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	<title>Emigration Archives</title>
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	<description>Wissenswertes und Nachrichten aus Kirgistan, Tadschikistan, Usbekistan, Kasachstan und Turkmenistan</description>
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	<title>Emigration Archives</title>
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		<title>Immer mehr zentralasiatische Staatsangehörige machen sich auf in die Vereinigten Staaten</title>
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		<dc:creator><![CDATA[opascal]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 03 Apr 2024 18:04:32 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>2023 sollen fast 50.000 Staatsangeh&#xF6;rige aus den zentralasiatischen Republiken versucht haben, die Grenze zwischen Mexiko und den USA illegal zu &#xFC;berqueren. M&#xE4;rz wurden von den lateinamerikanischen L&#xE4;ndern erste Zugangsbeschr&#xE4;nkungen eingef&#xFC;hrt, um die illegale Einwanderung zu bremsen. Eine Reise nach Lateinamerika: f&#xFC;r einige Personen mit einem russischen oder zentralasiatischen Pass unm&#xF6;glich. Am Flughafen Istanbul, von dem [&#x2026;]</p>
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<p class="wp-block-paragraph"><strong>2023 sollen fast 50.000 Staatsangehörige aus den zentralasiatischen Republiken versucht haben, die Grenze zwischen Mexiko und den USA illegal zu überqueren. März wurden von den lateinamerikanischen Ländern erste Zugangsbeschränkungen eingeführt, um die illegale Einwanderung zu bremsen.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine Reise nach Lateinamerika: für einige Personen mit einem russischen oder zentralasiatischen Pass unmöglich. Am Flughafen Istanbul, von dem täglich ein oder zwei Flüge nach Mexiko-Stadt abgehen, wurden mehrere Passagiere von der nationalen Fluggesellschaft Turkish Airlines nicht zum Check-in zugelassen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="https://rus.azattyk.org/a/32865203.html">Radio Azattyk berichtet</a>, dass auf der Website von Turkish Airlines seit dem 15. März neue Zugangsregeln für Flüge nach Venezuela, Mexiko, Kolumbien, Kuba und Brasilien gelten. Von nun an muss jeder Passagier beim Einchecken sein Rückflugticket sowie einen Nachweis über eine Hotelreservierung am Zielort vorlegen. Außerdem dürfen Reisende ohne Reisegepäck und mit einem Flug, der länger als 24 Stunden zwischenlandet, nicht an Bord gehen. Turkish Airlines erklärt, dass diese Maßnahmen ergriffen wurden, um den neuen Anforderungen der Zielländer gerecht zu werden.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">In der Praxis reicht es nicht aus, die Anforderungen der Fluggesellschaft zu erfüllen. Am 10. März <a href="https://ria.ru/20240310/polety-1932168892.html">stellte die russische Nachrichtenagentur RIA Novosti fest</a>, dass seit Februar Passagiere bei Flügen nach Südamerika abgewiesen werden. Auf Nachfrage der Nachrichtenagentur sagte Jewgeni, ein Russe, der nach Argentinien reisen wollte, dass er gesehen habe, wie mehreren Passagieren das Boarding verweigert wurde, obwohl sie Rückflugtickets nach Russland oder in die Türkei hatten. Insgesamt wurden zehn Personen vom Flug ausgeschlossen. Unter ihnen waren Menschen russischer, aber auch türkischer und kasachstanischer Staatsbürgerschaft.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Dramatischer Anstieg innerhalb eines Jahres</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Diese neuen Vorsichtsmaßnahmen erklären sich durch noch nie dagewesene Zahlen. Am 21. Februar <a href="https://www.foxnews.com/us/thousands-special-interest-aliens-illegally-entered-us-via-san-diego-october-cbp-data-shows">veröffentlichte Fox News</a> Statistiken der US-Grenzpatrouille. Insgesamt sollen fast 2.500 Staatsangehörige Usbekistans sowie 1.600 Menschen afghanischer, 850 russischer, 500 tadschikischer und 400 kirgistanischer Staatsbürgerschaft versucht haben, allein über den Grenzübergang Isidoro, einen von 48 Kontrollpunkten an der amerikanisch-mexikanischen Grenze, illegal in die USA einzureisen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie <a href="https://exclusive.kz/nelegalnaya-migracziya-iz-czentralnoj-azii-napryagla-ssha/#:~:text=%D0%A1%D0%A8%D0%90%20%D0%BE%D0%B1%D0%B5%D1%81%D0%BF%D0%BE%D0%BA%D0%BE%D0%B5%D0%BD%D1%8B%20%D0%BD%D0%B5%D0%BB%D0%B5%D0%B3%D0%B0%D0%BB%D1%8C%D0%BD%D0%BE%D0%B9%20%D0%BC%D0%B8%D0%B3%D1%80%D0%B0%D1%86%D0%B8%D0%B5%D0%B9%20%D0%B8%D0%B7%20%D0%A6%D0%B5%D0%BD%D1%82%D1%80%D0%B0%D0%BB%D1%8C%D0%BD%D0%BE%D0%B9%20%D0%90%D0%B7%D0%B8%D0%B8,-12%20%D0%BC%D0%B0%D1%80%D1%82%D0%B0%2C%202024&amp;text=%D0%A0%D0%B5%D0%B7%D0%BA%D0%B8%D0%B9%20%D1%80%D0%BE%D1%81%D1%82%20%C2%AB%D0%BD%D0%B5%D0%BB%D0%B5%D0%B3%D0%B0%D0%BB%D1%8C%D0%BD%D1%8B%D1%85%C2%BB%20%D0%BC%D0%B8%D0%B3%D1%80%D0%B0%D0%BD%D1%82%D0%BE%D0%B2%20%D0%B8%D0%B7,%D0%B1%D1%8B%D1%82%D1%8C%20%D1%81%D0%B2%D1%8F%D0%B7%D0%B0%D0%BD%D0%BD%D1%8B%20%D1%81%20%D1%82%D0%B5%D1%80%D1%80%D0%BE%D1%80%D0%B8%D1%81%D1%82%D0%B8%D1%87%D0%B5%D1%81%D0%BA%D0%B8%D0%BC%D0%B8%20%D0%BE%D1%80%D0%B3%D0%B0%D0%BD%D0%B8%D0%B7%D0%B0%D1%86%D0%B8%D1%8F%D0%BC%D0%B8.">Exclusive.kz berichtet</a>, sollen fast 50.000 Menschen aus Zentralasien versucht haben, illegal die Grenze in die USA zu überqueren – im Jahr 2022 waren es nur 5.367. Bis heute warten mindestens 40.000 Zentralasiaten darauf, von den US-Behörden verurteilt zu werden.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Das Land um jeden Preis verlassen</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Innerhalb weniger Jahre hat sich das Profil der Migrierenden, abgesehen von der legalen Migration, völlig gewandelt. Marina Sokolowskaja, eine Journalistin und Einwanderungsberaterin aus den USA, vertritt im <a href="https://rus.azattyk.org/a/32860022.html">Interview mit Radio Azattyk</a> die Ansicht, dass die Figur des Wirtschaftsmigranten mittlerweile durch die des politischen Flüchtlings ersetzt wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für Asamat (Name der Redaktion bekannt), der ebenfalls am Istanbuler Flughafen festsitzt, kommt eine Rückkehr nach Kirgistan oder Russland nicht in Frage. Er besitzt sowohl die kirgistanische als auch die russische Staatsbürgerschaft. Russland verließ er, um nicht auf das Schlachtfeld geschickt zu werden, Kirgistan wegen seiner politischen Ansichten. Nachdem er für einige Monate nach Südkorea ausgewandert war, kam er wie viele andere auf die Idee, über Mexiko in die USA zu gelangen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/nach-terroranschlag-massive-anfeindungen-gegen-tadschikinnen-in-russland/">Nach Terroranschlag: Massive Anfeindungen gegen Tadschik:innen in Russland</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Es gibt Kirgisen, die nach Kuba oder Mexiko in den Urlaub fliegen. Schließlich haben [die Fluggesellschaften] nicht das Recht, die Entscheidung zu treffen, jemanden nicht ins Flugzeug zu lassen. Ich für meinen Teil werde ebenfalls Urlaub in Cancun machen. Und dann werde ich in die USA reisen“</em>, sagt er <a href="https://rus.azattyk.org/a/32865203.html">gegenüber Radio Azattyk</a>.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Die Haftbedingungen</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Ohne die App CPB One gibt es jedoch keinen Flüchtlingsstatus, <a href="https://www.amnesty.org/fr/latest/news/2023/05/usa-mandatory-cbp-one-violates-right-asylum/">berichtet Amnesty International</a>. In den USA ist diese Handy-App die einzige legale Möglichkeit für Asylsuchende, in das Land einzureisen. Weniger gut ergeht es ihnen, wenn sie sich dazu entschließen, die Grenze zu überqueren, ohne sich bei der Software zu registrieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie werden von Patrouillen festgenommen und anschließend in Haftlagern verteilt. Dort müssen sie mehrere Monate warten, bis sie von Gerichten abgeurteilt werden. Politisches Asyl, die Green Card, die es ermöglicht, einen Arbeitsvertrag auf amerikanischem Boden zu erhalten, und das Nachholen von Familienangehörigen werden ihnen fast systematisch verweigert. Nachdem sie einen Abschiebungsaufschub erhalten haben, besteht die einzige Lösung oft nur darin, den amerikanischen Boden zu verlassen und sich anderswo niederzulassen.</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Ottilie Pascal für Novastan</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem </strong><strong><a href="https://novastan.org/fr/politique/ressortissants-centrasiatiques-nombreux-partir-aux-etats-unis/">Französischen</a></strong><strong> von Michèle Häfliger</strong><strong></strong></p>



<p class="has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/">Linkedin</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</strong></em></p>
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		<title>Wie der Krieg in der Ukraine die Auswanderung von Russ:innen aus Kasachstan beeinflusst</title>
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		<dc:creator><![CDATA[cabarasia]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 31 May 2023 17:10:09 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Coronavirus]]></category>
		<category><![CDATA[Covid-19]]></category>
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		<category><![CDATA[Krieg in der Ukraine]]></category>
		<category><![CDATA[Migration]]></category>
		<category><![CDATA[Russland]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Seit dem Zerfall der Sowjetunion gibt es konstante Migrationsbewegungen in Kasachstan lebender ethnischer Russ:innen nach Russland. Sowohl die Covid19-Pandemie als auch der andauernde Krieg in der Ukraine haben die Emigrationsstimmung jedoch deutlich beeinflusst. Russlands Krieg in der Ukraine hat den Ausreisetrend ethnischer Russ:innen aus Kasachstan in die historische Heimat vorerst gestoppt. Die Anzahl derjenigen, die [&#x2026;]</p>
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<p class="wp-block-paragraph"><strong>Seit dem Zerfall der Sowjetunion gibt es konstante Migrationsbewegungen in Kasachstan lebender ethnischer Russ:innen nach Russland. Sowohl die Covid19-Pandemie als auch der andauernde Krieg in der Ukraine haben die Emigrationsstimmung jedoch deutlich beeinflusst.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Russlands Krieg in der Ukraine hat den Ausreisetrend ethnischer Russ:innen aus Kasachstan in die historische Heimat vorerst gestoppt. Die Anzahl derjenigen, die ihren Wohnort änderten, nahm drastisch ab. Expert:innen gehen jedoch davon aus, dass es sich dabei nur um eine zeitweise Abflachung handelt.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">Mit dem Zerfall der Sowjetunion in den 1990er Jahren setzte eine massenweise Auswanderung aus Kasachstan ein. Allein in den Jahren 1996 bis 2000 verließen mehr als eine Millionen Menschen das Land. Die jährliche Zahl an Emigrant:innen erreichte dabei zeitweise fast 300.000 Personen (299.500 im Jahr 1997). In den darauffolgenden Jahren verlangsamte sich die Emigrationsbewegung. Seit 2010 reisten jährlich 20.000 bis 40.000 Personen aus.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/panorama/warum-die-udssr-massenhaft-menschen-nach-kasachstan-deportierte/"><strong>Warum die UdSSR massenhaft Menschen nach Kasachstan deportierte</strong></a><strong></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Am meisten trugen dazu sieben an Russland grenzende Gebiete bei, da diese einen hohen Anteil an Russ:innen in der Bevölkerung aufweisen. In diesen Regionen machten ethnische Russ:innen zwischen einem Drittel bis zur Hälfte der jeweiligen Bevölkerung aus. Eine Ausnahme stellt dabei der an Russland grenzende <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Atyrau_%28Gebiet%29">Gebiet Atyraý</a> dar, in welchem der Anteil ethnischer Russ:innen traditionell gering ausfällt.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Gründe zur Auswanderung</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">In den letzten 10 Jahren wanderten aus den jeweiligen Gebieten zwischen 1000 und 4000 Personen jährlich aus. Die Gründe für die Entscheidung zur Auswanderung waren dabei vielfältig: psychologische – auf der Suche nach Menschen, die einem im Geiste nahe sind, ein Gefühl der Benachteiligung im „Herkunftsland“, wirtschaftliche – die Möglichkeit, mehr zu verdienen und eine Ausbildung in Russland zu erhalten, oder auch spezielle Rabatte, die bei der Geburt von Kindern gewährt werden oder für diejenigen, die in Sibirien oder im Fernen Osten siedeln.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/kasachstans-dilemma-wie-koennen-ethnische-und-staatsbuergerliche-identitaetsmodelle-in-einklang-gebracht-werden/"><strong>Kasachstans Dilemma: Wie können ethnische und staatsbürgerliche Identitätsmodelle in Einklang gebracht werden?</strong></a><strong></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Vor drei Jahren ging dieser Emigrationstrend jedoch drastisch zurück. Während im Jahr 2019 noch 31.000 Menschen Kasachstan verließen, waren es 2020 nur noch 19.000. In einigen grenznahen Regionen halbierten sich die Zahlen sogar. Offensichtlicher Grund war die Covid19-Pandemie und der damit verbundene Lockdown in Kasachstan und Russland, welcher auch die Landesgrenzen betraf. Erst gegen Ende 2021 kehrte das Leben in die gewohnten Bahnen zurück: die Grenzen wurden geöffnet und der Transportverkehr wieder aufgenommen. Anstatt jedoch im Jahr 2022 zum Niveau vor der Pandemie zurückzukehren, sanken die Zahlen weiter: aus Kasachstan wanderten lediglich 14.800 Menschen aus (im Vergleich zu 31.100 im Vorjahr).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auf welche Weise hat der Krieg an der fernen Grenze des Nachbarlandes Bewohner:innen Kasachstans von der Emigration abgebracht? <em>„Die Sanktionen</em> (gegen Russland – Anm. d. Red.), <em>die Preissteigerungen und die Mobilisierungen können als Hauptgründe für den Wandel der Emigrationstrends genannt werden“</em>, meint Halida Ajigulova, &nbsp;Juristin und Soziologin und assoziierte Professorin für Recht an der Eurasischen Technologischen Universität.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/sanktionen-gegen-russland-zentralasien-im-visier-des-westens/"><strong>Sanktionen gegen Russland: Zentralasien im Visier des Westens</strong></a><strong></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Olga Simakova, Soziologin und Projektkoordinatorin bei der öffentlichen Stiftung „<a href="https://ofstrategy.kz/en/">ZSPI Strategie</a>“, geht ebenfalls davon aus, dass der Krieg Russlands gegen die Ukraine der wahrscheinlichste Grund für den Trendwandel ist. Jedoch handelt es sich hierbei ihrer Meinung nach lediglich um eine zeitweise Abflachung des Trends, ähnlich der Entwicklung während der Pandemie: <em>„Ab 2014 konnten wir ein stetiges Wachstum an Auswanderung beobachten, welches nur im Jahr 2020 im Zusammenhang mit der Pandemie und der daraus resultierenden Isolation des Landes unterbrochen wurde. Und bereits nach einem Jahr wurde klar, dass sich der Wille zur Emigration keinesfalls in Luft aufgelöst hat, und lediglich auf günstigere Zeiten gewartet wird, was 2021 auch 33.000 Menschen nutzten“</em>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Expertin ist überzeugt, dass auch der Rückgang der Ausreisen in die Russische Föderation im Jahr 2022 situativen Charakter hat. <em>„Wenn wir die Immigration in andere Länder wie Deutschland, die USA, Usbekistan oder Kanada betrachten, dann sehen wir, dass das Tempo unverändert ist. Die gleichbleibende Nachfrage nach Plätzen an russischen Universitäten unter Abiturient:innen in Kasachstan spricht ebenfalls für einen situativen Charakter“</em>, so Simakova.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Blick auf die zukünftige Entwicklung der Emigration</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Was bedeutet das perspektivisch? Halida Ajigulova rechnet damit, dass vor dem Hintergrund des Kriegs in der Ukraine und seiner Folgen der Migrationswille unter kasachischen Bürger:innen mit russischem Hintergrund in den nächsten Jahren weiter zurückgehen wird. Selbst nach einem eventuellen Kriegsende werde es lange dauern, bis sich die russische Wirtschaft und das Sozialleben erholt hätten. Außerdem merkt die Expertin an, dass bereits jetzt ein Anstieg an Gewalt in der Öffentlichkeit und im Familienleben durch posttraumatische Belastungsstörungen unter russischen Soldaten, die aus dem Krieg zurückkehren, beobachtet werden kann. <em>„Deshalb erscheint es in den nächsten zehn Jahren eher als unsicher und irrational, sich in Russland niederzulassen“</em>, resümiert Azjigulova.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Olga Simakova erinnert daran, dass eine Auswanderung einen ernsthafte Entscheidung ist und potentielle Immigrant:innen sich darüber lange Gedanken machen. <em>„Jegliche Veränderungen sowohl im Ursprungsland als auch im Zielland können sich auf das Tempo dieser Entscheidungsfindung auswirken. Aktuell, genau wie 2020, haben viele ihre Entscheidung über eine Auswanderung verschoben und eine abwartende Haltung eingenommen. Ich bin mir sicher, dass wir keine Änderung in den Präferenzen hinsichtlich des Ziellandes beobachten werden“</em>, so Simakova.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Aldiyar Auyezbek für </strong><a href="https://cabar.asia/ru/kak-vojna-povliyala-na-emigratsiyu-russkih-iz-kazahstana-v-rossiyu"><strong>Central Asian Bureau for Analytical Reporting (CABAR)</strong></a><strong></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Aus dem Russischen von Marie Schliesser</strong></p>



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		<title>Kirgistan: Ziel für Russ:innen auf der Flucht</title>
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		<dc:creator><![CDATA[lkuehne]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 02 May 2022 16:34:58 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kirgistan]]></category>
		<category><![CDATA[Politik & Wirtschaft]]></category>
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		<category><![CDATA[Russland]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Nach dem &#xDC;berfall Russlands auf die Ukraine haben viele Russ:innen ihre Heimat verlassen. Zentralasien wurde dabei schnell zur Drehscheibe russischer Emigration. Die Gr&#xFC;nde daf&#xFC;r sind sowohl praktischer wie &#xF6;konomischer Natur. Mehr und mehr russische Staatsb&#xFC;rger:innen wandern seit Beginn des Jahres nach Zentralasien aus. In den Statistiken hat sich das allerdings noch nicht niedergeschlagen: Das kirgisische [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong>Nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine haben viele Russ:innen ihre Heimat verlassen. Zentralasien wurde dabei schnell zur Drehscheibe russischer Emigration. Die Gründe dafür sind sowohl praktischer wie ökonomischer Natur.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Mehr und mehr russische Staatsbürger:innen wandern seit Beginn des Jahres nach Zentralasien aus. In den Statistiken hat sich das allerdings noch nicht niedergeschlagen: Das kirgisische Ministerium für Digitale Entwicklung teilte der Nachrichtenagentur <a href="https://24.kg/obschestvo/227935_tsifra_dnya10tyisyach_357_rossiyan_zaregistrirovali_vkyirgyizstane_snachala_marta/">24.kg</a> mit, dass sich zwischen dem 1. Januar und dem 17. März 38.042 russische Staatsbürger:innen in dem zentralasiatischen Land registriert hätten. Nach Angaben des kirgisischen Onlinemediums <a href="https://www.akchabar.kg/ru/news/rossiyane-massovo-priezzhayut-v-kyrgyzstan-mincifry-predostavil-statistiku/">Akchabar</a> wurden im letzten Jahr zwischen Januar und März 41.953 Registrierungen gezählt.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><p style="background-color: #d4d4d4;"><span style="color: #000000;">Novastan ist das einzige deutschsprachige Nachrichtenmagazin über Zentralasien. Wir arbeiten auf Vereinsgrundlage und <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/werde-unser-mitglied-werde-novastan/"><strong>Dank eurer Teilnahme</strong></a>. Wir sind <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/unser-projekt/">unabhängig</a> und wollen es bleiben, dafür brauchen wir euch! Durch jede noch so kleine <strong><a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/spenden/">Spende</a></strong> helft ihr uns, weiter ein realitätsnahes Bild von Zentralasien zu vermitteln.</span></p></p>



<p class="wp-block-paragraph">Aktuell halten sich jedoch wahrscheinlich sehr viel mehr Russ:innen in Kirgistan auf, als von der Statistik erfasst werden. Das <a href="https://grs.gov.kg/ru/subord/drnags/registration/782-rieghistratsiia-inostrannykh-ghrazhdan-i-lits-biez/">kirgisische Gesetz</a> schreibt eine Registrierung nämlich nur dann vor, wenn man sich mehr als 30 Tage in dem Land aufhält. Emigrant:innen, die sich lediglich auf der Durchreise etwa nach Armenien, Georgien oder in die Türkei befinden oder die sich bisher einfach noch nicht registriert haben, werden in den offiziellen Zahlen folglich nicht berücksichtigt.</p>



<h5 class="wp-block-heading">Die Gründe für die Emigration sind vielfältig</h5>



<p class="wp-block-paragraph">Wer sind diese neuen Migrant:innen und was hat sie nach Zentralasien geführt? Novastan hat sich in Osch, im Süden Kirgistans, mit Betreiber:innen von Jugendherbergen und Russ:innen getroffen, um die Hintergründe besser zu verstehen. Ein Teil der Emigrierten gibt an, Russland aus politischen Gründen verlassen zu haben: Der Überfall Russlands auf die Ukraine stelle für sie einen Wendepunkt dar, auch wenn sie schon vor dem 24. Februar nicht mit der Politik des Kremls einverstanden gewesen sind. Der Krieg und die damit verbundenen Repressionen haben den Ausschlag für die Entscheidung zur Emigration gegeben. Sie sehen für sich in Russland keine Zukunft mehr. Unter ihnen sind viele Journalist:innen und Künstler:innen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viele Männer sind allerdings aus Angst vor dem drohenden Militärdienst geflohen. Nach Beobachtung von Novastan handelt es sich dementsprechend bei den meisten Russ:innen, die in letzter Zeit nach Zentralasien gekommen sind, entweder um junge Menschen ohne Familien oder um junge Familien mit kleinen Kindern. Für die Überrepräsentation dieser Altersgruppe gibt es aber auch soziale und ökonomische Gründe: Aika*, eine Betreiberin von Jugendherbergen in Osch, erzählt, dass ihren Schätzungen nach mehr als die Hälfte ihrer russischen Gäste in der IT-Branche beschäftigt sind oder es sich leisten können, mobil zu arbeiten. Die Auswanderung dieser sozialen Gruppe ist bedingt durch die gegen Russland verhängten Sanktionen, die eine schwierige Zukunft für die Mittelklasse erwarten lassen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch bei Novastan:</strong> <a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/der-krieg-in-der-ukraine-und-seine-folgen-fuer-zentralasien/">Der Krieg in der Ukraine und seine Folgen für Zentralasien</a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Wieder andere arbeiten für internationale Unternehmen und Organisationen. Aufgrund der Russland-Sanktionen konnten sie plötzlich nicht mehr auf ihre Gehaltszahlungen zugreifen. Teilweise sind sie dann nach Zentralasien gekommen, um hier ein neues Konto einzurichten, das sie für internationale Transaktionen nutzen können. So musste sich beispielsweise Pjotr*, der schon vor Jahren nach Lateinamerika ausgewandert ist, eigens nach Kirgistan begeben, um dort ein Bankkonto zu eröffnen, weil er in Mexiko, wo er momentan lebt, von seinem Konto, das immer noch in Rubel geführt wird, kein Geld mehr abheben und keine Überweisungen mehr tätigen kann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nicht zuletzt verlassen binationale Familien Russland aus Angst davor, von einem neuen Eisernen Vorhang auseinandergerissen zu werden. Davon zeugt etwa die Geschichte eines russisch-britischen Paares das von <a href="https://rus.azattyk.org/a/31746325.html">Radio Azattyk</a>, dem kirgisischen Dienst von Radio Free Europe, interviewt wurde. Ihre Befürchtungen scheinen sich zu bestätigen: Laut Aika wurden bereits Anfang April Buchungen von russischen Staatsbürger:innen storniert, weil es ihnen nicht mehr gelungen ist, die Grenze zu überqueren. Die Gründe für die Auswanderung nach Zentralasien sind also vielfältig. Ihre gemeinsame Ursache haben sie indessen in dem russischen Krieg gegen die Ukraine.</p>



<h5 class="wp-block-heading">Fluchtpunkt Kirgistan</h5>



<p class="wp-block-paragraph">Manchmal war die Abreise am Vortag noch nicht einmal geplant und vollzog sich dann überstürzt in dem Bewusstsein, dass es mit jedem Tag schwerer werden würde, dem russischen Boden zu entrinnen: Die Zahl möglicher Fluchtziele verringert sich, viele Linien verkehren nicht mehr oder immer seltener und die Kosten für ein Ticket steigen unablässig. Laut einem Gespräch, das <a href="https://www.sibreal.org/a/rossiyane-ekstrenno-emigriruyut/31742700.html">Sibir.Realii</a> – ein Projekt von Radio Svoboda, dem russischen Dienst von Radio Free Europe – mit russischen Emigrant:innen geführt hat, ist es seit dem 3. April für Russ:innen nicht mehr möglich nach Armenien, einem der beliebtesten Ziele, zu fliegen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch bei Novastan:</strong> <a href="https://novastan.org/de/tadschikistan/die-schwierige-situation-tadschikischer-arbeitsmigranten-in-russland/">Die schwierige Situation tadschikischer Arbeitsmigranten in Russland</a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Unter den widrigen Umständen ist es noch vergleichsweise einfach nach Zentralasien zu gelangen. Die Preise für die Flugtickets sind aufgrund der hohen Nachfrage zwar gestiegen. Taschkent und Bischkek, die Hauptstädte von Usbekistan und Kirgistan, sind aber weiterhin erreichbar. Hinzu kommt, dass in diesen Ländern in Rubel bezahlt werden kann und dass sie der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) angehören. Das bedeutet, dass Russ:innen hier ohne Visum einreisen können und dass auch ein mittel- oder langfristiger Aufenthalt ohne allzu große administrative Schwierigkeiten möglich ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gegenüber anderen zentralasiatischen Staaten hat Kirgistan den Vorteil, dass es in den großen Städten eine gute und von der Zensur nicht eingeschränkte Internetverbindung gibt. Wer mobil arbeiten möchte, lässt sich deshalb wahrscheinlich eher in Bischkek oder Osch nieder als in Usbekistan oder Kasachstan.</p>



<h5 class="wp-block-heading">Eine sich organisierende Gemeinschaft</h5>



<p class="wp-block-paragraph">Anfang März versuchten die Neuankömmlinge noch häufig, von Kirgistan aus in andere Länder weiterzureisen. Sie sind nur so lange in dem Land geblieben, wie es eben nötig war, um sich auszuruhen und die nächsten Schritte zu planen. Andere sind, nachdem sie ihr Konto in Kirgistan eröffnet und ihre neuen Bankkarte erhalten haben, wieder direkt nach Russland zurückgekehrt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Einen Monat später hat sich die Situation bereits verändert: „Die Russen verbringen einige Tage im Hotel, schauen sich die Stadt und Ololohaus [ein Coworking-Space im Stadtzentrum von Osch; Anm. d. Red.] an und testen die Internetverbindung. Einige entscheiden sich dann dazu hierzubleiben, zumal das Leben in Osch günstiger ist als in Bischkek.“ erklärt Aika.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dieser Prozess lässt sich in der Telegram-Gruppe nachvollziehen, die von Russ:innen gegründet wurde, die kürzlich in Kirgistan angekommen sind. Die Gruppe zählt rund 2.300 Mitglieder, die in dem Kanal Ratschläge und Informationen austauschen, zum Beispiel darüber, wie man die kirgisische Staatsbürger:innenschaft beantragt – ein Beleg dafür, dass einige von ihnen vorhaben, sich hier für längere Zeit niederzulassen.</p>



<h5 class="wp-block-heading">Wirtschaftliche Chancen für Kirgistan</h5>



<p class="wp-block-paragraph">Auch Kirgistan ist von den westlichen Sanktionen betroffen. Die Einwanderung aus Russland wird wirtschaftlich aber als Chance gesehen. Die Banken erhoffen sich dadurch neue Kund:innen und auch der Tourismussektor, der immer noch unter der Krise infolge der Pandemie leidet, hofft von der Entwicklung zu profitieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Russ:innen sorgen dafür, dass sich die Hotels wieder füllen und der Tourismus bis zu einem gewissen Grad wiederbelebt wird. Viele nutzen den Zwangsaufenthalt, um das Land zu besichtigen, bevor sie wieder abreisen beziehungsweise ihre neue Kreditkarte erhalten.</p>



<h5 class="wp-block-heading">Wohnungskrise in Sicht</h5>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt aber auch Stimmen, die gegen diese als zu großzügig empfundene Aufnahme protestieren und die der Meinung sind, Kirgistan bedürfe diese Einwanderungswelle nicht. Das betrifft übrigens nicht nur Russ:innen, sondern auch die zahlreichen Arbeitsmigranten, die seit Beginn des Kriegs in ihre Heimat zurückkehren.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">Neben den Folgen der westlichen Sanktionen, wie der Abwertung des Som, den steigenden Preisen und dem sinkenden Einkommen, ist Kirgistan von einer Wohnungsknappheit betroffen. Das ist vor allem in Bischkek der Fall. Nach Angaben des kirgisischen Onlinemediums <a href="https://kaktus.media/doc/456464_pochemy_v_bishkeke_vyrosla_v_cene_arenda_kvartir._rasskazyvaut_eksperty_po_nedvijimosti.html">Kaktus </a>stieg die Nachfrage nach Immobilien bereits in der Pandemie. Seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine und der dadurch ausgelösten Emigrationswelle, hat sich die Lage auf dem Wohnungsmarkt jedoch noch weiter verschärft: Während die kirgisischen Arbeitsmigranten aus Russland meist zu ihren Familien zurückkehren, die auf dem Land wohnen, bleiben die russischen Emigrant:innen in den Städten, weil sie auf eine stabile Internetverbindung angewiesen sind.</p>



<p class="wp-block-paragraph">*der Vorname wurde geändert.</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong><a href="https://novastan.org/de/author/paulivana/">Paulinon Vanackère</a>, Redakteurin für Novastan France</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem <a href="https://novastan.org/fr/kirghizstan/le-kirghizstan-destination-populaire-des-russes-fuyant-leur-pays/">Französischen</a> von <a href="https://novastan.org/de/author/lkuehne/">Lucas Kühne</a></strong></p>



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		<title>Ein Paar Ohrringe für eine Wohnung</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Gisela Zeindlinger]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 19 Dec 2020 17:56:22 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Tadschikistan]]></category>
		<category><![CDATA[Emigration]]></category>
		<category><![CDATA[Flucht]]></category>
		<category><![CDATA[Rückkehr]]></category>
		<category><![CDATA[Tadschikischer Bürgerkrieg]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die Geschichte von zwei Freundinnen, die aufgrund des Kriegs aus Tadschikistan flohen und die Republik nach 26 Jahren wieder besuchten. Der folgende Artikel von Alija Chamidullina erschien am 5. September 2020 auf Fergana. Wir &#xFC;bersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion. Durch den Zerfall der Sowjetunion und den beginnenden B&#xFC;rgerkrieg in Tadschikistan (1992-1997) waren viele [&#x2026;]</p>
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<p class="wp-block-paragraph"><strong>Die Geschichte von zwei Freundinnen, die aufgrund des Kriegs aus Tadschikistan flohen und die Republik nach 26 Jahren wieder besuchten. Der folgende Artikel von Alija Chamidullina erschien am 5. September 2020 auf <a href="https://fergana.site/articles/120376/">Fergana</a>. Wir übersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Durch den <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Zerfall_der_Sowjetunion">Zerfall der Sowjetunion</a> und den beginnenden <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Tadschikischer_B%C3%BCrgerkrieg">Bürgerkrieg in Tadschikistan</a> (1992-1997) waren viele russischsprachige Einwohner der Republik gezwungen, diese zu verlassen. Die Angst um die eigene Sicherheit sowie um die Zukunft der Kinder veranlasste viele Leute dazu, ins Blaue aufzubrechen und ihre gut ausgestatteten Wohnungen zurückzulassen. Auch ein großer Teil der ursprünglich ansässigen Bevölkerung floh in diesen unsicheren Jahren aus der Republik. Während des Krieges war es praktisch unmöglich, die eigene Wohnung zu verkaufen. Flüchtlinge und Emigranten hinterließen ihr Zuhause für bessere Zeiten. Wenn sie dann nach einigen Jahren in die Heimat zurückkehrten, fanden sie in ihren Wohnungen Leute vor, die sich eigenmächtig zu neuen BewohnerInnen gemacht hatten.</p>


<p style="background-color: #d4d4d4;"><span style="color: #000000;">Novastan ist das einzige deutschsprachige Nachrichtenmagazin über Zentralasien. Wir arbeiten auf Vereinsgrundlage und <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/werde-unser-mitglied-werde-novastan/"><strong>Dank eurer Teilnahme</strong></a>. Wir sind <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/unser-projekt/">unabhängig</a> und wollen es bleiben, dafür brauchen wir euch! Durch jede noch so kleine <strong><a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/spenden/">Spende</a></strong> helft ihr uns, weiter ein realitätsnahes Bild von Zentralasien zu vermitteln.</span></p>



<p class="wp-block-paragraph">Solche Fälle gab es zu Hunderten, und die tatsächlichen EigentümerInnen mussten vor Gericht gehen, um ihre Immobilie zurückzubekommen. Aber es gab auch jene AussiedlerInnen, die ihr Zuhause einfach aufgaben oder es für einen Spottpreis verkauften. Zu diesen gehörten auch die Familien der zwei Freundinnen Tatjana Berger und Natalja Schunenkowa. Sie erzählten „Fergana“ wie sie aus Tadschikistan weggefahren und nach 26 Jahren wieder in die Heimat zurückgekommen sind.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Unfreiwillige Ausreise</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">In den 1970er Jahren wurden die Eltern von Tatjana und Natalja nach <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Istiqlol">Taboschar</a> (heute Istiqlol), eine <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Geschlossene_Stadt">geschlossene</a> Kleinstadt im Norden Tadschikistans, entsandt, um dort als JungabsolventInnen in einem Unternehmen zu arbeiten. Das Unternehmen „Sarja Wostoka“, das in der Rüstungsindustrie tätig war und Raketenteile produzierte, benötigte damals dringend MitarbeiterInnen und stellte den ExpertInnen alles Notwendige zur Verfügung: komfortable Wohnungen, Kindergarten- und Schulplätze, Urlaubsreisen an Erholungsorte. Über die Tätigkeit der Firma wusste kaum jemand Bescheid. <em>„Wir produzieren Souvenirs.“</em> So empfahl die Unternehmensleitung von „Sarja Wostoka“ ihren MitarbeiterInnen auf die neugierigen Fragen Einheimischer zu antworten.</p>



<div class="wp-block-jetpack-slideshow aligncenter" data-effect="slide"><div class="wp-block-jetpack-slideshow_container swiper-container"><ul class="wp-block-jetpack-slideshow_swiper-wrapper swiper-wrapper"><li class="wp-block-jetpack-slideshow_slide swiper-slide"><figure><img fetchpriority="high" decoding="async" width="920" height="644" alt="Junge Familien kommen nach Taschobar, um die Stadt zu entwickeln. Foto aus dem Privatarchiv der Freundinnen" class="wp-block-jetpack-slideshow_image wp-image-24546" data-id="24546" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-1.jpeg" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-1.jpeg 920w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-1-300x210.jpeg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-1-768x538.jpeg 768w" sizes="(max-width: 920px) 100vw, 920px" /><figcaption class="wp-block-jetpack-slideshow_caption gallery-caption">Junge Familien kommen nach Taschobar, um die Stadt zu entwickeln. Foto aus dem Privatarchiv der Freundinnen</figcaption></figure></li><li class="wp-block-jetpack-slideshow_slide swiper-slide"><figure><img decoding="async" width="920" height="644" alt="Die Erstklässlerinnen Tanya Berger und Natasha Shunenkova werden in die Oktobristen aufgenommen. Foto aus dem Privatarchiv der Freundinnen" class="wp-block-jetpack-slideshow_image wp-image-24547" data-id="24547" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-2.jpeg" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-2.jpeg 920w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-2-300x210.jpeg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-2-768x538.jpeg 768w" sizes="(max-width: 920px) 100vw, 920px" /><figcaption class="wp-block-jetpack-slideshow_caption gallery-caption">Die Erstklässlerinnen Tanya Berger und Natasha Shunenkova werden in die Oktobristen aufgenommen. Foto aus dem Privatarchiv der Freundinnen</figcaption></figure></li></ul><a class="wp-block-jetpack-slideshow_button-prev swiper-button-prev swiper-button-white" role="button"></a><a class="wp-block-jetpack-slideshow_button-next swiper-button-next swiper-button-white" role="button"></a><a aria-label="Pause Slideshow" class="wp-block-jetpack-slideshow_button-pause" role="button"></a><div class="wp-block-jetpack-slideshow_pagination swiper-pagination swiper-pagination-white"></div></div></div>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Damals, in der Nachkriegszeit, wurden Deutsche, die aus Polen und der Ukraine vertrieben wurden, nach Taboschar geschickt, um Uran abzubauen. Mein Großvater war einer von ihnen“</em>, erzählt Tatjana Berger. <em>„Meine Mutter ist nach Abschluss ihres Studiums in <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kemerowo">Kemerowo</a> als junge Expertin hierhergekommen und lernte bei der Arbeit in der Fabrik ihren zukünftigen Ehemann, meinen Vater, kennen. Mein Vater ist ein ortsansässiger Einwohner Taboschars. Als meine Eltern heirateten, bekamen sie zunächst ein Zimmer im Wohnheim und als ich – ihr erstes Kind – zur Welt kam, wurde ihnen eine Zweizimmerwohnung zugeteilt. Nachdem 1982 dann mein Bruder geboren wurde, bekamen wir eine geräumige Dreizimmerwohnung, in der wir bis zu unserer Ausreise wohnten.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/tadschikistan/erinnerungen-an-den-burgerkrieg-die-redakteurin-sebo-tadschibajewa-13/">Erinnerungen an den tadschikischen Bürgerkrieg: “Die Kugeln fliegen schneller, als man rennen kann” (1/3)</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Tatjanas Worten zufolge lebten bis zu Beginn der 90er Jahre hunderte solcher Familien in Taboschar. Sie arbeiteten, heirateten, schmiedeten Pläne für die kommenden Jahre und ihr zukünftiges Leben in ihrer geliebten Stadt, die für viele zur zweiten Heimat geworden war.</p>


<p style="background-color: #d4d4d4;"><span style="color: #000000;">Lust auf Zentralasien in eurer Mailbox? Abonniert unseren kostenlosen wöchentlichen Newsletter <strong><span style="text-decoration: underline;"><a href="https://2ff41361.sibforms.com/serve/MUIFAD3kOVgHRZMEzVL0tQuvV__Lm5slYuTqY-DEgdyDpH9WazOpCwYD2CLbIZdPKxyD_Mnaw2SKMY78StG6vCfPNIE1HcIumNXgnjsKyqsb8MuZ5Ng1jN3cNsBhf4SSp2VDJAgy_38b6jiUL7aU6Y-RaIAVhUpNqW1tNwmWOB-8YcNp9LBWEk57rUlkszlx_tQ8qxYED63Sz6UU">mit einem Klick.</a></span></strong></span></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Wir dachten überhaupt nicht daran wegzufahren, es ging uns gut in Tadschikistan. Wir führten ein, so schien es uns, geglücktes Leben: sichere und hochdotierte Arbeit, gut ausgestattete Wohnungen, zufriedenstellende Lebensbedingungen. Ich war dabei die Schule abzuschließen und dachte über meine Studienpläne nach. Aber der Krieg änderte alles. Alle begannen auszureisen – nach Russland, Deutschland, Israel. Meine Eltern machten sich Sorgen, dass es gefährlich werden könne, und ihr Schutzinstinkt brachte sie dazu, sich für einen baldigen Umzug zu entscheiden. Ich kann mich noch sehr gut an diese allgemeine Panik erinnern: die Leute waren in Hektik, man musste schnell entscheiden, wohin. Man begann sich an Verwandte, auch weit entfernte, zu erinnern, um nur irgendwie wegfahren zu können. Hauptsache weit weg vom Chaos dieser Zeit“</em>, erinnert sich Berger.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img decoding="async" width="800" height="500" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-3.jpeg" alt="Familie Berger. Foto aus dem Privatarchiv" class="wp-image-24549" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-3.jpeg 800w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-3-300x188.jpeg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-3-768x480.jpeg 768w" sizes="(max-width: 800px) 100vw, 800px" /><figcaption>Familie Berger. Foto aus dem Privatarchiv</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Wie tausende andere flüchtete Tatjanas Familie ins Unbekannte. An nur einem Tag luden die Bergers alle Möbel in einen LKW-Container. Vieles mussten sie zurücklassen, da ihnen statt eines Containers mit zehn Tonnen lediglich einer mit fünf Tonnen Kapazität zur Verfügung stand. Tatjana erinnert sich, wie sie in der möblierten Wohnung einschlief und die Wohnung beim Aufwachen bereits halb leer war. Traurig fuhr die Familie los. In Tadschikistan ließ sie ein Stück von sich zurück, die Liebe und Verbindung zu den Orten der Heimat. Das Leben teilte sich in ein „davor“ und „danach“.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im November 1992 machte sich Tatjana mit ihrem Vater auf den Weg nach Kemerowo. Dort sollte nach zwei Wochen auch der Container mit ihren Möbeln und anderen Sachen ankommen. Die Familie sollte bei der Großmutter wohnen, der einzigen Verwandten, die Tatjanas Mutter noch in Russland hatte. Sie hatte nur eine kleine Zweizimmerwohnung, weshalb die Familie beschloss, nicht sofort gemeinsam zu kommen. Und die Mutter musste mit ihrem Unternehmenohnehin noch die Frage der Kündigung klären. Deshalb blieb sie mit Tatjanas kleinem Bruder noch einige Zeit in Taboschar. Kurze Zeit später, im Februar 1993, wurde die Familie wieder vereint und begann sich am neuen Wohnort einzuleben.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Aufgeben</strong><strong> </strong><strong>oder</strong><strong> </strong><strong>für</strong><strong> </strong><strong>einen</strong><strong> </strong><strong>Spottpreis hergeben</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach einem Jahr fuhren Tatjanas Eltern während ihres Urlaubs nach Taboschar, um die Wohnung, die sie privatisieren lassen hatten und die sich noch in ihrem Eigentum befand, zu verkaufen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Gleich nach ihrer Ankunft hatten sie ein unerwartetes Erlebnis. Sie fanden die Eingangstür unserer Wohnung an einer Wohnung in einem anderen Stock vor. Nachdem sie die Bewohner nach dem Grund dafür gefragt hatten, hörten sie folgende Erklärung: „Sie sind ja weggefahren und haben die Wohnung zurückgelassen. Wozu brauchen Sie dann eine gute Tür? Unsere Tür ist schon sehr alt und so haben wir sie ausgetauscht.“ Meine Eltern wussten nicht, was sie sagen sollten“</em>, erzählt Tatjana.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="496" height="310" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-4.jpeg" alt="So verließen Tatjana und Natalja Taboschar. Foto aus dem Privatarchiv der Freundinnen" class="wp-image-24551" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-4.jpeg 496w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-4-300x188.jpeg 300w" sizes="auto, (max-width: 496px) 100vw, 496px" /><figcaption> So verließen Tatjana und Natalja Taboschar. Foto aus dem Privatarchiv der Freundinnen </figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Plünderungen und Diebstähle in den zurückgelassenen Wohnungen waren in dieser Zeit eine alltägliche Erscheinung. Viele Leute bekamen ihre Wohnungen von den Unternehmen, für die sie arbeiteten, gestellt, sie galten also als Dienstwohnungen. Nicht alle hatten die Möglichkeit noch einmal zurückzukehren, um die Wohnung privatisieren zu lassen und zu verkaufen. Allerdings gab es ohnehin kaum potenzielle KäuferInnen; aufgrund des Krieges und der Wirtschaftskrise kam es zur Massenarbeitslosigkeit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Urlaub ging dem Ende zu und es blieben nur zwei Lösungen: Die Wohnung zurücklassen oder sie für einen Spottpreis hergeben. Da es unmöglich schien, später noch einmal nach Taboschar zu kommen, blieb nichts anderes übrig, als das Angebot des zu diesem Zeitpunkt einzigen aufgetauchten Interessenten anzunehmen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Wohnung wurde gegen ein Paar goldene Ohrringe und ein bisschen Bargeld als Aufzahlung eingetauscht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Geld reichte genau dafür aus, um die Ausgaben für die Rückfahrt zu decken.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Diese Ohrringe mit gelbem Bernstein haben wir bis heute noch. Wir tragen sie nicht und werden das wahrscheinlich auch nie tun. Sie sind ziemlich altmodisch</em>“, lächelt Tatjana. <em>„Ich denke, diese Reliquie wird von Generation zu Generation weitergegeben werden – gemeinsam mit der Erzählung ihrer Geschichte. Meine Tochter liebt die Geschichten meiner Mutter über diese unvergessenen Zeiten ihres Lebens in Taboschar. Nicht eine Zusammenkunft vergeht bei uns ohne eine dieser Erinnerungen. Das war eine einzigartige, glückliche Zeit und Taboschar ist für immer in unseren Herzen.&#8220;</em></p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="496" height="369" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-5.jpeg" alt="Die Goldohrringe mit Bernstein. Foto aus dem Privatarchiv der Freundinnen" class="wp-image-24552" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-5.jpeg 496w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-5-300x223.jpeg 300w" sizes="auto, (max-width: 496px) 100vw, 496px" /><figcaption>Die Goldohrringe mit Bernstein. Foto aus dem Privatarchiv der Freundinnen</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Berger erinnert sich daran, dass ihr geliebtes Klavier keinen Platz im Container fand. Da das Musizieren ihre Lieblingsbeschäftigung war, machte sie sich deshalb viele Gedanken. Als sie sich schon damit abgefunden hatte, dass das ihr so teure Instrument die neuen Wohnungsbesitzer bekommen würden, nahm das Schicksal des Klaviers – im Gegensatz zur Wohnung – doch noch eine bessere Wendung.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Klaviere der Marke ‚Lyrika‘ hatten einen guten Ruf unter Musikern und waren für ihren angenehmen Klang bekannt. Das Klavier wurde von <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Wolgadeutsche">Deutschen</a> gekauft, die von Taboschar nach Deutschland emigrierten. Ich bin sehr froh, dass das Instrument in seiner tatsächlichen Bestimmung zum Einsatz kam. Schlimmstenfalls wäre sein Los gewesen, als Brennholz verkauft zu werden oder als unnützes Zeug herumzustehen“</em>, sagt Tatjana.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der Familie Schunenkow gibt es auch eine Geschichte in Zusammenhang mit dem Verkauf ihrer Wohnung. Der eilige Umzug aus dem sonnigen Tadschikistan nach Sibirien hatte Einfluss auf das Ergebnis dieses Geschäfts. Natalja – damals ein junges Mädchen – hatte keine warme Jacke. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihre Eltern tauschten die Wohnung gegen einen Pelzmantel ein, in dem Natalja nach Russland fuhr.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="496" height="310" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-6.jpeg" alt="Tatjana und Natalja im Taboscharer Kulturhaus. Foto aus dem Privatarchiv der Freundinnen" class="wp-image-24553" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-6.jpeg 496w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-6-300x188.jpeg 300w" sizes="auto, (max-width: 496px) 100vw, 496px" /><figcaption>Tatjana und Natalja im Taboscharer Kulturhaus. Foto aus dem Privatarchiv der Freundinnen</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Der Pelzmantel war der einzige ‚wertvolle‘ Gegenstand, der uns von den Käufern für unsere Wohnung in Taboschar angeboten wurde. Es stellte sich allerdings heraus, dass dieser Mantel aus irgendeinem undefinierbaren Tierfell war. Später sagte uns jemand, es wäre Hundefell. Ich erinnere mich, dass wir im Zug saßen und mich ständig irgendetwas gebissen hat. Das waren Flöhe. Später habe ich einen neuen Mantel bekommen, und von dem alten haben wir uns erfolgreich getrennt. In dieser Hinsicht hatte Tanja mehr Glück: Immerhin ist ihr irgendein Erinnerungsstück an die alte Wohnung geblieben</em>“, lacht Natalja.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Wiedersehen mit der Stadt der Kindheit</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Heute erzählen Tatjana und Natalja diese Geschichten mit einem Lächeln, aber damals, Anfang der 1990er, war alles viel dramatischer. Familien verloren einen Teil ihres erwirtschafteten Vermögens und standen praktisch ohne ein Dach über dem Kopf da. Kränkungen gebe es keine, sagen die Frauen: Damals waren alle in einer schwierigen Lage. Auch viele tadschikische Familien mussten ihre Heimat verlassen und ihren gesamten Besitz zurücklassen. Darüber hinaus wollten die Freundinnen all diese Jahre über nach Tadschikistan fahren und die Orte besuchen, wo sie die besten Momente ihrer Kindheit erlebten.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/tadschikistan/warum-breschnew-millionen-in-nurek-staudamm-in-tadschikistan-investierte/">Warum Breschnew Millionen in den Nurek-Staudamm in Tadschikistan investierte</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Reise nach Taboschar war bei den Frauen oft Gesprächsthema. Von jeder Gehaltszahlung legten sie eine kleine Summe in eine Schachtel mit der Aufschrift „Für Taboschar“. Die Freundinnen reisten in Gedanken oft in jene Zeit zurück. Sie versuchten sich vorzustellen, wie die Stadt jetzt aussah, wer in ihren damaligen Wohnungen lebte, oder ob jemand von den Alteingesessenen geblieben ist?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und schließlich, nach 26 Jahren, erfüllten sich Tatjana und Natalja, die nun im Oblast Kemerowo leben, ihren Traum und fuhren nach Taboschar.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="496" height="310" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-7.jpeg" alt="Die frühere Wohnung der Familie Berger im 4. Stock. Foto aus dem Privatarchiv" class="wp-image-24554" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-7.jpeg 496w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-7-300x188.jpeg 300w" sizes="auto, (max-width: 496px) 100vw, 496px" /><figcaption>Die frühere Wohnung der Familie Berger im 4. Stock. Foto aus dem Privatarchiv</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Es war ein sehr bewegender Moment, als wir über die Treppe vom Flugzeug hinuntergingen und auf tadschikischen Boden stiegen. Wir atmeten die frische Luft ein, diese unglaubliche Luft, vermischt mit dem Duft aller möglichen Blumen und dem Geruch des in der Sonne glühenden Asphalts. Wir waren überglücklich. Am liebsten hätten wir den Boden der Heimat geküsst. Dieses einzigartige Gefühl, als ob du das ganze Leben lang nur für diesen Moment gelebt hättest. Jenen, die keine Trennung von ihrer Heimat erleben mussten, wird es schwerfallen, diese Gefühle zu verstehen“</em>, erinnert sich Tatjana.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Frauen erzählen, wie sie auf dem Weg nach Taboschar versuchten, jeden Moment einzufangen und ganz unbeabsichtigt ihre Kindheitserinnerungen mit den aktuellen Gegebenheiten verglichen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Die gleichen Bäume entlang des Straßenrands, die gleichen grünen Wiesen mit gelbem Löwenzahn, die gleichen plätschernden Bächlein. Aber an der Stadteinfahrt stach uns gleich das Schild ins Auge, auf dem schon der neue Name stand: „Willkommen in Istiqlol“. Auch der Hauptplatz hatte sich verändert. Statt der Leninstatue steht da nun ein schönes Denkmal mit dem Wappen“</em>, erzählt Natalja.<em> „Die Stadt ist nach wie vor eine grüne Stadt geblieben. Wir waren erfreut, dass es überall wunderbar nach Blumen duftet. Die bekannten deutschen Steinhäuser erhielten das einzigartige Erscheinungsbild der Stadt.“</em></p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="496" height="310" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-8.jpeg" alt="Tatjana vor dem Haus ihrer Großmutter. Foto aus dem Privatarchiv" class="wp-image-24555" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-8.jpeg 496w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/12/Bild-8-300x188.jpeg 300w" sizes="auto, (max-width: 496px) 100vw, 496px" /><figcaption>Tatjana vor dem Haus ihrer Großmutter. Foto aus dem Privatarchiv</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Unser Traum wurde wahr! Zuerst fuhren wir gleich in unseren Stadtteil. Tanjas und mein Haus waren in der Nachbarschaft. Wir erkannten die Häuser nicht gleich. Es war so ein Gefühl, als ob sie niedriger geworden wären. Die Innenhöfe waren leer. Dabei war unser Hof ständig voll mit Kindern bei den Schaukeln, Sandkisten und Rutschen. Jetzt gibt es nichts mehr davon. Mich überkam sofort ein tiefes Gefühl der Traurigkeit und Nostalgie nach diesen glücklichen Zeiten. Gleichzeitig empfand ich eine große Freude darüber, dass ich unser Haus wiedersehen konnte, welches wir auf der Suche nach einem besseren Leben zurücklassen mussten. Unsere Wohnungen stehen zum Glück nicht leer, davon zeugten die Vorhänge hinter den Fenstern“</em>, fährt Natalja fort.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Freundinnen blieben drei Tage in Taboschar. Sie übernachteten bei einem Schulkollegen von Nataljas jüngerem Bruder, der sie die ganze Zeit über begleitete.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Wir sind fast die ganze Stadt abgegangen. Wir spazierten die bekannten Straßen entlang und besuchten für uns persönlich wichtige Orte: das Haus meiner Oma, das Stadion, den See, das Kulturhaus, den Park, den Markt“</em>, erzählt Tatjana. <em>„Von der europäischen Bevölkerung ist praktisch niemand übriggeblieben. Aber es ist erfreulich, dass fast alle Einwohner fließend Russisch sprechen und wir überhaupt keine Sprachbarriere fühlten. Die Stadt lebt weiterhin ihr Leben, wenn auch nicht so ein aktives wie früher. Als wir schon auf dem Rückweg waren, saß ich im Flugzeug und dachte über unsere Reise nach, die schlussendlich zustande gekommen ist. Und plötzlich erkannte ich, dass ich in mir so ein Gefühl der Unvollständigkeit trug. Als ob ich irgendetwas nicht vollendet hätte, also ob es notwendig gewesen wäre, noch länger in Taboschar zu bleiben. Aber dieses Mal erlaubten das die Umstände nicht. Ich denke, dass wir unsere Reise in die Heimat irgendwann für einen längeren Zeitraum wiederholen werden, damit wir diese Zeit und unsere Erinnerungen in vollen Zügen genießen können.“</em></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Alija Chamidullina für <a href="https://fergana.site/">Fergana</a></strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem Russischen von Gisela Zeindlinger</strong></p>


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		<title>Die Uhlfeldkolonie &#8211; Das Schicksal der Familie Haunholter aus Tirol (2/2)</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Lukas Gabriel Dünser]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 10 Jan 2018 12:22:04 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Emigration]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Karl Uhl]]></category>
		<category><![CDATA[Kasachische Sowjetrepublik]]></category>
		<category><![CDATA[Österreich]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Im M&#xE4;rz 1927 l&#xF6;sten die Mitglieder der&#xA0;Uhlfeldkolonie ihre Kommune in Kasachstan auf. Viele kehrten nach &#xD6;sterreich zur&#xFC;ck, andere blieben mit ihren Familien in der Sowjetunion. Einer von ihnen war Johann Haunholter. Doch die Schrecken der&#xA0;Drei&#xDF;igerjahre &#xFC;berstand er nicht. Zweiter Teil einer Geschichte von&#xA0;Lana Berndl. Haunholter war 1926 in die die&#xA0;Kasachische Autonome Sowjetrepublik gekommen um&#xA0;in der [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify"><strong>Im März 1927 lösten die Mitglieder der Uhlfeldkolonie ihre Kommune in Kasachstan auf. Viele kehrten nach Österreich zurück, andere blieben mit ihren Familien in der Sowjetunion. Einer von ihnen war Johann Haunholter. Doch die Schrecken der Dreißigerjahre überstand er nicht. Zweiter Teil einer Geschichte von <em>Lana Berndl</em>.</strong></p>
<p style="text-align: justify">Haunholter war 1926 in die die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kasachische_Sozialistische_Sowjetrepublik">Kasachische Autonome Sowjetrepublik</a> gekommen um in der Nähe von <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Qysylorda">Ksyl-Orda</a>, der damaligen Hauptstadt, beim Aufbau einer landwirtschaftlichen Kommune zu helfen. Es war nicht sein erster Aufenthalt im Osten. Schon 1914 war der 1889 geborene Tiroler als Soldat der k.u.k. Armee in russische Kriegsgefangenschaft geraten. Zusammen mit einem Freund war Haunholter geflüchtet. Monatelang hatten sie sich in russischen Dörfer als Restauratoren von Ikonen und Bilderrahmen durchgeschlagen.</p>
<p style="text-align: justify">Nach der Rückkehr in seinen Geburtsort Kirchbichl nahm er seine Arbeit als Kunsttischler wieder auf. Doch der Krieg hatte furchtbare Spuren in der Seele des jungen Österreichers hinterlassen. Wenn seine Mutter ihn fragte, warum er nicht in die Kirche ging, antwortete er: „<em>Wer einige Zeit im Großen Krieg war, kann nicht an Gott glauben und an seine Barmherzigkeit auch nicht.</em>“ Wenn die Mutter darauf bestand sagte er: „<em>Wenn du mich zwingst, werde ich mich ertränken! Dein Gott ist ungerecht, und ich glaube nicht an ihn!</em>» Genauso dachte Haunholter über politische Parteien, er blieb sein lebenlang ohne Glauben und parteilos.</p>
<p><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/die-uhlfeldkolonie-eine-osterreichische-kommune-in-kasachstan-12/">Die Uhlfeldkolonie &#8211; Eine österreichische Kommune in Kasachstan (1/2)</a></strong></p>
<p><strong>Hoffnung auf ein gutes Leben in der Steppe</strong></p>
<p style="text-align: justify">Im Jahr 1921 heiratete er in Kirchbichl die elf Jahre jüngere Theresia Kurz und zog in ihr Haus ein. 1922 kam Tochter Rosa zur Welt, 1923 ein zweites Mädchen, Erna, und 1924 Sohn Hermann. Theresa arbeitete als Tellerwäscherin in einem kleinen Restaurant. Sie hatte eine zwanzig Jahre ältere Schwester, zu der sie aber keinen Kontakt hatte.</p>
<p><figure id="attachment_12170" aria-describedby="caption-attachment-12170" style="width: 1024px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-large wp-image-12170" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/01/Familie-Haunholter-1024x697.jpg" alt="Familie Haunholter Österreich Sowjetunion Kasachstan" width="1024" height="697" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/01/Familie-Haunholter-1024x697.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/01/Familie-Haunholter-300x204.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/01/Familie-Haunholter-768x522.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/01/Familie-Haunholter-1300x884.jpg 1300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/01/Familie-Haunholter-128x86.jpg 128w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption id="caption-attachment-12170" class="wp-caption-text">Johann und Theresia Haunholter mit ihren drei Kindern.</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify">Mitte der zwanziger Jahre warb Karl Uhl, der Obmann der „Republikanischen Vereinigung ehemaliger Kriegsteilnehmer und Kriegsopfer Österreichs“ (RVKKÖ) um Freiwillige für die Gründung einer Kommune in der Sowjetunion. Haunholter hatte anscheinend gute Erinnerungen an seine Zeit in Russland. Er berichtete seiner Frau Theresia von der grenzenlosen Steppe und dass sich die Menschen dort nur von natürlichen Lebensmitteln ernährten. „<em>Dort gibt es so viel Weite, soviel Freiheit. Fahren wir weg! Niemand wird uns kränken, alle werden uns gastfreundlich behandeln.</em>“ Er versprach seiner Frau ein gutes Leben.</p>
<p><strong>Von Kamtschatka nach Semipalatinsk</strong></p>
<p style="text-align: justify">Um die Teilnahme an der Kommune zu finanzieren, verkauften sie Theresias Haus. Im März 1926 reisten sie in die Sowjetunion. Als die Kommune nach nur einem Jahr zerfiel, hatten sie in Österreich nichts, zu dem sie hätten zurückkehren können und blieben in der Sowjetunion. Anfang der dreißiger Jahre reiste Haunholter mit seiner Familie nach <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kamtschatka">Kamtschatka</a>, einer Halbinsel im Pazifischen Ozean, im fernen Osten der Sowjetunion. Er baute dort erfolgreich ein Sägewerk und holzverarbeitende Werkstätten auf. Die Familie lebte unweit von Vulkanen, die mehrmals im Jahr ausbrachen. Erna und Rosa gingen erstmals in die Schule, Erna in die erste und Rosa in die zweite Klasse. Es gab nur ein Problem. Die Bewohner von Kamtschatka ernährten sich in dieser Zeit hauptsächlich von Konserven und Haunholter weigerte sich, diese zu essen. Er wollte natürliche Lebensmittel.</p>
<p><figure id="attachment_12171" aria-describedby="caption-attachment-12171" style="width: 1024px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-large wp-image-12171" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/01/Vulkan-auf-Kamtschatka-1024x683.jpg" alt="Vulkan Kamtschatka" width="1024" height="683" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/01/Vulkan-auf-Kamtschatka.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/01/Vulkan-auf-Kamtschatka-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/01/Vulkan-auf-Kamtschatka-768x512.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/01/Vulkan-auf-Kamtschatka-128x86.jpg 128w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption id="caption-attachment-12171" class="wp-caption-text">Vulkan auf Kamtschatka</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify">Mit seiner Familie kehrte er nach Alma-Ata, dem heutigen Almaty in Kasachstan, zurück. Hierhin waren bereits zehn bis fünfzehn andere Familien aus der gescheiterten Uhlfehldkolonie umgesiedelt. Schließlich verpflichtete er sich, in der Stadt <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Atomwaffentestgel%C3%A4nde_Semipalatinsk">Semipalatinsk</a>, einem späteren Atomwaffentestgelände, ein Fleischkombinat aufzubauen.</p>
<p><strong>Verräterischer Direktor</strong></p>
<p style="text-align: justify">In den dreißiger Jahren wurde das politische Klima in der Sowjetunion zunehmend repressiv. Einige der ehemaligen Kolonisten kehrten doch noch nach Hause zurück. Die Techniker Alfred Höflinger und Hugo Blasch siedelten jedoch mit elf weiteren Österreichern, mit denen sie die Genossenschaft „Artel“ gegründet hatten, in die heute Xinjiang genannte Region im äußersten Westen der Republik China um. Sie hatten Haunholter in einem Brief aufgefordert, sich ihnen anzuschließen. Der Direktor des Kombinates in Semipalatinsk hatte den Brief jedoch versteckt, weil er den Fachmann nicht verlieren wollte. Erst zwei Monate später erfuhr Haunholter, dass seine Landsleute die UdSSR verlassen hatten.</p>
<p><strong>Lest auch bei Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kirgistan/die-sowjetische-geschichte-zentralasiens-22/">Die sowjetische Geschichte Zentralasiens (2/2)</a></p>
<p style="text-align: justify">Er kündigte seinen Vertrag in Semipalatinsk, kehrte nach Alma-Ata zurück und zog dann weiter in eine Kolchose unweit der Stadt Aksay, wo er beim Aufbau eines Kraftwerks und des Erholungsheims für den Ministerrat der KasSsR mithalf. Haunholter besaß zwei riesige Schränke mit ausgezeichneten Tischlerinstrumenten, Fräs-, Schneid- und Drehwerkbänke, die zur damaligen Zeit in der Sowjetunion Seltenheit waren.</p>
<p style="text-align: justify">Nach Angaben seiner Nachkommen wurde Johann Haunholter von allen sehr respektiert und gemocht, besonders von Kindern. Er unterrichtete viele Menschen in Dreh- und Fräsarbeiten. Oft sammelte er Kinder um sich und schnitt hölzernen Spielzeuge, die er hinter seinem Rücken verbarg. Er dachte sich Rätsel aus und wer richtig riet, bekam das Spielzeug. Seine eigenen Kinder, waren deshalb gegenüber den Nachbarkindern öfters eifersüchtig.</p>
<p><strong>Tod wegen mangelnder Versorgung</strong></p>
<p style="text-align: justify">Das Kraftwerk, an dem Haunholter arbeitete, sollte bis zum 7. November 1935 (dem Jahrestag der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Oktoberrevolution">Oktoberrevolution</a>) in Betrieb genommen werden, um Elektrizität für Licht zu den Feierlichkeiten zu liefern und damit das Erholungsheim eröffnet werden konnte.</p>
<p style="text-align: justify">Zwei Wochen vor der Frist funktionierte jedoch die Turbine nicht. Haunholter stieg selbst in eiskaltes Wasser und stand dort mehrere Stunden. Es gelang schließlich, die Turbine zum Laufen zu bringen, aber Haunholter war so geschwächt, dass er in ein Krankenhaus gebracht wurde. Man diagnostizierte bei ihm eine akute Lungenentzündung. Als seine Frau Theresa ihn besuchte, war er bei vollem Bewusstsein und bat sie, ihm ein Fläschchen Wein zu bringen. Teresa ging ins Geschäft und als sie zurückkehrte, war er nicht mehr am Leben.</p>
<p><strong>Lest auch bei Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kirgistan/kriegsgefangene-in-turkestan-gesprach-mit-dem-historiker-peter-felch-teil-1/">Kriegsgefangene in Turkestan</a></p>
<p style="text-align: justify">Haunholter starb am 25. Oktober 1935. Er war 46. Zwei Österreicher, die in dem Krankenhaus arbeiteten erzählten Teresa später, dass er außer der Lungenentzündung auch Bauchtyphus hatte. Ihnen zufolge hätte man Haunholter retten können, wenn man ihn sofort adäquat behandelt hätte. Damals war die medizinische Versorgung in vielen Teilen der kasachischen ASSR jedoch katastrophal. In Semipalatinsk lebte Familie Haunholter in der Nähe eines Krankenhauses und sah dort täglich, wie an Typhus erkrankte Menschen zum Krankenhaus kamen, starben und mit Fuhrwerken zu den Friedhöfen transportiert wurden.</p>
<p><strong>Weiterleben in der Sowjetunion</strong></p>
<p style="text-align: justify">Theresa Haunholter war nun allein mit drei Kindern in dem fremden Land. Der Vorsitzende der Kolchose half der Familie indem er Haunholters Werk- und Werkbänke für die riesige Summe von 3000 Rubeln kaufte. Theresa schrieb nach Österreich an Johanns Mutter, um Dokumente zu erhalten, die das Dienstalter ihres Ehemannes bestätigten. Die Mutter antwortete: „<em>Wie erstaunlich es ist, dass ihr noch am Leben seid, dass ihr in der Steppe nicht von den Wölfen zerfleischt wurdet. Wir dachten, ihr seid in den Tod gefahren!</em>“</p>
<p style="text-align: justify">Nach dem Tod ihres Mannes arbeitete Theresa Haunholter in einer Fabrik in Aksay, absolvierte gleichzeitig einen Fernkurs als Deutschlehrerin und bekam schließlich eine Stelle als Deutschlehrerin in der Siedlung Kamenka in der Nähe von Alma-Ata. 1938, auf dem Höhepunkt des stalinistischen Terrors, wurde entschieden, Familie Haunholter aus der Sowjetunion auszuweisen, da sie keine sowjetischen Staatsangehörigen waren. Theresa Haunholter fuhr zusammen mit den Kindern nach Moskau und erreichte bei Staatspräsidenten Michail Kalinin tatsächlich, in der Sowjetunion bleiben zu dürfen.</p>
<p style="text-align: justify">Auch die nach China ausgewanderten Österreicher um Alfred Höflinger und Hugo Blasch waren vom Terror betroffen. Sie wurden 1939 von chinesischer Polizei verhaftet und im Sommer 1941 an den NKWD, den sowjetischen Geheimdienst, ausgeliefert. In Alma-Ata wurden sie wegen Spionage verurteilt und am 31. März 1942 erschossen. In Almaty lebt nach Angaben der Nachkommen von Johann Haunholter eine Tochter von Alfred Höflinger, die aber nicht zugeben möchte, dass ihr Vater kein Russe war.</p>
<p style="text-align: justify">Theresa Haunholter arbeitete nach einem Fernstudium am Moskauer Institut für Fremdsprachen weiter als Lehrerin. Bis zu ihrem Lebensende sprach sie mit einem starken österreichischen Akzent. Auch Johann Haunholter hatte nie richtig Russisch gelernt. Zum Beispiel nannte er Angeln einen &#8222;Fisch-Stock&#8220;. Er sagte: &#8222;Lass uns zum Fluss fahren, wo der Fisch- Stock ist!&#8220;</p>
<p style="text-align: justify">Hermann Haunholter wurde nach Abschluß seines Studiums Lehrer und später Direktor einer Schule. Er heiratete die Lehrerin Marija Akimova und nahm ihren Namen an. Es war nach dem Zweiten Weltkrieg mit einem deutschen Namen in der Sowjetunion nicht einfach. Erna Haunholter schloss 1959 ein Wirtschaftsstudium ab und arbeitete danach als Buchhalterin an der Staatlichen Universität von Alma-Ata.</p>
<p style="text-align: right"><strong>Von Lana Berndl</strong></p>
<p style="text-align: right"><strong>Redaktionalle Mitarbeit: Lukas Dünser und Folke Eikmeier</strong></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Über die Autorin</strong></p>
<p>Lana Berndl sucht seit einem Jahr in diversen Archiven in Kasachstan, Österreich und Russland nach Informationen über die Uhlfeld-Kolonie. Sie arbeitet momentan an einem Dokumentarfilmprojekt sowie einer Publikation zu diesem Thema, das völlig in Vergessenheit geraten ist und sehr wenig erforscht wurde. Sie hat inzwischen drei Nachkommen ausfinding gemacht. Im Sommer 2017 hat sie mit einem Nachkommen des Uhlfeldkolonisten Johann Haunholter in Tirol einen Recheredreh durchgeführt.</p>
<p>Lana Berndl ist auf der Suche nach weiteren Nachkommen der Uhlfeld-Kolonisten. Sie bittet jeden, der etwas über dieses Thema weiß, sie unter <strong>lana.berndl@gmail.com</strong>. zu kontaktieren.</p>
<p style="text-align: justify">Sie hat bereits einen <a href="http://derstandard.at/2000011273533/Die-Strasse-der-Oesterreicher-am-Ende-der-Welt">Dokumentarfilm über österreichische Kriegsgefangene in Kasachstan</a> fertig gestellt, der bei Filmfestivals und Präsentationen von Bangladesh bis in die Ukraine gezeigt wurde.</p>
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