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	<title>Anthropologie Archives</title>
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	<description>Wissenswertes und Nachrichten aus Kirgistan, Tadschikistan, Usbekistan, Kasachstan und Turkmenistan</description>
	<lastBuildDate>Fri, 03 Oct 2025 18:06:41 +0000</lastBuildDate>
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	<title>Anthropologie Archives</title>
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	<item>
		<title>Ländlicher Raum Xinjiangs: Interview mit Anthropologe Rune Steenberg</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Die Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 03 Oct 2025 18:06:40 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Panorama]]></category>
		<category><![CDATA[Uigurische Region]]></category>
		<category><![CDATA[Anthropologie]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
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		<category><![CDATA[Landwirtschaft]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>In den sozialen Netzwerken sind die Bilder von uigurischen Gefangenen k&#xFC;rzlich den malerischen Stra&#xDF;en von Kaschgar und gr&#xFC;nen Landschaften gewichen. Hinter diesen Bildern setzt Peking seinen Plan zur Wiederbelebung des l&#xE4;ndlichen Raums des uigurischen Autonomen Gebietes Xinjiang weiter um. Der d&#xE4;nische Anthropologe Rune Steenberg erkl&#xE4;rt Novastan, was dies f&#xFC;r die Bev&#xF6;lkerung der Region bedeutet. Bis [&#x2026;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph">In den sozialen Netzwerken sind die Bilder von uigurischen Gefangenen kürzlich den malerischen Straßen von Kaschgar und grünen Landschaften gewichen. Hinter diesen Bildern setzt Peking seinen Plan zur Wiederbelebung des ländlichen Raums des uigurischen Autonomen Gebietes Xinjiang weiter um. Der dänische Anthropologe Rune Steenberg erklärt Novastan, was dies für die Bevölkerung der Region bedeutet.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="https://www.undp.org/china/publications/rural-revitalization-china">Bis 2027</a> will China die Lebensqualität und die landwirtschaftliche Produktion in seinen ländlichen Gebieten verbessern, indem es sich auf fünf Säulen stützt: auf die industrielle, kulturelle, organisatorische, ökologische und menschliche Revitalisierung.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">Um die Herausforderungen dieses 2018 gestarteten Plans zur Wiederbelebung des ländlichen Raums im <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Xinjiang">Gebiet Xinjiang</a> besser zu verstehen, hat Novastan Rune Steenberg, Anthropologe an der Palacký-Universität in Olomouc in Tschechien, interviewt. Auf Basis seiner Erfahrung vor Ort veröffentlichte er zahlreiche Arbeiten über das wirtschaftliche und soziale Leben der uigurischen Gemeinschaft.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Seit 2017 konnte ich für meine Forschungen nicht mehr in die Region zurückkehren”</em>, gesteht Steenberg. Daher ist er nun Teil einer von der Europäischen Union unterstützten Initiative, die darauf abzielt, <a href="https://www.remote-xuar.com/">anthropologische Fernforschungsmethoden</a> zu entwickeln, um den zunehmend eingeschränkten Zugang von Forschenden zu bestimmten Gemeinschaften zu kompensieren.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Ein strategisches Gebiet für die Wiederbelebung des ländlichen Raums</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die einzigartige Geografie und die weitläufigen landwirtschaftlichen Flächen Xinjiangs machen die Region zu einem Schlüsselgebiet, um die von China angestrebte Ernährungssouveränität zu erreichen, aber auch um neue Technologien einzuführen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/repressionen-in-xinjiang-stehen-unter-milder-kritik-in-zentralasien/">Repressionen in Xinjiang stehen unter milder Kritik in Zentralasien</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Zwischen Bergen, Oasen und endlosen Feldern bietet die Region eine ideale ökologische Vielfalt, um technologische Innovationen zu testen. Im Juli 2025 beleuchtet beispielsweise eine <a href="https://www.bloomberg.com/news/articles/2025-07-08/china-builds-ai-dreams-with-giant-data-centers-in-the-desert">Untersuchung der amerikanischen Agentur Bloomberg</a> die Einrichtung von Datenspeicherzentren für künstliche Intelligenz in der Region.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Rune Steenberg stellt eine <em>„verstärkte Mechanisierung im weitgehend staatlich verwalteten Agrarsektor“</em> fest. Die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua hebt insbesondere den <a href="https://english.news.cn/20250709/448c5de8fa5e4e0ca556a196f6bc2b8a/c.html">Einsatz von Drohnen</a> zum Ausbringen von Pestiziden auf Baumwollfeldern hervor. Trotz einer offensichtlichen Optimierung der landwirtschaftlichen Praktiken <em>„verlieren die Einheimischen jedoch nach und nach ihre Landbesitzrechte, die von staatlich finanzierten Genossenschaften übernommen werden, und ziehen es oft vor, in Fabriken zu arbeiten“</em>, erklärt der Anthropologe.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Zwischen technologischer Entwicklung und Assimilation</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Industrialisierung und technologische Entwicklung der Region geht mit einer Migrationswelle von <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Han_(Ethnie)">Han-Chines:innen</a> aus allen Teilen des Landes einher. Ein Prozess, der laut Rune Steenberg in den 1950er Jahren seinen Anfang nahm. Seiner Meinung nach hat die chinesische Regierung mehrere Ziele: die Migration nach Xinjiang zu fördern, um der uigurischen Mehrheit entgegenzuwirken, die Region <a href="https://www.arte.tv/fr/articles/les-influenceurs-de-la-colonisation-la-methode">in den sozialen Netzwerken zu bewerben</a> und ihr Image aufzupolieren. Schließlich geht es darum, einen Umzug nach Xinjiang als Ausweg, als Hoffnung auf ein neues Leben für chinesische Bauern aus anderen Regionen darzustellen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/bahnprojekt-china-kirgistan-usbekistan-baubeginn-im-august/">Bahnprojekt China – Kirgistan – Usbekistan: Baubeginn im August</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Für den Forscher ist China kein Einzelfall. Er sieht in der „Assimilationspolitik” in Xinjiang ein Beispiel für <em>„unbewaffnete Kolonialisierung”</em>. <em>„Ein Prozess, der auch in Palästina oder in Algerien während der französischen Kolonialisierung zu beobachten war”</em>, so Steenberg. Die Einführung neuer Technologien erfolge ohne die Zustimmung der lokalen Bevölkerung, deren einzige Wahl darin bestehe, mitzumachen oder aufzugeben.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Eine komplexe und kontrastreiche Realität</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Rune Steenberg betont, dass die Reaktionen innerhalb der uigurischen Gemeinschaft vielfältig sind. <em>„Die jüngeren Generationen sehen auch die Möglichkeit, sich aus ihrer Lage zu befreien, indem sie die Bedingungen der Regierung akzeptieren“</em>, die beispielsweise ein vorteilhaftes Gesundheitssystem und Subventionen anbietet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sich nur auf die <a href="https://novastan.org/de/uigurische-region/dem-chinesischen-gulag-entflohen-die-geschichte-der-uigurin-gulbahar-haitiwaji/?noredirect=de-DE">Internierungslager</a> zu konzentrieren, sei ebenso verkürzt wie zu behaupten, dass in der Region alles in Ordnung sei, erklärt der Forscher. Es sei wichtig zu verstehen, dass die Realität nicht nur schwarz oder weiß sei und dass innerhalb der uigurischen Bevölkerung je nach sozialer Schicht und Beruf unterschieden werden müsse.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Die Uigur:innen und die Han stehen nicht in einem direkten Gegensatz zueinander“</em>, betont Steenberg. Für ihn steht die Beziehung der Regierung zur Bevölkerung im Mittelpunkt des Problems.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein weiterer wichtiger Pfeiler des Plans zur Wiederbelebung des ländlichen Raums in Xinjiang ist die Entwicklung des Tourismus. <a href="https://www.globaltimes.cn/page/202505/1334961.shtml">Laut der Global Times</a> haben die chinesischen Behörden in diesem Jahr einen Plan entwickelt, der darauf abzielt, bis 2030 mehr als 400 Millionen Besucher:innen pro Jahr zu empfangen und Einnahmen in Höhe von 1 Billion Yuan (120 Milliarden Euro) zu erzielen, was laut Steenberg mit einer „Folklorisierung” der uigurischen Kultur einhergeht. Bestimmte Merkmale werden inszeniert oder sogar verfälscht. <em>„Hier geht es nicht um eine vollständige Auslöschung der uigurischen Kultur, sondern eher um eine Auswahl und Instrumentalisierung bestimmter Aspekte”</em>, erklärt der Anthropologe. Er verweist beispielsweise auf die kürzliche Eröffnung neuer Museen und Ausstellungen, die das uigurische Erbe ausschließlich mit der chinesischen Geschichte in Verbindung bringen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Realität hinter den Kameras und dem Lächeln bleibt schwer zu fassen, erinnert Steenberg. Die chinesische Bevölkerung, ob Uigurin oder Han, bewegt sich zwischen individuellen Bestrebungen und staatlicher Politik. Weit entfernt vom vorherrschenden dichotomischen Diskurs ist die Realität der ländlichen Wiederbelebung in Xinjiang komplex und manchmal widersprüchlich.</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Lisa Ducher für Novastan</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem <a href="https://novastan.org/fr/region-ouighoure/regard-sur-la-revitalisation-rurale-du-xinjiang-entretien-avec-lanthropologue-rune-steenberg/">Französischen</a> von Michèle Häfliger</strong></p>



<p class="has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/">Linkedin</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</strong></em></p>
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		<title>Alles andere als märchenhaft: Das Leben der Frauen in Samarkand</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jean Monéger-Leclerc]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 12 May 2023 17:21:43 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Usbekistan]]></category>
		<category><![CDATA[Anthropologie]]></category>
		<category><![CDATA[Buch]]></category>
		<category><![CDATA[Frauen]]></category>
		<category><![CDATA[Kelin]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Samarkand]]></category>
		<category><![CDATA[Samarqand]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>&#x201E;Cendrillon au pays des soviets&#x201C; (zu Deutsch: &#x201E;Aschenbr&#xF6;del im Land der Sowjets&#x201C;), im M&#xE4;rz in Frankreich erschienen, ist das Ergebnis von 12 Jahren Feldforschung in Samarkand. Fernab der blauen Kuppeln aus 1001 Nacht legt die Anthropologin Anne Ducloux mit dem Buch eine kluge Analyse der Situation der usbekischen Frauen und ihrer Beziehungen untereinander vor. Als [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong>„<em>Cendrillon au pays des soviets</em>“ (zu Deutsch: „<em>Aschenbrödel im Land der Sowjets</em>“), im März in Frankreich erschienen, ist das Ergebnis von 12 Jahren Feldforschung in Samarkand. Fernab der blauen Kuppeln aus 1001 Nacht legt die Anthropologin Anne Ducloux mit dem Buch eine kluge Analyse der Situation der usbekischen Frauen und ihrer Beziehungen untereinander vor.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Als „<em>Stadt ohne Männer</em>“ wird Samarkand im Untertitel des <a href="https://www.hemisphereseditions.com/cendrillon-au-pays-des-soviets">Buchs</a> von Anne Ducloux bezeichnet. Die promovierte Historikerin und Juristin wandte sich um die Jahrtausendwende der Anthropologie zu, nachdem sie sich in ihren Arbeiten zunächst mit der Spätantike, der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kabylei">Kabylei</a> sowie dem französischen Übersee-Département La Réunion beschäftigt hat. Es waren die Arbeiten der französischen Anthropologin Roberte Hamayon über den sibirischen und mongolischen Schamanismus, die sie schließlich nach Usbekistan und vor allem nach <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Samarqand">Samarkand</a> führten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihr Aufenthalt in Samarkand führte jedoch schon bald dazu, dass sie ihren Forschungsgegenstand wechselte, da sie sich „<em>sehr viel stärker angezogen fühlte von der Einzigartigkeit der Beziehungen zwischen den Frauen als von den pittoresken Folbins [Wahrsagerinnen] und anderen Bakschis [Barden, Heiler]</em>“.</p>



<p class="has-primary-800-color has-accent-500-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph">A<strong>ls vereinsgetragene, <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/unser-projekt/">unabhängige</a> Plattform lebt Novastan vom Enthusiasmus seiner ehrenamtlichen Mitarbeiter:innen &#8211; und von eurer Unterstützung! Durch jede noch so kleine <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/spenden/">Spende</a> helft ihr uns, weiter ein realitätsnahes Bild von Zentralasien zu vermitteln</strong>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Autorin möchte ihre Felderfahrung und ihre Untersuchungsergebnisse mit dem Buch auch „<em>Leser:innen zugänglich machen, die weder mit Zentralasien noch mit der Anthropologie vertraut sind</em>“. Ducloux stützt sich auf verschiedene und reichhaltige Quellen, erläutert ihre Auswahl und Analysen und lässt die Leser:innen in die Komplexität einer Gesellschaft mit einem vielfältigen Erbe eintauchen. Das Bild, das sie von der Lage der Frau in einer patriarchalen Gesellschaft ohne Männer entwirft, ist lebendig und tragisch zugleich.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Usbekistan im 21. Jahrhundert: Ein vielschichtiges Kompositum</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Gesellschaft, die Ducloux in ihrem Buch beschreibt, ist, wie so oft in Zentralasien, das Resultat diverser Einflüsse und zusammengesetzter Identitäten. Das ist wichtig für das Verständnis der Beziehungen, für die sich die Autorin interessiert. Die tadschikischen Traditionen von Samarkand durchdringen sich hier wechselseitig mit den Gepflogenheiten der Sowjetunion und islamischen Gebräuchen. Die Sowjetzeit, welche die meisten der Gesprächspartnerinnen der Autorin selbst erlebt haben, ist dabei von besonderer Bedeutung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Den heterogenen Einflüssen kommt eine doppelte Bedeutung zu: Auf der einen Seite sind sie eine Realität der usbekischen Gesellschaft, auf der anderen Seite ermöglichen sie es, diese Gesellschaft zu entschlüsseln, die alltäglichen Realitäten, wie sie vom anthropologischen Terrain aus beschrieben werden, besser zu erfassen. Hinzu kommt das Auftreten neuer religiöser Formen und der Kampf der Machthabenden gegen sie. Die Angst der usbekischen Behörden vor dem radikalen Islamismus wird sichtbar, während die Justiz Fälle von sexueller Gewalt <a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/sexuelle-gewalt-in-usbekistan-milde-justiz-und-tragische-schicksale/">kaum ahndet</a>. &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/warum-haben-sich-frauen-aus-zentralasien-verschiedenen-religioes-terroristischen-gruppen-angeschlossen/">Warum haben sich Frauen aus Zentralasien verschiedenen religiös-terroristischen Gruppen angeschlossen?</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Massenauswanderung nach Kasachstan, Russland oder in die USA ist ebenso Folge der Sowjetzeit, wie der weit verbreitete Alkoholismus. Sie machen Samarkand zu einer „<em>Stadt ohne Männer</em>“. Genauer gesagt: Ohne Männer, die alt genug sind, die Position der Autorität einzunehmen, denn Autorität ist hier nicht nur an das Geschlecht, sondern auch an das Prinzip der Seniorität gebunden.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Traditionelle Familienlogiken</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">„<em>In Usbekistan ist das Individuum nur ein Glied in der Kette der Familie</em>“, unterstreicht Ducloux. Verwandtschaftsverhältnisse sind innerhalb einer solchen Gesellschaftsstruktur das wichtigste Kriterium, um Beziehungen zu analysieren und darzustellen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">75 Jahre Sowjetunion konnten diesen traditionellen Familienstrukturen – Patriarchat und Seniorität – nichts anhaben. Aufgrund der Abwesenheit der Oq Saqol (usbekisch für Weißbärte; womit die Männer gemeint sind, die alt genug sind, um die traditionelle Autorität auszuüben) haben sie sich jedoch neu zusammengesetzt, neu ausgerichtet und zwar zum Vorteil der Schwiegermütter, der Mütter der Söhne, und zum Nachteil ihrer Kelin, der Schwiegertöchter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotz dieser Abwesenheit bleibt die Macht der Frauen auf die häusliche Sphäre beschränkt. Hier haben die Schwiegermütter jedoch einen enormen Einfluss in der Gesellschaft von Samarkand. Ihre Kontrolle erstreckt sich bis hin zur Auswahl der Ehemänner und Ehefrauen für die Kinder und geht sogar so weit, dass sie in deren eheliche Schlafzimmer eindringen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/usbekistan/usbekistan-wenn-frauen-eine-stimme-fordern/"><strong>Usbekistan. Wenn Frauen eine Stimme fordern</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Leben der usbekischen Frau ist in mehrere Etappen geteilt: Tochter, Kelin, Mutter, Schwiegermutter. Innerhalb dieser Phasen wird der Status durch die patriarchale Struktur und die Seniorität differenziert. Wie auch immer dieser aussieht, „<em>eine Frau beginnt erst zu leben, wenn sie Söhne geboren hat</em>“. Als Tochter ist sie „<em>Gast im Haus ihres Vaters</em>“. Verheiratet, wird sie zur Bediensteten ihrer Schwiegermutter und der Frauen aus der Familie ihres Ehemanns.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Frauen gegen Frauen</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Der Status der Kelin als Dienerinnen im Haushalt der Familie des Ehemanns erklärt den Titel von Duclouxs Buch: „<em>Aschenbrödel im Land der Sowjets</em>“. Sobald die Frauen einen Sohn geboren haben und dieser verheiratet ist, sobald sie also den begehrten Status der Schwiegermutter erhalten haben, reproduzieren sie die Machtbeziehung, unter der sie zuvor selbst gelitten haben. Sie begegnen dann wiederum ihren eigenen Schwiegertöchtern mit der gleichen Härte, die sich nicht nur in verbaler und psychischer, sondern auch in physischer Gewalt ausdrücken kann.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kasachstan/haeusliche-gewalt-in-zentralasien-eine-folge-der-ausgangsbeschraenkungen/"><strong>Häusliche Gewalt in Zentralasien</strong></a><strong></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Da Autorität und Herausforderungen traditionell auf die Männer konzentriert bleiben, spricht Ducloux von „<em>dem</em> <em>schmerzlichen Eindruck, dass die Frauen in Usbekistan sich selbst bekämpfen</em>“. Bezeichnend dafür ist die Stellung der Kinder, die ihren Müttern von den Schwiegermüttern „<em>weggenommen</em>“ werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine Frau kann die Linie ihres Vaters nur dann verlassen und in diejenige ihres Ehemanns eintreten, wenn sie männliche Nachkommen gebiert. Ohne einen Sohn ist sie dazu verdammt, die Dienerin ihrer Schwiegermutter zu bleiben. Selbst der Tod der letzteren kann sie von diesem Schicksal nicht befreien, denn dann wird sie zur Kelin für alle (insbesondere für die Witwen ohne Kelin).</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Eine anthropologische Analyse von Samarkand</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn das Schicksal der Kelin auch das Märchen von Aschenbrödel evozieren mag, so besteht Ducloux doch darauf, dass der Alltag in Samarkand „<em>weit entfernt ist von der Welt aus Tausendundeine Nacht</em>“, die von den Tourist:innen hier gesucht wird. Die Frauen sind der Gewalt der patriarchalen Gesellschaft schutzlos ausgeliefert. Mehrere ergreifende Passagen über das Schicksal junger Mädchen, mit denen die Anthropologin gesprochen hat, veranschaulichen das Leben fernab jeglichen Märchenglanzes.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jenseits der häuslichen Sphäre begegnen uns auf jeder Seite des Buchs Unterentwicklung, Armut und Entbehrung. Die Korruption, ein weiteres Erbe der Sowjetzeit, ist weit verbreitet. Die öffentlichen Dienstleistungen werden vernachlässigt und das Gesundheitssystem ist, Ducloux zufolge, desaströs. „<em>Aschenbrödel im Land der Sowjets</em>“ macht plausibel, dass das Schicksal der Frauen von Samarkand von dem sozialen Gefüge in Usbekistan nicht zu trennen ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Jean Monéger, Redakteur für Novastan</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Aus dem <a href="https://novastan.org/fr/ouzbekistan/la-vie-loin-des-contes-de-fees-des-femmes-de-samarcande/">Französischen</a> von Lucas Kühne</strong></p>



<p class="has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/">Linkedin</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</strong></em></p>
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		<title>Die Toı als wichtiger Wirtschaftsfaktor in Kasachstan</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Florian Coppenrath]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 01 Feb 2023 17:45:57 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Anthropologie]]></category>
		<category><![CDATA[Familienfest]]></category>
		<category><![CDATA[Hochzeit]]></category>
		<category><![CDATA[Toj]]></category>
		<category><![CDATA[Traditionen]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die To&#x131;, das ist in den zentralasiatischen L&#xE4;ndern ein oft &#xFC;ppiges Familienfest mit vielen G&#xE4;sten, Tanz und Spielen. Es ist eine kostspielige Angelegenheit, dessen Prunk zunehmend in die Kritik ger&#xE4;t. Doch die Anthropologinnen Dinara Abildinova und Zarina Adamb&#xFD;sinova, die die To&#x131;-Industrie untersucht haben, warnen davor, To&#x131;s als sinnlose Verschwendung zu betrachten. Nach modernem Verst&#xE4;ndnis umfasst [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong>Die Toı, das ist in den zentralasiatischen Ländern ein oft üppiges Familienfest mit vielen Gästen, Tanz und Spielen. Es ist eine kostspielige Angelegenheit, dessen Prunk zunehmend in die Kritik gerät. Doch die Anthropologinnen <a href="https://zhetysu.edu.kz/dinara-abildinova/">Dinara Abildinova</a> und <a href="https://auca.kg/en/silk_projects_monocities/">Zarina Adambýsinova</a>, die die Toı-Industrie untersucht haben, warnen davor, Toıs als sinnlose Verschwendung zu betrachten. </strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach modernem Verständnis umfasst der kasachische Begriff Toı nicht nur die Feier aller wichtigen Lebensetappen eines Menschen (die Geburt, erste Schritte, der Schuleintritt, die Hochzeit), sondern auch runde Geburtstage und weitere Anlässe. Sicherlich haben alle Kasachstaner schon einmal an einer solchen Feier teilgenommen oder selbst eine ausgerichtet. </p>


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<p class="wp-block-paragraph">In jüngster Zeit unterliegen solche Feierlichkeiten – insbesondere Hochzeiten – wegen ihres Umfangs und ihrer enormen, manchmal unerschwinglichen Kosten in Kasachstan starker gesellschaftlicher Kritik. Aufwendige Hochzeiten auf Kredit, Feiern für mehr als 100 Personen in palastartigen Restaurants, Mietlimousinen, Unterhaltungsevents mit Showelementen (z. B. Geld wie Kamellen aus einem Hubschrauber werfen) und einem Heer von Kameraleuten und Fotografen – so in etwa könnte man eine durchschnittliche kasachstanische Toı beschreiben. Aber was steckt dahinter? </p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Ein wichtiger Wirtschaftszweig</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph"> Die Toı ist ein ganzer Wirtschaftszweig, mit dem gewöhnliche Menschen ihren Lebensunterhalt verdienen, ob als Haupteinkommen oder als Nebenjob. Außerhalb der Großstädte ist die Toı-Industrie Teil der informellen, inoffiziellen Wirtschaft. Für diesen Artikel haben wir Kleinstädte in zwei Gebieten im Süden Kasachstans besucht: <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Jetisu_Region">Jetysú</a> (mit einer Bevölkerung von 698.700) und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Schambyl_(Gebiet)">Jambyl</a> (mit einer Bevölkerung von 1.216.236). Beides sind vor allem landwirtschaftliche Gebiete (in Jambyl gibt es auch eine bedeutende chemische Industrie), aber dieser Wirtschaftsbereich ist nicht für alle Einwohner zugänglich. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Laut einer von Forbes.kz erstellten Rangliste der Wettbewerbsfähigkeit der Gebiete Kasachstans weisen beide Landesteile einen hohen Anteil an Selbstständigen auf. Außerdem sind die größten Orte in diesen Gebieten nach den Verwaltungszentren (<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Taras_(Kasachstan)">Taraz</a> und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Taldyqorghan">Taldyqorǵan</a>) monoindustrielle Städte mit nur teilweise funktionierender Industrie und chronischer Arbeitslosigkeit: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Schangatas">Jańatas</a> und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Qaratau">Qarataý</a> in Jambyl und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Tekeli">Tekeli</a> in Jetysú. Für dort lebende Arbeitslose und Menschen mit geringem Einkommen bieten Toıs eine Möglichkeit, ihre Familien zu ernähren und unter Marktbedingungen über die Runden zu kommen. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/janatas-eine-reportage-ueber-eine-kleine-stadt-im-sueden-kasachstans-und-seine-einwohnerinnen/">Jańatas – eine Reportage über eine kleine Stadt im Süden Kasachstans und seine EinwohnerInnen</a></strong> </p>



<p class="wp-block-paragraph">Während unserer Feldforschung in Jetysú hatten einige Tamadas (ein aus dem <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Tamada_(Trinkkultur)">georgischen</a> stammender Begriff für Zeremonienmeister auf Toıs, Anm. d. Ü.) Angst, Interviews zu geben, da sie befürchteten, wir seien vom Finanzamt. In den meisten Fällen ist der Beruf des Tamada für Einheimische ein Nebenberuf, etwa bei einer Hauptbeschäftigung im öffentlichen Dienst oder in anderen staatlichen Einrichtungen. Viele Tamadas sind nicht als Freiberufler gemeldet. Das gilt übrigens auch für andere lokale Geschäftsleute, die in der Toı-Branche tätig sind. </p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Die Toı als Kreditsystem</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph"> Überraschenderweise stellen Toıs in einigen Fällen im Gebiet Jambyl eine informelle Form der Kreditaufnahme und -vergabe dar. Eine unserer Ansprechpartnerinnen erzählte, dass man immer eine Toı organisieren kann, wenn dringende Reparaturen im Haus notwendig sind oder andere finanzielle Nöte bestehen. Ein weiterer finanzierte mit einer Toı die Fertigstellung seines Hauses: „<em>Ich mache eine Toı, zahle</em> [die Kosten] <em>zurück und baue das Haus fertig.</em>“ </p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine Toı für 150–450 Personen (unbedingt mit Gästen aus den Großstädten) kostet den Veranstalter in einer mittleren Stadt mit ca. 25.000 Einwohnern ca. 1–1,5 Millionen Tenge (etwa 2000–3000 Euro). Die meisten lokalen Dienstleistungen können dabei auf Kredit/Schuldenbasis nach mündlicher Vereinbarung bestellt werden. Mit dem Beitrag der Gäste kann der Veranstalter mit einer Toı ca. 2 Millionen Tenge einnehmen (4000 Euro), womit er nicht nur für alle für das Fest vorgestreckten Leistungen auf einmal aufkommen kann, sondern sogar einen kleinen Gewinn erzielt. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Entsprechend der Logik der „Geschenkökonomie“ (in Anlehnung an die amerikanische Anthropologin <a href="https://liberalarts.tamu.edu/anthropology/profile/cynthia-werner/">Cynthia Werner</a>) gibt es eine ungeschriebene Regel: Man kann nicht weniger zurückzahlen als den Betrag, der einem einmal geschenkt wurde. </p>



<figure class="wp-block-image alignnone size-large wp-image-31240"><img fetchpriority="high" decoding="async" width="1024" height="853" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2023/01/Bishkek_1-1024x853.jpg" alt="Kredit Toj Kirgistan" class="wp-image-31240" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2023/01/Bishkek_1-1024x853.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2023/01/Bishkek_1-300x250.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2023/01/Bishkek_1-768x640.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2023/01/Bishkek_1.jpg 1200w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">&#8222;Nimm für die Toj keinen Kredit auf!&#8220; &#8211; Auch in Kirgistan ist Verschuldung im Kontext von Festlichkeiten nicht unumstritten</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph"> Im Gebiet Jetysú hingegen bringt eine Toı nicht immer zusätzliche Einnahmen. In seltenen Fällen reicht der eingenommene Betrag, um alle Kosten zu decken. In beiden Regionen sind Toıs jedoch nicht nur eine Pflicht der Eltern gegenüber ihren Kindern, sondern auch eine Gelegenheit, „Geschenktes“ zurückzugeben. Eine der wichtigsten Voraussetzungen für die Erzielung eines Gewinns oder die Deckung der Kosten bei einer Toı sind die sozialen Kreise des Veranstalters und seine aktive Teilnahme (mit Geldbeträgen) an anderen Toıs. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine Einwohnerin von Jańatas erklärt dieses Prinzip wie folgt: „<em>Für uns Kasachen ist ein Toı ein Qazyna</em> (Schatz). <em>Wenn du viele besuchst, dann erhältst Du auch die Kosten für deine Toı zurück. Immer. Aber es gibt wahrscheinlich auch Menschen, die weniger soziale Kontakte unterhalten. Uns ist dergleichen aber nie passiert: Wir haben immer so viel Geld zurückerhalten, wie wir ausgegeben haben.</em>“ Zu diesem Zweck trägt in der Region Jambyl bei jeder Feier normalerweise jemand aus der Verwandtschaft der einladenden Partei alle erhaltenen Gelder und die Namen der Gäste in ein spezielles Notizbuch ein. </p>



<p class="wp-block-paragraph">In einigen Fällen werden die Namen auf die Geschenkumschläge geschrieben. Die „Geschenke“ wirken in diesem Zusammenhang wie zinslose Darlehen, die jedoch mit einer moralischen Verpflichtung zur Rückzahlung verbunden sind. Eine Ausnahme von diesem System sind Geldgeschenke zwischen Eltern und Kindern, die meist nicht einer Logik des Schuldenerlasses folgen. </p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Eine informelle Institution</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph"> Es ist daher von Bedeutung, dass die Toı außerhalb der Großstädte eine Form des sozialen Austauschs, der Kommunikation, Unterhaltung und Freizeitgestaltung darstellt, auch in den monoindustriellen Orten. „<em>Es gibt keine Vergnügungsstätten oder Zentren, in denen man sitzen und tanzen kann, vor allem nicht für junge Leute</em>“, sagt einer unserer Gesprächspartner aus Jańatas. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei einer Toı tauschen die Menschen Neuigkeiten aus, machen neue Bekanntschaften und pflegen ihre informellen sozialen Bindungen zu Verwandten, erweiterten Familienmitgliedern und der Gemeinschaft. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/auca-die-zweite-hochzeiten-toyis-und-jubilaen-der-preis-furs-feiern/">Hochzeiten, Toyis und Jubiläen – der Preis für´s Feiern</a></strong> </p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn wir die kasachische Toı vom Gesichtspunkt der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Neue_Institutionenökonomik">neuen Institutionenökonomik</a> aus betrachten, sehen wir eine Verflechtung von formellen und informellen Institutionen. Zu informellen (oder sozialen) Institutionen zählen im Toı-Kontext Traditionen, Bräuche und Praktiken der informellen Wirtschaft. Die Verfassung, Verträge, verschiedene Formen staatlicher Regulierung können als formale Institutionen verstanden werden. Deren Wandel, der mit der Entwicklung der Marktwirtschaft in den 2000er Jahren einherging, hat sich sicherlich auch auf lokaler Ebene niedergeschlagen, nämlich in der Veränderung informeller Institutionen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach dem ersten wirtschaftlichen Aufschwung des Landes hat sich zum Beispiel etabliert, dass Toıs in Restaurants gefeiert werden. Früher fanden Familienfeiern in der Regel im häuslichen Rahmen statt, z. B. in organisierten Festzelten auf privaten Höfen, in Schulkantinen und Aulen. Bei einem Interview erinnert sich Anel aus Jańatas an ihre Hochzeitsfeier in einem solchen Stil: „<em>Wir kamen mit einem <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Schiguli_(Automobil)">Schiguli</a> zum Standesamt, damals gab es noch keine Limousinen. Ein oder zwei Schiguli-Autos – und das war&#8217;s! Nur das Brautpaar kam mit dem Auto, der Rest der Gäste kam zu Fuß. Die Hochzeit wurde im Innenhof des Hauses gefeiert, wir hatten drei lange Tische.</em>“ </p>



<p class="wp-block-paragraph">Neue Entwicklungen in der Gesamtwirtschaft beeinflussten sowohl die Form als auch den Umfang der Geschenke, wobei „Teppiche“ buchstäblich durch anständige Beträge in Briefumschlägen ersetzt wurden. Darüber hinaus hat die Tradition der Zahlung des Qalym (der Brautpreis), die früher ausschließlich mit Nutztieren erfolgte, auch eine monetäre Form angenommen – in einigen Fällen wird das Qalym sogar nur in Dollar akzeptiert. Jede Region in Kasachstan hat ihre eigenen ungeschriebenen Normen bezüglich der Größe von Qalym und Geschenken. Eine Informantin aus der Region Jetysú erzählte uns zum Beispiel: „<em>In unserer Region entspricht das Qalym dem Preis für ein Pferd. Wenn das Brautpaar aus demselben Dorf kommt, kann es in Form eines Pferdes bezahlt werden. Wenn die Heiratsvermittler von weit herkommen, zahlen sie in der Regel mit Geld. Aber wir sagen immer, dass unser Preis dem Preis eines Pferdes entspricht</em>“. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach Ansicht der Einheimischen ist die Verwendung einer solchen Maßeinheit für die Zahlung des Brautpreises angesichts der Inflation vorteilhaft. Andererseits kann ein Haushalt auch den Preis an seinen Geldbeutel anpassen, da die Kosten für Pferde je nach Alter und Rasse variieren. Die Höhe der Geldgeschenke in der Region Jambyl hängt vom Status und dem Verwandtschaftsgrad des Gastes ab: Für enge Verwandte können die Beträge ab 40 Tausend, für entfernte Verwandte ab 20 Tausend, und für Kollegen und Freunde ab 5 Tausend betragen (je ca. 80, 40 und 10 Euro). </p>



<h5 class="wp-block-heading"><strong>Neue Traditionen</strong></h5>



<p class="wp-block-paragraph">Eine weitere große Neuerung war die Popularisierung und Durchführung von Brautverabschiedungen, auf Kasachisch Uzatý-Toı, als festliche Zeremonie in Restaurants und manchmal als Haupthochzeit. Gegen Ende des Zusammenbruchs der Sowjetunion und während der gesamten 1990er Jahre waren Hochzeiten nach dem Brauch der Brautentführung (Alyp qashý) beliebt, und die Braut wurde nur selten im Haus ihrer Eltern verabschiedet. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit der allmählichen Verbesserung der wirtschaftlichen Lage wurde es für die Menschen wichtig, ihren sozioökonomischen Status zu zeigen. In dem Kontext wurde die Heirat von Töchtern durch Entführung und ohne Uzatý-Toı als klares Zeichen der finanziellen Zahlungsunfähigkeit der Brauteltern angesehen. Heute wird die Bedeutung einer Hochzeit durch Uzatý-Toı von vielen Eltern und als Ausdruck der Gleichheit zwischen zukünftigen Verwandten stark unterstützt. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Diskussion über das Phänomen der modernen kasachischen Toı beinhaltet oft auch eine Diskussion über die Wiederbelebung alter und vergessener kasachischer Traditionen. Gewöhnlich interpretieren Menschen, die bestimmte Rituale praktizieren, diese als eine Rückkehr zu ihren Ursprüngen. Unsere Beobachtungen zeigen jedoch, dass viele dieser Trends und Innovationen von den Akteuren in der Toı-Industrie selbst geschaffen und sogar gesetzt werden. </p>



<p class="wp-block-paragraph">So ist es zum Beispiel bei der Uzatý-Toı in Toıhanas (Restaurants, in denen vor allem große Festanlässe wie Toıs abgehalten werden, Anm. d. Ü.) üblich, dass die Braut vor Mitternacht abgeholt wird. Diese Regel wurde von den Inhabern von Toıhanas aufgestellt, denn in der Toı-Saison (Sommer und Herbst) muss das Restaurant rechtzeitig für Feiern vorbereitet werden, die am Folgetag tagsüber abgehalten werden, etwa Kinderfeste oder Trauerfeiern. Während der Uzatý-Toı war es früher üblich, dass die Braut unter einem Shańyrak-Modell (dem zentralen Teil eines Jurtendachs, Anm. d. Ü) hinausging. Heutzutage wird dieses Ritual von einer eigenen Tanzgruppe durchgeführt. Auch das traditionelle Abschiedslied Syńsú wird von professionellen Sängern vorgetragen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">All diese Beispiele verweisen auf die Existenz und weitere Diversifizierung von verschiedenen Berufsbildern innerhalb der Toı-Industie. Die Toıhana ist ein eigenständiges Phänomen der Toı-Branche. Es handelt sich dabei nicht um ein Restaurant im klassischen Sinne, in dem man jederzeit mit seiner Familie und seinen Freunden bei Essen und Musik Zeit verbringen kann. Ein Toıhana ist eine Einrichtung, die sich auf die Organisation von Familienfeiern von A bis Z spezialisiert hat und eine breite Palette von Dienstleistungen anbietet. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Als einflussreichster Akteur in der Toı-Branche ist die Toıhana nicht nur ein wichtiger Arbeitgeber für die örtliche Gemeinschaft, sondern kann auch die „Regeln“ und Trends für die örtlichen Feierlichkeiten, einschließlich des Festtagsmenüs, vorgeben. In einigen Gegenden des Gebiets Jambyl gehören zum Beispiel folgende Gerichte unbedingt auf den Festtisch: Beshbarmak, Sorpa, Kymyz, Shubat, Manty und manchmal Plov – der wird aber am häufigsten während der Totenwache serviert. Die obligatorischen Bestandteile des Menüs variieren von Region zu Region. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/usbekistan/verordnete-bescheidenheit-usbekistan-schraenkt-hochzeitsfeiern-ein/">Verordnete Bescheidenheit: Usbekistan schränkt Hochzeitsfeiern ein</a></strong> </p>



<p class="wp-block-paragraph">Heute kann man die Toıhana in verschiedenen Formen und Größenordnungen in allen Regionen des Landes finden, auch im ländlichen Hinterland. In der geografisch isolierten Monostadt Jańatas oder dem Grenzdorf <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Qordai">Qordaı</a> mit jeweils 25.000 Einwohnern gibt es mehr als drei große Toıhanas. Im Stadtteilzentrum von <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sary%C3%B6sek">Sary<em>ó</em>zek</a> (12.000 Einwohner) gibt es 12 offiziell registrierte Restaurants, von denen sieben ausschließlich als Toıhanas betrieben werden. In einigen Fällen werden solche Festsäle von Grund auf neu gebaut, in anderen sind sie in ehemaligen sowjetischen Verwaltungs- und öffentlichen Gebäuden untergebracht. </p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Demonstrativer Konsum</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph"> Zu den Hauptakteuren im Toı-Gewerbe gehören auch der Tamada, Sänger, Musiker und Tanzgruppen, Fotografen und Videofilmer, Friseure &amp; Visagisten, der Textilhandel und Limousinenvermieter. Jede Art von Unternehmen bietet eine breite Palette von Zusatzangeboten. Eine Näherei spezialisiert sich beispielsweise nicht nur auf das Nähen und Vermieten von Frauenkleidern für die Braut, die Gäste und die Tänzerinnen, sondern auch auf die Anfertigung der gesamten Mitgift der Braut in Form von Decken, Kissen, Bettüberwürfen und vielem mehr. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Zu den Dienstleistungen von Fotografen gehören nicht nur die Foto- und Videodokumentation der gesamten Zeremonie, einschließlich „Lovestory“-Videos, sondern auch die Gestaltung und der Druck von einzigartigen Einladungen, Bannern, Luftballons mit Aufdrucken, Umschlägen für Geldgeschenke und Pappschachteln für Tee, Süßigkeiten und andere Geschenke für die Gäste. Limousinen können in der nächstgelegenen Großstadt (Shymkent, Taraz) gemietet werden, aber seit kurzem gibt es diese Möglichkeit auch in kleineren Städten. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Einige unserer Gesprächspartner aus der Region Jambyl gaben an, dass die Veranstalter von Toıs versuchen, sich von anderen zu unterscheiden und Neuerungen einzuführen, z. B. teure Geschenke für alle Gäste und für die Teilnahme an Wettbewerben, getrennte Geschenke für ältere Gäste und Kinder, ungewöhnliche Showelemente und Wow-Effekte. Die letzten Details werden oft mit den Besitzern der Toıhanas diskutiert. Im Allgemeinen hängen der Umfang der Feier, die Vielfalt der Geschenke für die Gäste und andere Annehmlichkeiten von dem gewählten Paket ab, das von einigen lokalen Geschäftsleuten als „VIP-Klasse“ oder „Economy-Klasse“ bezeichnet wird. Wohlhabendere Haushalte stoßen in den Verwaltungszentren Taldyqorǵan und Taraz an, während sich die angesehensten Bewohner der Region eine Toı in Almaty oder Shymkent leisten können. </p>


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<p class="wp-block-paragraph"> In marktwirtschaftlichen Verhältnissen beginnt man, Toıs als eine Praxis des demonstrativen Konsums wahrzunehmen. Charakteristisch dafür ist der gegenseitige Austausch von Geschenken und die Umwandlung von Geschenken in Geldform. Im ländlichen Kontext ist die Toı-Industrie kein blinder Traditionsglaube und kein Versuch, alte Bräuche wiederzubeleben. Schon gar nicht bedeutet sie – entgegen der öffentlichen Wahrnehmung – leichtsinnige Geldverschwendung. Im Gegenteil, sie ist ein Beispiel dafür, wie sich die Bewohner der Regionen an die weitreichenden wirtschaftlichen Veränderungen anpassen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Das erfolgreiche Funktionieren der Toı-Industrie erzählt uns viel über die schwierige Gegenwart, nämlich die chronische Arbeitslosigkeit außerhalb der urbanen Zentren, die unterentwickelte Infrastruktur und darüber, wie die einfachen Menschen vor Ort versuchen, in der harten Realität des Kapitalismus zu überleben, indem sie bei ihren täglichen Entscheidungen Rationalität und Kalkül an den Tag legen. </p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Dinara Abildinova und Zarina Adambýsinova
</strong><strong><a href="https://vlast.kz/jekonomika/53655-toj-kak-sposob-vyzivania-v-regionah.html">Vlast.kz</a></strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem Russischen von Florian Coppenrath</strong> </p>



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		<title>Infrastruktur in Zentralasien durch das Prisma der Anthropologie &#8211; ein Interview mit Agnieszka Joniak-Lüthi</title>
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		<pubDate>Tue, 24 Nov 2020 14:12:55 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die Anthropologin Agnieszka Joniak-L&#xFC;thi erforscht die Folgen von Infrastrukturprojekten in Zentralasien. Im Interview mit Central Asian Analytical Network spricht sie &#xFC;ber ihre Arbeit. Wir &#xFC;bersetzen den Artikel mit freundlicher Genehmigung der Redaktion. In Zentralasien werden der Start und die Durchf&#xFC;hrung von Infrastrukturprojekten als gro&#xDF;er Erfolg und Gemeinwohl interpretiert. Doch ist das auch in Wirklichkeit so? [&#x2026;]</p>
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<p class="wp-block-paragraph"><strong>Die Anthropologin Agnieszka Joniak-Lüthi erforscht die Folgen von Infrastrukturprojekten in Zentralasien. Im Interview mit </strong><a href="https://caa-network.org/archives/20437?fbclid=IwAR35J1B-Y9gmjt7ijTI0oiW0PoMBVxwgbT28AbStkNGxvlZtDXemm6GEXfU"><strong>Central Asian Analytical Network</strong></a><strong> spricht sie über ihre Arbeit. Wir übersetzen den Artikel mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">In Zentralasien werden der Start und die Durchführung von Infrastrukturprojekten als großer Erfolg und Gemeinwohl interpretiert. Doch ist das auch in Wirklichkeit so? Wie kann die Infrastruktur nicht nur den globalen, sondern auch den lokalen Kreislauf der Güter, des Kapitals, der Arbeit aber auch der politischen Interessen beeinflussen? Was erwarten die Menschen von der Infrastruktur und warum werden ihre Hoffnungen oft nicht erfüllt? Wie könnte man zu vorwiegend inklusiven, ökologischen, nachhaltigen, richtigen und gerechten Modellen des Infrastrukturaufbaus übergehen? Über die Perspektive anthropologischer Infrastrukturforschung, unter anderem zur Initiative <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/One_Belt%2C_One_Road">One Belt, One Road</a> berichtet in diesem Interview Professor <a href="https://www.isek.uzh.ch/en/anthropology/Staff/staff/J/agnieszkajoniakluethi.html">Agnieszka Joniak-Lüthi</a>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Agnieszka Joniak-Lüthi ist Professorin für Sozialanthropologie an der Universität Zürich und Leiterin des Projekts „ROADWORK: Anthropologie der Infrastruktur an der Chinas innerasiatischen Grenzen“. Joniak-Lüthi hat über vier Jahre in China studiert und geforscht und verfügt über hohe Regionalexpertise zu China. Sie hat ihre Forschung in den entwickelten süd-westlichen Provinzen begonnen und in den Megastädten wie Peking und Schanghai fortgesetzt. Im Jahr 2011 war sie in den trockenen nord-westlichen Regionen. In einer der letzten Studien hat sie die Verbindung von Verkehrsinfrastruktur einerseits und ökologischer Degradierung und den Prozessen staatliches Verwaltungsaufbaus andererseits untersucht.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>CAAN: Wann und aus welchen Gründen ist Infrastruktur für die Anthropologie Forschungsgegenstand geworden?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Joniak-Lüthi: Im Laufe ihrer Geschichte hat die Sozial- und Kulturanthropologie den Fokus auf die Forschung der Orte und Menschen gelegt, die sich sehr weit von der Umgebung des Ethnographen befinden. So sind Ethnographen verreist um die Sozialsysteme, Wirtschaft, Rituale und Religionen von den „Anderen“ zu entdecken. Die heimatliche Gemeinschaft der Ethnographen selbst war nicht ihr&nbsp; Forschungsgegenstand.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit der Entstehung von postkolonialen Studien, feministischen Ansätzen in der Anthropologie und allgemein mit der Entstehung des <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Poststrukturalismus">Poststrukturalismus</a> wurde der frühere Stand der Dinge in Frage gestellt. Auch die Methoden und Schwerpunkte der Forschungen wurden transformiert. Heutzutage forschen europäische Anthropologen zum Beispiel in ihren Gesellschaften, oft in der Stadtumgebung: Wie verhält sich die Regierung in der Öffentlichkeit, welche Rolle haben Rituale im Alltagsleben und wie sind die Menschen miteinander verbunden, zum Beispiel durch Verwandtschaft oder sonstiges.</p>


<p style="background-color: #d4d4d4;"><span style="color: #000000;">Novastan ist das einzige deutschsprachige Nachrichtenmagazin über Zentralasien. Wir arbeiten auf Vereinsgrundlage und <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/werde-unser-mitglied-werde-novastan/"><strong>Dank eurer Teilnahme</strong></a>. Wir sind <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/unser-projekt/">unabhängig</a> und wollen es bleiben, dafür brauchen wir euch! Durch jede noch so kleine <strong><a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/spenden/">Spende</a></strong> helft ihr uns, weiter ein realitätsnahes Bild von Zentralasien zu vermitteln.</span></p>



<p class="wp-block-paragraph">In den letzten 30 Jahren ist das Thema der transnationalen Arbeitsmigration eine der Hauptrichtungen der anthropologischen Forschung geworden. Dies hat Anthropologen angeregt hat, in die Länder zu fahren, um zu verstehen, unter welchen Lebensbedingungen zum Beispiel in den nordamerikanischen Städten arbeitende Servicekräfte aus Mexiko in ihrem Land gelebt haben oder um die Migranten zu verstehen, die in die Flüchtlingslager kommen. Einige von uns haben zentralasiatische Migranten begleitet, die zwischen Zentralasien und großen Städten Russlands unterwegs sind oder auch chinesische Arbeitskräfte, die zu Bauarbeiten nach Afrika fahren. Mit der zunehmenden Aufmerksamkeit für Mobilität, globale Netzwerke und globale Arbeitsmigration aber auch für die Technologien und Infrastruktur der Mobilität haben wir den Fokus auf diese Themen gelegt. Ein wichtiger Grund dafür war auch die Entwicklung des Internets – der größten globalen Infrastruktur, die unsere Kommunikationsarten, aber auch die Entstehung und Verbreitung von Wissen verändert hat.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Wie untersucht die Anthropologie Infrastruktur, der Straßen, Brücken und Wohnhäuser zugrunde liegen?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Anthropologen und andere Forscher aus den Sozialwissenschaften sind keine Konkurrenz für die Ingenieure, weil die technischen Seiten des Verkehrsbauwesens nicht Gegenstand unserer Untersuchungen sind. Wir führen keine Laboranalysen durch. Vielmehr setzen wir uns mit anderen Themen auseinander und machen eher einen Schritt zurück und konzentrieren uns auf Fragen wie: Braucht man eine Straße an diesem Ort? Wer hat Interesse am Bau der Straßen? Wer profitiert davon und auf welcher Weise? Warum träumen die einen von neuen Straßen, aber die anderen setzen sich gegen sie ein? Was erwarten die Menschen von der Infrastruktur und warum werden ihre Hoffnungen oft enttäuscht? Das sind Beispiele für Fragen, womit sich Anthropologen auseinandersetzen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Unseren Forschungen basieren weder auf statistischen Daten und staatlichen Prognosen noch auf den Prognosen, die von Investmentbanken oder Baufirmen vorbereitet wurden. Wir lernen einheimische Sprachen, packen unsere Koffer und fahren in diese Gegenden, um vor Ort zu leben und die Infrastruktur im Laufe einer langen Zeitspanne zu untersuchen und ihre soziale Komplexität zu verstehen. Wenn wir zum Beispiel Straßen untersuchen, sprechen wir darüber mit unterschiedlichen Personen – mit Politikern, Wirtschaftsleuten und Ingenieuren sowie mit Bauarbeitern, Autofahrern, Frauen und Männern, Reisende entlang dieser Straßen und Anwohner. Wir versuchen zu verstehen, was in der Wirklichkeit diese Straße ausmacht. Wen verbindet sie, wen schließt sie aus? Welche Möglichkeiten gibt sie und für wen? Welche Beziehungen werden dadurch aufgebaut und welche beendet?</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/von-nachbarschaften-und-chinesischen-financiers-transport-und-infrastrukturprojekte-im-ferganatal/">Von Nachbarschaften und chinesischen Financiers: Transport- und Infrastrukturprojekte im Ferganatal</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Infrastrukturprojekte sind meistens politisch. Von daher wird auch diese Seite untersucht. Nehmen wir zum Beispiel die Straßen, die von chinesischen Unternehmen für Pakistan in <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gilgit-Baltistan">Gilgit-Baltistan</a> gebaut werden, dessen Territorium zwischen Pakistan und Indien umstritten ist. Im Bereich des Straßenbaus gehen die Fragmentierung von Weiden, geopolitische Interessen und Immigration Hand in Hand mit den besten Möglichkeiten für die einen und der Ausbeutung der anderen. Die neue Straße ist selten nützlich für alle, die dies erhoffen. Nur wenige von denen, die kein Geld haben, profitieren davon.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Infrastruktur &#8211; das sind keine magischen Objekte, die mit Armut verbundene Probleme lösen. Sie bringt weder Demokratie noch Gleichstellung der Geschlechter. Das Asphaltieren und die Eröffnungszeremonie verhindern nicht automatisch Armut in den Regionen. Eher kann es umgekehrt so sein, dass die Regionen ausgebeutet werden, wenn dem keine Strategien und Handlungen entgegengesetzt werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Von daher haben einige Infrastrukturen Veränderungspotenzial. Ob diese Veränderungen wie erwünscht erfolgen, ist eine ganz andere Frage. Mithilfe unserer Forschungen hoffen wir neue Kenntnisse zu erhalten, um die Frage zu beantworten, wie es gelingt „bessere Straßen“ zu bauen, die sozial und wirtschaftlich nachhaltig werden. Aber auch, dass es manchmal besser ist, keine größeren und breiten Straßen zu bauen, etwa aus geopolitischen Gründen oder aus der Motivation, den CO2-Fußabdruck zu reduzieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Was ist der Grund, dass Forschungen zur Infrastruktur nicht nur in der Anthropologie, sondern auch in den anderen Sozialwissenschaften so populär geworden sind?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Wahrscheinlich, wegen der „unerwarteten“ Erfahrungen, die dadurch geschafft werden. Stellen Sie sich eine Brücke, ein Wohnhaus, eine Straße oder einen Deich vor – diese Objekte scheinen statisch und nicht sozial zu sein. Intuitiv könnten wir sagen, dass sie keinen Gegenstand der soziologischen Untersuchungen sein können. Aber wenn Sie sie genau beobachten, finden Sie enorme Perspektiven: Eine Straße oder ein Deich wird zu einem Schlüsselloch, wodurch Sie das reiche, soziale Universum entdecken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für den Anthropologen ist die Infrastrukturforschung wie das Öffnen der Kiste voller Überraschungen und Beziehungen, die uns in nicht vorhersagbare Richtungen führen. Sie untersuchen lokale Deutungen und Konflikte, die mit den Straßen verbunden sind, aber auch überregionale und nationale Folgen der Projekte, ihre Rollen für den Warenkreislauf, den Kapital, die Arbeit und politischen Interessen. Sie müssen sich zwischen vielen Skalen bewegen: lokal, überregional, national, global und wieder zurück.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan:</strong> <strong><a href="https://novastan.org/de/kirgistan/russland-engagiert-sich-fuer-eisenbahnkorridor-china-kirgistan-usbekistan/">Russland engagiert sich für Eisenbahnkorridor China – Kirgistan – Usbekistan</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Andererseits ist Infrastrukturforschung für die Zukunft von entscheidender Bedeutung. Während Ingenieure zu den Materialien und Technologien des Straßenbaus und Geologen zur Kenntnis des Geländes beitragen, teilen Anthropologen ihr Wissen über das tägliche Leben auf Straßen und ihre soziale und politische Komplexität. Wir untersuchen ihre ungeplanten und unerwarteten Folgen, ihre Rolle in nationalen Prognosen, im Kapitalismus und in der Geopolitik sowie ihre kulturellen Bedeutungen. Wir untersuchen, was Infrastruktur auf verschiedenen Ebenen und für verschiedene Akteure „tut“ und bedeutet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Infrastruktur ist kein neutrales materielles Objekt. Menschen projizieren auf die Straße ihre Erwartungen, Ängste, Träume, Enttäuschungen. Sie sehnen sich vielleicht nach guten Straßen oder haben Angst vor den Veränderungen, die die Straßen mit sich bringen – meistens beides gleichzeitig. In einem von mir geleiteten Projekt zeigen wir, dass Straßen keine unpolitischen Kies- oder Asphaltstreifen sind. Die mit Straßen auf der ganzen Welt verbundenen Belastungen beweisen dies. Menschen verbinden Straßen nicht nur mit Chancen, sondern auch mit der Ausbreitung kapitalistischer und geopolitischer Interessen, der Zersplitterung und Verseuchung von Agrar- und Weideland, der Ausbreitung von Krankheiten entlang, der Umsiedlung junger Menschen aus ländlichen Gebieten und dem Tod von Mensch und Tier. Ich glaube, dass dieses Wissen in die Ingenieurausbildung einfließen sollte, denn all diese Dinge beeinflussen das tägliche Leben auf den Straßen: wie die Menschen sie benutzen und ob sie ihnen etwas bedeuten.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Wie kann die Infrastrukturforschung das Leben von Menschen verändern und welche Auswirkungen könnte sie haben?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Welt der Sozialanthropologen ist nicht schwarz-weiß. Im Laufe unserer Forschung stoßen wir auf alle möglichen &#8222;Grauzonen&#8220;. Wir gehen in Bereiche, die von wissenschaftlicher Neugier getrieben werden, um die Dinge so zu verstehen, wie sie wirklich sind. Nicht so, wie sie in der Wirtschaft oder in Regierungsprogrammen sind, und nicht so, wie sie sein wollen. Wir sprechen mit Politikern, die von überteuerten Verträgen für den Bau von Straßen profitieren könnten, mit Ingenieuren, die die besten Straßen bauen wollen, aber oft Kompromisse eingehen müssen, und mit Menschen, die an den Straßen leben, wie zum Beispiel Viehzüchter, für die eine neue Schnellstraße ihre Weiden mit aus Autofenstern geworfenem Müll verschmutzt. Wir hören all die verschiedenen Stimmen und Interessen, die oft in Konflikt geraten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anthropologen, die sich mit Infrastruktur beschäftigen, sind nicht naiv: Wir gehen nicht davon aus, dass neue Infrastruktur automatisch für alle ein besseres Leben schafft. Vielmehr sind wir neugierig, kritisch und sachlich. Wir hören oft Prognosen, dass neue Straßen den Weg für lokale Güter öffnen werden, um größere und neue Märkte zu erschließen, was der lokalen Wirtschaft zugutekommen wird. Aber die Hersteller brauchen viel mehr als nur eine Straße, um ihre Produkte zu verkaufen &#8211; sie brauchen ein Vertriebsnetz, Geld zum Reisen, sie müssen auf diesem größeren Markt konkurrenzfähig sein, und sie brauchen Sprachkenntnisse. Studien zeigen, dass neue Straßen billigen Massengütern, die anderswo &#8211; zum Beispiel in chinesischen Fabriken &#8211; hergestellt werden, den Weg in die Dörfer in viel größerem Umfang öffnen können, als dass sie die lokale Produktion und Industrie fördern, vorausgesetzt, der Straßenbau wird nicht durch andere staatliche oder private Initiativen unterstützt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es wird oft behauptet, dass neue Straßen den Zugang zur Medizin erleichtern, zum Beispiel zu den Krankenhäusern. In einigen Fällen könnte es relevant sein. Allerdings gibt es Situationen, in denen der Bau eines neuen Krankenhauses in einem Dorf viel besser ist als eine Straße zur weit entfernten Stadt, wo die Patienten keine sozialen Netzwerke haben und wo sich Verwandte um sie nicht kümmern können. Im Rahmen der Initiative “One Belt, One Road“ nehmen die zentralasiatischen Länder große Kredite von China auf, um die Verkehrsinfrastruktur der jeweiligen Länder zu verbessern. Man muss jedoch beachten: Wenn so viel Geld aus dem Staatshaushalt für die Rückzahlung von Krediten ausgegeben wird, wird es an anderen Stellen fehlen, die mindestens ebenso relevant sein könnten, wie zum Beispiel Bildung oder die Förderung der heimischen Wirtschaft.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir teilen die Ergebnisse unserer Studien mit den Entwicklungsagenturen und Investitionsbanken und versuchen die Politiker durch unsere Publikationen zu beeinflussen. Darüber hinaus geben wir die Informationen den Ingenieuren weiter und führen öffentliche Vorlesungen durch, um unsere Sachkenntnisse mit der Gesellschaft zu teilen. Unser Hauptziel ist es, kritisches Wissen zu schaffen, welches dazu befähigen wird, einen Übergang zu den inklusiven, ökologisch nachhaltigen, richtigen und gerechten Modelle des Infrastrukturbaus zu schaffen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Wie hilft die Infrastruktur-Anthropologie helfen, die Transformationsprozesse in Zentralasien zu verstehen?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt eine Reihe von hervorragenden Studien zum Thema Infrastruktur in Zentralasien, die den postsozialistischen Übergang beeinflusst haben. Als Beispiele können wir “Border Work“ von Madeleine Reeves&nbsp; über Infrastruktur an den Grenzen nennen, oder aber „Azan on the moon“&nbsp; von Till Mostowlansky über den <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Pamir_Highway">Pamir-Highway</a> und&nbsp; <a href="https://www3.unifr.ch/geo/en/department/staff/prof/people/9236/8286a">Christine Bichsels</a> „Conflict transformation in Central Asia“ über die Irrigationsinfrastrukturen vor und nach 1991. Alle diese und andere Publikationen zeigen, wie der Zerfall der Sowjetunion, der Verzicht auf die Versorgung aus Moskau und die regelmäßige Wartung der Infrastruktur die Lebensbedingungen der Menschen und ihre Identität grundlegend verändert haben. Die Erforschung der Straßen in Zentralasien geben uns ein Verständnis davon, was die Menschen von der Infrastruktur erwarten, was sie brauchen und wovor sie Angst haben, wie sie sich die Rolle des Staates dabei vorstellen, mit welchen Orten sie verbunden werden möchten und zu welchen eher eine Distanz wahren möchten. Außerdem werden wir durch das Projekt erkennen, was die Menschen unter gerechter Entwicklung verstehen. Die Infrastrukturanthropologie zeigt auf, dass der Bau jeder großen Straße in Zentralasien ein Flickenteppich aus&nbsp; internationalen Auftragnehmern und aus verschiedenen Quellen stammenden Investitionskapital ist &#8211;&nbsp; ein hervorragendes Prisma, um dieses &#8222;Spiel&#8220; aus nächster Nähe zu erforschen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zentralasien hat ein enormes Potenzial im Bereich der Infrastrukturentwicklung. Deshalb gibt es ein Interesse von Seiten ausländischer Firmen und Investmentbanken. Wir sehen, dass China sein Projekt der Initiative „One Belt, One Road“ durchführt. Auch Russland, die Türkei, Saudi-Arabien, die Europäische Union, Australien und die USA sind daran interessiert, Infrastrukturverträge in Zentralasien abzuschließen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Wie hängen Infrastruktur, Staatlichkeit und Kolonialismus zusammen? Könnte man sagen, dass die Länder der Region ihren Straßenausbau kontrollieren oder immer noch als Transitgebiet für große Akteure dienen?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Straßen und Kolonialisierung sind eng miteinander verbunden, sei es in der Vergangenheit im kolonialen Indien oder Vietnam oder heute im Amazonasgebiet. Langfristige Abhängigkeiten sind jetzt im Prozess der Entstehung und es steht Vieles auf dem Spiel. Daher wäre es für die Länder der Region nützlich, die verschiedenen Vorschläge für Zusammenarbeit und Investitionen sowie die verschiedenen geopolitischen Einflüsse gründlich zu diskutieren und abzuwägen. Ich glaube nicht, dass die zentralasiatischen Länder nur als &#8222;Transitgebiet&#8220; betrachtet werden. Dafür ist ihr Infrastrukturpotenzial zu bedeutend. Ich hoffe jedoch sehr, dass die zentralasiatischen Staaten allmählich eine hartnäckige Haltung einnehmen und bessere Bedingungen für langfristige Kredite aushandeln werden. Darüber hinaus müsste unbedingt sichergestellt werden, dass diese Darlehen für Infrastrukturprojekte verwendet werden, die für die lokale Bevölkerung von Bedeutung sind, und dass sie mindestens ebenso viel wie ausländische Bauunternehmen profitieren.</p>


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<p class="wp-block-paragraph">Straßen und Identitätsprozesse sind eng miteinander verbunden &#8211; wir sehen dies zum Beispiel in Situationen, in denen Dorfbewohner sich dem Bau von Straßen widersetzen, weil er eine Verbindung zu Orten herstellen würde, mit denen sie nicht verbunden sein und nicht verbunden werden möchten. Straßen fördern auch die innere Migration, und einige Menschen befürchten vielleicht, dass dies ihre Identität und ihre Welt in einer Weise verändern, die es ihnen in dem Fall schwer macht, sich zurechtzufinden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für Zentralasien ist dies genau das, worüber wir in diesem Projekt sprechen. Diese Fragen bilden unter anderem die Grundlage unserer Studie. Da unser Team erst vor einem Jahr mit der Arbeit an diesen Fragen begonnen hat, wird es einige Zeit dauern, bis wir die Ergebnisse unserer Forschung formulieren und validieren können. Wir freuen uns, in Zukunft mit neuen Ergebnissen auf Ihre Plattform zurückzukehren. In der Zwischenzeit laden wir alle Interessierten ein, unsere Projektwebsite roadworkasia.com zu besuchen, um unsere Arbeit zu beobachten und nützliche Links zu Veröffentlichungen, Blogs und Forschungsprojekten zur Initiative „One Belt, One Road“ und zur Infrastruktur in Zentralasien zu finden.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Erzählen Sie bitte über das Projekt „Roadwork: Anthropologie der Infrastruktur an Chinas innerasiatischen Grenzen“.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Projekt wird von Schweizer Nationalfonds zur Förderung der Wissenschaftlichen Forschung finanziert und konzentriert sich auf einige zentrale Straßen- und Eisenbahnverbindungen, die oder bereits gebaut wurden oder an denen noch gebaut wird. Sie befinden sich in Nordchina, Kirgistan, Kasachstan, Tadschikistan, Pakistan, Nepal und Laos. Wir interessieren uns dafür wie sich die Infrastrukturinvestitionen im Rahmen des Projekts “One Belt, One Road“ in Chinas Nachbarländern auswirken. Wir folgen dem chinesischen Kapital und beobachten, wie und welche Infrastrukturprojekte mithilfe diesen entwickelt werden, wofür diese Infrastrukturen förderlich sind und was sie erschweren, wie sie lokale Territorien dadurch verändern. Das ist nur ein Teil. Unser Ziel ist es, die &#8222;One Belt, One Road&#8220;-Initiative nicht aus der Vogelperspektive zu untersuchen, das heißt durch laute Slogans und Prognosen, sondern durch die Position eines Frosches von unten nach oben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das zweite Ziel des Projekts ist es, nicht auf den Prozess des Ausbaus zu akzentuieren, sondern auf der Zerstörung und Instandhaltung der Infrastruktur. Eröffnungszeremonien sind öffentliche Momente, die das Interesse der Massenmedien erregen, die dann Bilder von lächelnden Politikern zeigen, die Hände von Investoren und stolzen Ingenieuren schütteln. Unser Ziel ist zu erforschen, was danach passiert &#8211; wenn das „Leben“ der neuen Straßen- und Eisenbahnverbindungen beginnt und die geplanten und nicht geplanten Folgen sichtbar werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/wohin-fuehrt-die-neue-seidenstrasse-ueber-die-chancen-und-risiken-von-one-belt-one-road/">Wohin führt die Neue Seidenstraße? Über die Chancen und Risiken von „One Belt, One Road“</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein paar Beispiele: Die Wissenschaftler im Team untersuchen zum Beispiel die Frage, wie die Autobahnen in den Weidengebieten von Nordchina der Viehzucht und die saisonale Migration von Wildtieren beeinflussen. Eine andere Wissenschaftlerin untersucht, wie sich der Bau einer neuen Schnellstraße zwischen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Korgas">Qorģas</a> und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Almaty">Almaty</a> auf die&nbsp; Wirtschaft am Straßenrand auswirkt, auf Straßenreparaturwerkstätten, Restaurants, Herbergen entlang der alten Straße, die durch eine Reihe von Dörfern und Städten führt und vielen ein verlässliches Einkommen verschafft. Noch ein andere Forscherin untersucht, wie der Bau einer neuen &#8222;alternativen Straße&#8220;, die Nord- und Südkirgistan verbinden soll, die Konzepte von Zugehörigkeit und lokaler Identität verändert, welche Bedenken und Hoffnungen sie weckt und wie sie sich auf die lokale Wirtschaft und Regierungsführung auswirkt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was das ganze Projekt zusammenführt ist die Aufgeschlossenheit und Neugier. Wir haben uns vorgenommen, die große Initiative „One Belt, One Road“ zu analysieren. In jedem Land erzeugt das chinesische staatliche Kapital einen anderen Effekt, wird anders wahrgenommen und auch mit den unterschiedlichen kulturellen und politischen Bedeutungen assoziiert. Für ethnographische Untersuchungen solcher großen Initiativen wie „One Belt, One Road“ sind kollektive Anstrengungen notwendig. Wir hören einander zu, besprechen unsere Studienergebnisse, versuchen zusammen die Prozesse zu verstehen, die wir beobachten und dann veröffentlichen und halten Vorträge sowohl für akademische als auch für nichtakademische Zuhörer, um unser Wissen so weit wie möglich zu verbreiten.</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Zarina Urmangabetova für </strong><a href="https://caa-network.org/archives/20437?fbclid=IwAR35J1B-Y9gmjt7ijTI0oiW0PoMBVxwgbT28AbStkNGxvlZtDXemm6GEXfU"><strong>Central Asian Analytical Network</strong></a></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem Russischen von Kunduz Zhyrgalbekova</strong></p>


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<p class="wp-block-paragraph"></p>
<p>The post <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/infrastruktur-in-zentralasien-durch-das-prisma-der-anthropologie-ein-interview-mit-agnieszka-joniak-luethi/">Infrastruktur in Zentralasien durch das Prisma der Anthropologie &#8211; ein Interview mit Agnieszka Joniak-Lüthi</a> appeared first on <a href="https://novastan.org/de">Novastan Deutsch</a>.</p>
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