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	<title>Marie Schliesser, Author at Novastan Deutsch</title>
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	<description>Wissenswertes und Nachrichten aus Kirgistan, Tadschikistan, Usbekistan, Kasachstan und Turkmenistan</description>
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	<title>Marie Schliesser, Author at Novastan Deutsch</title>
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		<title>„Wenn es an Kompetenz mangelt, ist es einfacher, dies mit Geld zu kompensieren“ – Über Sozialarbeit in Kasachstan</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Marie Schliesser]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 21 Apr 2023 19:40:01 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Bildung]]></category>
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		<category><![CDATA[Zentralasien Sozial]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>ZENTRALASIEN SOZIAL. Kasachstan braucht Sozialarbeiter:innen. In deren Ausbildung investiert der Staat aber kaum. Im Interview mit Almakz.Info spricht Dinara Esimova, Gesch&#xE4;ftsf&#xFC;hrerin der Nationalen Allianz der Sozialarbeiter &#xFC;ber den Arbeitsalltag ihres Berufsstandes, die Ausbildungssituation an kasachstanischen Universit&#xE4;ten sowie den Mangel an Anerkennung. &#x201E;Zentralasien Sozial&#x201C; ist eine Reihe von Artikeln, die im Rahmen des Projekts &#x201E;Consolidation of [&#x2026;]</p>
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<p class="wp-block-paragraph"><strong>ZENTRALASIEN SOZIAL. Kasachstan braucht Sozialarbeiter:innen. In deren Ausbildung investiert der Staat aber kaum. Im Interview mit Almakz.Info spricht Dinara Esimova, Geschäftsführerin der Nationalen Allianz der Sozialarbeiter über den Arbeitsalltag ihres Berufsstandes, die Ausbildungssituation an kasachstanischen Universitäten sowie den Mangel an Anerkennung.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">„Zentralasien Sozial“ <em>ist eine Reihe von Artikeln, die im Rahmen des Projekts „Consolidation of CBR structures in Tajikistan, Kyrgyzstan, Uzbekistan and Kazakhstan and further professionalization of social work training using the CBR approach“ entstanden sind. Im Rahmen des vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung finanzierten und von Caritas Deutschland in Tadschikistan durchgeführten Projektes hat Novastan eine journalistische Fortbildung rund um das Thema Soziale Arbeit organisiert.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Der folgende Artikel erschien am 30. August 2022 auf </em><a href="https://almakz.info/archives/2635"><em>Almakz.Info</em></a><em>. Wir übersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">In den vergangenen drei Jahren standen für die Ausbildung von Sozialarbeiter:innen an den Universitäten in Kasachstan jährlich 350 Stipendien bereit. Angesichts dessen, dass Expert:innen von den Ministerien eine Anzahl von 4000 Stipendien jährlich einfordern, ist dies wenig. Im Vergleich dazu wurde im Jahr 2019 nicht ein einziges Stipendium für diese Studienrichtung vergeben.</p>


<p style="background-color: #d4d4d4;"><span style="color: #000000;">Novastan ist das einzige deutschsprachige Nachrichtenmagazin über Zentralasien. Wir arbeiten auf Vereinsgrundlage und <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/werde-unser-mitglied-werde-novastan/"><strong>Dank eurer Teilnahme</strong></a>. Wir sind <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/unser-projekt/">unabhängig</a> und wollen es bleiben, dafür brauchen wir euch! Durch jede noch so kleine <strong><a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/spenden/">Spende</a></strong> helft ihr uns, weiter ein realitätsnahes Bild von Zentralasien zu vermitteln.</span></p>



<p class="wp-block-paragraph">Während an den Universitäten qualifizierte Sozialarbeiter:innen für die Arbeit mit Menschen in schwierigen Lebenssituationen vorbereitet werden, werden soziale Hilfsleistungen in Kasachstan durch NGOs erbracht. Dabei versteht die Mehrheit der Kasachstaner:innen Sozialarbeiter:innen als Haushaltshilfen. Warum der Beruf der Sozialarbeiter:innen nicht als relevant erachtet wird und wie sich diese Situation ändern könnte, erzählt Dr. Dinara Esimova, Geschäftsführerin der <a href="https://www.napsw.kz/en">Nationalen Allianz der Sozialarbeiter</a>, im Gespräch.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Dinara, was ist das für ein Beruf, Sozialarbeiter:in?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Dinara Esimova: Wir haben ein Gesetz über spezielle soziale Dienstleistungen. Vor allem Staatsbedienstete und NGOs kennen es, in der Bevölkerung weiß aber kaum jemand davon. Sozialarbeiter:innen sind diejenigen, die die in diesem Gesetz beschriebenen Hilfsleistungen erbringen. Die Bezeichnung „Sozialarbeiter“ war im Jahr 2009 viel im Gespräch, als das Gesetz erschien. Heute kann man sagen, dass der Begriff des Sozialarbeiters und die Definition im Gesetz größtenteils fehlen. Soziale Arbeit wird in anderen Ländern als ein konkreter Beruf verstanden, der sich dem Kampf gegen Armut, der Wohlfahrt, positiven Veränderungen in der Gesellschaft und der Ausweitung der Rechte und Möglichkeiten von Menschen widmet.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/wenn-ich-damals-richtig-aufgeklaert-worden-waere-haette-ich-nicht-so-viel-zeit-verloren-ueber-hiv-selbsthilfe-in-almaty/">„Wenn ich damals richtig aufgeklärt worden wäre, hätte ich nicht so viel Zeit verloren“ – Über HIV-Selbsthilfe in Almaty</a></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Dem Staat kommt das zugute. Jeder Dollar, der in Soziale Arbeit investiert wird, bringt 25 Dollar ein. Bei uns sind rund 79% aller Sozialarbeiter:innen Haushaltshilfen, die beim Putzen und dem Einkauf von Lebensmitteln unterstützen. Es gibt sie in jeder Stadt, jedem Bezirk oder Dorf. Auf dem Dorf können zu den Aufgaben der Sozialarbeiter:innen auch die Beschaffung von Kohle und Zubereitung von Essen hinzukommen. Ein Großteil der Sozialarbeiter:innen besitzt keine entsprechende Ausbildung. Würde man alle Sozialarbeiter:innen des <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Aqt%C3%B6be_(Gebiet)">Gebiets Aqtóbe</a> versammeln und sie fragen, wer von ihnen eine professionelle Ausbildung durchlaufen hat, würden wohl nur wenige die Hand heben. Dennoch gibt es auch unter ihnen einige, die eine vierjährige Ausbildung an der Universität erhalten haben, wir bilden sie in internationalen Kompetenzen aus und sie werden für 70.000 Tenge als „Hol- und Bringdienst“ in der Heimarbeit beschäftigt.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Das bedeutet, die Universitäten bilden Fachleute aus, aber Arbeit gibt es keine?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Der staatliche Arbeitsmarkt ist nicht bereit, Fachleute einzustellen. Deshalb sage ich auch, dass es für den Beruf des Sozialarbeiters einen Auftrag von staatlicher Seite geben sollte. Wir betreiben Lobbyarbeit in dieser Angelegenheit, besonders in den Regionen. Aber diesen Prozess kontrollieren können wir nicht, zumindest erhalten wir als Antwort, dass die Regionen sich selbst im Klaren darüber sind, was sie benötigen. Außerdem wird das Arbeitsministerium nicht in der Lage sein, den Bedarf an Sozialarbeiter:innen zu begründen, da diese in Kasachstan nicht in die Kategorie der strategisch benötigten Berufe fallen. Und alle Stellen für Sozialarbeiter:innen werden mit Menschen ohne Ausbildung besetzt. Dagegen schreiben Arbeitgeber in anderen […] Staaten, wie etwa Aserbaidschan, vor, dass lediglich Personen mit einer entsprechenden beruflichen Qualifikation eingestellt werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Aber auch NGOs können doch qualifizierte Mitarbeiter:innen einstellen, oder nicht?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">NGOs nehmen staatliche Aufträge an, bei denen in den Bedingungen festgehalten ist, dass es einen qualifizierten Sozialarbeiter geben sollte. Sie können jedoch auch einfach einen entsprechenden Mitarbeiter einstellen und wieder entlassen und selbst diese Aufgabe übernehmen. Das ist nicht professionell. NGO-Mitarbeiter:innen brennen nicht darauf, zur Arbeit zu gehen und eine Ausbildung zu machen, weil für sie sowieso überall grünes Licht gegeben wird. Sie erhalten Fördergelder.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/rueckkehr-ins-normale-leben-ueber-obdachlosenhilfe-in-astana/"><strong>Rückkehr ins normale Leben – Über Obdachlosenhilfe in Astana</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber die Qualität der Dienstleistungen im Zusammenhang mit der Verwirklichung von Förderprojekten misst niemand. In diesem Bereich gibt es keine Kontrolle. An den Universitäten in Kasachstan gibt es kein einziges reines Soziologieinstitut. Wenn wir 4000 Stipendien fordern, dann ist das die Anzahl an Fachleuten für eine Bevölkerung von 20 Millionen und man muss zusätzlich bedenken, dass die sozialen Umstände in unserem Land nicht die allerbesten sind. Aber wir sind uns auch im Klaren, dass selbst wenn es eine solche Anzahl an Stipendien gibt, es offen ist, ob unsere Institute in der Lage sind, jedes Jahr 4000 fähige Fachleute hervorzubringen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Das heißt, dass nicht nur NGOs, sondern auch Beamte Kompetenzen eines Sozialarbeiters haben sollten?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Jedes Jahr verlieren bei uns mehr und mehr Familien die Fähigkeiten, selbstständig zu leben. Unterm Strich arbeiten alle nach dem Prinzip „Wir sind für diejenigen verantwortlich, die wir gezähmt haben“ [Anspielung auf ein Zitat aus <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Der_kleine_Prinz">Der Kleine Prinz</a>, Anm. d. Ü.]. Und dann beschweren sie sich, dass das Arbeitsministerium am meisten finanzielle Mittel erhält und diese für Sozialleistungen ausgegeben werden. Und Schuld daran ist nicht die Familie, sondern die Administration. Die Beamt:innen prüfen die Situation im Land nicht: die Entwicklung, was für Risiken und welche weiteren Möglichkeiten bestehen. Deswegen können sie auch keine richtig qualifizierte Hilfe leisten. Wenn es an Kompetenz mangelt, dann ist es einfacher dies mit Geld und Produkten zu kompensieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Was könnte man von den Erfahrungen anderer Länder lernen?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">In Usbekistan wurden aus dem Kreis der Sozialarbeiter:innen bereits 12 Supervisor:innen ausgebildet. An der Nationalen Universität in Taschkent wurde bereits ein Institut für Soziale Arbeit eröffnet. Zusätzlich ist vorgesehen, Staatsbedienstete in Kompetenzen aus dem Bereich der Sozialen Arbeit zu schulen. In Kirgistan gibt es seit 2015 ein Sozialamt für Kinderschutz, das dem Ministerium für soziale Sicherung unterstellt ist. Bei uns ist das Komitee zum Schutz von Kinderrechten dem Bildungsministerium zugeordnet und das ist etwas ganz anderes.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/gesellschaft-und-kultur/ist-es-einfach-sozialarbeiterin-zu-sein/"><strong>Ist es einfach, Sozialarbeiterin zu sein?</strong></a></p>



<p class="wp-block-paragraph">Dazu kommt, dass es in Kirgistan ein Ministerium für Kinderschutz gibt, dessen Spezialist:innen Case Management betreiben, was bei uns nicht geschieht. Vor kurzem haben wir an einer Sommerschule in Deutschland teilgenommen. Allein eine Hochschule in Frankfurt bringt jährlich 2200 Spezialist:innen hervor und im benachbarten Mannheim sind es 600 Sozialarbeiter:innen. Deutschlandweit beläuft sich die Zahl jährlich auf rund 12.000 Sozialarbeiter:innen. Hierfür sind Fakultäten an den Universitäten eingerichtet. In Frankfurt ist die entsprechende Fakultät bereits 40 Jahre alt. Es spielt keine Rolle, über die Erfahrungen welches Landes wir sprechen. Hauptsache, wir reden darüber, was wir können und was nicht. Wir sollten unser eigenes Rezept kreieren hinsichtlich der optimalen Gesetzeslage, damit Sozialarbeiter:innen sich international austauschen können.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Welche Errungenschaften der Sozialen Arbeit motivieren Sie? Wie sind diese bereits für kasachstanische Familien greifbar geworden?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Man kann sagen, dass sich die Praxis der Sozialen Arbeit in unserem Land im Vergleich zur akademischen Disziplin weiterentwickelt hat. Wenn man etwa das Case Management betrachtet, also die soziale Begleitung von Familien, so erhält seit 2017 jede schwangere Frau sowie Familien mit Kindern unter 5 Jahren eine Beratung von einer ambulanten Pflegekraft. Wenn im Zusammenhang mit einer Familie Risiken bekannt sind, dann wird ein spezieller Plan zur sozialen Begleitung ausgearbeitet und die Familie an die Dienste der medizinischen Grundversorgung übergeben.</p>


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<p class="wp-block-paragraph">Heute ist Case Management nicht nur unter ambulanten Pflegekräften, sondern auch unter Allgemeinmediziner:innen und sogar Oberärzt:innen bekannt, nachdem dafür ein entsprechendes Programm ausgearbeitet und Zuschüsse gewährt wurden. Bei unserer Einschätzung legen wird nicht zugrunde, wie schlecht es in einer Familie läuft oder wodurch ein Mangel entsteht. Wir suchen positive Aspekte, um das Potenzial der Familie weiterzuentwickeln, damit sie langfristig auf eigenen Beinen stehen kann.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Aislu Asan für <a href="https://almakz.info/archives/2635">Almakz.Info</a></strong><strong></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Aus dem Russischen von Marie Schliesser</strong></p>


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		<title>Ohne unnötigen Lärm: Wer hilft Ukrainer:innen in Usbekistan und aus welchen Gründen?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Marie Schliesser]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 07 Dec 2022 16:36:19 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Politik & Wirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Usbekistan]]></category>
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		<category><![CDATA[Krieg in der Ukraine]]></category>
		<category><![CDATA[Neutralität]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Auf den ersten Blick hat der russische Angriffskrieg auf die Ukraine das allt&#xE4;gliche Leben der Usbek:innen nicht beeinflusst. Im Gegensatz zu Tiflis und Jerewan sowie anderen post-sowjetischen Hauptst&#xE4;dten wurden in Taschkent keine Proteste vor der russischen Botschaft abgehalten, es wurde nicht mit gelb-blauen Flaggen demonstriert und keine Kundgebungen organisiert. Weder Anti-Kriegs-Initiativen noch humanit&#xE4;re Hilfsaktionen sind [&#x2026;]</p>
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<p class="wp-block-paragraph"><strong>Auf den ersten Blick hat der russische Angriffskrieg auf die Ukraine das alltägliche Leben der Usbek:innen nicht beeinflusst. Im Gegensatz zu Tiflis und Jerewan sowie anderen post-sowjetischen Hauptstädten wurden in Taschkent keine Proteste vor der russischen Botschaft abgehalten, es wurde nicht mit gelb-blauen Flaggen demonstriert und keine Kundgebungen organisiert. Weder Anti-Kriegs-Initiativen noch humanitäre Hilfsaktionen sind in der Stadt bemerkbar. Es entsteht der Eindruck, dass die russischen „Umsiedler“, die nach Usbekistan kommen, sich mehr um ihre Bankkonten als um das Bekunden ihrer politischen Position sorgen. Der folgende Artikel erschien am 2. November 2022 auf </strong><a href="https://hook.report/2022/11/ukraina-i-mi/"><strong>Hook.Report</strong></a><strong>. Wir übersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion. Weitere Bilder befinden sich im Originalartikel.&nbsp;</strong>

An den Krieg in der Ukraine und die Krise in Russland erinnern in Usbekistan lediglich die rasant steigenden Immobilienpreise und die wachsende Zahl an Zugezogenen. Ansonsten ist die Mehrheit der Menschen mit ihrem Alltag beschäftigt. Der Krieg erscheint als etwas Fernes, das irgendwo auf russischen Fernsehsendern stattfindet. Das bedeutet jedoch nicht, dass alle Bewohner:innen Usbekistans dem Krieg gleichgültig gegenüberstehen.
</p>



<h5 class="wp-block-heading"><strong>Eine betont neutrale Haltung</strong></h5>



<p class="wp-block-paragraph">
Für die offizielle Seite in Taschkent ist der russische Einmarsch in die Ukraine zu einem diplomatischen Rätsel geworden. Bereits am zweiten Tag des Krieges telefonierte der usbekische Präsident Shavkat Mirziyoyev mit Wladimir Putin. Von Seiten des Kremls wurde im Anschluss bekannt gegeben, Mirziyoyev habe „Verständnis“ gegenüber den Handlungen Russlands geäußert. Allerdings sprach die usbekische Seite in ihrer Mitteilung nicht von „Verständnis“ und gab lediglich an, dass beide Seiten sich in der Tat über die Ukraine unterhalten hätten. Dies kann als erstes Zeichen dafür gesehen werden, dass Taschkent aktuell manövrieren muss.

Mitte März unterstützte dann der &#8211; inzwischen ehemalige &#8211; Außenminister Usbekistans, Abdulaziz Komilov, auf einer Plenarsitzung des Senats offen die territoriale Integrität der Ukraine. <em>„Usbekistan erkennt die Unabhängigkeit, Souveränität und territoriale Integrität der Ukraine an. Die Volksrepubliken Luhansk und Donezk werden von uns nicht anerkannt“</em>, so der Diplomat. Kamilov sprach anschließend auch über Russland und die Ukraine als Partner Usbekistans und rief beide Seiten dazu auf, einen diplomatischen Weg aus der Krise zu finden. Nach dieser Erklärung verschwand der Außenminister von der Bildfläche. Der offizielle Rücktritt im April wurde mit gesundheitlichen Problemen begründet und es ist nicht bekannt, ob seine Worte zum Krieg in der Ukraine auch damit in Verbindung standen. Jedoch gab es im Anschluss keine ähnlichen Verlautbarungen von Seiten usbekischer Offizieller mehr.

<strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/usbekistan/wechsel-an-der-spitze-der-usbekischen-diplomatie/"><strong>Wechsel an der Spitze der usbekischen Diplomatie</strong></a>

Bei der UN-Generalversammlung Mitte Oktober lehnte es Usbekistan dann ab, die Annexion ukrainischen Staatsgebietes durch Russland zu verurteilen und enthielt sich bei der Abstimmung. <em>„Usbekistan muss seine Interessen ausbalancieren und die Beziehungen zu seinen Nachbarn aufrechterhalten, insbesondere zu Nachbarn, die auch Handelspartner und wichtige Investitionsquellen sind“</em>, umriss der US-Botschafter in Taschkent, Daniel Rosenblum, die Situation. Der Vertreter der USA bezeichnete die Neutralität Taschkents als richtige Strategie und wies darauf hin, dass diese Haltung in Washington verstanden und unterstützt werde.

Gute Beziehungen zu Moskau sind essenziell für Stabilität in Usbekistan, vor allem in wirtschaftlicher Hinsicht. Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurde Russland für Usbekistan zum führenden Handelspartner. Nach Angaben des Ministeriums für Wirtschaftsentwicklung und Armutsbekämpfung arbeiteten 2021 mehr als eine Millionen usbekische Staatsbürger:innen in Russland. Die Mehrheit dieser Arbeiter:innen überweist ihre Ersparnisse in die Heimat. Darüber hinaus baut Russland in Usbekistan zwei Atomkraftwerke, für welche die Kredite ebenfalls von russischer Seite stammen. Gleichzeitig ist es für Usbekistan wichtig, Beziehungen mit anderen Ländern aufzubauen, neue Märkte zu erschließen und Investoren anzuziehen. Die Sanktionen gegen Russland wirken sich bereits auf die Logistik aus, da die Haupthandelsrouten zwischen Europa und den Staaten Zentralasiens durch Russland führen. Unter den gegebenen Umständen könnte Taschkent eine zu enge Freundschaft mit Moskau teuer zu stehen kommen.

Bisher war Usbekistan für Russ:innen eine der angenehmsten Destinationen. Bis Ende September funktionierte das russische Zahlsystem „Mir“ in Usbekistan. Weiterhin sind russische Fernsehkanäle verfügbar, Russ:innen können Arbeit finden und Bankkonten eröffnen, wobei vor kurzem die Anforderungen der Banken strenger wurden.

<strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kasachstan/die-folgen-der-russischen-mobilmachung-fuer-zentralasien/"><strong>Die Folgen der russischen Mobilmachung für Zentralasien</strong></a>

Bei all dem gerät in Taschkent auch die Ukraine nicht in Vergessenheit. So erhielt das vom Krieg gebeutelte Land von Usbekistan bereits mehrfach humanitäre Hilfen. Dabei handelte es sich bei der letzten Lieferung beispielsweise um Medikamente für Ärzte des Militärs. Vor kurzem wurde zudem auf russischen Staatskanälen verlautbart, dass Usbekistan angeblich die Streitkräfte der Ukraine mit Thermounterwäsche ausrüsten würde. <em>„Wie gefällt euch diese Völkerfreundschaft?“</em>, kommentierte dazu ein russischer Blogger, der sich für den Krieg positioniert.

Zu einem internationalen Skandal führte vor kurzem eine Äußerung des ukrainischen Journalisten Dmytro Hordon. In seinem Gespräch mit dem israelischen Unternehmer Leonid Newslin erklärte er, dass in Usbekistan angeblich iranische Drohnen für die russische Armee zusammengebaut würden. Von usbekischer Seite wurde diese Aussage sofort auf verschiedenen Ebenen dementiert. Weiterhin forderte das usbekische Außenministerium von den ukrainischen Machthabenden, auf diese Fake-News zu reagieren. Hordon selbst gab später zu, Usbekistan mit Tadschikistan verwechselt zu haben.
</p>



<h5 class="wp-block-heading"><strong>Die Reaktion der Bevölkerung</strong></h5>



<p class="wp-block-paragraph">
Während die offizielle Position Taschkents klar zu sein scheint, stellt sich das Bild in Bezug auf die usbekische Bevölkerung komplizierter dar. Im Gegensatz zu den Machthabenden sind viele der Usbek:innen nicht mit der Neutralität ihres Landes einverstanden und nehmen häufiger eine parteiliche Position ein. So äußerten sich in den ersten Tagen des Krieges eine ganze Reihe usbekischer Blogger:innen deutlich gegen den Angriff. „<em>Die Bevölkerung Russlands ist ärmer als diejenige Portugals, Bruneis und circa 40 anderer Staaten. Ganz Russland ist ärmer als der Staat Kalifornien für sich allein genommen. Aber das stört Sowjet- und Putinliebhaber nicht. Sie leben nach seltsamen Prinzipien. „Wozu brauchen wir die Wirtschaft, wenn wir Raketen und Superwaffen haben“</em>“, schreibt der Blogger Ali Kahhorov auf seinem Kanal.

Aussagen, die sich gegen den Krieg richten, gab es nicht nur von Einzelpersonen, sondern auch von Institutionen. So sprach sich etwa die unabhängige Galerie 139 Documentary Center gegen den Krieg aus. Ihre Gründer:innen organisierten eine Spendenaktion zu Gunsten der humanitären Projekte <a href="https://vostok-sos.org/en/">Vostok SOS</a> und <a href="https://www.libereco.org/">Libereco</a>. In Bezug auf den Krieg in der Ukraine äußerten sich auch einige unabhängige Medien.
</p>



<h5 class="wp-block-heading"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kasachstan/russlands-druck-auf-zentralasiatische-medien-nimmt-zu/"><strong>Russlands Druck auf zentralasiatische Medien nimmt zu</strong></a></h5>



<p class="wp-block-paragraph">
Über die Anti-Kriegs-Haltung in Usbekistan erschien sogar ein Beitrag auf dem russischen Staatskanal „Rossija24“. Dabei bezeichnete der Moderator Robert Franzev die Influencer als „Pseudojournalisten“ und „Teilnehmer westlicher Stipendienprogramme“. Laut ihm „<em>teilt nicht jeder in Usbekistan die kluge und wohldurchdachte Politik der Staatsführung</em>“. In einem gewissen Sinne liegt Franzev damit nicht falsch. In privaten Unterhaltungen mit Usbek:innen trifft man sowohl auf pro-russische als auch auf pro-ukrainische Ansichten.

„<em>Unter meinen Bekannten beschäftigt jeden das Thema</em>“, erzählt die Taschkenter Bewohnerin Kira Valitova (Anm.: Name auf Wunsch geändert). „<em>Ich weiß, dass ich in einer gewissen Blase lebe, aber ich kenne nicht eine Person mit einer neutralen Haltung. Die Menschen in meinem Alter </em>(Anm.: Ende der 1980er, Anfang der 1990er geboren)<em> sind praktisch alle gegen den Krieg. Diejenigen, die etwas älter sind, also die Generation unserer Eltern und Großeltern, rechtfertigen die Handlungen Russlands. Ich kenne auch Gleichaltrige, die ebenfalls für den Krieg sind, aber mir scheint, dass dies teilweise nicht ihre eigene Sichtweise ist.</em>“ Kira selbst gibt an, mehrmals Geld an humanitäre Hilfsorganisationen zu Gunsten der Ukrainer:innen überwiesen zu haben. Laut ihr hat sie lediglich einen Bekannten, der ebenfalls spendete.

</p>


<p style="background-color: #d4d4d4;"><span style="color: #000000;">Novastan ist das einzige deutschsprachige Nachrichtenmagazin über Zentralasien. Wir arbeiten auf Vereinsgrundlage und <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/werde-unser-mitglied-werde-novastan/"><strong>Dank eurer Teilnahme</strong></a>. Wir sind <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/unser-projekt/">unabhängig</a> und wollen es bleiben, dafür brauchen wir euch! Durch jede noch so kleine <strong><a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/spenden/">Spende</a></strong> helft ihr uns, weiter ein realitätsnahes Bild von Zentralasien zu vermitteln.</span></p>



<p class="wp-block-paragraph">

Während des Gesprächs nennt Kira eine Person namens Sergey Kim, der Geldspenden für Ukrainer:innen organisiert. Ihr zufolge ist Kim der Einzige in Taschkent, der eine solche Initiative ergriffen hat. Würde es in Usbekistan mehr Hilfsprojekte für Ukrainer:innen wie dieses geben, wäre Kira zu weiteren Spenden bereit. „<em>Ich bin mir nicht sicher, ob ich als Freiwillige helfen würde, da ich mir um meine mentale Gesundheit Sorgen mache, aber was Spenden angeht, wäre ich auf jeden Fall dabei</em>“, fasst unsere Gesprächspartnerin zusammen.

Davon, dass die Haltung der Usbek:innen mit ihrem Alter und sozialen Status zusammenhängt, erzählt auch Daniil (Anm.: Name auf Wunsch geändert). Der junge Mann reiste Anfang März aus Moskau nach Taschkent. „<em>Im Frühjahr kam zu uns ein Klempner ins Haus, der sich genau wie das russische Fernsehen anhörte. Er meinte, Russland kämpfe nicht gegen die Ukraine, sondern gegen Amerika, und dass die USA alles angezettelt hätten</em>“, erinnert sich unser Gesprächspartner. „<em>Unser Immobilienmakler sagte sogar, dass er hoffe, dass es den Usbeken erlaubt werde zu kämpfen, denn dann würde er losziehen, um Russland zu verteidigen</em>“.

<strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kasachstan/wie-russland-zentralasiatische-buerger-fuer-den-krieg-in-der-ukraine-anwirbt/"><strong>Wie Russland zentralasiatische Bürger für den Krieg in der Ukraine anwirbt</strong></a>

Am Ende seiner Erzählung sagt Daniil allerdings, dass die Mehrheit seiner Bekannten in Taschkent eine Anti-Kriegs-Haltung teilen würde. „<em>Aber das sind meistens fortschrittliche oder kreative Leute mit guter Bildung, von denen viele schon in anderen Ländern gelebt haben</em>“, sagt der junge Mann. Außerdem gibt er zu bedenken, dass viele Usbek:innen wenig über Politik sprechen und sich eher um die Wirtschaft oder persönliche Probleme sorgen.
</p>



<h5 class="wp-block-heading"><strong>„Ich half wie auch immer ich konnte“</strong></h5>



<p class="wp-block-paragraph">
Sergey Kim hat ungefähr 20 Tausend Follower:innen auf Instagram. Viele in Taschkent kennen ihn als erfolgreichen Marketingmanager und Gründer der Kreativagentur „Sekta“. Diese Bekanntheit nutzt Sergey, um Spenden für Ukrainer:innen zu sammeln. Zu Beginn des Krieges gründete er dafür das Projekt „<a href="https://www.instagram.com/helpukraine.uz/">Help Ukraine from Uzbekistan</a>“, welches Bewohner:innen der Ukraine unterstützt, die aufgrund der russischen Invasion leiden.

„<em>Als der Krieg begann, war ich nicht dazu in der Lage zu arbeiten oder irgendetwas Normales zu tun. Dadurch, dass ich ein Team von Mitarbeiter:innen leite, werden von mir wichtige Entscheidungen erwartet. Aber in diesen Tagen konnte ich einfach nicht klar denken. Das war ein Zustand, in dem man nicht die ganze Zeit an den Krieg denken kann, aber nicht an ihn zu denken auch nicht gelingt</em>“, erzählt Sergey Kim. Ihn verbindet viel mit der Ukraine. Während der vergangenen zwei Jahre war er fünf Mal in der Ukraine, besuchte seine Schwester, die in Kyiv lebt, und verbrachte Zeit mit Freund:innen in Charkiv.

„<em>Mit der Ukraine als Land und – was das Wichtigste ist – mit ihren Menschen bin ich gut vertraut. Deshalb hatte ich, als der Krieg begann, Zugang zu Informationen aus erster Hand. Freund:innen und Verwandte schickten mir Fotos von Beschuss, Selfies aus Kellern und Videos von Überflügen</em>“. All dies lud Sergey auf seinem Instagramprofil hoch. Seine Follower:innen erkundigten sich bei ihm, wie man helfen und wohin man spenden könne.

In den ersten Wochen des Krieges suchte Sergey nach einem Hilfsprojekt, dem er sich anschließen könnte. Eine solche Organisation konnte er jedoch in Usbekistan nicht finden. Deshalb beschoss er, selbst zu handeln. „<em>Anfangs spendeten wir an die Streitkräfte der Ukraine und kleine Freiwilligenorganisationen in der Ukraine. Dann konzentrierten wir uns auf gezielte Hilfen. So haben wir unter anderem 40 Lebensmittelpakete für Chernihiv gekauft. Für Familien haben wir Geld für Kleidung, Spielzeug und Stromgeneratoren gesammelt.</em>“ Auf diese Weise entstand das Projekt „Help Ukraine from Uzbekistan“.

Um schneller diejenigen zu finden, die Hilfe benötigen, setzte sich Sergey mit der Botschaft der Ukraine in Taschkent in Verbindung. Diese stellte den Freiwilligen eine Liste der Geflüchteten zur Verfügung, die sich in Usbekistan aufhalten. Sie begannen den Geflüchteten bei der Wohnungssuche, mit Lebensmitteln und Bewerbungen um Arbeitsplätze zu helfen. Auf Instagram und Telegram berichten die ehrenamtlichen Helfer:innen von ihrer Arbeit. „<em>Zurzeit helfen wir drei Familien. Zwei von ihnen wohnen in Taschkent, eine in Samarkand, sie kommen aus Mariupol</em>“, erzählt Sergey. „<em>Unsere Aufgabe ist dann erfüllt, wenn alle Anfragen bearbeitet sind, wenn die Menschen eine Unterkunft gefunden haben, mit dem Nötigsten versorgt sind und wir ihnen bei der Arbeitssuche geholfen haben</em>.“

Die Ukrainer:innen zu unterstützen ist Dank der Beteiligung von Usbek:innen möglich, die dem Thema nicht gleichgültig gegenüber stehen. Laut den Erzählungen von Sergey helfen die Menschen, wo sie können. Manche spenden Geld, andere Gegenstände. „<em>Wir hatten den Fall, dass ein Mann uns kontaktierte und schrieb, dass er eine Zweizimmerwohnung bei der Station „Kosmonavtlar“</em> (Anm.: diese befindet sich in einem der zentralen Stadtteile Taschkents) <em>habe und bereit sei, diese für ein halbes Jahr kostenlos zur Verfügung zu stellen. Letzten Endes zog dort eine Familie – eine Mutter und ihre erwachsene Tochter – ein.“</em>

Derzeit arbeiten 14 Freiwillige bei „Help Ukraine from Uzbekistan“ mit. Dem Team ist es gelungen, klare Strukturen bei der Zusammenarbeit zu schaffen. Eine Person kümmert sich um die Fälle, andere kaufen ein oder koordinieren das Team. Ungefähr die Hälfte der Freiwilligen sind Bekannte von Sergey. Die Restlichen stießen über soziale Medien auf das Projekt. Bislang ist „Help Ukraine from Uzbekistan“ das einzige zivilgesellschaftliche Hilfsprojekt für Ukrainer:innen in Usbekistan. Es ist unter anderem auch im Online-Verzeichnis <a href="https://reshim.org/projects">„Reshim“</a> zu finden, in welchem Hilfsinitiativen für die Ukraine aus der ganzen Welt aufgeführt werden.

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<p class="wp-block-paragraph">

„<em>Was Binnenflüchtlinge betrifft, gibt es in Usbekistan nur wenige Ukrainer:innen. Beispielsweise hatten wir eine Familie – der Mann ist Usbeke, die Frau Ukrainerin. Sie lernten sich bei Kyiv kennen, heirateten und bekamen ein Kind. Nach Beginn des Krieges reisten sie nach Usbekistan zu seinen Verwandten aus, aber die Verwandten nahmen sie nicht auf. Und Fälle wie dieser kommen häufig vor. Spontan fallen mir noch circa drei weitere Familien mit einer ähnlichen Situation ein. Sie reisten nach Usbekistan zu Verwandten oder Freund:innen und wurden allein gelassen</em>.“

Von staatlicher Seite wird die Arbeit der Freiwilligen nicht gestört, der usbekische Staat unterstützt das Projekt aber auch nicht. „<em>Von Leuten, die verschiedenen staatlichen Strukturen nahestehen, habe ich gehört, dass man uns wahrscheinlich beobachtet. Aber niemand legt uns Steine in den Weg. Unterm Strich kann man sagen, dass es vollkommen legal und ungefährlich ist, aus Usbekistan heraus Ukrainer:innen zu helfen</em>“, sagt Sergey zusammenfassend.

„<em>Es gibt eine Reihe von Geschäftsleuten im Land, die die Ukraine aus politischen Gründen nicht offen finanziell unterstützen können. Sie haben eine eindeutige Anti-Kriegs-Haltung, aber bisher sind sie nicht bereit, öffentlich zu helfen. Gleichzeitig wollen die Menschen spenden, sind bereit sich an den Hilfen zu beteiligen, aber man muss ihnen ein für sie geeignetes Modell bieten.</em>“ Gegen Ende des Gesprächs gibt Sergey zu, dass die Aktivität als Freiwilliger für ihn persönlich zum Rettungsanker geworden ist. „<em>Ich möchte gar nicht verbergen, dass hinter meiner Motivation unter anderem auch steckt, meine mentale Gesundheit zu erhalten. Die Freiwilligenarbeit hilft ungemein dabei. Und oft stelle ich mir auch vor, wieder in die Ukraine zu reisen, dort meine Freund:innen und meine Schwester wiederzusehen, ihnen die Hand zu schütteln und sagen zu können, dass ich tatsächlich geholfen habe, wie ich nur konnte.</em>“
</p>



<h5 class="wp-block-heading"><strong>Örtliche Besonderheiten</strong></h5>



<p class="wp-block-paragraph">
Usbekistan ist ein Land, in dem es nicht üblich ist, einen offenen politischen Diskurs zu führen. Dies kann sowohl auf den kulturellen als auch auf den sozialen Hintergrund zurückgeführt werden. &nbsp;Öffentliche Meinungsäußerungen sind zwar nicht per se beängstigend, jedoch irritierend für die Behörden. Menschen mit Fahnen und Parolen werden als Störenfriede und Provokateure wahrgenommen. Jegliche basisdemokratische Initiative erscheint verdächtig und wirft Fragen auf. Alle Probleme – von alltäglichen bis hin zu denjenigen mit landesweiter Bedeutung – werden üblicherweise hinter verschlossenen Türen gelöst, nach dem Motto: Wenn du handelst, dann agiere leise. Deshalb werden Hilfsprojekte im Land in aller Stille gestartet, ruhig und ohne großen Pomp humanitäre Hilfe gesendet und stillschweigend Spenden überwiesen. All dies geschieht hinter einer Fassade von Ruhe und unter Betonung der Neutralität.

„<em>Mir scheint es, dass unsere Regierung aktuell keinen Ausweg findet“, </em>merkt Kira an. <em>„Wie man es auch dreht und wendet, wir hängen stark von Russland ab und können nichts daran ändern. Sie versuchen das Land einigermaßen stabil zu halten.</em>“ Außerdem sagt die junge Frau, dass es ihr als Staatsbürgerin Usbekistans wichtig wäre, eine klare Positionierung von ihrer Regierung zu hören. „<em>Aber die gibt es bisher einfach nicht</em>.“

Vermutlich stehen die meisten Usbek:innen dem Krieg nicht gleichgültig gegenüber, da die Ukraine sie sehr an ihr eigenes Land erinnert. Beide Länder erlangten im selben Jahr die Unabhängigkeit, in beiden Staaten leben viele russischsprachige Menschen, und beide hängen stark von der Gefühlslage in Moskau ab. Bislang gelingt Taschkent der Balanceakt gut. Aber es gibt auch keine Garantie dafür, dass dies tatsächlich eine geeignete Überlebensstrategie ist. Der Krieg in der Ukraine ist noch weit von einem Ende entfernt und ein Verbündeter Russlands zu bleiben, wird mit jedem Tag schwerer, teurer und gefährlicher.
</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Dmitry Belyaev, Victoria Erofeeva und Lena für <a href="https://hook.report/2022/11/ukraina-i-mi/">Hook.Report</a></strong></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem Russischen von Marie Schliesser</strong>
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		<title>Die Eroberung der Hauptstadt – Junge Frauen über ihren Umzug aus der Provinz nach Taschkent</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Marie Schliesser]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 18 Nov 2021 10:38:35 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Usbekistan]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<category><![CDATA[Frauen]]></category>
		<category><![CDATA[Taschkent]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Wie jede andere Gro&#xDF;stadt, zieht auch Taschkent Menschen aus anderen Regionen an. Junge Frauen haben es jedoch nicht immer leicht, in die Hauptstadt umzuziehen. Gesellschaftlicher Druck schr&#xE4;nkt sie nicht selten in ihren M&#xF6;glichkeiten ein und die Eltern haben oft gro&#xDF;e Sorge um ihre T&#xF6;chter. Gazeta.uz sprach mit jungen Frauen aus unterschiedlichen Regionen Usbekistans &#xFC;ber ihren [&#x2026;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong>Wie jede andere Großstadt, zieht auch Taschkent Menschen aus anderen Regionen an. Junge Frauen haben es jedoch nicht immer leicht, in die Hauptstadt umzuziehen. Gesellschaftlicher Druck schränkt sie nicht selten in ihren Möglichkeiten ein und die Eltern haben oft große Sorge um ihre Töchter. <a href="https://www.gazeta.uz/ru/2021/09/18/interview/?utm_source=push&amp;utm_medium=telegram">Gazeta.uz</a> sprach mit jungen Frauen aus unterschiedlichen Regionen Usbekistans über ihren Umzug, ihre Karriere und die Rolle der Frau in der usbekischen Gesellschaft. Wir übersetzen den Artikel mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.</strong></p>



<h5 class="wp-block-heading"><strong>Muhlisa Orifzhonova (23 Jahre)</strong></h5>



<p class="wp-block-paragraph"><strong><em>Muhlisa zog von <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Farg%CA%BBona">Fargʻona</a> nach <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Taschkent">Taschkent</a>. Sie ist Absolventin der Staatlichen Universität Fargʻona und der University of World Economy and Diplomacy. Sie arbeitet als Spezialistin in der internationalen Abteilung der Agentur für Bildungseinrichtungen des Präsidenten und für die gemeinnützige Organisation <a href="https://www.instagram.com/dguzbekistan/?hl=de">Digital Generation Uzbekistan</a>.</em></strong>

Vor dem Umzug nach Taschkent war mein Leben recht vielfältig. In der Schule nahm ich an einigen Wettbewerben teil und besuchte unterschiedliche Kurse. Ich hatte immer viele Leute um mich herum und hatte nie Angst, neue Freunde zu finden. Jeden Tag habe ich versucht, an mir zu arbeiten, habe jeden Abend vor dem Schlafen mindestens eine Stunde gelesen und wollte alles selbstständig erledigen. Während der Schulzeit träumte ich davon, zu studieren, im Ausland zu arbeiten und einen Verlag für Bücher in <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Brailleschrift">Brailleschrift</a> zu gründen.

Die größte Veränderung nach dem Umzug nach Taschkent war die Einsamkeit. Es war sehr schwer, sich daran zu gewöhnen, dass meine Mutter oder Schwester mir nicht entgegengelaufen, wenn ich vom Studium oder der Arbeit nach Hause komme. Oder dass ich nicht mit meinem jüngeren Bruder spielen kann, dass es keine Weisheiten von Opa gibt, dass ich meinen Vater nicht fragen kann, was heute gekocht wird… Es scheint, den wahren Genuss des Lebens erkennt man erst, wenn man beginnt, weit entfernt von seinen Liebsten zu leben. Über den ganzen Tag hinweg ist man von vielen Leute umgeben, interagiert mit ihnen, aber am Ende des Tages sitzt man daheim allein, schaut einen Film oder liest ein Buch. Auf eine Art ist das eine wertvolle Erfahrung. Zumindest hat es mich gelehrt, Ziele zu setzen.

</p>


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<p class="wp-block-paragraph">

Hier in der Hauptstadt herrscht sehr große Konkurrenz. Meine Kolleg:innen hatten bessere Sprachkenntnisse und mehr berufliche Erfahrung. Es hat mich dazu motiviert, mich weiterzuentwickeln. Mein Umfeld hat mir nach dem Umzug geholfen. Eine meiner Kolleginnen verstand meine Gefühle und gab mir Ratschläge. Ich habe gelernt, dass man nicht immer schlau sein muss, damit das Leben etwas leichter ist, sondern dass man in der Lage sein muss, Hilfe von anderen Menschen anzunehmen. Außerdem habe ich aufgehört, meine Zeit mit jedem zu verschwenden und habe gelernt, „Nein“ zu sagen. Dadurch, dass ich schon früher in einer Stadt gelebt habe, fiel es mir nicht schwer, mich an das Leben in Taschkent zu gewöhnen, aber es war anstrengend, Geld sparen zu lernen.

Warum heiraten die meisten jungen Frauen ein bis zwei Jahre nach Beginn der Universität? Vielleicht fürchten sie sich, Entscheidungen für ihre eigene Zukunft zu treffen. Viele denken, dass ihre Eltern die richtigen Entscheidungen für sie treffen. Außerdem können junge Frauen oft nicht frei entscheiden. So wachsen wir von klein auf heran: auf dem Basar kaufen wir die Kleidung, die Mama für uns ausgesucht hat, im Restaurant essen wir das, was Papa bestellt hat. Ein Kind wird selten gefragt, was es selbst möchte. Außerdem denke ich, dass viele Eltern es für eine wichtige und dringende Aufgabe halten, ihre Töchter erfolgreich zu verheiraten. Nach dem Motto: So jetzt studiert sie und dann sollte sie heiraten. Meine Familie wollte, dass ich mich vollkommen auf das Studium konzentriere. Besonders meinem Großvater war es wichtig, dass wir gebildete Menschen werden.

</p>



<figure class="wp-block-image alignnone wp-image-28249 size-full"><img fetchpriority="high" decoding="async" width="680" height="453" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2021/11/zomRbT16317992247021_b.jpg" alt="" class="wp-image-28249" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2021/11/zomRbT16317992247021_b.jpg 680w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2021/11/zomRbT16317992247021_b-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2021/11/zomRbT16317992247021_b-128x86.jpg 128w" sizes="(max-width: 680px) 100vw, 680px" /><figcaption class="wp-element-caption">Muhlisa Orifzhonova</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">

Am schwersten hat es wohl meine Mutter. Wenn Verwandte oder Bekannte ihr sagen, <em>„Muhlisa ist an der Universität, sie sollte doch jetzt heiraten“</em>, antwortet sie, dass eine junge Frau während des Studiums nur lernen sollte. Ich weiß, dass es Mama jetzt auch schwerfällt. Manchmal erzählt sie von den Enkel:innen ihrer Freundinnen und dann fällt mir auf, dass sie sich nicht besonders gut fühlt. Aber nicht alle Töchter von Mamas Freundinnen, die geheiratet haben, sind glücklich geworden. Möglicherweise hat Mama mich beschützt, weil sie viele solcher Fälle gesehen hat. Auch ich selbst hatte während des Studiums kein Interesse an einer Mitgift oder Hochzeit. Warum gibt man einem Mädchen zur Hochzeit eine hohe Mitgift und kauft ihr neue Kleidung, aber nicht, wenn sie studieren geht? Auf der Arbeit sind wir wie eine Familie, wir helfen einander und essen zusammen zu Mittag. Sie freuen sich über meinen Erfolg mehr als ich das selbst tue und denken immer an meinen Geburtstag. Manchmal scheint es mir, als würde ich wie zuhause arbeiten.

In unserer Gesellschaft gibt es eine sehr merkwürdige Ansichtsweise: eine Frau kann entweder in der Familie oder in der Karriere erfolgreich sein. Aber es gibt doch auch Frauen, die beides sind. Ich habe viele von ihnen kennengelernt. Für mich persönlich ist es die Hausarbeit nicht wert, sie der Karriere vorzuziehen. Und die berufliche Karriere sollte auch kein Grund sein, die Familie aufzugeben. Natürlich habe ich nichts dagegen, wenn eine Frau ihr Leben der Familie widmet – vorausgesetzt, dass sie das selbst möchte. Aber eine Frau, der sowohl Familienleben als auch der Beruf gefallen, sollte das machen können, was sie möchte. Was mich betrifft, so möchte ich weiterhin arbeiten. Kann sein, dass das schwierig wird, aber es lässt sich bewältigen. Wir wollen, dass die Gesellschaft frei ist und wollen, dass unsere Kinder frei aufwachsen können. Ob wir es wollen oder nicht, ein Kinder verbringt mehr Zeit mit seiner Mutter. In unserer Gesellschaft können viele Mütter ohne die Erlaubnis des Ehepartners oder der Schwiegereltern nicht auf die Straße gehen. Sie können nicht einmal mit Gästen daheim sprechen. Wie soll ein unfreier Mensch ein selbstständiges Kind erziehen?

<strong>Lest auch bei Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/usbekistan/usbekistan-wenn-frauen-eine-stimme-fordern/"><strong>Usbekistan: Wenn Frauen eine Stimme fordern</strong></a>

Mir gefällt es nicht, dass Menschen häufig Entscheidungen über die Zukunft von Frauen treffen, ohne auch nur mit ihnen gesprochen zu haben. Außerdem missfällt mir, dass das Potenzial von Frauen unterschätzt wird, dass es Vätern peinlich sein kann, auf die Entbindungsstation zu gehen, weil sie eine Tochter bekommen haben. Ich finde es schrecklich, dass es die Meinung gibt, Frauen sollten nicht stark sein, sondern dumm. Aber am meisten stört mich, dass selbst Frauen Opfern von Gewalt sagen: <em>„Schau her, ich ertrage es und lebe so lange und glücklich“</em>. Oder dass sie sagen: <em>„Kein Rauch ohne Feuer“</em>, und so sexuellen Missbrauch von Frauen rechtfertigen. In unserer Gesellschaft herrscht eine sehr negative Einstellung gegenüber geschiedenen Frauen und Opfern von Gewalt. Wenn eine Frau geschieden ist, schließen sich alle Türen für sie. Das Leben ist zu kurz, um auf seine Freuden zu verzichten, um zu Hause zu sitzen, nichts zu tun und darüber nachzudenken, was andere Leute sagen.

Den Frauen würde ich sagen, sie sollen in erster Linie auf sich selbst hören. Niemand kennt euch, eure aktuelle Situation, eure Stärken und Schwächen besser als ihr selbst. Was macht euch glücklich? Was verschafft euch Zufriedenheit? Was sind eure Pläne für die nächsten drei Monate, ein, zwei, zehn Jahre? Was muss man jetzt machen, um in fünf Jahren mit sich selbst zufrieden zu sein? Eine genaue Antwort zu erhalten, beginnt damit, die richtigen Fragen zu formulieren. Stellt euch Fragen und beantwortet sie selbst. Seid sehr vorsichtig bei der Wahl von Menschen, auf deren Rat ihr hört. Und das wichtigste: Lernt, wie man selbstständig glücklich wird. Niemand trägt Verantwortung für euer Glück. Man kann sein Glück nicht teilen, solange man sich nicht selbst glücklich fühlt. Glück ist eine sehr subjektive Sache, die man sich selbst erschafft.
</p>



<h5 class="wp-block-heading"><strong>Inara Asanova (23 Jahre)</strong></h5>



<p class="wp-block-paragraph"><strong><em>Inara zog aus dem <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Provinz_Sirdaryo">Gebiet Sirdaryo</a> &nbsp;nach Taschkent. Sie absolviert ein Fernstudium im vierten Jahr an der Gulistan State University und ist Projektmanagerin bei der Social Media Marketing Agentur 605.</em></strong>

Ich habe mich schon immer für Marketing interessiert. Aber viele Eltern in den Regionen verstehen einfach nicht, dass Mädchen nicht nur Lehrerinnen und Ärztinnen werden können und dass das normal ist. Es war etwas schwierig für mich, ins Social Media Marketing reinzukommen. Einerseits war in meinem Umfeld wenig Verständnis für diese Fachrichtung da, andererseits konnte ich keinen Mentor finden. Es blieb also nicht anderes übrig, als mir alles im Internet anzueignen. 2018 habe ich auf Empfehlung eines Freundes angefangen, im Marketing zu arbeiten. Anschließend habe ich freiberuflich als Werbetexterin gearbeitet.

</p>



<figure class="wp-block-image alignnone wp-image-28248 size-full"><img decoding="async" width="680" height="1017" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2021/11/LWnrhG16317989698182_b.jpg" alt="" class="wp-image-28248" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2021/11/LWnrhG16317989698182_b.jpg 680w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2021/11/LWnrhG16317989698182_b-201x300.jpg 201w" sizes="(max-width: 680px) 100vw, 680px" /><figcaption class="wp-element-caption">Inara Asanova</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">

Während der Pandemie habe ich dann beschlossen, nach Taschkent umzuziehen und dort Marketing zu studieren, weil Social Media Marketing in den Regionen nicht besonders verbreitet ist. Die Menschen wissen nicht, was das ist. Ihnen scheint es, dass Werbung nur im Fernsehen oder auf Werbetafeln existieren kann. Inzwischen versteht mein Umfeld, was ich mache, und ist damit einverstanden, dass ich in der Hauptstadt arbeite. Aber am Anfang war auch Angst da: Sie hatten keine Bedenken, dass ich mich selbst verteidigen kann, sondern, dass ich mich mit dem Coronavirus infizieren könnte. Am stärksten hat sich Mama meiner Entscheidung widersetzt. Sie arbeitet beim Epidemiologischen Dienst und war mit der Situation gut vertraut. Mein Vater hat gesagt: <em>„Wenn das dein Herzenswunsch ist und du glaubst, dass das ein guter Beruf für dich ist, werde ich dem nicht im Weg stehen.“</em><strong>Lest auch bei Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kasachstan/kasachstan-droht-nach-dem-historischen-internationalen-frauentag-eine-offizielle-gegenreaktion/"><strong>Kasachstan: Droht nach dem historischen Internationalen Frauentag eine offizielle Gegenreaktion?</strong></a>

Taschkent hat mich verändert. Ich habe mir immer Mühe gegeben, aber die Hauptstadt hat mich gelehrt, für mich zu kämpfen. Außerdem war es früher mein Ziel, nach Taschkent zu ziehen und irgendetwas zu studieren, und inzwischen möchte ich international Erfahrung sammeln. Nachdem ich begann, die Universität zu besuchen, haben wir in der Familie übers Heiraten gesprochen. Ich habe von meinen Zielen erzählt und gesagt, dass ich erst bereit bin, eine Familie zu gründen, nachdem ich mir eine Karriere aufgebaut habe. Ich muss meinen Bachelor beenden und danach auch eventuell ein Masterstudium. Eine Familie zu gründen ist keine einfache Aufgabe.

In unserer Gesellschaft werden Mädchen schon von klein auf darauf vorbereitet, einen Haushalt zu führen. Dann heißt es: <em>„Du wirst einmal Hausfrau“</em>. Viele gehen an die Uni, um eine gute Ehe einzugehen. Für Frauen, die während ihres Studiums eine Familie gegründet haben, ist es nicht leicht, beiden Rollen gerecht zu werden. Wenn es unausweichlich wird zu wählen, opfern viele die Bildung. So ist es einigen meiner Bekannten ergangen. Es gefällt mir nicht, wie die Familien vieler meiner Altersgenossinnen entgegen den Wünschen ihrer Töchter handeln. Wenn sie beispielsweise Informatik studieren möchte, heißt es, dass sie auf diesem Feld nichts erreichen wird. Oder wenn sie im Ausland studieren will, wird sie nicht gelassen. <em>„Du bist doch ein Mädchen, was werden da die Leute sagen?“</em> Es desillusioniert, dass Mädchen von Anfang an nicht auf den Bildungsweg, sondern auf das Führen eines Haushaltes vorbereitet werden.

</p>


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<p class="wp-block-paragraph">

Wenn ich eine Familie gründe, dann werden ich auf jeden Fall weiterhin arbeiten gehen. Die Familie steht an erster Stelle, aber wenn ein Mann seine Frau unterstützt, dann wird er ihr keine Steine in den Weg legen und ihr erlauben, gleichzeitig arbeiten zu gehen und sich um die Familie zu kümmern. Ein Mädchen sollte an der eigenen Entwicklung arbeiten. Um ihre Ziele zu erreichen, sollte sie sich bilden, was auch immer sie interessiert. Man sollte mit der Familie über seine Entscheidungen sprechen und die eigenen Gedanken ohne Angst zu haben teilen. Man sollte Sprachen lernen. Das erweitert den eigenen Horizont.
</p>



<h5 class="wp-block-heading"><strong>Madina Ochilova (21 Jahre)</strong></h5>



<p class="wp-block-paragraph"><strong><em>Madina zog aus dem Bezirk <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Qorako%CA%BBl">Qorako’l</a> &nbsp;im <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Provinz_Buxoro">Gebiet Buchara</a> nach Taschkent. Sie studiert im vierten Jahr an der Universität für Journalismus und Publizistik. Madina ist Reporterin bei <a href="https://kun.uz/en/">Kun.uz</a>.</em></strong>

Mit 18 Jahren begann ich mein Studium an der Universität für Journalismus und Publizistik und zog nach Taschkent. Ich habe mich gründlich auf den Studienbeginn vorbereitet. Eine der Aufnahmebedingungen waren Veröffentlichungen in Massenmedien, deshalb habe ich jeden Monat mein Material an die Bezirkszeitung geschickt. Im College bin ich zu einem Repetitor für Literatur, für Englisch und meine Muttersprache gegangen. Nach schlaflosen Nächten zur Prüfungsvorbereitung hatte ich Glück, als Studentin aufgenommen zu werden. Da habe ich verstanden, wie groß die Zufriedenheit sein kann, die man nach mühsamer Arbeit empfindet. Als ich nach Taschkent umgezogen bin, hat sich mein Leben verändert. Ich habe angefangen, mein Leben selbstständig zu planen, bin finanziell unabhängig geworden und habe gelernt, unabhängig von meinen Eltern zu leben und meine Probleme selbst zu lösen. Meine Kindheit hat mich verlassen oder ich sie.

<strong>Lest auch bei Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/tadschikistan/warum-haben-frauen-in-zentralasien-begonnen-sich-auszuziehen/"><strong>Warum haben Frauen in Zentralasien begonnen, sich auszuziehen?</strong></a>

In Bezug auf meine Berufswahl wurde ich viel ermahnt: <em>„Das ist ein schwieriger Beruf, er passt nicht zu dir. Wie willst du arbeiten, wenn du heiratest?“</em> Die Angst meiner Umgebung hat bei mir zu Depressionen geführt. Genau in dieser Zeit hat mein Papa mich unterstützt. Er hat gesagt: <em>„Wenn du dir ein Ziel gesetzt hast, dann bleib auf dem Weg. Bewirb dich bei der Journalistenschule.“</em> Mama hat sich immer Sorgen gemacht und oft gesagt: <em>„Ich hoffe, dass das, was du veröffentlichst, dir nicht selbst schadet.“</em> Aber sie freut sich, wenn sie meine Artikel liest. Wenn meine Mama nicht wollen würden, dass ich in der Hauptstadt arbeite, dann hätte sie mich nicht zum Studium geschickt.

</p>



<figure class="wp-block-image alignnone wp-image-28247 size-full"><img decoding="async" width="680" height="453" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2021/11/BaL5Zp16317993415841_b.jpg" alt="" class="wp-image-28247" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2021/11/BaL5Zp16317993415841_b.jpg 680w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2021/11/BaL5Zp16317993415841_b-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2021/11/BaL5Zp16317993415841_b-128x86.jpg 128w" sizes="(max-width: 680px) 100vw, 680px" /><figcaption class="wp-element-caption">Madina Ochilova</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">

Bei Kun.uz arbeiten wenig Journalistinnen. Aber dass ich eine Frau bin, hat nie zu negativer oder feindseliger Stimmung geführt. Die Kollegen schützen ihre Kolleginnen vor „gefährlichen“ Fällen. Die Journalistinnen werden respektiert, was für ein gesundes Arbeitsumfeld spricht. Ich schätze das Team für seinen menschlichen Umgang. In unserer Gesellschaft gibt es das Klischee, dass ein Mädchen nicht unbedingt lernen muss. Ich würde allen Mädchen empfehlen, zu lernen, auch wenn es dieses Klischee gibt. Sie sollten Sprachen lernen und ihre Möglichkeiten vollends ausnutzen. Und wenn sie keine Möglichkeiten haben, dann sollten sie sich diese selbst schaffen.
</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Og’abek Samisov für </strong><a href="https://www.gazeta.uz/ru/2021/09/18/interview/?utm_source=push&amp;utm_medium=telegram"><strong>Gazeta.uz</strong></a></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem Russischen von Marie Schliesser</strong>
<p><span style="font-weight: 400;">Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen, schaut mal vorbei bei </span><a href="https://twitter.com/novastan_de"><span style="font-weight: 400;">Twitter</span></a><span style="font-weight: 400;">, </span><a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/"><span style="font-weight: 400;">Facebook</span></a><span style="font-weight: 400;">, </span><a href="https://telegram.me/novastan"><span style="font-weight: 400;">Telegram</span></a><span style="font-weight: 400;">, </span><a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/"><span style="font-weight: 400;">Linkedin</span></a><span style="font-weight: 400;"> oder </span><a href="https://www.instagram.com/novastanorg/"><span style="font-weight: 400;">Instagram</span></a><span style="font-weight: 400;">. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem </span><a href="http://eepurl.com/O0Qub"><span style="font-weight: 400;">wöchentlichen Newsletter anmelden</span></a><span style="font-weight: 400;">. </span></p></p>
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		<title>Vom Außenposten zu Nur-Sultan: Die Hauptstadt Kasachstans im Wandel der Zeit</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Marie Schliesser]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 08 Nov 2021 16:51:08 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>So wechselhaft wie die Namensgebung der heutigen kasachstanischen Hauptstadt Nur-Sultan ist auch seine Geschichte. Innerhalb von nicht einmal 200 Jahren entwickelte sie sich von einem Dorf zur Hauptstadt des Landes mit mehr als einer Millionen Einwohner:innen. Einige &#xDC;berbleibsel aus alten Zeiten sind auch heute noch sichtbar. Die kasachstanische Hauptstadt aus den Augen der geb&#xFC;rtigen Zelinograderin [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><span style="font-family: Times New Roman, serif;"><span style="font-size: medium;"><b>So wechselhaft wie die Namensgebung der heutigen kasachstanischen Hauptstadt Nur-Sultan ist auch seine Geschichte. Innerhalb von nicht einmal 200 Jahren entwickelte sie sich von einem Dorf zur Hauptstadt des Landes mit mehr als einer Millionen Einwohner:innen. Einige Überbleibsel aus alten Zeiten sind auch heute noch sichtbar. Die kasachstanische Hauptstadt aus den Augen der gebürtigen Zelinograderin Irina Sevostyanova mit Fotos von Gerard Stavrianidi. Der folgende Artikel erschien am 6. Juli 2021 auf <a href="https://informburo.kz/fotoreportazh/ot-forposta-do-nur-sultana-kak-sozdavalas-menyalas-i-razvivalas-stolica-kazaxstana">Informburo.kz</a>. Wir übersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion. Die Fotos der Reportage sind aus bildrechtlichen Gründen im Originalartikel einzusehen.</b></span></span></p>



<p class="wp-block-paragraph"><p style="background-color: #d4d4d4;"><span style="color: #000000;">Novastan ist das einzige deutschsprachige Nachrichtenmagazin über Zentralasien. Wir arbeiten auf Vereinsgrundlage und <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/werde-unser-mitglied-werde-novastan/"><strong>Dank eurer Teilnahme</strong></a>. Wir sind <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/unser-projekt/">unabhängig</a> und wollen es bleiben, dafür brauchen wir euch! Durch jede noch so kleine <strong><a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/spenden/">Spende</a></strong> helft ihr uns, weiter ein realitätsnahes Bild von Zentralasien zu vermitteln.</span></p></p>



<p class="wp-block-paragraph"><span style="font-family: Times New Roman, serif;"><span style="font-size: medium;">Anfang des 19. Jahrhunderts hätten sich die Bewohner:innen des kasachstanischen Kosaken-Außenpostens am Fluss Ischim nicht einmal in ihren kühnsten Träumen ausgemalt, dass ihre kleine Siedlung in weniger als zwei Jahrhunderten die Hauptstadt eines unabhängigen Staates mit einer Bevölkerung von rund einer Millionen Menschen sein und innerhalb von 30 Jahren vier Mal den Namen wechseln würde. In der Steppe ist eine neue Stadt herangewachsen mit modernen Gebäuden, die mit ihrer außergewöhnlichen Architektur ausländische Besucher:innen anziehen. Aber wenn man genau hinsieht, kann man noch Spuren davon finden, wie die Stadt vor 200 Jahren aussah.</span></span></p>



<h5 class="wp-block-heading"><span style="font-family: Times New Roman, serif;"><span style="font-size: medium;"><b>Das alte Akmolinsk</b></span></span></h5>



<p class="wp-block-paragraph"><span style="font-family: Times New Roman, serif;"><span style="font-size: medium;">Die Erinnerungen an den Kosaken-Außenposten waren in der Stadt Akmolinsk schon verschwunden. Das kleine Dorf mit rund 2000 Einwohner:innen wurde in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts offiziell zur Stadt. Von den ehemals hölzernen Bauwerken dieser Zeit ist in der Stadt schon lange keine Spur mehr übriggeblieben. Wenn man genauer hinsieht, erkennt man, dass sich unter den grünen Bäumen an der Kreuzung von Republik- und Abay-Prospekt eine alte steinerne Mauer versteckt, das Einzige, was von der Grünen Moschee überlebt hat, die hier seit der vorletzten Jahrhundertwende stand.</span></span></p>



<p class="wp-block-paragraph"><span style="font-family: Times New Roman, serif;"><span style="font-size: medium;">Den Bau der Moschee hatte einer der reichsten Einwohner Akmolinsks finanziert – der Kaufmann Nurmuhamed Zabirov. Die ursprüngliche Holzkonstruktion brannte jedoch nieder und Anfang des 20. Jahrhunderts bauten die Gläubigen eine neue, steinerne Moschee. In den 1930er Jahren wurde das Gebäude dann von den Machthabenden beschlagnahmt. </span></span><span style="font-family: Times New Roman, serif;"><span style="font-size: medium;">Anfänglich wurde die Moschee nur leicht umgebaut und den Pionieren zur Nutzung übergeben. In den 50er Jahren wurde dann jedoch an dieser Stelle ein dreistöckiges Wohnhaus für die Nomenklatura der Partei errichtet. Im späteren Zelinograd war dieses Gebäude eines der begehrtesten Wohnobjekte. Viele seiner Bewohner:innen ahnten nicht, dass der schöne Torbogen im Zaun ein Überbleibsel der Grünen Moschee war. Inzwischen werden die Überreste restauriert, um ihr ursprüngliches Aussehen wiederherzustellen.</span></span></p>



<h5 class="wp-block-heading"><span style="font-family: Times New Roman, serif;"><span style="font-size: medium;"><b>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/prigorodny-die-ungewollte-vorstadt-astanas/">Prigorodny – die ungewollte Vorstadt Astanas</a></b></span></span></h5>



<p class="wp-block-paragraph"><span style="font-family: Times New Roman, serif;"><span style="font-size: medium;">Eines der ältesten Gebäude der Stadt ist das Haus des Dichters und Schriftstellers Säken Seifullin, welches heute ein Museum ist. Allerdings wohnte Seifullin nicht in dem Haus, sondern arbeitete dort. Das Haus wurde 1846 von einem Kaufmann erbaut, beherbergte während der Zeit der Sowjetunion einen Kindergarten und wurde 1988 nach der posthumen Rehabilitation Seifullins in ein Museum umgewandelt. </span></span><span style="font-family: Times New Roman, serif;"><span style="font-size: medium;">Das bekannteste historische Gebäude der Stadt ist jedoch das zwischen 1905 und 1907 erbaute Kaufmannshaus des Händlers Kubrin. Genau wie damals, befindet sich auch heute in dem Gebäude ein Geschäft, mit Namen „Astana“.</span></span></p>



<p class="wp-block-paragraph"><span style="font-family: Times New Roman, serif;"><span style="font-size: medium;">Die Kaufmannsdynastie Kubrin spielte in der Geschichte der Stadt eine wichtige Rolle. Die Kubrin-Familie, Nachkommen des Dynastiegründers Konstantin Kubrin, baute Handelshäuser und eine Brauerei, unterstützte Lehrer in Akmolinsk, finanzierte die Bibliothek und die Feuerwehr. Der Enkel des Dynastiegründers, Stepan Kubrin, baute das erste Krankenhaus der Stadt, das bis heute existiert. Während der Sowjetunion war dort eine onkologische Beratungsstelle untergebraucht, heute ein Zentrum für Kommunikationssatelliten. Dank des Mäzenatentums der Kaufmannsfamilie Kubrin entstand ab 1899 in der Stadt ein Theater, das heutige staatliche Gorki-Theater. Eine der bekanntesten Legenden der Stadt ist mit einem Enkel des Dynastiegründers verbunden. Demnach verliebte sich Wassili in eine Ballerina (oder Schauspielerin, laut einer anderen Version) des Mariinski-Theaters. Die stolze Schönheit stellte dem Bräutigam aus der Provinz angeblich die Bedingung, für sie eine Villa „nach Petersburger Beispiel“ zu bauen. Der verliebte Kaufmann erfüllte die Bedingung und die Ballerina zog zu ihm nach Akmolinsk. Die Villa ist bis heute erhalten geblieben. Die Legende besagt, dass von der Villa ein unterirdischer Gang direkt zum Kaufmannshaus der Kubrins führt. Laut einer anderen Version diente der Tunnel dem Kaufmann, um unbemerkt seine Geliebte aufzusuchen, wobei diese Version vermutlich nicht der Wahrheit entspricht. Einen unterirdischen Gang gibt es tatsächlich, allerdings ist dieser seit langem geschlossen.</span></span></p>



<h5 class="wp-block-heading"><span style="font-family: Times New Roman, serif;"><span style="font-size: medium;"><b>Herzlich Willkommen in Zelinograd!</b></span></span></h5>



<p class="wp-block-paragraph"><span style="font-family: Times New Roman, serif;"><span style="font-size: medium;">Ab 1961 schlug Akmolinsk einen neuen Kurs ein. Damals wurde die Stadt in Zelinograd umbenannt und zum Zentrum der Erschließung von Neuland. Aus der ganzen Sowjetunion kamen Menschen nach Zelinograd, um das Neuland nutzbar zu machen und zu bewirtschaften. Die Kasachstanische SSR spielte eine wichtige Rolle dabei, die Kornkammer der Sowjetunion mit Getreide zu füllen, und in Zelinograd begann der Bau von Fabriken. Die beiden größten der Republik, „Tselinselmash“ und „Kasakhselmash“ befanden sich in Zelinograd. Gerade zur rechten Zeit begann der Bau der „Chruschtschowkas“, für damalige Standards komfortable und kompakte Wohngebäude für die sowjetischen Arbeiter:innen. Wie in fast allen post-sowjetischen Städten machen diese den größten Teil der Gebäude am alten, rechtsseitigen Ufer der heutigen Hauptstadt aus. Heute sollen sie im Rahmen von Erneuerungsprogrammen abgerissen werden, aber wann, ist noch unklar. Zwei Gebäude an der zentralen Straße der Stadt, dem Republik-Prospekt, waren der Stolz Zelinograds. An der Kreuzung mit der Seifullin-Straße steht ein mehrstöckiges Haus in Form eines abgeschnittenen Buchstaben „</span></span><span style="font-family: Times New Roman, serif;"><span style="font-size: medium;"><span lang="ru-RU">Г</span></span></span><span style="font-family: Times New Roman, serif;"><span style="font-size: medium;">“ (kyrillischer Buchstabe „G“, Anm. d. Ü.). Viele Jahre befand sich hier das Warenhaus „Solnechny“, wo man selten verfügbare Produkte kaufen konnte. Ein Geschäft gibt es hier bis heute, allerdings gehört es einer der großen Handelsketten an und das Haus selbst hat ebenfalls seit langem sein Prestige verloren.</span></span></p>



<h5 class="wp-block-heading"><span style="font-family: Times New Roman, serif;"><span style="font-size: medium;"><b>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/was-aus-der-geschlossenen-stadt-zelinograd-25-wurde/">Wie aus der geschlossenen Stadt Zelinograd-25 wurde</a></b></span></span></h5>



<p class="wp-block-paragraph"><span style="font-family: Times New Roman, serif;"><span style="font-size: medium;">Eine Straßenkreuzung weiter befand sich in einem baugleichen Haus der größte Bücherhandel der Stadt. Heute beherbergt es die Filialen großer Banken und ein Kaufhaus. Nach Zelinograder Standards waren diese Häuser im teuren Preissegment. Die alten Höfe werden durch den Bau moderner Hochhäuser aktiv nachverdichtet. Aber es gibt Orte, an denen die naive Gemütlichkeit durch die Hände der Anwohner:innen erhalten geblieben ist. Und so wachsen im Vorgarten Blumen. Ein alter Taubenschlag befindet sich wie ein Gruß aus der Vergangenheit im Hof des ehemals großen Kaufhauses „Jubileiny“, umgeben von alten „Pjatietashkis“ und neuen Hochhäusern. Vor mehr als 30 Jahren wurde es von einem Anwohner gebaut. Früher fanden sich solche Taubenschläge in vielen Innenhöfen.</span></span></p>



<h5 class="wp-block-heading"><span style="font-family: Times New Roman, serif;"><span style="font-size: medium;"><b>Über Akmola zu Astana</b></span></span></h5>



<p class="wp-block-paragraph"><span style="font-family: Times New Roman, serif;"><span style="font-size: medium;">Schon 1992 änderte sich der Name von Zelinograd erneut, zu Akmola. Die schweren 1990er Jahre haben sich bei den Menschen auf unterschiedliche Art eingeprägt. Manche erinnern sich an das langsame Sterben der Fabriken (wie unter anderem „Tselinselmash“ und „Kasakhselmash“) und der Öfen mit ihren Schornsteinen, die aus den Fenstern der „Pjatietashkis“ ragten, weil es keine Heizung gab. Andere wiederum erinnern sich an eine Blütezeit der Zusammenarbeit und der Wirtschaft. Akmola hätte eine einfache Provinzstadt bleiben können, wie es sie zu Tausenden auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion gab. Aber 1998 zog die Hauptstadt Kasachstans vom damaligen Alma-Ata nach Akmola und die Stadt erhielt nochmals einen neuen Namen – Astana.</span></span></p>



<h5 class="wp-block-heading"><span style="font-family: Times New Roman, serif;"><span style="font-size: medium;"><b>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/franzoesischer-fotograf-zeigt-ein-noch-futuristischeres-astana/">Französischer Fotograf zeigt ein noch futuristischeres Astana</a></b></span></span></h5>



<p class="wp-block-paragraph"><span style="font-family: Times New Roman, serif;"><span style="font-size: medium;">Zum Zeitpunkt des Umzugs der Hauptstadt waren die neuen Gebäude noch nicht erbaut und allen übersiedelten staatlichen Einrichtungen blieb nichts anderes übrig, als sich in den bereits vorhandenen niederzulassen. Am Alten Platz siedelten sich zwei der Staatsgewalten an: das Parlament bekam das Gebäude des staatlichen Planungsinstituts „Tselingiprosselchos“ (heute befindet sich dort die Agentur sowie die Akademie für den öffentlichen Dienst); die Regierung bezog das ehemalige „Haus der Sowjets“. Daneben wurde noch ein weiteres Gebäude errichtet, das als offizielle Residenz des Präsidenten diente. Im inzwischen ehemaligen Regierungsgebäude befindet sich heute das Akimat (regionales Exekutivorgan, Anm. d. Ü.) der Hauptstadt und in der ersten Residenz des Präsidenten das Museum des ersten Präsidenten Kasachstans, Nasarbajew. Wenige Schritte vom Alten Platz entfernt ist das Gebäude des Obersten Gerichtshofes gelegen, wo die öffentlich viel beachteten Prozesse gegen den Ex-Premierminister Akeschan Kaschygeldin und den ehemaligen Bankier Muchtar Abljasow stattfanden.</span></span></p>


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<p class="wp-block-paragraph"><span style="font-family: Times New Roman, serif;"><span style="font-size: medium;">An die ersten Jahre nach dem Umzug der Hauptstadt erinnern sich viele gerne zurück, aber mit unterschiedlichen Eindrücken. Die Beamt:innen, die aus der heißen Hauptstadt im Süden umgezogen waren, erinnern sich an bittere Kälte, dreckige und kaputte Straßen und die Kälte in den Wohnungen. Bei den Anwohner:innen hingegen blieb die Erinnerung an das schlechte Verhalten der „Zugereisten“ und den Unwillen, „örtliche Kader“ einzustellen. Nach einigen Jahren hatten alle dies vergessen. Die Bewohner:innen Almatys haben gelernt, die Stadt in das ihnen vertraute „Oben“ und „Unten“ zu unterteilen, während die Einwohner:innen Zelinograds und Akmolas erfolgreich in den neuen Strukturen der jungen Hauptstadt arbeiten.</span></span></p>



<h5 class="wp-block-heading"><span style="font-family: Times New Roman, serif;"><span style="font-size: medium;"><b>Aufstieg in Astana</b></span></span></h5>



<p class="wp-block-paragraph"><span style="font-family: Times New Roman, serif;"><span style="font-size: medium;">Mit dem Umzug der Hauptstadt begann auch eine aktive Bauphase. In den ersten zwei Jahren wurden die Gebäude der Administration von Grund auf saniert, Wohngebäude für Staatsbedienstete errichtet und eine Begrünung der Straßen begonnen. Bereits 1999 waren das neue Wohngebiet Samal, das Diplomatenviertel sowie die Gebäude des Finanzministeriums und der Sportpalast „Kasachstan“ fertiggestellt. Am linken Flussufer begann der Bau der neuen Stadt. 2001 wurde ein Masterplan genehmigt, den der berühmte japanische Architekt Kisho Kurokawa ausgearbeitet hatte. Es begann das größte Bauvorhaben Kasachstans. So wurden neue Gebäude für staatliche Organe, Wohnkomplexe und Denkmäler errichtet. Unter diesen ist beispielsweise auch der Bajterek-Turm, der nicht nur zu einem Symbol für die Stadt, sondern des ganzen Landes wurde. Als erstes Staatsorgan bezog das Verteidigungsministerium ein neues Gebäude auf der linken Uferseite. Heute ist es nur schwer vorstellbar, dass hier vor gerade einmal 20 Jahren alte Landsitze und Steppe waren.</span></span></p>



<h5 class="wp-block-heading"><span style="font-family: Times New Roman, serif;"><span style="font-size: medium;"><b>Von Astana zu Nur-Sultan</b></span></span></h5>



<p class="wp-block-paragraph"><span style="font-family: Times New Roman, serif;"><span style="font-size: medium;">Im März 2019 wurde die Hauptstadt auf Vorschlag des zweiten Präsidenten, Qasym-Jomart Tokaev, in Nur-Sultan umbenannt. Unter dem neuen Namen setzte sich die Entwicklung der Stadt vor. An dem Masterplan werden Korrekturen vorgenommen, da die Bevölkerung der Stadt wächst. So entstehen neue Parks und Plätze, im alten Teil der Stadt auf der rechten Uferseite gibt es neue Kindergärten und Sportplätze. Außerdem wurden Fahrradwege und die Fußgängerzone „Arbat“ gebaut, in der am Wochenende Kunsthandwerk verkauft wird und Straßenmusiker und Artisten bestaunt werden können. Und die Bevölkerung unterteilt sich zunehmend weniger in „Zugereiste“ und „Einheimische“ und zieht für sich die Bezeichnung „Astaner:innen“ vor.</span></span></p>



<p class="wp-block-paragraph"><span style="font-family: Times New Roman, serif;"><span style="font-size: medium;"><b>Fotoreportage von Gerard Stavrianidi und Text von Irina Sevostyanova für <a href="https://informburo.kz/fotoreportazh/ot-forposta-do-nur-sultana-kak-sozdavalas-menyalas-i-razvivalas-stolica-kazaxstana">Informburo.kz</a></b></span></span></p>



<p class="wp-block-paragraph"><span style="font-family: Times New Roman, serif;"><span style="font-size: medium;"><b>Aus dem Russischen von Marie Schliesser</b></span></span></p>



<p class="wp-block-paragraph"><p><span style="font-weight: 400;">Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen, schaut mal vorbei bei </span><a href="https://twitter.com/novastan_de"><span style="font-weight: 400;">Twitter</span></a><span style="font-weight: 400;">, </span><a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/"><span style="font-weight: 400;">Facebook</span></a><span style="font-weight: 400;">, </span><a href="https://telegram.me/novastan"><span style="font-weight: 400;">Telegram</span></a><span style="font-weight: 400;">, </span><a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/"><span style="font-weight: 400;">Linkedin</span></a><span style="font-weight: 400;"> oder </span><a href="https://www.instagram.com/novastanorg/"><span style="font-weight: 400;">Instagram</span></a><span style="font-weight: 400;">. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem </span><a href="http://eepurl.com/O0Qub"><span style="font-weight: 400;">wöchentlichen Newsletter anmelden</span></a><span style="font-weight: 400;">. </span></p></p>
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		<title>Flucht aus Xinjiang – Geschichten von jenen, die den Lagern entkamen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Marie Schliesser]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 08 Sep 2021 16:08:32 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Uigurische Region]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Folter]]></category>
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		<category><![CDATA[Menschenrechte]]></category>
		<category><![CDATA[Umerziehungslager]]></category>
		<category><![CDATA[Xinjiang]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Unter den Inhaftierten der sogenannten &#x201E;Umerziehungslager&#x201C; in China sind auch Tausende ethnische Kasachinnen und Kasachen. Einige der ehemaligen Insassen sprachen mit dem kasachischen Onlinemedium Vlast &#xFC;ber ihre willk&#xFC;rliche Verhaftung, Gewalt und Unterdr&#xFC;ckung, die sie in den Lagern erfuhren und den schwierigen Weg nach der Entlassung. Viele tragen langfristige gesundheitliche Sch&#xE4;den und Traumata mit sich und [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong>Unter den Inhaftierten der sogenannten „Umerziehungslager“ in China sind auch Tausende ethnische Kasachinnen und Kasachen. Einige der ehemaligen Insassen sprachen mit dem kasachischen Onlinemedium Vlast über ihre willkürliche Verhaftung, Gewalt und Unterdrückung, die sie in den Lagern erfuhren und den schwierigen Weg nach der Entlassung. Viele tragen langfristige gesundheitliche Schäden und Traumata mit sich und sahen sich bei der Einreise nach Kasachstan mit neuen bürokratischen Hürden und einer drohenden Abschiebung nach China konfrontiert. Der folgende Artikel erschien am 4. September 2020 auf </strong><a href="https://vlast.kz/obsshestvo/41550-vybratsa-iz-sinczana.html"><strong>Vlast</strong></a><strong>. Wir übersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.</strong>

Wir treffen Gulzira Auelhan früh morgens bei der zentralen Moschee der Stadt. Ihre Tochter Akbayn möchte sofort auf den Spielplatz und streckt die Hände nach ihrer Mutter aus. Gulzira umarmt ihre Tochter und möchte sie hochheben, lässt sie aber kurz darauf wieder los und flüstert leise: <em>„Tut mir leid, aber ich kann dich immer noch nicht tragen“</em>. Nach wie vor fehlt ihr die Kraft, sogar Teig kneten ist zu anstrengend, aber davon wird uns Gulzira später noch erzählen.

Gulzira wurde in China im <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ili">Kasachischen Autonomen Bezirk Ili</a> geboren. 2014 siedelte sie mit ihrer jüngeren Tochter und ihrem Mann nach Kasachstan über, während ein Teil der Familie, unter ihnen auch ihre ältere Tochter, in China blieb. Drei Jahre später reiste Gulzira nach China zurück, um ihren schwerkranken Vater zu besuchen. Sie schaffte es nicht ihren Vater zu sehen. Gleich nach dem Grenzübertritt nahm man ihr den Reisepass ab, sie wurde über mehrere Stunden ausgefragt und ins „Umerziehungslager“ verschleppt, wo sie die nächsten 15 Monate verbrachte. Ihr Schicksal gleicht dem Hunderter Kasachinnen und Kasachen, die aus China emigrierten, kurzzeitig zurück nach China gehen wollten und sich dort plötzlich in chinesische Lager eingesperrt sahen.
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<h5 class="wp-block-heading"><strong>15 Monate Haft im „Umerziehungslager“</strong></h5>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Meinen Reisepass nahmen sie mir in <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Korgas">Khorgos</a> [ein Grenzort zwischen Kasachstan und China, Anm. d. Ü.] ab und gaben ihn der örtlichen Polizei. Die Polizisten sagten mir: „Wenn du nochmal versuchst, nach Kasachstan auszureisen, lassen wir dich nie wieder frei“.</em><em>Ich erschrak und fragte: „Warum werde ich nicht freigelassen? Meine Familie ist dort. Habe ich etwa jemanden umgebracht oder eine Bank ausgeraubt?“ Der Polizist antwortete: „Ich lasse dich an einen Ort bringen, aus dem du nicht mehr rauskommst.“ Aus Trotz schrie ich ihn an: Dann bringen Sie mich doch weg!“</em>, erinnert sich Gulzira.

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<figure class="wp-block-image alignnone wp-image-27668 size-full"><img loading="lazy" decoding="async" width="900" height="600" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2021/09/1-Gülizira-Awelkhan.jpg" alt="" class="wp-image-27668" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2021/09/1-Gülizira-Awelkhan.jpg 900w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2021/09/1-Gülizira-Awelkhan-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2021/09/1-Gülizira-Awelkhan-768x512.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2021/09/1-Gülizira-Awelkhan-128x86.jpg 128w" sizes="auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px" /><figcaption class="wp-element-caption">Gulzira Auelhan</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">

Anschließend wurde sie in der Polizeistation befragt und ihre Fingerabdrücke wurden genommen. Außerdem musste sie laut aus einem Buch vorlesen und ihre Stimme wurde aufgezeichnet. <em>„Danach brachten sie mich in das Haus meines Schwagers, wo ich übernachtete, und am nächsten Morgen holten sie mich ab. Ich sagte, dass ich meinen Vater sehen möchte, dass er krank ist. Sie behaupteten, dass sie mich in 15 Tagen zu meiner Familie zurückbringen würden. Ich sagte, dass ich Kleidung mitnehmen müsse, aber sie erwiderten, dass es dort spezielle Kleidung geben würde. Danach fuhren sie mit mir zum Lager. Aus 15 Tagen wurden 15 Monate.“</em>

Im Lager lebten ungefähr 800 Frauen: Uigurinnen, Kasachinnen und Frauen anderer Nationalitäten. Im selben Zimmer waren niemals zwei Uigurinnen oder zwei Kasachinnen zusammen untergebracht, damit man sich gegenseitig nicht verstehen konnte.
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<h5 class="wp-block-heading"><strong>Entrechtung und Gewalt an der Tagesordnung</strong></h5>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Morgens gingen wir wie eine Schafsherde zum Unterricht und abends wurden wir ins Wohnheim zurückgetrieben. Wenn sie sagten „Hinlegen!“, legten wir uns hin, standen auf, wenn es hieß „steht auf!“. Am Sonntag wurden wir draußen eingesperrt, 10-20 Frauen zusammen. Manche hatten eine Toilette, manche nicht. Wir hatten einen Eimer. Wir schliefen auf einer Seite, weil es keinen Platz gab, aber dafür viele Menschen. Auf dem Rücken zu schlafen war verboten, weil sie dachten, dass wir so die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sal%C4%81t">Salat</a></em> [Bezeichnung für das rituelle Gebet im Islam, Anm. d. Ü.] <em>verrichten könnten. Morgens um 5 oder 6 Uhr verließen wir das Wohnheim und kehrten abends um 21 oder 22 Uhr zurück“</em>, erzählt Gulzira.

<em>„Vom Wohnheim bis zum Klassenzimmer ist eine gelbe Linie auf den Boden gemalt. Die „Schülerinnen“ folgen der gelben Linie in zwei Reihen. Zu beiden Seiten sind weiße Linien. Auf der einen Seite stehen die Lehrerinnen und Lehrer, auf der anderen die Sicherheitskräfte. Wenn wir versehentlich husteten oder die Hände bewegten, schlugen sie uns mit Stöcken auf den Kopf. Jede hatte zwei Minuten Zeit auf der Toilette. Wenn wir länger brauchten, wurden wir so lange mit dem Stock geschlagen, bis wir zum Unterricht kamen. Dadurch hatten wir Schwellungen, rote Augen und Mundgeruch.“</em> Für jede Bewegung musste auf Mandarin um Erlaubnis gebeten werden. <em>„Wenn wir uns ohne Erlaubnis bewegten, sagten sie uns, dass die Kamera dies bemerkt habe und wir wurden aus der Reihe in ein anderes Zimmer geführt. Darin stand ein Stuhl, an den man mit Handschellen gefesselt wurde. Bei jeglicher Bewegung verengten sich die Handschellen“</em>, erinnert sie sich.

<strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/uigurische-region/umerziehungslager-in-xinjiang-man-kann-in-diesen-camps-lange-bleiben-mancher-bleibt-darin-ein-leben-lang/"><strong>Umerziehungslager in Xinjiang: „Mancher bleibt darin ein Leben lang“</strong></a>

Nach drei Monaten begannen sie, unbekannte Injektionen zu verabreichen<em>. „Uns wurde gesagt, es sei eine Impfung gegen Husten und es wurde uns in den Arm injiziert. Ich weiß nicht, warum, aber nach diesen Spritzen blieb bei vielen Frauen die Menstruation aus“</em>, sagt Gulzira. <em>„Die Injektionen verabreichten sie uns jeden Tag und danach begannen sie, uns kleine weiße Tabletten zu geben. Sie lösten sich sofort im Mund auf. Manchmal kamen Ärzte oder Krankenpfleger vorbei, um nach uns zu sehen. Dann zwangen sie uns, Schwein zu essen und nannten es „Familienessen“. Anfangs weigerten wir uns und weinten, aber nach den Injektionen vergaßen wir unsere Familien und dachten nur noch ans Essen.“</em>

Anschließend musste Gulzira arbeiten. <em>„Sie sagten: „Dank der hervorragenden Politik unserer Regierung wirst du arbeiten“. Ich dachte, dass ich eine gewöhnliche Putzkraft werde, aber </em><a href="https://www.bbc.com/news/world-asia-china-55794071"><em>ich wurde dorthin geschickt, wo mit Frauen gemacht wird, was man will</em></a><em>. Meine Aufgabe war es, die Frauen zu waschen und ihre Betten sauber zu machen. Danach betraten zwei Männer das Zimmer und zogen für zwei Stunden die Vorhänge zu. So arbeitete ich sechs Monate, danach wurde ich ins Lager zurückgebracht. Meine Heiratsurkunde rettete mich. Witwen und Geschiedene wurden misshandelt, nachts abgeholt und kehrten nicht mehr zurück.“ </em>Manchmal wurden Frauen nachts aus anderen Gründen aus dem Lager geholt. <em>„Sie fragten uns: „Wisst ihr, wohin sie gegangen sind?“ Und selbst wenn wir es nicht wussten, antworteten wir mit „Ja“ und klatschten. Wenn jemand sagte, sie wisse es nicht, fragten sie: „Hast du ein Problem mit der Ideologie? Glaubst du an Allah?“. Es stellte sich heraus, dass sie diese Frauen ins „Wartezimmer“ abführten &#8211; von diesem wurde gesagt, dass die Verwandten kein Geld bringen sollten, dass es der Ort wird, an dem man stirbt.“</em></p>


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<p class="wp-block-paragraph">

Im Lager gab es ständig Verhöre: <em>„Dort wurde gefragt, ob wir im Ausland waren, ob wir die Salat verrichten? Sie sagten: „Haben Sie etwa gesehen, dass auch nur einer Ihrer Bekannten ins Paradies gekommen ist? Wir haben keine Religion. Glauben Sie an Allah?“ In den 15 Monaten wurde ich 27Mal verhört. Manchmal dachte ich an meine Familie, an meine Liebsten und weinte. Wenn wir weinten, wurden wir für bis zu 24 Stunden mit Handschellen an den Stuhl gefesselt.“</em> Manchmal wurde Gulzira zu einem Treffen mit den Polizisten abgeführt, die sie zu Beginn ins Lager gebracht hatten. <em>„Dann sagte ich: „Danke, dass Sie mich hierhergebracht haben, hier lerne ich eifrig“ und all das wurde aufgezeichnet.“</em></p>



<h5 class="wp-block-heading"><strong>Unterdrückung der religiösen und kulturellen Identität</strong></h5>



<p class="wp-block-paragraph">
Im Lager verbrannten sie den Koran und Gebetsteppiche. <em>„Es gab sehr viele davon, möglicherweise, weil den Verwandten gesagt wurde, wenn sie diese Gegenstände und religiöse Bücher aus ihren Häusern verbannten, dass die Partei ihnen dann vielleicht verzeihen würde. Sie befahlen uns, Mandarin zu lernen, da es keine anderen Nationen gäbe. Kasachen, Uiguren und Kirgisen seien alle dem chinesischen Volk ähnlich, lebten auf Kosten Chinas und auf chinesischem Gebiet.“</em> Mitglieder der Kommunistischen Partei kamen zur Kontrolle vorbei. <em>„Bevor sie kamen, wurden unsere grauen Haare gefärbt, Make-Up aufgetragen und alle mit Parfüm besprüht. Die Unterkunft wurde dekoriert. In die vorderste Reihe stellten sie diejenigen, die Mandarin sprachen. Wir hießen sie mit einem Lächeln Willkommen, gingen auf die Straße und tanzten. Wir sangen das Lied „Wir sind Verwandte Chinas“.“</em> Jede Woche wurden im Lager Mandarin-Prüfungen abgehalten. <em>„Wir haben abgeschrieben, weil die Sprache zu lernen zu schwer ist. Die Antworten haben wir zwischen den Fingern aufgeschrieben. Sie sagten uns, dass wir bei gutem Abschneiden in der Prüfung gehen dürften.“</em>

Einmal im Monat war es gestattet, die Verwandten zu treffen, allerdings nur für 15 Minuten. <em>„Meinen Mann habe ich nicht gesehen, weil er in Kasachstan war. Mit meinen Verwandten konnte ich mich nur durch ein Gitter getrennt unterhalten. Sie kamen alle drei Monate zu Besuch, weil sie weit weg leben. Ihre Telefone wurden kontrolliert und alle Kontakte dokumentiert. Nach sechs Monaten wurde es erlaubt, sich von Angesicht zu Angesicht zu treffen, was als „gute Regierungspolitik“ bezeichnet wurde. Aber wir wollten nicht, dass unsere Verwandten herkommen, weil in dem Fall ihre Telefone kontrolliert wurden und man sie einlud, auch hier im Lager „zu lernen“. Wir hatten Angst um sie.“</em> Nach Gulzira wurde auch ihre ältere Tochter, die in China geblieben war, für ein halbes Jahr ins Lager gebracht, weil sie ihren Pass angeblich nicht rechtzeitig ausgehändigt hatte. <em>„Aber meine Tochter ist Lehrerin“</em>, sagt Gulzira<em>. „Sie erzählt, dass sie im Lager unterrichtet hat und frei herum gehen durfte. Ich weiß nicht, in welchem Lager sie war.“</em></p>



<h5 class="wp-block-heading"><strong>Entlassung aus dem Lager</strong></h5>



<p class="wp-block-paragraph">
Nach 15 Monaten wurde Gulzira aus dem Lager entlassen. Zuhause angekommen [vermutlich ist ihre Familie in China gemeint, Anm. d. Ü.] traf sie dort drei unbekannte Frauen an: zwei Uigurinnen und eine Chinesin. <em>„Sie haben mich beobachtet. Wie haben uns umarmt und an einem Tisch zusammen gegessen, Fotos gemacht. Am nächsten Tag reisten sie ab, aber hinterließen 20 Yuan. Als ich meine Schwägerin fragte, warum sie das Geld dagelassen haben, antwortete sie: „Ihre Verwandten sind unsere Verwandten“.“</em> Am nächsten Tag wurde Gulzira „zur Flagge“ gerufen, um die Menschen aus ihrem Dorf zu überzeugen, zum „Lernen“ ins Lager zu gehen. <em>„Dann habe ich die Leute belogen. Ich habe erzählt, dass schon bald alles auf Mandarin sein würde und dass man im Lager kostenlos die Sprache lernen sollte, solange es noch möglich ist.“</em></p>



<figure class="wp-block-image alignnone wp-image-27669 size-full"><img loading="lazy" decoding="async" width="622" height="350" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2021/09/Camps-Xinjiang.jpg" alt="" class="wp-image-27669" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2021/09/Camps-Xinjiang.jpg 622w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2021/09/Camps-Xinjiang-300x169.jpg 300w" sizes="auto, (max-width: 622px) 100vw, 622px" /><figcaption class="wp-element-caption">Männer in einem &#8222;Umerziehungslager&#8220; in Xinjiang</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">

Kurz darauf hatte sie ein Gespräch mit den örtlichen Machthabenden. <em>„Mir wurde gesagt, ich solle nach Kasachstan zurückreisen und schauen, ob sich mein Mann inzwischen nicht eine andere Frau genommen hat. Ich sollte ihm erzählen, dass ich krank geworden sei und meinen Pass verloren habe. Ich bat darum, mir meine Papiere zurückzugeben, aber sie erwiderten, ich würde mit meiner Aufenthaltsgenehmigung ausreisen. Sie würden mir 250.000 Yuan mitgeben und ich würde an der Grenze von ihren Leuten empfangen. Vom „Lernen“ sollte ich nichts erzählen. Ich hatte Angst, das Geld zu nehmen, aber ich versprach, dass ich nach China zurückkehren und nichts von dem Lager erzählen würde.“ </em>Nach Kasachstan wurde Gulzira nicht gelassen. <em>„Es vergingen vier Tage, dann wurde ich angerufen und gesagt, dass ich drei Monate in einer Fabrik arbeiten würde. Dort haben wir Handschuhe genäht. Jeden Samstag durften wir nach Hause, ansonsten lebten wir im Wohnheim. Am Tag nähte ich ungefähr 20 Paar Handschuhe. Meine ältere Tochter arbeitete auch dort.“ </em>Nach einiger Zeit wurde ihr erlaubt, die Familie in Kasachstan anzurufen. <em>„Manchmal sagte mein Mann zu mir, ich solle zurückkommen, aber ich hatte ja keinen Pass. So warteten wir drei Monate.“</em><em>„Einmal fand eine Versammlung statt und dort wurden wir aufgefordert, irgendein Dokument zu unterschreiben. Wenn wir nicht unterschrieben hätten, wären wir zurück „zum Lernen“ gebracht worden. Ich habe die kasachische Lehrerin gefragt: „Jetzt bin ich schon fast zwei Jahre hier, wann werde ich endlich nach Hause geschickt?“ Sie antwortete, ich solle die Dokumente unterschreiben, dann würden sie an die Behörden für Innere Angelegenheiten übergeben, daraufhin würden wir Geld erhalten und entlassen. Daraufhin schrieb ich meinem Mann: „Hol mich hier raus, egal wie. Wenn du mich nicht herausholst, werde ich sterben.“ Mein Mann wandte sich an </em><a href="https://twitter.com/atajurt"><em>„Atajurt</em>“</a> [Organisation in Kasachstan, die Kasachinnen und Kasachen in China hilft, Anm. Vlast]. <em>Sie rieten mir, das Dokument nicht zu unterschreiben.“</em></p>



<h5 class="wp-block-heading"><strong>Folter in der Polizeiwache</strong></h5>



<p class="wp-block-paragraph">
Am 29. Dezember 2018 feierten wir in der Fabrik Silvester und nach dem Mittagessen hätten alle Arbeiterinnen und Arbeiter nach Hause gelassen werden soll. <em>„Aber wir mussten uns versammeln und wir wurden angewiesen, das Dokument zu unterschreiben. Der Vorsteher sagte: „Sie vermissen wohl den Ort, an dem sie zuvor waren?“</em> [gemeint ist das Lager, Anm. Vlast]. <em>Er nahm meine Tochter und mich mit und übergab uns der Polizei.“ </em>Bei der Polizei wurde Gulziras Telefon an den Computer angeschlossen und sie hörten das Gespräch mit ihrem Mann ab. <em>„Sie fragten mich: „Hast du ihm von allem erzählt?“ Ich antwortete mit „Ja“. Meine Tochter sagte: „Was hast du bloß angerichtet?““ </em>Danach wurden die beiden Frauen in den Keller, tief unter der Erde, gebracht. <em>„Wir hatten Angst und es war kalt. Ich dachte, dass ich dort unten sterben würde. Sie fragten mich irgendetwas auf Chinesisch, aber ich konnte nicht antworten. Danach gaben sie mir Elektroschocks. Als ich ohnmächtig wurde, gossen sie mir Wasser über und ich kam wieder zu Bewusstsein. Wieder fragten sie mich etwas auf Chinesisch. Sie stachen mir Nägel in die Hände, banden mich an meinen Haaren fest. Dadurch schien es mir, dass mein Genick jeden Moment bricht. Und unter meine Fingernägel steckten sie mir Nadeln.“</em><em>„Morgens schleiften sie mich nach oben in den dritten Stock und dort steht ein kasachischer Polizist. Ich begann zu weinen, als ich ihn sah. Er fragte: „Warum weinst du? Wir strengen uns doch für dich an. Was machst du auch in einer illegalen Organisation? Du hast deine Heimat verraten, ihr Brot gegessen und ihr Wasser getrunken. Ich fragte ihn: „Warum werde ich nicht nach Hause gebracht? Ich habe doch eine Aufenthaltsgenehmigung</em> [in Kasachstan, Anm. Vlast]<em>, ich brauche kein Chinesisch.“ Sie fragten mich nach meinem Pass und ich erzählte ihnen, dass die örtliche Polizei ihn mir weggenommen hatte, zusammen mit meiner Heiratsurkunde und der Aufenthaltsgenehmigung. Daraufhin gingen die Polizisten mit mir in ein Café und bestellten mir Pferdefleisch. Ich sagte ihnen, dass ich keinerlei Dokument habe. Sie beruhigten mich und erwiderten, dass ich ausreisen würde. „Sag unseren kasachischen Verwandten Grüße von uns.““</em> Nach zwei Tagen riefen die Polizisten an und bestätigten, dass Gulzira nach Kasachstan ausreisen dürfe.
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<h5 class="wp-block-heading"><strong>Ausreise nach Kasachstan</strong></h5>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Als wir uns der Passkontrolle näherten, sprach der Polizist mit dem Grenzbeamten. Daraufhin wurde ich mit Namen aufgerufen und ohne Kontrolle durchgelassen. Ich denke, dass der Polizist ihm gesagt hat, dass ich schon genügend „gelernt“ habe. </em>&nbsp;Davor wurde ich ausgezogen, komplett durchgecheckt und mein Koffer wurde durchsucht“. Danach überquerte ich die Grenze und landete auf der kasachstanischen Seite. <em>Ich begann zu weinen. In Kasachstan fragten sie mich, warum ich zwei Jahre weggeblieben war und ohne Pass wieder eingereist war und ich erzählte ihnen alles, obwohl ich zuvor geschworen hatte, dass ich nichts sagen würde.“</em>

Zwei Wochen nach ihrer Rückkehr beschloss Gulzira, offen über alles zu reden, was sie erlebt hatte. <em>„Ich wollte eigentlich nicht davon erzählen, aber dort sind so viele Menschen gefangen, dass es mir in der Seele schmerzt. Wir sind dort wie Verwandte geworden. Es gab Zeiten, da teilten wir uns ein Brot. Als ich abreiste, flehten mich die anderen an, sie zu retten. Dort waren Behinderte, Taubstumme und alte Großmütter. Wie sollen sie lernen zu schreiben und zu sprechen? Manche haben den Verstand verloren und schlugen sich selbst.“ </em>In Kasachstan beantragte Gulzira die Staatsbürgerschaft, aber sie bekam sie nicht sofort. <em>„Dann wandte ich mich an internationale Organisationen, gab Journalisten Interviews. Sie haben mir sehr geholfen, auch bei der Suche nach einem Anwalt, um den Status als Flüchtling zu bekommen. Mit der Aufenthaltsgenehmigung hätte ich einmal alle sechs Monate nach China zurückkehren müssen.“</em> Nachdem ihr der Status als Flüchtling zuerkannt wurde, hat Gulzira außerdem noch die Staatsbürgerschaft erhalten.
</p>



<h5 class="wp-block-heading"><strong>Die Folgen der Haft</strong></h5>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Während der ganzen 18 Monate habe ich mit eigenen Augen gesehen, wie dort die Menschenrechte mit Füßen getreten werden und die Gesundheit der Menschen zerstört wird. Meine Menstruation dauert jetzt 17-18 Tage und mir ist ständig schwindelig. Bei Ärzten war ich schon, aber sie wissen nicht, woran es liegt. Ich weiß nicht, ob ich noch Kinder bekommen kann“</em>, sagt Gulzira, die inzwischen 41 Jahre alt ist. <em>„Ich ertrage es nicht mehr, mir Filme oder Nachrichten anzuschauen. Wenn ich die Nachrichten ansehe, dann muss ich an den „Unterricht“ in China denken. Wenn ich Filme schaue, dann verstehe ich überhaupt nichts mehr. In China gab es keine Filme. Von morgens bis abends wurde <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Xi_Jinping">Xi Jinping</a> gezeigt und gesagt „unser Land ist reich“. Aus anderen Länder wurde nur von Krieg und Demonstrationen berichtet. Jetzt kann ich durch meine gesundheitlichen Probleme nicht arbeiten. Die Kraft in meinen Händen reicht nicht einmal aus, um Teig zu kneten und mein Kopf schmerzt von den Schlägen im Lager. Sie haben uns dort auf den Kopf geschlagen, damit nicht an anderen Körperstellen Blutergüsse sichtbar waren. Mein Gedächtnis ist schlecht geworden. Einmal habe ich den Weg vergessen, auf dem ich meine Tochter zur Schule gebracht habe. Bei uns arbeitet nur mein Mann und das Geld, das er verdient, gebe ich für Medikamente aus.“</em></p>



<figure class="wp-block-image alignnone wp-image-27667 size-full"><img loading="lazy" decoding="async" width="1160" height="773" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2021/09/2-Gülzira-Awelkhan.jpg" alt="" class="wp-image-27667" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2021/09/2-Gülzira-Awelkhan.jpg 1160w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2021/09/2-Gülzira-Awelkhan-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2021/09/2-Gülzira-Awelkhan-1024x682.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2021/09/2-Gülzira-Awelkhan-768x512.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2021/09/2-Gülzira-Awelkhan-128x86.jpg 128w" sizes="auto, (max-width: 1160px) 100vw, 1160px" /><figcaption class="wp-element-caption">Gulzira und ihre Familie</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">

Ein ähnliches Schicksal ist vielen Kasachinnen und Kasachen widerfahren, die aus China zurückkehrten. Im Uigurischen Autonomen Gebiet Xinjiang in China leben mehr als 1,5 Millionen Kasachen, über 11 Millionen Uiguren, ungefähr 1 Millionen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Dunganen">Dunganen</a> und 200.000 Kirgisen. Zusammen bilden sie eine muslimische Mehrheit in Xinjiang. Seit der Gründung der „Umerziehungslager“ vor mindestens vier Jahren [Stand September 2020, Anm. d. Ü.] wurden ca. 1 Millionen Menschen dorthin gebracht.
</p>



<h5 class="wp-block-heading"><strong>„Wir kämpfen an zwei Fronten“</strong></h5>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Nach der Unabhängigkeit Kasachstans sind etwa 200.000 Kasachinnen und Kasachen im Rahmen eines Programmes zur Förderung der Rückkehr aus China nach Kasachstan umgesiedelt“</em>, erzählt <a href="https://thediplomat.com/tag/serikzhan-bilash/">Serikzhan Bilash</a>, ein Kasache, der selbst im Jahr 2000 aus China zurückkehrte. Seine Organisation „Naģyz Atajurt Eriktileri“ [„Wahre Freiwillige des Vaterlandes“] nimmt sich der Probleme von Kasachen aus Xinjiang an, denen die Flucht aus der Gefangenschaft und die Ausreise nach Kasachstan gelungen ist.

<strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/uigurische-region/warum-die-umerziehungslager-in-xinjiang-nicht-nur-muslime-bedrohen/"><strong>Warum die „Umerziehungslager“ in Xinjiang nicht nur Muslime bedrohen</strong></a><em>„Wenn man die Kasachen dazu zählt, die mit Aufenthaltsgenehmigung und Visum hierhergekommen sind, dann kommt man auf ungefähr 500.000. Alle haben sie in China Eltern, Brüder oder Schwestern. Manche haben ihre Kinder nach Kasachstan zur Schule geschickt, während die Eltern in China blieben. Oder der Mann arbeitet hier und Frau und Kinder leben in China. Nach Kasachstan kommen Rentner, aber ihre Kinder arbeiten in China im Staatsdienst oder in Unternehmen. Viele Familien leben auf beiden Seiten der Grenze. Es gibt keine offizielle Statistik, aber wir schätzen, dass davon 700 bis 800 Tausend Familien betroffen sind.“</em></p>



<h5 class="wp-block-heading"><strong>Proteste als Anlass zur Unterdrückung</strong></h5>



<p class="wp-block-paragraph">
2009 begann Bilash mit in China lebenden Kasachen zu arbeiten. Ende Juni kam er aus Hongkong in <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%9Cr%C3%BCmqi">Ürümqi</a> an. Am Abend des 5. Juli hörte er vor seinem Haus Schüsse aus dem Maschinengewehr. Am Morgen waren in der Hauswand Einschusslöcher zu sehen. Die Proteste der Uiguren und die gewaltsame Niederschlagung erhielten später die Bezeichnung „Juli-Ereignisse“. Sie waren der Prolog für die breit angelegten Repressionen gegen Muslime in China. Die Machthabenden vertrauen der muslimischen Minderheiten nicht. In den sogenannten „Umerziehungslagern“ sollen Uiguren, Kasachen und andere Ethnien aus Xinjiang mit der Politik Chinas indoktriniert werden.

<em>„2009 begann ich also in China lebenden Kasachen zu sagen, dass sie ausreisen sollten“</em>, erinnert sich Bilash. Zunächst veröffentlichte er auf kasachischen Seiten Aufrufe zur Ausreise nach Kasachstan. Fünf Jahre später half er Studierenden via Internet bei der Vorbereitung für ein Masterstudium in Kasachstan und Berufstätigen bei der Suche nach Arbeit. Ungefähr zu dieser Zeit traten die ersten alarmierenden Anzeichen auf. <em>„Zuerst nahmen sie den in China lebenden Kasachen die Pässe ab. Dann begannen sie diejenigen zu traktieren, die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/WeChat">WeChat</a> nutzten, kontrollierten Telefone und kopierten alle Kontakte. Wenn jemand auf seinem Telefon auf ausländischen Websites unterwegs gewesen war, wurde das Handy für 3-5 Tage konfisziert und durchsucht. Schon 2011 begannen die Menschen aus Angst, Nokia-Tastenhandys zu benutzen, um zu verhindern, dass sie ihr Handy zur Kontrolle abgeben müssen.“</em></p>



<figure class="wp-block-image"><img loading="lazy" decoding="async" width="1280" height="853" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2021/09/3-Serijkan.jpg" alt="" class="wp-image-27666" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2021/09/3-Serijkan.jpg 1280w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2021/09/3-Serijkan-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2021/09/3-Serijkan-1024x682.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2021/09/3-Serijkan-768x512.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2021/09/3-Serijkan-128x86.jpg 128w" sizes="auto, (max-width: 1280px) 100vw, 1280px" /></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Dann kam die erste Vermisstenmeldung. <em>„2016 gründeten wir eine WhatsApp-Gruppe und versammelten dort Kasachen aus China. Dort erzählten sie uns von ihrem Leid. Einer der ersten schrieb: „Mein Bruder wird schon seit einem Monat vermisst. Er war ein einfacher Schafhirte. Er sagte, dass er bald nach Kasachstan ausreisen wird und schon alles gepackt hatte, aber jetzt ist er verschwunden.“</em> Im selben Jahr schloss sich Serikzhan mit seinen Mitstreitern zur Organisation „Atajurt“ zusammen. Bald begann der Druck auf Kasachen, die in China im öffentlichen Dienst arbeiteten: solange ihre Kinder in Kasachstan zur Schule gingen und studierten, wurde ihnen nicht erlaubt zu kündigen. Daraufhin kehrten die Kinder nach China zurück. Ihre Geschichte gab „Atajurt“ an die Menschenrechtsorganisation <a href="https://www.rfa.org/english/">Radio Free Asia</a> weiter. 2017 fand die erste Pressekonferenz von „Atajurt“ statt.

<em>„An der ersten Konferenz nahm auch die Mutter eines unserer Mitarbeiter teil. Sie erzählte davon, dass ihr Mann 2005 in China zu 13 Jahren Haft verurteilt worden war“</em>, erinnert sich Bilash. <em>„Er wurde der Spionage für Kasachstan schuldig befunden. Aber sein ganzes „Vergehen“ bestand darin, dass er mit seiner Familie nach Kasachstan umgezogen war. Schon damals gab es in China politisch motivierte Inhaftierungen, allerdings noch nicht im großen Stil. Es wurden fünf Kasachen aus dem einen Dorf festgenommen, zehn aus einem anderen und so weiter. So bemerkten wir nicht, war vor sich ging.“</em><em>„Im Wesentlichen scheint es so zu sein: Wenn die Angehörigen der in China Inhaftierten damit an die Öffentlichkeit gehen und ausländische Medien darüber berichten, werden sie aus den Umerziehungslagern entlassen. Schweigen die Verwandten aber aus Angst, dann werden die Lagerinsassen anschließend für 10 bis 20 Jahre im Gefängnis weggesperrt“</em>, berichtet Bilash. Bis heute sammelt die Organisation „Atajurt“ Informationen über Vermisste und Rückkehrende aus den Lagern und übermittelt diese an die Medien und Menschenrechtsorganisationen. <em>„Wir kämpfen an zwei Fronten: einerseits mit China, andererseits mit prochinesischen Elementen in Kasachstan“</em>, so Bilash.
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<h5 class="wp-block-heading"><strong>Verfolgung zivilgesellschaftlicher Organisationen</strong></h5>



<p class="wp-block-paragraph">
Schnell begann der Druck auf die Organisation. Das erste Verwaltungsverfahren gegen ihn wurde im Februar 2019 eingeleitet. Bilash wurde beschuldigt, Leiter und Teil einer nichtregistrierten Vereinigung zu sein. Das Gericht verurteilte ihn zu 100 Monatsraten. Kurz darauf, am 10. März, wurde Bilash verhaftet wegen „des Verdachts auf vorsätzliche Handlungen mit dem Ziel der Erregung sozialen und nationalen Unfriedens“. Einige Monate stand er daraufhin unter Hausarrest. Im August endete der Prozess mit dem Verbot der Leitung öffentlicher Organisationen während der nächsten sieben Jahre. <em>„Am 31. Dezember 2019 endete meine Bewährungszeit, deshalb habe ich ab dem 1. Januar 2020 angefangen, bei „Atajurt“ als Reinigungskraft zu arbeiten. Manchmal bin ich auch Fahrer. Aufgrund des Prozessausgangs darf ich nicht in leitender Funktion tätig sein. Ich habe darüber gelacht. Glauben die etwa, dass ich der Vorsitzende von <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Nur_Otan">Nur Otan</a></em> [Regierungspartei Kasachstans, Anm. Vlast] <em>werde?“</em>

Im September 2019, einen Monat nach dem Ende des Prozesses gegen Bilash, registrierte das Justizministerium in Almaty die Organisation „Atajurt Eriktileri“ (Freiwillige des Vaterlandes) offiziell. Vorsitzender wurde der ehemalige Mitstreiter von Bilash, Erbol Dauletbek. Das Außenministerium der USA ließ verlauten, dass es die Registrierung der Organisation begrüße. Bemerkenswert ist, dass „Atajurt“ unter der Leitung von Bilash mehrfach die Dokumente zur Registrierung eingereicht hatte, jedoch ohne Erfolg. Laut Bilash ist die registrierte Organisation ohne Funktion. Bald darauf nahmen Bilash und seine Unterstützer ihre Arbeit mittels des neuen, nicht offiziell registrierten Vereins „Naģyz Atajurt Eriktileri“ (Echte Freiwillige des Vaterlandes) auf.

<em>„Wenn wir rechtlich eingetragen werden würden, bekämen wir Gelder von internationalen Organisationen. Das kann sich sogar auf mehrere Millionen Dollar belaufen. Dieses Geld könnten wir an Kasachen weitergeben, die physisch und psychisch in den Lagern gelitten haben. Wir werden nicht eingetragen, damit wird keine internationalen Hilfen bekommen. Warum wurde die andere Organisation „Atajurt Eriktileri“</em><em>registriert, aber wir nicht? Es heißt, sie hätten uns ja registriert. Aber mit der Leitung und dem, was sie machen, haben wir nichts zu tun.“</em>

Im März 2020 gab Bilash offiziell aufgrund mangelnder Finanzierung die Auflösung seiner nicht registrierten Organisation bekannt. Nichtsdestotrotz erhielt er vier Monate nach der Auflösung eine Geldstrafe wegen „Teilnahme an einer nicht registrierten Bewegung“. Im Gerichtssaal berichtete er davon, wie er freiwillig Kasachen half, die aus Xinjiang ausgereist waren, aber seine Ausführungen stießen auf taube Ohren. Zurzeit sind gegen Bilash noch zwei Strafverfahren anhängig. Eines nach Artikel 174 des Strafgesetzbuches (Anstachelung zum Unfrieden), das andere gegen ihn und fünf seiner Mitarbeitenden betrifft die „illegale Aneignung von Eigentum“. Außerdem wurden das Haus seiner Familie, sein Auto und seine Konten beschlagnahmt.

<strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kasachstan/protest-fuer-die-kasachen-in-china-trotz-festnahmen/"><strong>Protest für die Kasachen in China trotz Festnahmen</strong></a>

Allen Problemen zum Trotz setzt „Naģyz Atajurt Eriktileri“ seine Arbeit fort. Mehr als 30.000 Schreiben in Bezug auf die Lage der Kasachen in Xinjiang sind seit Beginn der Organisation bei den Menschenrechtsaktivisten eingegangen. Seit Beginn 2020 hat die Anzahl der Anfragen abgenommen. <em>„Das zeigt, dass der Druck in China nachgelassen hat. Es gibt Ergebnisse. Aber das Problem ist nicht abschließend gelöst. Alle, die aus den Lagern ins Gefängnis geschickt werden konnten, wurden auch dorthin gebracht. Und die Übrigen stehen unter Hausarrest und werden beobachtet“</em>, so Bilash. Die Probleme hören außerdem mit der Entlassung aus der Gefangenschaft nicht auf. <em>„Wenn sie zurückkehren, sind viele physisch und psychisch geschädigt. Der Mann kann seine ehelichen Pflichten nicht mehr erfüllen, kann nicht arbeiten gehen und nicht wie ein normaler Mensch leben. Ein ehemals gesunder Mensch wird aus dem Lager mit allen möglichen Krankheiten entlassen, das ist in 99 Prozent der Fälle so</em>“, erzählt Bilash.

Laut Bilash, beginnen viele zu lachen, wenn sie von dem Lager erzählen. <em>„Zum Beispiel saß ein Mann mit einem Foto seiner Kinder da. Wir fragen ihn: „Wie viele Kinder haben Sie?“ – „Zwei.“ „Wo leben Ihre Kinder?“ – „In China.“ „Wie lange schon?“ – „Seit zwei Jahren.“ „Gibt es irgendwelche Neuigkeiten?“ – „Keine.“ Und der Mann fängt an zu lächeln“</em>, erzählt Bilash. <em>„Wir haben vorsichtig weitergefragt. „Vermissen Sie Ihre Kinder?“ – „Ja.“ „Was arbeiten Sie?“ – „Ich kümmere mich um Vieh.“ „Wenn Ihnen eine Kuh davonläuft, würden Sie dann nach zwei Jahren nach ihr suchen?“ – „Am gleichen Tag würde ich noch nach ihr suchen.“ „Ihre Kinder sind seit zwei Jahren verschwunden, warum suchen Sie nicht nach ihnen? Sind es gehorsame Kinder? Haben sie Unfug gemacht?“ Und dann begann der Mann zu weinen. Ihre Herzen sind verschlossen. Und wir müssen das Schloss öffnen.“</em>

Den betroffenen Familien bietet die Organisation psychologische und materielle Hilfen. <em>„Wir arbeiten folgendermaßen: wir vertrauen drei oder vier Familien je einem verantwortungsbewussten Geschäftsmann an, der diesen monatlich Geld gibt. Zwei einfachen Angestellten weisen wir eine Familie zu“</em>, berichtet Bilash. Die Familie von Bikamal Kaken ist eine von ihnen.
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<h5 class="wp-block-heading"><strong>„Wir sind nach Kasachstan umgesiedelt, um unser Kind nicht zu verlieren“</strong></h5>



<p class="wp-block-paragraph">
Zu unserem Treffen erscheint Bikamal Kaken mit zwei Töchtern und einem Foto ihres Mannes, Adilgazy Muqai. <em>„Mein Mann wurde zu 9 Jahren Haft verurteilt. Heute ist er 48 Jahre alt und sitzt im Gefängnis von <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Karamay">Karamay</a>.“</em> Einen Monat vor der Ausreise der Familie nach Kasachstan war Adilgasy Muqai aufgrund gesundheitlicher Probleme in Rente gegangen. Damals war Bikamal im vierten Monat schwanger. <em>„Als mein Mann zu arbeiten begann, gingen Gerüchte um, dass Familien mit mehr als einem Kind bestraft würden. Ich habe eine ältere Tochter. Wir machten uns Sorgen, dass wir nach der Geburt unserer zweiten Tochter bestraft und verhaftet werden könnten. Außerdem hörten wir von Bekannten, dass manche Frauen zur Abtreibung gezwungen werden. Deshalb entschlossen wir, nach Kasachstan umzuziehen, um unserem Kind das Leben zu retten“</em>, erzählt Bikamal Kaken.

Nach dem Umzug fuhr Bikamals Mann regelmäßig ohne Probleme nach China zurück. Im Mai 2017 wurde Adilgasy Muqai von dem Erdöl-Unternehmen angerufen, bei dem er in China arbeitete. <em>„Sie sagten, dass bald eine Versammlung stattfände und er unbedingt teilnehmen solle. Wenn er nicht käme, würden seine Rentenzahlungen ausgesetzt“</em>, berichtet Bikamal Kaken. <em>„Da wir von seiner Rente leben, musste er dorthin fahren.“</em> Nach einigen Tagen rief die Schwester ihres Mannes an und sagte, dass Adilgasy nach wie vor nicht angekommen sei. Daraufhin telefonierte Bikamal mit dem Fahrer des Busses, mit dem Adilgasy nach China gefahren war. <em>„Die Polizei hat ihn beim Grenzübertritt in Khorgos festgenommen. Diese Information habe ich zuerst von dem Busfahrer bekommen. Drei Tage später brachte die örtliche Polizei die Tasche meines Mannes zu seiner Schwester und informierte sie, dass er verhaftet worden war. Aber den Grund für seine Verhaftung haben sie nicht genannt. Seitdem sind drei Jahre vergangen. Es ist jetzt schon das vierte Jahr, dass ich seine Stimme nicht höre. Wir haben nicht ein einziges Dokument dazu erhalten“</em>, erzählt Bikamal Kaken.
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<h5 class="wp-block-heading"><strong>Neuigkeiten zur Verurteilung aus der Zeitung</strong></h5>



<p class="wp-block-paragraph">
Davon, dass ihr Mann wegen Extremismus zu 9 Jahren Haft verurteilt worden war, erfuhr Bikamal erst drei Jahre nach seinem Verschwinden. <em>„Ich habe es durch einen </em><a href="https://archive.vn/P7BRG"><em>Artikel in der Global Times</em></a><em> mitbekommen. Darin sagt der chinesische Botschafter in Kasachstan, Zhang Xiao, dass mein Mann aufgrund von Extremismus und Terrorismus zu 9 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt wurde“</em>, sagt Bikamal. Als Adilgasy verhaftet wurde, hatte er in seiner Tasche den Schlüssel ihres alten Hauses in China dabei. <em>„Die Polizei hat diesen Schlüssel beschlagnahmt und das ganze Haus durchsucht. Dabei haben sie in unserem Bücherregal den Koran gefunden. Wir haben den Koran damals in einem ganz gewöhnlichen Bücherladen gekauft. Da gibt es nichts Illegales dran“</em>, erzählt Bikamal. Von den Verwandten erfuhr sie, dass ihr Mann in Karamay in Haft sitzt.

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<figure class="wp-block-image alignnone wp-image-27665 size-full"><img loading="lazy" decoding="async" width="1440" height="960" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2021/09/5-Bikamal.jpg" alt="" class="wp-image-27665" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2021/09/5-Bikamal.jpg 1440w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2021/09/5-Bikamal-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2021/09/5-Bikamal-1024x683.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2021/09/5-Bikamal-768x512.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2021/09/5-Bikamal-1300x867.jpg 1300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2021/09/5-Bikamal-128x86.jpg 128w" sizes="auto, (max-width: 1440px) 100vw, 1440px" /><figcaption class="wp-element-caption">Bikamal Kaken</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">

Bis vor kurzem stand Bikamal noch in Kontakt mit den Verwandten ihres Mannes und erhielt von ihnen Neuigkeiten. Wenn es den Verwandten gelang, mit Muqai zu telefonieren, dann sprach er so, als würde er bedroht. <em>„Ich weiß nicht, wie lange ich noch lebe. Ich überlasse euch meine Töchter und meine Frau, kümmert euch gut um sie“</em>, diese Worte leitete Muqais Familie an Bikamal weiter. Aber nachdem Bikamal begann, Journalisten Interviews zu geben, hörte sie plötzlich anderes von den Verwandten: <em>„Beim zweiten Mal konnten sie mit ihm über WeChat sprechen. Danach sagte mir die Schwester meines Mannes, dass bei meinem Mann alles in Ordnung und er außer Gefahr sei. Sie bat mich, dass ich sie nicht mehr anrufen solle. Das war vor zwei Monaten. Seitdem haben wir den Kontakt zueinander verloren.“</em><em>„Meine ältere Tochter kennt ihren Vater. Er ging weg als sie eineinhalb Jahre alt war. Sie spielt oft mit anderen Kindern im Hof. Wenn andere Kinder ihren Vätern nach der Arbeit in die Arme laufen, dann rennt meine Tochter in Tränen aufgelöst nach Hause und fragt, wann ihr Vater zurückkommt. Und meine jüngere Tochter versteht nicht einmal mehr, was das Wort „Papa“ bedeutet“</em>, sagt Bikamal. Zusammen mit ihren Töchtern erhielt Bikamal die kasachstanische Staatsbürgerschaft. <em>„Ich habe die kasachstanische Regierung um Hilfe für den Unterhalt meiner Kinder gebeten, aber keine erhalten. Mir wurde mitgeteilt, dass ich für Unterhaltszahlungen einen Nachweis bräuchte, dass mein Mann in China im Gefängnis sitzt. Aber das ist unmöglich. Jetzt stellt mir niemand irgendwelche Nachweise aus. Danach fragte ich beim Außenministerium um Hilfe an und erzählte ihnen von meiner Situation. Sie sagten, dass sie eine Nachricht schicken würden, aber ich warte immer noch.</em>“ Jetzt erhält Bikamal Unterstützung von Personen, die ihr über die Organisation „Naģyz Atajurt Eriktileri“ vermittelt wurden.
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<h5 class="wp-block-heading"><strong>„Manche sagen, wenn ich schweigen würde, bekäme ich die Staatsbürgerschaft“</strong></h5>



<p class="wp-block-paragraph">
Qaısha Aqan erzählt, dass sie illegal die kasachische Grenze überquerte, weil ihr eine lange Haft im Lager drohte. Sie erinnert sich, dass eine Schule in der Nähe ihres Elternhauses in Xinjiang in ein Lager umgebaut wurde. <em>„Vor unserer Haustür war die chinesische Mittelschule Nr.2, die sich dann plötzlich in ein Lager wandelte. Alle Schülerinnen und Schüler wurden an eine andere Schule versetzt. Danach wurde das Tor des Gebäudes schwarz gestrichen und sieben Meter hohe Stacheldrahtzäune errichtet. Aus der Schule wurde ein Gefängnis. Nach jedem Meter wurde eine Kamera installiert. Jetzt nähert sich niemand mehr diesem Gebäude, es ist sogar verboten, es zu fotografieren. Da wir direkt neben diesem Gebäude wohnten, wurden wir umgesiedelt. Im Zuge dessen wurde ich aufs Polizeirevier gerufen“</em>, erzählt Qaısha.

2017 eröffnete Qaısha ein Handelsunternehmen in Khorgos und musste geschäftlich oft nach Kasachstan reisen. Beim ersten Verhör fragte die Polizei nach den Gründen für ihre häufigen Reisen nach Kasachstan und dann auch nach ihrer Religion. <em>„Ich antwortete, dass ich nicht regelmäßig bete oder die Moschee besuche. Aber die Tatsache, dass ich die Fastenzeit einhalte, habe ich nicht verheimlicht“</em>, erinnert sich Aqan. Im darauffolgenden Jahr wurden in der Stadt Straßensperren errichtet und Handys durchsucht. Während dieser Zeit war Qaisha einen Monat lang im Krankenhaus und bald darauf wurde sie wieder von der Polizei einbestellt, weil sie keine Zeit gefunden hatte, ihren Wohnsitz anzumelden. Die Polizei durchsuchte ihr Handy und beschuldigte sie, kasachische Websites besucht zu haben. <em>„Ich sagte, gut, dann zeigt mir bitte, inwiefern ich das Gesetz gebrochen oder mich der staatlichen Politik widersetzt habe. Wenn ihr mir das beweisen könnt, dann gestehe ich meine Schuld ein“</em>, erinnert sich Qaısha.

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<figure class="wp-block-image alignnone wp-image-27664 size-full"><img loading="lazy" decoding="async" width="1440" height="960" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2021/09/7-Qaysha.jpg" alt="" class="wp-image-27664" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2021/09/7-Qaysha.jpg 1440w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2021/09/7-Qaysha-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2021/09/7-Qaysha-1024x683.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2021/09/7-Qaysha-768x512.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2021/09/7-Qaysha-1300x867.jpg 1300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2021/09/7-Qaysha-128x86.jpg 128w" sizes="auto, (max-width: 1440px) 100vw, 1440px" /><figcaption class="wp-element-caption">Qaısha Aqan</figcaption></figure>



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Daraufhin begannen die Polizisten Druck auf Qaısha auszuüben und brachten einen Stuhl ins Zimmer: <em>„An dem Stuhl waren Handschellen befestigt. Da ich Winterkleidung anhatte, passte ich nicht hinein. Also blieb mir nichts anderes übrig als die Kleidung auszuziehen. Dann fesselten sie mich mit den Handschellen. Ich fragte: „Warum foltert ihr mich und haltet mich ohne Beweise fest?“ Zur Antwort bekam ich zu hören, dass ich während der letzten 10 Jahre häufig nach Kasachstan gereist sei und dort möglicherweise die westliche Kultur angenommen habe. Schlussendlich haben sie alle Dokumente selbst vorbereitet und ausgefüllt. Ich wurde darin beschuldigt, Kasachstan mehrfach besucht zu haben, Teil einer terroristischen Organisation zu sein, im Ramadan zu fasten, an Vorlesungen von „Jarqyn Jeti“</em> [Kurse von Serikzhan Bilash zur Vorbereitung der Ausreise nach Kasachstan, Anm. Vlast] <em>teilgenommen zu haben und mit Ausländern in Kontakt zu stehen. Das Schlimmste war, dass sie meine Landsleute als Ausländer bezeichneten. Aufgrund all dieser Beschuldigungen hätten mir 8 Jahre Freiheitsstrafe gedroht. Unter der Auflage, dass ich niemandem von dem Verhör erzählen würde, wurde ich nach Hause geschickt. Am nächsten Morgen musste ich erneut zur Polizei kommen und Tests machen. Sie sagten mir auch, dass ich meinen Reisepass abgeben müsse.“</em></p>



<h5 class="wp-block-heading"><strong>Flucht aus China als illegaler Grenzübertritt</strong></h5>



<p class="wp-block-paragraph">
Um vier Uhr morgens nahm Qaısha ein Taxi, um ihren Pass abzuholen, den sie in Khorgos gelassen hatte, aber nicht, um diesen der Polizei auszuhändigen, sondern um China endgültig den Rücken zuzukehren. <em>„Alle 5-10 Minuten wurde ich von der Polizei kontaktiert. Mir blieb nichts anderes übrig, als möglichst schnell zu fliehen. Den Pass hatte ich bei mir. Im Mai 2018 überquerte ich illegal die Grenze nach Kasachstan. Mir war bewusst, dass wenn ich zurückgehen würde, das Gefängnis auf mich wartet“</em>, erzählt Qaısha Aqan.

In Kasachstan angekommen, wurde sie wegen illegalen Grenzübertritts angeklagt und erhielt schlussendlich eine sechsmonatige Bewährungsstrafe, ohne jedoch nach China abgeschoben zu werden. <em>„Daraufhin habe ich eine Asylbewerberbescheinigung erhalten, die alle drei Monate erneuert werden muss. Laut Gesetz kann sie eigentlich nur vier Mal verlängert werden, aber ich verlängere sie schon das fünfte Mal. Kasachstan hat mir bisher noch nicht den Flüchtlingsstatus zuerkannt“</em>, sagt Qaısha Aqan. <em>„Zuerst benötige ich den Flüchtlingsstatus, um kasachstanische Staatsbürgerin werden zu können. Aber bisher habe ich diesen nicht. 2019 habe ich eine Klage eingereicht. Mir wurde zugesichert, dass diese innerhalb von drei Monaten bearbeitet wird. Seitdem sind 9 Monate vergangen und es gibt noch keine Ergebnisse. Manche sagen, dass ich die Staatsbürgerschaft bekomme, wenn ich den Mund halte. Schon zweieinhalb Jahre verhalte ich mich ruhig und dennoch ändert sich nichts.“</em>

Im September 2019 wurde Qaısha von chinesischer Seite für schuldig befunden, Wirtschaftsdelikte begangen zu haben. <em>„Sie beschuldigten mich, von mehreren Firmen Geld gestohlen zu haben und nach Kasachstan geflohen zu sein. Jetzt leide ich unter Schlafstörungen. Ich gehe um 3 oder 4 Uhr morgens ins Bett, dann, wenn es schon langsam wieder dämmert“</em>, erzählt Qaısha. <em>„Laut dem Gesetz sollte Kasachstan mir den Flüchtlingsstatus zuerkennen oder verweigern. Das heißt, es sollte eine konkrete Entscheidung getroffen werden. Aber leider ist der Ausgang bis heute offen. Auf diese Entscheidung warten auch internationale Menschenrechtsorganisationen. Wenn ich den Flüchtlingsstatus zuerkannt bekomme, dann kann ich mich frei bewegen, legal arbeiten, mich selbst versorgen und leben.“ [ Mittlerweile wurde ihr der Flüchtlingsstatus zuerkannt, ihr Einbürgerungsantrag wurde aber <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/kasachstan-lehnt-einbuergerungsantraege-von-kasachen-aus-xinjiang-ab/">abgelehnt</a>, Anm. d. Red.]</em></p>



<h5 class="wp-block-heading"><strong>„Wir dachten, unser Land würde uns aufnehmen“</strong></h5>



<p class="wp-block-paragraph">
Am 4. Oktober 2019 gab Kasachtans Außenminister <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Muchtar_Tileuberdi">Muhtar Tileýberdi</a> bekannt, dass in den „Bildungszentren“, wie er die Umerziehungslager bezeichnete, keine Kasachen mehr seien. <em>„Unser Präsident war vor kurzem zu einem Staatsbesuch in China. Es wurde auf höchster Ebene bestätigt, dass sich in den „Bildungszentren“ keine in China lebenden, ethnischen Kasachen mehr aufhalten. In den Zentren sitzen nur Straftäter ein“</em>, gab Kasachstans Außenminister vor Journalisten bekannt. Am Tag davor hatten zwei Kasachen aus Xinjiang, der 30-jährige Qaster Musahanuly und der 25-jährige Murager Álimuly, die kasachstanische Grenze überquert, zu der sie 10 Tage zu Fuß gelaufen waren. Später auf der Pressekonferenz in Almaty erzählte Musahanuly, dass er selbst in China in Gefangenschaft war. <em>„Es stimmt nicht, dass es in den Lagern keine Kasachen gibt. Fünf Leute lassen sie frei und an ihrer Stelle werden zehn andere inhaftiert“</em>, berichtete er und widersprach damit der Stellungnahme des kasachstanischen Außenministers.

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<figure class="wp-block-image alignnone wp-image-27663 size-full"><img loading="lazy" decoding="async" width="900" height="600" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2021/09/9-qaster.jpg" alt="" class="wp-image-27663" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2021/09/9-qaster.jpg 900w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2021/09/9-qaster-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2021/09/9-qaster-768x512.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2021/09/9-qaster-128x86.jpg 128w" sizes="auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px" /><figcaption class="wp-element-caption">Qaster Musahanuly und Murager Álimuly</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">

Unmittelbar nach der Pressekonferenz wollten die beiden Männer bei der kasachstanischen Migrationsbehörde Flüchtlingsstatus beantragen, wurden jedoch von Grenzbeamten des Nationalen Sicherheitskomitees festgenommen. Im Dezember 2019 verkündete der Direktor des Grenzdienstes, Darhan Dilmanov, dass sie <em>„keine Chancen haben hier zu bleiben, selbst wenn sie sich hier befinden“</em>. Die Anwältin Lıasat Ahatova, die die beiden Männer zu diesem Zeitpunkt vertrat, entgegnete als Reaktion auf die Aussage des Direktors, dass im Falle einer Auslieferung an China beiden die Todesstrafe drohe. Im Nachhinein wurden Musahanuly und Álimuly in Kasachstan aufgrund von illegalem Übertritt der Staatsgrenze zu einem Jahr Haft verurteilt, wobei die vorherige Untersuchungshaft in Teilen angerechnet wurden. Am 22. Juni 2020 konnten beide das Straflager verlassen.

In dem Café am Stadtrand Almatys, in dem wir Qaster und Murager treffen, arbeiten Kasachen, denen ebenfalls die Flucht aus Xinjiang gelang. Eine der Angestellten erzählt uns, dass sich Serikzhan Bilash derzeit dafür einsetzt, dass sie von China eine Entschädigung für die unrechtmäßige Inhaftierung erhält. Ihren Namen nennt sie nicht und möchte keine weiteren Informationen mit uns teilen.

<strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/kasachstan-lehnt-einbuergerungsantraege-von-kasachen-aus-xinjiang-ab/">Kasachstan lehnt Einbürgerungsanträge von Kasachen aus Xinjiang ab</a></strong>

Qaster erzählt, dass er gemeinsam mit Murager zwei Jahre in Xinjiang ein Geschäft hatte. Von März 2013 bis November 2017 saß er dann in Haft. <em>„Im Jahr 2009 war ich gerade in Ürümqi, als dort die Unruhen waren. Obwohl ich nicht an diesen beteiligt war, wurde ich befragt und zu vier Jahren und acht Monaten verurteilt“</em>, erinnert sich Qaster Musahanuly. <em>„Zuerst war ich ein Jahr und drei Monate in einem Gefängnis, in dem ich verhört wurde. Dort gab es Elektroschocks. Wie konnte ich etwas gestehen, das ich nicht getan hatte? Aber egal, wie sehr ich mich wehrte, sie glaubten mir nicht. Solange ich noch nicht verurteilt und in ein größeres Gefängnis verlegt worden war, musste ich viele andere Strafen über mich ergehen lassen: Schläge, Gewalt und Demütigungen. Alle zwei bis drei Tage verhörten und folterten sie mich. Drückten meinen Kopf unter Wasser. Danach wurde ich in ein großes Gefängnis verlegt, in dem vor allem politische Gefangene festgehalten wurden. Dort durften wir nicht auf Kasachisch reden, sondern nur die offizielle Sprache Mandarin sprechen. Es war verboten, die Salat zu beten, die rituellen Waschungen vorzunehmen und zu fasten. Über einen Zeitraum von vier Jahren ging ich in Handschellen und hielt den Kopf gesenkt. Jetzt sind meine Lendenwirbel geschädigt und ich kann nicht über längere Zeit aufrecht sitzen.“</em>

Die gesamte Familie von Qaster Musahanuly ist in China zurückgeblieben. <em>„Bevor wir den Antrag auf Flüchtlingsstatus eingereicht hatten, wurde Druck auf sie ausgeübt. Man konnte nicht anrufen, nicht mit ihnen reden. Wenn wir anriefen, wurden sie danach befragt. Ihre Telefone werden abgehört. Nur meine Mutter rufe ich einmal im Monat an. Seit Beginn dieses Jahres ist es nicht mehr möglich, mit ihnen zu sprechen.“</em> Murager Álimuly erzählt, dass er sich nach der Freilassung seines Freundes zur gemeinsamen Flucht entschied: <em>„Ich bin nach Kasachstan gereist, weil hier mein Land ist, meine Heimat. Die Unterdrückung, die wir dort erlebt haben, hatte einen großen Einfluss. Man hört auf, Kasache zu sein. Uns wurde verboten, den Koran zu lesen und das Grab von Vorfahren zu besuchen. Die Moscheen wurden zerstört und Beerdigungen untersagt.“</em><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/uigurische-region/tausende-moscheen-in-der-uigurische-region-xinjiang-zerstoert/"><strong>Tausende Moscheen in der Uigurischen Region Xinjiang zerstört</strong></a>

Qaster Musahanuly sagt, er habe nicht erwartet, dass sie in Kasachstan verurteilt werden würden. <em>„Wir sind davon ausgegangen, dass unser Land uns aufnimmt. Aber als wir ankamen, wurden wir verurteilt. Aber wir sind auch dankbar dafür, dass wir nicht nach China zurückgeschickt wurden.“</em> Zuvor hatte der Anwalt Baýyrzhan Azanov, der die Interessen von limuly und Musahanuly vertritt, erklärt, dass gemäß der Genfer Flüchtlingskonvention Asylsuchende nicht zurückgeschickt werden können. Zu unserem Gespräch gesellt sich Serikzhan Bilash: <em>„Bis zum 20. Oktober [2020, Anm.d. Red.] sind sie noch Asylsuchende. Danach ergeben sich erneut Probleme. Werden die beiden dann nach China zurückgeschickt?“</em>

Qaster und Murager sagen, dass sie auf eine rechtliche Lösung von den kasachstanischen Behörden warten. <em>„Wir haben dreimal die Frist verlängert, und das letzte Ablaufdatum ist der 20. Oktober. Sie sagten, es gäbe eine Art Kommission. Wir hoffen, dass es noch in diesem Monat Ergebnisse gibt. Dann können wir sehen, wie es weitergeht“</em>, so Murager Álimuly. [Das <a href="https://eurasianet.org/kazakhstan-xinjiang-fugitives-secure-asylum-status">Asylgesuch</a> wurde inzwischen angenommen, der Einbürgerungsantrag jedoch <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/kasachstan-lehnt-einbuergerungsantraege-von-kasachen-aus-xinjiang-ab/">abgelehnt</a>, Anm. d. Red.] <em>„Wir werden sehen, was der letzte Ausweg ist. Seit unserer Ankunft in Kasachstan erhalten wir Hilfe von „Atajurt“. Wir wissen nichts über die Gesetzeslage in Kasachstan oder wie wir hier leben sollen. Dank der Unterstützung von „Atajurt“ sind wir jetzt hier und werden auch in Zukunft zusammenarbeiten“</em>, hofft Qaster Musahanuly.
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<h5 class="wp-block-heading"><strong>„Das Buch ist eine Art zu kämpfen“</strong></h5>



<p class="wp-block-paragraph">
In Kasachstan zu bleiben hatte auch Sayragul Sauytbay vorgehabt. Die Kasachin hat in den Lagern als Chinesischlehrerin gearbeitet und war die erste Zeugin, die offen und detailliert von den Umerziehungslagen in Xinjiang berichtete. 2018 flüchtete sie aus Xinjiang nach Kasachstan, wohin zuvor auch schon ihr Mann und ihre Kinder, die die kasachstanische Staatsbürgerschaft haben, ausgewandert waren. Im Mai wurde sie von Mitarbeitern des kasachstanischen Geheimdienstes KNB verhaftet und im Juli begann das Gerichtsverfahren. Während des Prozesses erklärte Sauytbay, sie sei gezwungen gewesen, das Gesetz zu brechen, um ihr Leben zu retten. Im August 2018 ordnete das Gericht eine Bewährungsstrafe an sowie dass sie nicht nach China abgeschoben wird. Nachdem ihr jedoch auch ein Jahr später noch nicht der Flüchtlingsstatus zuerkannt wurde, flog Sayragul Sauytbay nach Schweden.

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<figure class="wp-block-image alignnone wp-image-27662 size-full"><img loading="lazy" decoding="async" width="800" height="534" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2021/09/sayra.jpg" alt="" class="wp-image-27662" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2021/09/sayra.jpg 800w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2021/09/sayra-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2021/09/sayra-768x513.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2021/09/sayra-128x86.jpg 128w" sizes="auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px" /><figcaption class="wp-element-caption">Sayragul Sauytbay</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">

Etwas mehr als ein Jahr nach ihrer Ausreise nach Schweden lernt Sauytbay Schwedisch, hat ein Buch auf Deutsch über ihr Leben veröffentlicht und möchte sich auch weiterhin für die Rechte ethnischer Minderheiten in Xinjiang einsetzen. <em>„Uns geht es jetzt gut, die Kinder besuchen Schulen. Die schwedische Regierung hat alle Bedingungen geschaffen, damit wir hier ein angenehmes Leben haben können“</em>, erzählt sie gegenüber Vlast. <em>„Ich kämpfe weiter für die Interessen der Nation und lerne Schwedisch.“</em> Im Juni 2020 erschien das Buch <a href="https://www.dw.com/de/umerziehungslager-china-buch-sayragul-sauytbay-kasachstan-uiguren-muslime/a-54419017">„Die Kronzeugin“</a> von Sayragul Sauytbay auf Deutsch in Berlin. <em>„Ich habe dieses Buch zusammen mit der deutschen Schriftstellerin Alexandra Cavelius geschrieben. Das Buch beschreibt ausführlich mein eigenes Schicksal und Leben im Internierungslager, Geschehnisse, die ich mit eigenen Augen gesehen habe, Beweise und Fakten“</em>, sagt Sauytbay. <em>„Mein Buch hat in Österreich und der Schweiz hohe Verkaufszahlen erreicht. Daran sieht man, dass das Interesse an unserem Buch groß ist. Wir bekommen viele Dankesbriefe und das ist ein großer Erfolg für uns.“</em><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/uigurische-region/sayragul-sauytbay-erhaelt-nuernberger-menschenrechtspreis/"><strong>Sayragul Sauytbay erhält Nürnberger Menschenrechtspreis</strong></a>

Sauytbay zufolge haben „Leute, die in Chinas Interesse handeln“ versucht, die Veröffentlichung des Buches zu verhindern. <em>„Aber wir haben es geschafft, diese Hindernisse zu überwinden und das Buch erfolgreich veröffentlicht. Das war für uns ein wichtiger Sieg. Es war mein Traum dieses Buch zu schreiben als ich nach Schweden ging. Ich denke, dass dies eine Form des Kampfes mit der Situation ist“</em>, so Sauytbay. Derzeit wird das Buch in andere Sprachen übersetzt, unter anderem ist auch eine Veröffentlichung auf Kasachisch und Russisch geplant.

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<p class="wp-block-paragraph"><em>„Mein Gesundheitszustand hat sich nach dem, was ich in China gesehen und im Internierungslager erlebt habe, verschlechtert. Dazu kamen auch noch die Schwierigkeiten, mit denen ich mich in Kasachstan konfrontiert sah. Und so wurde ich aus einem gesunden Menschen zu einem kranken. Ich leide unter Rheuma und kann bis jetzt nicht selbstständig vom Stuhl aufstehen. Es fällt mir sogar schwer, die Treppe hinunterzugehen. Außerdem schwankt mein Blutdruck häufig. Früher konnte ich überhaupt nicht schlafen. Seit ich in Schweden lebe, hat sich mein Schlaf normalisiert und ich kann vier oder fünf Stunden schlafen. Aber selbst wenn ich geschlafen habe, fühle ich mich angeschlagen, weil ich oft vom Internierungslager träume. </em><em>Jetzt werde ich in Schweden behandelt und kämpfe weiter für Menschenrechte. Innerlich bin ich ruhig, weil ich weiß, dass meine Familie bei mir ist und ich mich erholen kann. Mein Plan für die nähere Zukunft ist, diesen Kampf so lange fortzusetzen, bis die chinesische Regierung zusammenbricht und die Menschen, die dort zurückgeblieben sind, frei werden und ein richtiges Leben beginnen können.“</em> Außerdem möchte Sayragul Sauytbay Arbeit in Schweden finden und ihren Kindern ein Studium ermöglichen. <em>„Ich werde weiterhin alles mir in der Macht Stehende tun, solange unsere Brüder und Schwestern, die sich noch dort aufhalten, nicht freigelassen werden“</em>, betont Sauytbay.
</p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Olga Loginova, Nazerke Kurmangazinova und Alina Zhartieva für </strong><a href="https://vlast.kz/obsshestvo/41550-vybratsa-iz-sinczana.html"><strong>Vlast.kz</strong></a></p>



<p class="has-text-align-right wp-block-paragraph"><strong>Aus dem Russischen von Marie Schliesser</strong>
<p><span style="font-weight: 400;">Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen, schaut mal vorbei bei </span><a href="https://twitter.com/novastan_de"><span style="font-weight: 400;">Twitter</span></a><span style="font-weight: 400;">, </span><a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/"><span style="font-weight: 400;">Facebook</span></a><span style="font-weight: 400;">, </span><a href="https://telegram.me/novastan"><span style="font-weight: 400;">Telegram</span></a><span style="font-weight: 400;">, </span><a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/"><span style="font-weight: 400;">Linkedin</span></a><span style="font-weight: 400;"> oder </span><a href="https://www.instagram.com/novastanorg/"><span style="font-weight: 400;">Instagram</span></a><span style="font-weight: 400;">. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem </span><a href="http://eepurl.com/O0Qub"><span style="font-weight: 400;">wöchentlichen Newsletter anmelden</span></a><span style="font-weight: 400;">. </span></p></p>
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			</item>
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		<title>Potentiale der Machtwechsel: Quo vadis Zentralasien?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Marie Schliesser]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 20 Jul 2020 13:04:21 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Usbekistan]]></category>
		<category><![CDATA[Belt and Road Initiative]]></category>
		<category><![CDATA[EAWU]]></category>
		<category><![CDATA[Eurasische Wirtschaftsunion]]></category>
		<category><![CDATA[Regionalintegration]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Vor vier Jahren fand in Usbekistan mit dem Antritt des neuen Staatspr&#xE4;sidenten Shavkat Mirziyoyev ein Wechsel an der F&#xFC;hrungsspitze statt. Aber f&#xFC;hren die Ver&#xE4;nderungen in Usbekistan sowie Anfang 2019 in Kasachstan zu einer Erneuerung der Region? Kann man von einem &#x201E;Neuen Zentralasien&#x201C; sprechen und wie werden sich die Beziehungen der zentralasiatischen Staaten entwickeln? &#xDC;ber diese [&#x2026;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify"><strong>Vor vier Jahren fand in Usbekistan mit dem Antritt des neuen Staatspräsidenten Shavkat Mirziyoyev ein Wechsel an der Führungsspitze statt. Aber führen die Veränderungen in Usbekistan sowie Anfang 2019 in Kasachstan zu einer Erneuerung der Region? Kann man von einem „Neuen Zentralasien“ sprechen und wie werden sich die Beziehungen der zentralasiatischen Staaten entwickeln? Über diese und weitere Fragen diskutierten Politologen und Ökonomen bei dem Treffen „Expert Update `Neues Zentralasien´“. Folgender Artikel erschien im russischen Original bei dem kasachstanischem Onlinemagazin</strong> <a href="https://vlast.kz/politika/35621-kakoe-budusee-zdet-centralnuu-aziu.html"><strong>Vlast.kz</strong></a><strong>. Wir übersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.</strong></p>
<p style="text-align: justify">Von einem „Neuen Zentralasien“ kann nur im Hinblick auf die jüngsten Machtwechsel und angesichts der Herausbildung einer Zivilgesellschaft gesprochen werden, so der Politikwissenschaftler Askar Nursha. Obwohl die regionale Integration Zentralasiens ins Stocken geraten ist, tauchten Tendenzen auf, die auf eine mögliche Erweiterung der eurasischen Regionalintegration hindeuten. Ob diese zustande kommt, hänge nur von den weiteren wirtschaftspolitischen Entscheidungen der usbekischen Machthabenden ab.</p>
<p><p style="background-color: #d4d4d4;"><span style="color: #000000;">Novastan ist das einzige deutschsprachige Nachrichtenmagazin über Zentralasien. Wir arbeiten auf Vereinsgrundlage und <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/werde-unser-mitglied-werde-novastan/"><strong>Dank eurer Teilnahme</strong></a>. Wir sind <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/unser-projekt/">unabhängig</a> und wollen es bleiben, dafür brauchen wir euch! Durch jede noch so kleine <strong><a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/spenden/">Spende</a></strong> helft ihr uns, weiter ein realitätsnahes Bild von Zentralasien zu vermitteln.</span></p></p>
<p style="text-align: justify">Nach dem <a href="https://novastan.org/de/usbekistan/der-tod-des-diktators-und-einsetzendes-tauwetter-ueber-das-letzte-jahrzehnt-in-usbekistan/">Tod Islom Karimovs</a> habe man in Usbekistan aufgehört, von Zentralasien im traditionellen Sinne zu sprechen, weil die Machthabenden häufiger die Zusammenarbeit mit den angrenzenden Ländern auf den Prüfstand stellten, so Politikwissenschaftler Rustam Burnashev. <em>„Verändert sich Zentralasien aus der Sicht Kasachstans? Ja, selbstverständlich. Aber es gibt auch zeitlich vorgelagerte Entwicklungen: die Schaffung der Eurasischen Wirtschaftsunion [Anm.: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Eurasische_Wirtschaftsunion">EAWU</a>;  Mitgliedsstaaten sind Armenien, Kasachstan, Kirgistan, Russland und Belarus], einer Zollunion. Kasachstan befindet sich im Raum der EAWU und nicht in Zentralasien. Es ist möglich von einem ‚Neuen Zentralasien‘ zu sprechen, aber für jedes der Länder, die wir traditionell zu dieser Region zählen, wird es ein anderes ‚Neues Zentralasien‘ sein. Darin besteht auch die Neuheit. Die Länder Zentralasiens schaffen sich ihr eigenes ‚Neues Zentralasien‘“</em>, konstatiert Burnashev.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Großes Investitionspotential vor allem für Kasachstan</strong></p>
<p style="text-align: justify">2018 stellte die Boston Consulting Group ihren Report <a href="https://www.bcg.com/en-ru/perspectives/205272">„Investing in Central Asia: One region, many opportunities“</a> vor, in dem das Potenzial an Ausländischen Direktinvestitionen (FDI) für die Region auf 170 Mrd. US-Dollar geschätzt wird, wovon 100 Mrd. auf Kasachstan entfallen. Der Ökonom Almas Chukin meint, dass es Kasachstan gelingt, seine vorhandene Attraktivität für Investoren zu bewahren und das obwohl sich die Wirtschaft Usbekistans aktiv entwickelt. Als Hauptfaktoren benennt er die schwierige Lage in der Verkehrsinfrastruktur Usbekistans und der Mangel an personellen Kapazitäten. <em>„Im Hinblick auf die Verkehrsanbindung gibt es kein Land, das schlechter aufgestellt ist. Um [nach Usbekistan] zu gelangen, muss man über andere Länder reisen. An dieser Stelle ist es für Usbekistan sinnvoll, mit Kasachstan an der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/One_Belt,_One_Road">Verbindung China-Europa</a> zusammenzuarbeiten, das sollte nicht unterschätzt werden. Außerdem habe ich nicht das Gefühl, dass während der 25-jährigen Amtszeit Karimovs in Usbekistan gute Schulen und Kindergärten mit einer hochwertigen Ausbildung entstanden sind. Im Ergebnis ist eine Generation herangewachsen, die nicht besonders gut auf das Leben vorbereitet ist. Das ist eine Herausforderung, die angegangen werden muss.“</em></p>
<p><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/der-oekologische-fussabdruck-der-neuen-seidenstrasse-ignoriert-und-vergessen/">Der ökologische Fußabdruck der neuen Seidenstraße – ignoriert und vergessen?</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">Die Experten diskutierten außerdem einen möglichen Beitritt Usbekistans zur Eurasischen Wirtschaftsunion, über den bald eine endgültige Entscheidung erwartet wird [Anmerkung: im Mai 2020 stimmte das usbekische Parlament für die Aufnahme eines Beobachterstatus in der EAWU]. In diesem Zusammenhang geht der Politologe Dosym Satpayev davon aus, dass der Beitritt Usbekistans zur EAWU nicht nur ein Anliegen der usbekischen Machthabenden, sondern auch ein russisches ist. Dieser Einschätzung stimmt Burnashev zu und ergänzt, dass der usbekische Staatspräsident <a href="https://novastan.org/de/usbekistan/wer-ist-der-neue-praesident-usbekistans/">Mirziyoyev</a> die Meinungen Kasachstans und Kirgistans ebenfalls nicht außer Acht lassen wird.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Zentralasien zwischen China und Russland</strong></p>
<p style="text-align: justify">In den vergangenen Monaten ist in Kasachstan die anti-chinesische Stimmung gewachsen. Die Bürger*innen lehnen die chinesische Expansion ab und rufen zu Boykotten chinesischer Produkte auf. Diesem Verhalten gegenüber äußert Almas Chukin Unverständnis und merkt an, dass es in der kasachischen Geschichte keinerlei Auseinandersetzungen mit chinesischen Bürger*innen gegeben habe. Er ist zuversichtlich, dass die Zusammenarbeit mit China für Kasachstan sehr lohnenswert ist, allein schon aufgrund dessen, dass die Grenzstadt <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Korgas">Korgas</a> einen direkten Zugang zu den Weltmeeren bietet. „<em>Wir stellen Güter mit geringer Wertschöpfung her, die nach China, auf den größten Absatzmarkt der Welt, geliefert werden können. Er befindet sich lediglich 300 Kilometer von uns entfernt. Die Ökonomien Chinas und Kasachstans ergänzen sich gegenseitig. Bei allem Respekt, aber China hat Russland beim Umfang der Investitionen bereits überholt und dieser Trend wird sich fortsetzen. Russische Investitionen gibt es bei uns praktisch gar nicht. Gerade findet ein großes Wettrennen um Zentralasien statt. Die Interessen Chinas sind sehr einfach: Alle chinesischen Seewege führen entweder durch Singapur oder die USA. Beide Verbindungen werden von den USA kontrolliert. Die Chinesen haben verstanden, dass man sie bei alleinigem Fokus auf die Seewege in die Enge treiben kann. Deshalb haben die Chinesen beschlossen, den direkten Weg durch Zentralasien zu nehmen. Sie wollen das Zentrum der Zivilisation nach Asien verlegen. Unsere Ressourcen interessieren sie nicht</em>“, positioniert sich der Ökonom. Laut Chukin mische sich China nicht in die Innenpolitik von Ländern ein, weshalb man sich nicht vor einer Zusammenarbeit mit Peking fürchten müsse.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch bei Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/usbekistan/russland-und-china-sind-die-top-investoren-in-usbekistan/"><strong>Russland und China sind die Top-Investoren in Usbekistan</strong></a></p>
<p style="text-align: justify">Kasachstans zweitwichtigster Partner nach China ist Russland. Askar Nursha zufolge ist Russland heute nicht nur an der Aufrechterhaltung eines gemeinsamen Wirtschaftsraums in Zentralasien, sondern auch an der Beibehaltung eines gemeinsamen militärpolitischen Raumes interessiert: „<em>Wenn Kasachstan verkündet, nur eine wirtschaftliche Integration anzustreben, so wird das in Moskau mit Unglauben und Ablehnung aufgenommen, weil das für Russland zu wenig ist. Wir haben hier in der Region eine ‚schizophrene‘ Beziehung zu Russland: Wir brauchen Russland, weil wir im militärpolitischen Bereich schwach aufgestellt sind, aber gleichzeitig benötigen wir das Russland, das einem seine Meinung aufzwingen könnte, nicht all zu sehr. China wird sich stärker, Russland dagegen schwächer entwickeln. Russland wird bald im Rahmen einer Partnerschaft attraktiv werden.</em>“</p>
<p style="text-align: justify">Für das wichtigste Thema in den Beziehungen zwischen Russland und den zentralasiatischen Staaten hält der Politologe das ‚Große Russland‘. Heutzutage halten sich in Russland <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/russland-zentralasiatische-migranten-als-pruegelknaben/">Arbeitsmigrant*innen aus allen zentralasiatischen Ländern</a> auf, von denen ein Teil bereits die russische Staatsbürgerschaft erhalten hat und nicht beabsichtigt, in ihre Heimat zurückzukehren. Laut Nursha ist auf dem Territorium Russlands ein ‚Neues Zentralasien‘ am Entstehen. Diese Diaspora werde in einigen Jahren von Russland entweder als Kanal zur Zusammenarbeit oder als Instrument zur Beeinflussung der Politik in der Region genutzt werden.</p>
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<p style="text-align: justify">Werden es die zentralasiatischen Länder schaffen, ihre Beziehungen untereinander zu verbessern? Rustam Burnashev sieht dafür eine Reihe ernstzunehmender Einschränkungen wie beispielsweise, dass mit Kasachstan und Kirgistan nur zwei von fünf Staaten Teil der Eurasischen Wirtschaftsunion sind. „<em>Es stellt sich die Frage: Brauchen wir Zentralasien überhaupt? Wir leben und arbeiten in einem Mythos, den wir selbst in den 1980er Jahren rund um Zentralasien geschaffen haben. Aber über mehr als Worte kommen wir nicht hinaus und werden es höchstwahrscheinlich auch nicht. Wenn wir ein regionales Format für Zusammenarbeit schaffen wollen, dann müssen wir ein ‚Neues Zentralasien‘ ins Leben rufen und dafür die alte Konzeption, die sich zufällig während des Zerfalls der Sowjetunion herausbildete, dekonstruieren</em>“, legt der Politologe seine Ansicht dar. Askar Nursha stimmt dieser Ansicht zu: „<em>Es geht nicht darum, ob es Zentralasien gibt oder nicht. Um eine gute Figur zu haben, muss man Sport machen. Wir wollen in Zentralasien eine gute Figur abgeben, aber machen keinen Sport.</em>“</p>
<p><strong>Lest auch bei Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/usbekistan/russland-und-china-sind-die-top-investoren-in-usbekistan/"><strong>Sechs Gründe für die antichinesische Stimmung in Kasachstan</strong></a></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Die Europäische Union als Vorbild</strong></p>
<p style="text-align: justify">Dosym Satpayev sieht drei Gründe dafür, dass es den zentralasiatischen Staaten aktuell schwer fällt, einen konstruktiven Dialog aufzubauen: an der Staatsspitze befindet sich nach wie vor eine alte Führungsriege, die Länder sind von alten geopolitischen Mächten mit klaren Interessen umgeben und es mangelt an einer einheitlichen regionalen Selbstidentifikation. „<em>Die Organisatoren dieses Treffens sollten es lieber ‚Existiert Zentralasien?‘ nennen [Anm.: anstelle von „Welche Zukunft erwartet Zentralasien?“]. Unserer Diskussion nach zu urteilen, haben wir uns noch nicht der Frage angenähert, wie das ‚Neue Zentralasien‘ aussehen sollte. Aber enge wirtschaftliche Beziehungen reißen früher oder später viele Mauern ein. Die Europäische Union ist auch aus Ländern entstanden, die über Jahrhunderte Krieg gegeneinander geführt haben. Man kann doch alle Kriege überwinden. Warum? Weil sie die Wirtschaft an erster Stelle positioniert haben und erst danach politische Interessen angingen. Und wir befassen uns häufiger in erster Linie mit der Politik“</em>, bilanziert Satpayev.</p>
<p style="text-align: right"><strong>Yuna Korosteleva für </strong><a href="https://vlast.kz/politika/35621-kakoe-budusee-zdet-centralnuu-aziu.html"><strong>Vlast.kz</strong></a></p>
<p style="text-align: right"><strong>Aus dem Russischen von Marie Schliesser</strong></p>
<p>&nbsp;</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Kirgistan und das Reich der Mitte: Antichinesische Versammlungen und ihre Folgen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Marie Schliesser]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 26 Apr 2020 23:27:33 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kirgistan]]></category>
		<category><![CDATA[antichinesische Versammlungen]]></category>
		<category><![CDATA[Belt and Road Initiative]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Kyrk Tschoro]]></category>
		<category><![CDATA[Sinophobie]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Im vergangenen Jahr kam es in Bischkek zu einer Reihe antichinesischer Proteste. Sie wandten sich gegen die Einwanderung von ChinesInnen nach Kirgistan sowie eine &#x2013; von ihnen wahrgenommene &#x2013; Bedrohung der kirgisischen Identit&#xE4;t. Arkadi Dubnow kommentiert die antichinesischen Kundgebungen in Bischkek und wie diese sich in der Geopolitik niederschlagen. Folgender Artikel erschien im russischen Original [&#x2026;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify"><strong>Im vergangenen Jahr kam es in Bischkek zu einer Reihe antichinesischer Proteste. Sie wandten sich gegen die Einwanderung von ChinesInnen nach Kirgistan sowie eine – von ihnen wahrgenommene – Bedrohung der kirgisischen Identität. Arkadi Dubnow kommentiert die antichinesischen Kundgebungen in Bischkek und wie diese sich in der Geopolitik niederschlagen. Folgender Artikel erschien im russischen Original bei </strong><a href="https://fergana.ru/articles/104942/"><strong>Fergana News</strong></a><strong>. Wir übersetzen den Artikel mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.</strong></p>
<p><p style="background-color: #d4d4d4;"><span style="color: #000000;">Novastan ist das einzige deutschsprachige Nachrichtenmagazin über Zentralasien. Wir arbeiten auf Vereinsgrundlage und <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/werde-unser-mitglied-werde-novastan/"><strong>Dank eurer Teilnahme</strong></a>. Wir sind <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/unser-projekt/">unabhängig</a> und wollen es bleiben, dafür brauchen wir euch! Durch jede noch so kleine <strong><a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/spenden/">Spende</a></strong> helft ihr uns, weiter ein realitätsnahes Bild von Zentralasien zu vermitteln.</span></p></p>
<p style="text-align: justify">Im Rahmen des Besuchs des russischen Außenministers Sergei Lawrow in Bischkek kamen im Frühjahr 2019 antichinesische Aktionen in Kirgistan unerwartet auf die geopolitische Tagesordnung. Auf die Frage, inwiefern die Kundgebungen die Zusammenarbeit zwischen Kirgistan und China beeinflussen würden, antwortete Lawrow, dass <em>„dies kein einmaliger Fall ist, dass jemand von außen versucht, sich mit den zentralasiatischen Ländern gut zu stellen, nicht der Freundschaft wegen, sondern, um die Beziehungen der zentralasiatischen Staaten zu anderen Partnerländern zu unterminieren“</em>.</p>
<p style="text-align: justify">Man muss nicht lange überlegen, um zu verstehen, wen der russische Minister als Störenfried im Blick hat &#8211; natürlich die USA. Das gegenwärtige Ausmaß der Spannungen zwischen Moskau und Washington lässt keine andere Antwort zu.</p>
<p style="text-align: justify"><em>„So etwas passiert nicht nur im Zusammenhang mit China, sondern auch mit Russland“</em>, führte Lawrow weiter aus. <em>„Wir sind überzeugt, dass unsere zentralasiatischen Partner, die mit einer Vielzahl anderer Staaten das Format ‚5+1‘ ausbauen, zwischen denjenigen unterscheiden können, die ernsthaft an der Entwicklung von beidseitig nutzenbringenden Projekten interessiert sind und denjenigen, die solche Formate einzig dafür ausnutzen, den Einfluss traditioneller Verbündeter der zentralasiatischen Staaten, darunter China und Russland, zu unterminieren.“</em></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Die zentralasiatischen Staaten in der internationalen Politik</strong></p>
<p style="text-align: justify">Das Format ‚5+1‘ bezieht sich auf relativ regelmäßig stattfindende Treffen der fünf Außenminister der zentralasiatischen Staaten mit ChefdiplomatInnen wichtiger internationaler Akteure. Diese werden dazu genutzt, um die aktuelle Lage zu erörtern und gemeinsam Pläne, etwa mit den USA, der EU oder Japan auszuarbeiten. Im Januar 2019 fand auf diese Weise in Samarkand das erste Treffen mit dem indischen Außenminister statt.</p>
<p style="text-align: justify">Russland und China nutzen traditionell andere Formate in ihren Beziehungen zu den zentralasiatischen Ländern. Beide sind in der Region durch deutlich stärker etablierte und strukturiertere Institutionen verbunden, darunter die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gemeinschaft_Unabhängiger_Staaten">GUS</a> (Gemeinschaft Unabhängiger Staaten), <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Organisation_des_Vertrags_über_kollektive_Sicherheit">OVKS</a> (Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit), <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Eurasische_Wirtschaftsunion">EAWU</a> (Eurasische Wirtschaftsunion) und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Shanghaier_Organisation_für_Zusammenarbeit">SOZ</a> (Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit). Daneben bestehen auch bilaterale Beziehungen, die vor allem für China charakteristisch sind.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch bei Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kirgistan/die-organisation-kyrk-tschoro-speerspitze-der-antichinesischen-stimmung-in-kirgistan/"><strong>Die Organisation „Kyrk-Tschoro“, Speerspitze der antichinesischen Stimmung in Kirgistan</strong></a></p>
<p style="text-align: justify">Der kirgisische Außenminister Aidarbekow antwortete auf die auch ihm gestellte Frage nach dem Einfluss der Kundgebungen auf die Beziehungen zu China, dass diese als <em>„umfassende strategische Partnerschaft“</em> konzeptualisiert seien. Er erinnerte daran, dass China ein <em>„aufrichtiger Freund“</em> und <em>„zuverlässiger Partner, der uns immer hilft“</em> sei und fügte hinzu, dass <em>„einstweilen bekannt ist, wer hinter diesen [antichinesischen Kundgebungen] steckt, die Arbeit ist im Gange“</em>. Der Minister bezeichnete zudem die antichinesischen Auftritte als <em>„vereinzelte Zwischenfälle privater Natur, die keinerlei Verbindung zu der Außenpolitik Kirgistans haben“</em> und gab damit die Position des kirgisischen Präsidenten Sooronbaj Dscheenbekow wieder. Dieser hatte sich im Januar 2019 bei China für die geleistete Hilfe bedankt und versichert, dass <em>„die Handlungen derer, die unsere internationalen Beziehungen untergraben und der Stabilität im Land schaden wollen, unter Kontrolle sind“.</em> Zudem versicherte der kirgisische Präsident, dass diese <em>„im gesetzlichen Rahmen bestraft werden“.</em></p>
<p style="text-align: justify">Es wäre wichtig zu erfahren, zu welchen Ergebnissen die Suche nach den Verantwortlichen der Kundgebungen führt und, ob die Resultate der kirgisischen Untersuchung mit der des russischen Außenministers angegebenen Richtung übereinstimmen.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Eine neue Generation kirgisischer DiplomatInnen</strong></p>
<p style="text-align: justify">Bevor es um die zentralen Aspekte geht, die der chinesischen Seite von den Teilnehmenden der Kundgebung vorgeworfen werden, ist es wichtig, zu erwähnen, mit welchem unaufdringlichen und konfrontationslosen Stil die kirgisische Administration mit einem derart heiklen Thema umgeht. Dies zeichnet sie im Vergleich zur vorherigen Regierung aus, bei der die öffentliche Rhetorik gegenüber einigen Nachbarn grenzwertig war und sich kaum noch von anstößigem Vokabular unterschied.</p>
<p style="text-align: justify">Man erinnere sich etwa daran, wie der <a href="https://globalvoices.org/2017/10/13/the-viral-video-that-sent-kazakhstan-kyrgyzstan-relations-into-a-tailspin/">skandalöse Auftritt</a> des kirgisischen Ex-Präsidenten Almasbek Atambajew vor einigen Jahren die Beziehungen zum Nachbarn Kasachstan trübten. Nur der Machtwechsel hin zum heutigen Präsidenten und seiner Administration erlaubten es, mühsam und schrittweise wieder zu zivilisierten Beziehungen zurückzufinden.</p>
<p style="text-align: justify">Bei der Pressekonferenz mit Lawrow erinnerte der kirgisische Außenminister Aidarbekow auch an den Anschlag von 2016, bei dem sich ein uigurischer Separatist vor der chinesischen Botschaft in Bischkek in die Luft gesprengt hatte. <em>„Zum Glück wurde keiner der Diplomaten verletzt, aber dennoch wurden die Täter hart bestraft, es ist wichtig, nicht auf einzelne Provokationen einzugehen“</em>, merkte der kirgisische Minister vorsichtig an.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch bei Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kirgistan/terrorattacke-in-hauptstadt-kirgistans/"><strong>Selbstmordanschlag in der Hauptstadt Kirgistans</strong></a></p>
<p style="text-align: justify">Das Problem ist jedoch, dass die kirgisischen DiplomatInnen, damals noch unter Atambajew, sich nicht angemessen verhielten und sich weigerten, wie von Peking vorgeschlagen, die Kosten der infolge des Anschlags anfallenden Reparaturen zu übernehmen. Es wurde nach dem Motto gehandelt, dass der Anschlag ja auf chinesischem Territorium geschehen sei und diese deshalb auch die Kosten zu tragen hätten.</p>
<p style="text-align: justify">Inzwischen haben sich die Zeiten in Bischkek geändert und es scheint, man hat Lehren aus der Vergangenheit gezogen.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Staatsbürgerschaft, Hochzeiten und Staatsschulden</strong></p>
<p style="text-align: justify">Die kirgisischen Behörden reagierten umgehend auf Behauptungen der InitiatorInnen der antichinesischen Kundgebungen, dass chinesischen AuswanderInnen angeblich massenweise die kirgisische Staatsbürgerschaft verliehen worden sei. Gemäß den Daten der kirgisischen Regierung reisten 2018 35.200 chinesische StaatsbürgerInnen ein und 34200 wieder aus. Während der vergangenen 9 Jahre erhielten lediglich 268 Auswanderer aus China die kirgisische Staatsbürgerschaft, von welchen wiederum nur sechs ethnische ChinesInnen sind.</p>
<p style="text-align: justify">Die Zahlen, die der Vorsitzende des Parlamentsausschusses für Auswärtiges und Sicherheit, Ischak Pirmatow, nennt, unterscheiden sich jedoch etwas von denen der Regierung: laut ihm erhielten in den vergangenen 8 Jahren nur 60 ChinesInnen die kirgisische Staatsbürgerschaft, vor allem durch Eheschließung. Aber auch in diesem Fall sind die Zahlen zu gering, um ernsthaft von einer chinesischen Gefahr zu sprechen, die die kirgisische ethnische Identität bedrohe.</p>
<p style="text-align: justify">In diesem Zusammenhang scheint die Behauptung, es gäbe Tausende kirgisische Frauen, die Chinesen geheiratet hätten, ausgesprochen übertrieben. Zum einen gibt es für diese Behauptung keinerlei urkundliche Beweise. Zum anderen würde die Einführung eines gesetzlichen Heiratsverbotes für Ausländer eine Hinwendung zum glorreichen turkmenischen Weg, wie unter Turkmenbaschi dem Großen (Anrede des ehemaligen turkmenischen Präsidenten <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Saparmyrat_Ny%C3%BDazow">Saparmyrat Nyýazow</a>, Anm. d. R.) mit gesetzlich vorgeschriebenem Brautpreis bedeuten: Unter Nyýazow mussten Ausländer, die eine Turkmenin heiraten wollten, 50.000 Dollar bezahlen. Inzwischen gehört diese oft kritisierte Regelung des „Goldenen Zeitalters“ Turkmenistans mit dem Ableben des Diktators der Vergangenheit an.</p>
<p style="text-align: justify">Was weitere Zahlen angeht, so erregt der Umfang der Staatsschulden gegenüber China eine erhebliche Beunruhigung der kirgisischen Gesellschaft. Es werden verschiedene Beträge zwischen 1,1 Milliarden US-Dollar bis hin zu 4,4 Milliarden US-Dollar genannt. Schenkt man den aktuellen Daten Glauben, dann entspricht das mehr als der Hälfte des Bruttoinlandsprodukts Kirgistans. In Kirgistan mehren sich deshalb die Befürchtungen, dass Peking im Rahmen einer Schuldentilgung einen Teil des kirgisischen Territoriums oder einen Antel an natürlichen Ressourcen fordern könnte, wie es in Tadschikistan der Fall war.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch bei Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kirgistan/china-und-kirgistan-der-bse-nachbar/"><strong>China und Kirgistan: Der böse Nachbar?</strong></a></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Die historischen Wurzeln der kirgisischen Sinophobie</strong></p>
<p style="text-align: justify">Zugegebenermaßen nutzen die InitiatorInnen der antichinesischen Hysterie subtil eine Art nationales Trauma, das Kirgistan in den 1990er Jahren erlitt als das Land durch zwei Abkommen 125.000 Hektar Land an China abtrat, für ihre Zwecke. Die Verantwortung für die Abkommen wurde dem damaligen kirgisischen Außenminister Muratbek Imanalijew zugeschrieben, der daraufhin von Präsident Atambajew entlassen wurde.</p>
<p style="text-align: justify">Der kirgisische Politologe Arkadi Gladilow erinnert sich an die Worte des ehemaligen Außenministers und angesehenen Sinologen Imanalijews, die dieser einige Jahre nach seinem erzwungenen Rücktritt sagte:</p>
<p style="text-align: justify"><em>„Drei Faktoren tragen zu der Herausbildung eines negativen Bildes über China in einem bestimmten Teil der kirgisischen Bevölkerung bei. Erstens, die emotionale, scheinbar patriotische Wahrnehmung Chinas als historischer Erbfeind, die sich auf Elemente der kirgisischen Urgeschichte stützt und die historischen Realitäten nicht immer angemessen widerspiegelt. Der zweite Faktor ist die anhaltende Wirkung der antichinesischen Propaganda der 1960er und 1970er Jahre. Und drittens, Chinas riesige Bevölkerung, die im Zusammenspiel mit den ersten beiden Faktoren in einer negativen Konstellation steht.“</em></p>
<p style="text-align: justify">Seitdem diese Worte geäußert wurden sind 15 Jahre vergangen. Eine neue Generation KirgisInnen ist herangewachsen, die nach dem Ende der Sowjetunion geboren wurde und in ihrem Bewusstsein keine Überbleibsel der sowjetischen, antichinesischen Propaganda trägt. Im Gegenteil, sie sehen, dass das unabhängig gewordene Kirgistan im Wesentlichen eingezwängt zwischen den beiden Weltmächten Russland und China überleben muss. Des Weiteren erlebt die junge Generation KirgisInnen, die sich traditionell in Richtung Russland orientiert hat, dass grundlegende Investitionen, die Entwicklung der Infrastruktur des Landes, der Bau der strategisch wichtigen Autobahn „Nord-Süd“ und der Starkstromleitung „Datka-Kemin“ nicht dank russischer, sondern chinesischer Investitionen geschieht. Und wenn man die Dinge beim Namen nennt und sich an die 1990er und 2000er erinnert, dann konnte die kirgisische Wirtschaft in den schwersten postsowjetischen Zeiten aufgrund des Handels mit China überleben.</p>
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<p style="text-align: justify"><strong>Undurchsichtigkeit erzeugt Misstrauen</strong></p>
<p style="text-align: justify">Zusammen mit dem chinesischen Geld kamen allerdings auch Probleme, die im Zusammenhang mit Eigenheiten chinesischer Geschäftspraktiken stehen. Diese sind in der Regel undurchsichtig, wobei die kirgisische Seite nicht weniger Schuld daran trägt &#8211; möglicherweise sogar mehr als die chinesische Seite. Deutlich wurde dies bei der Untersuchung der Ursachen eines Unfalls in einem Heizkraftwerk bei Bischkek Anfang 2018, der sich nach einer Sanierung durch ein chinesisches Unternehmen zutrug. <em>„Eben jenem Unternehmen“</em>, erklärt Arkadi Gladilow, <em>„versuchten unsere Beamten die Schuld an dem Unfall zuzuschreiben und ihre eigene Inkompetenz, Feigheit und Korruption zu verbergen.“</em></p>
<p style="text-align: justify">Zugegebenermaßen, zeichnen sich nicht nur chinesische Geschäftspraktiken, sondern auch der öffentliche Politikstil Pekings durch Verschlossenheit aus, was eine Rolle in der Entstehung der aktuellen Spannungen zwischen den Menschen Kirgistans und Chinas spielt.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch bei Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kasachstan/sechs-gruende-fuer-die-antichinesische-stimmung-in-kasachstan/"><strong>Sechs Gründe für die antichinesische Stimmung in Kasachstan</strong></a></p>
<p style="text-align: justify">China hat derzeit eine Vielzahl anderer Probleme, allen voran in den Beziehungen mit den USA. Möglicherweise erscheint es Peking nicht dringend, dem Ausbruch an Sinophobie in einem kleinen zentralasiatischen Land Aufmerksamkeit zu schenken. Diese Herangehensweise halte ich für falsch. Der humanitären Komponente der Beziehungen sollte mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden, wie etwa der Eröffnung von Universitäten, Zweigstellen des <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Konfuzius-Institut">Konfuzius-Instituts</a> und der Zusammenarbeit mit Non-Profit-Organisationen. Der Überfluss an luxuriösen chinesischen Restaurants, die über ganz Bischkek verstreut sind, wird einen jedenfalls nicht dazu bringen, sich in China zu verlieben.</p>
<p style="text-align: right"><strong>Arkadi Dubnow für </strong><a href="https://fergana.ru/articles/104942/"><strong>Fergana News</strong></a></p>
<p style="text-align: right"><strong>Aus dem Russischen von Marie Schliesser</strong></p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Vom Aussterben bedroht: Die letzte jüdische Gemeinde Tadschikistans</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Marie Schliesser]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 22 Apr 2020 13:16:47 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Tadschikistan]]></category>
		<category><![CDATA[Bucharische Juden]]></category>
		<category><![CDATA[Duschanbe]]></category>
		<category><![CDATA[Juden]]></category>
		<category><![CDATA[Judentum]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die einst mehrere tausende Mitglieder starke j&#xFC;dische Gemeinde Tadschikistans z&#xE4;hlt heute nur noch 50 Mitglieder. Ursache hierf&#xFC;r ist vor allem die massenweise Emigration von Juden seit Beginn der 1990er Jahre. Die einzige verbliebene Synagoge Tadschikistans befindet sich in Duschanbe. &#xDC;ber das Leben von Juden in Tadschikistan heutzutage berichtet der Korrespondent Tilaw Rassul-sade f&#xFC;r Fergana News. [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify"><strong>Die einst mehrere tausende Mitglieder starke jüdische Gemeinde Tadschikistans zählt heute nur noch 50 Mitglieder. Ursache hierfür ist vor allem die massenweise Emigration von Juden seit Beginn der 1990er Jahre. Die einzige verbliebene Synagoge Tadschikistans befindet sich in Duschanbe. Über das Leben von Juden in Tadschikistan heutzutage berichtet der Korrespondent Tilaw Rassul-sade für </strong><a href="https://fergana.ru/articles/113338/"><strong>Fergana News</strong></a><strong>. Wir übersetzen den Artikel mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.</strong></p>
<p style="text-align: justify">Noch vor zehn Jahren befand sich die Synagoge direkt im Zentrum Duschanbes. Im Rahmen eines allumfassenden Stadtentwicklungsplanes wurde sie im Juni 2008 abgerissen. Für einige Monate blieb die jüdische Gemeinde ohne Gotteshaus. Anfang 2009 schenkte dann der Vorsitzende der Orionbank, Hasan Asadullosoda, der Diasporagemeinde ein neues geräumiges Haus in einem reichen Bezirk in der Nähe der Pädagogischen Universität. Grundsätzlich bietet das Gebäude Platz für viele Menschen, es kommen aber nur vereinzelte. Sogar am Sabbat, der von Freitagabend bis Samstagabend andauert, versammeln sich hier zum Gebet kaum mehr als 10 Personen. Für einen Gottesdienst oder religiöse Riten braucht es im Judentum aber mindestens 10 erwachsene Juden &#8211; eine Regel, die auch <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Minjan">Minjan</a> genannt wird.</p>
<p><p style="background-color: #d4d4d4;"><span style="color: #000000;">Novastan ist das einzige deutschsprachige Nachrichtenmagazin über Zentralasien. Wir arbeiten auf Vereinsgrundlage und <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/werde-unser-mitglied-werde-novastan/"><strong>Dank eurer Teilnahme</strong></a>. Wir sind <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/unser-projekt/">unabhängig</a> und wollen es bleiben, dafür brauchen wir euch! Durch jede noch so kleine <strong><a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/spenden/">Spende</a></strong> helft ihr uns, weiter ein realitätsnahes Bild von Zentralasien zu vermitteln.</span></p></p>
<p style="text-align: justify">Laut den Daten der Volkszählung von 1989 lebten zu dieser Zeit circa 15.000 Juden in Tadschikistan. Im Jahr 2000 waren weniger als 200 übrig und um 2010 lediglich 36. In der Synagoge geht man aktuell von 50 Gemeindemitgliedern aus.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kirgistan/die-judische-minderheit-in-zentralasien-wie-lebt-sie-heute/"><strong>Die jüdische Minderheit in Zentralasien – Wie lebt sie heute?</strong></a></p>
<p style="text-align: justify"><em>„Die Migration der Juden in die historische Heimat Israel sowie in die USA, nach Kanada und Europa begann schon in den 1970er Jahren, aber in den 1990ern beschleunigte sich dieser Prozess“</em>, erzählt Jakow Urijewitsch Matajew, der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Tadschikistans. <em>„Geblieben sind vor allem alte Menschen. Der jüngste in unserer Diaspora war ich. Als mir vor vier Jahren vorgeschlagen wurde, Gemeindevorsitzender zu werden, habe ich zugestimmt. Jemand sollte doch die Verantwortung übernehmen…“</em></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Synagoge ohne Rabbiner</strong></p>
<p style="text-align: justify">Jakow Urijewitsch ist inzwischen 50 Jahre alt, kommt gebürtig aus Samarkand und zog mit seinen Eltern als Kind nach Duschanbe. Nach der Schule wurde er Schneider. Jetzt verwendet er all seine Zeit darauf, die Gemeinde zu erhalten und ihre Mitglieder zu unterstützen.</p>
<p><figure id="attachment_21092" aria-describedby="caption-attachment-21092" style="width: 496px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-21092" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/40d0da7a-41b4-4319-a5b4-4197063c87a6.jpeg" alt="Jakow Urijewitsch Matajew" width="496" height="372" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/40d0da7a-41b4-4319-a5b4-4197063c87a6.jpeg 496w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/40d0da7a-41b4-4319-a5b4-4197063c87a6-300x225.jpeg 300w" sizes="auto, (max-width: 496px) 100vw, 496px" /><figcaption id="caption-attachment-21092" class="wp-caption-text">Jakow Urijewitsch Matajew</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify"><em>„Als ich zum Gemeindevorsitzenden gewählt wurde, bemühte ich mich darum, der Tätigkeit neues Leben einzuhauchen. Die alten Menschen, die hier zurückgeblieben sind, können nicht oft in die Synagoge kommen. Aber sofern es ihnen möglich ist, kommen sie, denn die Synagoge ist nicht nur ein Ort des Gebetes. Hier unterhalten sich die Gemeindemitglieder, reden über persönliche und gemeinschaftliche Probleme. In der Vergangenheit versammelte sich die Gemeinde in der Synagoge um Feste zu begehen, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Pessach">Pessach</a>, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Chanukka">Chanukka</a>, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Purim">Purim</a>, aber inzwischen kommen nur noch vereinzelte an den Feiertagen. Für die alten Menschen ist es zu schwer aus den unterschiedlichen Ecken der Stadt hierher zu kommen. Jeden Monat lassen wir ihnen eine kleine materielle Hilfe im Umfang von 10 Dollar zukommen. Es gibt eine wohltätige Frau, die den alten Menschen jeden Monat Lebensmittel vorbeibringt: Zucker, Butter und Mehl“</em>, erzählt Matajew.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/usbekistan/choresm-und-buchara-die-zweigeteilte-geschichte-der-juedinnen-zentralasiens/?noredirect=de_DE">Choresm und Buchara: Die zweigeteilte Geschichte der JüdInnen Zentralasiens</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">In der Synagoge von Duschanbe hängen Fotos aller Rabbiner, die hier seit dem Bau des Gebäudes Gebete abgehalten haben. Doch schon seit einigen Jahren gibt es hier keinen Rabbiner mehr, weshalb keine regelmäßigen samstäglichen Gebete stattfinden. Diese kommen nur zustande, wenn Gäste aus Israel, Deutschland oder den USA die Gemeinde besuchen und in der Regel einen Rabbiner mitbringen.</p>
<p style="text-align: justify"><em>„Dann versammle ich meine Juden aus Duschanbe zum Gebet. Zusammen lesen wir die Torah, die heilige Schrift der Juden. Sie wird in der Synagoge an einem speziellen Platz aufbewahrt. Die Texte der Torah sind auf Hebräisch verfasst. Leider können unsere Gemeindemitglieder die Sprache nicht gut genug, um selbst in der Torah lesen zu können“</em>, erklärt Matajew.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Der letzte Jude Chudschands</strong></p>
<p style="text-align: justify">Bis 2015 befand sich in <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Chudschand">Chudschand</a> noch eine Synagoge. Tatsächlich war sie auch in den 20 Jahren davor nicht mehr in Gebrauch, da fast keine Gemeindemitglieder in der Stadt übrig geblieben waren. Dennoch gehörte sie der Gemeinde, obwohl ihre Türen dauerhaft verschlossen waren. Vor vier Jahren riss die Stadtverwaltung die Synagoge trotzdem ab und errichtete an ihrer Stelle ein Einkaufszentrum. Heute lebt in der Stadt der einzige Jude ganz Nordtadschikistans, Dschura Abajew. Er ist 82 Jahre alt und die letzten zwei Jahre bettlägerig. Vor mehr als 10 Jahren nahm er eine tadschikische Frau mit ihren fünf Kindern in seinem Haus auf, die nach der Scheidung von ihrem Mann obdachlos war. Sie wurden zu seiner Adoptivfamilie und kümmern sich nun um ihn.</p>
<p style="text-align: justify">Dschura Abajew hat selbst fünf Töchter, von denen zwei in Israel leben. Vor vielen Jahren hatte er beschlossen, zu ihnen zu ziehen. Alles schien gut zu laufen, er bekam ein Zimmer und eine ordentliche Rente. Allerdings fühlte er sich als Rentner einsam.</p>
<p><figure id="attachment_21091" aria-describedby="caption-attachment-21091" style="width: 496px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-21091" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/ef0a2ad1-25ee-441f-8a22-2f845386357f.jpeg" alt="Dschura Abajew" width="496" height="337" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/ef0a2ad1-25ee-441f-8a22-2f845386357f.jpeg 496w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/ef0a2ad1-25ee-441f-8a22-2f845386357f-300x204.jpeg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/ef0a2ad1-25ee-441f-8a22-2f845386357f-128x86.jpeg 128w" sizes="auto, (max-width: 496px) 100vw, 496px" /><figcaption id="caption-attachment-21091" class="wp-caption-text">Dschura Abajew</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify"><em>„In Israel fand ich keine engen Vertrauten, mit denen man sich wenigstens an den freien Tagen hätte unterhalten können. Dort war ich ein Niemand, aber hier, in Chudschand, war ich ein angesehener Mensch. Jeden Tag ging ich auf den Markt und im Teehaus saß ich mit Freunden zusammen. Hier habe ich viele Freunde und ein eigenes Haus. Nach einem halben Jahr entschied ich, aus Israel nach Tadschikistan zurückzukehren. Es stimmt schon, jetzt kann ich mich aufgrund meiner Krankheit nur mit wenigen unterhalten. Meine Töchter rufen fast nie an, gelegentlich rufe ich sie an. Meine Rente beläuft sich auf 200 Somoni (20 US-Dollar). Andere Einkünfte habe ich nicht“</em>, teilt Abajew mit.</p>
<p style="text-align: justify">Er bedauert sehr, dass die Synagoge in Chudschand abgerissen wurde. Am Gemeindeleben in der Synagoge hatte er seit 1967 aktiv teilgenommen.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Erinnerung an vergangene Zeiten</strong></p>
<p style="text-align: justify"><em>„Dort organisierten wir Anfang der 1990er Hebräisch- und Torahkurse. Damals gab es dort viele <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Bucharische_Juden">bucharische Juden</a>. Aber bald zogen alle fort und die Synagoge leerte sich. Einige Zeit sah ich noch nach der Synagoge, aber dann war ich nicht mehr in der Verfassung, um das zu tun. Wenn jetzt Juden hierherreisen, können sie nur den einzigen jüdischen Friedhof besuchen, der sich am Stadtrand befindet. Dort sind mehr als 1000 Menschen beerdigt. Selbst war ich dort seit drei Jahren nicht mehr. Früher, als ich noch gesund war, kümmerte ich mich um die Gräber, aber jetzt geht das nicht mehr“</em>, klagt Dschura Abajew.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/usbekistan/die-bucharischen-juden-wie-kamen-sie-nach-zentralasien/"><strong>Die bucharischen Juden – wie kamen sie nach Zentralasien?</strong></a></p>
<p style="text-align: justify">In Duschanbe gibt es zwei jüdische Friedhöfe, auf denen mehr als 3000 Menschen begraben liegen. Obwohl in Tadschikistan fast keine Juden verblieben sind, sind beide in einem guten Zustand. Es gibt Wächter, Gärtner und Putzkräfte. Der Weltkongress der Bucharischen Juden mit Sitz in New York teilt jährlich den Friedhöfen in Duschanbe und Chudschand Mittel zur Erhaltung und Renovierung zu. Und wenn Angehörige der hier beerdigten Menschen nach Tadschikistan reisen, besuchen sie in erster Linie die Grabstätten ihrer Angehörigen.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Fokus auf die Gemeinsamkeiten</strong></p>
<p style="text-align: justify"><em>„Die Nachkommen bucharischer Juden, die inzwischen in Israel und anderen Ländern leben, kommen oft nach Tadschikistan, um hier die Gräber ihrer Väter und Großväter zu besuchen. Aber auch, um die Veränderungen zu sehen, die im Land nach ihrer Auswanderung stattgefunden haben. Alle erinnern sich mit Nostalgie an die Jahre zurück, die sie hier verbracht haben. Tadschiken und Juden lebten immer friedlich zusammen, es gab keine Konflikte zwischen ihnen. Wir haben mit den Muslimen viel gemein. Wie im Islam ist es auch im Judentum verboten, Schweinefleisch zu essen, das Schlachtritual ist dasselbe. Nur nennt man es bei den Muslimen „halal“ und bei den Juden „koscher“. Muslime begraben Verstorbene in einem weißen Kaftan, also einem Leichentuch, bei den Juden ist es genauso. Wir haben den Brauch, Jungen am achten Lebenstag zu beschneiden. Männer und Frauen beten in der Synagoge getrennt, so wie in der Moschee auch“</em>, erklärt Jakow Matajew.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/usbekistan/wie-usbekistan-zu-zeiten-des-zweiten-weltkriegs-fur-juden-aus-der-udssr-zum-gelobten-land-wurde/"><strong>Wie Usbekistan zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs für Juden aus der UdSSR zum gelobten Land wurde</strong></a></p>
<p style="text-align: justify"><em>„Die Juden in Tadschikistan konnten immer ein angenehmes Leben führen und sie sind nicht ausgewandert, weil man sie etwa unterdrückt hätte, sondern weil sich die Möglichkeit auftat, in die historische Heimat zurückzukehren. Außerdem brachen damals in Tadschikistan unruhige Zeiten an, der Krieg begann. Übrigens sprechen sogar die in anderen Ländern geborenen Nachkommen bucharischer Juden Tadschikisch. Als ich nach Tel Aviv reiste kam es mir vor, als sei ich wieder in Duschanbe gelandet. Überall sprechen bucharische Juden untereinander Tadschikisch. Sie haben dort ihre eigenen Restaurants, Festsäle für Hochzeiten, Theater und durchweg hört man Tadschikisch“</em>, erläutert der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Tadschikistans weiter.</p>
<p style="text-align: justify">Gegen Ende des 17., Anfang des 18. Jahrhunderts begannen die bucharischen Juden sich auf dem Gebiet des heutigen Tadschikistans anzusiedeln. Durch das Leben Seite an Seite mit den lokalen Völkern, darunter Tadschiken und Usbeken, übernahmen sie viele Traditionen und Bräuche aus dieser Kultur. Einige von ihnen konvertierten zum Islam – die meisten gewaltsam, andere aber auch freiwillig. In Zentralasien wurden die zum Islam konvertierten Juden „Tschala“ (Tadschikisch für „weder das eine noch das andere“) genannt und solche Juden versuchten ihre Herkunft zu verstecken.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Die Geschichte der Juden Tadschikistans</strong></p>
<p style="text-align: justify"><em>„Die ersten jüdischen Siedler gab es in Chudschand. Sie kamen aus Buchara, Samarkand, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Shahrisabz">Shahrisabz</a>, Taschkent und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Qo%CA%BBqon">Kokand</a> dorthin. Sie waren vor allem im Handel und Handwerk tätig“</em>, erzählt der Historiker und Journalist Kodir Muruwwat. <em>„Ab der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts siedelten sie sich auch im Zentrum Tadschikistans an, unter anderem auf dem Gebiet des heutigen Duschanbe. Aufgrund von Geflüchteten stieg die Zahl der jüdischen Gemeindemitglieder während und nach dem Zweiten Weltkriegstark  an. Unter ihnen waren viele Gelehrte, die einen großen Beitrag zur Entwicklung der nationalen Wissenschaft leisteten. […] Und heute bringen viele emigrierte bucharische Juden die tadschikische Kultur nach Israel und in andere westliche Länder. […] Das zeugt davon, dass sie, obwohl sie außerhalb Tadschikistans leben, die Liebe zu ihrem Volk im Herzen tragen“</em>, schließt Muruwwat.</p>
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<p style="text-align: justify">Auf die Frage, was wohl in zehn Jahren mit der jüdischen Gemeinde und der Synagoge in Tadschikistan sein wird, antwortet Jakow Urijewitsch Matajew: <em>„Das weiß ich nicht. Ich hoffe, die Synagoge bleibt nicht leer…“</em></p>
<p style="text-align: right"><strong>Tilaw Rassul-sade für </strong><a href="https://fergana.ru/articles/113338/"><strong>Fergana News</strong></a></p>
<p style="text-align: right"><strong>Aus dem Russischen von Marie Schliesser</strong></p>
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		<title>„Um einen Teller Erdbeeren“: Das Pogrom in Farg‘ona 1989</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Marie Schliesser]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 08 Jan 2020 14:29:36 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Usbekistan]]></category>
		<category><![CDATA[1989]]></category>
		<category><![CDATA[Farg'ona]]></category>
		<category><![CDATA[Interethnische Beziehungen]]></category>
		<category><![CDATA[Konflikt]]></category>
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		<category><![CDATA[Turk-Mescheten]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Einer der ersten gewaltt&#xE4;tigen interethnischen Konflikte Usbekistans war das Pogrom gegen die turk-meschetische Minderheit in der Provinz Farg&#x2019;ona. Bis heute sind die Ursachen nicht genau gekl&#xE4;rt. Der Anthropologe Dr. Sergei Abashin geht von einem spontanen, emotional aufgeladenen Gewaltausbruch aus. Folgender Artikel erschien im russischen Original bei Fergana News. Wir &#xFC;bersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify"><strong>Einer der ersten gewalttätigen interethnischen Konflikte Usbekistans war das Pogrom gegen die turk-meschetische Minderheit in der Provinz Farg&#8217;ona. Bis heute sind die Ursachen nicht genau geklärt. Der Anthropologe Dr. Sergei Abashin geht von einem spontanen, emotional aufgeladenen Gewaltausbruch aus. Folgender Artikel erschien im russischen Original bei </strong><a href="https://fergana.agency/articles/107921/">Fergana News</a><strong>. Wir übersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.</strong></p>
<p style="text-align: justify">In der Usbekischen Sozialistischen Sowjetrepublik kam es im Mai und Juni des Jahres 1989 zu einem der ersten interethnischen Konflikte auf dem Gebiet der Sowjetunion, durch den zehntausende unschuldige Menschen litten, die schon viele Jahre in Usbekistan gelebt hatten: die Turk-Mescheten. Die Turk-Mescheten waren 1944 aus ihrer Heimat Meschetien im Süden Georgiens in den zentralasiatischen Teil der Sowjetunion deportiert worden, die meisten nach Usbekistan. Zunächst lebten sie dort in Spezialansiedlungen. Ab 1956 standen die Turk-Mescheten nicht mehr unter administrativer Überwachung. Nichtsdestotrotz hatten sie keine echte Möglichkeit, in die Regionen zurückzukehren, aus denen sie deportiert worden waren. Laut einer Volkszählung aus dem Jahr 1989 lebten 107.000 Turk-Mescheten in Usbekistan, 5 bis 6 Tausend davon in der Provinz Farg‘ona, die meisten in Quvasoy.</p>
<p style="text-align: justify">Der Auslöser der Pogrome, über den bis heute keine vollständige Klarheit besteht, wurde zunächst ungeschickt zu vertuschen versucht: auf dem Volksdeputiertenkongress gab Rafik Nishanow, damals Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Usbekischen Sozialistischen Sowjetrepublik, bekannt, dass sich die Geschehnisse auf einem Basar „aufgrund eines Tellers Erdbeeren“ zugetragen hätten. Angeblich habe sich ein Turk-Meschete grob gegenüber einer usbekischen Verkäuferin verhalten und die Erdbeeren umgestoßen. Man habe sich für die Frau eingesetzt und eine Schlägerei begonnen. Kurz darauf änderte sich die offizielle Version, doch Nischanows „Erdbeeren“ wurden noch viele Jahre später erwähnt.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Erste Gewaltausbrüche in Quvasoy</strong></p>
<p style="text-align: justify">Mitte Mai 1989 kam es in Quvasoy zu Prügeleien zwischen turk-meschetischen Jugendlichen auf der einen, und usbekischen und tadschikischen Jugendlichen auf der anderen Seite. Nach einer kurzen Kampfpause entwickelten sich daraus deutlich größere Auseinandersetzungen. Von jeder Seite waren einige hundert Personen beteiligt.</p>
<p style="text-align: justify">Es begannen Versuche, in Viertel vorzudringen, in denen Turk-Mescheten und andere Minderheiten lebten, um dort Pogrome zu verüben. Von staatlicher Seite wurde versucht, die Menge zur Auflösung zu überreden, jedoch war es erst möglich die Unruhen zu unterbrechen als in der Stadt zusätzliche Sicherheitskräfte eintrafen. Bei diesen Ereignissen wurden 58 Menschen verletzt, 32 wurden in Krankenhäuser eingeliefert, wo einer von ihnen starb.</p>
<p style="text-align: justify">In Quvasoy trafen die Angreifer auf Widerstand von Seiten der Turk-Mescheten. Die Zusammenstöße arteten in Pogrome aus, die in der ganzen Oblast um sich griffen. In anderen Städten und Dörfern gelang es den Turk-Mescheten nicht, sich zu verteidigen. Sie waren zahlenmäßig weniger, lebten verstreut und in einigen Fällen gestattete die Miliz nicht die Bildung von Wehren zur Selbstverteidigung.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><figure id="attachment_19334" aria-describedby="caption-attachment-19334" style="width: 496px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-19334" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/01/7dbeb763-0b3e-4574-8e23-1f409d389d79.jpeg" alt="" width="496" height="347" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/01/7dbeb763-0b3e-4574-8e23-1f409d389d79.jpeg 496w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/01/7dbeb763-0b3e-4574-8e23-1f409d389d79-300x210.jpeg 300w" sizes="auto, (max-width: 496px) 100vw, 496px" /><figcaption id="caption-attachment-19334" class="wp-caption-text">Mehr als 16.000 Turk-Mescheten wurden während der zweiwöchigen Gewaltausbrüche in der Provinz Ferg&#8217;ona in Usbekistan nach Russland ausgeflogen</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify">Die zentralen Ereignisse der Krise in der Provinz Farg‘ona begannen am 3. Juni in der Siedlung Toshloq. Dort fand sich eine Gruppe Jugendlicher zusammen, die begann, die Häuser von Turk-Mescheten anzuzünden und auf ihre Bewohner einzuprügeln. Danach setzten sie ihre Gewalttaten in der Siedlung Komsomolski fort. Eine Gruppe Soldaten der Inneren Truppen versuchte erfolglos sich ihnen entgegenzustellen. Überfälle auf die Turk-Mescheten ereigneten sich auch in Marg’ilon und Farg’ona.</p>
<p style="text-align: justify">Am Folgetag forderte eine gewaltbereite Menschenmenge in Toshloq die Auslieferung der Turk-Mescheten, die sich unter dem Schutz der Miliz in das Gebäude des Regionalkomitees geflüchtet hatten. Zudem forderte die Menge die Freilassung der am Vorabend verhafteten Gewalttäter. Das Gebäude des Regionalkomitees und der Milizführung wurde angegriffen, wobei ein Milizionär starb und 15 weitere verletzt wurden.</p>
<p style="text-align: justify">In den Zentren von Farg’ona und Marg’ilon versammelten sich aggressive Menschenmengen, die versuchten in die Gebäude des Stadt- sowie des Oblastkomitees vorzudringen. In Marg’ilon gelang den Angreifenden dies, die Turk-Mescheten hatte man jedoch bereits erfolgreich von dort evakuiert. In Farg’ona stoppten die Gewalttäter Autos und Busse und durchsuchten diese nach Turk-Mescheten. Erste Informationen über die Unruhen erschienen in den Medien jedoch erst zwei Tage später, am 6. Juni.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Aggressive Menschenmengen machen einen militärischen Einsatz nötig</strong></p>
<p style="text-align: justify">In Qo’qon gingen die Angreifer besonders entschlossen vor. Mehr als 5000 Menschen aus den umliegenden Dörfern kamen am 7.Juni in der Stadt zusammen. Die Menge besetzte eine Ziegelei sowie das Gebäude der städtischen Verwaltung. 68 Personen wurden aus dem Untersuchungsgefängnis befreit. Während die Angreifer die Stadtverwaltung belagerten, gelang es den Behörden, die in der Stadt verbliebenen Turk-Mescheten auf dem Autohof und im Sanatorium zu versammeln. Später konnten Spezialkräfte die Angreifenden aus dem städtischen Verwaltungsgebäude vertreiben. Die Gewalttäter verstreuten sich daraufhin in der Stadt und begannen unter anderem auch die Häuser von Milizionären zu zerstören und anzuzünden.</p>
<p style="text-align: justify">Am darauffolgenden Tag strömten weitere Menschen aus umliegenden Bezirken nach Qo‘qon. Den Unruhestiftern gelang es, einige Unternehmen und den Bahnhof zu besetzen, wo sich auf den Gleisen ein Zug mit Brennstoff befand. Aus einem der Tanks wurde Brennstoff gelassen. Sie forderten von den Behörden die Auslieferung der Turk-Mescheten sowie der Milizionäre, die auf sie geschossen hatten und drohten damit, den Brennstoff in Brand zu setzen und den Zug in die Luft zu sprengen.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/das-ferganatal-in-hundert-tnen/">Das Ferganatal in hundert Tönen</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">Alle besetzten Orte wurden nach einiger Zeit von Spezialkräften zurückerobert. Aus Qo`qon brachten die Behörden die Turk-Mescheten ins benachbarte Tadschikistan. Dort wurden sie in einem Ferienheim in den Bergen der Oblast Leninabad [Anmerkung: heute Provinz Sughd] versteckt. Doch schon kurz darauf, am 10.Juni, rollte eine Lastwagenkolonne in Richtung des Ferienheims. In diesen befanden sich junge Erwachsene, die mit Stichwaffen bewaffnet waren. Um die Kolonne aufzuhalten setzten die Inneren Truppe aus Helikoptern heraus Waffen ein. Bis zum 11.Juni gelang es den Militärs die Massenunruhen zu beenden und die Situation unter Kontrolle zu bringen.</p>
<p><figure id="attachment_19335" aria-describedby="caption-attachment-19335" style="width: 920px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-19335" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/01/13ef678c-ae92-4950-97dc-211696f99783-2.jpeg" alt="" width="920" height="644" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/01/13ef678c-ae92-4950-97dc-211696f99783-2.jpeg 920w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/01/13ef678c-ae92-4950-97dc-211696f99783-2-300x210.jpeg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/01/13ef678c-ae92-4950-97dc-211696f99783-2-768x538.jpeg 768w" sizes="auto, (max-width: 920px) 100vw, 920px" /><figcaption id="caption-attachment-19335" class="wp-caption-text">In der Stadt Qo’qon gingen die Angreifer besonders entschlossen vor, Spezialeinsatzkräfte mussten sie aus dem Verwaltungsgebäude vertreiben</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify">Der Historiker und Ethnologe Alexander Osipow, der zu den Turk-Mescheten forscht, schreibt, dass die Zusammenstöße in der Oblast Farg’ona vielen bis heute ein Rätsel bleiben: zahlreiche Details blieben unbekannt und der Sinn des Geschehenen unverständlich. Es ist unklar, warum die Aufstände begannen, warum sie so umfangreich und erbittert waren und wer die Angreifenden anführte, falls es denn überhaupt einen Anführer gab.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Augenzeugenbericht eines Wissenschaftlers</strong></p>
<p style="text-align: justify">An die Geschehnisse in Farg’ona erinnert sich der Anthropologe Dr. Sergei Abashin, der als Professor an der Europäischen Universität Sankt Petersburg arbeitet:</p>
<p style="text-align: justify"><em>„Im April 1989 war ich Doktorand am Institut für Ethnographie und fuhr in die Oblast Farg’ona nach Usbekistan, um dort Feldarbeiten durchzuführen. Dort hielt ich mich bis Ende Juni auf. Ich kann mich gut an die Vorgeschichte des Konflikts erinnern. Als ich Anfang Mai nach Farg’ona fuhr und mich dort mit den Leuten unterhielt, konnte man die allgemeine Anspannung schon spüren, die Aufteilung in Einheimische und Fremde, aber die Turk-Mescheten als spezielle Gruppe wurden nicht genannt. Dennoch hatte sich schon Ende Mai die allgemeine Aufmerksamkeit gerade auf die Turk-Mescheten fokussiert. Ich habe Gespräche mit Beamten auf Bezirksebene geführt und sie berichteten, dass am 1. oder 9. Mai Flugblätter mit unterschiedlichen Aufrufen nationalistischer Art verteilt worden waren. In Details haben sie sich nicht vertieft, aber es war offensichtlich, dass die Menschen deshalb beunruhigt waren.“</em></p>
<p style="text-align: justify"><em>„Die Geschehnisse in Quvasoy fanden Mitte Mai statt. In dieser Zeit betrieb ich Nachforschungen in der Nähe von Quva, wo ich bei einer Familie im Kischlak wohnte [Anmerkung: Das Wort „Kischlak“ bezeichnet eine ländliche Siedlung von semi-nomadischen Turkvölkern.]. Ich erinnere mich, dass die Leute untereinander redeten, dass wohl etwas passiert sei. Die Sache ist die, dass die Menschen die Turk-Mescheten nicht sehr von anderen unterschieden, sofern sie nicht direkte Nachbarn waren. Und in den Unterhaltungen, die ich mitbekam, wurden sie als „Kaukasier“ bezeichnet.“</em></p>
<p style="text-align: justify"><em>„Bereits Anfang Juni reiste ich in die Stadt Farg’ona. Ich sah, wie sich Jugendliche aus dem Ort in Massen auf dem zentralen Platz versammelten, wie sie zu den Behörden gingen und ein Treffen abhielten. Sie erklärten mit später, dass sie ihre Toten herbeigebracht hatten. Obwohl diese Menschenmenge einigermaßen aggressiv war, war diese Aggression nicht willkürlich, sondern gezielt. Auch als sich die Menge auf einem Platz versammelte, gingen andere Menschen weiterhin gelassen an diesen vorbei und gingen in Parks spazieren. Die Menge griff niemanden der Vorbeigehenden an. Dasselbe Bild zeigte sich auch, als sich die Menschenmasse zum Gebäude der örtlichen Verwaltung hinbewegte.“</em></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Groteske Parallelwelt</strong></p>
<p style="text-align: justify"><em>„[&#8230;] Ich habe die Pogrome gesehen. In der Stadt gab es Bezirke, in denen die Turk-Mescheten lebten, und dort brannten die Häuser- Bis heute erinnere ich mich an das Schockgefühl, als ich auf der einen Straße die Pogrome sah, und ein paar Straßen weiter alles ruhig zuging und Mütter mit Kinderwägen spazieren gingen.“</em></p>
<p style="text-align: justify"><em>„Ich erinnere mich auch, dass Jugendliche aus den Regionen nach Farg’ona und Marg’ilon reiste, um „die Unseren zu unterstützen“. Das ist durchaus ein bekanntes Muster, dass die Angreifenden oft denken, dass sie sich eigentlich verteidigen. Es ging das Gerede herum, dass „die Türken uns angreifen“, deshalb müssen wir uns verteidigen und diese Verteidigung</em> <em>bestand dann aus Angriffen auf „türkische“ Viertel. […] Ich erinnere mich, dass zu der Familie, bei der ich in Farg’ona lebte, eine befreundete türkischstämmige Familie kam, um sich zu verstecken. Ihr Haus war angezündet worden. Später begaben sich die Turk-Mescheten zu einem geschützten Bereich beim Flughafen, von dort wurden sie später ausgeflogen. Die Behörden reagierten auf die Ereignisse relativ schnell. [&#8230;] Trotzdem hielt der chaotische Zustand weiter an, weil die lokalen Behörden damit überfordert waren. Straßen wurden geschlossen, der öffentliche Nahverkehr fuhr nur teilweise und wesentlich seltener. Die Bewegungsfreiheit zwischen den einzelnen Teilen der Region lag nicht vollständig still, aber war erschwert.“</em></p>
<p><figure id="attachment_19336" aria-describedby="caption-attachment-19336" style="width: 496px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-19336" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/01/36459974-aeec-47da-93d0-1b4153959108.jpeg" alt="" width="496" height="330" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/01/36459974-aeec-47da-93d0-1b4153959108.jpeg 496w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/01/36459974-aeec-47da-93d0-1b4153959108-300x200.jpeg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/01/36459974-aeec-47da-93d0-1b4153959108-128x86.jpeg 128w" sizes="auto, (max-width: 496px) 100vw, 496px" /><figcaption id="caption-attachment-19336" class="wp-caption-text">Anthropologe Dr. Sergei Abashin war Augenzeuge der Progrome: &#8222;Menschen verhielten sich ohne jegliche Organisation plötzlich aggressiv&#8220;</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify"><em>„Ich möchte anmerken, dass diese Zeit für das ganze Land sehr aufregend war, da in diesen Tagen die erste Zusammenkunft der Volksdeputierten stattfand, die vollständig im Fernsehen übertragen wurde. Ungewohnt für alle, äußerte sich die Opposition offen. Das ganze Land schaute gebannt auf diese Zusammenkunft und nicht etwa auf die Ereignisse in Farg’ona. Und nur Galina Starowoitowa prangerte an, dass in Farg’ona etwas geschehe, das eine Einmischung von Seiten der Machthabenden erfordere.“</em></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Ursachen für den Konflikt?</strong></p>
<p style="text-align: justify"><em>„[&#8230;] Es ergeben sich viele Fragen, inwiefern der Konflikt organisiert oder spontan geschah. Was ich sagen kann ist, dass es einige Elemente der Selbstorganisation gab. Mit Bekannten bin ich durch die Stadt spaziert und uns näherten sich Usbeken, die mit meinen Freunden sprachen. Als ich dazutrat, gingen sie weg. Die Bekannten erzählten, dass sie zu einem Treffen eingeladen wurden. Das heißt, es gab Leute, die sich mit der Rekrutierung und der Verbreitung von Informationen beschäftigten. Aber das kann man kaum eine Organisation nennen. Gleichzeitig beobachtete ich auch, dass Menschen sich ohne jegliche Organisation plötzlich aggressiv verhielten. </em></p>
<p style="text-align: justify"><em>Es gibt die Ansicht, dass es Organisatoren gab, aber die Meinungen darüber, wer genau die Organisatoren waren, gehen auseinander. Die einen nennen islamistische Nationalisten, die anderen sprechen von Straftätern und korrupten Akteuren. Wiederum einige sind der Meinung, dass die Ereignisse vom KGB herbeigeführt wurden. Ich streite nicht ab, dass es Interessensgruppen gab, die versuchten, die Unruhen für ihre Zwecke zu nutzen. Natürlich gibt es auch soziale Gründe: 1989 war ein Jahr mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten, Arbeitslosigkeit und politischen Schocks.“</em></p>
<p style="text-align: justify"><em>„Nichtsdestotrotz neige ich nach wie vor zu der Ansicht, dass die Ereignisse in vielerlei Hinsicht einen spontanen Charakter trugen, es gab eine emotionale Mobilisierung. Die Menschen waren in Aufregung und hatten eine erwartungsvolle Haltung, dass „doch etwas passieren müsse“. Mit eigenen Augen habe ich Menschen gesehen, die unabhängig von all diesen Interessen, grundlos und ohne dazu aufgestachelt worden zu sein, aggressiv wurden und sich in den Konflikt einmischten. Wir wissen doch, wie unerwartete Pogrome zustande kommen […]. Sie beginnen schnell, es kommt zu einem schlagartigen Ausbruch von Aggressionen und dann endet alles wieder schnell. Daraus entstehen keine politischen Bewegungen. Die Ereignisse in Farg’ona ähneln diesem Muster.“</em></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Folgen des Pogroms</strong></p>
<p style="text-align: justify">Bis zum 18. Juni wurden aus der Provinz Farg’ona mehr als 16.000 Turk-Mescheten nach Russland ausgeflogen. Bis Ende 1990 verließen weitere 90.000 Usbekistan. Viele reisten widerwillig aus und betrachteten dies faktisch als Deportation. Örtliche Behörden drängten die Menschen zur Ausreise, da sie es für unmöglich erachteten, ihre Sicherheit zu garantieren.</p>
<p style="text-align: justify">Die offiziellen Angaben zu den Todesopfern gehen leicht auseinander. So berichteten das Innenministerium der UdSSR von rund 106 Toten und die Staatsanwaltschaft von 112. Ungefähr 50 Todesopfer waren Turk-Mescheten, rund 30 Usbeken.</p>
<p style="text-align: justify">Die Ermittlungen ergaben ungefähr 2000 Personen, die an den Delikten beteiligt waren. Bis Dezember 1989 wurden 238 Strafverfahren eingeleitet und bis Ende 1990 364 Personen zur Rechenschaft gezogen. Zwei Teilnehmer der Unruhen wurden zum höchsten Strafmaß verurteilt. Am 23.Juni 1989 wurde der Erste Sekretär der Kommunistischen Partei der Usbekischen Sozialistischen Sowjetrepublik, Rafik Nischanow, aus seinem Amt entlassen und durch Islam Karimow ersetzt [Anmerkung: Dieser war in der Folgezeit zwischen 1991 bis zu seinem Tod 2016 Staatspräsident Usbekistans].</p>
<p style="text-align: right"><strong>Jеkaterina Iwaschtschenko und Jеgor Petrow für </strong><a href="https://fergana.agency/articles/107921/"><strong>Fergana News</strong></a></p>
<p style="text-align: right"><strong>Aus dem Russischen von Marie Schliesser</strong></p>
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		<title>Bis zum bitteren Ende: Wie die junge Familie eines tadschikischen Musikers Teil des IS-Ablegers Wilayat Chorasan wurde</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Marie Schliesser]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 23 Sep 2019 05:51:38 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Tadschikistan]]></category>
		<category><![CDATA[Afghanistan]]></category>
		<category><![CDATA[Islamischer Staat]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Damit, dass Farhod Usmonow nach Afghanistan ausreist und sich dem dortigen IS-Ableger Wilayat Chorasan anschlie&#xDF;t, hatte niemand seiner Verwandten gerechnet. Auch seine junge Familie holte er aus Tadschikistan dorthin nach. Seiner Frau, Nodira Usmonowa, ist mit ihren drei Kindern inzwischen die R&#xFC;ckkehr in die Heimat gelungen. Mit ihr und den V&#xE4;tern von Nodira und Farhod [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify"><strong>Damit, dass Farhod Usmonow nach Afghanistan ausreist und sich dem dortigen IS-Ableger Wilayat Chorasan anschließt, hatte niemand seiner Verwandten gerechnet. Auch seine junge Familie holte er aus Tadschikistan dorthin nach. Seiner Frau, Nodira Usmonowa, ist mit ihren drei Kindern inzwischen die Rückkehr in die Heimat gelungen. Mit ihr und den Vätern von Nodira und Farhod Usmonow sprach Fergana News über ihr Leben vor Farhods einschneidendem Entschluss, sich dem IS anzuschließen, ihren Weg nach Afghanistan und die Rückkehr nach Tadschikistan. Der Verbleib von Farhod ist bis heute unklar. Folgender Artikel erschien im russischen Original bei </strong><a href="https://fergana.agency/articles/108615/"><strong>Fergana News</strong></a><strong>. Wir übersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.</strong></p>
<p style="text-align: justify">Während der vergangenen Jahre kämpften hunderte Auswanderer aus Tadschikistan im Nahen Osten und in Afghanistan auf der Seite terroristischer Gruppierungen. Alleine nach Syrien und in den Irak reisten nach Angaben des Staatskomitees für nationale Sicherheit Tadschikistans mindestens 1900 tadschikische Staatsbürger aus, um sich den Kämpfern des IS anzuschließen. Nach Niederlagen im Nahen Osten versucht die terroristische Gruppierung nun ihre Präsenz in Afghanistan zu verstärken. Dorthin reisten in letzter Zeit angeworbene Söldner aus dem Ausland. Unter ihnen befand sich auch ein junges Paar aus Tadschikistan.</p>
<p style="text-align: justify">Nodira Usmonowa befand sich mit ihren zwei Kindern im Camp von Wilayat Chorasan in Afghanistan (dabei handelt es sich um den Ableger des „Islamischen Staates“ (IS) in Afghanistan und Pakistan). Dort brachte sie auch ihr drittes Kind zur Welt. Ihr Mann, der tadschikische Staatsbürger Farhod Usmonow, hatte sich Wilayat Chorasan angeschlossen. Nach Aufenthalten in zwei Gefängnissen, gelangte Nodira Usmonowa wie durch ein Wunder wieder in ihre Heimat zurück. „Fergana News“ traf sich mich mit Nodira und ihren Verwandten, um zu erfahren, was die Familie eines jungen Musikers mit Hochschulabschluss in die Reihen des IS nach Afghanistan führte.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch bei Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/tadschikistan/warum-sich-so-viele-buerger-tadschikistans-dem-islamischen-staat-anschliessen/"><strong>Warum sich so viele Bürger Tadschikistans dem Islamischen Staat anschließen</strong></a></p>
<p style="text-align: justify">Nodira heiratete im August 2009. Sie und ihr Mann, Farhod Usmonow, ein ausgebildeter Musik- und Gesangslehrer, gingen direkt nach der Hochzeit wie viele andere Tadschiken zum Arbeiten nach Russland. Die Familie Usmonow hatte Glück: Farhod fand schnell eine Arbeit bei einem Moskauer Unternehmen für Druckerpatronen und Nodira arbeitete als Näherin in einer Firma, die Damentaschen produziert. Das Paar bekam zwei Söhne: Firdaws und Muhammad. Sie fuhren oft nach Tadschikistan, besuchten dort die Eltern und reisten zum Arbeiten wieder nach Russland.</p>
<p style="text-align: justify">Ende 2017 war die damals 29-jährige Nodira bei ihren Eltern im Heimatdorf Isfisor. Unerwartet rief Farhod sie nicht wie üblich aus Moskau, sondern aus Baku an und erzählte, dass er sich dort befinde, um sich neues Wissen für seine Arbeit in der Druckerpatronenfirma anzueignen. Farhod teilte ihr mit, dass er sich dort länger aufhalten würde und bat sie, nach Moskau und von dort nach Baku zu fliegen. Dort würde er sich dann mit ihr treffen.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Reise ins Unbekannte</strong></p>
<p style="text-align: justify"><em>„Ich flog also nach Moskau und kaufte dort ein Ticket nach Baku“</em>, erzählt Nodira.<em> „Aber anstatt von meinem Mann wurde ich am Flughafen in Baku von einer jungen Frau Anfang Dreißig in Empfang genommen, die sich mir als Gulser vorstellte. Sie nahm sofort meinen Pass und die Geburtsurkunden der Kinder an sich. Einen Monat lang hielten sie mich mit meinen zwei Kindern in einem Gasthaus fest und erlaubten mir nicht, in die Stadt zu gehen. Essen brachte uns Gulser. Ich habe oft gefragt: „Wo ist mein Mann? Warum kommt er nicht zu uns?“ Gulser antwortete immer: „Ich kann nicht sagen, wo sich Ihr Mann befindet, aber Sie werden ihn bald treffen und dann wird er alles selbst erklären.“ Ich habe mir sehr viele Sorgen um meinen Mann gemacht.“</em></p>
<p style="text-align: justify"><em>„Eines Abends brachte Gulser unsere Dokumente zurück und verkündete, dass es an der Zeit sei, zu meinem Mann zu fliegen. Wie sich herausstellte, war sie die ganze Zeit damit beschäftigt gewesen, Visa und Flugtickets für uns in den Iran zu bekommen. Wir sind dann von Baku nach Teheran geflogen. Gulser hat uns begleitet. In Teheran übergab sie uns einer Afghanin namens Schaido. Mit dieser verbrachten wir eine Nacht in Teheran. Am nächsten Tag fuhren wir mit dem Bus in das Örtchen Urdugoch, wo wir die Grenze nach Afghanistan überquerten und schnell nach <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Herat">Herat</a> gelangten. Von dort wurden wir in die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Dschuzdschan">Provinz Dschuzdschan</a> weitergeschickt“</em>, erzählt Nodira.</p>
<p><figure id="attachment_18049" aria-describedby="caption-attachment-18049" style="width: 496px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-18049" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/09/705ef7bf-77ee-4481-b4d9-d018ff61aa78.jpeg" alt="Nodira mit ihrem Vater" width="496" height="330" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/09/705ef7bf-77ee-4481-b4d9-d018ff61aa78.jpeg 496w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/09/705ef7bf-77ee-4481-b4d9-d018ff61aa78-300x200.jpeg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/09/705ef7bf-77ee-4481-b4d9-d018ff61aa78-128x86.jpeg 128w" sizes="auto, (max-width: 496px) 100vw, 496px" /><figcaption id="caption-attachment-18049" class="wp-caption-text">Nodira mit ihrem Vater Abdukajum Kundusow</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify">Dort trafen sie und ihre zwei Kinder endlich Farhod. Er führte sie in seine Lehmhütte mit zwei Zimmern, die sich im kleinen Dorf Sardara befand. Farhod schilderte seiner Frau, dass er jetzt Soldat des Kalifats sei und hier als Koch im örtlichen Gefängnis arbeite, das unter der Kontrolle der Kämpfer von Wilayat Chorasan stehe. Er sei zuständig für die Zubereitung von Essen für die Gefangenen.</p>
<p style="text-align: justify"><em>„Ich habe ihn gefragt, warum er hierher gereist ist, habe versucht ihn zu überzeugen, in die Heimat zurückzukehren. Aber wir hatten schon keine Chance mehr, nach Tadschikistan zu gelangen. Bei jeglichem Fluchtversuch hätten sie uns getötet. Ich habe resigniert, schließlich bin ich die Frau und sollte mich dem Willen meines Mannes unterstellen. Außerdem war ich schwanger und habe an meine zwei Kinder gedacht…“</em>, Nodira bricht ab und fängt an zu weinen.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Alltag unter extremen Umständen</strong></p>
<p style="text-align: justify">Laut Nodira fuhr ihr Mann in Sardara früh morgens zur Arbeit und kam spät abends wieder zurück. Währenddessen saß sie daheim, bereitete Essen zu und kümmerte sich um die Kinder. Sie habe mit niemandem kommuniziert. Auf den örtlichen Markt ging nur ihr Mann, da es Frauen verboten war, das Haus zu verlassen. In dem Haus, in dem die Familie Usmonow wohnte, gab es keine Elektrizität. Lediglich eine Lampe war solarbetrieben. Mahlzeiten bereitete Nodira auf einem Gasherd zu. Nach zwei Monaten zog die Familie ins Nachbardorf Mugul. Dort brachte Nodira ein Mädchen zur Welt, das sie Safija nannten.</p>
<p style="text-align: justify">Im Juli 2018 brachen in Dschuzdschan Kämpfe zwischen Wilayat Chorasan und den Taliban aus, die letztendlich die Taliban gewannen. Alle ausländischen Söldner, die in dem IS-Gefängnis arbeiteten, unter ihnen auch Farhod Usmonow, gerieten mit ihren Familien in Gefangenschaft. Die Taliban brachten die Gefangenen in die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Badghis">Provinz Badghis</a>. Zwischen August 2018 und Anfang 2019 befanden sich Farhod, Nodira und ihre drei Kleinkinder im Gefängnis der Taliban. Die Frauen und Kinder wurden dort getrennt von den Männern gefangen gehalten.</p>
<p style="text-align: justify"><em>„Wir Ausländer waren nach meiner Zählung acht Familien. Bei uns waren auch unsere Kinder. Es mangelte an Essen und Medikamenten. Es schien uns, als seien wir verloren. Die Taliban nahmen uns die Telefone ab und es gab keine Möglichkeit, jemandem unseren Aufenthaltsort mitzuteilen. Die anderen Frauen und ich waren verzweifelt und weinten immer wieder. Am 13. Januar 2019 griffen afghanische Sicherheitskräfte die Taliban in Badghis an. Sie nahmen auch das Gefängnis ein und transportierten alle Gefangenen nach Kabul. Dort waren wir bis Mai, also mehr als vier Monate. Zusammen mit uns waren auch Frauen aus Usbekistan, Kirgistan, Indonesien, China, Frankreich und aus arabischen Ländern. In Kabul wurde es Farhod und mir erlaubt, uns einige Male zu sehen“</em>, fährt Nodira Usmonowa ihre Erzählung fort.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Rückkehr nach Tadschikistan</strong></p>
<p style="text-align: justify">Die afghanische Regierung handelte human und wandte sich an die Herkunftsländer der ausländischen Insassen, um diese an ihre Heimatstaaten zu übergeben.</p>
<p style="text-align: justify"><em>„Als erstes holten China und Frankreich ihre Staatsbürger zurück. Anfang Mai setzten sich dann Mitarbeiter des diplomatischen Dienstes von Tadschikistan mit uns in Verbindung. Ich habe gesagt, dass wir in unsere Heimat zurückkehren wollen und sie um Hilfe gebeten. Als wir aus dem afghanischen Gefängnis abgeholt und zum Flughafen gebracht wurden, fragte ich die Begleitpersonen nach dem Aufenthaltsort meines Mannes. Die Antwort fiel kurz aus: „Ihren Mann werden wir auch bald in die Heimat schicken“. Mehr konnte ich allerdings nicht über ihn in Erfahrung bringen. Wo er jetzt ist, weiß ich nicht“</em>, sagt Nodira.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch bei Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/usbekistan/usbekistan-laesst-frauen-und-kinder-von-is-kaempfern-zurueckkehren/"><strong>Usbekistan lässt Frauen und Kinder von IS-Kämpfern zurückkehren</strong></a></p>
<p style="text-align: justify">Zurzeit hält Nodira sich in ihrem Heimatdorf auf und kommt nach dem durchlebten Albtraum erst nach und nach zu sich. Bei ihrer Rückkehr nach Tadschikistan wurde sie zunächst einige Tage von den Behörden befragt. Danach wurde sie freigelassen und ihr mitgeteilt, dass sie aufgrund ihrer Reumütigkeit und freiwilligen Rückkehr nicht strafrechtlich zur Verantwortung gezogen wird. Während unseres Gesprächs mit ihr, fing Nodira einige Male an zu weinen, als sie sich das Geschehene wieder in Erinnerung rief. Wir haben ihr möglichst wenige Fragen gestellten, auch weil sie zuvor alles schon mehrfach detailliert den tadschikischen Ermittlungsbeamten nacherzählt hatte. Deshalb setzten wir unser Gespräch mit den Vätern von Farhod und Nodira fort. Beide können nicht begreifen, wie so etwas mit ihren Kindern passieren konnte.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Die beiden Väter kommen zu Wort</strong></p>
<p style="text-align: justify"><em>„Ich habe in einer Schule gearbeitet, aber um sechs Kinder ernähren zu können, musste ich diese Arbeit aufgeben. Stattdessen habe ich ein Stück Land gepachtet und dort Reis und Tomaten angebaut“</em>, sagt Nodiras Vater Abdukajum Kundusow, ein früherer Physiklehrer. „Nodira ist das fünfte Kind. Sie träumte davon, Krankenschwester zu werden. Aber aus familiären Gründen ging dieser Traum nicht in Erfüllung. Als Nodira 2006 die Schule beendete, wurde die Mutter krank und bettlägerig. Das geschah genau während der Hochphase der Aufnahmeprüfungen und der Erntezeit. Nodira musste den Platz ihrer Mutter einnehmen und uns auf dem Feld helfen. Später hat sie trotzdem noch einen dreimonatigen Kurs zur Familiengesundheitspflegerin absolviert, heiratete dann aber und zog mit ihrem Mann fort. Über acht Jahre hinweg reiste sie oft nach Russland und wieder nach Hause. Wir waren beruhigt, dass unsere Tochter etwas aus ihrem Leben macht. Sie und ihr Mann lebten ein gewöhnliches Leben und deshalb wollten wir uns auch nicht in die inneren Angelegenheiten ihrer Familie einmischen. Wenn sie wegreiste, stellten wir deshalb auch nicht viele Fragen. Wir haben nicht damit gerechnet, dass Farhod und ihr etwas Schlimmes zustoßen könnte….“</p>
<p><figure id="attachment_18050" aria-describedby="caption-attachment-18050" style="width: 496px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-18050" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/09/505bd308-99dc-4da2-a206-e2a060a81f23.jpeg" alt="Farhods Vater Ilhom Usmonow " width="496" height="330" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/09/505bd308-99dc-4da2-a206-e2a060a81f23.jpeg 496w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/09/505bd308-99dc-4da2-a206-e2a060a81f23-300x200.jpeg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2019/09/505bd308-99dc-4da2-a206-e2a060a81f23-128x86.jpeg 128w" sizes="auto, (max-width: 496px) 100vw, 496px" /><figcaption id="caption-attachment-18050" class="wp-caption-text">Farhods Vater Ilhom Usmonow</figcaption></figure></p>
<p style="text-align: justify"><em>„Haben Sie ebenfalls nichts geahnt?“</em>, fragen wir den Vater von Farhod, den 56-jährigen Ilhom Usmonow.</p>
<p style="text-align: justify">„Mein Sohn hat einen Abschluss in Musik, aber hier konnte er nicht arbeiten, deshalb ist er mit mir für Jobs nach Moskau gereist“, beginnt Farhods Vater. <em>„2017 wurde ich krank und kehrte für ganze sechs Monate in die Heimat zurück. Als ich wieder nach Moskau reiste, waren Farhod und meine Schwiegertochter unauffindbar. Nodira war ihm nachgereist und auch verschwunden. Die Suche verlief ergebnislos. Einige Male setzte sich unser Sohn über mir unbekannte Nummern mit uns in Verbindung, aber die Anrufe waren kurz und er sagte nicht, wo er sich befindet und was er macht. Ich kehrte nach Tadschikistan zurück, ging selbst zu den Sicherheitskräften und erzählte alles, was mir bekannt war. Ein Jahr lang lebten wir in der Erwartung, von unserem Sohn oder den Sicherheitskräften zu hören. Vor zwei Monaten wurde mir endlich mitgeteilt, dass Farhod sich in Afghanistan befindet. Die Schwiegertochter mit den drei Kindern haben sie zurückgebracht. Sie wurde freigesprochen. Dafür bin ich den Mitarbeitern des Geheimdienstes sehr dankbar. Als sie sie zurückbrachten hieß es, dass auch Farhod hergeholt wird.“</em></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Ratlosigkeit über die Motive des Sohnes</strong></p>
<p style="text-align: justify"><em>„Was denken Sie, warum geriet Ihr Sohn an den IS?“</em></p>
<p style="text-align: justify"><em>„Wir sind alle bis jetzt schockiert! Farhod war ein sehr ruhiger und schweigsamer Typ. Er spielte <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Rubab">Rubab</a> (Saiteninstrument) und Gitarre. Er hat eine gute Stimme, sang und trat häufig auf unterhaltsamen Veranstaltungen auf. Während der Semesterferien fuhr er mit mir für Jobs nach Russland. Danach heiratete er und musste ab dem dritten Kurs zu einem Fernstudium wechseln. Er hat die Hochschule mit Auszeichnung abgeschlossen. Gebetet hat er nie, er hat sich nicht zur Religion hingezogen gefühlt. Farhod war ein sehr weltlicher Mensch. Niemand weiß, wie und wo sie ihn der Hirnwäsche unterzogen und wie sie ihn angeworben haben. Mir ist bekannt, dass einige unserer jungen Arbeitsmigranten in Russland ins Netz von Abgesandten terroristischer und extremistischer Gruppen geraten. Aber ich hätte niemals gedacht, dass sich unter ihnen auch mein Sohn befinden würde“</em>, Farhods Vater schlägt die Arme über dem Kopf zusammen.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch bei Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kirgistan/wie-extremisten-arbeitsmigranten-aus-zentralasien-anwerben/"><strong>Wie Extremisten Arbeitsmigranten aus Zentralasien anwerben</strong></a></p>
<p style="text-align: justify">Ilhom Usmonow hofft, dass sein Sohn schon nach Tadschikistan ausgeliefert wurde und sich jetzt in den Händen des Geheimdienstes befindet. Während der Vorbereitung dieses Artikels wurde bekannt, dass Kabul Duschanbe die letzte Gruppe tadschikischer Staatsbürger übergeben hat, die in afghanischen Gefängnissen ihre Strafe absaßen. Zum jetzigen Zeitpunkt befinden sich keine tadschikischen Staatsbürger mehr in afghanischen Gefängnissen.</p>
<p style="text-align: justify"><em>„2012 verschwand mein mittlerer Sohn Fahriddin spurlos in Russland. Ich habe die Sicherheitskräfte über sein Verschwinden informiert, aber bis jetzt kein Wort mehr gehört und wir wissen nicht, wo er sich befindet. Ich will nicht noch einen Sohn verlieren… Ich glaube, dass Farhod es bereuen wird und Freiheit erlangt. Bestimmt hat er sich schon zu seiner Schuld bekannt und wird in Zukunft auf dem rechten Weg bleiben“</em>, schließt Ilhom Usmonow.</p>
<p style="text-align: right"><strong>Tilaw Rasul-sade für </strong><a href="https://fergana.agency/articles/108615/"><strong>Fergana News</strong></a></p>
<p style="text-align: right"><strong>Aus dem Russischen von Marie Schliesser</strong></p>
<p><p><span style="font-weight: 400;">Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen, schaut mal vorbei bei </span><a href="https://twitter.com/novastan_de"><span style="font-weight: 400;">Twitter</span></a><span style="font-weight: 400;">, </span><a href="https://www.facebook.com/Novastan.org/"><span style="font-weight: 400;">Facebook</span></a><span style="font-weight: 400;">, </span><a href="https://telegram.me/novastan"><span style="font-weight: 400;">Telegram</span></a><span style="font-weight: 400;">, </span><a href="https://www.linkedin.com/company/novastan/"><span style="font-weight: 400;">Linkedin</span></a><span style="font-weight: 400;"> oder </span><a href="https://www.instagram.com/novastanorg/"><span style="font-weight: 400;">Instagram</span></a><span style="font-weight: 400;">. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem </span><a href="http://eepurl.com/O0Qub"><span style="font-weight: 400;">wöchentlichen Newsletter anmelden</span></a><span style="font-weight: 400;">. </span></p></p>
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