-unvergessliche-horror-des-burgerkriegs/">Der unvergessliche Horror des Bürgerkriegs</a> </strong></p>
<p style="text-align: justify">Galjka und ich erfanden ein neues Spiel: Wir setzten uns mit dem „Buch über leckeres und gesundes Essen“ an den Hauseingang, blätterten darin und zeigten dabei auf die Seiten – „das ist meins“, „und das ist meins“. Auf den Seiten waren Würste mit grünen Erbsen abgebildet, Dosen mit rotem und schwarzem Kaviar, Schinken, Torten, Kuchen. Mama trat aus der Wohnung und sagte ganz beschämt: „Lilj, es reicht, auf ins Geschäft!“ Ich sprang schnell nach Hause, nahm mein Sprungseil mit und stapfte zum „Selbsbedienungsgeschäft“, also in den Hintereingang eines leeren Ladens. Dort standen Leute schon Schlange, am Abend wurde eine Brotlieferung aus „Chlebobulka“ erwartet. Einst (vor sehr langer Zeit, wie es schien) wurden dort die leckeren „Ogonjok“ Torten und krosse Baguettes gebacken. Zu der Zeit kamen von dort nur angebackene, unförmige „Batons“. Aber eines von ihnen zu ergattern war nun schon ein Glück. Für dieses „Glück“ standen wir lange Stunden in der Schlange. Zuerst spielten wir  Seilspringen, dann setzten wir uns auf einen Baum. Bei der Dämmerung spielten wir verstecken. Das Brot kam und kam nicht.</p>
<p style="text-align: justify">„Mama, ich will nach Hause, darf ich?“, stöhnte Galjka. Sie war etwas jünger, als ich.</p>
<p style="text-align: justify">„Wie, nach Hause? Dann bekommen wir weniger Brot“, bekam sie als Antwort.</p>
<p style="text-align: justify">Ehrlich gesagt, hatten wir es damals satt, draußen zu stehen. Noch ein paar Monate zuvor gingen wir wie getriebene raus, später wollten wir nur noch nach Hause oder wenigstens in die Schule. Anfangs freuten wir uns laut über die ausgefallenen Schulstunden, danach trauerten wir ihnen nach. Wir hatten die Abenteuer satt, wollten essen und leben, wie früher.</p>
<figure style="width: 1024px" class="wp-caption alignnone"><img decoding="async" class="size-full" src="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/c/cd/RIAN_archive_699865_Dushanbe_riots%2C_February_1990.jpg" alt="Bürgerkrieg Tadschikistan Duschanbe Erzählungen" width="1024" height="697" /><figcaption class="wp-caption-text">Die Hauptstadt Duschanbe während des Bürgerkrieges</figcaption></figure>
<p style="text-align: justify">Wie früher, das ging nicht mehr. Bald musste ich nicht einmal mehr den Müll heraustragen.  Die Müllcontainer waren nur ein paar Schritte weit weg, aber Oma ging selbst. Ich protestierte, wollte diese einst gehasste Aufgabe unbedingt weiter durchführen, wie früher. Es wurde mir nicht erlaubt. Oma ging schnell mit den Mülleimern über die leere Straße und ich schaute ihr aus dem Fenster dabei zu.</p>
<p style="text-align: justify">Einmal machte sie plötzlich halt. Ich beobachtete, dass sie neben einem Typen stand, der aus irgendeinem Grund auf dem Boden lag. Sie tastete ihn an und ging weiter. Als sie mit leeren Mülleimern zurückkam, nahm sie ein sauberes weißes Bettlacken aus dem Schrank und kehrte zurück Richtung Straße. Meiner Frage, wo sie denn hin wolle, wich sie aus. Sie ging zu dem Mann auf dem Boden und bedeckte ihn vom Kopf ab mit dem Laken, ich beobachtete das aus dem Fenster. Warum, erzählte sie mir nicht. Aber ich verstand es trotzdem. Noch lange danach fürchtete ich mich davor, an diesem Ort vorbeizugehen.</p>
<p style="text-align: justify">Oma respektierte meine Angst. Als wir mit schweren Taschen voller Kristallwaren und Zeitschriften zu Verkaufen zum Basar gingen, umgingen wir den Ort immer, auch wenn das einen Umweg bedeutete. Die Taschen waren so schwer, dass sie sich bis zum Blut in die Handfläche schnitten. Leicht zu verkaufende Güter wie Gold, Silberbesteck, Seidenlaken und gestickten Tischdecken (die als meine Mitgift vorgesehen waren) hatten wir schon lange zuvor teuer verkauft. Es blieb nur das Kristall und die Bücher. Oma sorgte sich mehr um die Bücher. Zuerst nahm sie die, von denen wir verschiedene Ausgaben hatten, dann die, die nicht so interessant waren, dann die, die sie schon zehn mal gelesen hatte. Doch der Krieg ging immer weiter und auch alle anderen Bücher mussten weg.</p>
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<p style="text-align: justify">Eines Abends nahm sie zehn neuere Bücher einer Buchreihe mit rotem Buchband aus dem Regal: „Die Abenteuer von Tomek im Land der Kangoroos“, „Die Abenteuer von Tomek auf dem schwarzen Kontinent“, „Tomek sucht den Yeti“, „Tomek am Amazonas“ usw. Von Alfred Schkljarskij. Sie stellte alle Bücher vor mich:</p>
<p style="text-align: justify">„Lil’ka, lies! Wir müssen sie auch verkaufen, sonst bleibt uns nichts mehr.“</p>
<p style="text-align: justify">Ich fing an zu lesen. Die Abenteuer von Tomek aus Polen raubten mir den Atem! Ich las voller Gier und hätte am liebsten jede Seite mehrmals gelesen. Oma rief mich zur Eile und fragte jeden Tag, wie weit ich gekommen war. Schließlich hatte ich das letzte Buch, «Tomek bei Grand-Tschako» zu Ende gelesen und gab alle Bücher weg.</p>
<p style="text-align: justify">Oma legte sie in eine Tasche und wir brachten sie zum Basar. Normalerweise trug ich schwere Taschen hin und betete, dass sie auf den Rückweg leichter sein mögen. Normalerweise wurden meine Gebete nicht erhört. Diesmal jedoch bat ich um nichts, und es funktionierte. Wir haben alle Bücher der Tomek-Reihe auf einmal verkauft. Ich habe nie mehr von seinen Abenteuern gelesen.</p>
<p style="text-align: justify">Ich war 15 als der Krieg endlich zu Ende ging. Ich hatte solche Erfahrungen hinter mir, dass «Tomek unter den Menschenjägern» mich nicht mehr beeindruckte.</p>
<p style="text-align: right"><strong>Im russischen Original auf <a href="https://news.tj/ru/news/tajikistan/society/20170617/lyudi-grazhdanskoi-voini-chem-nam-zapomnilis-strashnie-90-e">Asia Plus </a></strong></p>
<p style="text-align: right"><strong>Aus dem Russischen übersetzt von Florian Coppenrath</strong></p>
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