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	<title>Crocus City Hall Archives</title>
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	<description>Wissenswertes und Nachrichten aus Kirgistan, Tadschikistan, Usbekistan, Kasachstan und Turkmenistan</description>
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	<title>Crocus City Hall Archives</title>
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		<title>„Ich brauchte nur einen Reisepass“: Zentralasiatische Kriegsgefangene in der Ukraine zwischen Loyalität und Reue</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Michèle Häfliger]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 07 Jun 2026 10:46:18 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>B&#xFC;rger aus Zentralasien stellen den gr&#xF6;&#xDF;ten Anteil ausl&#xE4;ndischer K&#xE4;mpfer in der russischen Armee. Novastan hat mehrere von ihnen, die von ukrainischen Streitkr&#xE4;ften gefangen genommen wurden, aufgesucht. Ihre Berichte verdeutlichen, wie Migranten aus Zentralasien f&#xFC;r Moskau zu einer Quelle besonders anf&#xE4;lliger Rekruten geworden sind. Im Hof einer Milit&#xE4;rstrafanstalt in der Region Lviv im Westen der Ukraine [&#x2026;]</p>
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<p class="wp-block-paragraph">Bürger aus Zentralasien stellen den größten Anteil ausländischer Kämpfer in der russischen Armee. Novastan hat mehrere von ihnen, die von ukrainischen Streitkräften gefangen genommen wurden, aufgesucht. Ihre Berichte verdeutlichen, wie Migranten aus Zentralasien für Moskau zu einer Quelle besonders anfälliger Rekruten geworden sind.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Hof einer Militärstrafanstalt in der Region Lviv im Westen der Ukraine schreiten Dutzende von Gefangenen schweigend zum Speisesaal. An den Wänden um sie herum hängen Porträts von <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Daniel_Romanowitsch">Daniel von Galizien</a>, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Stepan_Bandera">Stepan Bandera</a> und anderen ukrainischen Nationalisten. Im größten Kriegsgefangenenlager des Landes sind alle Beschriftungen und Befehle auf Ukrainisch verfasst.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Bei uns läuft alles gut, sie sind ruhig, es gibt keine Schlägereien“</em>, erzählt ein Wachmann. Vor seinen Augen betreten die Gefangenen die Kantine zum Mittagessen. Ihre Gesichter sind verschlossen. Einige Häftlinge haben bereits vier Jahre im Lager verbracht. Vor allem weist ein Großteil von ihnen deutlich asiatische Gesichtszüge auf. Bei einigen handelt es sich um Russen aus sibirischen Republiken wie Burjatien und Jakutien, wo die Einberufungsquoten besonders hoch sind.</p>



<figure class="wp-block-image size-large is-resized"><img fetchpriority="high" decoding="async" width="1024" height="771" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/06/Kantine-des-Kriegsgefangenen-Camps-am-15-April-2026-Foto-Driss-Rejichi-1024x771.jpg" alt="" class="wp-image-44844" style="aspect-ratio:1.3281519161785866;width:1024px;height:auto" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/06/Kantine-des-Kriegsgefangenen-Camps-am-15-April-2026-Foto-Driss-Rejichi-1024x771.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/06/Kantine-des-Kriegsgefangenen-Camps-am-15-April-2026-Foto-Driss-Rejichi-300x226.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/06/Kantine-des-Kriegsgefangenen-Camps-am-15-April-2026-Foto-Driss-Rejichi-768x579.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/06/Kantine-des-Kriegsgefangenen-Camps-am-15-April-2026-Foto-Driss-Rejichi.jpg 1536w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Kantine des Kriegsgefangenen-Camps am 15. April 2026. Foto: Driss Rejichi</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Viele andere sind Soldaten aus den fünf ehemaligen Sowjetrepubliken Zentralasiens. <em>„Die meisten Ausländer, die ich in der russischen Armee gesehen habe, kamen von dort“</em>, erklärt Chuschbacht Perusalijew. Im Frühjahr 2024 unterzeichnete der 47-jährige Tadschike einen Vertrag, um in der russischen Armee zu dienen. <em>„Man sagte mir: ‚Du wirst nicht an der Front sein, nichts dergleichen, du wirst einfach in einem Lager arbeiten‘ … Also habe ich zugestimmt“</em>, erinnert sich der Mann mit rasiertem Kopf und Bart. Eine Lüge: Wenige Wochen später wurde der Tadschike von ukrainischen Streitkräften gefangen genommen, nachdem er bei einem Frontalangriff im Gebiet Donezk verwundet worden war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Weit vor den 1.400 Männern aus afrikanischen Ländern oder den 200 indischen Staatsbürgern, die seit Kriegsbeginn von der russischen Armee rekrutiert wurden, sollen laut den im April 2026 von der ukrainischen Koordinierungsstelle für Kriegsgefangene veröffentlichten Daten bereits mehr als 12.000 Soldaten aus Zentralasien an der „militärischen Sonderoperation“ in der Ukraine teilgenommen haben. Mehr als die Hälfte der ausländischen Kämpfer, die für Russland kämpfen, stammen somit aus dieser Region.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Angesichts von Razzien und Ausweisungen: das Versprechen eines Passes</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Alle zentralasiatischen Kriegsgefangenen, mit denen Novastan gesprochen hat, befanden sich im Gefängnis von <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mykolajiw">Mykolajiv</a> und waren bereits vor 2022 in Russland. <em>„Die Rekrutierungsbemühungen, die sich an Ausländer richten, konzentrieren sich auf Arbeitsmigranten und Häftlinge, die eine Freiheitsstrafe verbüßen“</em>, betont ein Offizier der ukrainischen Koordinierungsstelle für Kriegsgefangene.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Iljas, ein kirgistanischer Staatsbürger und Getränkehändler, der seit 2007 in Moskau lebt, unterzeichnete seinen Vertrag im April 2025. <em>„Mir wurde bei der Rekrutierung nicht direkt die Staatsbürgerschaft versprochen, aber ich wusste, dass ich später die Möglichkeit haben würde, sie zu erhalten“</em>, erklärt der Vierzigjährige.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">Im Januar 2024 unterzeichnete Wladimir Putin ein Dekret, das es ermöglichte, bestimmten Ausländern, die in der Armee gedient hatten, insbesondere während der „militärischen Sonderoperation“, die Staatsbürgerschaft zu gewähren. Die Zahl der Ausländer, die davon profitiert haben, ist nach wie vor unbekannt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der Ukraine berichten die zentralasiatischen Gefangenen übereinstimmend, dass sie nach einer kurzen Ausbildung an die Front geschickt wurden, was zu hohen Verlusten führte. <em>„Wir rückten auf ein Dorf vor, und schon auf dem Weg dorthin tauchten Drohnen auf und begannen, uns anzugreifen“</em>, erinnert sich Iljas, der knapp entkommen konnte und anschließend gefangen genommen wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Chuschbacht wurde seinerseits bei einem Artillerieangriff verwundet, als er auf die ukrainischen Linien vorrückte: <em>„Die Hälfte der Gruppe fiel sofort, alle 200 [russischer Militärcode für Tote, Anm. d. Red.]“</em>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Familienvater, dessen Frau und Kinder noch immer in <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Rjasan">Rjasan</a>, 200 Kilometer südöstlich von Moskau, leben, beschreibt, wie <em>„unmittelbar nach dem Anschlag auf die Crocus City Hall“</em> im März 2024 ein Klima der Angst herrschte. Der von tadschikistanischen Staatsbürgern verübte und vom Islamischen Staat Khorasan beanspruchte Terroranschlag forderte mehr als 149 Todesopfer und führte zu einer Verschärfung der Lebensbedingungen für Migrierte aus Zentralasien in Russland. Laut Chuschbacht kam es häufig zu <em>„Razzien gegen Tadschiken“</em>, bei denen den Migranten <em>„sofort die Abschiebung mit Einreiseverbot“</em> auferlegt wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/werden-die-angeklagten-im-fall-crocus-city-hall-ausgeliefert/">Werden die Angeklagten im Fall Crocus City Hall ausgeliefert?</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Aus Angst verzichtete der Mann darauf, seinen abgelaufenen Pass verlängern zu lassen, aus Furcht, auf dem Weg zur Botschaft in Moskau festgenommen zu werden. <em>„Schließlich kontrollierten Spezialeinheiten der Polizei die Baustelle, auf der ich arbeitete“</em>, erklärt der Migrant, dem daraufhin die Staatsbürgerschaft versprochen wurde, wenn er sich der Armee anschließe.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Es stimmt, dass Tadschiken nach dem Anschlag auf die Crocus City Hall stärker ins Visier genommen wurden als andere Gruppen aus Zentralasien“</em>, betont Caress Schenk, Professorin für Politikwissenschaft an der Nazarbaev-Universität in Astana. Nach Angaben der ukrainischen Koordinierungsstelle für Kriegsgefangene sind Tadschiken mit mehr als 3.400 Rekruten die zweitgrößte Nationalität in der russischen Armee, hinter etwa 4.800 Usbeken und 2.400 Kasachen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/der-vorwand-sind-kopftuch-bart-und-predigten-auf-dem-handy-migrantinnen-aus-zentralasien-berichten-ueber-islamophobie-in-russland/">Kopftuch und Bart – Migrant:innen aus Zentralasien über Islamophobie in Russland</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Schenk weist jedoch darauf hin, dass in Russland <em>„die Maßnahmen zur Migrationskontrolle, Razzien und der Druck, zum Militär zu gehen, stark von der aktuellen Lage abhängen“</em>. Seit Kriegsbeginn konnten je nach Kontext auch andere Bevölkerungsgruppen ins Visier geraten. <em>„Manchmal gerät jede Person mit asiatischen Gesichtszügen unter Verdacht“</em>, bemerkt die Forscherin.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Seit November 2025 müssen bestimmte in Russland lebende Ausländer einen Vertrag über den Eintritt in die Armee vorlegen, wenn sie die russische Staatsbürgerschaft oder eine Aufenthaltsgenehmigung erhalten wollen. Zu Beginn des Jahrzehnts machten Zentralasiaten jedoch mehr als 40 Prozent der in Russland lebenden Migranten aus und sind daher am stärksten von diesen neuen Maßnahmen betroffen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zwar erklären alle von Novastan befragten Gefangenen, ihren Vertrag freiwillig unterzeichnet zu haben, um einen russischen Pass zu erhalten, doch betont Schenk auch, dass der zunehmende administrative Druck <em>„eher darauf abzielt, die Handlungs- und Entscheidungsfähigkeit der Migranten einzuschränken, als ihnen echte Wahlmöglichkeiten zu bieten.“</em></p>



<h2 class="wp-block-heading">Ideologisch gefährdete Migranten</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Neben der prekären administrativen Lage stützt sich die russische Armee bei ihren Mobilisierungsbemühungen auch auf mögliche ideologische Affinitäten der zentralasiatischen Migranten.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Ich wollte in Russland leben. Um die Staatsbürgerschaft zu erlangen, auf die ich meiner Meinung nach Anspruch hatte, musste ich also dem Vaterland dienen“</em>, erklärt der 38-jährige Jasur Islamov in einem gleichgültigen Ton. Nach anderthalb Jahren in der Armee wird ihm im März 2025 endlich der Pass versprochen, sofern er an der Front bleibt. Jasur wird jedoch wenige Wochen später gefangen genommen, nachdem er bei einem Angriff von einer Drohne verwundet wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/situation-zentralasiatischer-migrierter-in-russland-verschlechtert-sich/">Situation zentralasiatischer Migrierter in Russland verschlechtert sich</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Gegensatz zu den Berichten anderer Ausländer, die zu Kriegsgefangenen wurden, wie beispielsweise Männer aus Afrika, haben Iljas, Jasur oder Chuschbacht nicht versucht, sich freiwillig zu ergeben oder zu desertieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Um diese unterschiedlichen Verhaltensweisen im Kampf zu erklären, stellt die ukrainische Koordinierungsstelle für Kriegsgefangene fest, dass bestimmte Schichten der Migrantenbevölkerung <em>„russischsprachige Menschen sind, die in den 1970er oder 1980er Jahren in der UdSSR geboren wurden“</em>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die von Novastan befragten Gefangenen betonen ebenfalls, dass sie nach Russland zurückkehren wollen, in der Hoffnung, an einem Gefangenenaustausch teilzunehmen. <em>„Wir haben keinerlei Einwände gegen den Austausch von Bürgern aus zentralasiatischen Ländern“</em>, erklärt die ukrainische Koordinierungsstelle für Kriegsgefangene. Unter den rund 7.000 bereits ausgetauschten russischen Soldaten bildeten Staatsangehörige aus Zentralasien jedoch eine sehr kleine Minderheit und betrafen nur Einzelfälle.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auf die direkte Frage nach ihren Erfahrungen mit Rassismus in Russland vor oder während ihres Dienstes versichern die Kriegsgefangenen, mit denen Novastan gesprochen hat, alle, dass sie nie damit konfrontiert worden seien. Sie sind zudem zuversichtlich, dass sie sich nach ihrer Haft mit einem Reisepass wieder in die russische Gesellschaft integrieren können.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Stellen Sie sich vor: Ich habe mein Leben riskiert, um die Staatsbürgerschaft zu erhalten, und nun soll ich in mein Land zurückgeschickt werden, obwohl ich dort nichts mehr habe? Das wäre ein großer Verrat“</em>, sagt Jasur mit scharfer Stimme.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/warum-spricht-usbekistan-china-und-russland-sein-beileid-aus-aber-niemals-der-ukraine/">Warum spricht Usbekistan China und Russland sein Beileid aus, aber niemals der Ukraine?</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Kriegsgefangenen haben jedoch bereits Enttäuschungen auf ihrem Weg als Migranten in Russland erlebt. Iljas, der seit Jahren mit einer Russin verheiratet ist, erzählt nüchtern, dass er <em>„vor langer Zeit die Staatsbürgerschaft beantragt und die Unterlagen eingereicht habe, aber sie wurde mir verweigert“</em>. Jasur gibt seinerseits bitter zu, <em>„nicht einmal das Geld aus dem Vertrag erhalten zu haben“</em>, da ihm von den achtzehn Monaten, die er in der Armee verbracht hat, nur zwei Monatsrenten ausgezahlt wurden.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Ich glaube, es braucht Jahre und verschiedene Formen der Bewusstseinsbildung, um verinnerlichte Diskriminierungen abzubauen“</em>, erklärt Schenk und erinnert daran, dass in der sowjetischen Vorstellungswelt Rassismus ausschließlich mit dem Westblock und dem Kapitalismus in Verbindung gebracht wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Unter Berufung auf die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Genfer_Konventionen">Genfer Konventionen</a> erklärt die ukrainische Koordinierungsstelle für Kriegsgefangene, dass die Zentralasiaten wie alle anderen behandelt werden. Im Hof trainieren einige gemeinsam mit russischen Mitgefangenen an den Krafttrainingsgeräten des Lagers.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Wir hätten nie gedacht, dass wir hier landen würden“</em>, beklagt sich schließlich Jasur. Als man ihn daran erinnert, dass er sich in voller Kenntnis der Sachlage verpflichtet hat, wird der Häftling gereizt: <em>„Sie reden, als hätte ich extra unterschrieben, um Menschen zu töten… Ich brauchte einfach nur einen Ort zum Leben und einen Pass, um zu arbeiten und meine Familie zu ernähren.“</em> Nach einer Pause fügt er bedauernd hinzu: <em>„Ich sage nicht, dass wir das Richtige getan haben. Jeder macht Fehler. Jeder.“</em></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Driss Rejichi, Sonderkorrespondent in der Ukraine für Novastan</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem <a href="https://novastan.org/fr/guerre-en-ukraine/j-avais-juste-besoin-d-un-passeport-en-ukraine-les-prisonniers-de-guerre-d-asie-centrale-entre-loyaute-et-regrets/">Französischen</a> von Michèle Häfliger</strong></p>
<p>The post <a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/ich-brauchte-nur-einen-reisepass-zentralasiatische-kriegsgefangene-in-der-ukraine-zwischen-loyalitaet-und-reue/">„Ich brauchte nur einen Reisepass“: Zentralasiatische Kriegsgefangene in der Ukraine zwischen Loyalität und Reue</a> appeared first on <a href="https://novastan.org/de">Novastan Deutsch</a>.</p>
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			</item>
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		<title>Die Bedingungen für Migrant:innen aus Zentralasien verschärfen sich weiter</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Die Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 10 Sep 2025 19:32:37 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kirgistan]]></category>
		<category><![CDATA[Politik & Wirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Tadschikistan]]></category>
		<category><![CDATA[Usbekistan]]></category>
		<category><![CDATA[Crocus City Hall]]></category>
		<category><![CDATA[Diskriminierung]]></category>
		<category><![CDATA[Migration]]></category>
		<category><![CDATA[Russland]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Mehr als ein Jahr nach dem Anschlag auf die Crocus City Hall in Moskau verschlechtert sich die Lage der Migrant:innen aus Zentralasien in Russland drastisch. Repressive Ma&#xDF;nahmen, Polizeirazzien und der Druck, der russischen Armee beizutreten, nehmen zu. Diskriminierung gegen&#xFC;ber Menschen aus Zentralasien gab es in Russland schon immer. Nach den Anschl&#xE4;gen auf die Crocus City [&#x2026;]</p>
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<p class="wp-block-paragraph"><br>Mehr als ein Jahr nach dem Anschlag auf die Crocus City Hall in Moskau verschlechtert sich die Lage der Migrant:innen aus Zentralasien in Russland drastisch. Repressive Maßnahmen, Polizeirazzien und der Druck, der russischen Armee beizutreten, nehmen zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diskriminierung gegenüber Menschen aus Zentralasien gab es in Russland schon immer. Nach den Anschlägen auf die <em>Crocus City Hall</em> am 22. März 2024 hat sie jedoch neue Ausmaße erreicht. Tadschikische Staatsbürger, die vom Islamischen Staat &#8211; Khorasan (afghanischer Zweig des IS, der auch in anderen Ländern Zentralasiens aktiv ist, N. d. Ü.) rekrutiert worden waren, hatten den Anschlag verübt, bei dem 145 Menschen getötet und 550 verletzt wurden.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan:</strong> <a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/nach-terroranschlag-massive-anfeindungen-gegen-tadschikinnen-in-russland/">Nach Terroranschlag: Massive Anfeindungen gegen Tadschik:innen in Russland</a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Infolgedessen ergriff die russische Regierung zahlreiche offizielle und inoffizielle Maßnahmen gegen die zentralasiatischen Migrant:innen.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Ortung von Migrant:innen in Moskau</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Im Juni 2025 hat das Parlament ein neues Gesetz verabschiedet: Migrant:innen in der Hauptstadt und ihren Vororten müssen ab dem 1. September 2025 eine App installieren, die die Verfolgung ihres Aufenthaltsortes&nbsp;<a href="https://www.rferl.org/a/surveillance-migrant-workers-moscow-central-asia-visa/33433055.html">ermöglicht</a>. Ziel des Gesetzes sei es, die Kriminalität unter zentralasiatischen Migrant:innen zu reduzieren. Wer die Regel nicht beachtet, wird auf eine Liste gesetzt, und ist von einer Abschiebung durch die Regierung bedroht.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">Das Gesetz zur „digitalen Verfolgung” von Migrant:innen gehört zu einem weitreichenden Anti-Migrant:innen-Kurs der russischen Regierung. Ein aktueller Bericht der NGO <a href="https://www.hrw.org/report/2025/03/17/living-fear-and-humiliation/rising-xenophobic-harassment-and-violence-towards#:~:text=Central%20Asian%20migrants%20seeking%20work,far%2Dright%20Russian%20nationalist%20groups.">Human Rights Watch </a>&nbsp;(HWR) stellt fest: „<em>Razzien, willkürliche Verhaftungen, längere Haftstrafen und Massenausweisungen wegen geringfügiger Vergehen sind häufiger geworden. Viele [Migrant:innen] werden willkürlich für mehrere Tage auf Flughäfen festgehalten und anschließend ohne Erklärung ausgewiesen</em>”.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Abschiebungen haben in der Tat zugenommen: Im ersten Halbjahr 2024 gab es laut HWR fast 85.000 Abschiebungen und damit doppelt so viele, wie im gleichen Zeitraum des Vorjahres.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Razzien durch Polizei und Bürgerwehr</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Bürger:innen aus Zentralasien sind außerdem wiederholt brutalen Razzien ausgesetzt. Dabei kommt es zu willkürlicher Gewalt, polizeilichen Übergriffen und Demütigungen, so auch am 10. April 2025 in Moskau. Ein von Radio Free Europe veröffentlichtes Video zeigt einen gewaltsamen Polizeieinsatz in einem öffentlichen Bad: Die Polizei schlägt dutzende kirgisischer Staatsbürger brutal zu Boden, zwingt sie, durch einen Raum zu kriechen und sich zusammenzudrängen. Auf der Aufnahme sind außerdem Mitglieder einer Bürgerwehr zu sehen, die sich am Einsatz beteiligen. Sie tragen zivile Kleidung, Masken und Armbinden mit der Aufschrift „<em>Druzhinnik</em>” (eine Art freiwillige Bürgerwehr).</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan:</strong> <a href="https://novastan.org/de/panorama/gibt-es-keinen-russischen-arzt-tadschikische-mediziner-ueber-fremdenfeindlichkeit-in-russland/">„Gibt es keinen russischen Arzt?“ – Tadschikische Mediziner über Fremdenfeindlichkeit in Russland</a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Anfang Mai wurde, wiederum in der Hauptstadt, eine ähnliche Razzia von Überwachungskameras <a href="https://www.rferl.org/a/moscow-police-crackdown-central-asian-migrants-violence-raids/33407065.html">aufgezeichnet</a>. Auch dort werfen russische Sicherheitskräfte Migranten aus Zentralasien in einem Café zu Boden und schlagen sie.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Zentralasiatische Bürger an der ukrainischen Front</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Neben Razzien, Abschiebungen und Massenüberwachung sind Migrant:innen aus Zentralasien zudem Rekutierungsversuchen durch die russischen Behörden ausgesetzt. <a href="https://timesca.com/central-asian-migrants-coerced-into-russias-war-in-ukraine/">The Times of Central Asia</a> berichtet, dass Migranten, oft aus prekären Verhältnissen, regelmäßig lukrative Kurzzeit-Arbeitsangebote für ihre Dienste in der Armee erhalten. Nicht selten werden sie aber auch irregeführt oder sogar bedroht, damit sie sich den russischen Bataillonen im Krieg gegen die Ukraine anschließen. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan:</strong> <a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/russlands-armee-braucht-tadschikische-migranten-mehr-denn-je/">Russlands Armee braucht tadschikische Migranten mehr denn je</a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Rekrutierungsmaßnahmen zeigen Erfolg: Nach Angaben von Alexander Bastrykine, dem Leiter des russischen Untersuchungskomitees, sollen etwa 20.000 Soldaten aus Zentralasien an der ukrainischen Front im Einsatz sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die „anti-migrantische” Stimmung in Russland könnte Menschen aus Zentralasiens zunehmend davon abhalten, ins Land zu kommen. Laut Radio Free Europe sind bereits fast drei Viertel der Cafés und Restaurants, die auf Arbeitskräfte aus Zentralasien angewiesen sind, davon betroffen.</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><br>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; <a href="https://novastan.org/fr/author/vlprzybylinski/"><strong>Vladimir Przybylinski</strong></a><strong> für Novastan</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem </strong><a href="https://novastan.org/fr/fact/en-russie-les-conditions-se-raidissent-pour-les-migrants-d-asie-centrale/"><strong>Französischen</strong></a><strong> von Giulia Manca</strong></p>



<p class="has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/">Linkedin</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</strong></em></p>
<p>The post <a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/die-bedingungen-fuer-migrantinnen-aus-zentralasien-verschaerfen-sich-weiter/">Die Bedingungen für Migrant:innen aus Zentralasien verschärfen sich weiter</a> appeared first on <a href="https://novastan.org/de">Novastan Deutsch</a>.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>„Gibt es keinen russischen Arzt?“ – Tadschikische Mediziner über Fremdenfeindlichkeit in Russland</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Asia Plus]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 09 Oct 2024 16:52:44 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Panorama]]></category>
		<category><![CDATA[Tadschikistan]]></category>
		<category><![CDATA[Arzt]]></category>
		<category><![CDATA[Ärzte]]></category>
		<category><![CDATA[Crocus City Hall]]></category>
		<category><![CDATA[Fremdenfeindlichkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Russland]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die ablehnende Haltung gegen&#xFC;ber Menschen aus zentralasiatischen L&#xE4;ndern hat nach dem Terroranschlag auf die Moskauer Konzerthalle Crocus City Hall zugenommen. Auch &#xC4;rzte sind davon nicht ausgenommen. Faridun, ein geb&#xFC;rtiger Tadschike, arbeitet seit 12 Jahren als Arzt in Russland. Er hat zahlreiche Zeugnisse und Auszeichnungen f&#xFC;r seine Arbeit erhalten, das sch&#xFC;tzt ihn aber nicht vor Fremdenfeindlichkeit. [&#x2026;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong>Die ablehnende Haltung gegenüber Menschen aus zentralasiatischen Ländern hat nach dem Terroranschlag auf die Moskauer Konzerthalle Crocus City Hall zugenommen. Auch Ärzte sind davon nicht ausgenommen.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Faridun, ein gebürtiger Tadschike, arbeitet seit 12 Jahren als Arzt in Russland. Er hat zahlreiche Zeugnisse und Auszeichnungen für seine Arbeit erhalten, das schützt ihn aber nicht vor Fremdenfeindlichkeit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gegenüber der Nachrichtenseite <a href="https://www.currenttime.tv/a/tadzhikistanskie-mediki-rasskazyvayut-o-ksenofobii-v-rossii-sotni-raz-slyshal-kak-bolnye-govorili-ne-hochu-lechitsya-u-nerusskogo-/33105399.html">Nastojaschtschee wremja</a> (Die Aktuelle Zeit) erzählte er, dass die Patienten oft unhöflich zu ihm sind, weil er kein Russe ist. Manchmal beleidigen sie ihn sogar. In letzter Zeit beginnt er zu bereuen, nach Russland gezogen zu sein: Nach dem <a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/nach-terroranschlag-massive-anfeindungen-gegen-tadschikinnen-in-russland/">Terroranschlag auf die Crocus City Hall</a> hat sich die Einstellung gegenüber Migranten in Russland drastisch verschlechtert. Denn laut den Ermittlungsbehörden waren mehrere tadschikische Staatsangehörigen für den Anschlag verantwortlich.</p>



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<p class="wp-block-paragraph"><em>„Ich habe mit eigenen Ohren gehört, wie Patienten hunderte Male fragten: ‚Gibt es keinen russischen Arzt? Ich will nicht von einem nicht-russischen Arzt behandelt werden’“</em>, erzählte er. <em>„Diejenigen, die uns einfach nicht mochten, begannen uns nach Crocus richtig zu hassen. Jetzt fangen sie an, uns auch offen anzufeinden“.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Fariduns Freund arbeitet ebenfalls als Arzt in Russland und ist genauso mit Fremdenfeindlichkeit konfrontiert. <em>„Sobald ein Patient erfuhr, dass sein Arzt Tadschike war, änderte sich seine Einstellung sofort, obwohl er diesen Arzt nicht zum ersten Mal aufgesucht hatte“</em>, sagt Faridun.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Wachsende Ressentiments oder Einzelfälle?</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Abdullo Dawlatow, bekannter tadschikischer Arzt und Mitglied des Rates für Nationalitäten bei der Moskauer Regierung, arbeitet ebenfalls seit mehr als 30 Jahren in Russland. Er behauptet, dass solche Fälle von Fremdenfeindlichkeit in Russland selten sind. <em>„Ich persönlich habe noch keine schlechten Erfahrungen gemacht. Auch von anderen Landsleuten in Moskau habe ich noch nichts über Gesetzesverstöße oder Misshandlungen ihnen gegenüber gehört. Im Internet kann man aber durchaus Berichte über unhöfliche Verhaltensweisen gegenüber unseren Landsleuten oder anderen Nicht-Russen lesen“</em>, stellt er fest.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In russischen sozialen Netzwerken stellt man das Wissen und die Kompetenz von Ärzten mit Migrationshintergrund in der Tat häufig in Frage: Ausländische Ärzte werden oft lächerlich gemacht und gedemütigt.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/tadschikistan/fremdenfeindlichkeit-gegenueber-tadschikinnen-in-russland-ein-interview-mit-natalija-zotowa/"><strong>Fremdenfeindlichkeit gegenüber Tadschik:innen in Russland – ein Interview mit Natalija Zotowa</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">In orthodoxen und nationalistischen Publikationen werden diese Ärzte oft direkt beschimpft. Zum Beispiel<em>: „Ein Arzt mit </em><a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Tubeteika"><em>Tubeteika</em></a><em>, eine Krankenschwester im </em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Niqab"><em>Niqab</em></a><em>“</em>, <em>„Illegale laufen ruhig in Krankenhäusern rum“</em>, <em>„Ein Skalpell in den Händen eines Migranten“</em>. Solche fremdenfeindlichen Aussagen werden im Internet hunderttausendfach aufgerufen und geliked.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Abdullo Dawlatow glaubt jedoch, dass die Wurzel des Problems in einem Gesetz aus dem Jahr 2011 liegt, das den Status von Ärzten herabsetzte und sie mit Servicepersonal gleichstellt. <em>„Ärzte werden nicht mehr als Elite angesehen. Jetzt werden sie als einfache Arbeiter wahrgenommen, auf einer Stufe mit Kellnern oder Hausmeistern. Patientenbeschwerden gegen Ärzte sind häufiger geworden und die Beziehungen zwischen Ärzten und Patienten haben sich generell verschlechtert. Es gibt Vorschläge zur Änderung der Gesetzgebung, um den Status der</em> <em>Ärzte aufzuwerten, was ihre Behandlung verbessern könnte. Aber das hat nichts mit der ethnischen Zugehörigkeit oder der Nationalität zu tun“,</em> sagte Dawlatow.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>„Geduldet“, weil das Personal fehlt</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Faridun ist der Ansicht, dass „nicht-russische“ Ärzte in Russland nur deshalb geduldet werden, weil es im Lande an medizinischem Personal mangelt und die Krankenhäuser auf zugewanderte Ärzte angewiesen sind. <em>„Diejenigen, die offiziell arbeiten, werden nicht so schlecht behandelt, weil sie gebraucht werden. Wenn sie uns nicht bräuchten, hätten sie uns schon längst im Stich gelassen“</em>, erklärt er.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/tadschikistan/tadschikistan-und-kirgistan-mit-unterschiedlichen-reaktionen-auf-verschaerfte-lage-von-arbeitsmigrantinnen-in-russland/"><strong>Tadschikistan und Kirgistan mit unterschiedlichen Reaktionen auf verschärfte Lage von Arbeitsmigrant:innen in Russland</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">In den russischen Medien ruft man zunehmend dazu auf, nicht nur migrantische Gastarbeiter in den üblichen Arbeitsbereichen abzulehnen, sondern auch Ärzte aus Zentralasien. In einem Interview mit Svobodnaya Pressa sagte der Ko-Vorsitzende der Allrussischen Patientenunion, Jan Wlasow, er hoffe, dass neue Migrationsgesetze das russische Gesundheitssystem vor der Konkurrenz durch zugewanderte Ärzte schützen. <em>„Wir sollten den Arbeitgebern ein solches Filtersystem auferlegen, damit wir nicht hinterher die Chefärzte feuern müssen und rufen: Wen habt ihr hierher gebracht?“</em>, erklärte er.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die genaue Zahl tadschikischer Ärzte in Russland ist nicht bekannt. Nach Angaben des tadschikischen Ministeriums für Gesundheit und sozialen Schutz sind allein im Jahr 2021 rund 1.500 medizinische Fachkräfte aus der zentralasiatischen Republik, darunter mehr als 1.180 Krankenschwestern, zum Arbeiten nach Russland gegangen.</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Asia-Plus</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem </strong><a href="https://www.asiaplustj.info/ru/news/world/20240910/a-net-li-russkogo-vracha-mediki-iz-tadzhikistana-rasskazali-o-roste-ksenofobii-v-rossii"><strong>Russischen</strong></a><strong> von Giulia Manca</strong></p>



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		<title>Tadschikistan und Kirgistan mit unterschiedlichen Reaktionen auf verschärfte Lage von Arbeitsmigrant:innen in Russland</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Die Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 27 Sep 2024 16:45:53 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kirgistan]]></category>
		<category><![CDATA[Politik & Wirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Tadschikistan]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeitsmigrant:innen]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeitsmigration]]></category>
		<category><![CDATA[Crocus City Hall]]></category>
		<category><![CDATA[Eurasische Wirtschaftsunion]]></category>
		<category><![CDATA[Russland]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Infolge des Attentats auf die Moskauer Veranstaltungshalle &#x201E;Crocus City Hall&#x201C; im M&#xE4;rz 2024 kam es in Russland zu Razzien der Polizei gegen&#xFC;ber zentralasiatischen Arbeitsmigrant:innen sowie zu verst&#xE4;rkten Anfeindungen. Inzwischen werden auch zahlreiche Arbeitsmigrant:innen an der russischen Grenze zur&#xFC;ckgewiesen. Tadschikistan und Kirgistan begegnen diesen Entwicklungen auf unterschiedliche Weise. Viele der Arbeitsmigrant:innen in Russland stammen aus Tadschikistan [&#x2026;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong>Infolge des </strong><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Anschlag_in_Krasnogorsk#Russland"><strong>Attentats</strong></a><strong> auf die Moskauer Veranstaltungshalle „Crocus City Hall“ im März 2024 kam es in Russland zu Razzien der Polizei gegenüber zentralasiatischen Arbeitsmigrant:innen sowie zu verstärkten Anfeindungen. Inzwischen werden auch zahlreiche Arbeitsmigrant:innen an der russischen Grenze zurückgewiesen. Tadschikistan und Kirgistan begegnen diesen Entwicklungen auf unterschiedliche Weise.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Viele der Arbeitsmigrant:innen in Russland stammen aus Tadschikistan und Kirgistan, doch die beiden Länder hängen in unterschiedlichem Maße von Russland ab. Zwar sehen sich die Arbeitsmigrant:innen aus beiden Ländern in Russland oft ähnlichen Problemen gegenüber, die Herangehensweisen von Tadschikistan und Kirgistan zur Lösung dieser Probleme ist jedoch nicht immer dieselbe.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">In Russland setzen sich die Einschränkungen für Arbeitsmigrant:innen auf unterschiedlichen Ebenen fort. Neben den verschärften gesetzlichen Bedingungen klagen Arbeitsmigrant:innen weiterhin über die Verweigerung der Einreise nach Russland an den Flughäfen und an Grenzpunkten auf der Landroute. Anfang August <a href="https://rus.ozodi.org/a/v-aeroportu-sheremetjevo-okolo-50-grazhdanam-tadzhikistana-otkazali-vo-vezde-v-rossiyu-/33060957.html">berichtete Radio Ozodi</a> bereits über mehr als 50 Staatsbürger:innen Tadschikistans, denen die Einreise nach Russland am <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Flughafen_Moskau-Scheremetjewo">Flughafen Scheremetjewo</a> in Moskau verwehrt wurde. Zudem erklärten die Migrant:innen, dass es ihnen nicht gelungen war, zu einem Vertretenden der Botschaft Tadschikistans durchzudringen, der sie bei der Lösung der Einreiseprobleme hätte unterstützen können.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/situation-zentralasiatischer-migrierter-in-russland-verschlechtert-sich/"><strong>Situation zentralasiatischer Migrierter in Russland verschlechtert sich</strong></a><strong></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Während offizielle Vetreter:innen Tadschikistans erklären, dass der Druck auf die Migrant:innen nicht im Zusammenhang mit der Politik Moskaus stünde, sondern vielmehr durch die Massenmedien zustande käme, beklagen sich Staatsvertreter:innen Kirgistans auf offiziellem Wege über Einreiseprobleme ihrer Staatsbürger:innen nach Russland. So sprach etwa der stellvertretende Außenminister Kirgistans, Almas Imangasiew, das Thema bei einem Treffen mit dem russischen Botschafter in Kirgistan, Sergej Wakunowy, Ende Juni an. Gleichzeitig verkündete ein Beamter aus Kirgistan, dass „<em>die kirgistanische Seite Verständnis für die Maßnahmen Russlands hat, die auf die Aufrechterhaltung der Sicherheit des Landes abzielen</em>“.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Unterschiedliches Verhalten gegenüber den Arbeitsmigrant:innen</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Gesprächspartner:innen von Radio Ozodi weisen darauf hin, dass die Machthabenden und diplomatischen Vertreter:innen – trotz einer ähnlichen Abhängigkeit Bischkeks und Duschanbes von der Arbeitsmigration nach Russland – die Interessen ihrer Staatsbürger:innen auf unterschiedliche Weise verteidigen. Ein Beobachter, der die Entwicklungen rund um die Arbeitsmigration in Russland verfolgt, merkt im Gespräch mit Radio Ozodi an, dass sich die Migrationspolitik der beiden Länder vor allem hinsichtlich ihrer Verhaltensweisen gegenüber den Migrant:innen selbst unterscheide. „<em>Die Sache ist die, dass die Machthabenden in Kirgistan auf offizieller Ebene die Wichtigkeit der Migrant:innen für die Wirtschaft Kirgistans anerkennen. Mit diesem Ziel ist Kirgistan auch der </em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Eurasische_Wirtschaftsunion"><em>Eurasischen Wirtschaftsunion</em></a><em> (EAWU) beigetreten, um für ihre Bürger:innen bessere Bedingungen im Rahmen des gemeinsamen Arbeitsmarktes zu schaffen</em> (Anm. d. Red.: Dagegen ist Tadschikistan nicht Mitglied der EAWU.). <em>Außerdem verfügt die kirgisische Diaspora in Russland, im Vergleich zur tadschikischen, über deutlich mehr Unabhängigkeit in Fragen der Zusammenarbeit mit den Bürger:innen und mit den russischen Behörden. Dasselbe lässt sich auch in Bezug auf die diplomatischen Vertretungen sagen. Dies macht sie insgesamt mobiler und möglicherweise auch effizienter. Das System Tadschikistans ist vollkommen zentralisiert, sowohl innerstaatlich als auch jenseits der Grenzen. Jede Entscheidung bedarf der Zustimmung von ganz oben. Weder die Diaspora noch die diplomatischen Vertretungen haben irgendeine Autonomie. Zudem wollen die Machthabenden die Arbeitsmigration nicht offiziell als wichtigen Faktor für die Wirtschaft anerkennen, sondern die Migrationsstatistik wird auf alle mögliche Weise nach unten manipuliert</em>“, erzählt der Journalist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach offiziellen Schätzungen haben inzwischen mehr als 600 Tausend Staatsbürger:innen Kirgistans die russische Staatsbürgerschaft erhalten. Zu Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine im Februar 2022 belief sich diese Zahl auf über eine Millionen Menschen. Laut der letzten offiziellen Statistik Kirgistans halten sich mehr als 400 Tausend kirgisische Arbeitsmigrant:innen in Russland auf. Kirgistan ist Teil der Integrationsgemeinschaft der EAWU, welche den Bürger:innen einen unbeschränkten Zugang zum russischen Arbeitsmarkt ermöglicht. Die neuesten Verschärfungen in der russischen Migrationspolitik nötigten Kirgistan zu einer Reaktion. Der Vize-Premierminister, Edil Bajsalow, reagierte im Nachrichtennetzwerk X auf einen Post des russischen Investigativmediums „<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/The_Insider_(Magazin)">The Insider</a>“, wonach der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Duma">russischen Staatsduma</a> Entwürfe vorliegen, die es den Migrant:innen verbieten würden, in der Medizin, im Bildungswesen und als Kuriere zu arbeiten, wenn das Gehalt 100 Tausend Rubel (960,70 Euro) übersteigt. Bajsalow äußerte in seiner Reaktion die Hoffnung, dass die vorgeschlagenen Gesetzesänderungen keine Auswirkungen auf die Bürger:innen Kirgistans haben würden. „<em>Andernfalls wird es uns sehr schwerfallen, die Mitgliedschaft in der EAWU gegenüber unserer Bevölkerung zu begründen</em>“, so Bajsalow.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/russlands-armee-braucht-tadschikische-migranten-mehr-denn-je/"><strong>Russlands Armee braucht tadschikische Migranten mehr denn je</strong></a><strong></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Anzahl der Migrant:innen aus Tadschikistan ist ein Streitthema zwischen Moskau und Duschanbe. Während Moskau jährlich von einer Einreise von rund zwei Millionen Bürger:innen Tadschikistans nach Russland berichtet, spricht Duschanbe von nur einigen Hundert Tausend. Nach Angaben des tadschikistanischen Ministeriums für Arbeit, Migration und Beschäftigung ist die Anzahl von Arbeitsmigrant:innen aus Tadschikistan nach Russland im ersten Halbjahr 2024 um 16 Prozent auf 392 Tausend Personen zurückgegangen. Der Rückgang erfolgt vor dem Hintergrund des anhaltenden Drucks der russischen Strafverfolgungsbehörden auf Migrant:innen, insbesondere nach dem Terroranschlag auf die Moskauer Konzerthalle „Crocus City Hall“. Ende April diesen Jahres publizierte das Außenministerium Tadschikistans eine Protestnote und äußerte sich darin ernsthaft besorgt über die betont negative Haltung gegenüber tadschikistanischen Staatsbürger:innen. Das Thema Migration wurde auch von Tadschikistans Präsident Emomali Rahmon bei einem Treffen mit Wladimir Putin am 9. Mai angesprochen. Er verwies darauf, dass Terrorismus und Extremismus keine Nationalität haben. Nichtsdestotrotz scheint es, als hätten die Beschränkungen gegenüber Migrant:innen aus Tadschikistan weiterhin zugenommen.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Mögliche Auswirkungen einer Rückkehr von Arbeitsmigrant:innen</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die unabhängige Journalistin und Politikwissenschaftlerin Galija Ibragimowa kommt zu dem Schluss, dass die Machthabenden beider Länder ihre Migrant:innen in Russland im Großen und Ganzen nur wenig unterstützen. „<em>Erst in den letzten Jahren haben wir von staatlicher Seite aus Tadschikistan und Kirgistan Unterstützungsbekundungen gegenüber den Migrant:innen gehört. In den Jahren davor war die Staatsmacht nur an den Geldtransfers der Migrant:innen interessiert. Wie es diesen Migrant:innen jedoch erging, war immer zweitranging. Nach dem Attentat auf die „Crocus City Hall“ war es dem Präsidenten Tadschikistans quasi nicht mehr möglich, nicht zu reagieren. Dies verursachte direkte Kosten für das Image seines autoritären Regimes. Dasselbe lässt sich auch über Kirgistan sagen. Die Razzien hatten sogar Auswirkungen auf diplomatische Mitarbeiter:innen des Landes. Mir scheint es, dass sie sich darüber im Klaren sind, dass die russischen Behörden eher nicht reagieren werden, wenn sie sich zu sehr für die Migrant:innen aus ihren Ländern einsetzen. Umgekehrt könnte dies aber eine Rückkehr von Migrant:innen in ihre Heimatländer herbeiführen, wodurch soziale Spannungen entstehen könnten und die Macht der Autokraten direkt bedroht wäre</em>“, so die Journalistin Galija Ibragimowa.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach Angaben der Weltbank beliefen sich die Finanztransaktionen nach Tadschikistan 2023 auf ein Rekordniveau von umgerechnet 5,1 Milliarden Euro, was einem Anstieg um 6,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Nach Kirgistan wurden im gleichen Zeitraum 2,42 Milliarden Euro überwiesen, wovon 97 Prozent von Überweisungen aus Russland stammen.</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Chursand Churramow für <a href="https://rus.ozodi.org/a/dve-strany-dva-stilya-chem-otlichayutsya-podhody-dushanbe-i-bishkeka-k-trudovym-migrantam-/33075390.html">Radio Ozodi</a></strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem Russischen von Marie Schliesser</strong></p>



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		<title>Situation zentralasiatischer Migrierter in Russland verschlechtert sich</title>
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		<dc:creator><![CDATA[vlprzybylinski]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 10 Jul 2024 18:19:35 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Kirgistan]]></category>
		<category><![CDATA[Politik & Wirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Tadschikistan]]></category>
		<category><![CDATA[Usbekistan]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeitsmigrant:innen]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeitsmigration]]></category>
		<category><![CDATA[Crocus City Hall]]></category>
		<category><![CDATA[Migration]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>In Russland verschlechterte sich die Lage f&#xFC;r Migrierte aus Zentralasien nach dem Anschlag auf die Crocus City Hall. Seit diesem Tag hat der russische Staat seine Politik versch&#xE4;rft. Zwischen Einreisebarrieren, Verhaftungen und neuen Anti-Einwanderungsgesetzen scheint die Zukunft f&#xFC;r Menschen aus Zentralasien in Russland immer tr&#xFC;ber. Auch drei Monate nach dem Anschlag auf die Crocus City [&#x2026;]</p>
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<p class="wp-block-paragraph"><strong>In Russland verschlechterte sich die Lage für Migrierte aus Zentralasien nach dem Anschlag auf die Crocus City Hall. Seit diesem Tag hat der russische Staat seine Politik verschärft. Zwischen Einreisebarrieren, Verhaftungen und neuen Anti-Einwanderungsgesetzen scheint die Zukunft für Menschen aus Zentralasien in Russland immer trüber.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch drei Monate nach dem <a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/nach-terroranschlag-massive-anfeindungen-gegen-tadschikinnen-in-russland/?noredirect=de-DE">Anschlag auf die Crocus City Hall</a>, bei dem 140 Menschen ums Leben kamen, hat sich die Lage der zentralasiatischen Bevölkerung in Russland nicht verbessert. Der Anschlag auf die Konzerthalle bei Moskau war von vier tadschikischen Staatsangehörigen verübt worden, die dem <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Islamischer_Staat_%E2%80%93_Provinz_Khorasan">Islamischen Staat in Chorasan</a> (ISPK) angehörten.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/was-chorasan-fuer-den-islamischen-staat-bedeutet/?noredirect=de-DE"><strong>Was Chorasan für den „Islamischen Staat“ bedeutet</strong></a><strong></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="https://rus.ozodi.org/a/zastryali-vo-vnukovo-svyshe-30-tadzhikskim-migrantam-ne-razreshili-vehatj-v-rossiyu/32996038.html">Laut Aussage</a> eines Betroffenen sind tadschikischen Migranten bereits bei ihrer Ankunft mit brutalen Bemerkungen seitens einiger <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/FSB_(Geheimdienst)">FSB</a>-Agenten konfrontiert. <em>„Bei der Grenzkontrolle kamen Vertreter des FSB auf uns zu und sagten uns, dass wir aus Tadschikistan seien, Russland Schaden zufügen würden und in unser Land zurückkehren sollten“</em>, berichtete der Zeuge.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="https://www.asiaplustj.info/ru/news/centralasia/20240620/uzbekistantsi-pri-vezde-v-rossiyu-stalkivayutsya-s-dlitelnimi-proverkami">Wie Asia-Plus berichtet</a>, sehen sich zentralasiatische Migrierende neben den brutalen Äußerungen von Beamtenseite auch mit anderen Hindernissen konfrontiert. Hierzu zählen übermäßig lange Kontrollen, die von den russischen Behörden am Moskauer <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Flughafen_Moskau-Scheremetjewo">Flughafen Scheremetjewo</a> eingerichtet wurden.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Sprachbarriere</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Darüber hinaus sollen die russischen Behörden die tadschikistanische Regierung angewiesen haben, bestimmten Personen die Einreise nach Russland zu verweigern, weil sie die russische Sprache nicht <a href="https://rus.ozodi.org/a/esli-ne-znaeshj-russkogo-yazyka-tebya-ne-dopustyat-na-reysy-v-rossiyu-novye-pravila-v-aeroportu-dushanbe-/32996199.html">beherrschten</a>. Auch einige Schalter am Flughafen Duschanbe bestätigten, dass <em>„die zuständigen Beamten ihnen empfehlen, die Russischkenntnisse der abfliegenden Personen zu überprüfen, bevor sie Flugtickets verkaufen.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/nach-terroranschlag-massive-anfeindungen-gegen-tadschikinnen-in-russland/?noredirect=de-DE"><strong>Nach Terroranschlag: Massive Anfeindungen gegen Tadschik:innen in Russland</strong></a><strong></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach diesen Angaben sollen solche Überprüfungen verhindern, dass Fluggäste nach ihrer Ankunft auf russischem Boden abgeschoben werden und ein Rückflugticket bezahlen müssen.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Haftanstalten mit schwierigen Bedingungen</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Doch auch die Menschen aus Zentralasien, die sich bereits in Russland aufhalten, stoßen auf Probleme. Dies zeigt sich an den temporären Haftzentren für Migrierte, von denen das bekannteste das in Sacharowo ist. Die Lebensbedingungen dort sind hart, <a href="https://rus.azattyk.org/a/32995492.html">wie Radio Azattyk ermittelte</a>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So berichtet Rachima Aitachun kyzy, die seit zehn Jahren in Russland lebt, dass ihr Bruder in der Moskauer U-Bahn verhaftet wurde. Sie habe ihn während seiner Haft viele Male besucht und die Behandlungsbedingungen gesehen; ihr Bruder habe in zehn Tagen Haft zwischen 10 und 15 Kilogramm abgenommen.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">Auch ein Video eines kirgisischen Mädchens, das in diesem Lager festgehalten wurde, war im Internet veröffentlicht worden. Sie sagte, dass die Menschen in dem Lager Hilfe bräuchten und <em>„es gab Tage, an denen wir schlimmer als Hunde behandelt wurden. Das würde ich meinem Feind nicht wünschen.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Darüber hinaus dienen diese Lager auch als Rekrutierungszentren für den Krieg. Tatsächlich sollen laut der Menschenrechtsaktivistin Valentina Tschupik 100 bis 200 Personen gegen Geld freiwillig in die Ukraine gegangen sein.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Zahlreiche Kontrollen</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die russische Polizei führt seit dem Anschlag auf die Crocus City Hall sehr viele Kontrollmaßnahmen und Razzien durch. Die Polizei der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Oblast_Leningrad">Oblast Leningrad</a> schrieb in einer Erklärung, dass sie als Reaktion auf die kriminellen Erscheinungen in diesem Umfeld ständige Kontrollen an Orten durchführen werde, an denen sich Migrierte <a href="https://rus.ozodi.org/a/rossiya-migranty-reyd/32995995.html">konzentrieren</a>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei den Razzien Mitte Juni kontrollierte die Polizei mehr als 350 Migrierte und nahm 49 fest. Außerdem kontrollierte sie 242 Autos, die von Menschen aus dem Ausland gefahren wurden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese zahlreichen Kontrollen werden von massiven Abschiebungen im Rahmen der „Operation Illegal“ begleitet, wie die <a href="https://t.me/moscowtimes_ru/23167">Moscow Times berichtet</a>. Die regionale Zentrale des Innenministeriums berichtete, dass die Gerichte die Ausweisung von rund 1.500 Personen beschlossen hätten. Zuvor hatte die Moskauer Polizei vom 3. bis zum 9. Juni Operationen durchgeführt, die darauf abzielten, illegale Migrierte aufzuspüren.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Neues Gesetz erleichtert Abschiebungen</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Schließlich nahm die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Duma">Duma</a> in erster Lesung einen <a href="http://duma.gov.ru/news/59505/">Gesetzentwurf an</a>, der die Mechanismen zur Ausweisung ausländischer Staatsangehöriger vereinheitlichen und die Befugnisse zur Ausweisung bei der Polizei konzentrieren soll. Dies ermöglicht insbesondere eine schnellere Ausweisung von denen, die gegen das Gesetz verstoßen haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ausländische Staatsangehörige, die einer Ausweisungsregelung unterliegen, werden in ein Register eingetragen, wodurch sie daran gehindert werden, Immobilien zu kaufen, Fahrzeuge zu fahren, zu heiraten und sich in Russland frei zu bewegen. Außerdem werden sie verpflichtet, die Polizei über ihren Aufenthaltsort zu informieren.</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Vladimir Przybylinski, Redakteur für Novastan</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem </strong><a href="https://novastan.org/fr/politique/situation-migrants-dasie-centrale-se-deteriore-russie/"><strong>Französischen</strong></a><strong> von Michèle Häfliger</strong></p>



<p class="has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/">Linkedin</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</strong></em></p>
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		<title>Fremdenfeindlichkeit gegenüber Tadschik:innen in Russland &#8211; ein Interview mit Natalija Zotowa</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Asia Plus]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 28 May 2024 23:01:42 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Politik & Wirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Tadschikistan]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeitsmigrant:innen]]></category>
		<category><![CDATA[Crocus City Hall]]></category>
		<category><![CDATA[Fremdenfeindlichkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Migration]]></category>
		<category><![CDATA[Russland]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die Fremdenfeindlichkeit in Russland gegen&#xFC;ber Migrant:innen hat nach dem Terroranschlag am 22. M&#xE4;rz 2024 deutlich zugenommen. Die russischen Beh&#xF6;rden nutzen die Xenophobie allerdings schon l&#xE4;nger f&#xFC;r eigene Interessen. Obwohl Migrant:innen unverzichtbare Arbeitskr&#xE4;fte darstellen, werden sie zugleich, wie in anderen L&#xE4;ndern auch, f&#xFC;r Probleme im Land verantwortlich gemacht. Von dieser Fremdenfeindlichkeit sind in Russland oftmals Zentralasiat:innen [&#x2026;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong>Die Fremdenfeindlichkeit in Russland gegenüber Migrant:innen hat nach dem Terroranschlag am 22. März 2024 deutlich zugenommen. Die russischen Behörden nutzen die Xenophobie allerdings schon länger für eigene Interessen. Obwohl Migrant:innen unverzichtbare Arbeitskräfte darstellen, werden sie zugleich, wie in anderen Ländern auch, für Probleme im Land verantwortlich gemacht. Von dieser Fremdenfeindlichkeit sind in Russland oftmals Zentralasiat:innen betroffen. Mehr dazu lest ihr im Interview von Asia-Plus mit Natalija Zotowa.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Zunahme der Arbeitsmigration aus Zentralasien nach Russland führte unter anderem zu einer breiten Fremdenfeindlichkeit gegenüber Migrant:innen in Russland. Produziert wird die „Migrantophobie“ maßgeblich von russischen Behörden durch migrationspolitische Maßnahmen, öffentliche Reden, Äußerugen in der Presse und Praktiken der alltäglichen Diskriminierung von Arbeitsmigrant:innen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Asia-Plus führte ein Interview mit <a href="https://scholar.google.com/citations?user=XjHvLewAAAAJ&amp;hl=en">Natalija Zotowa</a> über die aktuelle Situation von Migrant:innen in Russland. Zotowa ist Doktorandin am <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Albert_Einstein_College_of_Medicine">Albert Einstein College of Medicine</a> in New York und ehemalige Mitarbeiterin des Instituts für Anthropologie und Ethnologie der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Russische_Akademie_der_Wissenschaften">Russischen Akademie der Wissenschaften</a><strong>. </strong>Seit mehr als 15 Jahren ist sie spezialisiert auf den Migrationsfluss aus Zentralasien nach Russland, insbesondere aus Tadschikistan. Sie hat zahlreiche Studien über Diskriminierung, soziale Ausgrenzung und psychische Gesundheit von Arbeitsmigrant:innen verfasst.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihre jüngste umfassende <a href="https://publications.iom.int/system/files/pdf/Research-Report-on-Mental-Health-Tajik.pdf">Studie</a> über die psychische Gesundheit von zurückgekehrten tadschikischen Migrant:innen führte sie im Auftrag der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Internationale_Organisation_f%C3%BCr_Migration">Internationalen Organisation für Migration</a> in Tadschikistan durch.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Obwohl die Fremdenfeindlichkeit zunimmt, verlassen Migrant:innen Russland nicht</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Seit wann gibt es die Fremdenfeindlichkeit gegenüber Migrant:innen in Russland?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die „Migrantophobie“ ist ein Teil des übergeordneten Konzepts der Fremdenfeindlichkeit, einer Abneigung gegen alles Fremde und Andere. Als soziales Phänomen gibt es sie in verschiedenen Ländern der Welt, aber überall manifestiert sie sich auf unterschiedliche Weise und hat unterschiedliche Folgen für die Gesellschaft und die Migrant:innen selbst.<br>Fremdenfeindlichkeit gegenüber Migrant:innen gab es auch schon in der UdSSR und &nbsp;lange vor deren Gründung. Im zeitgenössischen Russland trat sie sich jedoch im Zusammenhang mit dem großen Zustrom von Arbeitsmigrant:innen auf.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">Die Geschichte der Massenmigration aus Tadschikistan begann vor 30 Jahren. Zunächst flohen Tadschik:innen vor dem tadschikischen Bürgerkrieg, dann kamen &nbsp;Arbeitsmigrant:innen hinzu. Auf der Suche nach Einkommensquellen, um ihre Familien unterstützen zu können, gingen Tadschik:innen nach Russland. So kam es zur massenhaften Migrationsbewegung. Wenig später gesellten sich Migrant:innen aus Usbekistan und Kirgistan dazu. Auch heute wandern hauptsächlich Arbeitsmigrant:innen aus diesen Ländern nach Russland aus. Jährlich migrieren etwa 500.000 tadschikische Staatsbürger:innen ins Ausland, vor allem nach Russland, um dort zu arbeiten. Oft bleiben sie mehrere Jahre oder länger. Verschiedenen Schätzungen zufolge halten sich jedes Jahr 700.000 bis 900.000 Tadschik:innen allein in Russland auf. Bedauerlicherweise wurde nicht nur die  Arbeitsmigration, sondern auch die Fremdenfeindlichkeit in Russland zu einem Massenphänomen, das von den russischen Behörden durch migrationspolitische Maßnahmen, in öffentlichen Reden, durch Äußerungen in der Presse und Praktiken der alltäglichen Diskriminierung von Migrant:innen in erheblichem Maße befeuert wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Der Terroranschlag auf das Crocus City Hall hat den Grad der „Migrantophobie“ oder gar den Chauvinismus in Russland zunehmen lassen. Wozu wird dies letztlich führen? Wird die Arbeitsmigration aus Tadschikistan abnehmen?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Terroranschlag und die Reaktion der russischen Behörden sowie der Bevölkerung darauf haben nicht nur den Grad der Fremdenfeindlichkeit erhöht – ich kann von einer Zunahme von ethnisch motiviertem Hass, Verfolgung und Verbrechen sprechen.<br>Ich habe jedoch nicht den Eindruck, dass dies zu einem starken Rückgang der Migration aus Tadschikistan führen wird. Zu diesem Zeitpunkt sind viele Migrant:innen nach Hause geflogen, untergetaucht oder haben beschlossen, zur Sommersaison nicht nach Russland zu fliegen. Das ist eine nachvollziehbare Reaktion angesichts der Gefahr, die ihnen droht.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/nach-terroranschlag-massive-anfeindungen-gegen-tadschikinnen-in-russland/">Nach Terroranschlag: Massive Anfeindungen gegen Tadschik:innen in Russland</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Gleichzeitig ist Russland nach wie vor das Hauptzielland tadschikischer Arbeitsmigrant:innen und wird dies wahrscheinlich auch noch viele Jahre lang bleiben. Das liegt daran, dass die Tadschik:innen starke soziale Bindungen zu Russland entwickelt haben – sie haben Verwandte und Bekannte, aus ihren Heimatstädten, -dörfern und -bezirken und leben und arbeiten gemeinsam dort.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Migrant:innen gehen meist dorthin, wo sie Familienmitglieder oder Bekannte in Russland haben, denn solche sozialen Bindungen helfen ihnen bei der Arbeits- und Wohnungssuche, bei der Lösung von Problemen mit der Registrierung und den Dokumenten und erleichtern die Bewältigung tausender anderer bürokratischer und häuslicher Probleme.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Es ist auch eine ernsthafte psychologische Hilfe, wenn man in einem anderen Land jemanden hat, mit dem man sich unterhalten, mit dem man Probleme teilen und besprechen und in seiner Muttersprache kommunizieren kann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Darüber hinaus ist zu bedenken, dass in den 30 Jahren der Geschichte der massenhaften Arbeitsmigration eine große Zahl tadschikischer Staatsangehöriger russische Pässe erhalten hat und zu Staatsbürger:innen geworden sind. So haben beispielsweise allein in den letzten vier Jahren etwa eine halbe Million Tadschik:innen die russische Staatsbürgerschaft erhalten.<br>Migrant:innen und neu Eingebürgerte stellen somit einen bedeutenden Teil der russischen Gesellschaft dar. Daher kann ich nur einen kurzfristigen Rückgang der Migration prognostizieren.<br>Gleichzeitig beobachte ich eine Diversifizierung der Immigrationsländer. Zunehmend werden&nbsp;Kasachstan, europäische Länder, der Persische Golf, die USA und Kanada beliebter. Migrant:innen sind auf der Suche nach neuen Möglichkeiten und Ländern, in denen die Verdienst- und Lebensbedingungen besser sind und in denen sie besser behandelt werden. Mit der Zeit wird diese Neuausrichtung der Migrationsströme deutlicher sichtbar werden.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Die Migration birgt riesiges menschliches Potenzial</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Welche Auswirkungen wird der Rückgang der Migration in Russland haben?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Der zahlenmäßige Rückgang der Migration in Russland wird mittel- und langfristig erhebliche Auswirkungen haben. In der heutigen Welt ist das Humankapital die wichtigste Ressource. Migrant:innen sind meist junge Menschen, sie bringen neue Ideen und Energie mit, wichtige Ressourcen für die Entwicklung eines Landes.</p>



<figure class="wp-block-image size-full"><img decoding="async" width="984" height="640" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/05/Taxi.jpg" alt="" class="wp-image-39394" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/05/Taxi.jpg 984w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/05/Taxi-300x195.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/05/Taxi-768x500.jpg 768w" sizes="(max-width: 984px) 100vw, 984px" /><figcaption class="wp-element-caption">Taxifahrer, Foto: Global Look Press</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Es ist falsch zu denken, dass Migrant:innen nur Arbeitskräfte sind, dass sie nur in einfachsten, schlecht bezahlten Jobs beschäftigt sind.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Es ist in der Tat das Gesetz der Migrationsentwicklung aus einer globalen Perspektive, dass &nbsp;Neuankömmlinge zunächst, wie in jedem anderen Land auch, &nbsp;einer physischen Arbeit nachgehen oder im Dienstleistungssektor beschäftigt, einfach weil sie aufgrund von zahlreichen Hürden – gesetzlicher, administrativer und sprachlicher Art – keinen qualifizierteren Arbeitsplatz finden können.<br>Migrant:innen aus Zentralasien sind in Russland eine wichtige Arbeitskraft, und viele Wirtschaftszweige sind an sie gebunden.<br>Mit der Emigration von Migrant:innen werden Lücken, die sie hinterlassen, schwer zu füllen sein, insbesondere aufgrund der demografischen Krise in Russland und im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine.<br>Abgesehen von der Arbeitskraft ist die Migration eine wichtige Ressource für die Bevölkerungsreproduktion, die in Russland rasch abnimmt. Schließlich kommen die Migrant:innen zusammen mit ihren Familien, mit kleinen Kindern, es werden neue Kinder gezeugt, die in Russland aufwachsen, studieren und zu vollwertigen Mitgliedern der neuen Gesellschaft werden.<br>Somit birgt die Migration ein riesiges menschliches Potenzial, das Russland verlieren wird, wenn die Migrationspolitik und die negative Einstellung gegenüber Migrant:innen sich nicht ändert.</p>



<h2 class="wp-block-heading">„Ich habe Angst vor einer Zunahme der Gewalt“</h2>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Wie die derzeitige Situation zeigt, gibt es angesichts der zunehmend fremdenfeindlichen Stimmung und der Verfolgung von Migrant:innen niemanden, der die Neuankömmlinge schützt. Welche Rolle sollte die Diaspora in diesem Zusammenhang spielen? Wo stehen sie jetzt, da auch sie von Zeit zu Zeit unter Druck geraten?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">In allen größeren Städten und Regionen Russlands gibt es Diasporas von Tadschik:innen und anderen zentralasiatischen Migrant:innen, die eine gewisse Rolle beim Schutz der Rechte ihrer Landsleute spielen. In der Regel verfügen solche Vereinigungen über ehrenamtliche Unterstützung durch Menschenrechtsverteidiger:innen und Anwält:innen, die Beratung anbieten und bei der Beschaffung von Dokumenten helfen.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img decoding="async" width="1024" height="665" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/05/Dokumente-1024x665.jpg" alt="" class="wp-image-39397" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/05/Dokumente-1024x665.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/05/Dokumente-300x195.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/05/Dokumente-768x499.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/05/Dokumente.jpg 1065w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Personen vor einem Zentrum für Migrationshilfe, Foto: RIA Nowosti</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Die Diaspora steht in der Tat unter starkem Druck seitens der Behörden, so dass sie aus Sicherheitsgründen versucht, in der Öffentlichkeit nicht sehr präsent zu sein. Das ist schade, denn die Selbstorganisation zur Verteidigung von Rechten stellt ein wirksames Instrument dar. In der gegenwärtigen Situation eines neuen Ausbruchs von „Migrantophobie“ und fremdenfeindlichen Äußerungen von Behörden versuchen Vereine und national-kulturelle Verbände, sich „zurückzuhalten“. Ich habe jedoch den Eindruck, dass sie alle ihre Arbeit auch unter solchen Bedingungen fortsetzen werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Was raten Sie den Migrant:innen in Russland, damit sie nicht von der Welle des Hasses gegen alle Migrant:innen aus Zentralasien erfasst werden?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Es fällt mir schwer, Ratschläge zu erteilen, und ich mache mir derzeit große Sorgen um die Migrant:innen. Ich fürchte eine Zunahme von Gewalt und Verbrechen, die durch ethnischen Hass motiviert sind.<br>Nach meinen Beobachtungen haben viele Migrant:innen beschlossen, nach Hause zurückzukehren. Diejenigen, die in Russland geblieben sind, versuchen, weniger aufzufallen und seltener auf der Straße aufzutauchen.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Traumatische Folgen</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Gibt es Studien über die psychische Gesundheit von Arbeitsmigrant:innen in Russland in Zeiten von Konflikten und Extremsituationen, zu denen auch die derzeitige migrationsfeindliche Stimmung in Russland gehören könnte?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Solche Studien sind mir nicht bekannt. Es ist „im Moment“ nicht einfach, solche durchzuführen, denn dazu sind Erhebungen unter Migrant:innen in Russland erforderlich.<br>Forschende, die sich mit der psychischen Gesundheit zentralasiatischer Migrant:innen befasst haben (es gilt meine Arbeit und die von <a href="https://migrationhealthresearch.iom.int/users/stevan-weine">Stevan Weine</a> zu nennen), sind sich jedoch einig, dass akute und Krisensituationen langfristige Auswirkungen auf die psychische Gesundheit von Migrant:innen haben können.<br>Wenn eine Person beispielsweise eine traumatische Situation erlebt oder miterlebt hat (Verhaftung durch die Polizei, Verhöre, harte Bedingungen, Gewalt oder Folter), kann sie eine posttraumatische Belastungsstörung (PTSD), Angstzustände oder Symptome anderer häufiger psychischer Erkrankungen entwickeln.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Was hat sich für Arbeitsmigrant:innen aus Zentralasien in Russland seit dem Ausbruch des Krieges in der Ukraine geändert?&nbsp;</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit dem Ausbruch des Krieges in der Ukraine, der lange vor dem Februar 2022 begann, haben Migrant:innen aus Zentralasien eine Reihe von Konsequenzen erfahren.<br>Zuvor war beispielsweise die Grenze zur Ukraine im Gebiet Belgorod die nächstgelegene Grenze zu einem anderen Staatsgebiet im zentralen Teil Russlands, die Migrant:innen kurzzeitig überquerten, um ihre Migrationskarten zu erneuern. Bereits 2014 wurden solche Reisen fast unmöglich.<br>Der Beginn der russischen Großinvasion in die Ukraine im Februar 2022 hat neue Risiken für Migrant:innen mit sich gebracht. Es gibt viele Berichte darüber, wie versucht wird, sie für den Krieg zu rekrutieren, sei es mit finanziellen Mitteln oder im Zusammenhang mit dem Erteilen eines russischen Passes.<br>Die Einbürgerung birgt somit auch Risiken. Mir sind zahlreiche Fälle bekannt, in denen Migranten gleichzeitig mit der Erlangung der Staatsbürgerschaft eine Vorladung zum Militärrekrutierungszentrum erhielten.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>&nbsp;„Russische Behörden sind sich der Vorteile der Migration durchaus bewusst“</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Wie sinnvoll oder unsinnig ist Ihrer Meinung nach die derzeitige Politik der russischen Behörden gegenüber Migrant:innen?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Migrationspolitik und der öffentliche Diskurs in Russland scheinen auf den ersten Blick dual zu sein.Auf der einen Seite sehen wir Schritte zur Erleichterung rechtlicher Bedingungen und zur Legalisierung von Migrant:innen, auf der anderen Seite macht sich ein Diskurs des Hasses, der Migrantenfeindlichkeit und der Fremdenfeindlichkeit im öffentlichen Raum breit. Gefordert wird, Kontrollen zu verschärfen, einen „digitalen Pass“ für Migrant:innen einzuführen, usw. Betrachtet man jedoch beide Aspekte genauer, so findet sich eine entsprechende Erklärung.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/der-terroranschlag-bei-moskau-stellt-tadschikistan-vor-schwierige-entscheidungen/">Der Terroranschlag bei Moskau stellt Tadschikistan vor schwierige Entscheidungen</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Einerseits sind die russischen Behörden nicht völlig dumm und sind sich der Vorteile der Migration für das Land durchaus bewusst. Heutzutage wird um solche Ressourcen gerungen, da sie sehr wertvoll sind! Daher verfolgen sie auf der einen Seite eine bedingt günstige&nbsp;Migrationspolitik.<br>Auf der anderen Seite sind Migrant:innen aus Zentralasien im Kontext der Fremdenfeindlichkeit seit Langem eine Zielscheibe, um Frustration, Aggression und Fremdenfeindlichkeit der russischen Bevölkerung zu kanalisieren. Wenn es innenpolitisch nicht gut läuft, ist es praktisch, einen Sündenbock vorzuhalten, auf den man die ganze Verärgerung und Aggression übertragen kann.<br>Mit dem starken Anstieg der „Migrantophobie“ nach dem Terroranschlag im März werden Tadschik:innen und zentralasiatische Migrant:innen zur Angriffsfläche.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Ist es möglich, dass eine solche polyvalente Migrationspolitik einer der Gründe für das Anwachsen der migrationsfeindlichen Stimmung in der russischen Gesellschaft ist?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Grund für das Anwachsen der migrationsfeindlichen Stimmung ist nicht eine polyvalente Ausrichtung, sondern vielmehr die Ausnutzung des zweiten Aspekts durch die Medien und die russischen Behörden. Migrant:innen werden als gefährliche Außenseiter dargestellt, die für alle Probleme und Misserfolge im Land verantwortlich sind.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Leider ist das Phänomen nicht neu. Behörden in verschiedenen Ländern spielen die „Migrationskarte“ auf verschiedenen Ebenen aus, etwa vor Wahlen und in politischen Debatten. Das ist bequem und sicher für Politiker:innen. Es ist einfacher, die Aufmerksamkeit auf Migrant:innen zu lenken, als sich ernsthaft mit der Lösung von Problemen im Land zu befassen. Diese Vorgehensweise ist jedoch fern von Humanismus und Menschlichkeit.<br>Migration hat es zu allen Zeiten gegeben, sie ist die Grundlage der menschlichen Entwicklung. So kam es auch, dass sich Menschen seit der Antike auf allen Kontinenten und in allen Ländern der Welt niedergelassen haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Migrant:innen und Einwohner:innen der Aufnahmeländer sollten ihre Stimme gegen Migrantenfeindlichkeit und Diskriminierung erheben. Dies wird der Gesellschaft helfen, menschlicher, entwickelter und zivilisierter zu werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Asia Plus</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem <a href="https://asiaplustj.info/ru/news/tajikistan/society/20240418/migrantofobiya-v-rossii-kak-ona-otrazitsya-na-tadzhikskih-migrantah">Russischen</a> von Berenika Zeller</strong></p>



<p class="has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/">Linkedin</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</strong></em></p>
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		<title>Was Chorasan für den „Islamischen Staat“ bedeutet</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jean Monéger-Leclerc]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 20 May 2024 18:46:11 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Politik & Wirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Tadschikistan]]></category>
		<category><![CDATA[Chorasan]]></category>
		<category><![CDATA[Crocus City Hall]]></category>
		<category><![CDATA[IS]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Seit dem Anschlag auf die Crocus City Hall stellen einige Medien Zentralasien im Allgemeinen und vor allem Tadschikistan als Brutst&#xE4;tte f&#xFC;r Terrorismus dar. Dabei offenbart ein Blick auf die Geschichte und die Lebensbedingungen im Land, dass es insbesondere dem &#x201E;Islamischen Staat&#x201C; gelingt seinen politischen Diskurs in einer Weise anzupassen, dass er den Zielgruppen legitim erscheint. [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong>Seit dem Anschlag auf die Crocus City Hall stellen einige Medien Zentralasien im Allgemeinen und vor allem Tadschikistan als Brutstätte für Terrorismus dar. Dabei offenbart ein Blick auf die Geschichte und die Lebensbedingungen im Land, dass es insbesondere dem „Islamischen Staat“ gelingt seinen politischen Diskurs in einer Weise anzupassen, dass er den Zielgruppen legitim erscheint.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Der sogenannte „Islamische Staat“ (IS) besteht fort. Zu dem <a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/nach-terroranschlag-massive-anfeindungen-gegen-tadschikinnen-in-russland/">Terroranschlag</a> auf die Crocus City Hall bei Moskau am 22. März, bei dem <a href="https://rtvi.com/news/terakt-v-krokus-siti-holle-chto-izvestno-spustya-mesyacz/">145 Menschen ums Leben kamen</a>, bekannte sich der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/ISIS-K">Islamische Staat – Khorasan (IS-K)</a>. Vier Männer mit tadschikischer Staatsbürgerschaft wurden verhaftet, gefoltert und vor Gericht gestellt. Seit Ende März kam es zu mindestens acht weiteren Festnahmen. Die meisten Betroffenen sind ebenfalls Tadschiken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch nach 2017, als die Befreiung von <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mossul">Mossul</a> und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ar-Raqqa">Raqqa</a> das Ende des Kalifats einzuläuten schienen, bestand der IS fort. Während die Organisation im Westen vor allem wegen ihrer Präsenz im Nahen Osten bekannt ist, war sie bald auch in Afghanistan und dessen unmittelbarer Umgebung aktiv. Der IS nutzte Allianzen mit anderen islamistischen Gruppen und abtrünnigen Taliban und gründete im Januar 2015 seine „Provinz Chorasan“ – den IS-K.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">Während Menschen aus Zentralasien seit dem Anschlag in Russland <a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/nach-terroranschlag-massive-anfeindungen-gegen-tadschikinnen-in-russland/">Diskriminierung</a> und Gewalt zum Opfer fallen, müssen einige Nuancen berücksichtigt werden. Insbesondere Zentralasien kann nicht als <em>„neuer Brückenkopf“</em> (<a href="https://www.lemonde.fr/international/article/2024/03/24/attentat-de-moscou-l-asie-centrale-nouvelle-tete-de-pont-de-l-organisation-etat-islamique_6223938_3210.html">Le Monde</a>) oder <em>„Brutstätte“</em> (<a href="https://www.france24.com/fr/asie-pacifique/20240325-attentat-de-moscou-le-tadjikistan-maillon-faible-de-l-asie-centrale-face-aux-jihadistes-de-l-ei">France 24</a>) des IS bezeichnet werden: Im Gegenteil, die Staatsmacht kämpft in den Ländern der Region seit ihrer Unabhängigkeit gegen religiösen Eifer.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Anspruch auf Einzigartigkeit</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Wie alle Extremisten profitiert auch der IS von Ungerechtigkeiten und Frustrationsgefühlen, die die Machthaber in der Bevölkerung hinterlassen. Es handelt sich um ein politisches Projekt, das darauf abzielt, Massen von Gläubigen anzuziehen – Mitglieder, die bereit sein müssen, für ihre Sache zu sterben. Dabei führt die Betrachtung der Herkunftsregionen der Terroristen dazu, die Frage aus einem falschen Blickwinkel zu analysieren, da dies impliziert, dass die Bewohner solcher „Brutstätten“ von Natur aus sensibel für die Ideologie des Islamischen Staates wären.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zentralasien ist nicht die einzige Region der ehemaligen Sowjetunion, in der der IS versucht, sich zu etablieren oder zu überleben. Der radikale Islam des (immer noch zu Russland gehörenden) Nordkaukasus weist nicht die gleichen Merkmale auf wie der des unabhängigen Zentralasiens. Daher ist es wichtig zu verstehen, dass der Islamische Staat als Organisation eine Ideologie vertritt, die den Anspruch erhebt, einzigartig zu sein.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Die Ideologie des IS: Vielfältige Ziele</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Um es mit den Worten der Forscherinnen Sara Harmouch und Amira Jadoon auszudrücken: Die Ideologie des IS-K ist der „Marke“ des Islamischen Staates treu. Sein Ziel ist die Etablierung des islamischen Rechts, der Scharia, in ihrer strengsten Auslegung. Daher gelten <em>„säkulare Regierungen sowie nicht-muslimische Zivilbevölkerungen, aber auch muslimische Gruppen und Einzelpersonen, die ihre Vision vom Islam nicht teilen“</em>, als legitime Ziele, präzisieren die beiden Wissenschaftlerinnen gegenüber <a href="https://theconversation.com/dans-le-viseur-de-letat-islamique-au-khorassan-la-russie-mais-aussi-lasie-centrale-et-leurope-226538">The Conversation France</a>. Die Vielfalt der Rekruten spiegelt die Vielfalt der Ziele wider.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Genauer gesagt zielt der IS darauf ab, die Gemeinschaft der Gläubigen zu dominieren. Er beansprucht dabei die Autorität über die Interpretation islamischer Texte. Die Organisation ist sunnitisch geprägt und bekennt sich zu einem extremen Anti-Schiismus. Obwohl Tadschikistan im Gegensatz zum übrigen türkischen Zentralasien mit der persischen Welt verbunden ist, ist der Islam dort, wie auch in den Nachbarländern, überwiegend sunnitisch.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/nach-terroranschlag-massive-anfeindungen-gegen-tadschikinnen-in-russland/"><strong>Nach Terroranschlag: Massive Anfeindungen gegen Tadschik:innen in Russland</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Damit ist Russland für den IS-K nur ein Ziel unter vielen: Bei einem <a href="https://thediplomat.com/2024/01/unveiling-the-motivations-tajik-iskps-calculated-strikes-on-iran/">Anschlag</a> im Januar 2024 tötete die Organisation im schiitischen Iran fast 100 Menschen. Wie <a href="https://www.lemonde.fr/en/international/article/2023/07/07/arrests-made-in-anti-terrorist-sting-in-germany-and-the-netherlands_6045249_4.html#">Le Monde</a> berichtete, wurde im Juli 2023 in Deutschland und den Niederlanden eine Zelle aufgelöst, deren Mitglieder aus drei zentralasiatischen Ländern kamen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach Angaben der Denkfabrik <a href="https://www.specialeurasia.com/2024/04/17/germany-switzerland-terrorism/">SpecialEurasia</a> wurden kurz nach dem Anschlag bei Moskau auch in Deutschland und der Schweiz Zellen aufgedeckt. Einige Mitglieder sollen Teenager sein und alle sind Angehörige europäischer Nationalitäten. Bevor sich das politische Projekt an solch unterschiedliche Bevölkerungsgruppen anpassen kann, muss es in seiner Einzigartigkeit bekräftigt werden. Ein Beispiel dafür ist die Wahl des Namens <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Chorasan">Chorasan</a>.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Der Bezug auf Chorasan</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Sich auf Chorasan zu beziehen bedeutet, über die Geschichte einer Region zu sprechen, die im Laufe der Jahrhunderte Schauplatz zahlreicher Eroberungen war, deren Name aber auch einige Afghanen heute als die alte Bezeichnung ihres eigenen Landes betrachten. Das Gebiet entspricht einem Teil des alten persischen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sassanidenreich">Sassanidenreiches</a>, das den heutigen Ost-Iran, ganz Afghanistan und das südliche Zentralasien umfasste.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Chorasan verweist auf eine reiche islamische Vergangenheit und ist daher auch kulturell ein Begriff, der die Afghanen anspricht. Es bietet auch einen interessanten territorialen Aspekt: ​​Der Iran – eingekeilt zwischen dem IS im Nahen Osten und in Chorasan – steht der territorialen Kontinuität des „Islamischen Staates“ im Weg. Somit trägt die Chorasan implizit die Forderung nach einer geografischen Expansion sowie nach einem Sieg über den Iran in sich.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/der-terroranschlag-bei-moskau-stellt-tadschikistan-vor-schwierige-entscheidungen/"><strong>Der Terroranschlag bei Moskau stellt Tadschikistan vor schwierige Entscheidungen</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Für den IS stellt Chorasan eine Möglichkeit dar, den Namen des Landes abzulehnen, um das die Russen, Briten und Amerikaner gekämpft haben. Es ist auch eine Möglichkeit, sich von den Taliban abzugrenzen: Letztere, hauptsächlich <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Paschtunen">Paschtunen</a>, behalten den Namen Afghanistan bei und sind geografisch auf dessen Territorium beschränkt. Auch der IS will territoriale Kohärenz, allerdings mit einem globalen Ziel. Die Bezugnahme auf eine Provinz innerhalb eines größeren Islamischen Staates ist eine Möglichkeit, eine alternative Identität zu behaupten und mehr Legitimität zu beanspruchen.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>An Territorien gebundene politische Forderungen</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Über rein geografische Überlegungen hinaus sind diese Prinzipien mit den politischen Zielen des Islamischen Staates verknüpft. Schon die Wahl des Begriffs „Staat“ ist aufschlussreich. Der IS will ein Kalifat errichten, dessen Provinz Chorasan sein soll. Im Kaukasus hingegen gab es eine <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Islamic_State_–_Caucasus_Province">eigene „Provinz“</a>: <a href="https://ria.ru/20240303/kto-1930816487.html">Berichten zufolge</a> habe Moskau am 3. März eine Zelle in der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Inguschetien">Republik Inguschetien</a> zerschlagen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/tadschikistan/warum-sich-so-viele-buerger-tadschikistans-dem-islamischen-staat-anschliessen/"><strong>Warum sich so viele Bürger Tadschikistans dem Islamischen Staat anschließen</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Taliban haben de facto einen – ebenfalls islam(ist)ischen – Staat gegründet. Diesen bezeichnen sie als Emirat, wobei ein <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Emir">Emir</a> einem Gouverneur entspricht. Dieser Begriff unterstreicht den Unterschied zwischen den beiden islamistischen Bewegungen, zwischen einem vom IS angestrebten potenziell globalen Kalifat und einem auf Afghanistan beschränkten Emirat der Taliban.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Territorium unterliegt somit politischen Überlegungen, die als solche auf den Aufbau von Legitimität abzielen. Dies basiert auf Diskursen, die geografische und historische Elemente, insbesondere in Bezug auf Staatsform und Regierungsführung, einbeziehen.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Kalif oder Emir?</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Unterscheidung in den Begriffen führt somit zu einem politischen Unterschied. In der muslimischen Tradition und Geschichte sind in Bezug auf den Begriff Emir ganz unterschiedliche Realitäten entstanden, insbesondere im Hinblick auf die effektive Macht. Der Begriff ist vager als der eines <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kalif">Kalifen</a>, welcher eine größere Nähe zum Göttlichen und Spirituellen beansprucht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kalif zu sein, stellt im Islam einen größeren spirituellen und religiösen Anspruch dar, der die Legitimität einer (weltlichen) Macht schwächen kann. Im Fall des IS, dessen Ziel die Eroberung eines riesigen Territoriums ist, bedeutet dies die Vorherrschaft über verschiedene Bevölkerungsgruppen, aber auch eine fragilere Legitimität, die schwieriger aufzubauen und aufrechtzuerhalten ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kirgistan/die-islamistische-radikalisierung-der-zentralasiatischen-jugend-mythos-oder-realitaet/"><strong>Die islamistische Radikalisierung der zentralasiatischen Jugend – Mythos oder Realität?</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Fall der zentralasiatischen Staatsangehörigen passt der Islamische Staat seinen Diskurs an Bevölkerungsgruppen an, die von großer Armut und unterschiedlichem Grad an Autoritarismus betroffen sind. Dies stellt ein wesentliches Mittel für seinen Selbsterhalt dar. Der IS selbst betrachtet Zentralasien nicht als fruchtbaren Boden für den Terrorismus: So wie er die Gebiete zur Unterstützung seiner Ansprüche nutzt, sieht er die zentralasiatische Bevölkerung nur als eine Variable, um seinem größten Projekt zu dienen.</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Jean Monéger-Leclerc für Novastan</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem </strong><a href="https://novastan.org/fr/tadjikistan/ce-que-le-khorassan-represente-pour-letat-islamique/"><strong>Französischen</strong></a><strong> von Robin Roth</strong></p>



<p class="has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/">Linkedin</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</strong></em></p>
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		<title>Der Terroranschlag bei Moskau stellt Tadschikistan vor schwierige Entscheidungen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[cabarasia]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 09 Apr 2024 17:59:45 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Politik & Wirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Tadschikistan]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Marat Mamadjschoew, Redakteur beim Institute for War and Peace Reporting (IWPR), diskutiert die Hintergr&#xFC;nde der j&#xFC;ngsten Ereignisse rund um den Terroranschlag in Moskau vom 22. M&#xE4;rz 2024. Er weist auf die Gefahr zunehmender nationalistischer Tendenzen in der russischen Gesellschaft sowie kollektiver Schuldzuweisungen hin und erkl&#xE4;rt die Dringlichkeit f&#xFC;r die tadschikische Regierung, Zivilgesellschaft und Arbeitsmigrant:innen, nach [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong>Marat Mamadjschoew, Redakteur beim Institute for War and Peace Reporting (IWPR), diskutiert die Hintergründe der jüngsten Ereignisse rund um den Terroranschlag in Moskau vom 22. März 2024. Er weist auf die Gefahr zunehmender nationalistischer Tendenzen in der russischen Gesellschaft sowie kollektiver Schuldzuweisungen hin und erklärt die Dringlichkeit für die tadschikische Regierung, Zivilgesellschaft und Arbeitsmigrant:innen, nach Alternativen zum russischen Arbeitsmarkt zu suchen. Auch in Tadschikistan selbst müsse im Bildungsbereich und in der psychologischen Arbeit angesetzt werden, um junge Menschen für den Umgang mit radikalen Ideologien zu sensibilisieren.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Tadschik:innen verlieren mit Russland einen Ort, der für viele von ihnen jahrelang ein Arbeitsplatz war. Schon in den vergangenen Jahren hat sich die Lage für die Migrant:innen zunehmend verschlechtert, der Terroranschlag bei Moskau hat diese Situation jedoch erheblich zugespitzt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Moskauer Vorort [<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Krasnogorsk">Krasnogorsk</a>, Anm. d. Red.] ereignete sich am 22. März der größte Terroranschlag auf russischem Boden der letzten Jahre. Vor einem Konzert der Rockband „Picnic“, drangen am Abend mehrere bewaffnete Männer in das Unterhaltungszentrum „<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Crocus_City_Hall">Crocus City Hall</a>“ ein und schossen auf die Besucher:innen. Im Anschluss legten die Täter ein Feuer. Medienberichten <a href="https://www.gazeta.ru/social/news/2024/03/24/22622971.shtml">zufolge</a> riefen sie während des Angriffs Drohungen in tadschikischer Sprache. Anschließend flüchteten die vier Angreifer ungehindert in einem weißen Renault vom Tatort.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Daraufhin verhafteten russische Sicherheitskräfte <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Oblast_Brjansk">im Gebiet Brjansk</a> vier tadschikische Staatsangehörige in einem identischen Fahrzeug, unter dem Vorwurf, einen Terroranschlag verübt zu haben. Es ist unklar, wie die vier Männer fast 400 Kilometer durch zahlreiche Verkehrskontrollpunkte durch das ganze <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Oblast_Kaluga">Gebiet Kaluga</a> fliehen <a href="https://twitter.com/agents_media/status/1772341317961502987">konnten</a>. Quellen des [Wirtschaftsmediums] RBC <a href="https://www.rbc.ru/society/24/03/2024/65feb1cc9a794700bc1389f1">behaupten</a>, dass sie die ganze Zeit von Sondereinheiten verfolgt wurden – es sei wichtig gewesen, die Route der Terroristen zu verfolgen und die Initiant:innen des Anschlags zu identifizieren. Der Bericht lässt jedoch die Frage offen, warum die Verhaftung so schwerfällig <a href="https://iz.ru/1671663/2024-03-25/operupolnomochennyi-rasskazal-o-zaderzhanii-terroristov-iz-krokusa-pod-brianskom">verlief</a>, wo doch zwei Passagiere aus dem Auto in den Wald fliehen konnten.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">Das Gericht verurteilte die Festgenommenen zu zwei Monaten Haft. Bis zum 30. März <a href="https://www.currenttime.tv/a/postradavshie-terakt-krokus/32884345.html">stieg</a> die Zahl der Todesopfer auf 144. Die meisten der Opfer verstarben durch das von den Tätern gelegte Feuer.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bis zum 28. März wurden elf Personen im Zusammenhang mit dem Terroranschlag <a href="https://asiaplustj.info/news/tajikistan/laworder/20240328/v-tadzhikistane-vseh-rodstvennikov-fariduna-shamsiddina-zabrali-sestru-iz-rossii-deportirovali">verhaftet</a>. Im Laufe der Woche wurden in Tadschikistan neun Einwohner:innen von <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Wahdat">Wahdat</a> unter dem Verdacht <a href="https://rus.ozodi.org/a/32882774.html">festgenommen</a>, Verbindungen zu den Personen zu haben, die des Terroranschlags in Moskau beschuldigt werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Unmittelbar nach der Festnahme verbreiteten russische Sicherheitskräfte ein Video, das eine beispiellos brutale Folter zeigt. Einem der Verdächtigen wird ein Ohr abgeschnitten und er wird <a href="https://www.currenttime.tv/a/demonstratsiya-pytok-i-nochnye-aresty-kogo-obvinyayut-v-sovershenii-terakta-v-krokus-siti-holl/32875557.htm">gezwungen</a>, es zu essen. Auf einem anderen Video ist zu sehen, wie einem Verdächtigen ein Elektroschock verpasst wird, vermutlich <a href="https://novayagazeta.eu/articles/2024/03/22/v-podmoskovnom-kontsertnom-zale-krokus-siti-kholl-proizoshla-strelba-po-dannym-smi-est-pogibshie-i-ranenye">indem</a> ein Gerät an seine Genitalien angeschlossen wird.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/nach-terroranschlag-massive-anfeindungen-gegen-tadschikinnen-in-russland/"><strong>Nach Terroranschlag: Massive Anfeindungen gegen Tadschik:innen in Russland</strong></a><strong></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Seitdem sind zwei Wochen vergangen, ohne dass Maßnahmen gegen die Folterpraktiken der Ordnungskräfte ergriffen wurden. Dies, obwohl die Menschenrechtskommissarin <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Tatjana_Nikolajewna_Moskalkowa">Tatjana Moskalkowa</a> von der Unzulässigkeit der Anwendung von Folter <a href="https://www.rbc.ru/politics/28/03/2024/66048ab69a79473116a4afed">gesprochen</a> hat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der Nacht des 24. März <a href="https://www.rbc.ru/politics/29/03/2024/6604580a9a7947d71c50a528">verbreiteten</a> Telegram-Kanäle, die mit der in Tadschikistan und anderen Ländern der Region verbotenen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Islamischer_Staat_(Terrororganisation)">Terrororganisation IS</a> in Verbindung stehen, ein Video, das <em>„aus der ersten Person“</em> gefilmt wurde. Es zeigt Terroristen mit unkenntlich gemachten Gesichtern, die im Foyer des Gebäudes auf Menschen schießen. Sie tragen die gleiche Kleidung wie die Schützen in der Konzerthalle. Anzumerken ist, dass der Bruder eines der Festgenommenen von Tadschikistan wegen des Verdachts der Zugehörigkeit zu IS zur Fahndung ausgeschrieben <a href="https://rus.ozodi.org/a/32881440.html">war</a>.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>In wessen Auftrag wurde der Terroranschlag verübt?</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Unmittelbar nach dem Terroranschlag in Russland wurde die Version verbreitet, die Ukraine habe den Terroranschlag organisiert. Diese Behauptung kann nicht ernst genommen werden, da die russische Seite bis heute keine glaubwürdigen Fakten vorgelegt hat. Zudem ist zu bezweifeln, dass die Ukraine, die auf internationale Hilfe angewiesen ist, einen derart brutalen Terrorakt begehen und damit ihre internationalen Beziehungen belasten würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Russische Propagandist:innen suchen nach einer <em>„ukrainischen Spur“</em> und fragen sich dabei,<em> „wer profitiert“</em> von diesem Anschlag. Ihre Spekulationen gehen oft zu weit. Legt man solche Hintergründe zugrunde, wäre nicht die Ukraine, sondern der russische Präsident Wladimir Putin der Hauptprofiteur der tragischen Ereignisse.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zum einen sind Putins Popularitätswerte <a href="https://actualcomment.ru/sotsiologi-fiksiruyut-rekordnyy-reyting-putina-posle-vyborov-prezidenta-2403291127.html">sprunghaft</a> angestiegen. Auch wenn man die Ergebnisse von Meinungsumfragen in einer autoritären Diktatur mit einer gewissen Skepsis betrachten muss, so ist doch ein gewisser Anstieg der Umfragewerte nicht zu verkennen. Es wäre nicht das erste Mal, dass willkürliche Terroranschläge dazu <a href="https://novayagazeta.eu/articles/2024/03/25/25-let-sderzhannogo-molchaniia">beitragen</a>, Putins Popularität zu steigern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zum anderen hat der Terroranschlag dazu geführt, dass für die Behörden unangenehme Themen auf der Nachrichtenagenda in den Hintergrund gerückt sind. Die jüngsten Präsidentschaftswahlen und Fragen der Legitimität Putins werden online nicht mehr diskutiert. Auch die vierzig Tage seit des Todes des Oppositionellen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Alexei_Anatoljewitsch_Nawalny">Alexej Nawalnys</a> haben nicht mehr die gleiche Resonanz hervorgerufen wie <a href="https://meduza.io/feature/2024/02/18/smert-navalnogo-potryasla-mir-posmotrite-kak-vyglyadyat-pervye-polosy-gazet-po-vsey-planete-i-ne-tolko-na-zapade">zuvor</a>.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan:</strong> <a href="https://novastan.org/de/tadschikistan/bis-zum-bitteren-ende-wie-die-junge-familie-eines-tadschikischen-musikers-teil-des-is-ablegers-wilayat-chorasan-wurde/"><strong>Bis zum bitteren Ende: Wie die junge Familie eines tadschikischen Musikers Teil des IS-Ablegers Wilayat Chorasan wurde</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Wohl zum ersten Mal seit Beginn der russischen Aggression in der Ukraine rufen die Neuigkeiten [des Terrorangriffs – Anm. d. Red.] aus der Russischen Föderation weltweit <a href="https://www.dw.com/ru/es-i-ssa-v-den-traura-skorbat-po-pogibsim-v-krokus-siti-holle/a-68655814">Anteilnahme</a> und Mitgefühl statt Wut und Fassungslosigkeit hervor.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Deshalb müssen die Fakten betrachtet werden, nicht die verschiedenen Vermutungen. Diese Fakten, die heute vorliegen, besagen, dass der Terroranschlag höchstwahrscheinlich von Anhängern des IS unter Duldung des <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/FSB_(Geheimdienst)">russischen Innengeheimdienstes</a> und anderer russischer Sicherheitsbehörden verübt wurde, die es den Schützen ermöglichten, sich irgendwo Waffen zu besorgen, diese an den Ort der Versammlung zu bringen und dann vom Tatort zu fliehen. Für die Version des IS spricht vor allem die bereits erwähnte Videoaufnahme der Schützen am Tatort.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Leider haben die russischen Ermittlungsbehörden vorrangigen Zugang zu den Fakten. Dadurch wird das ohnehin geringe Vertrauen in das russische Strafverfolgungssystem noch weiter untergraben. Das Verfahren findet aus unbekannten Gründen unter Ausschluss der Öffentlichkeit <a href="https://www.kommersant.ru/doc/6593267">statt</a>, und die Ermittlungsbehörden äußern sich nicht zu den zahlreichen <a href="https://rus.ozodi.org/a/32882464.html">Widersprüchen</a> und <a href="https://meduza.io/feature/2024/03/26/10-voprosov-na-kotorye-spustya-tri-dnya-posle-terakta-v-krokuse-net-otvetov">Merkwürdigkeiten</a> in der offiziellen Version des Terroranschlags.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch die Geständnisse der Inhaftierten, die offensichtlich unter schwerer Folter zustande gekommen sind, können kaum ernst genommen werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die russischen Behörden werden nun versuchen, aus dieser Situation den größtmöglichen Nutzen zu ziehen, um ihre Position weiter zu stärken. Kurzfristig dürften sie die Hauptprofiteure bleiben. Die Situation kann sich aber auch drastisch ändern.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Diaspora nach Terroranschlag unter Druck</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Lebensbedingungen der tadschikischen Migrant:innen in Russland haben sich in den letzten Jahren stetig verschlechtert, insbesondere nach dem Ausbruch des Krieges in der Ukraine. Infolge des Terroranschlags hat sich der Druck auf die Migrant:innenen nochmals erhöht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wladimir Putin hat am 26. März die Generalstaatsanwaltschaft <a href="https://tass.ru/obschestvo/20360537">angewiesen</a>, an der Entwicklung präventiver Maßnahmen im Migrationsbereich zu arbeiten, berichtete die russische <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/TASS">Nachrichtenagentur TASS</a>. Laut Putin beunruhige die Situation in diesem Bereich Millionen russischer Bürger:innen und müsse unter Kontrolle gebracht werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am selben Tag beauftragte der Sprecher der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Duma">Staatsduma</a>, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Wjatscheslaw_Wiktorowitsch_Wolodin">Wyatscheslaw Wolodin</a>, eine interfraktionelle Arbeitsgruppe einzurichten, die die Gesetzgebung analysieren und sich vorrangig mit der Migrationspolitik befassen soll.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der vergangenen Wochen hat die Polizei in mehreren russischen Städten massenweise Wohnungsdurchsuchungen bei Migrant:innen durchgeführt. Allein in St. Petersburg ordneten Gerichte die Abschiebung von mehr als 400 Migrant:innen an.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/immer-mehr-zentralasiatische-staatsangehoerige-machen-sich-auf-in-die-vereinigten-staaten/"><strong>Immer mehr zentralasiatische Staatsangehörige machen sich auf in die Vereinigten Staaten</strong></a><strong></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Menschenrechtsaktivistin <a href="https://www.amnesty.de/mitmachen/erfolg/russland-valentina-chupik-usbekische-menschenrechtlerin-frei-2021-10-05">Walentina Tschupik</a>, die kostenlos in Russland arbeitende Migrant:innen berät, <a href="https://mediazona.ca/news/2024/03/25/migrant">berichtete</a> gegenüber Mediazona, dass sie in den ersten zwei Tagen nach dem Terroranschlag mehr als 2.500 Anrufe von in Russland lebenden ausländischen Staatsbürger:innen erhalten habe. Mehr als die Hälfte der Anrufe betrafen polizeiliche Durchsuchungen und rechtswidrige Festnahmen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach dem Terroranschlag berichteten Migrant:innen über die Zunahme von Übergriffen auf sie. Laut Medienberichten setzten Unbekannte in der Stadt <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Blagoweschtschensk">Blagoweschtschensk</a> im <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Oblast_Amur">Gebiet Amur</a> einen Pavillon von Tadschik:innen in Brand. Gleichzeitig erklärte die Stadtverwaltung, der Vorfall sei offenbar <em>„aus nationalistischen Motiven“</em> geschehen. In <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kaluga">Kaluga</a> griff eine Gruppe nicht identifizierter Männer drei Migranten aus Tadschikistan an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Berichten zufolge weigern sich zahlreiche Personen in verschiedenen Regionen Russlands, ein Taxi zu besteigen, wenn sie erfahren, dass der Fahrer aus Tadschikistan stammt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Angesichts dieser Meldungen hat die Botschaft von Tadschikistan in Russland ihre Staatsangehörigen <a href="https://www.facebook.com/tajembassy.ru">aufgefordert</a>, wenn möglich für eine bestimmte Zeit nicht an öffentlichen Veranstaltungen teilzunehmen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das tadschikische Ministerium für Arbeit, Migration und Beschäftigungspolitik hat nach dem Terroranschlag einen Rückgang der Zahl der Arbeitsmigrant:innen aus Russland verzeichnet, sagte die stellvertretende Arbeitsministerin der Republik, <a href="https://old.asiaplustj.info/en/news/tajikistan/society/20240402/we-need-to-fight-terror-attack-masterminds-not-labor-migrants-says-tajik-official">Schachnoza Nodiri</a>, gegenüber <a href="https://tass.ru/obschestvo/20398153">TASS</a>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schachnoza Nodiri wies darauf hin, dass tadschikische Bürger:innen schikaniert würden und dass das Arbeitsministerium in Russland nach dem Terroranschlag Drohbriefe erhalten habe. Unter den tadschikischen Bürger:innen herrsche <em>„Panik, viele wollen das Land verlassen“,</em> und die Zahl der Ausreisenden übersteige die der Einreisenden.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/tadschikistan/tadschikistan-erst-ueber-bildung-und-arbeit-nachdenken-dann-ueber-dekolonisierung/"><strong>Tadschikistan: Erst über Bildung und Arbeit nachdenken, dann über Dekolonisierung</strong></a><strong></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Ministerium geht aber davon aus, dass die Abwanderung nur vorübergehend ist und sich wieder einstellt. Die Bevölkerung wird angehalten, nicht auf provokative Botschaften im Internet zu reagieren, die darauf abzielen, Konflikte zwischen den Bevölkerungsgruppen zu schüren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aus dem Bericht geht hervor, dass sich die Mehrheit der tadschikischen Migrant:innen, die im Ausland Arbeit suchen, für Russland entscheidet. Nach Angaben des tadschikischen Arbeitsministeriums gingen mehr als 627.000 der 652.000 Arbeitsmigrant:innen in die Russische Föderation.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vertreter von Fluggesellschaften in Duschanbe <a href="https://rus.ozodi.org/a/32880842.html">äußerten</a> gegenüber den Medien, dass die Zahl derer, die ein Ticket nach Russland kaufen wollten, in der vergangenen Woche deutlich zurückgegangen sei, während die Zahl derer, die von Russland nach Tadschikistan abgeschoben wurden, zugenommen habe. Auch die Zahl derjenigen, die auf dem Landweg nach Russland reisen wollen, sei zurückgegangen.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Zur Arbeit nach Russland? Oder in den Krieg?</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Mit der kollektiven Bestrafung der Migrant:innen für den Terroranschlag wollen die russischen Behörden vor allem bei den Neubürger:innen einen Schuldkomplex erzeugen und <a href="https://novayagazeta.eu/articles/2024/03/26/sprosili-pochemu-mne-ne-siditsia-v-moem-kishlake">verheimlichen</a> nicht, dass sie die Migrant:innen für ihre Interessen brauchen. Eine zweite Mobilisierungswelle in Russland ist fast <a href="https://www.bbc.com/russian/articles/c4nvxd54931o">unvermeidlich</a>. Die Migrant:innen sollen eine der wichtigsten Nachschubquellen für die russische Armee bei ihren blutigen Angriffen in der Ukraine sein. Und allem Anschein nach wird es Teile der russischen Gesellschaft nicht stören, wenn nicht sie, sondern die <a href="https://longreads.cabar.asia/mobilization_ru">neuen</a> Bürger:innen in den Krieg <a href="https://www.dw.com/ru/v-gosdume-predlozili-podnat-prizyvnoj-vozrast-dla-migrantov-grazdan-rf/a-68151924">ziehen</a>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Migrant:innen sind in Russland immer weniger erwünscht. Dies geht aus Äußerungen einflussreicher Akteure hervor. Spätestens seit der russische Generalstaatsanwalt <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Igor_Krasnov">Igor Krasnow</a>‚ am 26. März <a href="https://t.me/rian_ru/238254">erklärte</a>, dass die Zahl der von Migrant:innen in Russland begangenen Straftaten im Jahr 2023 um 75 Prozent gestiegen sei.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/russlands-armee-braucht-tadschikische-migranten-mehr-denn-je/"><strong>Russlands Armee braucht tadschikische Migranten mehr denn je</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Das anklagende Pathos der russischen Behörden gegenüber Migrant:innen ist widersprüchlich, bevorzugt der russische Staat doch Kriminelle. So hat Russland in den letzten Jahren zahlreiche Mörder, Vergewaltiger und Pädophile in den Krieg <a href="https://www.currenttime.tv/a/osuzhdennyy-za-ubiystvo-uchastnik-svo-hodit-po-shkolam/32856979.html">entsandt</a>. Nach dem Terroranschlag wurden Mitglieder der für ihre Brutalität bekannten <a href="https://kuban.rbc.ru/krasnodar/freenews/6602fe1d9a79471751c64781">Zapkow-Bande</a> amnestiert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für tadschikische Migrant:innen, die inzwischen russische Staatsbürger:innen geworden sind, wächst auf jeden Fall die Gefahr, in Putins Krieg in der Ukraine <a href="https://www.currenttime.tv/a/putin-ukraina-voyna/32379021.html">hineingezogen</a> zu werden, obwohl ihnen dieser Konflikt fremd ist. Diese Bedrohung gilt langfristig, da Putins Krieg mit der Ukraine auf unabsehbare Zeit andauern wird.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Seit dem Terroranschlag hat die Fremdenfeindlichkeit in der russischen Gesellschaft dramatisch zugenommen. Es kann von Rassismus gesprochen werden, da Menschen nicht-slawischen Aussehens zunehmend ins Visier genommen werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein erster Rat an die Zivilgesellschaft und die Behörden in Tadschikistan und anderen Ländern der Region lautet daher: Es ist notwendig, Migrant:innen stärker für die Gefahren des Krieges zu sensibilisieren, damit sie nicht im Krieg ihr Leben verlieren oder mit Verletzungen und Behinderungen zurückkehren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Propaganda des Kremls, die nichts mit [freiem &#8211; Anm. d. Red.] Journalismus zu tun hat, muss hinterfragt werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diejenigen, die nach Russland gehen (wollen), sollten wissen, wie tückisch das Prinzip der Kollektivschuld ist. Eigentlich ist jede:r für sich selbst verantwortlich. [Aber bei der Kollektivschuld leiden die Menschen, die sich nicht erklären können. Diese Gefahr besteht für die Zentralasien:innen, die im Narrativ des russischen Nationalismus kollektiv für den Terroranschlag verurteilt werden &#8211; Anm. d. Red.].</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Regierung, die Zivilgesellschaft und die Migrant:innen müssen alternative Möglichkeiten der Arbeitsmigration voranbringen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zu den weiteren notwendigen Maßnahmen gehören eine rigorose Liberalisierung der tadschikischen Wirtschaft und Reformen, die Investor:innen anziehen. Seitens der Behörden muss erkannt werden, dass ein großer Strom an Migrant:innen unvermeidlich aus Russland zurückkehren wird. Für sie müssen dringend Arbeitsplätze geschaffen werden. Andernfalls könnten soziale Spannungen bis hin zur Kriminalität zunehmen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="https://www.forbes.ru/biznes/506330-kommersant-uznal-o-snizenii-eksporta-benzina-na-cetvert-v-nacale-goda">Absehbar</a> ist auch ein deutlicher Rückgang der russischen Exporte nach Tadschikistan. Für diese russischen Waren muss Ersatz geschaffen werden. Und das eilt.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/tadschikistan/terroristischer-angriff-in-tadschikistan-die-regierung-versucht-den-angriff-fur-sich-zu-nutzen/"><strong>Terroristischer Angriff in Tadschikistan: „Die Regierung versucht, den Angriff für sich zu nutzen“</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Russlands Situation nach dem Einmarsch in die Ukraine zwingt Putin offensichtlich zu einem engeren Bündnis mit nationalistischen und kriminellen Gruppen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die russischen Behörden müssen sich neu aufstellen, auch auf internationaler Ebene. Dabei müssen unter Umständen alte Bündnisse geopfert werden, die ohnehin nur noch schlecht oder gar nicht mehr funktionieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Russland verliert auch seine Rolle als Sicherheitsgarant in Zentralasien, einschließlich der herrschenden Eliten. Aus dem Staat ist mittlerweile einer entstanden, in dem eine dubiose bewaffnete Gruppe aus Söldnern und Kriminellen Flugzeuge der Streitkräfte <a href="https://meduza.io/feature/2023/06/27/putin-vystupil-pered-voennymi-on-opyat-rasskazal-chto-siloviki-pobedili-prigozhina-a-narod-splotilsya-vokrug-vlasti">abschießen</a> kann und anschließend volle Amnestie genießt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Putin hat die Kontrolle über die Situation verloren, sein Staat das Gewaltmonopol. Das erklärt, warum die Sicherheitskräfte nicht einmal mehr versuchen, die mittelalterlichen Folterungen von Gefangenen zu vertuschen, geschweige denn für ihre Taten bestraft werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Deshalb müssen die Länder der Region über ein kollektives Sicherheitskonzept nachdenken und ihre eigenen Armeen reformieren.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Chronik der Terroranschläge, bei denen tadschikische Staatsangehörige als Terroristen genannt werden</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">In den letzten Jahren wurden tadschikische Staatsangehörige wiederholt von verschiedenen Ländern beschuldigt, terroristische Anschläge verübt zu haben. Häufig wurde dabei der IS als Initiator genannt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach Angaben des Präsidenten <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Emomalij_Rahmon">Emomali Rahmon</a> hat das Land in den letzten zehn Jahren 6680 Straftaten extremistischer und terroristischer Art aufgedeckt und registriert, darunter 86 Terroranschläge und -versuche, und 11 Terroranschläge und -versuche verhindert.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/tadschikistan/terrorismusverdacht-in-deutschland-anklage-gegen-fuenf-tadschiken/"><strong>Terrorismusverdacht in Deutschland: Anklage gegen fünf Tadschiken</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch der aufsehenerregendste Terroranschlag der letzten Jahre in Tadschikistan selbst <a href="https://rus.ozodi.org/a/29422387.html">wurde</a> höchstwahrscheinlich vom IS in Auftrag gegeben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es muss daher anerkannt werden, dass ein Teil der tadschikischen Jugend anfällig für extremistische Propaganda ist. Hier ist qualifizierte Expertenberatung, auch aus dem Bereich der Pädagogik und Psychologie, gefragt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Klar ist jedoch, dass die bestehende Ideologie nicht funktioniert. Sie wird von oben entwickelt und nach unten weitergegeben. Deshalb bleiben diese Narrative für viele Menschen unverständlich oder gar fremd, was den Ideologen des Radikalismus in gewisser Weise in die Hände spielt.</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Marat Mamadschojew für CABAR</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem <a href="https://cabar.asia/ru/terakt-proizoshedshii-v-podmoskove-stavit-tadzhikistan-pered-tyazhelym-vyborom">Russischen</a> von Berenika Zeller</strong></p>



<p class="has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/">Linkedin</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</strong></em></p>
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		<title>Nach Terroranschlag: Massive Anfeindungen gegen Tadschik:innen in Russland</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Die Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 29 Mar 2024 22:09:27 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Politik & Wirtschaft]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>ENTSCHL&#xDC;SSELUNG. Der t&#xF6;dliche Anschlag bei Moskau hat f&#xFC;r Schlagzeilen &#xFC;ber die Beteiligung von Tadschik:innen in internationalen Terrororganisationen wie dem sogenannten &#x201E;Islamischen Staat&#x201C; gesorgt. Dies hat unter anderem zu einem Anstieg der Fremdenfeindlichkeit in Russland gef&#xFC;hrt. Am Abend des 22. M&#xE4;rz haben bewaffnete M&#xE4;nner die Konzerthalle &#x201E;Crocus City Hall&#x201C; bei Moskau angegriffen und 140 Menschen get&#xF6;tet. [&#x2026;]</p>
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<p class="wp-block-paragraph"><strong>ENTSCHLÜSSELUNG. Der tödliche Anschlag bei Moskau hat für Schlagzeilen über die Beteiligung von Tadschik:innen in internationalen Terrororganisationen wie dem sogenannten „Islamischen Staat“ gesorgt. Dies hat unter anderem zu einem Anstieg der Fremdenfeindlichkeit in Russland geführt.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Am Abend des 22. März haben bewaffnete Männer die Konzerthalle „Crocus City Hall“ bei Moskau angegriffen und 140 Menschen getötet. Tags darauf wurden elf Personen festgenommen, berichtete die russische Nachrichtenagentur <a href="https://tass.ru/proisshestviya/20320557">TASS</a>. Die vier Männer, denen die Ausführung des Anschlags vorgeworfen wird, sind tadschikische Staatsangehörige.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch wenn vieles vorerst im Dunkeln bleibt und die Schuld der Angeklagten nicht bewiesen ist, wurde der Angriff vom <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/ISIS-K">Islamischen Staat &#8211; Khorasan (IS-K)</a> für sich beansprucht, einem IS-Ableger, dem sich viele Tadschik:innen angeschlossen haben. Wie das tadschikische Nachrichtenportal <a href="https://asiaplustj.info/ru/news/tajikistan/power/20240310/emomali-rahmon-virazil-nedovolstvo-mnogokratnim-hadzhem-tadzhikistantsev">Asia-Plus</a> berichtete, hatte Tadschikistans Präsident <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Emomalij_Rahmon">Emomali Rahmon</a> nur zwei Wochen vor dem Anschlag erklärt: <em>„Laut verfügbaren Daten haben 24 unserer Mitbürger in den letzten drei Jahren in zehn Ländern Terroranschläge begangen.“</em></p>



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<p class="wp-block-paragraph">Der Angriff in Russland ist auf dessen Intervention in Syrien zurückzuführen, womit es sich in offener Gegnerschaft zum IS positionierte. Die wiederholte Beteiligung von Tadschik:innen bei Angriffen des IS-K wirft Fragen auf, nähert allerdings auch unbegründete Vorstellungen von Tadschikistans Rolle im globalen Terrorismus.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>In Russland rekrutiert</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="https://bush.tamu.edu/faculty/elemon/">Edward Lemon</a>, auf Zentralasien spezialisierter Forscher und Präsident der <a href="https://oxussociety.org/">Oxus Society</a>, <a href="https://twitter.com/EdwardLemon3/status/1771532009325633964">erklärt</a>, dass Tadschikistan im Verhältnis zur Einwohner:innen-Zahl den drittgrößten Anteil an Staatsangehörigen hat, die sich den Reihen des IS in Syrien angeschlossen haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die jüngsten tödlichen Angriffe des IS-K, die bisher hauptsächlich auf den Iran, Afghanistan und die Türkei abzielten, wurden von Tadschik:innen verübt, erläutert <a href="https://thediplomat.com/2024/01/unveiling-the-motivations-tajik-iskps-calculated-strikes-on-iran/">The Diplomat</a>. Dies gilt insbesondere für den <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Bombenanschläge_in_Kerman_2024">Anschlag im iranischen Kerman</a>, bei dem im Januar fast 100 Menschen ums Leben kamen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kirgistan/die-islamistische-radikalisierung-der-zentralasiatischen-jugend-mythos-oder-realitaet/"><strong>Die islamistische Radikalisierung der zentralasiatischen Jugend – Mythos oder Realität?</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn Tadschikistan jedoch zunehmend als Brutstätte des islamistischen Radikalismus wahrgenommen wird, ist diese Darstellung verkürzt. So <a href="https://daviscenter.fas.harvard.edu/insights/terror-attack-russia-shines-spotlight-isis-k-recruiting-among-central-asians">zeigen Studien</a>, dass die Rekrutierung von Tadschik:innen durch den IS-K hauptsächlich in Russland erfolgt – beziehungsweise unter Menschen, die in Russland gelebt haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Allein im ersten Halbjahr 2023 wurden 1,28 Millionen Tadschik:innen von den russischen Migrationsbehörden registriert, darunter mehr als 963.000 in der Arbeitsmigration. Die Zahlen könnten aber tatsächlich höher sein, berichtet das russische Wirtschaftsmedium <a href="https://nsk.rbc.ru/nsk/24/08/2023/64e6c63a9a79471c6e4adea5">RBC</a>. Im Jahr 2022 stammten nach Angaben der <a href="https://blogs.worldbank.org/en/peoplemove/remittances-europe-and-central-asia-post-strong-growth">Weltbank</a> 51 Prozent des BIP von Arbeitsmigrant:innen, was Tadschikistan zum am stärksten von Überweisungen abhängigen Land der Welt macht.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Motivationen, die oft weit vom radikalen Islam entfernt sind</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Diese oft prekäre Situation macht sie jedoch anfällig für die Rekrutierung. <a href="https://www.wilsoncenter.org/person/melanie-sadozai">Mélanie Sadozaï</a>, eine auf die tadschikisch-afghanische Grenze spezialisierte Forscherin, erklärt gegenüber Novastan: <em>„Die Gründe, warum diese Personen rekrutiert werden, sind vielfältig: Suche nach einem besseren Leben, Ablehnung des Staates und seiner Institutionen, der Wunsch, den Islam ohne Diskriminierung zu praktizieren, attraktive finanzielle &nbsp;Angebote der Anwerber, Verurteilung des russischen Engagements in Syrien, wo sich der Kern des IS befindet und so weiter.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/tadschikistan/warum-sich-so-viele-buerger-tadschikistans-dem-islamischen-staat-anschliessen/"><strong>Warum sich so viele Bürger Tadschikistans dem Islamischen Staat anschließen</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Für sie sind <em>„die Beweggründe also keineswegs mit einer uneingeschränkten Unterstützung des in der IS-Propaganda propagierten radikalen Islamismus verbunden.“</em> In Bezug auf den Anschlag bei Moskau weist Edward Lemon jedoch <a href="https://twitter.com/EdwardLemon3/status/1772797999204221251">darauf hin</a>, dass die mutmaßlichen Terroristen ein ähnliches Profil hätten: Sie seien kürzlich nach Russland ausgewandert und nicht besonders religiös gewesen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auf tadschikischem Boden gab es hingegen nur wenige IS-Angriffe, zuletzt einen <a href="https://novastan.org/de/tadschikistan/islamischer-staat-bekennt-sich-zur-attacke-die-zum-tod-von-4-rad-touristen-in-tadschikistan-fuhrte/">Anschlag auf ausländische Radfahrer:innen 2018</a> und einen <a href="https://novastan.org/de/tadschikistan/tadschikistan-der-islamische-staat-bekennt-sich-zu-aufstand-in-gefangnis/">Gefängnis-Aufstand in Chudschand 2019</a>.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Eine vage Definition von Extremismus</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Der Beitritt zum IS kann jedoch auch als Reaktion auf die ultrasäkulare tadschikische Politik erfolgen. Extremismusvorwürfe in Tadschikistan richten sich weniger gegen den strengen Islam als gegen jede Form von Handlungen, die der Regierung missfallen: Nicht selten werden Aktivist:innen, Menschenrechtler:innen oder Journalist:innen <a href="https://novastan.org/de/tadschikistan/menschenrechte-in-tadschikistan-interview-mit-der-un-berichterstatterin/">wegen Extremismus verurteilt</a>. Religiöse Praxis wird als politische Opposition interpretiert und unterdrückt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Laut Mélanie Sadozaï verschärfen die Behörden Tadschikistans <em>„die Beschränkungen und Sicherheitsmaßnahmen in Bezug auf religiöse Praktiken und potenzielle Rivalen oder Destabilisatoren des bestehenden Regimes, was nur Frustrationen schürt, die die Form von Terroranschlägen annehmen können.“</em></p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Die Grenze zu Afghanistan ist weniger durchlässig, als es scheint</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Seitdem die Aufmerksamkeit auf Tadschikistan und den IS-K gerichtet ist, wird die gemeinsame Grenze mit Afghanistan, einer Hochburg des IS-K, als potenzieller Korridor für Dschihadist:innen erwähnt. Auch hier betont Mélanie Sadozaï, dass die Unsicherheit entlang der Grenze eine vorgefasste Meinung sei.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Im Gegensatz zu dem, was man denken könnte, überqueren keine Bürger Tadschikistans die Grenze in Richtung Afghanistan. Der fehlende Zusammenhang zwischen Terrorismus und dieser Grenze führt dazu, dass sie im September 2023 wieder für grenzüberschreitenden Handel geöffnet wurde“</em>, erklärt Mélanie Sadozaï.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/tadschikistan/kazan-und-kebab-womit-an-der-tadschikisch-afghanischen-grenze-gehandelt-wird/"><strong>Kazan und Kebab – Womit an der tadschikisch-afghanischen Grenze gehandelt wird</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Einzelfälle sind nicht auszuschließen – und die Grenze kann auch in die entgegengesetzte Richtung durchlässig sein, insbesondere für <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/foerdert-der-drogenhandel-den-terrorismus-in-zentralasien/">den Drogenhandel</a>. Aber Tadschik:innen, die sich Terrororganisationen anschließen, tun dies in der Regel über Russland. Die Forscherin fasst zusammen: <em>„Der IS-K ist eine multinationale und keine grenzüberschreitende [im wahrsten Sinne des Wortes, Anm. d. Ü.] Terrorgruppe.“</em></p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Zusammenarbeit mit den Taliban</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Darüber hinaus arbeitet Duschanbe in bestimmten Sicherheitsfragen mit Kabul zusammen. Afghanistan bleibt Tadschikistans feindseligster Nachbar, insbesondere aufgrund der Präsenz der Terrorgruppe Dschamaat Ansarullah, die aus ethnischen Tadschik:innen besteht, welche Feinde von Duschanbe sind und von den Taliban unterstützt werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber auch andere Terrorgruppen erzwingen den Dialog. <em>„Der IS-K ist ein innenpolitisches Problem für Tadschikistan und für die Taliban, denn die von dieser Gruppe beanspruchten Anschläge untergraben die Glaubwürdigkeit dieser Regime in Bezug auf ihre Fähigkeit, die Sicherheit in ihren Ländern aufrechtzuerhalten“</em>, schließt Mélanie Sadozaï.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Eine Welle der Fremdenfeindlichkeit</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Es muss daher klargestellt werden, dass die tadschikische Bevölkerung in ihrer überwiegenden Mehrheit den IS-K nicht unterstützt. Sowohl in Tadschikistan als auch in Russland würdigten Tadschik:innen die Opfer. In Duschanbe wurde die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Nouruz">Noruz-Feier</a>, die am 24. März stattfinden sollte, <a href="https://www.asiaplustj.info/ru/news/tajikistan/power/20240325/karnaval-navruza-proidet-segodnya-v-dushanbe">auf den nächsten Tag verschoben</a>. Der Grund wurde nicht offiziell kommuniziert, lokale Medien interpretierten die Geste jedoch als Reaktion auf die Ankündigung eines nationalen Trauertages in Russland.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Reaktionen reichten nicht aus, um ultranationalistische Strömungen in Russland zu beruhigen. Fake News und rassistische Verschwörungstheorien <a href="https://twitter.com/bahruz_samad/status/1772024022449950811">florieren</a> oder tauchen wieder auf – zum Beispiel die Behauptung eines Völkermords an Russ:innen während des <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Tadschikischer_Bürgerkrieg">Tadschikischen Bürgerkriegs</a> in den 1990er Jahren. Die Folgen ließen nicht lange auf sich warten.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/tadschikistan/die-schwierige-situation-tadschikischer-arbeitsmigranten-in-russland/"><strong>Die schwierige Situation tadschikischer Arbeitsmigranten in Russland</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie <a href="https://eurasianet.org/tajik-diaspora-in-russia-living-in-terror-following-crocus-city-massacre">Eurasianet</a> und <a href="https://rus.ozodi.org/a/32876078.html">Radio Ozodi</a> berichteten, haben fremdenfeindliche Taten in Russland in den letzten Tagen so stark zugenommen, dass viele Migrant:innen Angst davor haben, ihre Wohnungen zu verlassen, und manchmal sogar aufhören, zur Arbeit zu gehen.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Zunehmende Aggression</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die tadschikische Botschaft, die sich für gewöhnlich <a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/zentralasiatische-arbeitende-nach-streik-in-russland-entlassen/?noredirect=de-DE">nicht für die Interessen ihrer Bürger:innen in Russland einsetzt</a>, hat ihren Staatsangehörigen empfohlen, ihre Häuser nicht zu verlassen. Usbekische Bürger:innen wurden außerdem <a href="https://www.centralasian.org/a/32879280.html">aufgefordert</a>, öffentliche Orte zu meiden, während die Kirgis:innen <a href="https://www.reuters.com/world/europe/kyrgyzstan-urges-citizens-limit-travel-russia-2024-03-27/">angehalten sind</a>, jegliche Reisen nach Russland zu meiden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In russischen Städten kam es bereits zuvor häufig zu Jagden auf Migrant:innen, doch der Anschlag löste eine weitere Welle aus. Nach Angaben der Menschenrechtlerin <a href="https://www.youtube.com/watch?v=ULePKWtMtfo">Valentina Tschupik</a> meldeten Zentralasiat:innen in den beiden darauf folgenden Tagen 2.500 Fälle von Aggression, darunter 30 Fälle von Folter. Angesichts von Bildern, auf denen FSB-Agenten die tadschikischen Verdächtigen foltern, scheint körperliche Gewalt gegen Zentralasiat:innen nun völlig legitim zu sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zusätzlich zu gewalttätigen Übergriffen an öffentlichen Orten kam es zu einem massiven Boykott gegen tadschikische Taxifahrer:innen. Andere Zentralasiat:innen sagen, sie seien aus ihren Wohnungen geworfen oder sogar entlassen worden, ohne ihr Gehalt zu erhalten.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Langfristige Folgen</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Somit wird die Beteiligung von Tadschiken an dem Anschlag vom 22. März – ob real oder nicht – auf längere Sicht katastrophale Folgen für das Leben der Tadschik:innen in Russland haben. Wie Valentina Tschupik erklärt, wird <em>„unkontrollierbare Migration“</em> dafür verantwortlich gemacht, während Politiker:innen bereits vorschlagen, ein <a href="https://www.kommersant.ru/doc/6593947">Visaregime für Tadschik:innen</a> einzuführen oder sie beim kleinsten Fehler auszuweisen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Russland braucht diese Arbeitskräfte und solche Maßnahmen sind unwahrscheinlich, aber Bedrohungen für die Sicherheit von Migrant:innen sind real in einem Kontext, in dem Fremdenfeindlichkeit und Gewalt öffentlich akzeptiert werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/usbekistan/der-moskauer-traum/"><strong>Der Moskauer Traum</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Es besteht die Befürchtung, dass diese schlechte Presse auch Zentralasiat:innen in Europa betreffen wird. Während die Region in der breiten Öffentlichkeit wenig bekannt ist, gelangt Tadschikistan immer wieder als Brutstätte des religiösen Extremismus in die Presse.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zentralasiat:innen wird häufig ein Visum für Europa verweigert und bei Asylanträgen kommt es zu Ablehnungen, wobei fabrizierte Extremismusvorwürfe im Herkunftsland – wie <a href="https://novastan.org/fr/europe-et-asie-centrale/citoyen-ouzbek-expulse-france-risques-de-torture/">zuletzt bei einem Fall in Frankreich</a> – eine Rolle spielen. Es bleibt also zu hoffen, dass die Behörden der europäischen Länder nach den jüngsten Ereignissen in der Lage sein werden, den Kontext zu berücksichtigen und falsche Anschuldigungen von echten zu unterscheiden.</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Judith Robert für Novastan</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem </strong><a href="https://novastan.org/fr/decryptage/attentat-russie-tadjiks-face-a-xenophobie-massive/"><strong>Französischen</strong></a><strong> von Robin Roth</strong></p>



<p class="has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/">Linkedin</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</strong></em></p>
<p>The post <a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/nach-terroranschlag-massive-anfeindungen-gegen-tadschikinnen-in-russland/">Nach Terroranschlag: Massive Anfeindungen gegen Tadschik:innen in Russland</a> appeared first on <a href="https://novastan.org/de">Novastan Deutsch</a>.</p>
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