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	<title>Ala kachuu Archives</title>
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	<description>Wissenswertes und Nachrichten aus Kirgistan, Tadschikistan, Usbekistan, Kasachstan und Turkmenistan</description>
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	<title>Ala kachuu Archives</title>
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		<title>„Mit 17 Jahren zwei Fehlgeburten und eine Scheidung“: Wie frühe Heirat das Leben von Mädchen in Zentralasien zerstören kann</title>
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		<pubDate>Wed, 09 Jul 2025 18:38:55 +0000</pubDate>
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<p class="wp-block-paragraph">Vor zwei Jahren hat Nigora aufgehört, zur Schule zu gehen. Weil sie verheiratet wurde. Sie war 17 Jahre alt. Ähnlich sieht das Schicksal Tausender Mädchen in Zentralasien aus: Anstelle von Schulprüfungen erwartet sie „Nikah“ (religiöse Trauung), anstelle einer höheren und manchmal sogar mittleren Bildung schwere Hausarbeit. Ihre Familien begründen die frühe Verheiratung ihrer Töchter mit dem Wunsch, Traditionen zu wahren und die „Ehre“ zu bewahren. Sehr oft verbergen sich dahinter zerbrochene Schicksale und sogar Menschenrechtsverletzungen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Sie haben mich verheiratet. Und sie haben mich nichts gefragt.“</em> &#8211; Die zierliche Nigora, die wie ein Teenager aussieht, ist jetzt 19 Jahre alt. Sie ist bereits geschieden und lebt wieder im Haus ihrer Eltern. In demselben Zimmer, in dem sie einst davon träumte, Ärztin zu werden. Nigora sagt, man erinnere sie hier oft daran, dass sie überflüssig sei.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Ich bin die Älteste in der Familie. Meine Mutter starb, als ich 15 war. Es war noch kein Jahr vergangen, da begann mein Vater mit Verwandten über meine Heirat zu sprechen. Sie sagten, es sei besser, mich früh zu verheiraten, bevor „Probleme“ aufträten“</em>, erinnert sich Nigora.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bald stellte sich heraus, dass sie mit einem entfernten Verwandten ihres Vaters, dem 25-jährigen Komil, verheiratet werden sollte. Der arbeietete auf einer Baustelle in Russland. Niemand fragte Nigora nach ihrer Zustimmung.</p>



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<p class="wp-block-paragraph"><em>„Damals war ich gerade 17 geworden und hatte die 10. Klasse abgeschlossen. Komil kam aus Russland zurück und das war&#8217;s, sie haben mich verheiratet. Sie haben mich nicht gefragt. Es gab keine Hochzeit, nur eine bescheidene Nikah-Zeremonie und ein paar Gäste“</em>, erzählt sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Leben im Haus ihres Mannes, mit seinen Eltern, Brüdern und Schwägerinnen, war gefüllt mit schwerer Arbeit: <em>„Früh morgens fegte ich den Hof, melkte die Kuh, säuberte den Stall, buk Fladenbrot und bereitete das Frühstück für alle zu. Wäsche waschen, Geschirr spülen, dann Mittagessen, dann Abendessen. Und so jeden Tag. Ich hatte keine Minute Ruhe. Als ich schwanger wurde, fuhr mein Mann wieder nach Russland. Einmal versuchte meine Schwägerin zu helfen, aber meine Schwiegermutter wies sie sofort zurecht: „Wozu ist die Schwiegertochter im Haus?“ Ich war moralisch und körperlich erschöpft. Bald darauf kam es zu einer Fehlgeburt.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Einige Monate vergingen, Komil kam zurück und Nigora wurde wieder schwanger. Sie hatte eine zweite Fehlgeburt. Die Verwandten meines Mannes beschuldigten sie, dass sie <em>„keine Kinder bekommen kann“</em>, und bestanden auf einer Scheidung. Komil sprach dreimal das Wort „Talak“ aus, was in der muslimischen Tradition die Auflösung der Ehe bedeutet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nigora kehrte in das Haus ihres Vaters zurück. <em>„Ich fühle mich von niemandem gebraucht. Ich habe keine Ausbildung, kein Geld und weiß nicht, wie weiter“</em>, sagt sie.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Von Brautraub und Frühehe</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Asel (Name geändert), eine 17-jährige junge Frau aus der Region <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Dschalal-Abad">Dschalal-Abad</a> in Kirgistan, erinnert sich noch immer mit Bitterkeit an den Tag, der ihr Leben auf den Kopf stellte. Sie war 16 Jahre alt, ging in die 9. Klasse und plante, sich an einer Kunsthochschule zu bewerben.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Ilschat ist neun Jahre älter als ich. Er schrieb mir, rief mich an, wir unterhielten uns ein wenig. Und dann kam er eines Tages mit Freunden vorbei, als ich zum Laden ging, und entführte mich einfach. Er brachte mich nach Hause, wo seine Verwandten bereits auf mich warteten. Am nächsten Tag riefen sie meine Eltern an, die kamen, mich aber nicht mitnahmen. Sie sagten, ich sei nun Ilschats Frau, das sei eine kirgisische Tradition [genannt „Ala Katschuu“, Entführung von Mädchen zum Zweck der Zwangsheirat, Anm. d. Red.]. Mein Vater hatte seinerzeit meine Mutter auf die gleiche Weise geheiratet. Es wurde eine religiöse Trauung abgehalten, und meine Eltern fuhren wieder weg“</em>, erzählt Asel.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So wurde Asel eine „Kelin“ [junge Schwiegertochter in den Ländern Zentralasiens, Anm. d. Red.]. Sie musste die Schule abbrechen und ihre Träume von einer Karriere als Künstlerin begraben.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Ich liebe es zu malen. Das war mein Ein und Alles. Jetzt weiß ich gar nicht mehr, wann ich das letzte Mal einen Pinsel in der Hand hatte. Ich möchte meine Gefühle zum Ausdruck bringen, aber mir fehlt die Zeit und die Kraft dazu“</em>, meint sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vor kurzem kam ihr Kind als Frühgeburt zur Welt: <em>„Wegen des Stresses habe ich keine Milch. Das Geld reicht gerade mal für Babynahrung. Mein Mann ist derzeit arbeitslos, wir leben bei seinen Eltern. Manchmal helfen mir meine Verwandten.“</em> Auf Fragen zu ihrer Beziehung zu ihrem Mann wollte sie nicht antworten.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Gesetzeslücken bei der Legalisierung früher Ehen</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Nach Angaben der internationalen Menschenrechtsorganisation Equality Now machen Frühehen beziehungsweise &#8222;Kinderehen&#8220; (von Personen unter 18 Jahren geschlossen) in Kirgistan etwa 13 Prozent aller Ehen aus. In Tadschikistan sind es 9 Prozent und in Usbekistan 3,4 Prozent, in den konservativeren Regionen des Landes jedoch bis zu 11 Prozent.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Darjana Grjasnowa, Rechtsberaterin bei Equality Now und Mitautorin des Berichts „Barrieren überwinden: Die Lösung des Problems der Kinder-, Früh- und Zwangsehen in Eurasien“, erklärt, dass es für die Legalisierung solcher Ehen Gesetzeslücken gibt. <em>„Die Gesetze Kirgistans, Tadschikistans und Usbekistans erlauben es, das Heiratsalter auf 17 Jahre zu senken. Dies steht in direktem Widerspruch zu internationalen Standards, vor allem zur Konvention über die Rechte des Kindes und den Empfehlungen des Ausschusses für die Beseitigung der Diskriminierung der Frau“</em>, so Grjasnowa.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In Tadschikistan erfolgt die Herabsetzung des Heiratsalters laut der Genderforscherin und nationalen Expertin Diana Ismailowa meist mit Zustimmung des Gerichts. Eine Analyse der Rechtsprechung aus den Jahren 2017 bis 2018, die über 500 Fälle umfasst, ergab, dass Richter in 82 Prozent der Fälle ihre Entscheidung mit der schwierigen finanziellen Lage der Familie des Mädchens begründeten. In fast der Hälfte der Fälle wurde <em>„die gegenseitige Liebe des Paares“</em> als Grund angegeben.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/usbekistan/gebunden-durch-tradition-das-stille-leiden-der-schwiegertoechter-in-usbekistan/">Gebunden durch Tradition: Das stille Leiden der Schwiegertöchter in Usbekistan</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Laut Ismailowa gab es auch <em>„absurde Begründungen”</em>: <em>„Es gab Fälle, in denen Gerichte eine Entscheidung nur deshalb trafen, weil die Kosten für die Hochzeit bereits angefallen waren und im Standesamt plötzlich festgestellt wurde, dass die Braut noch nicht 18 Jahre alt war. Solche Fälle machen nur 3 Prozent aus, aber allein die Tatsache, dass es sie gibt, sagt viel über die Herangehensweise aus”</em>, schildert Ismailowa.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie betont, dass geschlechtsspezifische Aspekte in der Praxis der Gerichte praktisch nicht berücksichtigt werden: <em>„Die Gerichte achten selten auf die Rechte der Heiratswilligen, insbesondere der Mädchen – wie die Freiwilligkeit der Ehe, die Interessen des Kindes, die Möglichkeit, selbstständig Entscheidungen zu treffen.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Juristin und Menschenrechtsaktivistin Larisa Aleksandrowa aus Tadschikistan verweist auf die offiziellen Daten zu registrierten Frühehen in diesem Land in den vergangenen Jahren – zwischen 0,8 und 1,02 Prozent.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Auf den ersten Blick scheinen die Zahlen gering zu sein und die Situation stabil. Aber das ist eine Illusion. Hinter den trockenen statistischen Daten verbirgt sich ein weitaus beunruhigenderes Bild – die Verbreitung informeller Ehen, die nach religiösen Bräuchen ohne staatliche Registrierung geschlossen werden“</em>, betont Aleksandrowa.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Obwohl &#8222;Nikah&#8220; keine Rechtskraft habe, beginne eine Vielzahl von frühen, erzwungenen und polygamen Verbindungen mit ihr.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Das Gesetz „Über die Regelung von Feierlichkeiten und Zeremonien“ regelt nur den Ablauf der Trauung, die maximale Anzahl der Gäste bei der Hochzeit und die Dauer der Hochzeit selbst, verlangt aber nicht, dass der Mullah von den Brautleuten eine Heiratsurkunde verlangt, bevor er die Nikah-Zeremonie durchführen darf. Und es ist keine Verantwortung des Mullahs vorgesehen, dass er die Nikah-Zeremonie mit Minderjährigen ohne Überprüfung der offiziellen Dokumente durchführen kann“</em>, sagt die Juristin.</p>



<h2 class="wp-block-heading">&#8222;Ein Teufelskreis der Angst, Isolation und Gewalt&#8220;</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt viele Gründe, warum Familien weiterhin nicht volljährige Mädchen verheiraten. Wie Darjana Grjasnowa erklärt, ist wirtschaftliche Instabilität nach wie vor einer der Hauptgründe. Angesichts finanzieller Probleme sehen Familien eine frühe Heirat manchmal als Möglichkeit, die Belastung durch ein weiteres Familienmitglied zu verringern, Kosten zu senken, sogar ihren sozialen Status durch eine „gute Partie“ oder ihre finanzielle Situation durch eine Mitgift zu verbessern.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Besonders gefährdet sind Mädchen. Der fehlende Zugang zu Bildung beraubt sie ihrer Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung und erhöht das Risiko einer frühen Heirat. Dies führt zu einem Teufelskreis: Der Mangel an Bildung schränkt die Fähigkeit der Mädchen ein, für ihre Rechte einzutreten, verstärkt ihre Abhängigkeit von familiären und sozialen Erwartungen und macht eine frühe Heirat zu einem wahrscheinlichsten Ausgang“</em>, sagt sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es geht nicht nur um Geld; die Beweggründe von Familien seien oft tiefgreifender und widersprüchlicher. Laut Gulnora Beknasarowa, Direktorin des Zentrums für soziologische Forschung „Serkalo“ in Duschanbe, sind an solchen Entscheidungen selten nur die Eltern beteiligt: Es handelt sich um eine kollektive Diskussion, bei der Großeltern, Tanten, Onkel und sogar Nachbarn mitreden. Alles wird berücksichtigt: der Status der Familie, die Meinungen der Umgebung, die unausgesprochenen Erwartungen der Gemeinschaft, der Druck der „sozialen Uhr“ – die Überzeugung, dass man „rechtzeitig“ heiraten muss, sonst ist der Ruf gefährdet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und weiter meint Beknasarowa: <em>&#8222;Eltern fürchten die Verurteilung, wenn ihre Tochter unverheiratet bleibt. In der Gesellschaft kann man hören: „Sie ist schon 20 – sie ist alt.“ Das ist ein schreckliches Stigma, und obwohl es nicht immer laut ausgesprochen wird, beeinflusst es weiterhin das Schicksal der Menschen. In einer traditionellen Gesellschaft sind Normen und Bräuche oft wichtiger als Logik. Es werden keine kausalen Zusammenhänge zwischen einer frühen Heirat und beispielsweise einer Beeinträchtigung der reproduktiven Gesundheit, mangelnder Bildung oder der Unfähigkeit, sich im Falle einer Scheidung selbst zu versorgen, hergestellt. Es ist einfach so üblich, so „muss es sein.“&#8220;</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/tadschikistan/geschichte-zwei-wie-schwangere-frauen-in-tadschikistan-diskriminiert-werden/">Wie schwangere Frauen in Tadschikistan diskriminiert werden</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Menschenrechtsaktivistin Larisa Aleksandrowa weist darauf hin, dass frühe Ehen oft als Mittel eingesetzt werden, um Mädchen zu einem erwarteten Verhalten zu „zwingen”: <em>„Die Eltern befürchten, dass ihre Tochter „vom rechten Weg abkommt“ und die Familie in Verruf bringt – insbesondere in ländlichen Gebieten, wo das Risiko einer außerehelichen Schwangerschaft als direkte Bedrohung der Familienehre angesehen wird. Unter solchen Umständen wird eine frühe Heirat als „Schutzmaßnahme“ dargestellt, obwohl sie in Wirklichkeit die Freiheit und Rechte des Mädchens einschränkt.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch der emotionale Faktor spielt eine Rolle, insbesondere bei älteren Familienmitgliedern. Wie Aleksandrowa sagt, ist der Wunsch, die Enkelin noch zu Lebzeiten zu verheiraten, manchmal ausschlaggebend: <em>„Für viele Großeltern ist die Hochzeit ein Symbol für die Erfüllung ihrer Lebensaufgabe. Das Mädchen ist vielleicht noch nicht bereit, aber die Meinung der Älteren ist wichtiger als ihr eigener Wunsch.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Unabhängig von den Motiven – wirtschaftlichen, kulturellen oder persönlichen – bleibt eine frühe und erzwungene Heirat eine Form geschlechtsspezifischer Gewalt. Sie nimmt Mädchen das Recht auf Selbstbestimmung, körperliche Autonomie und die Freiheit, sie selbst zu sein, sagt Darja Grjasnowa: <em>„Für viele ist dies nicht der Beginn eines neuen Lebens, sondern der Eintritt in einen Teufelskreis der Angst, Isolation und Gewalt, aus dem es sehr schwer ist, wieder herauszukommen.“</em></p>



<h2 class="wp-block-heading">Frühe Heirat: eine Gefahr für Gesundheit, Psyche und Zukunft</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Mädchen, die in jungen Jahren heiraten, sehen sich oft mit schwerwiegenden körperlichen Folgen konfrontiert, die mit der Unreife ihres Körpers für eine Schwangerschaft zusammenhängen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit diesen Problemen ist Tahmina Saidowa täglich konfrontiert – sie ist Gynäkologin und Leiterin der gemeinnützigen Stiftung „Öffentliche Gesundheit und Menschenrechte“ in Duschanbe.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Der Zusammenhang zwischen frühen Ehen, frühen Schwangerschaften und schweren medizinischen Komplikationen ist unbestreitbar und gibt der medizinischen Fachwelt Anlass zu großer Sorge“</em>, sagt sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihr zufolge haben Mädchen im Alter von 15 bis 19 Jahren ein doppelt so hohes Risiko, während der Schwangerschaft oder Geburt zu sterben, als Frauen über 20 Jahren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Gründe dafür können vielfältig sein – starke Blutungen, Infektionen, Komplikationen nach unsicheren Abtreibungen. Der Körper einer Teenagerin ist nicht immer gänzlich bereit für eine Geburt: Beispielsweise kann es aufgrund eines schmalen Beckens zu einer schweren Geburt kommen, die oft mit Verletzungen, Behinderungen oder sogar dem Tod der Mutter und des Kindes endet. In einigen Fällen bleiben die Folgen ein Leben lang bestehen – von Rissen bis hin zur Bildung von Fisteln, die nicht nur die Gesundheit beeinträchtigen, sondern dem Mädchen auch ein normales Leben unmöglich machen“, schildert Saidowa.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei jungen Frauen unter 20 kommen häufiger Frühgeborene und untergewichtige Babys zur Welt, was ebenfalls das Risiko der Säuglingssterblichkeit erhöht.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/miss-world-2025-vertreterin-kirgistans-prangert-gewalt-gegen-frauen-an/">Miss World 2025: Vertreterin Kirgistans prangert Gewalt gegen Frauen an</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Nicht weniger verheerend sind die Auswirkungen früher Ehen auf die Psyche. <em>„Frühehen gehen oft mit Gewalt, Isolation und dem Verlust des Zugangs zu Bildung einher. All dies kann zu Depressionen, Angststörungen und sogar zu posttraumatischem Stress führen“</em>, sagt die Ärztin.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch die Gefahr von Infektionen muss gesondert erwähnt werden. <em>„Aufgrund fehlender Sexualaufklärung und mangelnden Zugangs zu Verhütungsmitteln können sich junge Mädchen nicht vor HIV und anderen sexuell übertragbaren Infektionen schützen. Meistens haben sie keine Möglichkeit, auf ungeschützten Sex zu verzichten oder rechtzeitig medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen“</em>, betont Tahmina Saidowa.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Laut der Menschenrechtsaktivistin Diana Ismailowa ist eine weitere schmerzhafte Folge der Frühehe die vollständige wirtschaftliche Abhängigkeit der Mädchen.<em> „In der Regel haben sie keine Zeit, einen Beruf zu erlernen und die für den Eintritt in den Arbeitsmarkt erforderlichen Fähigkeiten zu erwerben. Die Ausbildung wird aufgeschoben und findet oft gar nicht statt. Was passiert, wenn diese Verbindung zerbricht? Die Frau ist dann schutzlos“</em>, sagt die Expertin.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Wie kann die Praxis der Frühehen gestoppt werden?</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Laut Suhaili Kodiri, Leiter der Abteilung für den staatlichen Schutz der Rechte von Kindern im Büro des Ombudsmanns in Tadschikistan, werden derzeit konkrete Schritte zur Bekämpfung von Frühehen unternommen: Es wird diskutiert, die Norm aus dem Familiengesetzbuch zu streichen, die eine Senkung des Heiratsalters auf 17 Jahre erlaubt.<em> „Viele staatliche Stellen haben diese Initiative bereits unterstützt“</em>, betont er.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In Kirgistan wurde im Mai dieses Jahres ein Entwurf für ein neues Familiengesetzbuch <a href="https://24.kg/obschestvo/329082_proekt_novogo_semeynogo_kodeksa_vkr_isklyuchaet_rannie_braki/">ausgearbeitet</a>, das Ehen unter 18 Jahren vollständig verbietet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Allerdings reichen legislative und strafrechtliche Maßnahmen allein nicht aus, betont Darjana Grjasnowa, Rechtsberaterin bei der Organisation Equality Now. Ihrer Meinung nach liegen die Wurzeln des Problems tiefer: <em>„Die Praxis der Frühehen entsteht auf dem Boden von Geschlechterdiskriminierung, Armut und gesellschaftlichem Druck. Es handelt sich nicht nur um eine rechtliche, sondern auch um eine kulturelle und soziale Frage.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Deshalb müsse man an mehreren Fronten dagegen vorgehen: die Gesetzgebung verschärfen und streng anwenden, Familien und Jugendliche über die Risiken einer frühen Heirat aufklären, die wirtschaftlichen Möglichkeiten für Mädchen und ihre Familien erweitern, den Betroffenen umfassende Hilfe leisten und vor allem die Gemeinschaften aktiv in die Neudefinition von Normen und Traditionen einbeziehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diana Ismailowa, nationale Gender-Expertin aus Duschanbe, betont, dass dies nicht nur eine Angelegenheit für Gerichte oder Standesämter ist.<em> „Der Kampf gegen Frühehen betrifft alle: von Ministerien bis hin zu lokalen Meinungsführenden. Stellen Sie sich vor, im Abendprogramm würden im Fernsehen reale Geschichten von Mädchen gezeigt, die unter einer frühen Heirat gelitten haben. Die Medien prägen das Denken von Millionen“</em>, sagt sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/mit-15-verheiratet-und-schwanger-kinderbraute-aus-kirgistan-erzahlen-ihre-geschichten/">Mit 15 verheiratet und schwanger – Kinderbräute aus Kirgistan erzählen ihre Geschichten</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Expertin schlägt sogar vor, das Verteidigungsministerium einzuschalten. <em>„Jungs heiraten oft schnell nach ihrem Militärdienst. Warum sollte man ihnen dort, bevor sie in ihr Heimatdorf zurückkehren, nicht Kurse über Familienkompetenz und die Rechte von Männern und Frauen anbieten? Das könnte die Grundlage für gesunde Beziehungen und verantwortungsvolle Entscheidungen schaffen“</em>, meint sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die 19-jährige Nigora aus Duschanbe, die zwei Fehlgeburten und eine Scheidung hinter sich hat, spricht das Problem ganz einfach an: <em>„Lernt, träumt. Beeilt euch nicht. Heiratet nur, wenn ihr es selbst wollt und bereit dafür seid. Es ist euer Leben. Und es sollte mit eurer Zustimmung beginnen.“</em></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Nargiz Chamrabajewa für Radio Azattyk</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem <a href="https://rus.azattyq.org/a/v-17-dva-vykidysha-i-razvod-kak-rannie-braki-lomayut-sudby-devochek-v-tsentralnoy-azii/33461019.html">Russische</a><a href="https://fergana.news/articles/138365/">n</a> von Michèle Häfliger</strong></p>



<p class="has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/">Linkedin</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</strong></em></p>
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		<title>I am Jamilia</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Die Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 29 Apr 2020 09:34:58 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Bild des Tages]]></category>
		<category><![CDATA[Ala kachuu]]></category>
		<category><![CDATA[Brautraub]]></category>
		<category><![CDATA[Irina Unruh]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>&#x201E;Ich denke, mein Leben mit meinem Mann war gl&#xFC;cklich. Aber am Anfang war es schwierig. Eine neue Familie, ein neues Leben, als er mich entf&#xFC;hrte, aber es war unsere Tradition. Wenn ein Mann eine Frau mochte, entf&#xFC;hrte er sie.&#x201C; Irina Unruh portr&#xE4;tiert Frauen in Kirgistan, deren Leben durch die als Brautraub bekannten Praxis des Ala-Kachuu [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>„Ich denke, mein Leben mit meinem Mann war glücklich. Aber am Anfang war es schwierig. Eine neue Familie, ein neues Leben, als er mich entführte, aber es war unsere Tradition. Wenn ein Mann eine Frau mochte, entführte er sie.&#8220; Irina Unruh porträtiert Frauen in Kirgistan, deren Leben durch die als Brautraub bekannten Praxis des <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ala_Kachuu">Ala-Kachuu</a> in oft jungen Jahren eine radikale, teils schmerzhafte Veränderung bedeutete.</p>
<p><strong>Foto: Irina Unruh (Deutschland)</strong></p>
<p>Dieses Foto ist Teil unserer Reihe <a href="https://novastan.org/de/tag/zentralasien-durch-die-linse-von/">„Zentralasien durch die Linse von…“ </a>um mehr über Irina Unruh und ihre Arbeit zu erfahren, klicke <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/zentralasien-durch-die-linse-von-irina-unruh/">hier</a>.</p>
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		<title>I am Jamilia</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Veronika Haluch]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 26 Apr 2020 02:34:23 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Bild des Tages]]></category>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>&#8222;Ich bin gegen Ala Kachuu. Das erste Mal wurde ich auch entführt und musste dort bleiben, weil ich Angst vor den älteren hatte. Aber das zweite Mal, als ich entführt wurde, wurde ich in eine sehr abgelegene Gegend gebracht. Ich weigerte mich jedoch, dort zu bleiben und kehrte zurück. Ich kannte ihn überhaupt nicht und selbst ich habe ihn vorher nicht gesehen. Wie könnte ich dort bleiben? Also kehrte ich nach Hause zurück. Ala Kachuu zerstört das Leben vieler junger Mädchen. Viele leiden darunter, weil ich unter meinen Entführungen gelitten habe. Nach der zweiten Entführung wurde ich desillusioniert. Ich hoffe, dass diese kirgisische Tradition der Brautentführung bald verblasst.”</p>
<p><strong>Foto: Irina Unruh (Deutschland)</strong></p>
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		<title>Zentralasien durch die Linse von… Irina Unruh</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Veronika Haluch]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 26 Apr 2020 02:30:43 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kirgistan]]></category>
		<category><![CDATA[Ala kachuu]]></category>
		<category><![CDATA[Brautraub]]></category>
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		<category><![CDATA[Frauenrechte]]></category>
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		<category><![CDATA[Irina Unruh]]></category>
		<category><![CDATA[Porträt]]></category>
		<category><![CDATA[Zentralasien durch die Linse von...]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Mit &#x201E;Zentralasien durch die Linse von&#x2026;&#x201C; pr&#xE4;sentiert Novastan zentralasiatische Fotografinnen und Fotografen und ihre Arbeit. Die in Kirgistan geborene Fotografin Irina Unruh kam als Kind mit ihrer Familie nach Deutschland, wo sie bis heute lebt. Obwohl sie sich immer f&#xFC;r Fotografie interessiert hat, entschied sie sich erst sp&#xE4;t, sie zu ihrem Ausdrucksmittel zu machen. Mittlerweile [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify"><b>Mit &#8222;Zentralasien durch die Linse von&#8230;&#8220; präsentiert Novastan zentralasiatische Fotografinnen und Fotografen und ihre Arbeit.</b></p>
<p style="text-align: justify"><b>Die in Kirgistan geborene Fotografin Irina Unruh kam als Kind mit ihrer Familie nach Deutschland, wo sie bis heute lebt. Obwohl sie sich immer für Fotografie interessiert hat, entschied sie sich erst spät, sie zu ihrem Ausdrucksmittel zu machen. Mittlerweile arbeitet sie, inspiriert von den vielen Begegnungen weltweit, die sie im Laufe ihres Lebens als Lehrerin machte, auch als freiberufliche Fotografin.  Irina widmet sich in ihrer Arbeit ihren Wurzeln und den Geschichten von Frauen und Mädchen in Kirgistan. </b><b>Im Interview erzählt sie, wie ihre eigene Geschichte ihr Werk beeinflusst.</b></p>
<p style="text-align: justify"><b>Name: </b>Irina Unruh</p>
<p style="text-align: justify"><b>Alter: </b>41</p>
<p style="text-align: justify"><b>Heimatstadt und -Land: </b>Warendorf, Deutschland</p>
<p style="text-align: justify"><b>Nationalität und Staatsangehörigkeit</b>: Deutsch</p>
<p style="text-align: justify"><b>Novastan: Warum hast du die Fotografie als dein Ausdrucksmittel gewählt?</b></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Irina Unruh:</strong> Ich komme ursprünglich aus Kirgistan, geboren 1979 in einer deutschen Familie in einem kleinen deutschen Dorf namens Telman, nicht weit von der heutigen Hauptstadt Bischkek entfernt. Im Alter von neun Jahren siedelte meine Familie 1988 nach Deutschland um, wo ich meine Schul- und Universitätsausbildung beendete. Die Fotografie faszinierte mich aber seit meiner frühen Kindheit in Kirgistan. Eine meiner Tanten hatte eine einfache analoge Kamera und war die einzige Person in meiner riesigen Familie, die unser einfaches Alltagsleben ein wenig dokumentierte. Ich erinnere mich, wie sie regelmäßig Bilder von uns zu meinen Eltern brachte. Es war magisch, all diese eingefrorenen Momente zu sehen. Als Kind konnte ich stunden damit verbringen,  durch unsere zwei Familienalben zu blättern und verlor mich in den schwarz-weiß Bildern.</p>
<p style="text-align: justify">Später in Deutschland belegte ich während einer Projektwoche im 7. Schuljahr einen Fotokurs. Aber ich habe als Jugendliche nie darüber nachgedacht, Fotografin zu werden. Ich habe stattdessen Mathematik, Deutsch und Theologie studiert, um Lehrerin zu werden. Nach meiner Lehrerausbildung arbeitete ich viele Jahre als Lehrerin in verschiedenen Ländern (Costa Rica, Guatemala, Italien und Deutschland). In dieser Zeit bin ich viel gereist, immer mit meiner Kamera in der Tasche. Und erst während der fünf Jahre, die ich mit meiner Familie bis August 2018 in Rom lebte und arbeitete, entdeckte ich die Kamera als ein Instrument, um Geschichten zu erzählen. Denn ich wurde aufgrund meines slawischen Namens häufig zu meiner Herkunft befragt und musste oft viele Fragen zu Kirgistan beantworten. Im Jahr 2015 begann ich meine große Leidenschaft für die Fotografie zu erweitern, entschied mich für eine Teilzeittätigkeit als Lehrerin und widmete mich der Dokumentarfotografie. Ich nahm als Autodidaktin an verschiedenen internationalen Workshops mit großartigen Fotojournalisten teil, darunter Monika Bulaj, Karl Mancini und K M Asad. Derzeit arbeite ich freiberuflich als Dokumentarfotografin und weiterhin in Teilzeit als Lehrerin.</p>
<p style="text-align: justify"><p style="background-color: #d4d4d4;"><span style="color: #000000;">Novastan ist das einzige deutschsprachige Nachrichtenmagazin über Zentralasien. Wir arbeiten auf Vereinsgrundlage und <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/werde-unser-mitglied-werde-novastan/"><strong>Dank eurer Teilnahme</strong></a>. Wir sind <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/unser-projekt/">unabhängig</a> und wollen es bleiben, dafür brauchen wir euch! Durch jede noch so kleine <strong><a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/spenden/">Spende</a></strong> helft ihr uns, weiter ein realitätsnahes Bild von Zentralasien zu vermitteln.</span></p></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Novastan:</strong> <b>Wie reagieren die Menschen in deinem Land auf deine Fotos?</b></p>
<p style="text-align: justify">Während ich in Italien die Gelegenheit hatte, meine Bilder in zwei Ausstellungen in Rom zu zeigen, die auf großes Interesse stoß, gab es diese Gelegenheit in Deutschland bisher noch nicht. Meine Serie „I am Jamilia“ kam jedoch beim renommierten deutschen Felix Schoeller Photo Award auf die Shortlist und erhält vermehrt internationale Anerkennung. Aber grundsätzlich erlebe ich ein unglaubliches Interesse an den Bildern und Erzählungen aus Kirgistan. Für viele Menschen ist Kirgistan nach wie vor ein Land, von dem sie kaum oder noch nie etwas gehört haben.</p>
<p style="text-align: justify">Mein Projekt „Kyrgyzstan diary“ ist meine persönliche Sicht auf das postsowjetische Land. Ich sehe die Dichotomie zwischen dem Modernen und dem Alten. Ich versuche durch meine unterschiedlichen Bilder meine Reisen in Kirgistan zu dokumentieren. Denn für die Serie „I am Jamilia“ reise ich sehr viel durch ganz Kirgistan, lerne wundervolle Menschen kennen, die mich zu sich nach Hause einladen, mit denen ich zusammen esse und bei denen ich schlafe. Sie erzählen nicht nur, sondern geben mir Einblick in ihr Leben in Kirgistan. Das Dokumentieren von alltäglichen Situationen und besonderen Momenten hilft mir in erster Linie, das Land in all seinen Facetten besser kennen zu lernen. Es sind meine persönlichen Erfahrungen und Begegnungen mit einem Land, zu dem ich mich stark verbunden fühle. Jedes Mal, wenn ich das Land meiner Kindheit besuche,entdecke ich neue, unscheinbare Momente des täglichen Lebens. Manchmal nur kurze Augenblicke, die vielleicht unwichtig erscheinen. Aber alles in allem vervollständigen sie mein Verständnis von Kirgistan.</p>
<p style="text-align: justify"><b>Welches ist dein aktuelles oder nächstes Fotoprojekt?</b></p>
<p style="text-align: justify">Ich arbeite weiterhin an dem Projekt „I am Jamilia“, in dem ich Frauen unterschiedlichen Alters und aus unterschiedlichen Regionen in Kirgistan interviewe und porträtiere, deren Ehe durch den Brauch von Ala kachuu (Übersetzung: &#8222;eine Frau nehmen und weglaufen&#8220;) entstand. Da ich mit diesem Projekt eine Thematik aufgreife, die unglaublich vielschichtig ist, möchte ich dieses Projekt weiter mit Sorgfalt, Geduld und Respekt fortführen. Die bisherigen Portraits von betroffenen Frauen sind zwar der Mittelpunkt meiner bisherigen Arbeit, doch ich bin dabei, die Arbeit zu erweitern. Mir ist es wichtig, die Frauen nicht als Opfer darzustellen, sondern die tiefe psychologische Dimension hinter dem Brauchtum Ala Kachuu aufzugreifen. Und diese betrifft nicht nur die Frauen, sondern eine ganze Gesellschaft. Mir haben beispielsweise Eltern berichtet, wie hilflos sie sich aus unterschiedlichen Gründen fühlten, als ihre Tochter entführt wurde. Ich sprach mit einem jungen Mann, der mit 18 Jahren aus einer Angst heraus seine Freundin heiratete. Denn kurz zuvor wurde sie von einem unbekannten Mann entführt. Es gelang ihm gemeinsam mit ihrer Familie, seine Freundin aus der Heiratssituation zu „befreien“. Aus der Angst heraus vor einem erneuten Brautraub entschlossen die beiden zu heiraten.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/brautraub-in-kirgistan-studenten-demonstrieren-in-bischkek/">Brautraub in Kirgistan: Studierende demonstrieren in Bischkek</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">Eine junge Studentin schrieb mir, dass sie eine permanente Angst mit sich trage, sie könnte auf offener Straße entführt werden. Wenn sie in der Öffentlichkeit sei, beobachte sie mit Wachsamkeit alles, was um sie herum geschehe. Mir sind aber auch positive Geschichten in diesem Zusammenhang sehr wichtig, die nicht nur Hoffnung auf weitere Veränderungen geben, sondern zeigen, dass diese Veränderung durch individuelle Entscheidungen bereits stattfindet. Mich hat insbesondere ein Gespräch mit einem älteren Mann sehr bewegt. Er ist der einzige aus seiner Generation in einer großen Verwandtschaft, der seine Frau bewusst nicht als seine Braut geraubt hat mit der Begründung: Ich habe als Kind erlebt, wie unglücklich und verletzt meine Mutter durch ihren Brautraub war. Mein Wunsch ist es, all diese Facetten von Ala kachuu aufzugreifen. Deswegen erweitere ich dieses Projekt und werde weiter an dieser Thematik arbeiten. Aber gleichzeitig möchte ich weiterhin vom alltäglichen Leben in Kirgistan durch unterschiedliche Begegnungen berichten. Dabei besuche ich auf meinen Reisen beispielsweise immer das Dorf Telman, in dem ich eine liebenswerte Familie vor zwei Jahren kennenlernte, die mir ans Herz gewachsen ist. In „Swallows in my world“ erzähle ich von ihrem Leben. Es ist keine spektakuläre Geschichte mit großen Besonderheiten oder besonderen Persönlichkeit. Es ist eine Geschichte, die vom kirgisischen Leben erzählt. Und ich hoffe, eines Tages meine eigene familiäre Geschichte erzählen zu können. Es wäre eine historische Arbeit über die Geschichte der sogenannten Russlanddeutschen.</p>
<p style="text-align: justify"><b>Welches Foto von dir magst du am liebsten und warum?</b></p>
<p style="text-align: justify">Das ist eine sehr schwierige Frage, denn ich sehe hinter meinen Bildern nicht einfach einen abgelichteten Moment. Für mich sind meine Bilder mit Individuen, mit besonderen Begegnungen, Situationen, Gerüchen und Stimmungen verbunden, was unmöglich ist auf einem Bild wiederzugeben. Wenn ich meine eigenen Bilder betrachte, ist es so, als wäre ich wieder an diesem Ort und in diesem Augenblick. Zu meinen Lieblingsbildern gehört eine Aufnahme, die ich im September 2017 zwischen Sarytschelek und Taschkömür von einem Schulmädchen aufnahm, dass auf einer hohen und schmalen Bordsteinkante an einer Landstraße von der Schule nach Hause geht. Es war eine zufällige Situation, die ich einfangen konnte. Aber für mich steckt hinter diesem Bild eine tiefe Symbolik für das Land Kirgistan und meine Arbeit in Kirgistan.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Womit beschäftigst du dich neben der Fotografie?</strong></p>
<p style="text-align: justify">Die Fotografie ist wesentlicher Teil meines Lebens und gehört zu mir einfach dazu. Sie zieht sich durch alle Bereiche meines Lebens und meines Alltags hindurch. Ich verbringe mit meiner Familie, insbesondere mit meinen beiden Kindern, und meinen Freunden so viel Zeit wie möglich. Meine Kinder haben meinen Blick auf unsere Welt, auf das Leben, auf menschliche Beziehungen, auf unsere Welt grundlegend verändert. Meine fotografische Arbeit entsteht somit nicht nur aus meinem Blickwinkel als Frau, sondern auch als Mutter. Da ich weiterhin noch in Teilzeit als Lehrerin arbeite, bleibt mir nicht all zu viel Zeit. Was ich aber in mir trag,e ist eine große Neugierde und „innerliche Unruhe“, die mich immer wieder zu neuen Orten, zu neuen Begegnungen und Unternehmungen führen.</p>
<p style="text-align: justify"><b>Wenn du die Gelegenheit hättest, drei Fotografen in Zentralasien zu benennen, </b><b>wen würdest du auswählen?</b></p>
<p style="text-align: justify">Mir fallen direkt folgende drei Fotografen ein: der Dokumentarfotograf Elyor Nemat aus Usbekistan, dessen Arbeit mir sehr gut gefällt, da er einen authentischen Einblick in das Leben und die Herausforderungen in Zentralasien gibt. Des weiteren schätze ich die Arbeit des kirgisischen Fotografen Shailo Djekshenbaev. In seinen Bildern vermag er die Veränderungen in seinem Heimatland während der letzten Jahrzehnte zu zeigen. Und als dritten möchte ich den Fotografen Matthieu Paley nennen. Er stammt zwar nicht aus Zentralasien, sondern aus Frankreich, doch er dokumentierte über mehr als ein Jahrzehnt die harten Lebensbedingungen kirgisischer Nomaden in der hochgelegenen Landschaft des abgelegenen Afghanistan und machte mit seiner Arbeit auf die dortige Situation der Pamir Kirgisen aufmerksam.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Wir zeigen eine Auswahl von Fotos der Serie &#8218;I am Jamilia&#8216; in der Irina Unruh Frauen in Kirgistan porträtiert, deren Leben durch die als Brautraub bekannten Praxis des <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ala_Kachuu">Ala-Kachuu</a> in oft jungen Jahren eine radikale, teils schmerzhafte Veränderung bedeutete. Für mehr Bilder besucht ihre <a href="https://www.irinaunruh.com/index/G0000MjXRz.MZ.Jo">Webseite</a>, oder folgt ihr auf Instagram: <a href="https://www.instagram.com/irinaunruh/?hl=de">@irinaunruh</a>.</strong></p>
<p style="text-align: justify">Die Entführung von Bräuten kann zwei verschiedene Formen annehmen: Eine echte erzwungene Entführung oder eine inszenierte. In Kirgistan hat sich dieses <a href="https://novastan.org/de/tag/brautraub/">Phänomen</a>, das als uralte <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/brautraub-in-kirgistan-studenten-demonstrieren-in-bischkek/">Tradition</a> gilt, nach der Unabhängigkeit ausgeweitet. Ursprünglich in aller Stille und ohne Gefahr, hat sich die Tradition im Lauf der Zeit sehr verändert und nimmt immer wieder gewalttätige Züge an. Schätzungsweise 50 Prozent der Ehen beginnen heutzutage mit einer Entführung; zwei Drittel davon sind keine einvernehmlichen Entführungen. Eine von fünf Frauen kennt ihren künftigen Ehemann vor der Entführung nicht.  Irina Unruh portraitiert diese Frauen und lässt sie ihre Geschichten erzählen.</p>
<p><figure id="attachment_20983" aria-describedby="caption-attachment-20983" style="width: 6000px" class="wp-caption aligncenter"><img fetchpriority="high" decoding="async" class="size-full wp-image-20983" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_05-min.jpg" alt="Frau Porträt Ala Kachuu Brautraub" width="6000" height="4000" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_05-min.jpg 6000w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_05-min-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_05-min-768x512.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_05-min-1024x683.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_05-min-1300x867.jpg 1300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_05-min-128x86.jpg 128w" sizes="(max-width: 6000px) 100vw, 6000px" /><figcaption id="caption-attachment-20983" class="wp-caption-text">&#8222;Der Freund meines Bruders hat mich entführt. Am Anfang konnte ich mich nicht an ihn und seine Familie gewöhnen, aber ich fand seine Familie sehr schön. Sie waren aufmerksam und unterstützten mich. Sie haben mir auch geholfen, mich an ihn zu gewöhnen. Zuerst waren meine Familie und meine Verwandten verärgert darüber, dass ich mich entschied zu bleiben. Und jetzt sehen sie mein Leben und freuen sich für mich, weil ich Teil dieser Familie geworden bin. Gott sei Dank, mein Mann kümmert sich finanziell gut um mich. Er stimmte zu, dass ich meine Universitätsausbildung fortsetzen könnte und bezahlte Geld dafür. Außerdem respektiert er meine Familie. Kurz gesagt, ich bin momentan dankbar für mein Leben. Wir sind Eltern von zwei Kindern. Wir sind glücklich.&#8220;</figcaption></figure></p>
<p><figure id="attachment_20979" aria-describedby="caption-attachment-20979" style="width: 6000px" class="wp-caption aligncenter"><img decoding="async" class="size-full wp-image-20979" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_03-min.jpg" alt="Porträt Frau Ala Kachuu Brautraub" width="6000" height="4000" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_03-min.jpg 6000w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_03-min-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_03-min-768x512.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_03-min-1024x683.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_03-min-1300x867.jpg 1300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_03-min-128x86.jpg 128w" sizes="(max-width: 6000px) 100vw, 6000px" /><figcaption id="caption-attachment-20979" class="wp-caption-text">&#8222;Ich bin unzufrieden mit meinem Leben und enttäuscht von meinen Klassenkameraden. Sie unterstützten den Mann, mich zu entführen. Mein Vater stimmte meiner Zwangsheirat zu, also musste ich dort bleiben. Aber ich wollte nicht bleiben. Es war so angespannt, zusammen zu leben. Letztendlich haben wir uns scheiden lassen. Momentan lebe ich mit meinen vier Kindern getrennt. Ich wünsche keiner anderen Frau ein Leben wie ich. Ich wünsche jungen Mädchen ein glückliches Leben zusammen mit ihren Geliebten und Kindern.&#8220;</figcaption></figure></p>
<p><figure id="attachment_20977" aria-describedby="caption-attachment-20977" style="width: 6000px" class="wp-caption aligncenter"><img decoding="async" class="size-full wp-image-20977" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_01_01.jpg" alt="" width="6000" height="4000" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_01_01.jpg 6000w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_01_01-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_01_01-768x512.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_01_01-1024x683.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_01_01-1300x867.jpg 1300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_01_01-128x86.jpg 128w" sizes="(max-width: 6000px) 100vw, 6000px" /><figcaption id="caption-attachment-20977" class="wp-caption-text">„Ich denke, mein Leben mit meinem Mann war glücklich. Aber am Anfang war es schwierig. Eine neue Familie, ein neues Leben, als er mich entführte, aber es war unsere Tradition. Wenn ein Mann eine Frau mochte, entführte er sie. Nach einem harten Jahr des Zusammenlebens begann ich mich an ihn zu gewöhnen und meinen Mann zu lieben. Wir haben 30 Jahre glücklich zusammen gelebt und drei wunderschöne Mädchen. Ich bin meinem Mann für unsere Mädchen dankbar. Vor fünf Jahren haben wir ihn verloren und es war eine Herausforderung für mich. Ich weinte fast ein Jahr lang und konnte mich nicht an das Leben ohne ihn gewöhnen. Danach nahm ich wieder Mut und lebte ohne ihn weiter. Zwei meiner Töchter sind nach eigener Wahl verheiratet. Ich habe fünf Enkelkinder. Meine jüngste Tochter ist eine Schülerin der 10. Klasse in der Schule. Ich lebe mit meiner jüngsten Tochter. Es ist so schade, dass mein Mann uns so früh verlassen hat. Wir erinnern uns sehr oft an ihn und lieben Ihn.&#8220;</figcaption></figure></p>
<p><figure id="attachment_20982" aria-describedby="caption-attachment-20982" style="width: 6000px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-20982" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_04-min.jpg" alt="Frau Porträt Ala Kachuu Brautraub" width="6000" height="4000" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_04-min.jpg 6000w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_04-min-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_04-min-768x512.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_04-min-1024x683.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_04-min-1300x867.jpg 1300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_04-min-128x86.jpg 128w" sizes="auto, (max-width: 6000px) 100vw, 6000px" /><figcaption id="caption-attachment-20982" class="wp-caption-text">„Ich wurde auch entführt. Er hat zu Hause mit meinem Vater gearbeitet. Ich kannte ihn nicht gut. Nach meiner Entführung zwang mich mein Vater, bei ihm zu bleiben. Denn nach unserer Tradition kann ein Mädchen nach einer Entführung nicht mehr nach Hause zurückkehren. Er fing an zu trinken. Ich fand heraus, dass seine ganze Familie Alkohol trinkt. Jetzt habe ich vier Kinder. Ich habe zehn Jahre lang gelitten. Ich erwartete, dass die Kinder ihm helfen würden, seine schlechte Angewohnheit loszuwerden, aber es passierte nicht. Schließlich ließen wir uns scheiden und jetzt passe ich alleine auf meine Kinder auf. Ich wünschte, jedes Mädchen würde nach eigener Wahl und Wunsch heiraten. Es wäre besser, wenn die Rechte der Frauen nicht nur von der Regierung, sondern auch von der Gesellschaft geschützt würden.“</figcaption></figure></p>
<p><figure id="attachment_20978" aria-describedby="caption-attachment-20978" style="width: 6000px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-20978" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_02-min.jpg" alt="Porträt Frau Ala Kachuu Brautraub" width="6000" height="4000" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_02-min.jpg 6000w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_02-min-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_02-min-768x512.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_02-min-1024x683.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_02-min-1300x867.jpg 1300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_02-min-128x86.jpg 128w" sizes="auto, (max-width: 6000px) 100vw, 6000px" /><figcaption id="caption-attachment-20978" class="wp-caption-text">Ich bin gegen Ala Kachuu. Das erste Mal wurde ich auch entführt und musste dort bleiben, weil ich Angst vor den älteren hatte. Aber das zweite Mal, als ich entführt wurde, wurde ich in eine sehr abgelegene Gegend gebracht. Ich weigerte mich jedoch, dort zu bleiben und kehrte zurück. Ich kannte ihn überhaupt nicht und selbst ich habe ihn vorher nicht gesehen. Wie könnte ich dort bleiben? Also kehrte ich nach Hause zurück. Ala Kachuu zerstört das Leben vieler junger Mädchen. Viele leiden darunter, weil ich unter meinen Entführungen gelitten habe. Nach der zweiten Entführung wurde ich desillusioniert. Ich hoffe, dass diese kirgisische Tradition der Brautentführung bald verblasst.”</figcaption></figure></p>
<p><figure id="attachment_20984" aria-describedby="caption-attachment-20984" style="width: 6000px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-20984" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_06-min.jpg" alt="Porträt Frau Ala Kachuu Brautraub" width="6000" height="4000" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_06-min.jpg 6000w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_06-min-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_06-min-768x512.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_06-min-1024x683.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_06-min-1300x867.jpg 1300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_06-min-128x86.jpg 128w" sizes="auto, (max-width: 6000px) 100vw, 6000px" /><figcaption id="caption-attachment-20984" class="wp-caption-text">„Ich wurde am 17. Dezember 1991 entführt. Ich war damals so traurig. Allmählich begann ich mich an die neue Familie zu gewöhnen. Ich schämte mich, nach meiner Entführung nach Hause zurückzukehren. Außerdem sympathisierte ich mit meiner Schwiegermutter. Sie zog ihre Kinder alleine auf und verlor ihren Mann früh. All diese Tage sind vergangen, jetzt sind wir eine Familie und haben unsere Kinder. Gegenwärtig bin ich dankbar für mein Leben und Gott dankbar. Lassen Sie uns Ala Kachuu loswerden. Jetzt ändert sich alles und die Gesellschaft entwickelt sich. Ich bin dankbar, dass Sie sich mit diesem Thema befassen und uns interviewen. Mit freundlichen Grüßen, die Teilnehmerin.&#8220;</figcaption></figure></p>
<p><figure id="attachment_20985" aria-describedby="caption-attachment-20985" style="width: 6000px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-20985" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_09-min.jpg" alt="Porträt Frau Ala Kachuu Brautraub" width="6000" height="4000" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_09-min.jpg 6000w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_09-min-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_09-min-768x512.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_09-min-1024x683.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_09-min-1300x867.jpg 1300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_09-min-128x86.jpg 128w" sizes="auto, (max-width: 6000px) 100vw, 6000px" /><figcaption id="caption-attachment-20985" class="wp-caption-text">„Ich denke, Ala Kachuu ist das Schlimmste auf der Welt. Weil es schmerzhaft ist, mit der Person zu leben, die sie vorher nicht gesehen und gekannt haben. Schließlich werden sie Kinder haben und sich daran gewöhnen. Ich habe nicht gefühlt, was Liebe ist. Ich habe sieben Kinder mit meinem Mann. Unsere Kinder sind aufgewachsen und das Leben ist unmerklich vergangen. Später, als die Kinder aufwuchsen, wurde alles schön, unsere Kinder haben eine hohe Ausbildung, jetzt ist alles gut. Bubunai.“</figcaption></figure></p>
<p><figure id="attachment_20989" aria-describedby="caption-attachment-20989" style="width: 6000px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-20989" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_8_01.jpg" alt="Porträt Frau Ala Kachuu Brautraub" width="6000" height="4000" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_8_01.jpg 6000w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_8_01-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_8_01-768x512.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_8_01-1024x683.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_8_01-1300x867.jpg 1300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_8_01-128x86.jpg 128w" sizes="auto, (max-width: 6000px) 100vw, 6000px" /><figcaption id="caption-attachment-20989" class="wp-caption-text">„Ich wurde zweimal entführt. Beide Male war es ohne meine Zustimmung, ohne meinen Wunsch. Das ist Wildnis. Ich war gegen die Ehen und weigerte mich, bei beiden Gelegenheiten dort zu bleiben. Es war eine Herausforderung, aber ich bestand darauf und bekam endlich meine Freiheit. Sie sind schuldig, die mich gewaltsam entführt haben. Ihre Handlungen sollten kritisiert werden. Ich bin überzeugt, dass ich zu Recht die Entführer verlassen habe. Auf der anderen Seite haben viele haben Mitleid mit mir, dass ich nicht geblieben bin. Ihr Weltbild sollte sich verändern. Unsere Gesellschaft sollte sich in diesem Punkt ändern und mutiger gegenüber Ala Kachuu sein.“</figcaption></figure></p>
<p><figure id="attachment_20990" aria-describedby="caption-attachment-20990" style="width: 4000px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-20990 size-full" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_7_01.jpg" alt="Frau Porträt Als Kachuu Brautraub" width="4000" height="6000" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_7_01.jpg 4000w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_7_01-200x300.jpg 200w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_7_01-768x1152.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_7_01-683x1024.jpg 683w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/I-am-Jamilia_7_01-1300x1950.jpg 1300w" sizes="auto, (max-width: 4000px) 100vw, 4000px" /><figcaption id="caption-attachment-20990" class="wp-caption-text">„Meine Gedanken zur Entführung… Ich bin nicht mit der Entführung der Braut einverstanden. Wir (Frauen) sind Menschen, es wird richtig sein, mit uns über die Ehe zu diskutieren und zu verhandeln. Heute haben wir eine gute Zeit, wir müssen nur gute Absichten haben, und alles wird gut. Ich wurde auch entführt. Im Moment habe ich ein gutes Leben, ich habe vier Kinder, ich bin glücklich. Ich wünsche allen ein friedliches Leben “.</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: right"><strong>Interview : Veronika Haluch<br />
</strong></p>
<p><strong><em>Ihr kennt zentralasiatische Fotografinnen oder Fotografen und bewundert ihre Arbeit? Schickt uns ihre Namen oder ihren Instagram-Account an <a href="mailto:info@novastan.org">info@novastan.org</a> und wir veröffentlichen sie in unserer Serie. </em></strong></p>
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<p>&nbsp;</p>
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		<title>Eine Tour durch Ak-Talaa: Maraimbek, Gülzat und der Brautraub (2/6)</title>
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		<dc:creator><![CDATA[esquilin]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 10 Feb 2017 15:45:21 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kirgistan]]></category>
		<category><![CDATA[Ala kachuu]]></category>
		<category><![CDATA[Brautraub]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Tradition]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Nadine Boller, geb&#xFC;rtige Schweizerin, ist Dokumentarfilmerin mit einer Liebe f&#xFC;r Kirgistan. Ihr letzter Film &#x201E;Erkinai &#x2013; die Halbnomadin&#x201C; wurde auf Kika, dem deutschen Kinderkanal, gesendet. F&#xFC;r ihre neuesten Recherchen verbrachte sie mit ihrer kirgisischen Freundin Mahabat ein paar Tage in deren Heimatdorf Ak-Talaa, im Zentrum Kirgistans gelegen. In einersechs-teiligen Serie gibt Nadine einen sehr pers&#xF6;nlichen&#xA0;Einblick [&#x2026;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify"><strong>Nadine Boller, gebürtige Schweizerin, ist Dokumentarfilmerin mit einer Liebe für Kirgistan. Ihr letzter Film <a href="http://www.kika.de/schau-in-meine-welt/sendungen/sendung98234.html">&#8222;Erkinai &#8211; die Halbnomadin</a>&#8220; wurde auf Kika, dem deutschen Kinderkanal, gesendet. Für ihre neuesten Recherchen verbrachte sie mit ihrer kirgisischen Freundin Mahabat ein paar Tage in deren Heimatdorf <a href="http://www.kika.de/schau-in-meine-welt/sendungen/sendung98234.html">Ak-Talaa,</a> im Zentrum Kirgistans gelegen. In einersechs-teiligen Serie gibt Nadine einen sehr persönlichen Einblick in die Kultur und Geschichte des kleinen Dorfes und lässt uns hautnah dabei sein. Letzte Woche stellte Nadine uns das Dorf und seine Einwohner vor. Diese Woche beschäftigt sie sich mit dem Thema Brautraub in Kirgistan. </strong></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Teil 1: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/eine-tour-durch-ak-talaa-teil-i-mairamgul-eje-ihre-familie-und-die-liebe-religion/">Mairamgül Eje, ihre Familie und die liebe Religion</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">An der Haustür empfängt uns Gülzat mit einem großen Lächeln. Ihr frecher Pony und ihr fröhliches Auftreten laden schnell zu einem Gespräch ein. Sie und Mairambek sind schon seit fünfzehn Jahren verheiratet und die Geschichte dazu ist äußerst unterhaltsam, meint sie.</p>
<p><figure id="attachment_7539" aria-describedby="caption-attachment-7539" style="width: 829px" class="wp-caption alignleft"><img loading="lazy" decoding="async" class=" wp-image-7539" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/02/Gülzat.jpg" alt="kirgisische Frau Gülzat Ak-talaa" width="829" height="587" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/02/Gülzat.jpg 500w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/02/Gülzat-300x212.jpg 300w" sizes="auto, (max-width: 829px) 100vw, 829px" /><figcaption id="caption-attachment-7539" class="wp-caption-text">Gülzat, Mairambeks Frau</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify">Denn in Kirgistan gibt es nämlich noch Brautraube, was ein großes und ernsthaftes Problem darstellt. Aber überraschenderweise erzählen viele ältere Frauen und Männer mit Leichtigkeit darüber. Auf der weiblichen Seite scheint eine gewisse Akzeptanz ihrer Opferposition gegenüber da zu sein, und die Männer auf dem Lande nehmen das Thema generell etwas weniger dramatisch dahin.<em> „Klar, am Anfang wehren sich alle Frauen, die entführt worden sind. Aber in den meisten Fällen lernen sie ihren Mann irgendwann schon zu lieben“,</em> meint Mairambek.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Brautraub oder Ala kachuu in Kirigstan</strong></p>
<p style="text-align: justify">Der Brautraub, auf Kirgisisch <em>Ala kachuu</em> (Übersetzung: eine Frau nehmen und weglaufen) ist seit dem Ende der Sowjetunion ein immer größeres Problem in Kirgistan. Laut dem Experten <a href="https://eurasianpublications.com/pdf/ejss/EJSS%204%20-%20Reducing%20Non-consensual%20Bride%20Kidnapping%20in%20Kyrgyzstan.pdf">Russel Kleinbach von der Philadelphia University</a> gibt es drei Arten von <em>ala kachuu</em>: das Entführen der Frau gegen ihren Willen, das Entführen der Frau gegen den Willen beider Eltern und das Entführen der Frau mit Einverständnis aller Parteien.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest mehr auf Novastan:<a href="https://novastan.org/de/kirgistan/in-kirgistan-entsteht-fast-jede-zweite-ehe-durch-brautraub/"> In Kirgistan entsteht fast jede zweite Ehe durch Brautraub</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">Wo die letzten beiden Formen oft angewandt werden, um den elterlichen oder finanziellen Vorstellungen der Dorfbewohner zu entkommen, erfreut sich die erstere und uneinvernehmliche Form von ala kachuu immer größerer Beliebtheit in Kirgistan. Obwohl den Männern bis zu zehn Jahre Gefängnis drohen, schätzen Forscher, dass <a href="http://www.bbc.com/news/world-asia-20675101">zwischen 30% und 80%</a> oder 12,000 aller Hochzeiten jedes Jahr in Kirgistan durch Brautraub entstehen. Laut Elena Kim von <a href="http://eca.unwomen.org/en/digital-library/publications?keywords=Violence+against+Women+and+Girls+Component+Research+Report&amp;country=6d6eca96904e40769dde6daf2f6ee236">UN Women Kyrgyzstan</a> sind besonders Frauen in den ländlichen Gebieten betroffen: 2008 wurden mindestens 51% der Ehen auf dem Land durch nicht-einvernehmlichen Brautraub geschlossen. Trotz der hohen Fallzahl werden nur <a href="http://www.wunrn.org/news/2008/09_08/09_22_08/092208_cedaw.htm">sehr wenige Männer vor Gericht gebracht – und noch weniger verurteilt.</a></p>
<p><figure id="attachment_7538" aria-describedby="caption-attachment-7538" style="width: 900px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-7538 size-full" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/02/Brautraub.jpg" alt="Ala kachuu Brautraub Kirgistan" width="900" height="675" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/02/Brautraub.jpg 900w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/02/Brautraub-300x225.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/02/Brautraub-768x576.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/02/Brautraub-800x600.jpg 800w" sizes="auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px" /><figcaption id="caption-attachment-7538" class="wp-caption-text">Ala kachuu, Brautraub, ist weit verbreitet in Kirgistan</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify">Laut den Dorfbewohnern von Ak-Talaa begehen oft Junggesellen Brautraub, die zu schüchtern sind, um sich persönlich einem Mädchen anzunähern. Mairambek war so einer. Anekdotenhaft und ohne schlechtes Gewissen erzählt er, wie er seine Braut raubte. Er hat sich zwar vor einem Monat mit einem Mädchen in der Hauptstadt bekanntgemacht, aber nicht den Mut gehabt, sie näher kennenzulernen. Damals war er vierundzwanzig Jahre alt und die Zeit zum Heiraten war gekommen.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Mairambek findet keine Frau zum entführen</strong></p>
<p><figure id="attachment_7540" aria-describedby="caption-attachment-7540" style="width: 316px" class="wp-caption alignleft"><img loading="lazy" decoding="async" class=" wp-image-7540" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/02/Mairambek.jpg" alt="kirgischer Mann Ak-Talaa Brautraub" width="316" height="418" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/02/Mairambek.jpg 2056w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/02/Mairambek-227x300.jpg 227w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/02/Mairambek-768x1016.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/02/Mairambek-774x1024.jpg 774w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/02/Mairambek-1300x1720.jpg 1300w" sizes="auto, (max-width: 316px) 100vw, 316px" /><figcaption id="caption-attachment-7540" class="wp-caption-text">Mairambek in Ak-Talaa</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify">Weiter erzählt er, für das europäische Ohr ein wenig schockierend, humorvoll, dass er Zuhause ankündigte, dass er eine Braut klauen wird und man schon alles für die Vermählung vorbereiten soll. Während seine Verwandten also die Hochzeitsgesellschaft einluden, ein Pferd schlachteten, und die Tische mit Essen füllten, füllte Mairambek einen Minibus mit Männern und fuhr damit in die Hauptstadt los. Der Plan war, bei dem Mädchen aufzukreuzen und sie so schnell und unauffällig wie möglich in den Wagen zu packen. Aber die Aufregung wurde schon bald gedämpft, als das Mädchen nirgends aufzufinden war. Sie musste wohl gespürt haben, dass da was in der Luft liegt und sich vorsichtshalber versteckt haben.</p>
<p style="text-align: justify">Nach der Enttäuschung kam auch gleich die Panik: Zuhause war schon alles vorbereitet und die Leute warteten gespannt auf die schöne Braut. Es würde Schande über die Familie bringen, wenn sie mit leeren Händen zurückkehrten. Schnell setzte sich der Minibus zum Krisengespräch zusammen und jeder nannte Mädchen, die noch ledig sind und gute Hausfrauen abgeben würden. Eine wurde zur Glücklichen auserkoren und der Minibus setzte sich wieder in Bewegung. Aber an diesem Tag sind sie wohl alle mit dem linken Fuß aufgestanden, denn auch dieses Mädchen war nirgends zu finden.</p>
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<p style="text-align: justify">Also kurvten die Jungs weiter durch die Straßen, während alle nochmals durch das Mädchen-Repertoire gingen. Auf dem Weg wurde als Verzweiflungsakt noch spontan eine junge Frau in den Wagen gezerrt, die sich aber als dick entpuppt hat und wieder gehengelassen wurde.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Die verhinderte Ehe</strong></p>
<p style="text-align: justify">Nach langem Hin und Her haben sie sich nochmals auf ein Mädchen geeinigt und sie auch erfolgreich entführt. Sie hat sich heftig gewehrt und schlug um sich, so dass die gesamte Mannschaft sie festhalten musste, bis sie das Dorf erreichten. Dort ging der Kampf weiter, denn nun ist es an den Frauen, dem Opfer das weiße Kopftuch aufzuzwingen – das Symbol der Ehe, vergleichbar mit dem Ehering im Westen. Das Mädchen hat sich stundenlang widersetzt und ein großes Theater veranstaltet. Aber alleine kommt sie gegen die hartnäckige Mutter, Großmütter und zahlreichen Tanten und Cousinen nicht an. In der kirgisischen Tradition sind es nämlich die Frauen der Familie des Mannes, die schließlich die geraubte Frau überzeugen müssen, den Mann zu heiraten.</p>
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<p style="text-align: justify">Als das weiße Kopftuch sicher auf dem Haupt saß, ging es an das zweite Ritual, um die Vermählung zu besiegeln: die Entjungferung. Die Frauen haben das weinende Mädchen entkleidet und zu Mairambek hinter dem Vorhang ins Bett geschickt. Gerade als es passieren sollte, platzten nicht nur die wütenden Eltern des Mädchens rein, sondern dazu noch ein Duzend andere aufgebrachte Familienmitglieder, die wohl erfahren haben, dass die Tochter entführt worden ist. Die Braut wurde aus dem Bett gerissen und Mairambek mit den Fäusten geschlagen und den Füßen getreten. Seine Rettung war, dass das Mädchen Jungfrau geblieben ist, ansonsten hätten er und seine Familie noch einiges mehr einbüßen müssen.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Gülzat wird &#8222;erfolgreich&#8220; entführt</strong></p>
<p style="text-align: justify">Ein paar Wochen später hat sich der entmutigte Mairambek wieder zur Frauenjagt aufgerafft, aber diesmal wollte er es sich leichter machen. Eine Bekannte war Lehrerin an der Dorfschule. Sie hat ihm den Gefallen getan und alle sechzehn- und siebzehnjährige Mädchen der Abschlussklasse zu einer Brautschau eingeladen. Aber nachdem ihm die vierte Kandidatin vorgestellt wurde, hat Mairambek entschieden, dass sie doch etwas zu jung seien.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest mehr auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/sexismus-in-kirgistan/">Sexismus in Kirgistan</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">Rund einen Monat später hat ein Freund Mairambeks von einem ledigen Mädchen berichtet, die ein guter Fang sein soll und Gülzat heisst. Der Junggeselle hat aus seinen Fehlern gelernt und sie erstmal alleine besucht. Eine Stunde haben sie sich unterhalten und zum Schluss hat Mairambek angekündigt, dass er sie entführen möchte. Ganz ernst genommen hat ihn Gülzat nicht, aber als sie zwei Tage später zwischen zwei Männern in einem fremden Auto saß, wusste sie, wer der Täter war. <em>„Ich habe geweint“</em>, erinnert sich Gülzat, „<em>aber keinen Widerstand geleistet, denn er schien ein guter und ehrlicher Mann zu sein. So ist es eben bei uns in Kirgistan. Ein paar Frauen werden mit Gewalt zur Heirat gezwungen. Ich bin aber glücklich, denn wir haben drei wundervolle Kinder zusammen und ein Dach über dem Kopf.“</em></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Hier geht&#8217;s weiter zum dritten Teil: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/eine-tour-durch-ak-talaa-was-das-eurohaus-mit-korruption-zu-tun-hat-36/">Was das Eurohaus mit Korruption zu tun hat</a></strong><em><br />
</em></p>
<p style="text-align: right"><strong>Nadine Boller</strong><br />
<strong>Gastautorin und Dokumentarfilmerin, aktuell mit dem Film <a href="http://www.kika.de/schau-in-meine-welt/sendungen/sendung98234.html">„Erkinai – Die Halbnomadin“</a></strong></p>
<p>The post <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/eine-tour-durch-ak-talaa-maraimbek-gulzat-und-der-brautraub-26/">Eine Tour durch Ak-Talaa: Maraimbek, Gülzat und der Brautraub (2/6)</a> appeared first on <a href="https://novastan.org/de">Novastan Deutsch</a>.</p>
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