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	<title>Brauch Archives</title>
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	<description>Wissenswertes und Nachrichten aus Kirgistan, Tadschikistan, Usbekistan, Kasachstan und Turkmenistan</description>
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	<title>Brauch Archives</title>
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		<title>Tadschikistan verbietet fremde Kleidung und einige religiöse Bräuche</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Asia Plus]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 07 Aug 2024 19:39:11 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Tadschikistan]]></category>
		<category><![CDATA[Brauch]]></category>
		<category><![CDATA[Hochzeit]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Das Unterhaus des tadschikischen Parlaments hat einen Gesetzentwurf verabschiedet, der den Brauch Idgardak &#x2013; Kinderfeste an den muslimischen Feiertagen Idi Ramadan (Zuckerfest) und Idi Qurbon (Opferfest) &#x2013; verbietet. Au&#xDF;erdem wird das Tragen von Kleidung verboten, die nicht der nationalen Kultur entspricht. Dar&#xFC;ber hinaus f&#xFC;hrte das Parlament neue Beschr&#xE4;nkungen f&#xFC;r Hochzeiten, Feiern und den Empfang von [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong>Das Unterhaus des tadschikischen Parlaments hat einen Gesetzentwurf verabschiedet, der den Brauch Idgardak &#8211; Kinderfeste an den muslimischen Feiertagen Idi Ramadan (Zuckerfest) und Idi Qurbon (Opferfest) &#8211; verbietet. Außerdem wird das Tragen von Kleidung verboten, die nicht der nationalen Kultur entspricht. Darüber hinaus führte das Parlament neue Beschränkungen für Hochzeiten, Feiern und den Empfang von Pilgern ein.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Über diese Änderungen und Ergänzungen des Gesetzes „Über die Regulierung von Traditionen und Riten“ beriet das Parlament am 8. Mai. Der Vorsitzende des Ausschusses für religiöse Angelegenheiten, Sulaimon Davlatzoda, erklärte den Abgeordneten, dass die neue Fassung nun den Anforderungen der Moderne entspräche.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>„Idgardak“ ist jetzt endgültig verboten</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Ziel des Verbots ist es, die Kinder angemessen zu erziehen und deren Sicherheit während des Idi Ramadan und des Idi Qurbon zu gewährleisten, heißt es in einer Veröffentlichung der Zeitung <a href="https://sadoimardum.tj/ma-lisi-ol/du-onuni-mill-dar-ta-riri-nav-abul-shud/">Sadoi Mardum</a>. Ausschweifungen und Verschwendung an diesen Tagen sowie das Verschenken von Süßigkeiten und anderen Geschenken sind nun verboten. Der Vorsitzende des Religionsausschusses sagte vor dem Parlament, dass der Idgardak-Brauch in anderen Ländern nicht existiere und auch in den heiligen Texten nicht erwähnt werde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In Tadschikistan gehen Kinder während des Zuckerfestes und der Qurban-Feiertage zu Verwandten und Nachbarn, um ihnen zu gratulieren und Geschenke zu erhalten. Auch Erwachsene ziehen den ganzen Tag lang von Haus zu Haus, sitzen eine Weile am jeweils üppigen Festmahl und gehen dann weiter zum nächsten Freund der Verwandten, wo das nächste Büffet wartet.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">Zum ersten Mal haben die religiösen Autoritäten Tadschikistans im Jahr 2017 ihre Ablehnung gegenüber der Verschwendungssucht der Bürger zum Ausdruck gebracht. Schon damals erklärte der Gelehrtenrat des Islamischen Zentrums Tadschikistans, dass diese Traditionen in den <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Hadith">Hadithen</a> nicht erwähnt werden und für Kinder außerdem gefährlich seien: Sie gehen an unbekannte Orte und überqueren vielbefahrene Straßen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bereits zuvor hatten die tadschikischen Behörden informell zu Beschränkungen für den Idgardak aufgerufen: So forderten Vertreter der Staatsanwaltschaft beispielsweise Eltern auf, ihre Kinder nicht zum Idgardak gehen zu lassen. In einigen Bildungseinrichtungen wurden von Eltern schriftliche Erklärungen eingeholt, dass sie dies nicht tun.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Neue Beschränkungen für Hochzeiten</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Sulaimon Davlatzoda, Vorsitzender des „Ausschusses für Religion, Ordnung der Traditionen, Feste und Riten“, erklärte im Parlament, dass Artikel 11 des Gesetzentwurfs die Frist für die kostenlose Beschneidung von Jungen in medizinischen Zentren von 20 Tagen auf einen Monat nach der Geburt des Kindes verlängert. &nbsp;Vorschriften für die Beschneidung zu „wohltätigen Zwecken“ wurden gestrichen, weil diese zum Familienritual geworden ist (was damit genau gemeint ist, ist noch nicht klar).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Artikel 12 des Gesetzentwurfs erlaubt, dass höchstens zwei Hochzeitsempfänge pro Trauung stattfinden, und verbietet andere mit der Hochzeit verbundene Veranstaltungen. Die Bürger werden ermutigt, das Geld für wohltätige Zwecke anstelle eines Buffets oder eines Hochzeitsessens auszugeben, zum Beispiel für die Reparatur von Straßen, die Verlegung von Wasserleitungen und den Bau sozialer Einrichtungen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/usbekistan/verordnete-bescheidenheit-usbekistan-schraenkt-hochzeitsfeiern-ein/">Verordnete Bescheidenheit: Usbekistan schränkt Hochzeitsfeiern ein</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Laut Davlatzoda sei es auch unangemessen, eine große Anzahl von Autos für die Begleitung des Brautpaares zu verwenden, so dass nun nicht mehr als vier kleine Autos erlaubt sind. Die Einwohner des Landes können jetzt außerdem Genehmigungen für die Registrierung von Hochzeiten und Beerdigungen auf elektronischem Wege erhalten.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Das Abholen von Pilgern ist nicht mehr erlaubt</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Laut Davlatzoda hat die Zahl der Pilger in den letzten Jahren zugenommen, und einige Bürger gehen beim Abholen und Begrüßen der Pilger nach der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Haddsch">Hadsch</a> verschwenderisch vor. Daher erlaubt der Gesetzentwurf die Verabschiedung und Begrüßung von Hadsch- und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/%CA%BFUmra">Umrah</a>-Pilgern nur im Familienkreis. Dabei verbietet er beim Empfang der Pilger auch das Verteilen von Geschenken, die festliche Dekoration von Höfen, Straßen, Stadtvierteln und Autos.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch den Pilgern stehe die Möglichkeit offen, sich anstelle der Feierlichkeiten an wohltätigen Aktivitäten zu beteiligen, wie an der Reparatur von Straßen, dem Bau von Wasserleitungen, dem Bau oder der Reparatur von sozialen Einrichtungen und Brücken.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Fremde Nationalkleidung wird verboten</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Davlatzoda erklärte den Parlamentariern, dass nach dem Gesetzentwurf <em>„die Einfuhr, der Verkauf und die Propagierung von Kleidung, die der nationalen Kultur fremd ist, sowie das Tragen solcher Kleidung an öffentlichen Orten verboten ist“</em>. Er präzisierte dabei aber nicht, welche Kleidungsstücke „fremd“ sind. (Es ist aber wahrscheinlich, dass die Maßnahme das Tragen von Hijabs unterbinden soll., Anm.d.Ü.).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Gesetzentwurf enthält auch neue Artikel über die Befugnisse der Regierung Tadschikistans, der bevollmächtigten Staatsorgane, der lokalen Exekutivorgane der Staatsmacht und der Selbstverwaltungsorgane der Städte und Dörfer. Artikel 18 regelt erneut die Verantwortung natürlicher und juristischer Personen bei Festen und Zeremonien sowie die Verantwortung von Führern, Imamen, inoffiziellen religiösen Persönlichkeiten, Ortsvorstehern und Leitern von öffentlichen Selbstverwaltungsorganen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/tiktok-imam-und-pater-blogger-warum-sind-religioese-influencer-in-kasachstan-so-beliebt/">Tiktok-Imam und Pater Blogger: Warum sind religiöse Influencer in Kasachstan so beliebt?</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die bevollmächtigte Stelle, die lokalen Exekutivorgane der Staatsmacht und die Selbstverwaltungsorgane der Städte und Dörfer können ihrerseits öffentliche und religiöse Vereinigungen zur Durchführung von Schulungs- und Aufklärungsmaßnahmen ermutigen, um die Einhaltung der Anforderungen dieses Gesetzes sicherzustellen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dazu gehört auch die Verhinderung von Ausschreitungen und Veruntreuungen bei Feiern und Zeremonien, vorzeitigen und informellen Eheschließungen und andere diesbezügliche Straftaten. Der Gesetzentwurf wurde vom Parlament angenommen und muss nun vom Präsidenten des Landes unterzeichnet werden.</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Asia-Plus</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem <a href="https://www.asiaplustj.info/ru/news/tajikistan/power/20240515/v-tadzhikistane-zapretili-idgardak-nosit-chuzhduyu-natsionalnuyu-odezhdu-i-vstrechat-palomnikov">Russischen</a> von Giulia Manca</strong></p>



<p class="has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/">Linkedin</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</strong></em></p>
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			</item>
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		<title>Ein Leben als Kelinka – Bericht über einen kasachischen Brauch</title>
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		<dc:creator><![CDATA[thevillage]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 06 Jun 2024 12:23:17 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Brauch]]></category>
		<category><![CDATA[Druck]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Kelin oder umgangssprachlich Kelinka nennt man in Teilen Zentralasiens die verheiratete Schwiegertochter, die nach der Hochzeit in die Familie des Br&#xE4;utigams &#x201E;&#xFC;bergeht&#x201C;. Dort schmei&#xDF;t sie den Haushalt, kocht, putzt und sorgt sich um die Launen der ganzen Familie. Oft geschieht dies ohne ihre Zustimmung und ohne die M&#xF6;glichkeit, ihre Situation selbst zu beeinflussen. Kelin oder [&#x2026;]</p>
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<p class="wp-block-paragraph">Kelin oder umgangssprachlich Kelinka nennt man in Teilen Zentralasiens die verheiratete Schwiegertochter, die nach der Hochzeit in die Familie des Bräutigams „übergeht“. Dort schmeißt sie den Haushalt, kocht, putzt und sorgt sich um die Launen der ganzen Familie. Oft geschieht dies ohne ihre Zustimmung und ohne die Möglichkeit, ihre Situation selbst zu beeinflussen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kelin oder umgangssprachlich Kelinka nennt man in Teilen Zentralasiens die verheiratete Schwiegertochter, die nach der Hochzeit in die Familie des Bräutigams „übergeht“. Dort schmeißt sie den Haushalt, kocht, putzt und sorgt sich um die Launen der ganzen Familie. Oft geschieht dies ohne ihre Zustimmung und ohne die Möglichkeit, ihre Situation selbst zu beeinflussen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Tradition existiert seit Jahrhunderten und ist besonders im Süden Kasachstans verbreitet. Unter dem Vorwand, familiären Zusammenhalt zu schaffen, macht der Brauch die Kelins allen voran zu kostenlosen Arbeitskräften. Heute führt dieses Thema zu heftigen Kontroversen zwischen den konservativen und den progressiven Teilen der Gesellschaft. Befürworter wollen Tradition und kulturelles Erbe wahren. Die Gegner argumentieren hingegen, dass ein solcher Brauch ein Relikt der Vergangenheit ist, das vom Patriarchat instrumentalisiert wird, um die Schwiegertöchter auszubeuten. Wir sprachen mit Aida* über die Beziehung zu ihrem Mann, dem Balanceakt zwischen Studium und familiären Pflichten und den Schwierigkeiten, auf die sie in ihren 15 Jahren als Kelinka gestoßen ist. (Die Meinung der Redaktion spiegelt nicht unbedingt ihre Meinung wider.)</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Die Geschichte der Heldin</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Aida wurde 1994 im Alter von 22 Jahren verheiratet. Sie lernte ihren Verlobten in der usbekischen Stadt <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sirdaryo_(Stadt)">S</a><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sirdaryo_(Stadt)">i</a><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sirdaryo_(Stadt)">rdar</a><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sirdaryo_(Stadt)">yo</a>, nahe der kasachischen Grenze, kennen. Sie trafen sich nur ein paar Mal, doch er bekundete schnell großes Interesse an ihr. Nach ein paar Treffen hielt er bei Aidas Großvater um ihre Hand an und bekam grünes Licht. Einen Monat später fand die Hochzeit statt &#8211; gegen Aidas Willen. Doch an ihrem Schicksal gab es nichts zu rütteln, immerhin hatte sie ihrem Großvater ihr Wort gegeben. Wäre sie geflohen, hätte sie Schande über ihre Familie gebracht. Also fügte sie sich. Ihr Großvater verlangte, dass Aida trotz ihrer Pflichten als Kelin weiter studieren und als Ärztin arbeiten sollte. So begann ihr Leben als Kelin in der Familie ihres Mannes. Die beiden bekamen zwei Kinder, trotz der Doppelbelastung behielt sie ihren Job. Nach 15 Jahren Ehe verließen sie schließlich das Elternhaus und zogen ins südkasachische <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Taras_(Kasachstan)">Tara</a><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Taras_(Kasachstan)">s</a>. Später zogen sie nach <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Almaty">Almaty</a>, wo die Kinder langsam erwachsen wurden und es auch beruflich für Aida bergauf ging. Ein paar Jahre später ließ sie sich von ihrem Mann scheiden. Nun ist sie Mitte 50 und arbeitet als Augenärztin in Almaty. Im Folgenden geben wir ihren Bericht über ihr Leben als Kelin wieder.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Andere Familien, andere Sitten</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Ich lebte 15 Jahre lang mit meinem Mann zusammen: Acht Jahre lang wohnten wir mit seinen Eltern in einem Haus, dann weitere sieben Jahre im Nachbarhaus. Doch das machte keinen Unterschied: Wann immer etwas zu tun war, wurde ich gerufen. Ich war vor allen andern auf den Beinen, um den Hof zu fegen, die Pflanzen zu gießen und das Frühstück auf den Tisch zu bringen. Erst danach widmete ich mich meinem Job und dem Studium. Im ersten Jahr meiner Ehe befand ich mich im sechsten Jahr des Medizinstudiums. Danach begann das Referendariat. Meine Schwiegermutter kümmerte sich um das Abendessen, weil ich dafür keine Zeit hatte.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">Am Anfang war es schwierig, weil ich mit einer anderen Mentalität aufgewachsen war: Die Schwiegermutter meiner Mutter war Tatarin, weshalb kasachische Bräuche Neuland für mich waren. In der Familie meines Mannes ließen die neuen Gesetze und Regeln nicht auf mich warten. Zuerst bekam ich ein Kopftuch, das ich beinah pausenlos tragen musste. Ich sollte es auch bei der Arbeit tragen, aber da stellte ich mich quer. Dann kam der ungewohnte Umgang mit Gästen: Ich musste den Tisch decken und mich vor allen verbeugen, genauso wie ich das jeden Morgen auch vor meinen Schwiegereltern tat. Das war Pflicht, solange sie selbst nicht freiwillig auf den Brauch verzichteten. Meine Schwiegermutter tat das irgendwann. Mir kam das gelegen, weil ich ein bisschen schüchtern bin und nur wenig Kasachisch sprach. Zwar war die Sprachbarriere keine große Einschränkung, aber ich brauchte ein wenig Zeit. Ich hatte Glück, dass ich mich mit der Mutter meines Mannes und der Frau meines Bruders gut verstand. Sonst wäre es noch viel schwieriger gewesen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/bauryna-salu-coming-of-age-trifft-tradition/">„Bauryna Salu“ – Coming of Age trifft Tradition</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Der erste stressige Moment war die Geburtstagsfeier eines Verwandten. Dort sollte ich mich vor bestimmten Personen verbeugen. , Ich wurde neben die älteste Kelin &#8211; die Frau meines Bruders – gesetzt, die mit mir die Gäste begrüßte und mich unterstützte. Der Tisch wurde natürlich im Voraus gedeckt. Während des Essens sorgte ich dafür, dass die Teegläser der Gäste nie leer waren. Neu war für mich auch die Art, die leeren Teller unseres Nationalgerichts <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Beschbarmak">Beschbarmak</a> abzuräumen: Ich musste das Geschirr rückwärts in die Küche balancieren, wobei ich die Gäste ansah, mich nicht umdrehen durfte und schließlich mit dem Rücken zur Tür stand. Diesen Teil der Arbeit fand ich gar nicht übel, das hatte etwas Elegantes. Ich wollte es besonders schön machen, ohne dabei zu stolpern. Dadurch entstand eine Art inoffizieller Wettbewerb mit den restlichen Kelins des Hauses.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Psychischer Druck</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Im ersten halben Jahr stand ich unter Schock. Es war eine Frage der Gewöhnung, aber auch der Einstellung. Wenn man sich selbst in die Pfanne haut, indem man sagt: „Warum sollte ich mich als Akademikern und Ärztin verbeugen?!“, hält man nicht lange durch. Aber es geht um Kleinigkeiten wie Salem Beru (so wird die Begrüßung der Schwiegereltern mit einer Verbeugung genannt). Auch hier habe ich mich wohlgefühlt, denn es ist weniger Interaktion mit Menschen gefordert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viel problematischer ist der Mangel an Freizeit und die viele Hausarbeit drumherum. Wenn Verwandte zu Besuch sind, die im gleichen Alter sind und ihre Kinder mitbringen, muss man ganz schön auf Zack sein. Aber man gewöhnt sich schnell daran, bei allen Aufgaben einen Zahn zuzulegen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Den anderen ist es egal, wie müde wir sind, Hauptsache, die Aufgaben werden erledigt. Verwandte behandeln uns oft, als seien sie unsere Kunden. Wir sollen Mutter und Arbeiterin in einer Person vereinen, kochen, den Haushalt schmeißen und die Kleidung der Familie sowie der Gäste waschen. Dies ist besonders im Süden verbreitet, fast wie in „<a href="https://www.imdb.com/title/tt5516214/">Kelinka Sabina“</a> (eine kasachische Komödie). Hin und wieder versuchte mein Mann, mir den Rücken zu decken, aber zumeist ohne Erfolg.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/kirgisische-feste-tradition-oder-zwang/">Kirgisische Feste – Tradition oder Zwang?</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Als wir nach acht Jahren dieses Lebens mit meinem Mann und den Kindern in das Haus nebenan zogen, änderte das unseren Alltag kaum. Sieben Jahre später zogen wir ins einige 100 Kilometer entfernte Taras. Weit weg vom Rest der Familie lebten wir dort endlich nach unseren eigenen Regeln.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hatten meine Verwandten jedoch Gäste zu Besuch, musste ich trotzdem zurück nach <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sirdaryo_(Stadt)">Sirdaryo</a>undsie bedienen, so als würde ich noch bei ihnen leben. Nicht selten luden sie die Gäste während meiner Arbeitszeiten zu sich ein, wodurch sie mich regelmäßig zwangen, mir frei zu nehmen. Jedes Mal musste ich mich rechtfertigen. Zum Glück sind die Chefs im Süden an Kelinkas gewöhnt und zeigen für die Verschiebung meiner Arbeitszeiten Verständnis.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Tradition im Wandel</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Unsere Jugend denkt anders, worüber ich sehr froh bin. Viele Traditionen sind mittlerweile irrelevant, obwohl es auch positive Aspekte gibt. Einerseits ist es ungerecht, dass man kocht, putzt und all diese Aufgaben niemals delegiert werden, andererseits wahren wir Respekt gegenüber den Älteren und lernen so, als Familie zusammenzuhalten und die persönlichen Grenzen aller, auch die der Frau, einzuhalten. Leider sehen das viele anders.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Beziehungen innerhalb der Familie verändern sich, und niemand ist darauf bedacht, sie zu erhalten. Dabei ist eine Familie harte Arbeit. Das Zusammenleben mit den Eltern ermöglicht es jungen Menschen, sich aneinander zu gewöhnen. Das weiß ich aus eigener Erfahrung. Meine Großmutter war hilfsbereit gegenüber ihren Schwiegertöchtern und die Kinder dankten ihr dafür. Auch meine Mutter lebte elf Jahre lang bei ihrer Schwiegermutter und wollte kaum ihr Haus verlassen. Als sie arbeiten ging, wurden wir Kinder von meinen Großeltern beaufsichtigt. Irgendjemand hatte immer ein Auge auf uns.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn man jung ist, ist die Hilfe der Älteren eine wahnsinnige Stütze, auch in finanzieller Hinsicht. Natürlich wollte ich getrennt leben, weil ich eigene Kinder hatte, aber nach einer Weile hielt ich es für sinnvoller. Ein gutes Verhältnis zur Schwiegermutter ist Gold wert. Sie gibt Ratschläge und hilft im Haushalt ebenso wie in der Beziehung zum Mann, immerhin kennt sie ihren Sohn am besten.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/baeibise-und-toqal-erste-und-zweite-ehefrau-in-kasachstan/">Bäıbişe und Toqal: erste und zweite Ehefrau in Kasachstan</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">In einer Ehe muss man auch Beziehungen zum Rest der Familie seines Mannes aufbauen, da man in Kasachstan nicht nur mit seinem Ehemann kommunizieren kann. Das Zusammenleben hilft dabei: Der Mensch ist ein kollektives Wesen. Der enge Kontakt zu den Verwandten hilft auch mental, ein bisschen wie in einem italienischen Clan. Man fühlt sich beschützt und geborgen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir werden heute immer individueller. So sehr, dass uns beinah das Bedürfnis nach Gemeinschaft abhanden kommt. Viele Menschen arbeiten online und haben keinen Kontakt mehr zu Kollegen und Freunden. Bei all der Informationsflut, die wir heute haben, ist es schwer, allein zu sein. Da kann eine große Familie schon abhelfen. Sie ist immer da, ob du Kummer hast oder vor Freude strahlst. In diesem Sinne hat unsere Tradition auch kulturelle Bedeutung. Als Heranwachsender lernt man in einer großen Familie, was es heißt, in einer Gemeinschaft zu leben, sich zu unterstützen und zusammenzuhalten. Das brauchen wir heute mehr denn je.</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Jangir Djangildin für The Village Kasachstan</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem <a href="https://www.the-village-kz.com/village/people/experience/35685-ya-byla-kelinkoy-15-let">Russischen</a> von Arthur Siavash Klischat</strong></p>



<p class="has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/">Linkedin</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</strong></em></p>
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