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	<title>Vlast, Author at Novastan Deutsch</title>
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	<description>Wissenswertes und Nachrichten aus Kirgistan, Tadschikistan, Usbekistan, Kasachstan und Turkmenistan</description>
	<lastBuildDate>Fri, 24 Apr 2026 06:40:41 +0000</lastBuildDate>
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	<title>Vlast, Author at Novastan Deutsch</title>
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		<title>„Wir sind Ölarbeiter und schämen uns, über unser Gehalt zu sprechen“</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Vlast]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 24 Apr 2026 06:40:40 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Politik & Wirtschaft]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>In den &#xD6;lfeldern des im Nordwesten Kasachstans gelegenen Gebiets Aqt&#xF6;be liegen reiche Vorkommen. Die Arbeiter der F&#xF6;rderanlagen m&#xFC;ssen dennoch f&#xFC;r eine faire Bezahlung k&#xE4;mpfen. Unser Partnermedium Vlast hat mit einigen von ihnen gesprochen. Das Gebiet Aqt&#xF6;be produziert zwar nur 5 Prozent des gesamten kasachstanischen &#xD6;ls, doch die Erd&#xF6;lf&#xF6;rderung ist nach wie vor ein wichtiger Wirtschaftszweig. [&#x2026;]</p>
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<p class="wp-block-paragraph"><strong>In den Ölfeldern des im Nordwesten Kasachstans gelegenen Gebiets Aqtöbe liegen reiche Vorkommen. Die Arbeiter der Förderanlagen müssen dennoch für eine faire Bezahlung kämpfen. Unser Partnermedium Vlast hat mit einigen von ihnen gesprochen.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Das <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Aqt%C3%B6be_(Gebiet)">Gebiet Aqtöbe</a> produziert zwar nur 5 Prozent des gesamten kasachstanischen Öls, doch die Erdölförderung ist nach wie vor ein wichtiger Wirtschaftszweig. Für viele Menschen, die in der Nähe von Erdöl- und Erdgasfeldern leben, ist die Arbeit in der Ölindustrie die einzige Möglichkeit, den Lebensunterhalt für sich und ihre Familien zu sichern. Dies gilt auch für die Bewohner:innen des Bezirks Temir, wo die Erdöl- und Erdgasförderung rund um das Sand-Massiv Kökjide stattfindet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch diese Branche ist nach wie vor stark abgeschottet, geprägt von häufigen Arbeitskämpfen und Gewerkschaften, die unter Druck stehen und sich nur schwer etablieren können.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Streiks</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Das größte Ölunternehmen der Region ist <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/CNPC-AktobeMunaiGas">CNPC-AktobeMunaiGas</a>, eine Tochtergesellschaft der China National Petroleum Corporation (CNPC). Es beschäftigt im Gebiet Aqtöbe 5.400 Mitarbeiter:innen, ohne die Angestellten von Dienstleistern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die häufigsten Streiks im Bezirk Temir gab es bisher jedoch bei KMK Munai, einem Unternehmen, das ebenfalls mehrheitlich im Besitz von CNPC ist. KMK Munai beschäftigt rund 275 Mitarbeiter:innen, ohne die Angestellten von Dienstlerstern. Die jährliche Ölproduktion beträgt 56.000 Tonnen auf den drei Feldern Qümsaı, Mortyq und Kökjide – das entspricht 0,05 Prozent der jährlichen Ölproduktion Kasachstans.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">Im Januar 2021 begann eine Streikwelle im Unternehmen, als sich Ölarbeiter nach ihrem regulären Schichtwechsel weigerten, nach Hause zu gehen. Sie versammelten sich an der Produktionsstätte und forderten eine Lohnerhöhung von 100 Prozent. Laut Quellen von <a href="https://www.azattyq.org/a/kazakhstan-aktobe-region-oil-workers-on-strike-to-demand-higher-pay/31069687.html">Radio Azattyq</a>, erhielt ein Arbeiter der vierten Gehaltsgruppe zu diesem Zeitpunkt 155.000 Tenge (damals umgerechnet etwa 370 US-Dollar).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Arbeiter beklagten sich auch über die Arbeitsbedingungen. <em>„Wir haben Satellitenschüsseln und Fernseher für die Wohnwagen [in denen Schichtarbeiter untergebracht waren, die in den Schlafsälen keinen Platz mehr gefunden hatten] selbst gekauft; manche haben sich sogar ihre eigenen Waschmaschinen gekauft. Nur 100 bis 200 Meter von hier entfernt befinden sich Ölquellen. Selbst wenn es hier Fünf-Sterne-Hotels gäbe, wäre es unmöglich, hier zu leben. Wir ersticken fast im Geruch von Schwefel und Gas. Den Jungs fallen schon die Haare und Zähne aus“</em>, erklärte einer der Arbeiter unter der Bedingung der Anonymität gegenüber <a href="https://www.azattyq.org/a/31074210.html">Radio Azattyq</a>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Unterdessen traten 60 Arbeiter des Dienstleisters AMK Munai, der für die Firma Ada Oil auf dem Feld Bäşenköl tätig ist, <a href="https://www.azattyqasia.org/a/31075994.html">in den Streik</a>. Sie forderten ebenfalls eine Lohnerhöhung von 100 Prozent.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/umwelt-und-technologie/koekjide-oel-steppe-was-hat-das-erdoel-den-doerfern-in-der-region-aqtoebe-gebracht/"><strong>Kökjide. Öl-Steppe – Was hat das Erdöl den Dörfern in der Region Aqtöbe gebracht?</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Die Maschinenführer unseres Unternehmens verdienen 67.000 Tenge, was nicht ausreicht, um eine Familie zu ernähren, die Nebenkosten zu bezahlen und Lebensmittel zu kaufen… Arbeit an Feiertagen und Nachtschichten wird nicht angemessen vergütet. Wir fordern eine Lohnerhöhung. Das ist unsere einzige Forderung“</em>, <a href="https://www.instagram.com/p/CKn43_zgwzj/?utm_source=ig_embed&amp;utm_campaign=embed_video_watch_again">wandte sich</a> einer der Streikenden an den Präsidenten. Später beendeten die Arbeiter den Streik und erklärten, sie hätten eine Einigung erzielt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Derartige Streiks sind in Kasachstans Öl- und Gassektor typisch. Die Arbeiter beklagen sich häufig darüber, dass das Management Vereinbarungen nicht einhält und sie an der Gründung einer unabhängigen Gewerkschaft hindert.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Am Tag, an dem der Gewerkschaftsvorsitzende gewählt werden sollte, brachte der Arbeitgeber 50 Leute aus dem Büro in </em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Aqt%C3%B6be"><em>Aqtöbe</em></a><em> zum Ölfeld. Ihnen schlossen sich Ingenieure vom [Ölfeld] Kökjide an, sodass sie insgesamt über 100 waren. Wir traten in einen zweiten Streik, weil wir wussten, dass es keine faire Wahl geben würde“</em>, sagte einer der streikenden Arbeiter gegenüber <a href="https://www.centralasian.org/a/31170621.html">Radio Azattyq</a>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Den Arbeitern gelang es daraufhin, ihren eigenen Gewerkschaftspräsidenten zu wählen. Dieser behauptet jedoch später, er sei vom Unternehmen unter Druck gesetzt und aufgrund seiner Gewerkschaftstätigkeit entlassen worden.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Die Gewerkschaft</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Wir treffen Erjan Elamanov, den ehemaligen Gewerkschaftsführer bei KMK Munai, in einem Park in Aqtöbe. Derzeit arbeitslos, sucht er verzweifelt nach Möglichkeiten, seine Familie zu ernähren. Zuvor arbeitete er als Anlagenführer bei dem Ölkonzern und setzte sich für Arbeitnehmerrechte ein.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Ich habe zehn Jahre lang als Maschinenführer bei KMK Munai gearbeitet und wurde zum Gewerkschaftsvorsitzenden gewählt, weil man mit der Arbeit des vorherigen Vorsitzenden unzufrieden war“</em>, sagt Elamanov. <em>„Wir waren 180 Leute. Einige Leute mit Verbindungen zur Firmenzentrale traten sofort aus der Gewerkschaft aus. Und dann habe ich meine Arbeit aufgenommen. Und ich muss sagen, die Geschäftsleitung war davon nicht begeistert.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Elamanovs wichtigste Kritikpunkte betrafen die Löhne. <em>„Als ich 2015 anfing, verdiente ich 70.000 Rubel. Das ist eine Schande. Ich war Ölarbeiter. Nach dem Streik haben sie mein Gehalt auf 220.000 bis 260.000 Rubel angehoben. Aber denken Sie mal darüber nach: Wir sind Ölarbeiter und schämen uns, über unser Gehalt zu sprechen“</em>, räumt er ein. <em>„Die Firma hat mich wegen Beleidigung ihrer Ehre und Würde verklagt. Weil ich in einem Brief an den Premierminister geschrieben hatte, dass wir unter den Ölarbeitern die niedrigsten Gehälter in der Region haben. Und ich habe es vor Gericht bewiesen.“</em></p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img fetchpriority="high" decoding="async" width="1024" height="683" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/5e78388a75ccd933ec9226cc825d13f5_1440xauto-1024x683.jpg" alt="" class="wp-image-44538" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/5e78388a75ccd933ec9226cc825d13f5_1440xauto-1024x683.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/5e78388a75ccd933ec9226cc825d13f5_1440xauto-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/5e78388a75ccd933ec9226cc825d13f5_1440xauto-768x512.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/5e78388a75ccd933ec9226cc825d13f5_1440xauto.jpg 1440w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Erjan Elamanov</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Nach den Januar-Ereignissen, als die Ölarbeiter aus Solidarität mit den Einwohner:innen von <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Schanga%C3%B6sen">Janaözen</a> die Arbeit niederlegten [in Janaözen begannen die Januar-Proteste 2022, Anm. d. Ü.], ging er zusammen mit anderen Aktivisten aus den umliegenden Dörfern zum Akim [Verwaltungschef, Anm. d. Ü.] des Gebiets Aqtöbe. <em>„Am 7. Januar gingen wir zu [Ondasyn] Orazalin, jeder mit seinen eigenen Forderungen. Ich sagte, dass Fremde in unser Unternehmen kommen und dass sie uns durch Leute von Firmen wie „Asia Munai Service“ ersetzen. Die Geschäftsleitung hat ihnen gesagt, sie sollen nicht streiken, wenn wir es tun“</em>, so Elamanov.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Asia Munai Service“ bietet Outsourcing-Dienstleistungen für Ölkonzerne an. Das von Ge Yuding gegründete Unternehmen wird derzeit von Shan Yuntao geleitet. Die Beauftragung solcher Firmen ist eine gängige Taktik großer Ölkonzerne, um Kosten zu sparen und Verantwortung abzuwälzen. Viele Branchenveterane aus den in der Nähe der Ölförderanlagen gelegenen Dörfern <a href="https://novastan.org/de/umwelt-und-technologie/koekjide-oel-steppe-was-hat-das-erdoel-den-doerfern-in-der-region-aqtoebe-gebracht/">Kenqiıaq und Şubarşi</a> beschweren sich ebenfalls über das Outsourcing zahlreicher Abteilungen. Sie berichteten außerdem, dass sich die Arbeitsbedingungen seit der Übernahme durch einen chinesischen Investor verschlechtert hätten.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/landproteste-janaoezen-qantar-die-geschichte-der-proteste-kasachstans/"><strong>Landproteste, Jañaözen, Qañtar – Die Geschichte der Proteste Kasachstans</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">„<em>Wissen Sie, meine Gewerkschaftstätigkeit hatte auch Auswirkungen auf andere Unternehmen. Obwohl ich niemandem persönlich böse war, wollte ich einfach nur, dass alles gesetzeskonform abläuft“</em>, seufzt Elamanov. <em>„Letztendlich wurde ich entlassen. Innerhalb eines Tages erhielt ich eine Verwarnung, eine strenge Verwarnung und die Kündigung meines Arbeitsvertrags.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich habe lange gekämpft, aber danach befand ich mich in einer schwierigen finanziellen Lage. Ich habe Frau und Kinder. Ich habe eine Einigung mit ihnen erzielt, meinen Job gekündigt und sie haben mir die unfreiwillige Abwesenheit bezahlt“, fügt er hinzu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Darüber hinaus wurden fünf Strafverfahren gegen ihn eingeleitet. Er sagt, er habe alle gewonnen. <em>„Eines davon beispielsweise betraf Betrug [ein Vorgehen, das <a href="https://www.hrw.org/ru/news/2017/07/26/307171">häufig</a> gegen unabhängige Gewerkschaftsaktivisten angewendet wird, Anm. von Vlast]. Ich ging mit meinem Gewerkschaftsausweis hin und legte alle Unterlagen vor. Daraufhin wurde das Verfahren eingestellt“</em>, sagt er.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Die Positionierung der Unternehmen</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Zu den Streiks und Forderungen der Arbeiter erklärte Samat Berdenov, Erster Vizepräsident von KMK Munai, dass seine Ressourcen stark eingeschränkt seien. <em>„Andere Unternehmen, die große Öl- oder Gasfelder wie </em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Tengiz"><em>Tengiz</em></a><em>, </em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kaschagan"><em>Qaşağan</em></a><em> oder </em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gasfeld_Karatschaganak"><em>Qaraşyğanaq</em></a><em> erschließen, haben Zugang zum </em><a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Caspian_Pipeline_Consortium"><em>Caspian Pipeline Consortium (CPC) </em></a><em>und zum Weltmarkt. Wir im Gebiet Aqtöbe sind vertraglich gebunden – wir haben einen Festpreis für den Inlandsmarkt und einen Festpreis für den internationalen Markt. Selbst ein Preis von 150 Dollar pro Barrel hat keinen Einfluss auf die Finanzen unseres Unternehmens“</em>, betont er.</p>



<figure class="wp-block-image size-full"><img decoding="async" width="900" height="600" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/a2f2c273ffa2d10ffd4af0912186f3ec_900xauto.jpg" alt="" class="wp-image-44537" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/a2f2c273ffa2d10ffd4af0912186f3ec_900xauto.jpg 900w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/a2f2c273ffa2d10ffd4af0912186f3ec_900xauto-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/a2f2c273ffa2d10ffd4af0912186f3ec_900xauto-768x512.jpg 768w" sizes="(max-width: 900px) 100vw, 900px" /><figcaption class="wp-element-caption">Samat Berdenov</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem merkt er an, dass sein Unternehmen <em>„hochviskoses Öl“</em> produziere, das <em>„enorme“</em> Mengen an Strom und Erdgas verbrauche<em>. „Die Erdgaspreise haben sich innerhalb von zwei Jahren verfünffacht, die Strompreise haben sich verdoppelt. Von den Steuern ganz zu schweigen. Da stellt sich die Frage: Womit soll ich denn noch die Gehälter erhöhen?“</em>, fragt Berdenov und fügt hinzu, dass das Unternehmen die Gehälter dennoch an die Inflation anpasst.</p>



<p class="wp-block-paragraph">CNPC – AktobeMunaiGas gibt an, die Gehälter regelmäßig zu erhöhen und dass die Mitarbeitenden einem Tarifvertrag unterliegen. Allerdings hat das Unternehmen weder die Gehaltshöhen noch die Einkommensunterschiede zwischen Arbeitern und Führungskräften offengelegt. Ada Oil beantwortete keine Fragen zu Arbeitsbedingungen und Gehältern, während Kazakhoil Aqtöbe und Urikhtau Operating, die ebenfalls in der Region tätig sind, die Anfrage von Vlast unbeantwortet ließen.</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Almas Kaysar, Paolo Sorbello (Text) und Daniyar Musirov (Fotos) für Vlast</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem <a href="https://vlast.kz/obsshestvo/68208-my-neftaniki-i-nam-stydno-govorit-o-svoej-zarplate.html">Russischen</a> von Robin Roth</strong></p>



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		<title>Kökjide. Öl-Steppe – Was hat das Erdöl den Dörfern in der Region Aqtöbe gebracht?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Vlast]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 17 Apr 2026 06:21:53 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Umwelt & Technologie]]></category>
		<category><![CDATA[Aqtöbe]]></category>
		<category><![CDATA[Gas]]></category>
		<category><![CDATA[Kökjide]]></category>
		<category><![CDATA[Öl]]></category>
		<category><![CDATA[Reportage]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Unter dem Sandmassiv K&#xF6;kjide in dem im Westen Kasachstans gelegenen Gebiet Aqt&#xF6;be liegen betr&#xE4;chtliche &#xD6;lvorkommen. Doch von dem Reichtum unter der Erde kommt in den D&#xF6;rfern rund um das K&#xF6;kjide wenig an. Eine Reportage von unserem Partnermedium Vlast. &#x201E;Lasst uns nicht einreden, dass wir ohne &#xD6;l zugrunde gehen. Unsere Vorfahren lebten auch ohne &#xD6;l, h&#xFC;teten [&#x2026;]</p>
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<p class="wp-block-paragraph"><strong>Unter dem Sandmassiv Kökjide in dem im Westen Kasachstans gelegenen Gebiet Aqtöbe liegen beträchtliche Ölvorkommen. Doch von dem Reichtum unter der Erde kommt in den Dörfern rund um das Kökjide wenig an. Eine Reportage von unserem Partnermedium Vlast.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Lasst uns nicht einreden, dass wir ohne Öl zugrunde gehen. Unsere Vorfahren lebten auch ohne Öl, hüteten ihr Vieh und bestellten das Land“</em>, sagt Ardak Kubaş, eine Aktivistin aus dem kleinen Dorf Kenqiıaq im Gebiet <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Aqt%C3%B6be_(Gebiet)">Gebiet Aqtöbe</a>. Sie hebt die Hand und zeigt auf das Sand-Massiv Kökjide, das auf den ersten Blick an typische Szenen aus dem Westen Kasachstan erinnert: Dünen, gleißende Sonne und verstreute, verwitterte Ölpumpen. Einige von ihnen, mit Staub und Rost bedeckt, stehen still, andere fördern weiterhin Öl. Direkt dahinter lodern Flammen auf – Ölfackeln.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Einheimischen sagen, unter ihnen verberge sich ein „Meer“. Dabei handelt es sich um Grundwasser unter dem Sand – bis zu eineinhalb Milliarden Kubikmeter Wasser, möglicherweise sogar trinkbar.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">Im Bezirk Temir liegen rund um diese Sandvorkommen vier Ölarbeiter-Siedlungen: Kenqiıaq, Şubarşi, Saryköl und Bäşenköl. Sie stehen seit Langem vor der Wahl: Entweder sie schützen ihre größte Grundwasserquelle vor Kontamination und riskieren damit wirtschaftliche Einbußen. Oder sie erhalten die Produktion aufrecht und ermöglichen so die weitere Entwicklung der Siedlungen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Einwohner:innen sind sich jedoch einig, dass ihre Dörfer im Laufe der Jahre nie einen wirklichen Nutzen aus der Ölförderung gezogen haben, sondern lediglich gesundheitliche Probleme und mögliche Wasserverschmutzung.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Kenqiıaq</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Das Gebiet Aqtöbe ist die größte Region Kasachstans – mit einer Fläche in etwa so groß wie Polen oder Italien. Die weitläufige Steppe ist jedoch dünn besiedelt: Die Bevölkerungsdichte beträgt nur 3,16 Einwohner pro Quadratkilometer – die zweitniedrigste im ganzen Land. Insgesamt leben in der Region 950.000 Menschen, mehr als 60 Prozent davon – 585.000 – in der Gebietshauptstadt <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Aqt%C3%B6be">Aqtöbe</a>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Um Kenqiıaq, einen der wichtigsten Ölumschlagplätze der Region, zu erreichen, fahren wir von Aqtöbe mehr als zwei Stunden Richtung Süden. Das Dorf ist Endpunkt von Ölpipelines, die Öl aus dem Gebiet Aqtöbe nach <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Atyrau">Atyrau</a> oder ins <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Qysylorda_(Gebiet)">Gebiet Qyzylorda</a> und von dort weiter nach China transportieren können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kenqiıaq ist nicht nur ein Zentrum der Ölindustrie (was sich auch im Stadtlogo widerspiegelt), sondern mit weniger als 8.000 Einwohnern auch das größte der drei benachbarten Dörfer. Şubarşi und Saryköl mit zusammen rund 6.000 Einwohnern sind nur wenige Autominuten entfernt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was diese Siedlungen von vielen anderen unterscheidet, ist eine engagierte Gruppe von Bürgerrechtsaktivist:innen. Eine von ihnen ist Ardak Kubaş. <em>„Eigentlich sollten die Menschen nicht in Kenqiıaq leben. Es sollte nur eine einfache, temporäre Arbeitersiedlung sein. Vielleicht sollten alle dort wegziehen“</em>, sagt sie.</p>



<figure class="wp-block-image size-large is-resized"><img decoding="async" width="1024" height="683" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/973b36a66e3082ff09871a80cb4c5e97-1024x683.jpg" alt="" class="wp-image-44447" style="aspect-ratio:1.4992828635569968;width:751px;height:auto" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/973b36a66e3082ff09871a80cb4c5e97-1024x683.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/973b36a66e3082ff09871a80cb4c5e97-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/973b36a66e3082ff09871a80cb4c5e97-768x512.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/973b36a66e3082ff09871a80cb4c5e97-1536x1024.jpg 1536w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/973b36a66e3082ff09871a80cb4c5e97.jpg 1800w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Ardak Kubaş</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Wir fahren mit ihr nach Kenqiıaq, das sich kaum von typischen kasachstanischen Dörfern unterscheidet: Einzelhäuser, ältere Menschen, die auf Bänken entspannen, Menschen, die zur Arbeit eilen, Sand und der Wind, der ihn verweht. Noch sind keine Ölförderanlagen zu sehen, obwohl sich im südlichen Teil des Dorfes bereits Anlagen der Ölgesellschaft befinden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der neue Sportkomplex und der vor einigen Jahren verlegte Asphalt fallen hier besonders auf. Er weist bereits Risse und Schlaglöcher auf, ist aber immer noch gut befahrbar. Dennoch könne man das Dorf kaum als „Ölsiedlung“ bezeichnen, meint Kubaş.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Na gut, sollen sie uns doch vergiften, aber dafür bekommen wir nichts zurück“</em>, beklagt sie sich. <em>„Als die Firmen [hier] noch staatlich waren, stellten sie vier Kindergärten. Als der chinesische Investor kam, hat er sie abgeschafft. (&#8230;) Wir haben viele Kinder mit Behinderungen. Sie könnten auf Firmenkosten ein Rehabilitationszentrum für sie bauen. Das Gemeindezentrum befindet sich in der ehemaligen Kantine der Ölarbeiter. In all den Jahren ist nichts passiert; das ist eine Schande. Sie könnten uns wenigstens 50 statt 20 Prozent für die Umweltschäden zahlen.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Hauptbetreiber der lokalen Ölförderung ist <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/CNPC-AktobeMunaiGas">CNPC-AktobeMunaiGas</a>, eine Tochtergesellschaft des führenden chinesischen Ölkonzerns CNPC. CNPC-AktobeMunaiGas hält außerdem 51 Prozent der Anteile an KMK Munai, einem weiteren Ölunternehmen, das im Kökjide tätig ist. Drei weitere private Unternehmen sind ebenfalls in der Region aktiv: Kazakhoil Aqtöbe, Oriktau Operating und <a href="https://adaoil.kz/en/">Ada Oil</a>.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„In Kenqiıaq und Şubarşi ist die Luft schlecht. Manchmal stoßen die Fabriken Abgase aus, und all diese giftigen Gase sind unerträglich“</em>, sagt Kubaş. Die Häuser in den umliegenden Dörfern, mit Ausnahme von Başenköl, sind vollständig mit Gas belastet.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="683" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/9505d35485c482f0894c21329fed994b-1024x683.jpg" alt="" class="wp-image-44448" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/9505d35485c482f0894c21329fed994b-1024x683.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/9505d35485c482f0894c21329fed994b-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/9505d35485c482f0894c21329fed994b-768x512.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/9505d35485c482f0894c21329fed994b-1536x1024.jpg 1536w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/9505d35485c482f0894c21329fed994b.jpg 1800w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Die Moschee von Kenqiıaq befindet sich in einem ehemaligen Fabrikgebäude</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Ihre größte Sorge gilt aber der Wasserversorgung. Kubaş sagt, früher sei es <em>„wie unter Belagerung“</em> gewesen. Stundenlang mussten sie an der Pumpe anstehen, um Wasser zu bekommen. Jetzt gibt es zwar Wasser, aber es ist <em>„schwarz wie Cola“</em>.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Die Ölkonzerne hielten einst Anhörungen ab. Und zwar nicht hier, sondern in einem anderen Dorf im Bezirk Mugaljar, wohin sie Arbeiter ihrer Werke gebracht hatten. Wir erfuhren davon und eilten dorthin. Dann stellten wir ihnen das schwarze Wasser […] direkt vor die Nase. Sie nahmen es entgegen, aber was ist dabei herausgekommen? Nichts“</em>, sagt Kubaş.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am Abend herrscht im Dorf reges Treiben: Die Menschen drängen sich um die Läden, die Arbeiter der Ölgesellschaft suchen Zimmer in den örtlichen kleinen Hotels, die eher Hostels gleichen, alle kehren von der Arbeit zurück.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Saryköl und Şubarşi</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die benachbarten Dörfer Saryköl und Şurbarşi unterscheiden sich kaum von Kenqiıaq. &nbsp;Sie liegen beiderseits einer Landstraße, von der die Zufahrtsrampen zu den Anlagen und Lagertanks der Ölgesellschaften abgehen. Die Ruinen ehemaliger Anlagen des staatlichen Ölkonzerns sind überall sichtbar. Heute sind es größtenteils leere Grundstücke, umgeben von einem alten Zaun.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Einwohner:innen befürchten, dass die Ölkonzerne planen, ihre Aktivitäten einzuschränken und an einen anderen Standort zu verlegen. <em>„Sie stellen niemanden ein“</em>, sagt der 60-jährige Erkebulan (Name auf Wunsch durch Vlast geändert), der in Şubarşi geboren wurde. <em>„Und außer ihnen, den Chinesen, gibt es sonst niemanden. Nur Viehzucht. Uns Alte stellen sie ganz bestimmt nicht ein. Auch für die Jungen ist es schwer. Am meisten ärgern uns die Preise. Die Gaspreise steigen jeden Monat, und sie fördern es direkt hier, nur einen Steinwurf entfernt. Wir schlucken dieses Gift und zahlen wie alle anderen.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die meisten Einwohner:innen der drei Dörfer bitten darum, dass sie nicht fotografiert und ihre Klarnamen nicht verwendet werden. Sie alle sind in irgendeiner Weise mit den Ölkonzernen verbunden, die sie kritisieren.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="683" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/d0a475ed01dcd7a8d29ea5369d03321d-1024x683.jpg" alt="" class="wp-image-44449" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/d0a475ed01dcd7a8d29ea5369d03321d-1024x683.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/d0a475ed01dcd7a8d29ea5369d03321d-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/d0a475ed01dcd7a8d29ea5369d03321d-768x512.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/d0a475ed01dcd7a8d29ea5369d03321d-1536x1024.jpg 1536w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/d0a475ed01dcd7a8d29ea5369d03321d.jpg 1800w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Einer von ihnen, der 60-jährige Temirlan, arbeitet sein ganzes Leben lang in der Ölindustrie der Region. <em>„Ich war im Transportwesen tätig, als das Unternehmen noch staatlich war. Nachdem ein Investor kam und die Privatisierung stattfand, wurde alles schlimmer. […] Die Bedingungen sind schlechter und die Löhne niedriger“</em>, sagt der Mann und blickt sich um. <em>„Sieht man überhaupt, dass hier Öl und Gas gefördert werden? Unsere Dörfer sind denen völlig egal.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch Temirlan bestätigt die Umweltprobleme. <em>„Ich habe früher an einer Bohranlage gearbeitet. Zur Aufbereitung werden 350 Tonnen Säure in den Boden gepumpt. Aber wohin damit? Sie tritt an die Oberfläche. Sehen Sie sich dieses Land an. Früher haben wir hier Fußball gespielt, es war grün. Aber jetzt ist alles weg. Jedes Haus hatte eine Pumpe, und wir haben von dort Wasser geholt. Jetzt ist das unmöglich. Ich glaube, man kann sich mit diesem Wasser nicht einmal mehr waschen“</em>, sagt er.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der Nähe eilt der 58-jährige Qaısar (Name durch Vlast geändert) zum Laden. Er schnappt sich Lebensmittel, schwingt sich aufs Fahrrad und fährt schnell ins Dorfzentrum, wo sich ältere Männer versammeln. <em>„Das Öl zerstört alles“</em>, sagt Qaısar. <em>„Wenn sie das Gas aufdrehen, erstickt das ganze Dorf. Sie hören erst auf, wenn wir Lärm machen. Was für eine Schande! Ölland!“</em></p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="683" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/29e39db790304796bdc5cfaf44143e93-1024x683.jpg" alt="" class="wp-image-44450" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/29e39db790304796bdc5cfaf44143e93-1024x683.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/29e39db790304796bdc5cfaf44143e93-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/29e39db790304796bdc5cfaf44143e93-768x512.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/29e39db790304796bdc5cfaf44143e93-1536x1024.jpg 1536w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/29e39db790304796bdc5cfaf44143e93.jpg 1800w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Einwoher Saryköls</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Er kommt am örtlichen Verwaltungsgebäude an, gegenüber der Bushaltestelle. Dort haben sich etwa ein Dutzend Männer versammelt, die meisten von ihnen Rentner. <em>„Es gibt Arbeit für jeden, der sucht. Es gibt viele private Aufträge; ja, alles ist privatisiert worden“</em>, sagt einer von ihnen, der früher auch in der Ölbranche gearbeitet hat. Auf die Frage, ob das gut sei, antwortet er: „Was ist denn daran gut?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein anderer Mann fügt hinzu, dass alles <em>„von Öl und Gas verrottet“</em> sei: <em>„Die Leute werden krank. Jeder hier ist krank. Das Wasser ist widerlich, aber was soll man machen? Man muss es trinken.“</em></p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Die Firmengelände</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Zwanzig Kilometer von den Dörfern entfernt liegt Bäşenköl, das dem Kökjide am nächsten liegt. Von Kenqiıaq und Şubarşi gibt es keine Wegweiser nach Bäşenköl, obwohl mehrere Straßen dorthin führen. Ein Versuch, die Straße entlang des Geländes der Ölgesellschaften zu nehmen, scheiterte jedoch. Sicherheitskräfte halten uns an und erklären uns, dass dies verboten sei. Man müsse eine andere Straße nehmen. Laut einer Stellungnahme der Regionalverwaltung des Gebiets Aqtöbe sei das Firmengelände jedoch nicht eingezäunt, und die Einwohner:innen der umliegenden Siedlungen hätten ungehinderten Zugang.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Fahrt nach Bäşenköl dauert aufgrund der unebenen Straße, die das Auto ständig durchschüttelt, etwa eine halbe Stunde. Geschwindigkeiten über 40 km/h sind in einem Pkw gefährlich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während der gesamten Fahrt begegneten wir nur wenigen Autos, weidendem Vieh und keinerlei Hinweisschildern. Unweit des Dorfes befinden sich die Anlagen der Ölgesellschaft Ada Oil, dahinter eine Anhöhe und eine große Schranke. Wir geben an, dass wir nach Bäşenköl fahren, woraufhin die Straße für uns freigegeben wird.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Die letzten zwölf Familien</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Erst kurz vor dem Dorf taucht das rostende grüne Schild „Bäşenköl“ auf, neben einem Strommast – das einzige Zeichen der Moderne. Aus der Ferne könnte man meinen, es handele sich nur um ein paar vereinzelte Datschen. Doch es ist ein Dorf mit lediglich zwölf Familien.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="683" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/e02e60f9448436246ee13b401fe6f01d_autox1200-1024x683.jpg" alt="" class="wp-image-44451" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/e02e60f9448436246ee13b401fe6f01d_autox1200-1024x683.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/e02e60f9448436246ee13b401fe6f01d_autox1200-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/e02e60f9448436246ee13b401fe6f01d_autox1200-768x512.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/e02e60f9448436246ee13b401fe6f01d_autox1200-1536x1024.jpg 1536w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/e02e60f9448436246ee13b401fe6f01d_autox1200.jpg 1800w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Hier gibt es keine Straßen; man kann sich nur anhand der Autospuren im Sand fortbewegen. Überall liegen Ruinen, Überreste von Häusern, Kühen und Pferden. In der Nähe beladen zwei junge Männer einen Anhänger. Ihr Vater, Arman, schaut ihnen zu und hält ein kleines Mädchen im Pikachu-Kostüm auf dem Arm.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Sie sehen den Zustand des Dorfes. Wir brauchen hier Gas. Ada Oil fördert hier Gas. Es gibt zwar eine ständige Wasserversorgung, aber sie sollten eine Straße nach Kenqiıaq bauen. Es gibt keine Schule. Wenn wir Kinder haben, schicken wir sie nach Saryköl oder Kenkiyak. Es gibt keine Busse dorthin. Strom ist alles, was wir hier haben. Deshalb zieht niemand hierher; sie wollen ihre Häuser nicht mit dem Ofen heizen müssen“</em>, sagt er und blinzelt gegen den kalten Wind.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="683" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/f82c75c95ac63ba93acca0114c79be02_autox1200-1024x683.jpg" alt="" class="wp-image-44452" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/f82c75c95ac63ba93acca0114c79be02_autox1200-1024x683.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/f82c75c95ac63ba93acca0114c79be02_autox1200-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/f82c75c95ac63ba93acca0114c79be02_autox1200-768x512.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/f82c75c95ac63ba93acca0114c79be02_autox1200-1536x1024.jpg 1536w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/f82c75c95ac63ba93acca0114c79be02_autox1200.jpg 1800w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Arman wohnte in der Nähe und zog vor zwei Jahren hierher, um sein Vieh weiden zu lassen. Er besitzt nun sechs Kühe. <em>„Früher war es ein wunderschönes Dorf. Doch als die Wirtschaftskrise begann, sind alle weggezogen. Wenn sie jetzt alles gut herrichten, werden die Leute zurückkommen“</em>, glaubt er.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auf die Ölförderung angesprochen, erklärt er, dass sie an die örtlichen Gegebenheiten gewöhnt seien und dass Ada Oil die Anwohner:innen nach Kräften unterstütze. „<em>Sie stellen Leute ein. Sie liefern uns drei Tonnen Kohle pro Jahr. Wer Geräte oder einen Traktor für seinen Hof braucht, kann sich einen besorgen. Bei den Überschwemmungen halfen sie uns mit ihren Geräten, das Dorf am Laufen zu halten“</em>, sagt er.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="683" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/88c0361be29994efaa2899abb94f08d3-1024x683.jpg" alt="" class="wp-image-44453" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/88c0361be29994efaa2899abb94f08d3-1024x683.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/88c0361be29994efaa2899abb94f08d3-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/88c0361be29994efaa2899abb94f08d3-768x512.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/88c0361be29994efaa2899abb94f08d3-1536x1024.jpg 1536w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/88c0361be29994efaa2899abb94f08d3.jpg 1800w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Dann nähert sich aus der Ferne der 65-jährige Edilhan, der hier geboren wurde und schwerfällig von einem Fuß auf den anderen tritt. Er trägt Arbeitskleidung der Ölgesellschaft. <em>„Ich habe mein ganzes Leben lang mit Vieh gearbeitet. Sehen Sie, hier ist alles leer, es gibt nichts. Im Frühling und Herbst kann man unmöglich laufen, überall ist Matsch, und im Winter gibt es Schneestürme. Wenn man krank wird, kommt kein Krankenwagen. Man geht zu Ada Oil, die helfen einem“</em>, sagt Edilhan lächelnd. <em>„Das ist meine Heimat. Alle meine Nachkommen leben in Saryköl. Aber ich kann nicht weg. Das ist meine Heimat.“</em></p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Akim des Volkes</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Makar Utegenov ist wohl die bekannteste Persönlichkeit in den Dörfern. Er war Akim (Bürgermeister, Anm. d. Ü.) von Kenqiıaq, heute ist er Landwirt und engagiert sich in der lokalen Zivilgesellschaft. Fast jeder Einwohner der Dörfer spricht über ihn und möchte lokale Angelegenheiten mit ihm besprechen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir fahren zu seinem Hof, der zehn Minuten von Kenqiıaq entfernt mitten in der kargen Steppe liegt. Lastwagen und die Landarbeiter selbst stehen vor dem kleinen Haus, in dem sie wohnen. Einer von ihnen, ein älterer Mann in Arbeitskleidung, verabschiedet sich von Utegenov, da er <em>„dringend zum Dienst“</em> müsse. Der ehemalige Akim winkt ihm freundlich zum Abschied.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der 62-jährige Utegenov führt uns ins Wohnzimmer, wo er auf einem Sofa Platz nimmt, hinter dem ein großes, gesticktes Porträt seiner Eltern hängt. <em>„Mein Vater hat sich nach seiner Pensionierung 1997 um den Hof gekümmert. Er starb fünf Jahre später, und ich habe nichts aufgegeben. Ich habe alles weiterentwickelt. Wir haben hier Kamele, Kühe, Widder, Schafe und Pferde. Alle möglichen Tiere“, </em>sagt Utegenov, der fast sein ganzes Leben in der Öl- und Gasindustrie gearbeitet hat.<em> „Jetzt ist es nur noch der Hof. Er reicht für die Familie. Ansonsten habe ich momentan keine Arbeit. Ich wurde aus dem Staatsdienst entlassen. Anscheinend fehlen mir die nötigen Qualifikationen für diesen Job.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Utegenov wurde 2019 in einer Direktwahl zum Akim von Kenqiıaq gewählt. Anschließend veranlasste er die Asphaltierung der Straßen, die Sanierung baufälliger Gebäude, verabschiedete einen Flächennutzungsplan für das Dorf und legte neun Entwicklungsprogramme den Gebiets- und der Bezirksverwaltung vor. Diese fanden jedoch keine Unterstützung. 2023 wurde er seines Amtes enthoben.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="683" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/b97820d837575d6065de19d7ff91d93f_1440xauto-1024x683.jpg" alt="" class="wp-image-44454" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/b97820d837575d6065de19d7ff91d93f_1440xauto-1024x683.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/b97820d837575d6065de19d7ff91d93f_1440xauto-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/b97820d837575d6065de19d7ff91d93f_1440xauto-768x512.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/b97820d837575d6065de19d7ff91d93f_1440xauto.jpg 1440w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Marat Utegenov</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">In den sozialen Medien, insbesondere auf dem Kanal <a href="https://www.youtube.com/watch?v=e8hX3tiFsY4&amp;t=283s">Prosto Jurnalistika</a> („Einfach Journalismus“), kursiert eine Aufzeichnung von Utegenovs Bürgerversammlung, in der er die Anwesenden darüber informiert, dass die Bezirksverwaltung seine Initiativen nicht unterstützt. Die Menge war zu groß für das Gebäude, spendete aber dennoch Beifall. Salamat Amanbaev, der Akim des Bezirks Temir, saß in der Nähe und schüttelte nervös den Kopf.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Die Einheimischen baten mich zu kandidieren, weil das Dorf völlig vernachlässigt worden war. Wäre ich einer von ihnen [den Verwaltungsbeamten, Anm. d. Ü.] gewesen und hätte einfach ihr Lied gesungen, hätten sie mich wohl kaum gefeuert“</em>, sagt er, hält inne und blickt sich um. <em>„Wissen Sie, ich hätte nie gedacht, dass unser öffentlicher Dienst so versagt. Korruption und Lügen sind allgegenwärtig. Es gibt keine Programme, gar nichts. Sie warten nur auf Befehle von oben. Niemand tut etwas.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Der ehemalige Akim ist empört darüber, dass es im Dorf kein voll funktionsfähiges Krankenhaus gibt und dass das bestehende Krankenhaus aufgrund von Entlassungen zu einer <em>„einfachen Sanitätsstation“</em> verkommen ist. <em>„Alles konzentriert sich im Bezirkszentrum. Jeder soll dort behandelt werden, und wir müssen 125 Kilometer dorthin fahren (nach </em><a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Shubarkuduk"><em>Şübarqüdyq</em></a><em>, dem Zentrum des Bezirks Temir, zu dem auch Kenqiıaq gehört). Wir fahren hin, und dann heißt es: ‚Kommen Sie morgen wieder, es ist kein Arzt da.‘ So leben wir. Die Leute haben sich daran gewöhnt; es ist schon kaputt“</em>, gibt er zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Utegenov spricht auch über den Wiederaufbau der Wasserversorgung des Dorfes, der unter seiner Leitung begann. Er sagt, er habe in jeder Phase kämpfen müssen, um sicherzustellen, dass die Arbeiten vorschriftsmäßig und nach modernsten Standards durchgeführt wurden. <em>„Und wie sich herausstellte, war ich der Einzige, der all diese Fehlentscheidungen beanstandete“</em>, fügt er hinzu.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/leben-in-der-monostadt/">Leben in der Monostadt</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Unzufriedenheit mit dem Lebensstandard und den Investitionen in der Region hat wiederholt zu Protesten geführt. Die größten dieser Proteste fanden zur Zeit der <a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/kasachstan-die-unklare-bilanz-der-januar-unruhen/">Januar-Ereignisse</a> statt, als Arbeiter eines Ölkonzerns die Arbeit niederlegten und die Anwohner:innen auf die Straße gingen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Situation wurde von Utegenov, damals noch Akim des Dorfes, stabilisiert. Er sammelte die Forderungen der Demonstrierenden und legte sie zusammen mit anderen Aktivist:innen, darunter Ardak Kubaş, dem regionalen Akim Ondasyn Orazalin vor.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Utegenov äußert auch seine Bedenken hinsichtlich des Grundwassers im Kökjide. Er sagt, die Anwohner:innen hätten Vorschläge an den Akim des Gebiets Aqtöbe unterbreitet und Briefe an das nationale Unternehmen KazMunayGas geschrieben, aber <em>„seit 35 Jahren hat niemand etwas unternommen“</em>.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/janatas-eine-reportage-ueber-eine-kleine-stadt-im-sueden-kasachstans-und-seine-einwohnerinnen/">Jańatas – eine Reportage über eine kleine Stadt im Süden Kasachstans und seine EinwohnerInnen</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Können Sie sich das vorstellen? Sie wenden Säure-Fracking an und injizieren über tausend Tonnen verschiedener Lösungsmittel. Die Leitung ist mit schwarzem Wasser gefüllt. Was bedeutet das? Wir haben die Quelle verseucht. Und das hier war eine der saubersten Quellen der Region. Dieses Wasser lastet nun auf unserem Gewissen“</em>, sagt Utegenov.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Wissen Sie, ich bin der letzte Ölarbeiter in meiner Familie. Mein Vater war Ölarbeiter, ging in Rente und starb. Er arbeitete in einer Anlage, wo es Schwefelwasserstoff gibt – ein sehr gefährliches Gas ist. Es baut sich nicht ab, es verlässt den Körper nicht. Selbst wenn wir sterben, werden wir wahrscheinlich nicht verwesen. Wir werden nicht faulen, weil wir vollgestopft sind mit diesem Schwefelwasserstoff“</em>, lacht der Aktivist. <em>„Und testet irgendjemand unsere Gesundheit? Nein. Wozu auch? Chinesische Firmen kommen und machen, was sie wollen, weil sie die Erlaubnis von oben haben.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Utegenov wirft einen Blick aus dem alten Fenster, wo das gelbe Gras, das sich bis zum Horizont erstreckt, im starken Steppenwind wiegt. <em>„Es ist, als lebten wir in einem fremden Land. Niemand hört uns zu. Alle wollen weg. Aber wohin? Außer </em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Nursultan_Nasarbajew"><em>Nazarbaev</em></a><em>. Der tritt zurück und lebt. Ihm ist es egal. Obwohl ich mich mit 80 nicht mehr so </em><em>​​verstecken wollen w</em><em>ürde. Das ist doch dumm</em><em>“</em>, fügt er hinzu.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Luftverschmutzung</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Das Umweltamt des Gebiets Aqtöbe hat Luftverschmutzung und Schwefelwasserstoff-Emissionen in den Dörfern bestätigt. Laut dem stellvertretenden Direktor Talap Usnadin ist die Quelle aufgrund der Vielzahl an Betrieben jedoch schwer zu ermitteln. <em>„Bei unseren Besuchen können wir den genauen Ursprung der Emissionen nicht bestimmen, da sich die Atmosphäre ständig verändert“</em>, erklärt Usnadin.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dennoch, fügt er hinzu, hätten die Unternehmen Abkommen mit der Gebietsverwaltung unterzeichnet, die sie verpflichten, Grünstreifen um die Dörfer anzulegen und ihre Gruben zu sanieren. <em>„Denn die Emissionen stammen aus diesen Gruben, und wir haben uns eine Frist bis 2025/26 gesetzt, bis zu der das alles in den Gruben verbrannt werden soll“</em>, so Usnadin.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/die-luft-die-kasachstan-atmet/">Die Luft, die Kasachstan atmet</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Unternehmen selbst bestreiten jedoch, die Normen zur Reinhaltung der Luft verletzt zu haben. CNPC-AktobeMunaiGas erklärt, die tatsächlichen Emissionen in der Anlage „Kenkiyakneft“ würden aufgrund von <em>„Maßnahmen zur Minimierung der Auswirkungen der Produktionsaktivitäten auf die Atmosphäre“</em> zurückgehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Kenkiyakneft führt regelmäßige Umweltmonitorings durch und spezialisierte Organisationen führen jährliche und vierteljährliche Messungen an den Grenzen von Wohngebieten in den Dörfern Kenqiıaq, Saryköl, Şubarşi und Qümsaı durch. Laut diesen Messungen überschreiten die Schadstoffwerte die zulässigen Höchstgrenzen nicht“</em>, erklärt das Unternehmen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dasselbe berichtet Ada Oil. Das Unternehmen fügt hinzu: <em>„Kenqiıaq und Şubarşi liegen etwa 18 Kilometer von den Produktionsanlagen des Unternehmens entfernt und befinden sich nicht in dessen Einflussbereich.“</em></p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Die Position der Unternehmen</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Ölkonzerne, die in der Nähe des Kökjide-Sandmassivs tätig sind, glauben ausreichend für die Entwicklung der Region zu tun. „<em>Es ist wichtig, ein objektives Bild der Rolle der Unternehmen zu fördern – nicht als Bedrohung, sondern als Partner des Staates und der lokalen Gemeinschaften, die die territoriale Entwicklung und die Nachhaltigkeit der sozialen Infrastruktur gewährleisten“,</em> erklärt Joshi Deep Chandra, CEO von Ada Oil, auf Anfrage von Vlast.</p>



<p class="wp-block-paragraph">CNPC-AktobeMunaiGas gibt an, dass der Steuerbeitrag des Unternehmens in der Region 58 Prozent erreicht habe und dass von 2020 bis 2024 9,9 Milliarden Tenge (circa 17,8 Millionen Euro) an den Haushalt des Bezirks Temir überwiesen worden seien. Im Rahmen seiner sozialen Verantwortung habe man im Laufe der Geschäftstätigkeit 44,7 Millionen US-Dollar gespendet und verfolge zudem eine Wohltätigkeitspolitik.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Die Aktivitäten der Unternehmen zielen nicht nur auf die Entwicklung der Öl- und Gasindustrie ab, sondern auch auf die Aufrechterhaltung der sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Nachhaltigkeit der Region“</em>, betont Ada Oil.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/umwelt-und-technologie/was-laeuft-falsch-mit-der-oekologie-in-kasachstan/">Was läuft falsch mit der Ökologie in Kasachstan?</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Unternehmen fügt hinzu, dass es in der Region einen Kindergarten gebaut, umfangreiche Renovierungen an Bildungseinrichtungen durchgeführt, Wasserentnahmeanlagen wiederhergestellt, die Telekommunikationsinfrastruktur ausgebaut und auch Dörfer mit Kohle und Beleuchtung versorgt habe.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Wenn die Unternehmen massenhaft ihre Aktivitäten einstellen, drohen der Region Arbeitsplatzverluste, geringere Staatseinnahmen und eine Verschlechterung der Infrastruktur“</em>, heißt es weiter seitens des Unternehmens.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Samat Berdenov, Vizepräsident von KMK Munai, berichtete außerdem, dass rund 30 Prozent der Mitarbeiter des Unternehmens aus dem Bezirk Temir stammen. Das Unternehmen beschäftige etwa 275 Mitarbeiter, ohne die Angestellten externer Dienstleister. Die jährliche Ölproduktion betrage 56.000 Tonnen und werde in den drei Feldern Qümsaı, Mortyq und Kökjide gefördert.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Im Rahmen unseres Vertrags überweisen wir Gelder an den lokalen Haushalt für die soziale Entwicklung der Region. Darüber hinaus leisten wir individuelle Hilfe: Auf Anfrage stellen wir Ausrüstung bereit; während der Überschwemmungen halfen wir beim Bau von Dämmen. Wir verteilen Neujahrsgeschenke und helfen Schulkindern aus benachteiligten Familien. Dies alles geschieht zusätzlich zu individuellen Spenden und Patenschaften“</em>, so Berdenov.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vlast hat Anfragen an alle Unternehmen gesendet, aber von Urikhtau Operating keine Antwort erhalten. KazakhOil Aktobe lehnte es ab, die Fragen zu beantworten.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Weitere Bilder im </em><a href="https://vlast.kz/regiony/68136-kokzide-neftanaa-step.html"><em>Originalartikel</em></a><em>.</em></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Almas Kaysar, Paolo Sorbello (Text) und Daniyar Musirov (Fotos) für Vlast</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem Russischen von Robin Roth</strong></p>



<p class="has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/">Linkedin</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</strong></em></p>
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		<title>Schafsmilchprodukte: Eine fast vergessene Tradition Kasachstans</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Vlast]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 15 Apr 2026 18:43:48 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Kurut]]></category>
		<category><![CDATA[Landwirtschaft]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Q&#x16B;rt und Butter aus Schafsmilch findet man heute fast nirgendwo. Dabei war gerade Schafsmilch fr&#xFC;her die wichtigste Lebensgrundlage. Die Historikerin und Forscherin Ali&#x131;a Bolathan erz&#xE4;hlt f&#xFC;r unser Partnermedium Vlast, wie man im Dorf Aqqa&#x131;nar im Bezirk Merk&#x456; Butter und Q&#x16B;rt aus Schafsmilch zubereitet. In der Nomadenzeit war das ein verbreiteter Brauch, heute passiert das aber [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong>Qūrt und Butter aus Schafsmilch findet man heute fast nirgendwo. Dabei war gerade Schafsmilch früher die wichtigste Lebensgrundlage. Die Historikerin und Forscherin Aliıa Bolathan erzählt für unser Partnermedium Vlast, wie man im Dorf Aqqaınar im Bezirk Merkі Butter und Qūrt aus Schafsmilch zubereitet. In der Nomadenzeit war das ein verbreiteter Brauch, heute passiert das aber selten.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn wir über traditionelle Gerichte der kasachischen Küche reden, nennt man gleich Käse (irimşik), Butterschmalz (sary maı) und eben Qūrt – die kleinen, harten Kugeln aus getrocknetem Joghurt. Heute scheint es selbstverständlich, dass man sie aus Kuhmilch erstellt. Vor nur einem Jahrhundert erstellte man sie jedoch auf der Grundlage von Schafsmilch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Um zu sehen, wie dieser vergessene Geschmack sich erhalten hat, muss man auf die Hochweiden in den Bergen des <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Audan_Merki">Bezirks Merkі</a>– dorthin, wo die Einwohner so wie frühere Generationen bis heute Schafe melken und Qūrt erstellen. Vom Dorf bis zur Hochweide sind es circa 60-70 Kilometer. Der Weg ist aber beschwerlich: Autos kommen nicht durch, man kommt nur zu Pferd hoch.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Historischer Hintergrund</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Bis Anfang des 20. Jahrhunderts war Schafsmilch die Grundlage der Milchprodukte der kasachischen Küche. Laut Forschungen waren am Ende des 17. Jahrhunderts bei den Kasachen der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Jüngere_Horde">Jüngeren Horde</a> Pferde und Schafe die verbreitetsten Vieharten, während der Anzahl der Kühe und Kamelen zwischen 0 bis 1 Prozent betrug. Laut Daten aus einer ethnographischen Expedition um 1922 machte Kuhmilch nur 10 Prozent des Milchkonsums einer kasachischen Familie aus.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">Die unbedeutende Rolle größeren Hornviehs im traditionellen Haushalt der Kasachen liegt an mehreren Faktoren. Kühen fallen zum Beispiel die langen Wanderungen schwer, denn sie können mehrere Tausende Kilometer dauern; außerdem benötigen sie bei weitem mehr Pflege, vor allem im Winter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Relevant ist außerdem, dass Schafsmilch bedeutend nahrhafter als Kuhmilch ist: 4340 gegen 2640 Kalorien, fast doppelt so vi<em>el</em> (6,7 gegen 3,6 Prozent) sowie fast doppelt so viel Eiweiß (5,8 gegen 3,0 Prozent).</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Zu unserer Motivation</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Letzten Sommer, bei der Arbeit an einem Text über Qūrt für die Zeitschrift <em>Ancient Futures</em>, realisierte unser Team, dass unser Verständnis von Qūrt sehr vereinfacht war. Denn in der Tat ist das nicht nur ein Lebensmittel: Es trägt in sich ein besonderes und komplexes Verständnis von Ernährung, Körper, Erinnerung und Steppe. Ein Fakt insbesondere ließ mich persönlich nicht los: Laut den Quellen, galt gerade Schafsmilch als die nahrhafteste.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich bekam Lust, den Geschmack zu probieren, und eine einfache Frage wurde umso bedeutender: Warum habe ich, die mein ganzes Leben in Kasachstan verbracht habe, noch nie Qūrt aus Schafmilch gesehen? Denn heutzutage gibt es unzählige Sorten davon: aus Kuh-, Kamel-, Ziegen- und sogar mit Zugabe von Stutenmilch – aber nicht aus Schafsmilch!</p>



<figure class="wp-block-image size-large is-resized"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="771" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/d7e3b94bcd522cdb222c437520c4e8a2_autox1200-1024x771.jpg" alt="" class="wp-image-44496" style="aspect-ratio:1.328168158214562;width:746px;height:auto" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/d7e3b94bcd522cdb222c437520c4e8a2_autox1200-1024x771.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/d7e3b94bcd522cdb222c437520c4e8a2_autox1200-300x226.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/d7e3b94bcd522cdb222c437520c4e8a2_autox1200-768x578.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/d7e3b94bcd522cdb222c437520c4e8a2_autox1200-1536x1156.jpg 1536w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/d7e3b94bcd522cdb222c437520c4e8a2_autox1200.jpg 1593w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Photo: Aliıa Bolathan</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Wie kommt es, dass wir fast nie von Schafsmilch hören, die vor nicht mal hundert Jahren die Grundlage der ganzen Milchkultur der nomadischen Kasachen war? Diese Fragen waren nicht weniger wichtig als der Geschmack selbst. Experten für Schafzucht bestätigten: In Kasachstan gibt es keine Schafsmilchproduktion in industrieller Menge. Schafe sind nur in der Fleischindustrie vertreten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also machte ich mich auf der Suche nach einzelnen Haushalten, die noch Schafe melken. So kamen wir diesen Sommer zu Onkel Nesiphan und Tante Roziköl („Onkel“ und „Tante“ ist hier als respektvolle Bezeichnung für ältere Menschen zu verstehen, Anm. d. Ü.). Sie hießen uns herzlich willkommen, zeigten uns den Melkprozess, und wir durften traditionelle Schafmilch probieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am Anfang wollten wir das Melken auf der Weide beobachten, aber Tante Roziköl erklärte uns am Telefon, dass man dorthin nur zu Pferde kommt, und dass der Anstieg zwei Stunden dauert. Für die, die das nicht gewohnt sind, ist das fast unmöglich. Stattdessen hat sie uns eine Alternative vorgeschlagen: Zum Dorf kommen, wo sie die Schafe nach der Sommerzeit bringen, um sie nach einer Weile weiter ins Winterlager zu treiben. So konnten wir den Melkprozess beobachten.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kirgistan/kurut-die-weissen-steine-die-gegen-hunger-helfen/"><strong>Kurut – Die weißen Steine, die gegen Hunger helfen</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Das weiße am Rand. Jelіnі syzdap tūrğanyn usta ūsta (Halt es fest, ihr Euter füllt sich)“</em>, sagt Tante Roziköl. Eljas, der Enkel von Onkel Nesiphan, fasst geschickt das Hinterbein des Schafs und umarmt es. In den ersten Sekunden zuckt das Tier, beruhigt sich aber fast sofort. Es wird fest, aber nicht grob gehalten. In dieser Bewegung liegen Kraft und Zärtlichkeit zugleich.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a></a>Tante Roziköl setzt sich daneben, einen Eimer schon in der Hand, und mit einem leisen, kaum hörbaren Geräusch fließt die Milch ins Metall. Dieser zweiminütige Alltagsmoment verkörpert die Weitergabe des Wissens von den Älteren an die Jüngeren, die Koexistenz von Mensch und Tier, den Rhythmus des Steppenlebens, der in Büchern selten zum Ausdruck kommt.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Die Menschen</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Onkel Nesiphan ist ein angesehener Hirte der Region und betreibt die Schafzucht seit 1981. Im Sommer sagt er „<em>tauğa shyğamyz“ – „wir steigen ins Gebirge“</em>. Im Winter sagt er <em>„qūmğa ketemiz“ – „wir gehen in die Wüste“</em>. Der saisonale Rhythmus der Familie bleibt bis heute erhalten.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Dreißig Jahre lang habe ich auf der Hochweide gegen Wölfe gekämpft. Aber vor drei Jahren sind die Wölfe verschwunden. Jetzt ist es ruhig“</em>, fügte Onkel Nesiphan hinzu. In diesem Satz erklingt nicht nur die wortwörtliche Erfahrung eines Menschen, dessen Herde Jahrzehntelang von Gefahr von Raubtierangriffen bedroht war, sondern auch eine symbolische Bestätigung eines gelebten Lebens, ein Leben als Ausdruck seiner Autorität und Kompetenz.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Saisonalität</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Melksaison beginnt mit der Trennung der Jungtiere von den Mutterschafen nach der ersten Augustwoche, etwa fünf Monate nach der Geburt. Nach der Trennung hört die Milch nicht sofort auf zu fließen. Man muss sie melken: zuerst jeden Tag, dann alle zwei Tage oder seltener, und so fließt die Milch innerhalb von drei-vier Wochen auf natürliche Weise ab. Ansonsten, wie man hier sagt, <em>„malğa obal”</em> – ist es für das Tier schädlich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn man in dieser kurzen Zeit 250–300 Schafe melkt, bekommt man eine ordentliche Menge an Butter und Qūrt für den Wintervorrat. Zum Beispiel etwa zwei Qaryn frischer Butte (ein Qaryn entspricht 5-6 kg) und ein Qap Qūrt (70 kg). Für ein Kilogramm Qūrt benötigt man acht-zehn Liter Schafsmilch, und für einen Qaryn Butter braucht man 55 Liter Milch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hier muss man berücksichtigen, dass die Tiere gegen Ende ihrer Laktationsperiode deutlich weniger Milch produzieren. Unter natürlichen Umständen geben Schafe in den ersten 60 Tagen am meisten Milch, danach nimmt die Milchproduktion ab.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="819" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/fffc4d89f6b23da7c0d36b565f163aff_autox1200-1024x819.jpg" alt="" class="wp-image-44495" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/fffc4d89f6b23da7c0d36b565f163aff_autox1200-1024x819.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/fffc4d89f6b23da7c0d36b565f163aff_autox1200-300x240.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/fffc4d89f6b23da7c0d36b565f163aff_autox1200-768x614.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2026/04/fffc4d89f6b23da7c0d36b565f163aff_autox1200.jpg 1500w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Photo: Baurjan Bismildin</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn TanteRoziköl die Schafe diese ganze Periode lang melken würde, wäre der Ertrag viel höher. Doch tut sie dies nicht wegen der Milch oder der Milchprodukte. Die Fortsetzung der Praxis des Schafmelkens ist keine <em>„Tradition um der Tradition willen”</em>. Es ist Wissen, das sich in den Händen, Gesten und im Rhythmus der Weide widerspiegelt. Man kann es als Teil der kulturellen Ökologie verstehen – verwurzelt im natürlichen Kreislauf der Tierpflege und der Aufrechterhaltung der Beziehung zwischen Mensch und Herde, wo das Melken weniger ein wirtschaftlicher Vorteil als vielmehr eine Form der Teilhabe am Leben der Steppe ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dass Tante Roziköl und Onkel Nesiphan weiterhin Schafe melken, scheint heute eine Ausnahme zu sein. Vor knapp hundert Jahren war Schafsmilch die Grundlage der Milchkultur der Kasachen, aber nach und nach rückte diese Praxis in den Hintergrund. Im Nomadenleben spielten Schafe und Pferde eine Schlüsselrolle, während Kühe eine unbedeutende Rolle spielten: Sie vertrugen lange Wanderungen schlecht und erforderten im Winter mehr Pflege.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/usbekistan/ich-liebe-kamele-denn-ihre-milch-hat-meinen-vater-geheilt-ein-ausflug-zu-einer-kamelfarm-im-ferganatal/"><strong>„Ich liebe Kamele, denn ihre Milch hat meinen Vater geheilt“ – ein Ausflug zu einer Kamelfarm im Ferganatal</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">In der Kolonialzeit änderte sich die Situation: Das Aufkommen von Kühen bei den Kasachen hängt mit den Kontakten zu ihren Nachbarn zusammen, sowie mit der Umsiedlungspolitik und den veränderten Handelsprioritäten. Allmählich wurde die Kuh vom „schlechtesten Vieh“ (maldy<em>ñ</em> jamany siır) zu einem wertvollen Tier ( siır p<em>ū</em>l boldy). Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstand eine kasachische Rasse, die die Grundlage für die weitere Züchtung und Verbreitung bildete.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der Sowjetzeit verstärkte sich dieser Wandel: Der Ansatz basierte auf industrieller Produktion und Verarbeitung sowie standardisierten Rohstoffen. Kuhmilch erwies sich als besser für das System geeignet, während Schafe in der Fleisch- und Wollproduktion Fuß fassten. Das Motto der 1960er Jahre „Schafzucht – die zweite Neulanderschließung” machte Kasachstan zum führenden Ersteller von Wolle und Lammfleisch, aber die Milchwirtschaft, einst die Grundlage des Nomadenlebens, verschwand aus den Statistiken und aus der öffentlichen Wahrnehmung der Küche.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Weitere Bilder findet ihr im </em><a href="https://vlast.kz/life/66314-kak-delaut-maslo-i-kurt-iz-ovecego-moloka.html"><em>Originalartikel</em></a><em>.</em></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aliıa Bolathan (Text) und Baurjan Bismildin (Fotos) für Vlast</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Übersetzt aus dem </strong><a href="https://vlast.kz/life/66314-kak-delaut-maslo-i-kurt-iz-ovecego-moloka.html"><strong>Russischen</strong></a><strong> von Giulia Manca</strong></p>



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		<title>Sowjetische Kinos in Ostkasachstan</title>
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		<pubDate>Fri, 23 Jan 2026 06:42:32 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Architektur]]></category>
		<category><![CDATA[Bauprojekt]]></category>
		<category><![CDATA[Öskemen]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>In den Vorkriegsjahren begann man in Ostkasachstan mit dem Bau von Kinos, von denen einige typisch und andere einzigartig waren. Der Heimatforscher Artem Smirnov erz&#xE4;hlt von ihrer Entstehung und ihrem weiteren Schicksal. In erster Linie wurden Kinos in den damals wichtigsten Industriezentren der jeweiligen Region gebaut. In der Region Ostkasachstan war dies in den 1930er [&#x2026;]</p>
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<p class="wp-block-paragraph">In den Vorkriegsjahren begann man in Ostkasachstan mit dem Bau von Kinos, von denen einige typisch und andere einzigartig waren. Der Heimatforscher Artem Smirnov erzählt von ihrer Entstehung und ihrem weiteren Schicksal.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In erster Linie wurden Kinos in den damals wichtigsten Industriezentren der jeweiligen Region gebaut. In der Region <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ostkasachstan">Ostkasachstan</a> war dies in den 1930er Jahren die Stadt <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ridder">Ridder</a>. Mit der Inbetriebnahme des <a href="https://ru.wikipedia.org/wiki/%D0%A3%D0%BB%D1%8C%D0%B1%D0%B8%D0%BD%D1%81%D0%BA%D0%B0%D1%8F_%D0%93%D0%AD%D0%A1">Ulbinskaia-Wasserkraftwerks</a>, einer Anreicherungsfabrik und einer Bleifabrik sowie der Fertigstellung des Eisenbahnbaus schritt die industrielle Entwicklung der alten Bergbausiedlung mit Riesenschritten voran.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Ein Meilenstein der Kinokultur: Das moderne Lichtspielhaus von Ridder</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Als Ersatz für die um das Industriegelände herum entstandene Altstadt waren Viertel der Neustadt vorgesehen, die südwestlich des bestehenden Wohngebiets auf einem Plateau in der Nähe des Berges Matrenin Sokolok geplant waren. Noch in den Vorkriegsjahren, lange vor dem neu gegründeten regionalen Zentrum <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%96skemen">Ust-Kamenogorsk</a>, entstanden in Ridder die ersten vierstöckigen Häuser. Diese Häuser wurden am Anfang der heutigen Prospekte Nezavisimosti und Gagarin in einem Stadtteil namens Novostroika gebaut. Viel früher als in anderen Städten der Region wurde hier auch ein Kino gebaut.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/das-kinotheater-heimat-filme-haben-wir-nur-zuschauer-nicht/">Das Kinotheater „Heimat“: Filme haben wir, nur Zuschauer nicht</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Am 21. September 1939 wurde in Ridder, im Stadtteil Novostroika, ein modernes Kino eröffnet. Das Gebäude verfügte über einen Kinosaal mit 500 Plätzen, einen Buffetbereich und einen Lesesaal, außerdem war ein Bereich für ein Jazzorchester vorgesehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Entwurf des Kinos stammt vom Architekten <a href="https://ru.wikipedia.org/wiki/%D0%9A%D0%B0%D0%BB%D0%BC%D1%8B%D0%BA%D0%BE%D0%B2,_%D0%92%D0%B8%D0%BA%D1%82%D0%BE%D1%80_%D0%9F%D0%B5%D1%82%D1%80%D0%BE%D0%B2%D0%B8%D1%87">Viktor Petrovitş Kalmykov</a> – in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre der führende Spezialist für die Planung und den Bau von Kinos in der Sowjetunion.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Architektur und Nachnutzung des <em>„Kinos auf der Neubausiedlung“</em></strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Das Projekt des Kinos mit 500 Plätzen war sowohl hinsichtlich seines Aussehens als auch seines Charakters fortschrittlich. Der Architekt war einer der ersten, der das Konzept eines neuen Typs von Veranstaltungsort für Filmvorführungen und kulturelle Freizeitaktivitäten vorschlug. Ähnliche Kinos entstanden in <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Qaraghandy">Karaganda</a> und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Qysylorda">Kyzylorda</a>, einige weitere in verschiedenen Städten der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Russische_Sozialistische_F%C3%B6derative_Sowjetrepublik">RSFSR</a> [Anm. d. Red.: Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik].</p>



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<p class="wp-block-paragraph">Den Einwohner:innen von Ridder, seit 1941 Leninogorsk, war das Gebäude als <em>„Kino auf der Neubausiedlung”</em> bekannt. Offiziell erhielt es den Namen des Parteifunktionärs <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Lasar_Moissejewitsch_Kaganowitsch">Lazar Kaganovitsch</a>. 1957 wurde das Kino zu Ehren des Dichters <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Wladimir_Wladimirowitsch_Majakowski">Vladimir Maiakovski</a> umbenannt. Danach hieß es <em>„Kino Maiakovski“</em> und befand sich in Leninogorsk, Prospekt Lenina 6 (heute Ridder, Prospekt Nezavisimosti).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Jahr 1998 wurde das Gebäude an Privatpersonen verkauft und umgebaut, heute befindet sich dort ein Minimarkt. Das äußere Erscheinungsbild des Gebäudes ist jedoch erhalten geblieben.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Ust-Kamenogorsk: Verzögerungen und der klassische Stil</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Was das regionale Zentrum <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%96skemen">Ust-Kamenogorsk</a> betrifft, so wurde die Bevölkerung der Stadt viele Jahre lang von einem einzigen Kino aus der Zeit vor der Revolution versorgt – dem <em>„Oktyabr“</em>, ursprünglich <em>„Echo“</em>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während in Ridder vor Beginn des <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_des_Gro%C3%9Fen_Vaterl%C3%A4ndischen_Krieges_der_Sowjetunion">Großen Vaterländischen Krieges</a> zumindest ein Teil des Neuen Stadtviertels fertiggestellt werden konnte, wurde in Ust-Kamenogorsk sogar die Renovierung des alten Kinogebäudes verschoben, ganz zu schweigen vom Bau eines neuen Gebäudes.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Goskino">Ministerium für Kinematografie</a> plante für 1952 den Bau eines Kinos in Ust-Kamenogorsk. Dazu musste man sich jedoch an die höchsten Instanzen wenden: Der einzige Generalunternehmer in Ust-Kamenogorsk in jenen Jahren, der Trust <em>„Altaisvinetsstroi“</em>, war nicht daran interessiert, Arbeiten an einem Kulturprojekt zu übernehmen. Die Stadt- und Regionalverwaltung konnte erreichen, dass sich der Trust verpflichtete, mit den Arbeiten an einem Musterkino zu beginnen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für den Bau wurde ein Grundstück unweit des Stadtzentrums ausgewählt, an der Krasnooktyabrskaia-Straße – heute Prospekt Auezov, an der Kreuzung mit der Maxim-Gorki-Straße. Als Grundlage diente ein in der UdSSR weit verbreiteter Entwurf für ein Kino im bewusst <em>„klassischen”</em> Stil, dessen Architektin, <a href="https://ru.wikipedia.org/wiki/%D0%91%D1%80%D0%BE%D0%B4,_%D0%97%D0%BE%D1%8F_%D0%9E%D1%81%D0%B8%D0%BF%D0%BE%D0%B2%D0%BD%D0%B0">Zoia Osipovna Brod</a>, an den Staatlichen Architekturwerkstätten beim Ministerrat der UdSSR war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im November 1953 berichteten die regionalen Zeitungen: Der Bau des Kinos mit 360 Plätzen, das bald unter dem Namen <em>„Vostok”</em> bekannt wurde, wurde vorzeitig abgeschlossen, wobei sich das Team der neu gegründeten Baufirma <em>„Kultbytstroi”</em> des Trusts <em>„Altaisvinetsstroi”</em> besonders hervorgetan hatte.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Ein tragischer Zwischenfall: Der Deckeneinsturz im „Vostok“</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Doch schon bald wurde das Kino auf traurige Weise <em>„berühmt”</em>. Am 9. September 1954 stürzte die Decke des Zuschauer:innen-Raums ein. Dies geschah weniger als ein Jahr nach der Fertigstellung des Gebäudes.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/umwelt-und-technologie/oeskemen-leben-mit-dem-smog/">Öskemen: Leben mit dem Smog</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Einwohner:innen der Stadt erinnern sich: Dieser Vorfall wurde sogar im Physikunterricht der Oberstufe als typisches Beispiel für das Phänomen der Resonanz behandelt. Auslöser war ein Ventilator, der nach Ende der Filmvorführung eingeschaltet wurde, um den Saal zu lüften. Die Vibrationen des Ventilators übertrugen sich auf die Deckenbalken, was zum Einsturz führte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Untersuchungskommission stellte fest: Die Deckenkonstruktionen wurden im Mai 1953 von <em>„Kultbytstroi“</em> montiert und installiert, wobei das Material auf persönliche Anweisung des Bauleiters ohne jegliche Berechnungen und Abstimmungen ausgetauscht wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Glücklicherweise wurde bei dem Vorfall niemand verletzt, es entstand lediglich ein Sachschaden in Höhe von 45.000 Rubel (ca. 500 €).</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Vom Kinderkino zum Handelsstandort</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Seit 1965 war das Kino in der Krasnooktyabrskaia-Straße 47 als Kinderkino <em>„Orlenok“</em> bekannt – unter diesem Namen war es etwa 30 Jahre lang in Betrieb. Genau hier konnten viele der älteren Einwohner:innen von Ust-Kamenogorsk als Kinder zum ersten Mal Kinofilme und Zeichentrickfilme sehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit Beginn der 90er Jahre und dem Niedergang des regionalen Kinonetzwerks wurden die Vorführungen eingestellt. Mitte der 90er Jahre gab es Versuche, das Kinogebäude wieder seiner ursprünglichen Nutzung zuzuführen, doch schließlich wurde es 1999 verkauft.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Infolgedessen wurde das ehemalige Kino <em>„Orlenok”</em> zunächst als Nachtclub und später als Wettbüro bekannt. Heute beherbergt das Gebäude verschiedene Handelsunternehmen.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Zyrianovsk und Schemonaicha: Regionale Eigenentwürfe</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Das Kino <em>„Vostok“</em>, auch bekannt als <em>„Orlenok“</em>, wurde nach einem bekannten Standardentwurf gebaut. Im Gegensatz dazu entstanden im gleichen Zeitraum in zwei Ortschaften der Region Ostkasachstan Gebäude, die sich durch ihre architektonische Gestaltung auszeichneten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Jahr 1949 wandte sich die regionale Kinobehörde an das Planungsbüro <em>„Oblproekt“</em> in Ust-Kamenogorsk: Es sollte ein neues Kino gebaut werden. So wurden bereits im August 1949 die Entwürfe für ein Kino mit 300 Plätzen für <a href="https://ru.wikipedia.org/wiki/%D0%90%D0%BB%D1%82%D0%B0%D0%B9_(%D0%B3%D0%BE%D1%80%D0%BE%D0%B4,_%D0%9A%D0%B0%D0%B7%D0%B0%D1%85%D1%81%D1%82%D0%B0%D0%BD)">Zyrianovsk</a> und <a href="https://ru.wikipedia.org/wiki/%D0%A8%D0%B5%D0%BC%D0%BE%D0%BD%D0%B0%D0%B8%D1%85%D0%B0">Schemonaicha</a> vorbereitet. Die Autor:innen des Projekts waren die Architekt:innen Gennadi Nikolaievitsch Alekseiev und Tamara Nikolaevna Vinogradova.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Interessanterweise stellte die Autorin auf der Zeichnung der Hauptfassade Plakate der 1949 beliebten <a href="https://ru.wikipedia.org/wiki/%D0%A1%D1%87%D0%B0%D1%81%D1%82%D0%BB%D0%B8%D0%B2%D1%8B%D0%B9_%D1%80%D0%B5%D0%B9%D1%81">Filmkomödie <em>„Glückliche Reise”</em></a> dar.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Gemeinsame Pläne und bauliche Besonderheiten</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Der Bau des neuen Kulturgebäudes in Schemonaicha war bereits in den Vorkriegsjahren geplant, jedoch beschränkte sich das Vorhaben lediglich auf die Errichtung des Fundaments. Da laut Auftrag des Kunden – der Kinobehörde – beide Gebäude nach einem einheitlichen Entwurf gebaut werden sollten, wurden die Abmessungen des alten Fundaments auf das neu zu errichtende Kino in Zyrianovsk (heute Altai) übertragen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/tadschikistan/weibliches-kino-aus-zentralasien/">Weibliches Kino aus Zentralasien</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Neben dem Zuschauer:innen-Raum, dem Kassenbereich, dem Foyer und den Technikräumen wurden in den Entwürfen auch die Unterbringung einer Snackbar und eines Clubraums berücksichtigt. Der Entwurf sah drei Varianten für die Seitenfassaden vor: mit kleinen Fenstern, mit großen Fenstern und ohne Fenster. Tatsächlich wurde in beiden Ortschaften die Variante ohne Fenster im Zuschauer:innen-Raum umgesetzt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Wandmaterial beider Gebäude war laut Projekt Schlackenbeton, im Gegensatz zu anderen Backsteingebäuden. Diese Wahl war für Shemonaikha besonders relevant, da Backsteine Mangelware waren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Interessanterweise schlug der Leiter der Abteilung für Kinofilmverbreitung des Bezirks Zyrianovo, I. Loktev, im selben Jahr 1949 ein eigenes Projekt für ein Freizeitgebäude vor. Neben einem Kinosaal, einem Lesesaal und einem Foyer vergaß der Beamte nicht, auch sein eigenes Arbeitszimmer in den Entwurf aufzunehmen. Offensichtlich wurde diese Variante nicht angenommen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die regionale Architekturabteilung lehnte auch den ursprünglichen Entwurf des Masterplans für das Kino in Zyrianovsk ab, der 1949 von <em>„Oblproekt“</em> erstellt worden war. Tatsächlich wurde das Gebäude im selben Stadtteil, am Ende der Sovetskaia-Straße in der Nähe des Flusses Maslianka, errichtet, jedoch um 180 Grad gegenüber dem zuvor genehmigten Plan gedreht.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Das Schicksal der Kinos <em>„Rodina“</em> und <em>„Zaria“</em></strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Das Kino in Zyrianovsk erhielt den Namen <em>„Rodina“</em> und wurde bis 1953 fertiggestellt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Masterplan für den Bau des Gebäudes in Schemonaicha blieb unverändert: Das Gebäude wurde im Zentrum des Dorfes auf einem vorhandenen Fundament aus Schotter und Beton entlang der Bazarnaia-Straße (später Tschapaev-Straße, heute Alexander-Kaporin-Straße) gegenüber dem Marktplatz und neben der Ostrovski-Mittelschule errichtet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So große Bauwerke in Städten und Arbeitersiedlungen wurden in der Regel unter Einbeziehung eines Generalunternehmers errichtet. Dazu gehörten beispielsweise der Trust <em>„Bolschoi Ridder“</em> in den 1930er Jahren und der Trust <em>„Altaisvinetsstroi“ </em>in den 1950er Jahren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Bau des Kinos in Schemonaicha wurde hingegen von der örtlichen Kinobehörde geleitet – auf wirtschaftliche Weise, nach der Methode des <a href="https://ru.wikipedia.org/wiki/%D0%93%D0%BE%D1%80%D1%8C%D0%BA%D0%BE%D0%B2%D1%81%D0%BA%D0%B8%D0%B9_%D0%BC%D0%B5%D1%82%D0%BE%D0%B4"><em>„Volksbaus”</em></a>. Die ersten Arbeiten begannen 1949, im Laufe des folgenden Jahres wurden die Schlackenbetonwände gegossen. Im Juli 1950 wurde der Bau jedoch eingestellt, und aufgrund aller Änderungen in der Kostenvoranschlagsdokumentation und fehlender Finanzierung wurde der Bau erst 1952 fortgesetzt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am 3. August 1953 wurde der Bau des Kinos abgeschlossen und darin eine Parteikonferenz des Bezirks Schemonaicha abgehalten. Damals wurde auch der Vorschlag gemacht, das Kino <em>„Zaria”</em> zu nennen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Privatisierung hat auch die Kinosäle von Zyrianovsk und Schemonaicha nicht verschont, aber die Gebäude blieben erhalten. Das Material der Wände – Schlackenbeton – konnte kaum wiederverwendet werden, was man von vielen Gebäuden in der Region Ostkasachstan nicht behaupten kann, die bis auf die Grundmauern abgerissen wurden.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/aus-der-blauen-steppe-kommen-wir-ein-schulexperiment-im-kasachischen-hinterland/">Aus der blauen Steppe kommen wir – Ein Schulexperiment im kasachischen Hinterland</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Kino <em>„Zaria“</em> in Schemonaicha wird als Verkaufsstelle genutzt. Dabei sind noch immer die ursprünglichen architektonischen Details erhalten, die stellenweise durch eine neue Verkleidung verdeckt sind.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Kino <em>„Rodina“</em> in der Stadt Altai – im ehemaligen Zyrianovsk – sieht zwar nach Jahrzehnten noch intakt aus, ist aber komplett für die Öffentlichkeit gesperrt. Es befindet sich auf einem privaten, umzäunten Grundstück. Auf Fotos aus dem Jahr 2012 sind noch originale Details des Gebäudes zu sehen. Heute ist das ehemalige Kino neu verputzt und seiner <em>„ursprünglichen“</em> Verzierungen beraubt, auch die Fenster sind ausgetauscht worden.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Ein architektonisches Erbe Ostkasachstans</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">So wurde in der Region Ostkasachstan für den Bau von Kinos ein wenig verbreitetes, fortschrittliches Projekt verwendet, das zudem zeitlich weit zurückliegt – in die Vorkriegsjahre. Außerdem wurde ein weit verbreitetes Projekt im neoklassizistischen Stil verwendet. Schließlich wurde ein völlig einzigartiges Projekt von Architekt:innen aus Ust-Kamenogorsk umgesetzt.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Bei der Erstellung dieses Textes wurden Materialien aus dem Staatsarchiv der Region Ostkasachstan verwendet.</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Artem Smirnov, Ortskundler, Ust-Kamenogorsk, für Vlast</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem <a href="https://vlast.kz/gorod/64018-sovetskie-kinoteatry-vostocnogo-kazahstana.html">Russischen</a> von Irina Radu</strong></p>



<p class="has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/">Linkedin</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</strong></em></p>
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			</item>
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		<title>Kasachstans Regierung schiebt Schuld für wirtschaftliche Probleme der Bevölkerung zu</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Vlast]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 29 Oct 2025 19:26:10 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Astana]]></category>
		<category><![CDATA[Blutiger Januar]]></category>
		<category><![CDATA[Kasachstan 2030]]></category>
		<category><![CDATA[Nationaler Fonds für Kinder]]></category>
		<category><![CDATA[Neoliberalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Nursultan Nazarbaev]]></category>
		<category><![CDATA[Qantar]]></category>
		<category><![CDATA[Qasym-Jomart Toqaev]]></category>
		<category><![CDATA[Schmarotzertum]]></category>
		<category><![CDATA[Schocktherapie]]></category>
		<category><![CDATA[Sozialleistungen]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>In seiner j&#xFC;ngsten Ansprache an die Nation warf Kasachstans Pr&#xE4;sident Qasym-Jomart Toqaev den Kasachstanern erneut &#x201E;soziales Schmarotzertum&#x201C; vor und setzte damit die Praxis &#xE4;hnlicher &#xC4;u&#xDF;erungen seines Vorg&#xE4;ngers Nursultan Nazarbaev fort. Laut dem Pr&#xE4;sidenten f&#xF6;rderte die Regierung seit mindestens f&#xFC;nfzehn Jahren ein &#x201E;soziales Betrugssystem&#x201C;. Nun m&#xFC;sse der Staat seine Sozialpolitik &#xFC;berarbeiten, was voraussichtlich zu einer Verringerung [&#x2026;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph">I<strong>n seiner jüngsten Ansprache an die Nation warf Kasachstans Präsident Qasym-Jomart Toqaev den Kasachstanern erneut „soziales Schmarotzertum“ vor und setzte damit die Praxis ähnlicher Äußerungen seines Vorgängers Nursultan Nazarbaev fort.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Laut dem Präsidenten förderte die Regierung seit mindestens fünfzehn Jahren ein „soziales Betrugssystem“. Nun müsse der Staat seine Sozialpolitik überarbeiten, was voraussichtlich zu einer Verringerung der Zahl der Empfangenden staatlicher Leistungen führen werde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Experten sind der Ansicht, dass solche Aussagen Teil des ideologischen Narrativs der kasachstanischen Eliten sind. Sie schieben die Verantwortung für die Armut auf die Bevölkerung, um das Versagen der staatlichen Wirtschaftspolitik zu verschleiern und Ungleichheit zu rechtfertigen.</p>



<h2 class="wp-block-heading">&#8222;Pomogajki&#8220; und Scheidungen für Sozialleistungen?</h2>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Die kurzsichtige, beschwichtigende Sozialpolitik des Staates führte zu über hundert verschiedenen Vergünstigungen, von denen eine eigene Gruppe von Bürgerinnen und Bürgern profitiert – die sogenannten ‚Pomogajki‘ [umgangssprachlich etwa &#8222;Sozialhilfejäger&#8220;, Anm. d. Übers.]. (&#8230;) Wozu soll man arbeiten, wenn man Beihilfen erhalten kann – sogar gezielte Sozialhilfe für jedes Familienmitglied?“</em>, verlautete Toqaev in seiner <a href="https://www.akorda.kz/ru/poslanie-glavy-gosudarstva-kasym-zhomarta-tokaeva-narodu-kazahstana-kazahstan-v-epohu-iskusstvennogo-intellekta-aktualnye-zadachi-i-ih-resheniya-cherez-cifrovuyu-transformaciyu-885145">Ansprache</a>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In den Reden des Präsidenten wird der soziale Teil mit besonderer Spannung erwartet – dort spricht er meist über Lohnerhöhungen, neue Beihilfen und Programme wie den „Nationalen Fonds für Kinder“.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="683" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/10/Baiterek-in-Astana-Foto-Janary-Karimova-1024x683.jpg" alt="" class="wp-image-43294" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/10/Baiterek-in-Astana-Foto-Janary-Karimova-1024x683.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/10/Baiterek-in-Astana-Foto-Janary-Karimova-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/10/Baiterek-in-Astana-Foto-Janary-Karimova-768x512.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/10/Baiterek-in-Astana-Foto-Janary-Karimova.jpg 1440w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Baıterek in Astana. Foto: Janary Karimova</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Doch in diesem Jahr griff Toqaev die Sozialpolitik der Regierung scharf an und forderte eine Überprüfung und Vereinheitlichung. Seiner Meinung nach hätten die zuständigen Ministerien Missbrauch und „soziale Betrugsfälle“ unter der Bevölkerung provoziert.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Unsere Sozialpolitiker haben eine neue Kategorie für Vergünstigungen erfunden – für Alleinerziehende. In der Folge stieg die Zahl der Scheidungen sprunghaft an. In diesem Bereich gehörten wir zeitweise sogar zu den Spitzenreitern weltweit. Solche Beispiele gibt es viele – wir fördern selbst Faulheit und Abhängigkeit“</em>, so der Präsident.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/warum-die-menschen-in-kasachstan-inzwischen-seltener-heiraten/">Warum die Menschen in Kasachstan inzwischen seltener heiraten</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Toqaev behauptete außerdem, dass Veteranen der sowjetischen Kriege weiterhin Zahlungen erhielten, obwohl ihre Zahl <em>„zunehme und sie immer jünger werden“</em>. Zudem überforderten Menschen aus den Regionen die Infrastruktur der Hauptstadt, weil es vor Ort keine gleichen Chancen gebe:<em> „Statt die Stadt vorausschauend zu entwickeln, ist [die Stadtverwaltung von Astana] gezwungen, erhebliche Mittel für soziale Ausgaben bereitzustellen“</em>, sagte Toqaev.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Fortsetzung einer Strategie</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Aussagen wie diese setzen die antisoziale Rhetorik <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Nursultan_Nasarbajew">Nursultan Nazarbaevs</a> fort. Bereits 1997 erklärte der ehemalige Präsident in seiner Strategie <em>„<a href="https://adilet.zan.kz/rus/docs/K970002030_">Kasachstan 2030</a>“</em>, der Staat solle nur die schwächsten Gruppen unterstützen – alle anderen müssten <em>„selbst zurechtkommen“</em>. Damit rechtfertigte er die Kürzung sozialer Leistungen im Zuge der marktwirtschaftlichen Reformen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Nazarbaev legte die ‚neoliberale‘ Logik fest, die soziale Ungleichheit normalisierte und das Individuum statt des Staates für sein Wohlergehen verantwortlich machte“</em>, analysiert Eugenia Pesci, Doktorandin an der Universität Helsinki.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Rhetorik, so Pesci, sei weltweit verbreitet. In den postsowjetischen Ländern stütze sie sich auf das Argument, dass die Sowjetbürgerinnen und -bürger durch das umfassende soziale Sicherungssystem – <em>„von der Wiege bis zum Grab“</em> – in Abhängigkeit geraten seien.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">Gerade in dieser Zeit, als Nazarbaev die antisoziale Rhetorik übernahm, führte er im Land eine „Schocktherapie“ durch: massive, unkontrollierte Privatisierung staatlicher Vermögenswerte, Liberalisierung der Preise, Deregulierung des Arbeitsmarktes und den Abbau sozialer Garantien.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach dieser Phase kehrte Nazarbaev regelmäßig zum Thema des <em>„Schmarotzertums“</em> zurück. 2017 etwa sprach er von <em>„sozialem Betrug“</em> – einem Begriff, den Toqaev acht Jahre später in seiner eigenen Ansprache übernehmen sollte.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Wir gewöhnen die Menschen an Abhängigkeit. Es gibt schon genug Vergünstigungen und Krediterlasse. Es kommt vor, dass hundert Menschen von irgendwo [aus den Regionen] in einem Zimmer registriert werden und dann gemeinsam eine Wohnung [in Astana] erhalten. […] Um [eine Wohnung] zu besitzen, muss man arbeiten. Arbeit gibt es in Kasachstan. Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen – das ist das Prinzip“</em>, sagte Nazarbaev <a href="https://vlast.kz/novosti/22686-nazarbaev-vozmusen-prodazej-propiski-v-astane-i-socialnym-izdivencestvom.html">damals</a>.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Gleiche Rhetoriken der Präsidenten</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Bereits am dritten Tag nach seiner Amtseinführung 2019 zeigte Toqaev, dass er ähnliche Ansichten <a href="https://vlast.kz/novosti/32316-tokaev-porucil-pravitelstvu-sokratit-traty-budzeta-na-imidzevye-meropriatia.html">vertritt</a>: <em>„Man darf soziales Schmarotzertum unter denen, die keine Arbeit suchen, nicht fördern. Der Staat wird die sozial Schwachen unterstützen. Alle anderen müssen arbeiten.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch sowohl Nazarbaev als auch Toqaev ändern ihre Haltung zum Thema „Schmarotzertum“ je nach politischer Notwendigkeit. Jeweils kurz vor den Wahlen beider Präsidenten wurden Löhne und Sozialleistungen <a href="https://time.kz/news/economics/2019/03/22/povysit-na-mesyats-ranshe-zarplaty-byudzhetnikam-poruchil-tokaev">erhöht</a>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Weiter nutzten beide Krisenzeiten aus, um ihre Popularität zu festigen. Nach der Abwertung 2015 und der folgenden Wirtschaftskrise <a href="https://vlast.kz/novosti/14478-nazarbaev-porucil-povysit-pensii-zarplaty-i-posobia-s-2016-goda-a-v-2017-godu-razrabotat-novuu-socialnuu-politiku.html">kündigte</a> Nazarbaev nicht nur Lohnerhöhungen, sondern auch eine neue Sozialpolitik an. Und Toqaev weitete nach einem Brand in Astana 2019, bei dem fünf Kinder starben, deren Eltern nachts arbeiteten, um die Familie zu ernähren, die Unterstützung für kinderreiche Familien aus.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="768" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/10/Protest-von-Muettern-mit-vielen-Kindern-in-Astana-2019-Foto-Tamara-Vaal-1024x768.jpg" alt="" class="wp-image-43296" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/10/Protest-von-Muettern-mit-vielen-Kindern-in-Astana-2019-Foto-Tamara-Vaal-1024x768.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/10/Protest-von-Muettern-mit-vielen-Kindern-in-Astana-2019-Foto-Tamara-Vaal-300x225.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/10/Protest-von-Muettern-mit-vielen-Kindern-in-Astana-2019-Foto-Tamara-Vaal-768x576.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/10/Protest-von-Muettern-mit-vielen-Kindern-in-Astana-2019-Foto-Tamara-Vaal.jpg 1440w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Protest von &#8222;Müttern mit vielen Kindern&#8220; in Astana 2019. Foto: Tamara Vaal</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Auch nach dem <a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/der-nimmer-endende-januar-in-kasachstan/">Blutigen Januar</a> 2022 <a href="https://www.gov.kz/memleket/entities/enbek/press/news/details/421039?lang=ru">erhöhte</a> Toqaev den Mindestlohn. Damals hatten die Demonstrierenden <a href="https://www.opendemocracy.net/ru/kazachstan-ot-protesta-k-smute-mazorenko-kaisar/">gefordert</a>, Nazarbaev und seine Familie ihrer formellen und informellen Macht zu entheben.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/politik-und-wirtschaft/der-nimmer-endende-januar-in-kasachstan/">Der nimmer endende Januar in Kasachstan</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Die Sozialpolitik schwankt je nach politischer Lage zwischen Großzügigkeit und Sparsamkeit. Wenn Legitimität nötig ist, werden Leistungen ausgeweitet; sobald der Druck nachlässt, kehrt die Rhetorik der Kürzungen zurück“</em>, betont Pesci.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Politologe Dimaş Alşanov ergänzt: <em>„Das ist kein Widerspruch, sondern Teil der Funktionsweise des Regimes. Die Regierung hat einen großen Teil der Gesellschaft arm und abhängig von staatlicher Umverteilung gemacht. Vor Wahlen werden die Sozialleistungen erhöht, um Unzufriedenheit zu dämpfen. Aber strukturelle Reformen, die die Menschen wirtschaftlich unabhängig machen würden, finden nicht statt.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach den Wahlen 2022, bei denen die pro-präsidentielle Partei <em>Amanat</em> und Toqev ihre Macht bestätigten, kehrte der Staat zur „Schmarotzertums“-Rhetorik zurück. Es wurde vorgeschlagen, Beihilfen für Menschen mit Krediten oder ohne festen Wohnsitz zu streichen, Mutterschafts- und Kinderbetreuungsgelder <a href="https://vlast.kz/novosti/66243-v-kazahstane-predlagaut-ne-platit-pensii-i-posobia-tem-u-kogo-net-postoannoj-propiski.html">zu kürzen</a> sowie die Sozialausgaben <a href="https://kazpravda.kz/n/sotsialnye-vyplaty-garantirovany/">zu senken</a> und „zielgerechter“ einzusetzen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Selbst wenn es zu Beihilfe in einigen Fällen kam, ist das Problem des „Schmarotzertums&#8220; stark übertrieben“</em>, findet Pesci. Die Zahl der Empfangenden gezielter Sozialhilfe sei ohnehin rückläufig, von über 2 Millionen im Jahr 2019 auf 413.000 im letzten Jahr (2024). Die durchschnittliche Zahlung betrug 7.959 Tenge (ca. 14,50 US-Dollar).</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Die Entscheidung, die Armutsgrenze für Sozialhilfe an das Medianeinkommen statt an das Existenzminimum zu koppeln, hat zwar mehr Familien anspruchsberechtigt gemacht, aber die Zahl der Empfangenden ist immer noch weit von früheren Werten entfernt“</em>, so die Expertin.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Darina Ualihanqyzy vom Forschungszentrum „Paperlab&#8220; meint, dass die „Schlupflöcher“, die Menschen nutzen, eine direkte Folge der instabilen wirtschaftlichen Lage seien: <em>„Lohnerhöhungen, die die Inflation ausgleichen, sind nur in wenigen großen Unternehmen üblich. Der Großteil der Bevölkerung lebt in unsicheren oder sogar unfreiwilligen Arbeitsverhältnissen. In so einem Umfeld wird das Suchen nach Alternativen zu einer Überlebensstrategie. Menschen deshalb als ‚faul‘ oder ‚abhängig‘ zu bezeichnen, ist nicht nur unfair, sondern schlicht falsch.“</em></p>



<h2 class="wp-block-heading">Strukturelle Probleme statt „Faulheit<em>“</em></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Auch der Soziologe Galym Jusipbek kritisiert Toqaevs Aussagen scharf: <em>„Ich sehe keinen Zusammenhang zwischen Beihilfen und Scheidungen. Sind die Leistungen wirklich so hoch, dass sie Menschen zur Scheidung motivieren könnten? Bei den aktuellen Beträgen kann man gerade so Brot und Wasser kaufen.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ebenso bezweifelt er, dass Menschen nur wegen Sozialleistungen in die Hauptstadt ziehen:<em> „Die Menschen wandern in große Städte, weil die Infrastruktur in den Regionen seit den 1990er-Jahren abgebaut wurde. Damals wurde etwa die Hälfte aller Krankenhäuser geschlossen – vor allem in ländlichen Gebieten.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/aus-wueste-mach-metropole-wie-sich-astana-in-den-letzten-20-jahren-veraendert-hat/">Aus Wüste mach Metropole – wie sich Astana in den letzten 20 Jahren verändert hat</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Bevor man die Kasachstaner der Abhängigkeit bezichtige, müsse man verstehen, für wen die Wirtschaft überhaupt funktioniere: <em>„Für die einfachen Bürger oder für Oligarchen und multinationale Konzerne? Selbst das Öl arbeitet nicht für das Volk“</em>, so Jusipbek.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Pesci stimmt zu: Die Rhetorik vom „Schmarotzertum“ verdecke die tatsächlichen Barrieren, die Menschen daran hindern, der Armut zu entkommen. <em>„Ein Mangel an Arbeitsplätzen auf dem Land, niedrige Löhne und Pflegepflichten für Angehörige schränken die Möglichkeiten armer Familien ein, ihre Lage zu verbessern – unabhängig von Motivation oder Fleiß“</em>, erklärt sie.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="576" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/10/Atyrau.-Foto-Almas-Kaisar-1024x576.jpg" alt="" class="wp-image-43297" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/10/Atyrau.-Foto-Almas-Kaisar-1024x576.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/10/Atyrau.-Foto-Almas-Kaisar-300x169.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/10/Atyrau.-Foto-Almas-Kaisar-768x432.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/10/Atyrau.-Foto-Almas-Kaisar.jpg 1440w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Atyrau. Foto: Almas Kaısar</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Zudem seien staatliche Programme keine wirkliche Lösung: <em>„Bezahlte gemeinnützige Arbeiten und subventionierte Jobs sind nur kurzfristig. Mikrokredit- und Unternehmensförderprogramme verschulden Familien zusätzlich und bieten keine stabile Einkommensquelle.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Jusipbek fasst zusammen: <em>„Obwohl Kasachstan sich in der Verfassung als Sozialstaat bezeichnet, ist es in der Praxis keiner. Wenn der Mindestlohn 300.000 bis 400.000 Tenge betragen würde, könnte man über ‚Abhängigkeit‘ reden. Doch in der jetzigen Lage ist das unangebracht – die Menschen arbeiten in mehreren Jobs und ertragen enorme Belastungen.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ualihanqyzy schlussfolgert: <em>„Das kasachstanische Sozialsystem wurde falsch konzipiert – ohne Verständnis für die reale Lebenssituation der Menschen und ohne effektive Kontrolle. Dadurch verliert die Gesellschaft das Vertrauen in soziale Institutionen und die Diskussion wird erneut von Fragen der Regierungsqualität auf die Moral der Bevölkerung abgelenkt.“</em></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Almas Kaısar für Vlast</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem <a href="https://vlast.kz/jekonomika/66564-tokaev-regularno-obvinaet-kazahstancev-v-izdivencestve-tak-li-eto.html">Russischen</a> von Michèle Häfliger</strong></p>



<p class="has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/">Linkedin</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</strong></em></p>
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		<title>Die Rückkehr von Kokpar als Kasachstans moderner Nationalsport</title>
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		<pubDate>Wed, 15 Oct 2025 18:28:10 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Buzkaschi]]></category>
		<category><![CDATA[Kirgistan]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Mit angepassten Regeln erlebt das zentralasiatische traditionelle Spiel hoch zu Ross ein Comeback kasachischer Kultur. Als die Sonne &#xFC;ber einem Hippodrom am Stadtrand von Almaty untergeht, stellen sich zehn M&#xE4;nner auf Karabair-Pferden in einer Reihe auf. Auf das Signal des Schiedsrichters hin st&#xFC;rmen sie &#xFC;ber das Feld auf einen gef&#xFC;llten Ledersack zu, der etwa so [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong>Mit angepassten Regeln erlebt das zentralasiatische traditionelle Spiel hoch zu Ross ein Comeback kasachischer Kultur.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Als die Sonne über einem Hippodrom am Stadtrand von Almaty untergeht, stellen sich zehn Männer auf Karabair-Pferden in einer Reihe auf. Auf das Signal des Schiedsrichters hin stürmen sie über das Feld auf einen gefüllten Ledersack zu, der etwa so groß ist wie eine Ziege. Die Pferde stoßen zusammen, während die Reiter sich gegenseitig schubsen und mit der Peitsche treiben, um sich einen Vorteil zu verschaffen. Das nomadische Spiel Kokpar hat begonnen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das einst beliebte Kokpar aus Kasachstan ähnelt im Wesentlichen dem <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Buzkaschi#:~:text=Buzkashi%20ist%20ein%20Nationalsport%20in,das%20Spiel%20als%20unmoralisch%20betrachteten.">afghanischen Buzkaschi</a> oder dem kirgisischen Kök-Börü. Diese kasachische Version wurde jedoch an moderne Standards angepasst: ein kleineres Feld, weichere Tore und eine künstliche Ziege.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für Daniıar Dauke<strong>ı</strong>, der einen lokalen Kokpar-Club leitet, dienen diese Änderungen dazu, die Popularität zu steigern. Ähnliche Maßnahmen werden in der ganzen Region ergriffen, um das nomadische Erbe des Spiels mit modernen Standards in Bezug auf Ethik und Sicherheit in Einklang zu bringen.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Eine gefährliche Tradition</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Nach einem kurzen Gerangel stürmt ein Reiter mit der 25 Kilogramm schweren Attrappe an seiner Seite auf das Tor zu. Er springt von seinem Pferd in das donut-förmige Tor; der Spielzug nennt sich „Taı Qazan” – eine riskante, aber gängige Bewegung.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="519" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/10/Gerangel-waehrend-eines-Kokpar-Spiels.-Foto-Albert-Otkjaer-1024x519.jpg" alt="" class="wp-image-43160" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/10/Gerangel-waehrend-eines-Kokpar-Spiels.-Foto-Albert-Otkjaer-1024x519.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/10/Gerangel-waehrend-eines-Kokpar-Spiels.-Foto-Albert-Otkjaer-300x152.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/10/Gerangel-waehrend-eines-Kokpar-Spiels.-Foto-Albert-Otkjaer-768x389.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/10/Gerangel-waehrend-eines-Kokpar-Spiels.-Foto-Albert-Otkjaer-1536x779.jpg 1536w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/10/Gerangel-waehrend-eines-Kokpar-Spiels.-Foto-Albert-Otkjaer-2048x1038.jpg 2048w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Gerangel während eines Kokpar-Spiels. Foto: Albert Otkjaer</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Die Dynamik des Spiels hat sich seit der Sowjetzeit verändert, es ist jetzt aggressiver“</em>, erzählt Ulan Bigojin, Anthropologe an der Nazarbaıev-Universität. Er weist darauf hin, dass das Spiel heute mit größeren Pferden gespielt wird. Zudem sei Kokpar nach wie vor ein körperbetonter Sport, der viel Kraft erfordert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Gefahr ist in Kirgistan offensichtlich, wo Anfang dieses Jahres ein Spieler starb, nachdem ein Pferd ihn umgerannt hatte – der dritte Todesfall dieser Art in sieben Jahren. Todesfälle sind zwar selten, aber Gehirnerschütterungen, Getrampel und Kollisionen bei hoher Geschwindigkeit sind an der Tagesordnung.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">Trotz der häufigen Verletzungen erklärt Bigojin, dass insbesondere die Kirgisen zögern, Sicherheitsregeln einzuführen: <em>„Gerade durch die Beibehaltung dieser gefährlichen Aspekte des Spiels, wie beispielsweise eines Taı Qazan aus Beton, gewinnt das Spiel heute an Popularität.&#8220;</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch Daukeı räumt die Gefahren des Taı Qazan ein, den er durch eine weichere Version ersetzen liess.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Anstelle des Beton-Tores, das in Kirgistan verwendet wird und für Pferde und Spieler gefährlich ist, bauen wir unsere Tore aus Heu“</em>, erklärt er. <em>„In der offiziellen kasachischen Version wird einfach ein Kreis auf das Feld gezeichnet, und es ist leicht, ein Tor zu erzielen. In unserer Version muss man vor dem Tor aus Heu anhalten, um es nicht umzuwerfen, und dadurch erhält die gegnerische Mannschaft mehr Zeit, ihr Tor zu verteidigen.“</em></p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="586" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/10/Tai-qazan-1024x586.jpeg" alt="" class="wp-image-43161" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/10/Tai-qazan-1024x586.jpeg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/10/Tai-qazan-300x172.jpeg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/10/Tai-qazan-768x440.jpeg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/10/Tai-qazan-1536x879.jpeg 1536w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/10/Tai-qazan-2048x1172.jpeg 2048w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Ein Taı Qazan aus Heu, mit einer Plane abgedeckt. Foto: Albert Otkjaer</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Daukeı verkürzte weiter das Spielfeld, um gefährliche Zusammenstöße zu vermeiden, reduzierte die Mannschaften von vier auf drei Spieler pro Seite und ersetzte den traditionellen Ziegenkadaver durch eine Puppe. Während einige Änderungen umstritten sind, wurde die Ziegenpuppe sogar von den kirgisischen Kök-Börü-Spielern weitgehend akzeptiert.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Ein traditioneller Sport</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die genauen Ursprünge von Kokpar sind unbekannt, aber Varianten dieses Spiels werden seit Jahrhunderten in ganz Zentralasien gespielt. Manchmal nahmen Hunderte von Reitern auf jeder Seite daran teil, und der Sport war sowohl Wettkampf als auch Gemeinschaftsritual.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Wenn wir auf das 19. und frühe 20. Jahrhundert zurückblicken, war Kokpar selbst während der Sowjetzeit wahrscheinlich weniger ein Sport als vielmehr ein Volksspiel“</em>, vermutet Bigojin.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Unter sowjetischer Herrschaft verschwand Kokpar fast vollständig. Die Kollektivierung schränkte die Anzahl privater Pferde ein und nomadisch lebende Menschen wurden in Städte umgesiedelt.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/mutige-manner-geschickte-pferde-interview-mit-einem-kok-boru-spieler/">Mutige Männer, geschickte Pferde – Interview mit einem Kök-Börü Spieler</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Wenn man ein Pferd hatte, konnte man es für Kokpar trainieren. Da die meisten Pferde jedoch in Staatsbesitz übergingen, wurden sie vor allem in der Landwirtschaft eingesetzt. Es war zwar weiterhin möglich, Kokpar zu spielen, aber durch die Kollektivfarmen und die Abwanderung vieler Menschen in die Städte starb das traditionelle Spiel fast aus“</em>, erzählt Bigojin weiter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Obwohl Kokpar nie offiziell verboten wurde, geriet es bei vielen in Vergessenheit, insbesondere im Norden Kasachstans, wo russischstämmige Siedler:innen keine kulturelle Verbindung dazu hatten.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Wiederbelebung der Nomadenkultur</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Seit der Unabhängigkeit Kasachstans erlebte Kokpar im Rahmen einer breiteren Wiederbelebung nomadischer Traditionen ein Comeback. Die World Nomad Games, die 2014 ins Leben gerufen wurden und bereits in Kirgistan, der Türkei und Kasachstan stattfanden, präsentieren Sportarten wie Bogenschießen, Ringen und eben Kokpar. Die von lokalen Regierungen finanzierten Spiele ziehen Teilnehmende aus so weit entfernten Ländern wie den Vereinigten Arabischen Emiraten und den USA an.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="614" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/10/Daukei-1024x614.jpeg" alt="" class="wp-image-43162" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/10/Daukei-1024x614.jpeg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/10/Daukei-300x180.jpeg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/10/Daukei-768x460.jpeg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/10/Daukei-1536x921.jpeg 1536w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/10/Daukei-2048x1227.jpeg 2048w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Daniıar Daukeı beaufsichtigt das Gerangel. Foto: Albert Otkjaer</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Auch die sozialen Medien tragen zur Rückkehr von Kokpar bei. Daukeıs Verein veröffentlicht Highlights für mehr als 50.000 Follower.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Wir können ohne soziale Medien nicht leben. Sie sind für uns eine Möglichkeit, das Spiel zu übertragen und sicherzustellen, dass die kasachische Bevölkerung weiß, wie spannend es ist“</em>, meint Daukeı.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gleichzeitig entstanden in ganz Kasachstan „Ethno-Dörfer“, die Besuchenden einen Einblick in die Lebensweise von früher geben. <em>„Man kann Kokpar spielen, Bogenschießen zu Pferd betreiben, Tee aus dem Samowar trinken und Plov am Stadtrand essen. Wenn man zurückkommt, teilt man all diese Videos und Bilder“</em>, analysiert Bigojin weiter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Spiel ist nach wie vor männerdominiert. Die Spieler stellen ihre Kraft zur Schau und müssen innerhalb der lokalen Wirtschaftselite Geld für ihren Sport sammeln. <em>„Einige lokale Geschäftsleute möchten vielleicht ihren Ruf aufbauen und das Spiel sponsern. Dadurch entsteht ein System der Förderung. Man kann ein männlicher Kokpar-Spieler sein, aber man braucht trotzdem Geld, um seine Leidenschaft aufrechtzuerhalten“</em>, schließt Bigojin.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Globale Ambitionen</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Für Daukeı besteht das Ziel nicht nur darin, Kokpar lokal wiederzubeleben, sondern es auch auf die internationale Bühne zu bringen. Die Idee dazu kam ihm 2017, als ausländische Polospieler, die Almaty besuchten, Kokpar zum ersten Mal ausprobierten und dessen Potenzial lobten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zwei Jahre später präsentierten Daukeı und zehn Teamkollegen den Sport bei einem Jagdfestival in Fontainebleau, Frankreich, vor 17.000 Zuschauern. Dies war eine Gelegenheit, den Sport einer neuen Gruppe potenzieller Spieler vorzustellen.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="586" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/10/Ein-Kokpar-Spiel-bei-Nacht-1024x586.jpg" alt="" class="wp-image-43163" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/10/Ein-Kokpar-Spiel-bei-Nacht-1024x586.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/10/Ein-Kokpar-Spiel-bei-Nacht-300x172.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/10/Ein-Kokpar-Spiel-bei-Nacht-768x439.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/10/Ein-Kokpar-Spiel-bei-Nacht-1536x878.jpg 1536w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/10/Ein-Kokpar-Spiel-bei-Nacht-2048x1171.jpg 2048w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Ein Kokpar-Spiel bei Nacht. Foto: Albert Otkjaer</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Jeder Sport braucht Amateure, sie sind der Hauptmotor für die Entwicklung des Sports, weil sie eine andere Sicht auf das Spiel haben“</em>, meint Daukeı.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Vorführung in Frankreich brachte weitere Einladungen zu Reitsportveranstaltungen im Ausland ein, aber die Finanzierung bleibt eine Hürde. <em>„Wir erhalten jedes Jahr Einladungen zum Jagdfestival in Frankreich und auch Anrufe aus den USA, doch dazu brauchen wir einen guten Sponsor, um mit unseren Pferden dorthin zu kommen“</em>, erklärt er weiter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Andernorts belässt man den Sport näher an der nomadischen Version, die vor und während der Sowjetzeit gespielt wurde, um ihm zu mehr Popularität zu verhelfen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/fusball-oder-kok-boru-hauptsache-kirgistan/">Fußball oder Kök-Börü – Hauptsache Kirgistan</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Aıdarbek Hodjanazarov, Präsident der Kokpar-Föderation und Abgeordneter, erzählt, er wolle den Sport wieder populärer machen, unter anderem durch die Gründung einer neuen Kokpar-Liga im Land. Hodjanazarov äußerte sich im vergangenen Jahr kontrovers, nachdem das Finale der Nomad Games zwischen Kirgistan und Kasachstan von kirgisischer Seite kritisiert worden war.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Vor einigen Jahren wurde unser kasachischer Spieler auf die Intensivstation gebracht, nachdem er von kirgisischen Spielern festgehalten worden war. Wir haben keine Aufregung darum gemacht. Denn dies ist Kokpar, kein Ballett. Wenn man spielen will, darf man sich nicht darüber beschweren, mit einer Peitsche geschlagen zu werden“</em>, waren seine Worte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ungeachtet aller Rhetorik über Stärke, Mut und Kühnheit mahnt Bigojin, dass Sicherheit an erster Stelle stehen müsse. Daukeı, der von seinem sichereren Format überzeugt ist, denkt bereits langfristig: <em>„In fünf Jahren sollte diese Version des Sports in Kasachstan populär werden und in zehn Jahren könnte er sich auf Kirgistan ausbreiten. Doch um sie international zu etablieren, braucht man 15 Jahre“</em>, vermutet er.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="546" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/10/Nach-dem-Tor-1024x546.jpg" alt="" class="wp-image-43165" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/10/Nach-dem-Tor-1024x546.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/10/Nach-dem-Tor-300x160.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/10/Nach-dem-Tor-768x410.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/10/Nach-dem-Tor-1536x820.jpg 1536w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2025/10/Nach-dem-Tor-2048x1093.jpg 2048w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Ein Kokpar-Spieler nach dem Erzielen eines Tors. Foto: Albert Otkjaer</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Nachdem er die Puppe im Taı Qazan abgedeckt hat, trabt ein Reiter in einem eng anliegenden Hemd und einer hellroten Pelzmütze zum Rand des Feldes. Er zieht sein Handy aus der Hosentasche, sein Gesicht leuchtet im Licht des Bildschirms. Am anderen Ende meldet sich eine weibliche Stimme. Es ist Zeit, das Tor mit seinen Liebsten zu feiern.</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Albert Otkjaer für Vlast</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem <a href="https://vlast.kz/english/66467-the-return-of-kokpar-as-kazakhstans-modern-national-sport.html">Englischen</a> von Michèle Häfliger</strong></p>
<p>The post <a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/die-rueckkehr-von-kokpar-als-kasachstans-moderner-nationalsport/">Die Rückkehr von Kokpar als Kasachstans moderner Nationalsport</a> appeared first on <a href="https://novastan.org/de">Novastan Deutsch</a>.</p>
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			</item>
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		<title>Region Almaty: Anwohner:innen kämpfen mit Müllproblem</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Vlast]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 11 Apr 2025 20:55:09 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Umwelt & Technologie]]></category>
		<category><![CDATA[Deponie]]></category>
		<category><![CDATA[Koksai]]></category>
		<category><![CDATA[Müll]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die Abf&#xE4;lle der Millionenstadt Almaty landen teilweise auf einer illegalen Deponie im nahegelegenen Dorf Koksai. Die Anwohner:innen wehren sich. Die Bewohner:innen des Dorfes Koksai im Bezirk Irgeli im Gebiet Almaty haben seit vielen Jahren mit einer nicht genehmigten M&#xFC;lldeponie neben ihren H&#xE4;usern zu k&#xE4;mpfen. Wegen der Haushalts- und Industrieabf&#xE4;lle, die aus verschiedenen Teilen von Almaty [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong>Die Abfälle der Millionenstadt Almaty landen teilweise auf einer illegalen Deponie im nahegelegenen Dorf Koksai. Die Anwohner:innen wehren sich.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Bewohner:innen des Dorfes <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Koksay">Koksai</a> im Bezirk <a href="https://ru.wikipedia.org/wiki/%D0%98%D1%80%D0%B3%D0%B5%D0%BB%D0%B8">Irgeli</a> im Gebiet <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Almaty_(Gebiet)">Almaty</a> haben seit vielen Jahren mit einer nicht genehmigten Mülldeponie neben ihren Häusern zu kämpfen. Wegen der Haushalts- und Industrieabfälle, die aus verschiedenen Teilen von Almaty dorthin gelangen, können sie den Gestank nicht loswerden und müssen häufig mit Bränden rechnen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die lokalen und republikanischen Behörden sind untätig: Sie erkennen die Deponie als illegal an, weigern sich aber, wirksame Maßnahmen zu ihrer Beseitigung zu ergreifen. Der Eigentümer des Grundstücks, auf dem sich die Deponie befindet, erhält nur geringe Geldstrafen.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Ökologischer Kollaps</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">In Koksai, 5&nbsp;km von Almaty entfernt, ist seit 2008 eine Mülldeponie in Betrieb. Die Bewohner:innen der umliegenden Häuser begannen Anfang der 2010er Jahre, Land für ihren Bau zu kaufen. Die Deponiefläche wuchs jedoch trotz der Zunahme der Wohngebiete. Nach Berechnungen von Anwohner:innen wird die Deponie täglich von 300 Autos angefahren, für die Müllverkäufer:innen jeweils rund 45.000 Tenge (ca. 75 Euro) zahlen.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">Ursprünglich wurde die Deponie für Bauabfälle genutzt, aber seit 2022 nimmt sie auch Hausmüll an, sagte Arman, einer der Bewohner von Koksai. <em>„Wenn der Wind auffrischt, wird der ganze Müll durch die Siedlung geblasen.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/wilde-muellkippen-in-kasachstan-warum-gibt-es-sie-und-wie-kann-man-sie-bekaempfen/">Wilde Müllkippen in Kasachstan: Warum gibt es sie und wie kann man sie bekämpfen?</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Obwohl die Grenzen der Deponie ständig erweitert werden, kann sie nicht den ganzen Müll aufnehmen, der hierher kommt. Deshalb wird laut Şarip, einem weiteren Bewohner der Siedlung, ein Teil des Mülls von Autos in den Fluss Aksai geschoben. <em>„Anstatt sich um den Fluss zu kümmern und sein Bett zu reinigen, kippen sie hier alles weg. Überall liegt Polyäthylen herum, und es sollte Gras wachsen“.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber die Mülldeponie nimmt nicht alle Arten von Abfall an. Und wenn sie es doch tut, lassen die Leute, die zu ihr kommen, sie auf der Landstraße liegen. <em>„Während religiöser Feste werden Tierhäute und Kadaver hierher gebracht. Wenn die Leute an der Müllkippe abgewiesen werden, fahren sie ein Stück weiter die Straße hinunter und laden sie dort ab. Und es ist alles voller Parasiten. Wir selbst halten Vieh in der Nähe, und das ist sehr gefährlich“</em>, so Şarip weiter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Akim">Akimat</a> des Landkreises Irgeli streitet dies jedoch ab: <em>„Die Einleitung von Abwässern oder Häuten von Nutztieren wurde nicht erfasst. Wenn diese Tatsachen aufgedeckt werden, werden sie zur Verantwortung gezogen werden“.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch nachts werden auf der Deponie regelmäßig Isoliermaterialien verbrannt, um daraus Kupfer und Aluminium zu gewinnen. Und im Winter verbrennen die Deponiearbeiter:innnen Müll zum Heizen. Dies führt manchmal zu einem sich schnell ausbreitenden Feuer, gegen das die Deponiearbeiter:innen machtlos sind, so Gulnara, eine Bewohnerin der Siedlung.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/usbekistan/usbekistan-der-kampf-gegen-den-muell-geht-weiter/">Usbekistan: Der Kampf gegen den Müll geht weiter</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem wird die Straße durch den ständigen Zustrom von Autos im Dorf regelmäßig zerstört. Die Bewohner:innen von Koksai haben schon mehrmals versucht, die Straße auf eigene Kosten zu asphaltieren, aber sie wurde schnell schlechter. <em>„Im Herbst und im Frühjahr gibt es hier ständig Schlamm. Es ist unmöglich, mit dem Auto zu fahren, und manche Leute haben hier nicht einmal ein Auto. Die Kinder gehen zu Fuß zur Schule. Wir haben auch ein Gewächshaus im Dorf und stellen Möbel her. Die Unternehmen erleiden wegen der kaputten Straße Einbußen“</em>, sagte einer der Anwohner.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Schweigen seitens der Behörden</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Gulnara, die seit 2019 in der Siedlung lebt, versucht seit vier Jahren, die Aufmerksamkeit der Behörden auf die Probleme der Siedlung zu lenken. Sie hat Anträge an verschiedene Behörden geschrieben – vom Akimat des Landkreises Irgeli bis zum Umweltministerium – und andere Bewohner:innen von Koksai in den Prozess einbezogen. <em>„Wir haben auch Verhandlungen mit der Leitung der Mülldeponie aufgenommen. Sie forderten uns auf, uns nicht zu beschweren, weil auf der Deponie etwa 100 Menschen arbeiten, darunter auch Besucher:innen aus anderen Ländern.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Kommunikation mit den Regierungsbehörden war ebenso schwierig und erfolglos. <em>„Als ich am Empfang gefragt wurde, in welchem Bezirk ich mich befinde, sagte man mir sofort, dass meine Anfrage erfolglos sei – niemand von den lokalen Exekutivorganen würde im Bezirk </em><a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Karasay_District"><em>Karasai</em></a><em> arbeiten.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/usbekistan/dreckloch-oder-goldgrube-die-mulldeponie-von-samarkand/">Dreckloch oder Goldgrube? Die Mülldeponie von Samarkand</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit der gleichen Gleichgültigkeit wurde sie konfrontiert, als sie versuchte, einen Antrag zu stellen, damit das Gebiet des Dorfes Koksai im allgemeinen Plan des Bezirks Karasai als Wohngebiet ausgewiesen wird. <em>„Die Regierung erwägt eine Grenzverschiebung, und die lokalen Behörden sind dagegen“.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Einzige, was sie erreichen konnten, war ein gemeinsames Treffen der Bewohner:innen von Koksai mit der Deponieverwaltung und den Behörden im Jahr 2022. Daran nahmen Vertreter:innen des Akimats des Landkreises Irgeli und der Stadt <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Kaskelen">Kaskelen</a> sowie Mitarbeiter:innen des Umweltministeriums und der Abteilung für Notfallsituationen teil.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Anschluss an das Treffen wurde eine Mediationsvereinbarung zwischen den Anwohner:innen und der Deponieverwaltung getroffen. Demnach sollte die Deponie innerhalb von zwei Jahren in eine Produktionsstätte für Schaumstoffblöcke umgewandelt werden. Dieser Zeitraum war erforderlich, um die Landschaft der Deponie auf Kosten des neuen Mülls zu ebnen. Der Akimat des Landkreises Irgeli versprach im Gegenzug, das Problem mit der Straße zu lösen. Nach zwei Jahren wurde noch nicht mit dem Bau begonnen. Auch die Straße wurde nicht repariert. <em>„Zuerst versuchten die Behörden, das Problem zu lösen, indem sie die Straße flicken. Aber dann beruhigten sich alle wieder.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Akimat des Landkreises Irgeli begründete dies damit, dass die Straße in der Koksai-Siedlung nicht auf der Liste der <em>„wesentlichen reparaturbedürftigen Straßen“</em> steht, die nur Hauptverkehrsstraßen umfasst. Aus Verzweiflung über die Gleichgültigkeit der Behörden blockierten die Bewohner:innen von Koksai im Winter 2024 den Verkehr auf der zur Siedlung führenden Kreisstraße. Laut Gulnara reagierten die Behörden jedoch auch danach nicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/die-grose-herausforderung-haushaltsmull-in-kirgistan/">Die große Herausforderung: Haushaltsmüll in Kirgistan</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Ministerium für Notsituationen erklärte, dass die Deponie für Bau- und Haushaltsabfälle <em>„im nördlichen Teil des Dorfes Koksai im Landkreis Irgeli illegal angelegt“ </em>sei. Die Grundstücke mit einer Gesamtfläche von 2,65 Hektar, auf denen sich die Deponie befindet, sind offiziell für die Landwirtschaft bestimmt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Akimat des Landkreises Irgeli meinte, dass keiner seiner Vertreter:innen am Abschluss der Mediationsvereinbarung zwischen den Anwohner:innen und dem Eigentümer der Deponie beteiligt war. <em>„Außerdem liegt es nicht in der Zuständigkeit des lokalen Exekutivorgans, die Durchführung privater Projekte zu kontrollieren“</em>, heißt es in der Antwort des Akimats des Landkreises Irgeli.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Akimat fügte jedoch hinzu, dass Mitte Juni 2024 der Vizeminister für Ökologie, Geologie und natürliche Ressourcen das Dorf besuchte. Zusammen mit ihm waren ein Spezialist der Abteilung für Ökologie der Region Almaty, der stellvertretende Akim des Landkreises Irgeli und ein Inspektor der Polizeibehörde des Bezirks Karasai anwesend. Nach der Inspektion des Geländes erstellten die Spezialist:innen ein Verwaltungsprotokoll und verhängten gegen den Eigentümer des Grundstücks, Esen Tleuhanov, eine Geldstrafe in Höhe von 73.840 Tenge (ca. 125 Euro). Zusätzlich zu der Geldstrafe wurde Tleuhanov mündlich über die Regeln der Grundstücksverbesserung und die Einhaltung der Umweltvorschriften aufgeklärt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Jahr 2022 wurde Tleuhanov aus denselben Gründen bereits zu einer Geldstrafe von 155.000 Tenge (ca. 265 Euro) verurteilt. Und 2023 wurde in Fortsetzung dieser Inspektion eine Geldstrafe von 172,5 Tausend Tenge (ca. 290 Euro) gegen den stellvertretenden Akim des Landkreises Irgeli, Amantai Terlikbaev, wegen unerlaubter Ablagerung fester Haushaltsabfälle auf dem Gebiet des Landkreises Karasai verhängt.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Was wurde in Wirklichkeit getan?</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Das Ministerium für Notfallsituationen fügte hinzu, dass die Abteilung für Notfallsituationen und die Exekutivorgane der Region Aufklärungsarbeit geleistet haben, um die Lagerung und Verbrennung von Abfällen unter Verletzung der Brandschutzvorschriften zu verhindern.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/steigende-besucherzahlen-nach-kasachstan-herausforderung-oder-gelegenheit/">Steigende Besucherzahlen nach Kasachstan – Herausforderung oder Gelegenheit?</a></strong><strong></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„In diesem Jahr wurden keine Fälle von Entzündungen und Bränden registriert“</em>, betonte die Behörde. Die Anwohner:innen von Koksai behaupten das Gegenteil. Ein Gerichtsverfahren könnte die Lösung sein, aber die Bewohner:innen fürchten die hohen Kosten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Bewohner:innen von Koksai müssen zusehen, wie Dutzende von Lastwagen täglich ihren Müll zu einer illegalen Müllkippe in ihrem Dorf bringen, und hoffen, dass die Behörden ihrem Problem eines Tages nicht mehr gleichgültig gegenüberstehen. Doch dafür gibt es bisher keine Anzeichen.</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Dmitriy Mazorenko für Vlast</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem <a href="https://vlast.kz/obsshestvo/61756-nepobedimyj-musor.html">Russischen</a> von Irina Radu</strong></p>



<p class="has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/">Linkedin</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</strong></em></p>
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		<title>Die Beobachtung des Gletschers &#8211; Über das Leben und die Arbeit an der glaziologischen Station Tujyksu</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Vlast]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 18 Dec 2024 21:13:14 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Umwelt & Technologie]]></category>
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<p class="wp-block-paragraph"><strong>Überhalb von Almaty, auf über 3000 Metern Höhe, liegt die Gletscherstation Tujyksu. Vlast hat die Forscher bei ihrer Arbeit begleitet.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong><br><br></strong>„<em>Die Station ist verfallen, die Häuser der Forscher sind baufällig, und rund um die Siedlung bietet sich ein ziemlich düsteres Bild. In den 80er Jahren lebte eine Gruppe von Forschern in der Siedlung: Ein Hausmeister erhängte sich in einer der Hütten und zwei Forscher wohnten in der anderen; einer der Forscher wurde verrückt, er dachte, er hätte sich mit einer Fliege angefreundet. Einen Augenzeugen zufolge verlassen die Geister der Toten diese Station bis heute nicht</em>“.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zitate aus einem Video über die Gletscherstation Tujyksu, gedreht von russischen Fernsehteams, das Nikolai Kasatkin auf seinem Smartphone zeigt. „<em>Wie kann man sich sowas ausdenken? Manche glauben auch noch daran!</em>“, sagt der Expeditionsleiter empört. Seit mehr als 30 Jahren arbeitet er hier &#8211; an der ältesten Gletscherbeobachtungsstation Zentralasiens.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Der Weg zum Gletscher</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Wir verlassen die Stadt in Richtung Gletscherbeobachtungsstation Tujyksu, kurz T1, früh am Morgen, bevor die Hitze einsetzt. Die Fahrt dauert über eine Stunde und die Straße wird oberhalb von Shymbulaq (Skigebiet bei <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Almaty">Almaty</a>, N.d.Ü.) schwierig: Der Asphalt hört auf und der 11-sitzige weiße <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gorkowski_Awtomobilny_Sawod">GAZ</a> wackelt auf endlosen Steinen: Bis wir die Station erreichen, sind die selbst angebauten Tomaten im Kofferraum schon fast zu Tomatenmark geworden. Die Straße scheint nicht befahrbar zu sein, denn das Auto, mit Menschen, Ausrüstung und Lebensmitteln beladen, schleicht sich langsam, aber beharrlich dem Gletscher entgegen.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="683" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/f05f6ff37a5e5ac81f45220f96092fa3_autox1200-1024x683.jpg" alt="" class="wp-image-41054" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/f05f6ff37a5e5ac81f45220f96092fa3_autox1200-1024x683.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/f05f6ff37a5e5ac81f45220f96092fa3_autox1200-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/f05f6ff37a5e5ac81f45220f96092fa3_autox1200-768x512.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/f05f6ff37a5e5ac81f45220f96092fa3_autox1200-1536x1024.jpg 1536w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/f05f6ff37a5e5ac81f45220f96092fa3_autox1200.jpg 1800w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></figure>



<p class="wp-block-paragraph"><br>Am Steuer sitzt Vasili Kapitsa, Leiter des Labors für Hochgebirgsgeokryologie des Zentralasiatischen Regionalen Glaziologischen Zentrums. Das Zentrum hat zwei Stationen: in Tujyksu, im Becken des Kleinen Almatinka-Flusses, und in Kosmostanitsa (wortwörtlich Kosmostation, N.d.Ü.), im Becken des Großen Almatinka-Flusses. Nach Kosmostanitsa führt eine asphaltierte Straße, nach Tujyksu kommt man dagegen nur nach einem etwa 9 Kilometer langen Fußmarsch. Im Winter kann diese Reise zwei Tage dauern, mit einer Übernachtung in der Station Mynshylky. Wir aber hatten Glück: Das Wetter war hervorragend, die Straße war nicht ganz mit Steinen bedeckt, der Fluss trat nicht über die Ufer und das Auto hatte keine Panne.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="683" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/e04c0ead826f3789c444d1cc520383f5_1440xauto-1024x683.jpg" alt="" class="wp-image-41055" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/e04c0ead826f3789c444d1cc520383f5_1440xauto-1024x683.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/e04c0ead826f3789c444d1cc520383f5_1440xauto-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/e04c0ead826f3789c444d1cc520383f5_1440xauto-768x512.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/e04c0ead826f3789c444d1cc520383f5_1440xauto.jpg 1440w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></figure>



<p class="wp-block-paragraph"><br>Wir befinden uns auf einer Höhe von 3450 Metern über dem Meeresspiegel. Es gibt nur Berge, Felsen und mehrere Häuser: Nur eins davon ist ein Wohnhaus, das gerade repariert wird; daneben stehen „Fässer“ &#8211; runde, vor langer Zeit in verschiedenen Farben bemalte Bergsteigerunterkünfte. Die Farbe blättert ab &#8211; hier wohnt schon lange niemand mehr. Diese Häuser, die in den 70er Jahren geplant wurden, nannte man TSUBs, ein Akronym für „Vollmetall-Standardblocks“, sie wurden für die „Eroberer des Nordens“ geschaffen.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="683" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/d874277da351d9e0651d3ed7807804c6_1440xauto-1024x683.jpg" alt="" class="wp-image-41056" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/d874277da351d9e0651d3ed7807804c6_1440xauto-1024x683.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/d874277da351d9e0651d3ed7807804c6_1440xauto-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/d874277da351d9e0651d3ed7807804c6_1440xauto-768x512.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/d874277da351d9e0651d3ed7807804c6_1440xauto.jpg 1440w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></figure>



<p class="wp-block-paragraph"><br>An der Tür des einzigen Wohnhauses, in dem Glaziologen arbeiten, steht: „<em>Keine Übernachtungsmöglichkeit, bitte nicht stören</em>“.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Früher brodelte hier das Leben &#8211; Wissenschaftler, Sportler, exerzierende Militärs – und sogar eine Turnhalle wurde gebaut. Mittlerweile ist diese zerstört und jetzt wohnen einzig und allein Glaziologen hier, die den schnell schmelzenden Gletscher beobachten. Heute kommen nur noch Touristen hierher. Mit dem Aufkommen der sozialen Netzwerke ist die alte Badewanne in der Nähe der Wetterstation zu einem viralen Ort geworden. Selbst im Winter klopfen Reisende an die Tür der Glaziologen und fragen: „<em>Wo ist die Badewanne?</em>“. „Die <em>Mädels treten an die Wanne, ziehen sich bis auf den Bikini aus, setzen sich hinein und machen Fotos</em>“, wundert sich der Glaziologe Berik Koszhanov.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="683" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/26c657ef8f0306d3b7406348cc55a0e9_1440xauto-1024x683.jpg" alt="" class="wp-image-41057" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/26c657ef8f0306d3b7406348cc55a0e9_1440xauto-1024x683.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/26c657ef8f0306d3b7406348cc55a0e9_1440xauto-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/26c657ef8f0306d3b7406348cc55a0e9_1440xauto-768x512.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/26c657ef8f0306d3b7406348cc55a0e9_1440xauto.jpg 1440w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></figure>



<p class="wp-block-paragraph"><br>Laut den Regeln sollten immer mindestens zwei Personen an der Station sein. Doch heute sind es mehr: Es stehen wichtige Forschungsarbeiten an, und so sind neben den beiden festen Mitarbeitern auch andere Spezialisten hinaufgefahren. Der Gletscher wurde 1902 entdeckt, und 1956 begannen die regelmäßigen Beobachtungen; damals lebten die Wissenschaftler in Zelten, erst in den 70er Jahren baute man für sie Häuser in Plattenbauweise.<br><br>Das erste, grüne Haus, seltsam schief, ist in der Ferne zu sehen; es sieht aus, als sei es in zwei zerbrochen: In der Mitte steht ein Ofen, daher ist das Eis unter dem Fundament geschmolzen. Man kann in dem Haus nicht wohnen, weswegen es heute ein Lager für alte Sachen und Bücher ist.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="683" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/edf34dcee87ee5fa4b497092346a3dcd_autox1200-1024x683.jpg" alt="" class="wp-image-41058" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/edf34dcee87ee5fa4b497092346a3dcd_autox1200-1024x683.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/edf34dcee87ee5fa4b497092346a3dcd_autox1200-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/edf34dcee87ee5fa4b497092346a3dcd_autox1200-768x512.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/edf34dcee87ee5fa4b497092346a3dcd_autox1200-1536x1024.jpg 1536w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/edf34dcee87ee5fa4b497092346a3dcd_autox1200.jpg 1800w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></figure>



<p class="wp-block-paragraph"><br><br>Die Glaziologen sind in das „rote Haus“ umgezogen und&nbsp; reparieren es jetzt in Eigenregie: Sie haben das Dach erneuert, Tapeten geklebt, die Fassade mit neuem Material verkleidet, und jetzt ist es ein „weißes Haus“. Selbst auf die Genehmigung für diese Renovierung musste man jahrelang warten, ebenso wie auf die Finanzierung. Das Gebäude ist mit Sonnenkollektoren ausgestattet &#8211; es gibt genug davon, das Wichtigste sind allerdings nicht so sehr die Kollektoren, sondern die Batterie, sagt Kapitsa &#8211; und die ist klein.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="683" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/f219ba501e84ca299208aaab993f4525_autox1200-1024x683.jpg" alt="" class="wp-image-41059" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/f219ba501e84ca299208aaab993f4525_autox1200-1024x683.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/f219ba501e84ca299208aaab993f4525_autox1200-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/f219ba501e84ca299208aaab993f4525_autox1200-768x512.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/f219ba501e84ca299208aaab993f4525_autox1200-1536x1024.jpg 1536w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/f219ba501e84ca299208aaab993f4525_autox1200.jpg 1800w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Die frische Luft und die schöne Aussicht machen einen schwindelig. „<em>Es ist die Bergkrankheit</em>“, erklärt Ilia Shechev, der jüngste, 23-jährige Mitarbeiter der Station. Er empfiehlt, auf Nägelbrettern zu stehen. Sergej Gebel, ein Hilfsingenieur, sagt, dass einem in den ersten Tagen aufgrund des Höhenunterschieds übel werden kann, dass der Blutdruck steige oder sinke, und dass man normalerweise versucht, nach dem Aufstieg zu schlafen. Aber nicht jetzt: Solange das Wetter klar ist, muss man sich auf den Weg machen &#8211; zum Gletscher. Die Meteorologen haben Regen versprochen, aber die Sonne scheint, und hinter einem Berg in der Nàhe hört man ein Gewitter. Nikolai Kasatkin, der Expeditionsleiter, der seit 1989 in den Bergen arbeitet, blickt auf die Gipfel: „<em>Das Wetter hier kann man nicht vorhersagen, es kann sich jede Minute ändern</em>“.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="683" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/cd97caf2d17ef80a2d1bccd8f0e28fd9_1440xauto-1024x683.jpg" alt="" class="wp-image-41060" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/cd97caf2d17ef80a2d1bccd8f0e28fd9_1440xauto-1024x683.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/cd97caf2d17ef80a2d1bccd8f0e28fd9_1440xauto-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/cd97caf2d17ef80a2d1bccd8f0e28fd9_1440xauto-768x512.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/cd97caf2d17ef80a2d1bccd8f0e28fd9_1440xauto.jpg 1440w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Nikolai Kasatkin</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph"><br>Wir steigen wieder ins Auto mit noch mehr Ausrüstung und rumpeln über die Straße Richtung Gletscher. Vassili Kapitsa hofft, dass wir so nah wie möglich herankommen, aber bald stößt das Auto auf einen Steinschlag. Also weiter zu Fuß. Kapitsa packt mühsam einen riesigen schwarzen Plastikkoffer auf seinen Rücken, wir anderen bauen die restliche Ausrüstung auseinander und machen uns auf den Weg.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="683" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/ab12f5fc2311894c1df1347d3698d232_1440xauto-1024x683.jpg" alt="" class="wp-image-41061" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/ab12f5fc2311894c1df1347d3698d232_1440xauto-1024x683.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/ab12f5fc2311894c1df1347d3698d232_1440xauto-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/ab12f5fc2311894c1df1347d3698d232_1440xauto-768x512.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/ab12f5fc2311894c1df1347d3698d232_1440xauto.jpg 1440w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></figure>



<p class="wp-block-paragraph"><br>„<em>Zoja, Igly Tujyksu, Ordscho</em>“, zählt Sergej Gebel die kurzen Namen der Gipfel auf. Foteh Rahimov, der leitende Ingenieur, bemerkt leise, dass diese Berge jung sind, aber älter als der Pamir. Foteh stammt aus Duschanbe und arbeitet seit einigen Jahren im Zentrum an einem Katalog der Gletscher im Einzugsgebiet des <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Amudarja">Amudarja</a>. In regelmäßigen Abständen halten wir an, die Glaziologen bauen Geräte auf, messen etwas und zeichnen dann rote Kreuze auf die Felsen &#8211; Bodenkontrollpunkte.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Der Gletscher schrumpft jährlich um 25 Meter</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph"> Wir gehen weiter, hier sehen wir schon weiße Farbkreuze auf den Steinen: <strong>„</strong><em>Das haben wir letztes Jahr gemacht, bis hierhin ragte der Gletscher</em>“, erklärt Nikolai Kasatkin. Gänseblümchen brechen durch die Steine.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="683" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/bf3619eee2654c7b77c106dd72b7db6b_autox717-1024x683.jpg" alt="" class="wp-image-41062" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/bf3619eee2654c7b77c106dd72b7db6b_autox717-1024x683.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/bf3619eee2654c7b77c106dd72b7db6b_autox717-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/bf3619eee2654c7b77c106dd72b7db6b_autox717-768x512.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/bf3619eee2654c7b77c106dd72b7db6b_autox717.jpg 1075w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></figure>



<p class="wp-block-paragraph"><br>Aber auch hier findet man Müll. „<em>Wenn wir zu den Gletschern gehen, sehen wir eine Menge Müll</em>“, ärgert sich Kapitsa. „<em>Die Leute sind komisch, tragen eine volle Flasche Pepsi Cola bei sich, voll hat er sie bis hierhin geschleppt, aber leer will er sie nicht runterbringen. Also laufen wir herum, manchmal sammeln wir Müll auf. Hier ist es nicht so schmutzig wie auf den Gletschern oberhalb des Großen Almaty-Sees</em>“.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="683" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/9d4e8b792835184bd43b4ec825e2010b_1440xauto-1024x683.jpg" alt="" class="wp-image-41063" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/9d4e8b792835184bd43b4ec825e2010b_1440xauto-1024x683.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/9d4e8b792835184bd43b4ec825e2010b_1440xauto-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/9d4e8b792835184bd43b4ec825e2010b_1440xauto-768x512.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/9d4e8b792835184bd43b4ec825e2010b_1440xauto.jpg 1440w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></figure>



<p class="wp-block-paragraph"><br>„<em>1958 war das Eis hier etwa 70 Meter hoch &#8211; das alles war mit Eis bedeckt, alle Gletscher verschmolzen zu einer einzigen Zunge. Und jetzt ist das alles zerbrochen. Ein Gletscher ist der deutlichste Indikator für den Klimawandel, in diesem Fall für die Erwärmung des Klimas</em>“, sagt Nikolai Kasatkin. Vassili Kapitsa sagt, dass sich der Gletscher vor 1972 im Durchschnitt 15 bis 17 Meter pro Jahr zurückzog, während jetzt „<em>die durchschnittliche Rückzugsrate 25 Meter erreicht</em>“. Am stärksten schmolz der Gletscher im Jahr 2008: Damals zog er sich in nur einem Jahr um 46-48 Meter zurück. Nikolai, Ilia, Berik und Sergei überqueren den Fluss und gehen zur Zunge des Gletschers. Von weitem sieht sie aus wie eine Wand aus „Game of Thrones“. Sie klettern auf das Eis, um dort Punkte zu setzen und die Latten zu überprüfen. Der ganze Gletscher ist mit ihnen buchstäblich durchgestochen &#8211; „<em>Wie ein Igel</em>“, scherzt Kapitsa &#8211; so wird die Intensität der Eisschmelze gemessen.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="683" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/c5b181fb5151435fa17958171abf9303_autox1200-1024x683.jpg" alt="" class="wp-image-41064" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/c5b181fb5151435fa17958171abf9303_autox1200-1024x683.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/c5b181fb5151435fa17958171abf9303_autox1200-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/c5b181fb5151435fa17958171abf9303_autox1200-768x512.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/c5b181fb5151435fa17958171abf9303_autox1200-1536x1024.jpg 1536w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/c5b181fb5151435fa17958171abf9303_autox1200.jpg 1800w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Die Glaziologen bohren ein drei Meter tiefes Loch und setzen dort Latten ein. Wenn die Schmelze zu schnell voranschreitet, muss man die Löcher nach einiger Zeit erneut bohren. Wir hören einen Hund bellen und sehen die Drohnen, die er verfolgt. Vasili und Foteh folgen ihnen dicht auf den Fersen: Jetzt müssen sie ihre Drohnen in die Luft heben, und die Hauptsache ist, dass die Geräte nicht zusammenstoßen. Während die anderen den Gletscher stürmen, kehren wir zu einem der ersten Ausgangspunkte zurück und Vasili Kapitsa öffnet den Koffer, den er seit langem auf dem Rücken träg. Darin liegt eine Drohne. Sie steigt hoch in den Himmel und macht Bilder, die man dann an die eingezeichneten Referenzpunkte, die roten Kreuze auf den Felsen, anhängt. Sie ergeben das genaueste und detaillierteste digitale Modell und Orthophoto des Gletschers und Moränenkomplexes Tujyksu.<br><br>Der Tujyksu ist in Zentralasien ist einer der am meisten erforschten Gletscher seit 1956. Heute haben die Wissenschaftler kaum noch genug Ressourcen für einen Gletscher, während sie früher den Igly Tujyksu, den Central Tujyksu, den Manschhuk Mametova und den Molodjoschny untersuchten; letzterer hat wegen des Klimawandels schon keine Zunge mehr. Es gab viele ähnliche Studien in anderen Republiken, aber nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurden sie alle für eine gewisse Zeit unterbrochen: Die Finanzierung wurde eingestellt, Fachleute zogen weg. Kasachstan hatte Glück: 1982 kam Auszliare Revutaite für ein Praktikum aus Litauen hierher; man sagt, dass sie die Station in den schwierigen 90er Jahren, als es keine Finanzierung gab, buchstäblich gerettet hat.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">Man erzählt, dass ihre Eltern ihr Geld schickten, um Kohle zum Heizen des Gebäudes zu kaufen. Sie verhinderte, dass Plünderer die Station zerstörten, und hielt Wache. Erst vor ein paar Jahren wurde sie pensioniert: Sie konnte nicht mehr auf den Gletscher klettern, das Alter hatte seinen Tribut gefordert. Man bot ihr einen Job in der Stadt an, im Büro des Glaziologischen Zentrums, aber sie lehnte ab. Die Forschung in den zentralasiatischen Republiken wird wieder aufgenommen: Auch mit Unterstützung ausländischer Stipendien führen Wissenschaftler gemeinsame Expeditionen durch, forschen und schreiben Artikel.</p>



<figure class="wp-block-image size-full"><img loading="lazy" decoding="async" width="900" height="600" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/f9554f24c7e2b798a8683ee1f834b0ea_900xauto.jpg" alt="" class="wp-image-41065" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/f9554f24c7e2b798a8683ee1f834b0ea_900xauto.jpg 900w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/f9554f24c7e2b798a8683ee1f834b0ea_900xauto-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/f9554f24c7e2b798a8683ee1f834b0ea_900xauto-768x512.jpg 768w" sizes="auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px" /><figcaption class="wp-element-caption">Vasili Kapitsa</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph"><br><em>„In der ehemaligen Sowjetunion gibt es keine Station wie Tujyksu. Es gibt eine ähnliche Station im Tien-Shan-Hochgebirgsforschungszentrum &#8211; am Südufer des </em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Yssyk-Köl"><em>Yssykköl</em></a><em>, am Karabatkak-Gletscher. Die Station liegt auf einer Höhe von 2.500 m, und die Forscher kommen acht Kilometer weit mit Pferden zum Gletscher. Die Forscher aus Tadschikistan haben keine feste Station, sie führen ihre Forschungen auf Expeditionen durch. Sie haben zwei-drei Wochen im Jahr, in denen sie den Gletscher besuchen und erforschen. In Usbekistan ist es das Gleiche. Wir kommen alle zehn Tage hierher. Auf dem Abramov-Gletscher, an der Grenze zwischen Kirgistan und Tadschikistan, gab es eine glaziologische Station, die 1999 von „radikalen Genossen“ aus Tadschikistan niedergebrannt wurde</em>“, erzählt Kapitsa.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Hoffnung auf Rettung</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Der Tujyksu-Gletscher ist unsere Süßwasserreserve, und er schmilzt buchstäblich vor den Augen der Glaziologen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Gletscher selbst &#8211; seine Struktur und Bewegung &#8211; ist bereits klar, aber die Glaziologen haben gerade erst begonnen zu untersuchen, was mit ihm in ökologischer Hinsicht passiert. In den 160 Jahren seit dem Ende der so genannten „Kleinen Eiszeit“ &#8211; von 1850 bis 2010 &#8211; ist die Fläche der Gletscher im <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Transili-Alatau">Trans-Ili-Alatau</a> um 60-70 Prozent zurückgegangen. Wissenschaftler sagen voraus, dass bis 2070 die meisten Gletscher in Kasachstan verschwinden werden. Es gibt jedoch eine Theorie, wonach sich Gletscher selbst „schützen“ können. „<em>Die Gletscherzunge ist von oben mit Steinen bedeckt, darunter schmilzt sie viel langsamer. Wenn man sich den Igla-Tujyksu-Gletscher ansieht, kann man diesen gepanzerten Teil sehen, der viel höher ist als der offene Teil. Man könnte sagen, dass der Gletscher beginnt, sich selbst zu regulieren. Diese Theorie gibt Hoffnung auf Rettung</em>“, beruhigt Vassili Kapitsa ein wenig.<br><br>Rahimov sagt, dass die Gesamtmenge an Niederschlag zwar zunimmt, aber nur geringfügig, und bisher reicht sie nicht aus, um die Eismasse zu vergrößern. Vor allem feste Niederschläge (Schnee, Graupel, Hagel etc.) werden für das Wachstum der Gletscher benötigt. Wenn die Niederschläge doppelt so hoch sind und die Durchschnittstemperatur fünf Grad niedriger ist als jetzt, dann wird der Gletscher wachsen. Aber ob das passieren wird, kann niemand vorhersagen.<br><br>„<em>Im Allgemeinen ist alles in der Natur zyklisch: von der Erwärmung zur Abkühlung, jetzt leben wir in einer Periode der Erwärmung, sie wird früher oder später enden, die Periode der Abkühlung wird beginnen, vielleicht werden wir es nicht sehen, wir leben nicht lange genug. Aber das Klima ist so eine Sache, es verändert sich ständig</em>“, erklärt Nikolai Kasatkin.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="576" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/f1aed75f83efc32b40688a9f616e59b7_autox1013-1024x576.jpg" alt="" class="wp-image-41066" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/f1aed75f83efc32b40688a9f616e59b7_autox1013-1024x576.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/f1aed75f83efc32b40688a9f616e59b7_autox1013-300x169.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/f1aed75f83efc32b40688a9f616e59b7_autox1013-768x432.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/f1aed75f83efc32b40688a9f616e59b7_autox1013-1536x864.jpg 1536w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/f1aed75f83efc32b40688a9f616e59b7_autox1013.jpg 1800w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Alle Mitarbeiter haben Walkie-Talkies: „<em>Könnt ihr die Drohne hören?</em>“, fragt Kapitsa diejenigen auf dem Gletscher. „<em>Wir können sie nicht nur hören, wir können sie auch sehen!</em>“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„<em>Schneller, noch ein paar Schienen.</em>“ Die Drohne hebt viermal ab, die Wissenschaftler kehren von der Messung der Eisschmelze auf den Schienen zurück, alle haben nasse Füße bekommen, und zwei von ihnen &#8211; Sergei und Berik &#8211; sind mehrmals gestürzt, obwohl sie Gurte trugen. Bei den Glaziologen gab es keine Unfälle. 2006 stürzte Juri Rebrov, der ehemalige Leiter der Station, in eine Gletscherspalte. Er und sein Kollege Vasili Mischenin waren zu einer Schneeuntersuchung unterwegs, und Juri flog drei bis vier Meter in die Tiefe, brach sich die Schulter. Durchnässt wartete er darauf, dass Mischenin zur Station lief, um Werkzeug zu holen, ihn herauszuziehen und zum Memorial zu bringen &#8211; damals gab es weder Internet noch Mobiltelefone. Dabei hat sich Rebrov nicht einmal erkältet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir kehren schnell zur Station zurück: Kapitsa ist besorgt, denn die Drohne muss bereits bei Tageslicht vom Platz vor dem Haus gestartet werden: Es ist 15 Uhr, erst um 16 Uhr sind die Batterien geladen, um 18 Uhr aber wird es bereits dunkel sein. „<em>Man muss heute alles erledigen, für den Fall dass morgen schlechtes Wetter ist</em>“, sorgt sich Kapitsa. Aber alles klappt: Die Drohne steigt in den Himmel, und Rahimov überprüft sorgfältig den Batteriestand.<br><br>Dann werden alle Daten auf einen Computer hochgeladen, der die Informationen über Nacht verarbeitet. „<em>Der Zweck der Untersuchung besteht darin, die Ablation, also das Schmelzen des Eises auf der Gletscherzunge durch wiederholte Drohnenuntersuchungen zu bewerten. Auf der Grundlage dieser Erhebungen erstellt man digitale Höhenmodelle für mehrere Zeiträume und schätzt die Schmelzrate mithilfe eines Geoinformationssystem (GIS).</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Gleichzeitig werden wir direkte Beobachtungen entlang der Messlatten durchführen &#8211; wir werden über einen längeren Zeitraum mit einem Maßband messen und auch GPS-Messungen hinzufügen. Auf diese Weise werden wir in der Lage sein, den Fehler der Fernbestimmung der geschmolzenen Eisschicht zu schätzen. Wir gehen davon aus, dass wir im Vergleich zu den instrumentellen Messungen eine Fehlertoleranz von 5 cm haben</em>“, versucht Kapitsa so deutlich wie möglich zu erklären.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/kuenstliche-gletscher-zur-anpassung-an-den-klimawandel/">Künstliche Gletscher zur Anpassung an den Klimawandel</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt sind die Glaziologen mitten in der Saison &#8211; sie sammeln Daten auf dem Gletscher und im Winter&nbsp; werden sie sie verarbeiten. Ende September wird hier Schnee liegen. Die eigentliche Saison beginnt dann Ende März, wenn die Glaziologen die maximale Schneeansammlung auf dem Gletscher bestimmen. Nach <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Nouruz">Nauruz</a> (Neujahr im persischen Kulturraum, N.d.Ü.), im April-Mai, legen sie die Daten für die maximale Schneeansammlung in der Regel fest. Der Gletscher beginnt zu schmelzen, und die Glaziologen gehen alle zehn Tage zu Schneeuntersuchungen. Außerdem müssen sie alle drei Stunden &#8211; von 9 Uhr morgens bis 21 Uhr abends &#8211; zur meteorologischen Station fahren und Daten erheben. Ein Auto kommt hier bestenfalls ab Ende Juni hoch. In dieser kurzen Zeitspanne bis September muss man alle Vorräte, Lebensmittel und Ausrüstung zur Station zu bringen.<br><br>Obwohl der Gletscher seit so vielen Jahren untersucht wird, kann man nicht genau sagen, wie groß sein Volumen ist. Vor zehn Jahren kamen Glaziologen aus Moskau mit einem Georadar hierher und nahmen Messungen an dem zugänglichen Teil des Gletschers vor, die eine Dicke von 100 Metern ergeben haben. Aber dort, wo ein Aufstieg unmöglich ist, könne man nur schätzen, wie groß das Volumen sei. <em>„Plus oder minus zwei Krokodile“</em>, scherzt Kasatkin.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn die Sonne untergeht, wird es kalt und der Ofen im Haus wird angeheizt: „<em>Bei uns ist es das ganze Jahr Heizsaison</em>“, lacht Kasatkin. Müde, aber zufrieden essen die Glaziologen zu Abend, trinken Tee, und einige gehen direkt ins Bett &#8211; ein langer, aber produktiver Tag liegt hinter ihnen.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="768" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/e4292b06ebe0c7e32ef98ebc36473dd5_1440xauto-1024x768.jpg" alt="" class="wp-image-41067" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/e4292b06ebe0c7e32ef98ebc36473dd5_1440xauto-1024x768.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/e4292b06ebe0c7e32ef98ebc36473dd5_1440xauto-300x225.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/e4292b06ebe0c7e32ef98ebc36473dd5_1440xauto-768x576.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/e4292b06ebe0c7e32ef98ebc36473dd5_1440xauto.jpg 1440w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></figure>



<p class="wp-block-paragraph"><br>„<em>Ich glaube, die Hälfte der Bevölkerung von Almaty weiß nicht, dass wir Gletscher haben. Ein lebendes Beispiel: Pavel, ein IT-Fachmann, hat früher für uns gearbeitet. Er und Kolia gingen zu einem See. Der Pik Sovetov war von dort zu sehen und Pavel meinte dieser sei aus Kalkstein. Nikolaj erklärte ihm, dass es ein Gletscher sei. Wir fragten ihn, woher das Wasser des Flusses komme? Er sagte: „Wie woher? Na aus dem Erdboden natürlich!</em>“, &#8211; erinnert sich Kapitsa. Nikolai lacht: An diesem Tag konnte er seinen Kollegen nicht davon überzeugen, dass es sich um Gletscher handele. „Und Pavel war gebürtig aus Almaty!“</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>„Ich schlafe vor Aufstiegen immer schlecht“</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Vasili Kapitsa arbeitet seit 2006 auf Tujyksu. Er kam hierher, als er an der Al-Farabi-Universität studierte: Seine Kommilitonen machten ein Praktikum am Institut für Geografie. Vasili kam zu Besuch, traf Nikolai Kasatkin auf der Veranda und wurde von ihm zu Schneeaufnahmen eingeladen. Es war der 24. Mai, der Geburtstag von Kapitsa.</p>



<figure class="wp-block-image size-full"><img loading="lazy" decoding="async" width="900" height="600" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/208e5a0255ffb262cc0bed8754120c97_900xauto.jpg" alt="" class="wp-image-41068" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/208e5a0255ffb262cc0bed8754120c97_900xauto.jpg 900w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/208e5a0255ffb262cc0bed8754120c97_900xauto-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/208e5a0255ffb262cc0bed8754120c97_900xauto-768x512.jpg 768w" sizes="auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px" /></figure>



<p class="wp-block-paragraph"><br><em>„Kommst du mit uns? Dort ist alles anstrengend, schwierig“</em>, warnte mich Nikolaj. Ich ließ mich nicht erschrecken und sagte zu. Wir kamen zu Fuß hier hoch, übernachteten, am Morgen gingen wir zur Schneemessung auf den Gletscher, kamen runter und am 28. Mai sprach ich mit Igor Severski &#8211; damals Leiter des Labors, jetzt unser wissenschaftlicher Direktor- und das war&#8217;s: Sie boten mir den Job an, ich sagte zu, und blieb dabei. Als ich die Stelle bekam, gab es hier keinerlei Licht: Es gab nur einen Generator mit einer Glühbirne, die abends eine halbe Stunde lang leuchtete.&nbsp; Man musste auf den Hügel gehen, um Empfang zu bekommen. Übrigens ist mir aufgefallen, dass Mobiltelefone früher einen besseren Empfang hatten als heute.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="683" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/c6e9b707052b582166862c8318dd3903_autox1200-1024x683.jpg" alt="" class="wp-image-41070" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/c6e9b707052b582166862c8318dd3903_autox1200-1024x683.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/c6e9b707052b582166862c8318dd3903_autox1200-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/c6e9b707052b582166862c8318dd3903_autox1200-768x512.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/c6e9b707052b582166862c8318dd3903_autox1200-1536x1024.jpg 1536w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/c6e9b707052b582166862c8318dd3903_autox1200.jpg 1800w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></figure>



<p class="wp-block-paragraph"><br>2008 verließ Vasili Kapitsa wegen finanzieller Probleme und um sich um seine Familie zu kümmern zeitweise die Wissenschaft, aber er blieb immer in Kontakt mit seinen ehemaligen Kollegen. Dann gab es ein internationales Stipendium des Bonner Instituts für Geowissenschaften mit Schwerpunkt auf Moränenseen. „<em>Ich arbeitete zu diesem Zeitpunkt irgendwo als Manager und Verkäufer. Sie riefen mich an und boten mir ein Gehalt halb so hoch wie das, was ich zu der Zeit bekam, aber immerhin viermal höher als mein Gehalt bevor ich die Station verlassen hatte. Ich sagte also zu und kam zurück. Jetzt zahlt der Staat, er verlangt aber auch einiges. </em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Man erwartet von uns, dass wir viele Artikel in hochrangigen ausländischen Fachzeitschriften veröffentlichen. Es kann eineinhalb Jahre dauern, bis eine einzige Publikation veröffentlicht ist: Erstmal wird sie überprüft, dann verfasst der Prüfer eine Bewertung… dabei dauert das Programm selbst erst zwei Jahre! Und wenn man die Bedingungen des Programms nicht erfüllt, bekommt man als Strafe für drei bis fünf Jahre keinen Zugang zu Stipendien für solche Projekte. Ich hoffe, wir können die Frist einhalten.“</em></p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="683" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/fdb52bd1b478502218c6d7966aa33a86_1440xauto-1024x683.jpg" alt="" class="wp-image-41071" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/fdb52bd1b478502218c6d7966aa33a86_1440xauto-1024x683.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/fdb52bd1b478502218c6d7966aa33a86_1440xauto-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/fdb52bd1b478502218c6d7966aa33a86_1440xauto-768x513.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/fdb52bd1b478502218c6d7966aa33a86_1440xauto.jpg 1440w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></figure>



<p class="wp-block-paragraph"><br><br>Den ganzen Juli über wurden in der Kosmostation Bohrungen durchgeführt. Das ist einem Projekt mit der Schweizer Universität Fribourg zum Aufbau eines Netzes zur Beobachtung des Permafrostes in ganz Zentralasien. Laut Vasili begann diese Überwachung bereits in den 70er Jahren: <em>„Damals hatten wir etwa 32 Bohrlöcher &#8211; von anderthalb bis 120 Metern Tiefe; dieses Jahr haben wir drei 32 Meter tiefe Bohrlöcher und ein 12 Meter tiefes Bohrloch gebohrt und Sensoren installiert, die die Temperatur des Bodens in jedem Meter messen, sowie andere Geräte.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Im Juli dieses Jahres wanderten unsere Glaziologen mit Wissenschaftlern aus Österreich entlang der Gletscher oberhalb des BAO (Akronym für Bolschoe Almatyskoe Osero, Großer Almaty-See N.d.Ü.), ebenfalls ein mit Steinen bedeckter Gletscher, der sich bewegt. Zwei Wochen lang sind wir mit ihnen dort lang gelaufen, haben geophysikalische Forschung betrieben. Es gibt eine Menge Kabel, man muss Batterien und anderes Zeug tragen, und es ist alles schwer. Heute laufe ich mit einer Drohne auf dem Rücken, und es fühlt sich an wie auf den Malediven, es ist so leicht.</em>“ Dennoch erfordert diese Arbeit eine gute körperliche Fitness &#8211; selbst junge Menschen halten das nicht immer aus. Deshalb wird die Gesundheit der Spezialisten, die den Tujyksu besteigen, jährlich überprüft.<br><br>„<em>Auch mir passiert es manchmal: Wenn ich lange nicht aufgestiegen bin, bekomme ich Atemnot oder Kopfschmerzen. Wenn ich hierher komme, werde ich auf einmal schläfrig. Und aus irgendeinem Grund schlafe ich vor dem Aufsteigen immer schlecht. Ich denke: Schaffe ich es oder nicht? Das Auto ist ja alt &#8211; 2011, und die ganze Zeit auf solchen Straßen&#8230;</em>“. Oft möchte seine Familie in die Berge fahren, wenn sie aber seinen Gesichtsausdruck sehen, verzichten sie darauf. Was er seiner Familie aber definitiv beigebracht hat, ist Wasser zu sparen. Da die Gletscher so stark schmelzen, müssen wir uns anpassen: Unsere Einstellung zum Wasser muss sich ändern.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/gletscherschmelze-im-tian-shan-eine-gefahr-mit-langfristigen-folgen-fuer-zentralasien/">Gletscherschmelze im Tian Shan. Eine Gefahr mit langfristigen Folgen für Zentralasien</a></strong><br><br>„<em>Ich wohne in Tastak, bei uns wird viel Klee angepflanzt. Jede Nacht, ob es regnet oder nicht, gießen sie es, sodass es schon wie ein Sumpf ist. Wenn ich mit dem Fahrrad zur Arbeit fahre, komme ich am Gandhi-Park vorbei, dort ist es dasselbe. Und das, obwohl alle schreien, dass wir Wasser sparen sollen. Kasachstan ist reich an Mineralien, wir haben aber Probleme mit dem Trinkwasser. Das Problem ist, dass die Leute das nicht verstehen wollen: Die öffnen den Wasserhahn und das Wasser fließt. Aber woher es kommt, wo es später hinfließt… das ist egal: Die Olympischen Spiele sind viel interessanter.</em>“ In einigen Ländern versucht man, in den Bergen Stauseen zu bauen, um das Wasser aus den Gletschern zu sammeln. Daran leiden aber die darunter liegenden Landschaften, merkt Vassilii an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kapitsa hat die vorherige Generation von Glaziologen in einer sehr schwierigen Zeit abgelöst, aber selbst jetzt „<em>ist das Gehalt eines jungen Spezialisten geringer als das eines Essenslieferanten. Natürlich versuchen wir, sie zu unterstützen und sie in einige ausländische Projekte einzubeziehen. Jeder will sofort gutes Geld verdienen, das verstehe ich sehr gut, so ist es nun einmal. Ich weiß nicht, was ich an ihrer Stelle tun würde.</em>“</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>„Ich bin solche Dinge immer noch nicht gewohnt.“</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">„<em>Es ist immer gefährlich hier: Das sind Berge, die können mal weniger und mal mehr Gefahr bedeuten. Alles kann passieren</em>“, sagt Kasatkin, während er auf die Berge blickt. Er ist der Einzige hier, der sich an die Blütezeit der Tujyksu-Station erinnert: „<em>Im Sommer trainierten hier die Skispringer. Sie hatten einen Dieselgenerator, eine elektrische Sauna und ein Badehaus, einen Heizkessel und eine Kantine. Als die Sowjetunion zu Ende ging, war es fast sofort vorbei, buchstäblich im nächsten Jahr. Alles, was man wegtragen konnte, wurde weggebracht. Sehen Sie das Gestell des Geländewagens dort drüben? Ich habe ihn noch laufen sehen. Die Union brach zusammen, und buchstäblich ein Jahr später kamen wir zurück, und es gab nur noch ein Gestell: Alles, was sich klauen ließ, war gestohlen worden</em>“, erinnert er sich.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="683" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/9258273c58954a7a783e41ca033d034a_1440xauto-1024x683.jpg" alt="" class="wp-image-41072" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/9258273c58954a7a783e41ca033d034a_1440xauto-1024x683.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/9258273c58954a7a783e41ca033d034a_1440xauto-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/9258273c58954a7a783e41ca033d034a_1440xauto-768x512.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/9258273c58954a7a783e41ca033d034a_1440xauto.jpg 1440w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Die Gletscherstation befindet sich auf dem Gebiet eines Naturparks, daher gibt es keine Zäune, jeder kann hier frei eindringen, was für die Wissenschaftler ein Problem darstellt. Fünf Minuten Fußweg vom Stationsgebäude entfernt liegt ein kleiner See, auf dem Weg dorthin kann man Schläuche, Kabel und Rohre sehen, die aus den Felsen ragen &#8211; wie Überbleibsel einer früheren Zivilisation. Früher holten die Bergsteiger mit Rohren Wasser aus dem See, ihre Rundhütten wurden geheizt &#8211; in den 70er Jahren wurde ein Heizsystem erfunden. Jetzt nehmen die Glaziologen einen Eimer Wasser, erwärmen ihn auf dem Herd und waschen sich auf diese Weise. Nikolai Kasatkin kam 1989 zum ersten Mal nach Tuyuksa, als er noch Student&nbsp; war und er eine Ausbildung zum geodätischen Ingenieur machte.<br><br>In Kasachstan werden keine Glaziologen ausgebildet, alle Stationsmitarbeiter haben andere Berufe: Unter ihnen gibt es einen Geographen, einen Bergsteiger, aber meistens ist der Beruf des Glaziologen mit der Geodäsie verbunden, hier gibt es Hydrologen, Morphologen und so weiter. „<em>Als ich Geodät wurde, wurden alle geodätischen Vermessungen mit optischen Theodoliten, Nivelliergeräten und Latten durchgeführt, alle Bilder standen auf dem Kopf, und von GPS hörten wir erst am Institut &#8211; ein Lehrer erzählte uns, dass die Amerikaner irgendein System erfunden hätten</em>“, erinnert sich Kasatkin. Jetzt ist alles sogar physisch einfacher &#8211; man muss keine schweren Theodoliten auf den Berg tragen, und mit Hilfe einer Drohne und Computerprogrammen ist es möglich, „<em>ein Forschungsvolumen zu erreichen, das ein Geodät in seinem ganzen Leben nicht schaffen könnt“.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">In den 1989-90er Jahren absolvierte Kasatkin ein Praktikum am Tujyksu, 1993 schloss er sein Studium ab, „<em>ein paar Jahre hin und her, dann die stürmischen 90er Jahre, als Leute, die 20-30 Jahre in Unternehmen gearbeitet hatten, entlassen wurden. Wer braucht schon einen jungen Fachmann? Ein paar Jahre lang war ich Kaufmann, und dann habe ich mich erinnert: Es gibt das Geographische Institut, wo ich mein Praktikum gemacht habe. Aber damals dachte ich, dass ich im Tourismus tätig sein sollte &#8211; ich hatte damals schon eine Familie, die ich ernähren musste, und ich wollte im Tourismus Geld verdienen</em>“. 1995 kam Nikolaj zum Geographischen Institut und bot an, Touristen von Shymbulaq nach Tujyksu zu fahren, aber er wurde abgelehnt und nahm einfach einen Job als Glaziologe am Tujyksu und am Großen Almaty-See an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„<em>Und dann starben die alten Glaziologen alle, jemand ging, und es stellte sich heraus, dass ich mit meinem Fachgebiet, mit meiner Ausbildung, gerade noch für dieses Geschäft geeignet war. Ich musste mich irgendwie in den Prozess einbringen, und dann gefiel es mir, und das war&#8217;s.</em>“ Jetzt ist Kasatkin für zwei Stationen verantwortlich, diese untersuchen offenliegendes Eis, Permafrost und vergrabenes Eis: „<em>Ich bin sowohl Permafrostforscher als auch Glaziologe, wie Truffaldino aus Bergamo. Nicht, weil mich jemand dazu zwingt, sondern weil es interessant ist</em>.“ Als ich ihn nach der nächsten Generation von Glaziologen frage, winkt er ab: „<em>Sprechen Sie mit jungen Leuten, was sie denken, aber Gott hat Vasja zur Glaziologie geschickt, das ist eine Tatsache. Ich wüsste gar nicht, wie ich das sonst erklären sollte</em>“.</p>



<p class="wp-block-paragraph">&nbsp;Kasatkin sagt, dass in den letzten Jahren Geld für die Glaziologen bereitgestellt wurde, dass endlich neue Geräte gekauft wurden und dass neue Technologien und mit ihnen das 21. Jahrhundert in Tujyksa Einzug gehalten haben: „<em>Das ist eine große Erleichterung! Als wir umgeschult wurden, mussten wir uns natürlich das Hirn zermartern, vor allem, weil uns niemand etwas beibrachte, wir mussten uns die neuen Geräte irgendwie selbst aneignen. Und wie viele Koordinaten wir jetzt verwenden, hätte ich mir nie träumen lassen</em>“.<br><br>Nikolai Kasatkin liebt die Berge seit seiner Kindheit &#8211; er wuchs im Mikrodistrikt Orbita auf und verbrachte seine gesamte Freizeit mit Wanderungen in den Bergen, aber er ist nie Ski gefahren und hat auch nie Bergschuhe anprobiert. „<em>Ich bin an diese Aussichten immer noch nicht gewöhnt, ich laufe jedes Mal aufs Neue mit offenem Mund herum und schaue mich um, bin euphorisch. Ich komme immer wieder und immer ist es schön: Ich habe Glück mit meinem Job, es wäre eine Sünde, sich zu beschweren. Wenn es nach mir ginge, würde ich in den Bergen leben, nicht nur leben, sondern etwas erforschen. Wenn man die Natur studiert, egal wie hochtrabend es klingt, lernt man sich selbst kennen. Der Mensch ist ein Teil der Natur, und um mehr über uns selbst</em> <em>zu erfahren, müssen wir die Gesetze der Natur mehr studieren. Ich lebe mein Leben und genieße es, solange Gott das Licht nicht ausgeschaltet hat. Es wird eine Zeit kommen, in der das Licht einfach ausgeht und das war&#8217;s dann. Solange genieße ich es einfach, und ich arbeite so lange ich kann.</em>“</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>„<em>Manchmal ist das Wetter hier so, dass es nicht mal das Ministerium für Notfallsituationen hierher schafft.</em>“</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Der 32-jährige Nachwuchsforscher Berik Koszhanov stürzte heute in einen Fluss von einem halben Meter Tiefe, obwohl er einen Klettergurt trug: „<em>Die Ränder sind glitschig, wie eine Katze in der Badewanne</em>“, lacht er und erinnert sich an den „<em>Arbeitsmoment</em>“.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="683" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/e8392e8492df3d23a346c5e8f2e46c2d_autox1200-1024x683.jpg" alt="" class="wp-image-41073" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/e8392e8492df3d23a346c5e8f2e46c2d_autox1200-1024x683.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/e8392e8492df3d23a346c5e8f2e46c2d_autox1200-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/e8392e8492df3d23a346c5e8f2e46c2d_autox1200-768x512.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/e8392e8492df3d23a346c5e8f2e46c2d_autox1200-1536x1024.jpg 1536w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/e8392e8492df3d23a346c5e8f2e46c2d_autox1200.jpg 1800w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Berik Koszhanov</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph"><br>„<em>Ich komme selbst aus dem Flachland und bin durch Zufall in den Bergen gelandet. Ich weiß noch, wie ich 2012 das erste Mal hier übernachtet habe, als ich ein Praktikum machte. Ich bin nachts aufgewacht, weil sich mein Hirndruck ausglich, meine Ohren pfiffen und es war, als würde Luft entweichen. Danach hatte ich keine Probleme mehr mit der Akklimatisierung</em>“, so Berik, der aus Westkasachstan, aus einem Dorf in der Nähe von <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Aqtöbe">Aqtöbe</a>, stammt. Er studierte an der Fakultät für wissenschaftliche Geografie der Abay KazNPU (Universität in Almaty) und absolvierte während seines Studiums ein Praktikum am Institut für Geografie, wodurch er 2012 nach Tujyksa kam. Er arbeitet hier seit neun Jahren und hat heute Schichtende.<br><br>Er gibt zu, dass ihn die Ruhe der Station angezogen hat: „<em>Das Leben hier ist gemäßigter, einfacher, die Natur, mit Murmeltieren in der Nähe. Ich bin kein Fan von vielen Menschen, von Lärm und Krach, und hier bin ich ganz allein und ruhig. Obwohl es in den letzten Jahren, nach Covid, viele Touristen hier gab, war es früher besser (lacht). Aber trotzdem ist es hier angenehmer, besonders wenn die Stadt im Sommer stickig ist. Alles ist ruhig, es ist anstrengend, aber es ist interessant. Es ist vor allem körperlich hart. Besonders im Winter ist es ein Abenteuer, hierher zu kommen. Die Entfernung von Shymbulaq bis hierher beträgt neun Kilometer. Und wir gehen zu Fuß mit einem Rucksack, in dem sich Essen und Kleidung befinden. Manchmal mussten wir hüfthoch im Schnee laufen. Es kommt vor, dass wir von Shymbulaq bis zum Mynshylky-Damm den ganzen Tag laufen solange es Tageslicht gibt. Und von dort aus müssen wir hierher genauso lange laufen. So ist das, wenn das Wetter wirklich schlecht ist.“</em><br><br>Die Glaziologen hier arbeiten in Schichten &#8211; eine Schicht dauert zehn Tage, dann gibt’s 20 Tage Pause. „<em>Es gibt sechs Mitarbeiter, drei Schichten. Aber im Sommer müssen wir oft länger in der Station bleiben, weil wir mit dem ganzen Personal arbeiten müssen &#8211; um Daten zu sammeln oder um &#8211; wie jetzt &#8211; bei Reparaturen zu helfen</em>.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/klimawandel-kirgistans-gletscher-in-gefahr/">Klimawandel: Kirgistans Gletscher in Gefahr</a></strong><br><br>Berik Koszhanov ist nun schon die dritte Woche hier, am nächsten Tag wird er in die Stadt fahren, heute hat er seine Wäsche gewaschen, die über dem Ofen trocknet: „<em>Ich muss wieder wie ein Mensch aussehen und ein wenig runterkommen</em>“. Wenn er nach Almaty kommt, schreibt er Berichte, was mehrere Tage in Anspruch nimmt. „<em>Die grundlegendste Arbeit, die wir im Sommer auf dem Gletscher haben, ist die Schneevermessung alle zehn Tage, außerdem müssen wir manchmal jeden zweiten Tag Latten bohren, wie heute. Heute haben wir sechs-sieben Latten gebohrt. Es gab Schichten, in denen wir um sechs Uhr morgens losgefahren sind und erst abends vom Gletscher zurückkamen, den ganzen Tag über haben wir nichts anderes gemacht als Bohren. Wir hatten 2016-2017 einen Rekord: ich und ein anderer Mitarbeiter haben 58 Latten an einem Tag gebohrt. In diesem Jahr schmolzen die Latten sehr stark und wir bohrten jede einzelne neu.</em>“<br><br>Vor etwa vier Jahren bekam die Station Internet &#8211; davor erfolgte die Kommunikation per Walkie-Talkie mit der Station Mynshylky. Bevor es Internet gab, hat Berik viel gelesen &#8211; die Bibliothek in der baufälligen Hütte ist umfangreich und bietet für jeden Geschmack etwas. Er erinnert sich daran, dass er, bevor es Wi-Fi gab, mit einem einfachen Tastentelefon herumlief. Zu Hause hatte er einen Laptop, und das genügte, um mit der Welt verbunden zu sein: „<em>An manchen Orten war es ohne Verbindung schwierig, aber andererseits war ohne Verbindung vielleicht alles ruhiger, es gab manchmal weniger Aufregung. Wir haben uns inzwischen an das Internet gewöhnt, aber es kann schwierig sein, ohne auszukommen, vor allem, wenn wir am Tisch sitzen und wir über etwas diskutieren, das man nicht googeln kann. Aber damals haben wir mehr gelesen, und heute sind Bücher eher Ausstellungsstücke</em>“.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="683" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/228185145735a202794e92427697acab_autox1200-1024x683.jpg" alt="" class="wp-image-41074" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/228185145735a202794e92427697acab_autox1200-1024x683.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/228185145735a202794e92427697acab_autox1200-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/228185145735a202794e92427697acab_autox1200-768x512.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/228185145735a202794e92427697acab_autox1200-1536x1024.jpg 1536w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/228185145735a202794e92427697acab_autox1200.jpg 1800w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></figure>



<p class="wp-block-paragraph"><br>Alle drei Stunden muss ein Mitarbeiter Messungen an der Wetterstation vornehmen. Die sieht ganz nah aus, aber wenn das Wetter schlecht wird und Nebel aufzieht, kann man sich jederzeit verirren. <em>„Ich orientiere mich hier sehr gut, aber wenn es neblig ist, ist nicht einmal klar, wo der Hang ist, wolang was verläuft. Einmal habe ich mich auf dem Weg zur Baustelle verlaufen, und an einem anderen Tag wehte der Wind sehr stark, ich lief den Weg entlang und wurde einfach weggeblasen. Ich kletterte hinauf und wurde wieder hinunter geblasen. In diesem Sommer gab es viel Regen und Gewitter, und ein Teil der Ausrüstung verbrannte.“</em> Berik erinnert sich daran, wie eine riesige Batterie vom Blitz getroffen wurde, der buchstäblich ins Haus einschlug und die Geräte beschädigte. Koszhanov sagt, er habe kürzlich eine Liste der schlimmsten Orte in Kasachstan gesehen, auf der auch die Station Tujyksu aufgeführt war &#8211; sie wurde mit <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Prypjat_(Stadt)">Pripjat</a> verglichen. Aber er hat sich längst an diesen Ort gewöhnt und sieht an ihm nichts Beängstigendes.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="576" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/395da307a4661b0005b62ce0fc18ae34_autox1013-1024x576.jpg" alt="" class="wp-image-41075" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/395da307a4661b0005b62ce0fc18ae34_autox1013-1024x576.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/395da307a4661b0005b62ce0fc18ae34_autox1013-300x169.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/395da307a4661b0005b62ce0fc18ae34_autox1013-768x432.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/395da307a4661b0005b62ce0fc18ae34_autox1013-1536x864.jpg 1536w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/395da307a4661b0005b62ce0fc18ae34_autox1013.jpg 1800w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></figure>



<p class="wp-block-paragraph"><br>Vielleicht liegt es daran, dass einige der Häuser hier auf den ersten Blick verlassen wirken und auf dem Gelände seltsame Skulpturen aus Holz stehen &#8211; Berik nennt sie „Totems“ -, von denen keiner der Stationsbewohner weiß, wer sie gemacht hat. Vielleicht hat jemand aus der älteren Generation der Glaziologen in den einsamen Abenden gern geschnitzt. Aber all das, ebenso wie Wolken, Berge und Bäder, zieht Touristen an, und die Wissenschaftler müssen ihnen erklären, was Glaziologie ist und warum sie nicht in diesen Häusern übernachten können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber es gibt Zeiten, in denen sie hier um Hilfe bitten: „<em>Einmal klopfte einer der Touristen mitten in der Nacht an &#8211; Pupillen geweitet, Panikattacke, Bergkrankheit &#8211; das passiert, wenn man nicht an die Berge gewöhnt ist und beschließt, dort die Nacht zu verbringen. Touristen fragen oft nach dem Weg, oder bitten darum, die Nacht bei ihnen zu verbringen. Eines Tages kam ein Tourist und sagte: ‚Setz mal den Kessel auf, während ich zum See gehe‘. Hier ist es manchmal wie in einem Café! Manche Leute kommen ganz ruhig und bitten um Hilfe, dann ist das kein Problem, aber wenn sie unverschämt sind, </em><em>dann schallt es aus dem Wald </em><em>so, wie sie hineinrufen.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Manche dann erzählen anderen: „<em>Da oben hat jetzt ein wütender Kasache Dienst</em>“ (lacht). „I<em>ch bin der einzige Kasache, der auf dem Station arbeitet, und sie erinnern sich eher an mich. Vor anderthalb Monaten brach sich ein Tourist auf dem Weg hinter einem benachbarten Hang ein Bein. Er und andere Touristen waren dort unterwegs, genau wie zwei Spezialisten aus Kazselesaschita, die aufstiegen, um sich den See anzuschauen. Sie kamen dann zu mir, um die Stadt zu kontaktieren. Schließlich rief ich Mynshylky an, und das Ministerium für Notsituationen kam zum Einsatz. Es dauerte einen halben Tag, um sie zu retten. So etwas passiert ständig, vor allem im Frühjahr, wenn jemand von einer Lawine erwischt wird. Gerade zu dieser Zeit meinen Skifahrer auf Berge steigen zu müssen, sie lösen selbst Lawinen aus.</em> Und manchmal ist das Wetter hier so, dass selbst der Noteinsatzdienst hierher kommen kann.<br><br>Koszhanov lacht, denn nicht einmal alle seine Verwandten verstehen, was er das ganze Jahr über in den Bergen sitzt. Sergej Gebel, ein Hilfsingenieur, arbeitet seit vier Jahren hier. „<em>Als ich zum ersten Mal hierher kam, war es für mich wie ein Märchen, alles war neu, alles war so interessant, ich bin den einen Berg hinaufgelaufen, ich bin den zweiten Berg hinaufgelaufen, ich wollte alles lernen, alles fotografieren, alles riechen, alles anfassen</em>“.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="683" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/30c8bb49a73d517aaced73686ee969b9_autox1200-1024x683.jpg" alt="" class="wp-image-41076" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/30c8bb49a73d517aaced73686ee969b9_autox1200-1024x683.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/30c8bb49a73d517aaced73686ee969b9_autox1200-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/30c8bb49a73d517aaced73686ee969b9_autox1200-768x512.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/30c8bb49a73d517aaced73686ee969b9_autox1200-1536x1024.jpg 1536w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/30c8bb49a73d517aaced73686ee969b9_autox1200.jpg 1800w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Sergei Gebel</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Gebel weiß, wo man Pilze, Himbeeren, Weidentee und andere Pflanzen pflücken kann, und er scheint alle einheimischen Murmeltiere zu kennen, die das Gebiet der Station unter sich aufgeteilt haben: einige leben in der Turnhalle, andere unter Fässern, das mutigste &#8211; unter dem Haus. Es kommt ganz nah an uns heran &#8211; wohlgenährt und schön. Früher gab es hier einen Hund, aber der ist weggelaufen, sie wollten eine Katze anschaffen, aber anscheinend sind nicht alle Mitarbeiter dafür. „<em>Mit einem Kätzchen würde es mehr Spaß machen, aber ohne haben wir mehr Murmeltiere</em>“, lacht Sergei.<br><br>Berik Koszhanov und Ilia Shechev kann man als die junge Generation von Glaziologen bezeichnen, aber Berik gibt zu, dass er sich eindeutig nicht als solcher fühlt, weil er vieles nicht weiß, vor allem, wie man Geräte repariert. „<em>Was die Wissenschaft betrifft, so trifft das wahrscheinlich nicht auf uns zu, sondern auf diejenigen, die im Büro sitzen, denn wir sind nur Sammler von Informationen, wir analysieren sie nicht. Man sagt uns, wir sollen messen, und wir geben die Informationen weiter, und ein Team, das mehr Mitarbeiter hat als wir, bearbeitet sie. In regelmäßigen Abständen erfahren wir dann das Ergebnis. Ich kann es irgendwie sehen, aber ich habe keine konkreten Zahlen in der Hand.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Manchmal fragen wir uns und sind dann überrascht, wie stark sich der Gletscher zurückzieht. Aber das ist verständlich, das Klima ändert sich. Erinnern Sie sich an den Sturm in Shymbulaq im Jahr 2011? Warum ist das passiert? Weil die Berge kalt sind, die Stadt aber sehr heiß wurde und der Temperaturunterschied einen starken Wind verursachte, der alles zu zerstören begann. Und wenn es keine Gletscher mehr gibt, wird sich die Stadt noch mehr aufheizen, weil die Wassergräben leer sind, die die Stadt sehr stark abkühlen</em>“.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/kirgistan-in-3600-meter-hohe-auf-dem-gletscher-der-bischkek-bedroht/">Kirgistan: In 3600 Meter Höhe auf dem Gletscher, der Bischkek bedroht</a></strong><br><br>Ilia Shechev, 23, ist der jüngste Mitarbeiter der Station, ein glaziologischer Techniker, der seit zweieinhalb Jahren hier arbeitet. Davor arbeitete er in der Skistation Shymbulaq und ist eine seltene Mischung aus Bergsteiger und Glaziologe. Im Alter von sechs Jahren bestieg er seinen ersten Gipfel &#8211; den Komsomol-Gipfel &#8211; er lacht darüber, dass seine Eltern es damals nicht geschafft haben. Und im Alter von 16 Jahren erhielt er ein internationales Zertifikat als Ausbilder für Bergtourismus. In seiner Freizeit führt er neben seiner Schicht als Bergsteiger Touristen in die Berge. <em>„Die Arbeit des Glaziologen ist interessant, denn wenn man in den Bergen ist, um Messdaten zu nehmen, muss man zur Molodjoschka laufen &#8211; zu diesem Gipfel dort drüben, dort steht das Gerät, und an einem Tag kann man die ganze Schlucht rauf und runter laufen.</em>“</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="683" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/ee95bf4b3b5c8724cca61dead051e8f7_1440xauto-1024x683.jpg" alt="" class="wp-image-41077" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/ee95bf4b3b5c8724cca61dead051e8f7_1440xauto-1024x683.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/ee95bf4b3b5c8724cca61dead051e8f7_1440xauto-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/ee95bf4b3b5c8724cca61dead051e8f7_1440xauto-768x512.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/ee95bf4b3b5c8724cca61dead051e8f7_1440xauto.jpg 1440w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Ilia Shechev</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph"><br>Ilia weiß nicht, ob er sein zukünftiges Leben mit der Gletscherbeobachtung verbinden wird. Er überlegte, ein Studium zu unternehmen, aber er ist sich noch nicht sicher: „<em>Das Bergsteigen reizt mich, manchmal möchte ich 20 Tage lang an einem Trekking teilnehmen, aber dann komme ich von der Schicht herunter und möchte in der Stadt sein, mich ausruhen. Ich vermisse nicht die Schicht, ich vermisse die Berge. Die ersten fünf Tage hier zähle ich die Tage. Die Höhe macht mir sehr zu schaffen, ich werde müde, und in den letzten Tagen der Schicht fühle ich mich sehr angeschlagen.“</em><br><br>Ich habe ihn gefragt, ob er den Film „Majak“ über zwei Männer gesehen hat, die zusammenarbeiten und allmählich verrückt werden, und er hat gelacht, denn hier gebe es schließlich W-LAN. Ilja zeigt uns das Haus, in dem Revutaitė früher wohnte. Letztes Jahr wurden hier einige Reparaturen vorgenommen, weil Glaziologen aus Zentralasien zum Workshop kamen &#8211; sogar eine neue Holztoilette wurde eingebaut. Jetzt ist das Haus geschlossen &#8211; der Ofen funktioniert dort nicht. Wir schauen uns alte Zeitschriften an &#8211; eine auf Litauisch, „Orakel“, alles Mögliche an Mystik &#8211; aber die Glaziologen selbst sind sehr pragmatisch und frei von Esoterik und anderem Mystizismus. Es gibt keine Legenden über schwarze Bergsteiger oder Bigfoot, sie sagen, dass es hier nur Bergziegen und Schneeleoparden gibt, aber niemand hat letztere gesehen. Sogar Bären und die gibt es am Großen Almaty-See.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="683" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/3e3f73c6ed058ee46a0efde9ec0fcfb9_autox1200-1024x683.jpg" alt="" class="wp-image-41078" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/3e3f73c6ed058ee46a0efde9ec0fcfb9_autox1200-1024x683.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/3e3f73c6ed058ee46a0efde9ec0fcfb9_autox1200-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/3e3f73c6ed058ee46a0efde9ec0fcfb9_autox1200-768x512.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/3e3f73c6ed058ee46a0efde9ec0fcfb9_autox1200-1536x1024.jpg 1536w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/3e3f73c6ed058ee46a0efde9ec0fcfb9_autox1200.jpg 1800w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></figure>



<p class="wp-block-paragraph"><br>Am Morgen werden wir von heftigem Regen geweckt &#8211; es ist heiß in Almaty um diese Zeit. Hier ist es +5 Grad und Nebel hat sich über die Berge gelegt. Kapitsa und Kasatkin schauen in den Himmel: Nein, heute bleibt der Himmel bewölkt. Bei dieser Expedition kann die Drohne nicht mehr abheben. Gut, dass sie gestern Zeit den Tag genutzt haben. Kapitsa sagt allen, sie sollen zusammenpacken, Ilia, Sergei und Berik bleiben in der Station &#8211; seine Sachen hatten keine Zeit zum Trocknen und er wird morgen zu Fuß hinuntergehen.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="683" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/5c26e272c6aa4ab8824f576523d997bf_autox1200-1-1024x683.jpg" alt="" class="wp-image-41079" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/5c26e272c6aa4ab8824f576523d997bf_autox1200-1-1024x683.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/5c26e272c6aa4ab8824f576523d997bf_autox1200-1-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/5c26e272c6aa4ab8824f576523d997bf_autox1200-1-768x512.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/5c26e272c6aa4ab8824f576523d997bf_autox1200-1-1536x1024.jpg 1536w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2024/12/5c26e272c6aa4ab8824f576523d997bf_autox1200-1.jpg 1800w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></figure>



<p class="wp-block-paragraph"><br><br>„<em>Nächste Woche kommen die Zoologen zu uns, sie brauchen ein paar Schmetterlinge</em>“, warnt Kapitsa.</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Svetlana Romatschkina (Text) und Daniyar Musirov (Fotos) für Vlast</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem </strong><a href="https://vlast.kz/inside/61530-smotrasie-za-lednikom.html"><strong>Russischen</strong></a><strong> von Giulia Manca</strong></p>
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		<item>
		<title>„Wir kennen nur die männliche Seite unserer Familiengeschichte“: Terek Story arbeitet die weibliche Geschichte Kasachstans auf</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Vlast]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 14 Mar 2024 11:13:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Dekolonialität]]></category>
		<category><![CDATA[Ethnographie]]></category>
		<category><![CDATA[Familiengeschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>&#x201E;Die Geschichte meiner Vorfahren ist meine Geschichte&#x201C;. Dies ist der Standpunkt des Teams der Initiative Terek Story, das die Geschichte Kasachstans durch die Geschichten seiner Einwohner:innen beleuchten will. Vlast sprach mit dem Projektteam &#xFC;ber einen neuen Blick auf die Vergangenheit, die Ethnografie der Familien und den Wunsch, eine geografische digitale Karte der Familienerinnerungen zu erstellen.&#xA0; [&#x2026;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong><em>„Die Geschichte meiner Vorfahren ist meine Geschichte“</em>. Dies ist der Standpunkt des Teams der Initiative <a href="https://www.instagram.com/terekstory/">Terek Story</a>, das die Geschichte Kasachstans durch die Geschichten seiner Einwohner:innen beleuchten will. Vlast sprach mit dem Projektteam über einen neuen Blick auf die Vergangenheit, die Ethnografie der Familien und den Wunsch, eine geografische digitale Karte der Familienerinnerungen zu erstellen</strong>.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Terek Story wurde im Mai letzten Jahres mit <a href="https://www.aulinspired.org/">Aul Inspired</a> und dem <a href="https://ru.policysolutions.kz/">Zentrum für politische Lösungen</a> als Partner ins Leben gerufen. Während der dreimonatigen Pilotphase des Projekts wurden 26 Geschichten aus verschiedenen Teilen Kasachstans gesammelt. Das Team besteht nun aus 11 Personen. Während der Pilotphase wurden Workshops abgehalten und mehrere Podcast-Episoden zum Thema Familienethnographie produziert.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Seit meiner Kindheit interessiere ich mich für Geschichte, weshalb ich das Fach auch an der Universität studiert habe. Viele Menschen denken, dass Geschichte eintönig und langweilig ist und keinen Einfluss auf uns hat. Aber in Wirklichkeit ist die Geschichte unsere Vergangenheit, die Vergangenheit unserer Familie“</em>, sagt Gulnaz Tulenova, die Projektleiterin.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Terek Story sammelt Geschichten auf zwei Arten: Es gibt eine Instagram-Seite, auf der jeder die Geschichte seiner Familie teilen kann, indem er das Projektteam kontaktiert. Man kann dort auch selbst einen Beitrag in den sozialen Medien verfassen und einen speziellen Hashtag hinzufügen. Die Projektseite enthält Leitfragen wie: <em>„Bist du gerne zur Schule gegangen?“, „Hattest du Geheimnisse vor deinen Eltern?“, „Wie war deine Kindheit?“, „Wann und wo hast du deine erste Liebe kennengelernt?“</em> und so weiter. Die zweite Möglichkeit, Geschichten zu sammeln, sind Live-Interviews.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Identitätsfindung durch das Studium der sieben Familienstämme</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Tulenova zeichnet derzeit die Geschichte ihrer Großmutter mütterlicherseits auf, da sie andere Verwandte der älteren Generation nicht erreicht hat. Sie glaubt, dass dies dazu beitragen wird, die Geschichte aus einer neuen Perspektive zu betrachten. <em>„Meine Großmutter wurde zum Beispiel während des </em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Hungersnot"><em>Ascharschylyk</em></a><em> (Hungersnot,</em> <em>Anm. d. Red.) mit zwei Kindern allein gelassen, aber trotz der Schwierigkeiten kehrte sie zu ihren Verwandten zurück. Der Ascharschylyk hatte direkte Auswirkungen auf meine Familie. Vor nicht allzu langer Zeit erfuhren wir, dass mein Urgroßvater während der </em><a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Battle_of_A%C3%B1yraqai"><em>Schlacht von Anrakai</em></a><em> (Dezember 1729&nbsp; – Januar 1730, Anm. d. Red.) nach </em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Taras_(Kasachstan)"><em>Taraz</em></a><em> gezogen war. Jetzt ist die Schlacht von Anrakai für mich kein entferntes Ereignis mehr, sondern eine Geschichte, die meine Familie betrifft“</em>, sagte sie. &nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Tulenova meint, dass die Geschichte Kasachstans stark verzerrt ist und viele Lücken aufweist. Sie möchte, dass Terek Story eine Plattform ist, auf der die Menschen ihre Version der Geschichte erzählen können. <em>„Es gibt so viele unterrepräsentierte Teile der Geschichte. Schließlich hat jede Familie, jedes Familienmitglied seine eigene Stimme, Meinung und Geschichte“</em>, sagt sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie ist der Auffassung, dass die Kenntnis der Geschichte der eigenen Vorfahren viele Fragen zur Identität beantworten kann: <em>„Einige ältere Familienmitglieder leben auf dem Land, während ihre Kinder und Enkel in der Stadt leben. Dann fangen sie an, sich die Frage zu stellen: ‚Wer bin ich?‘ Und die Antwort findet man im Prozess des Nachdenkens, genauer gesagt, im Studium der sieben Familienstämme“</em>.&nbsp;</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Erzählte Familiengeschichten</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Ich wurde von meiner Oma aufgezogen“</em>, so beginnt Jandos Aktaevs Geschichte über seine Großmutter Yrysaldy. Ihr Name bedeutet <em>„Vorbote des Glücks“</em> auf Kasachisch. Sie wurde 1926 im Dorf <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Schijeli">Schieli</a> in der Region <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Qostanai_(Gebiet)">Qostanai</a> geboren. Sie überlebte Hungersnot, Krieg, den Zusammenbruch der Sowjetunion und die Unabhängigkeit des Landes.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Die Bedingungen, unter denen sie aufwuchs, förderten in ihr die Toleranz gegenüber anderen. Damals kämpften alle ethnischen Gruppen gemeinsam gegen den Hunger und unterstützten sich gegenseitig, das brachte alle zusammen“</em>. Er beschrieb, wie seine Großmutter nicht nur kasachische Nationalgerichte, sondern auch kaukasische (tschetschenische) Galuschki, Kholodets und andere Gerichte kochte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wegen des Krieges erhielt Yrysaldy keine Schulbildung, aber sie unterstützte stets das Streben ihrer Kinder und Enkel danach.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Meine Oma sagte immer, dass nur ehrliche Arbeit und familiäre Werte uns stärker und glücklicher machen können. Sie ist im Februar 2023 im Alter von 97 Jahren von uns gegangen. Obwohl sie nicht mehr unter uns weilt, wird die Weisheit, die sie uns vermittelt hat, immer in meinem Herzen weiterleben. Wir werden sie als eine starke und freundliche Frau in Erinnerung behalten, die die besten Eigenschaften der kasachischen Kultur und Traditionen verkörperte“</em>, meint Aktaev.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In einer anderen Geschichte, die das Team von Terek Story gesammelt hat, erinnert sich der 1942 während des Zweiten Weltkriegs geborene Ryskeldi Jaqaschūly an seine Jugend und daran, wie seine Eltern zwei Töchter und vier Jungen großzogen. Sie lebten im Dorf Taldy, dann im Dorf Boleksaz, Bezirk <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kegen">Kegen</a>, Region <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Almaty">Almaty</a>. Als sein Vater Jaqasch an die Front geschickt wurde, war seine Mutter Abzel schwanger. Daher erhielt der Sohn den Namen Ryskeldi <em>„yrys keldi“</em>, was auf Kasachisch <em>„Erfolg“</em> bedeutet. Sein Vater kehrte jedoch nie aus dem Krieg zurück. Seine Mutter Abzel arbeitete anschließend als Melkerin auf dem staatlichen Bauernhof.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Von Kindheit an interessierte sich Ryskeldi Jaqaschūly für das Tischlerhandwerk. Er begann mit dem Basteln von alten Brettern in der Scheune, und in fortgeschrittenem Alter schuf er Gegenstände, die für das tägliche Leben notwendig waren.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">Ryskeldi erzählt, dass er schon in jungen Jahren zu arbeiten begann, aber trotzdem Zeit für verschiedene Spiele fand. Die Kinder nahmen zum Beispiel einen Stein, wickelten ihn in Kuhfell und formten so einen Ball. <em>„Und wenn es im Dorf einen Feiertag gab, dann durfte der </em><a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Aytysh"><em>Aıtysch</em></a><em>-Wettbewerb nicht fehlen</em><em>. Der Filz der Jurte wurde in eine Bühne verwandelt. Auch damals spielten die jungen Leute das Spiel Aksuiek (mit Kuhknochen, Anm. d. Red.)“</em>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nachdem er eine vierjährige Schule in Taldy besucht hatte, setzte er seine Ausbildung im Kegen fort. Und nach der 8. Klasse lernte er im Dorf <a href="https://ru.wikipedia.org/wiki/%D0%96%D0%B0%D0%BB%D0%B0%D0%B3%D0%B0%D1%88">Zhalagasсh</a> den Beruf des Kraftfahrers. Anschließend diente er in <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Wladiwostok">Wladiwostok</a> in der Turbinenbranche.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Eines Tages begaben wir uns mit einer Mannschaft auf eine lange Reise in den Pazifik, um verschiedene Aufgaben zu erfüllen. Wir überquerten den Äquator und gelangen am Ufer in Indonesien“</em>, erzählt Jaqaschūly. Nach der Demobilisierung arbeitete er als Bergarbeiter in einem Bergwerk im Dorf Tūıyq. Dort wurden Zink und Blei abgebaut und zur Weiterverarbeitung in der Stadt <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Tekeli">Tekeli</a> in die Blei-Zink-Anlage geschickt. Danach arbeitete er als Kranführer und heiratete.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Weibliche Perspektive auf Geschichte und Dekolonialität</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Projektleiterin Tulenova ist der Meinung, dass die Schezhire, eine Ahnentafel der Generationen, über Männer aus der Perspektive von Angehörigen des gleichen Geschlechts geschrieben wird. Frauen kämen darin nicht vor: <em>„Wir sollten die Verdienste der Frauen nicht ausklammern“</em>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Elmira Kakabaeva, Schriftstellerin und Autorin des [russischsprachigen, Anm. d. Red.] Online-Kurses <em>„</em><a href="https://writelikeagrrrl.ru/semeynaya-etnografiya"><em>Familienethnographie oder wie man sein Schreiben entkolonialisiert</em></a><em>“</em>, die die Initiativgruppe des Projekts berätteilt diese Ansicht. Mit einer weiblichen Perspektive, sagt sie, wird es möglich sein, mehr über die weibliche Seite der Geschichte zu erfahren.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Mir wurde immer gesagt, dass ich die sieben Stämme meiner Familie kennen sollte. Dann wurde mir klar, dass wir nur die männliche Seite unserer Familiengeschichte kennen. Aber Frauen leben dieses Leben genauso, und sie haben oft sogar ein komplizierteres Leben“</em>, so die Schriftstellerin.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihrer Meinung nach ist die Welt der Frauen in manchen Kulturen verschlossener. Wenn sich beispielsweise Anthropolog:innen für eine Forschungstätigkeit entscheiden, steht ihnen die weibliche Welt mehr offen als den Männern. Deshalb bietet Kakabaeva einen Kurs nur für Frauen an, in dem sie über ihre Großmütter sprechen und nachdenken können.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/dekolonial-queer-feministisch-zentralasiatischer-kurzfilm-beim-goeast-filmfestival-2023/">Dekolonial, queer, feministisch – zentralasiatischer Kurzfilm beim goEast Filmfestival 2023</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Tulenova ist der Meinung, dass Frauen die Träger:innen von Geschichten sind – sie lesen ihren Kindern und Enkeln Geschichten vor, und wenn diese heranwachsen, erzählen sie die Neuigkeiten, die in ihrem Stammbaum geschehen sind. Deshalb sei es wichtig, den weiblichen Teil der Geschichte zu zeigen. <em>„In unserem Projekt Terek Story wurden viele Geschichten von Frauen übernommen. Das sollte die Norm sein“</em>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kakabaeva begann nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine, über Familiengeschichte nachzudenken. Daraufhin begann sie wieder, einen Text zu schreiben, in dem sie über ihre Verbindung zu ihren Vorfahren nachdenkt. Das war der Beginn ihres Schreibkurses <em>„Ich begann zu reflektieren und erkannte, dass meine Vorfahren ein sehr erfülltes Leben führten. Das 20. Jahrhundert hatte gerade begonnen, eine Zeit großer Veränderungen. Und plötzlich wurde mir klar, dass ihr Leben mein Geschichtslehrbuch ist. Alles, was wir in der Schule gelernt haben, ist an uns vorbeigeflogen. Wir haben einige Daten auswendig gelernt, um unsere Prüfungen zu bestehen. Aber nach einer Weile vergisst man alles. Und dann schaut man sich das Leben seiner Verwandten, seiner Großeltern an, die dieses Leben gelebt haben, und plötzlich wird es so greifbar, dass man wirklich ein Produkt dieses historischen Prozesses wird“</em>, sagte sie.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>„Ein Archiv mündlicher Überlieferungen ist für die Wissenschaft stets von Nutzen“</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Kakabaeva glaubt, dass man etwas Neues lernen kann, wenn man sich mit der Geschichte einer Familie beschäftigt. Und das wiederum führt zum Begriff der Dekolonialität. <em>„Man kann herausfinden, warum das Leben so und nicht anders verlaufen ist. Das Interessanteste ist, dass wir die Lebensentscheidungen unserer Vorfahren verstehen können“</em>, meint sie. Bei der Dekolonialität geht es auch darum, etwas zu kritisieren, das in einem festgefahrenen Konstrukt existiert, um ihm Einhalt zu gebieten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kakabaeva ist überzeugt, dass das Projekt zur Bewahrung der Erinnerungen beitragen wird<em>. „In Kirgistan gibt es zum Beispiel das </em><a href="https://ru.esimde.org/"><em>Esimde</em></a><em>-Projekt, bei dem ein Team von Forscher:innen mündliche Überlieferungen zu verschiedenen historischen Themen sammelt. Sie reisen in Dörfer, Städte und Gemeinden und führen dort Interviews durch. Ein Archiv mündlicher Überlieferungen ist für die Wissenschaft stets von Nutzen“</em>, so die Schriftstellerin.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Projektleiterin Gulnaz Tulenova wiederum stellt fest, dass Terek Story in die gleiche Richtung geht. Sobald genügend Geschichten gesammelt sind, werden sie nach Jahr und Inhalt in Gruppen eingeteilt. <em>„Dann können wir Forscher:innen ansprechen, die in Zukunft Materialien nach Themen finden und dann Analysen für ihre eigene Forschung durchführen können“</em>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Projekt wird auf Kasachisch durchgeführt, und die Geschichten werden anschließend ins Russische und Englische übersetzt.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Förderung der Kommunikation zwischen Generationen</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Das Wort <em>„Terek“</em> bedeutet auf Kasachisch <em>„Pappel“</em>. Aliia Şaıhina, Koordinatorin des Sozialprojekts Aul Inspired, hatte die Idee für den Namen des Projekts. Laut Tulenova wird dieser Baum in Dörfer in einer Reihe gepflanzt, manchmal anstelle eines Zauns. <em>„Mein Großvater hat seinen Kindern einmal ein paar Nachbarhäuser gekauft. Ihre Häuser sind mit Pappeln umzäunt. ‚Terek‘ bedeutet eigentlich Umfriedung, Familienbaum“</em>, erklärt sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Hauptziel von Terek Story ist es, so Tulenova, die Kommunikation zwischen Generationen zu fördern, was letztendlich dazu beitragen soll, unerzählten Geschichten eine Stimme zu geben.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/auf-zum-marsch-wofuer-kaempft-die-feministische-bewegung-kasachstans/">„Auf zum Marsch”: Wofür kämpft die feministische Bewegung Kasachstans?</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Seit Dezember 2023 hat eine neue Phase des Projekts begonnen – das Team wird nun Geschichten aus verschiedenen Regionen sammeln. Sie konzentrieren sich jetzt auf Städte im Norden Kasachstans und wollen direkt mit den Erzähler:innen sprechen. Ziel ist es, bis Mai etwa 50 Geschichten zu sammeln. Terek Story plant, aus den gesammelten Geschichten eine geografische digitale Karte zu erstellen. Nach dem Norden Kasachstans wollen sie auch die südlichen Regionen des Landes besuchen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Tulenova merkt an, dass das Projekt nicht nur Geschichten von Kasach:innen, sondern auch von anderen im Land lebenden Menschen unterschiedlicher Herkunft erfassen will. <em>„In der Pilotversion gab es jeweils Geschichten von einer uigurischen, einer deutschen und einer russischen Großmutter. Wir wollen die Geschichte von ganz Kasachstan erzählen. Unser Land ist multikulturell“</em>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die im Rahmen des Pilotprojekts gesammelten Geschichten wurden in einer begrenzten Auflage veröffentlicht und den Erzählerfamilien überreicht. Laut Tulenova waren diese Familien sehr stolz darauf, ein solches Erbe in gedruckter Form zu haben. Jetzt sind alle diese Geschichten elektronisch auf der Website des Zentrums für politische Lösungen gespeichert. Das Projekt plant für die Zukunft eine eigene Website, auf der alle Geschichten sowie Podcasts und Workshops, die derzeit durchgeführt werden, zusammengestellt werden.</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Akbota Uzbekbaı für Vlast</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem <a href="https://vlast.kz/life/58768-my-znaem-tolko-muzskuu-storonu-istorii-nasego-roda.html">Russischen</a> von Irina Radu</strong></p>



<p class="has-primary-800-color has-primary-100-background-color has-text-color has-background wp-block-paragraph"><em><strong>Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen: Schaut mal vorbei bei <a href="https://twitter.com/novastan_de">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/">Facebook</a>, <a href="https://telegram.me/novastan">Telegram</a>, <a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/">Linkedin</a> oder <a href="https://www.instagram.com/novastanorg/">Instagram</a>. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem <a href="http://eepurl.com/O0Qub">wöchentlichen Newsletter anmelden</a>.</strong></em></p>
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		<title>„Auf zum Marsch”: Wofür kämpft die feministische Bewegung Kasachstans?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Vlast]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 04 Mar 2024 10:40:35 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[8. März]]></category>
		<category><![CDATA[Fonova]]></category>
		<category><![CDATA[Frauen]]></category>
		<category><![CDATA[Frauenrechte]]></category>
		<category><![CDATA[Frauentag]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Seit letztem Fr&#xFC;hjahr haben feministische Aktivist:innen zehn Anmeldungen f&#xFC;r eine Kundgebung und einen Marsch am 8. M&#xE4;rz 2024 f&#xFC;r die &#x201E;Freiheit und Sicherheit der kasachischen Frauen&#x201D; beim Akimat in Almaty eingereicht. Diese wurden jedes Mal abgelehnt mit der Begr&#xFC;ndung, dass bei einer friedlichen Versammlung mit einem solchen Thema &#x201E;die Gefahr einer St&#xF6;rung der &#xF6;ffentlichen Ordnung [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph">Seit letztem Frühjahr haben feministische Aktivist:innen zehn Anmeldungen für eine Kundgebung und einen Marsch am 8. März 2024 für die „Freiheit und Sicherheit der kasachischen Frauen” beim <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Akim">Akimat</a> in Almaty eingereicht. Diese wurden jedes Mal abgelehnt mit der Begründung, dass bei einer friedlichen Versammlung mit einem solchen Thema <em>„die Gefahr einer Störung der öffentlichen Ordnung bestehe”</em>.</p>



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<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem begannen feministische Aktivist:innen im Januar mit der Planung einer Kundgebung und eines Marsches zum Internationalen Frauentag. Sie hielten Pressekonferenzen ab, organisierten Streikpostenaktionen und beantragten, eine <em>„Versammlung für eine Kundgebung”</em> zu organisieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vlast berichtet, wie feministische Aktivist:innen und Menschenrechtsaktivist:innen dafür kämpfen, dass am 8. März ein Frauenmarsch und eine Kundgebung stattfinden.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><em>&#8222;Haben Sie keine Angst, in einer Stadt zu leben, in der die Polizei Sie nicht schützen kann?&#8220;</em></h2>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Eine Streikpostenaktion ist etwas, auf das sich Aktivist:innen in verschiedenen Städten Kasachstans geeinigt haben, und es stellt sich heraus, dass es kaum das letzte Mittel ist, um unsere Meinung zum Ausdruck zu bringen”</em>, sagte Veronika Fonova, eine Leiterin der feministischen Gruppe <a href="https://www.instagram.com/kaz_fem/?hl=de">Kazfem</a>, die vor dem Kasachischen Nationalen Opern- und Balletttheater <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Abai-Opernhaus#:~:text=Das%20Kasachische%20Staatliche%20Akademische%20Abai,in%20der%20kasachischen%20Stadt%20Almaty.">Abay</a> mit einem Plakat stand, auf dem zu lesen war: <em>„Ich stehe hier, damit Sie zum Marsch gehen können.”</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Dies ist ihre zweite Streikpostenaktion in einer Woche. Am 3. Februar unternahm ein Mann namens Nikita Bura mit seinen Begleitenden während des ersten Streikpostens einen Versuch, die Aktion zu stören. Er trug eine Maske und filmte alles mit seinem Handy und rief die Polizei – angeblich wegen Verstoßes gegen die öffentliche Ordnung.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Das sind Einzelfälle. Ich will nicht, dass die Leute denken, es sei gefährlich, und Angst haben, ihr verfassungsmäßiges Recht wahrzunehmen. Es wird immer Andersdenkende geben.”</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Am Ort des Streikpostens hat Fonova eine Gruppe von Unterstützenden – andere feministische Aktivist:innen sowie Mitglieder des Organisationskomitees für den Frauenmarsch 2024. Veronika beginnt die Aktion mit zwei Fragen: <em>„Wird die Person, die mich bei der vereinbarten Streikpostenaktion angegriffen hat, bestraft werden?”</em> und <em>„Wird es eine Genehmigung für eine Kundgebung für Frauenrechte, Freiheit und Integrität am 8. März geben?” &nbsp;</em></p>



<h2 class="wp-block-heading">Schwieriger Dialog mit der Regierung</h2>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Wir sehen, dass es so viele Probleme gibt – Drängeln, Belästigung – die während der Lesung des Gesetzentwurfs diskutiert, aber nicht angegangen wurden. Warum geschieht dies überhaupt? Frauen sterben aufgrund von häuslicher Gewalt, und der Staat will keinen Dialog mit uns führen. Ich denke, das ist ein wichtiges Thema, das man diskutieren sollte”</em>, sagt die feministische Aktivistin.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Fonova <a href="https://vlast.kz/novosti/58912-v-mvd-otricaut-cto-pravitelstvo-ne-podderzivaet-ugolovnuu-otvetstvennost-za-harassment-i-stalking.html">stellt fest</a>, dass die Tatsache, dass Begriffe wie <em>„Drängeln”</em> und <em>„Belästigung”</em> nicht berücksichtigt wurden, <em>„ein beunruhigendes Zeichen” </em>ist. Das Innenministerium erklärte jedoch am 13. Februar, dass <em>„die Regierung sich nicht geweigert”</em> habe, diese Artikel unter Strafe zu stellen, und erklärte, dass sie diese Aspekte <em>„prüfe”</em>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die feministische Aktivistin fügt hinzu, sie sei empört darüber, dass <em>„die Stadtpolizei nicht in der Lage ist, die Sicherheit der Bevölkerung von Almaty zu gewährleisten, die sich drei Stunden lang in einem Park oder auf einem Platz versammeln.”</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Sie sagen, dass es bei einer solchen Veranstaltung ein Sicherheitsrisiko gibt. Das mag zwar nicht der wahre Grund sein, es klingt für mich ziemlich beunruhigend. Haben Sie keine Angst, in einer Stadt zu leben, in der die Polizei Sie tagsüber im Zentrum nicht schützen kann?”</em></p>



<h2 class="wp-block-heading">Warum Aktionen nötig sind</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Im Anschluss an den Streikposten von Fonowa begibt sich die Begleitgruppe traditionell in das nächstgelegene Café, um dort zu Mittag zu essen. Dort besprechen sie die Pläne für die nächsten Streikposten. Kamila Ensegen hat die Akimats (staatliche Regionalverwaltung, Anm. d. Red.) von Almaty und Aktau über ihre Aktion informiert.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Unser Kampf richtet sich nicht gegen Männer oder andere Gruppen von Menschen, sondern wir kämpfen dafür, dass in unserem Land normale Gesetze verabschiedet werden und die Strafverfolgungsbehörden ordnungsgemäß arbeiten”</em>, so Ensegen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie erinnert sich an eine Diskussion über einen Gesetzesentwurf im Mäjlis, bei der der Abgeordnete Anas Bakkojayev <a href="https://rus.azattyq.org/a/32806182.html">sagte</a>, Familienkonflikte seien auf<em> „die lange Rede” </em>der Frauen zurückzuführen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Ich hatte gehofft, dass nach dem Tod von <a href="https://www.dw.com/ru/v-kazahstane-eksministra-obvinaut-v-ubijstve-zeny-cto-izvestno/a-67399509">Saltanat Nukenova</a></em><em> [in einem Restaurant in Astana im November 2023, Anm. d. Red.] bei der Lesung des Gesetzentwurfs wenigstens ein bisschen über Belästigung gesprochen wird. Aber nichts ändert sich, nur die Mädchen ändern sich”,</em> erzählt sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Jedes Jahr kommen fast tausend Menschen zu unseren Demonstrationen und Kundgebungen. Wir sind mehr geworden, und wir wollen über unsere Rechte sprechen. Wir bitten nur um einen Tag im Jahr. Für uns ist dies eine Plattform, ein Ort und ein Umfeld, wo Frauenorganisationen und Frauen über ihre Probleme sprechen können”</em>, erklärt Lyubow Worontsowa, Mitglied des Organisationskomitees.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Moldir Alban, eine feministische Aktivistin und Mitglied des Organisationskomitees, fügt hinzu, dass mit der wachsenden Zahl der Unterstützenden auch die Hindernisse zunehmen.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Widerstand von allen Seiten</h2>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Während die Bewegung wächst, gibt es Widerstand von Seiten des Staates und von Menschen mit konservativen Ansichten. Je näher wir dem 8. März kommen, desto aktiver werden sie. Anstatt uns auf die Aktion selbst vorzubereiten, müssen wir unsere Energie darauf verwenden, das zu bekämpfen”</em>, sagt sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vorontsova erklärt auch, dass sich die Themen der Frauenkundgebungen jedes Jahr ändern; die diesjährige Kundgebung will sich auf die Sicherheit der kasachstanischen Frauen konzentrieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Es geht nicht nur um das Gesetz, sondern darum, dass es in der Praxis funktioniert. Ich sehe Diskriminierung am Arbeitsplatz, im Bildungswesen und in staatlichen Einrichtungen – das sind keine sicheren Bedingungen. Bei einem Streikposten und einer friedlichen Kundgebung sollte ich auch sicher sein”,</em> meint Vorontsova.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Tatiana Tşernobil, Menschenrechtsaktivistin und Mitglied des Organisationskomitees, fügt hinzu, dass sich die Frauen schon vor der friedlichen Versammlung selbst anstrengen müssen, um zu beweisen, dass nicht ihre Aktion <em>„die öffentliche Ordnung bedroht”</em>, sondern sie selbst bedroht werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein aktuelles <a href="https://vlast.kz/novosti/58916-v-almaty-prohodit-akcia-ucastnikov-zeltoksana-protiv-lgbt.html">Beispiel</a> ist der Protest eines konservativen Teils der Mitglieder des Vereins „Jeltoksan”, die sich am 13. Februar gegen LGBT als <em>„Bedrohung für die Zukunft Kasachstans”</em> aussprachen und ein Verbot von Aufmärschen und Kundgebungen am 8. März forderten. Ihre Aktion sei durch einen Streikposten der feministischen Aktivistin Aktorgyn Akkenjebalasy zur Unterstützung des Marsches in der Nähe des Denkmals von Jeltoksan <em>„provoziert” </em>worden. &nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die feministsiche Aktivistin Kyrmyzy Rustembekovna erinnert an die Bedeutung von Streikpostenaktionen, Kundgebungen und Märschen: <em>„Wir sagen, dass wir hier sind, dass wir existieren und dass wir Unterstützung brauchen, damit die Öffentlichkeit Empathie für Frauen zeigt, die täglich mit Sexismus, Mobbing, Gewalt, Schikane und Homophobie konfrontiert sind.”</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Tşernobil fügt hinzu, dass die staatlichen Behörden und die gegnerischen Kräfte sagen: <em>„Wenn es Probleme gibt, melden Sie sie, dann werden wir sie beheben.Aber es geht um die Möglichkeit, zu mobilisieren, Schwesternschaft zu zeigen und sich zu umarmen.”</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Menschenrechtsaktivistin weist darauf hin, dass es sich nicht um eine Dachorganisation handelt, sondern um eine Gruppe von Menschen, die versuchen, ein Vorbild zu sein: <em>„Wir sind nicht das Sprachrohr aller Frauen in Kasachstan. Wenn Sie etwas ansprechen wollen, sprechen Sie es an, wir werden Sie unterstützen.”</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Schließlich stellt Moldir Alban fest, dass trotz des Widerstands das Bewusstsein für den Feminismus in verschiedenen Regionen Kasachstans zunimmt:<em>„In Kasachstan wird sich der Feminismus entwickeln. Die Mädchen lernen ihre Rechte kennen und wissen, dass ihr Ziel nicht nur darin besteht, zu heiraten. Sie können die Welt bereisen, eine Karriere machen, eine Ausbildung erhalten und vieles mehr.”</em></p>



<h2 class="wp-block-heading">&#8222;Feminist:innen werden zu einer großen politischen Kraft&#8220;</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Janar Sekerbaeva, Mitglied des Organisationskomitees für den Frauenmarsch und Mitbegründerin der Initiative <a href="https://feminita.kz/">Feminita</a>, hielt am 14. Februar, dem „Valentinstag”, ebenfalls einen einsamen Streikposten in Almaty ab.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie gibt zu, dass es jedes Jahr schwieriger wird, ihre Kundgebungen abzuhalten: <em>„Viele Menschen sind sich dieses unsichtbaren Kampfes, den wir mit den lokalen Regierungen führen, nicht bewusst. Wir erhalten täglich Ablehnungen. Um die Unterstützung der Akimat im Jahr 2021 zu bekommen, mussten wir ab 2017 große Anstrengungen unternehmen. Schon 2022 sagten sie, wir sollten auf einen Marsch verzichten, und nur eine Kundgebung machen. 2023 machten wir eine Kundgebung nach der anderen, Pressekonferenzen, um den Marsch abzuhalten. Dieses Jahr erhielten wir immer wieder Absagen.”</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie glaubt, dass die Behörden durch die Tatsache eingeschüchtert werden, dass die Frauenbewegung zu einer Massenbewegung und einer großen politischen Kraft wird. Weiter ist sie der Meinung, dass die Behörden die Teilnahme verschiedener Frauengruppen, von Lesben bis hin zu Transfrauen, nicht mögen. <em>„Es ist sehr wichtig, über Inklusion und Intersektionalität zu sprechen”,</em> erklärt die feministische Aktivistin.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie andere feministische AktivistInnen ist auch sie unzufrieden mit der Tatsache, dass vier Jahre des Kampfes nicht zu einer Antidiskriminierungsgesetzgebung geführt haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sekerbaeva betont, dass man Gewalt nicht allein durch kulturellen Wandel überwinden kann:<em>„Wir organisieren Schulungen, wir schärfen das Bewusstsein. Aber nur sehr wenige Männer werden davon überzeugt. Wie sollen wir ihnen erklären, dass sie keine Gewalt anwenden sollen?Kennen Sie die Namen der Frauen, die in Dörfer jeden Tag sterben? Niemand kennt sie. Vielleicht erregen sie nicht die Aufmerksamkeit der großen Medien, aber sie sterben. Femizide gibt es seit den 1990er Jahren. Es gab keinen Gesetzesentwurf, als Nasarbaev im Amt war, und es gibt auch keinen Gesetzesentwurf unter der jetzigen Regierung. Was ist denn der Kurs des ‚Neuen Kasachstan‘?”</em></p>



<h2 class="wp-block-heading"><em>„Der Kampf der Frauen für ihre Rechte stand auch auf der Tagesordnung der ,Alasch&#8216;-Bewegung”</em></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die feministische und Menschenrechtsaktivistin Aigerim Kusaıynkysy ist der Ansicht, dass es nicht den Menschenrechtsnormen entspricht, dass die Behörden am 8. März keinen friedlichen Marsch zulassen und sie eine <em>„Genehmigung für eine Kundgebung”</em> einholen muss.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dennoch weist sie darauf hin, dass der Staat die Kundgebungen und Märsche am 8. März bisher aktiv genutzt hat, um internationalen Organisationen Bericht zu erstatten. <em>„Wenn es aber in diesem Jahr keine ‚Erlaubnis‘ gibt, wird sich das nicht nur negativ auf das Ansehen Kasachstans im Ausland, sondern auch im Land selbst auswirken”</em>, so die Menschenrechtsaktivistin. <em>„Der 8. März ist nicht nur ein Feiertag, an dem Mütter Blumen von ihren Kindern und Angehörigen erhalten, sondern auch ein Tag, an dem Frauen in Kasachstan über ihre Probleme sprechen können. Es ist ein historischer Tag, an dem die Frauen für Bildung und Rechte gekämpft haben.”</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Und weiter: <em>„Die kasachstanischen Frauen haben auch schon vor hundert Jahren gekämpft. Da ist das Beispiel von </em><em><a href="https://ru.wikipedia.org/wiki/%D0%9A%D1%83%D0%BB%D0%B6%D0%B0%D0%BD%D0%BE%D0%B2%D0%B0,_%D0%9D%D0%B0%D0%B7%D0%B8%D0%BF%D0%B0_%D0%A1%D0%B5%D0%B3%D0%B8%D0%B7%D0%B1%D0%B0%D0%B9%D0%BA%D1%8B%D0%B7%D1%8B">Nasipa Kuljanova</a></em><em>. Im Jahr 1907 hielten die kasachischen Frauen in <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Semei">Semeı</a> ihren eigenen Kongress ab, auf dem Männer und Frauen gemeinsam Probleme ansprachen.”</em></p>



<h2 class="wp-block-heading">Geschlechterspezifische Probleme bleiben ungelöst</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Trotz jahrelanger Bemühungen seien die geschlechtsspezifischen Probleme nach wie vor ungelöst. Eines davon ist der geringe Anteil von Frauen in der Regierung.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Von den 26 Ministern der neu gebildeten Regierung sind nur vier Frauen. Von den 88 stellvertretenden Ministern sind zehn Frauen. Die Beteiligung von Frauen an der Politik liegt unter 20 Prozent, aber der Frauenanteil in Kasachstan beträgt 52 Prozent. Wer wird dann die Probleme der Frauen bei den Behörden vorbringen? Wenn wir eine demokratische Regierung hätten und die Hälfte des Parlaments und der Regierung aus Frauen bestünde, erhielten die Probleme der Frauen vielleicht eine andere Relevanz”,</em> sagt Kusaıynkysy.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Geschlechtsspezifische Probleme lassen sich ihrer Meinung nach nicht allein durch Gesetze lösen, sondern auch durch einen kulturellen Wandel und eine Änderung der Einstellung gegenüber Frauen: <em>„Wir müssen uns von der Ansicht verabschieden, dass eine Frau eine Mutter ist. Eine Frau ist eine Präsidentin, sie ist eine Wissenschaftlerin, sie ist eine Politikerin. Nur wenn wir unsere Ansichten über solche Dinge ändern, können wir auch die Weltsicht über Frauen ändern.”</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie merkt an, dass die Definition von Frauen über ihre soziale Rolle leider auch bei Menschen zu beobachten ist, die sich gegen häusliche Gewalt aussprechen:<em> „Wenn sie sich gegen Gewalt aussprechen, sagen sie ‚schlagt keine Mädchen, denn es könnte eure Mutter, Schwester und so weiter sein‘. Warum müssest du mich nur als Schwester sehen? Kannst du mich nicht als menschliches Wesen sehen? Wenn man eine Frau über ihre soziale Rolle definiert, entwertet man die Menschenrechte und die Arbeit der FeministInnen, die seit Jahren dafür kämpfen.”</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie glaubt, dass der Kampf für die Rechte der Frauen systemisch sein muss – von der Mitarbeit in der Arbeitsgruppe für das Gesetz über häusliche Gewalt bis hin zu Änderungen in Fernsehserien und Filmen, die Frauenfragen geringschätzen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Unsere Kultur bewegt sich in eine Richtung und die Politik in eine andere. Dies ist ein Kampf für soziale Gerechtigkeit, für Menschenrechte, für unsere gute Zukunft. Das sind keine Kleinstthemen von bestimmten Frauen. Wir wollen keine Revolution inszenieren und die Frauen verändern. Unser Traum ist es, den Lebensstandard der kasachischen Frauen zu verbessern”</em>, so Kusaıynkysy.</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Naserke Kurmangasinova und Almas Kaisar für Vlast</strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem <a href="https://vlast.kz/reportage/58974-mars-bolsyn-za-cto-boretsa-feministskoe-dvizenie-kazahstana.html">Russischen</a> von Irina Radu</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>
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