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	<title>hriedler, Author at Novastan Deutsch</title>
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	<description>Wissenswertes und Nachrichten aus Kirgistan, Tadschikistan, Usbekistan, Kasachstan und Turkmenistan</description>
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	<title>hriedler, Author at Novastan Deutsch</title>
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		<title>Wie sowjetische Intellektuelle und Beamte für Nehru die Geschichte umschrieben</title>
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		<dc:creator><![CDATA[hriedler]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 21 May 2020 16:59:30 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Die Historikerin Hanna Jansen von der Universit&#xE4;t Amsterdam hat die kurzlebigen Bestrebungen indischer und zentralasiatisch-sowjetischer Wissenschaftler und Schriftsteller untersucht, welche auf eine kulturelle und ideologische Umstrukturierung der UNESCO abzielten. Folgender Artikel erschien im russischen Original bei Fergana News, wir &#xFC;bersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion. Nach dem Zweiten Weltkrieg, Indiens erfolgreichem Unabh&#xE4;ngigkeitskampf und dem [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify"><strong>Die Historikerin Hanna Jansen von der Universität Amsterdam hat die kurzlebigen Bestrebungen indischer und zentralasiatisch-sowjetischer Wissenschaftler und Schriftsteller untersucht, welche auf eine kulturelle und ideologische Umstrukturierung der UNESCO abzielten. Folgender Artikel erschien im russischen Original bei <a href="https://fergana.news/articles/117458/">Fergana News</a>, wir übersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.</strong></p>
<p style="text-align: justify">Nach dem Zweiten Weltkrieg, <span style="font-weight: normal"><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Teilung_Indiens">Indiens erfolgreichem Unabhängigkeitskampf</a></span> und dem Aufstieg des kommunistischen China in internationalen Organisationen &#8211; der UNO und insbesondere der UNESCO &#8211; wehte ein frischer Wind. Im Zuge dieser Aufbruchsstimmung in den 1950er Jahren erhielten Schriftsteller und Wissenschaftler aus dem sowjetischen Zentralasien die einmalige Chance, die Weltbühne zu betreten. Gemeinsam mit ihren Kollegen aus Indien versuchten sie, die Infrastruktur der UNESCO auf ein neues Programm &#8222;umzustellen&#8220;, bei dem die historische Einheit der Völker Asiens und Afrikas, unabhängig von modernen politischen Grenzen und ideologischen Lagern, im Vordergrund stehen sollte. Zentralasiatische Intellektuelle, so die Historikerin <a href="https://www.uva.nl/en/profile/j/a/h.e.jansen/h.e.jansen.html?cb">Hanna Jansen</a> (Universität Amsterdam), arbeiteten nicht nur für Nikita Chruschtschows &#8222;Soft Power&#8220;-Strategie, sondern setzten sich auch bewusst für die Einigkeit zwischen den Völkern Asiens und Afrikas ein. Das Schicksal dieses Projekts ist Gegenstand von Jansens Studie &#8222;«Afro-Asians» in UNESCO: Reorienting World History“, die kürzlich in der wissenschaftlichen Zeitschrift Journal of World History <a href="https://muse.jhu.edu/article/729109">veröffentlicht</a> wurde.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Wie alles begann</strong></p>
<p style="text-align: justify">Unter Joseph Stalin wurden die zentralasiatischen Republiken in anderen asiatischen Staaten als sowjetisch, und damit in erster Linie als &#8222;europäisch&#8220; wahrgenommen, und sie wurden nicht zur ersten <span style="font-weight: normal"><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Bandung-Konferenz">Konferenz asiatischer und afrikanischer Länder in Bandung</a></span> (1955) einberufen. Doch nach der Annäherung der UdSSR an Indien, nach der Aufmerksamkeit von <span style="font-weight: normal"><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Jawaharlal_Nehru">Jawaharlal Nehru</a></span> und Chruschtschow für &#8222;soft power&#8220; (Fergana <span style="font-weight: normal"><a href="https://fergana.ru/articles/115239/">schrieb kürzlich</a></span> darüber [auf Russisch. Anm. d. Red.]), änderte sich die Situation, und Vertreter Zentralasiens und Transkaukasiens vertraten ganz unabhängig voneinander die Kultur und die wirtschaftlichen Errungenschaften ihrer Republiken auf der internationalen Bühne. Die wichtigste Plattform für sie war das 1956 gegründete Sowjetische Komitee für die Solidarität unter den Ländern Asiens und Afrikas (SKSAA).</p>
<p style="text-align: justify"><p style="background-color: #d4d4d4;"><span style="color: #000000;">Novastan ist das einzige deutschsprachige Nachrichtenmagazin über Zentralasien. Wir arbeiten auf Vereinsgrundlage und <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/werde-unser-mitglied-werde-novastan/"><strong>Dank eurer Teilnahme</strong></a>. Wir sind <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/unser-projekt/">unabhängig</a> und wollen es bleiben, dafür brauchen wir euch! Durch jede noch so kleine <strong><a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/spenden/">Spende</a></strong> helft ihr uns, weiter ein realitätsnahes Bild von Zentralasien zu vermitteln.</span></p></p>
<p style="text-align: justify">Neben dem internationalen Kulturaustausch arbeiteten seine Mitglieder auch an einem wissenschaftlichen Programm: der Erforschung und Aktualisierung des kulturellen Erbes der Völker des Ostens. Das Hauptwerk von Nehru, &#8222;Die Entdeckung Indiens&#8220;, in dem der erste indische Ministerpräsident das gemeinsame kulturelle Erbe als Gegenmittel gegen religiöse und politische Konflikte (etwa zwischen Hindus und Muslimen) erklärte, hatte das gleiche Ziel. Unter Stalin wäre Nehrus Buch als Modell des bürgerlichen Nationalismus gebrandmarkt worden, aber bereits während des <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Tauwetter-Periode">Tauwetters</a> wurde es für seinen Humanismus gelobt und als herausragendes Beispiel für den gesamten Osten angesehen. Bereits das SKSAA kritisierte die UNESCO wegen ihres Eurozentrismus, der sich u.a. in der zahlenmäßigen Überlegenheit der europäischen Mitgliedsstaaten und der mangelnden Aufmerksamkeit für die kulturellen Errungenschaften Asiens ausdrückte. Die Kritik blieb nicht ohne Folgen, und als die UdSSR der Organisation beitrat, wurde ihr Vertreter, der Orientalist <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Alexander_Andrejewitsch_Guber">Alexander Huber</a>, in die Redaktion des mehrbändigen Buches &#8222;Intellektuelle und wissenschaftliche Geschichte der Menschheit&#8220; aufgenommen &#8211; eine Idee des großen britischen Sinologen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_Needham">Joseph Needham</a>. Needham und seine Kollegen versuchten, einen neuen Typus der Geschichtsbeschreibung zu begründen, bei dem nicht wie üblich die Politik oder die westlichen Kolonisatoren die Hauptrolle spielen sollten. Sie hatte vielmehr zum Ziel, eine komplexe Analyse der Errungenschaften östlicher Kulturen, die gleichberechtigt mit den westlichen angesehen werden, zu leisten.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/die-sowjetische-geschichte-zentralasiens-12/">Die sowjetische Geschichte Zentralasiens (1/2)</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">Zusätzlich zur &#8222;Geschichte der Menschheit&#8220; begann in denselben Jahren unter der Schirmherrschaft indischer Intellektueller die Arbeit an einem weiteren ehrgeizigen Projekt: einem mehrbändigen Buch zur &#8222;Geschichte Asiens&#8220;. Sie wurde persönlich von Jawaharlal Nehru geleitet, und dem Redaktionsausschuss gehörten viele Wissenschaftler aus der ganzen Welt an, darunter der berühmte britische Historiker <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Arnold_J._Toynbee">Arnold Toynbee</a> und der indische Botschafter in Frankreich, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/K._Madhava_Panikkar">Kawalam Madhava Panikkar</a>. Das Projekt verfolgte einen demokratischen, integrativen Ansatz &#8211; es wollte zeigen, dass die Weltzivilisation nicht von Staaten, sondern von Völkern und ihren Verbindungen, kultureller Arbeit und intellektuellen Errungenschaften von Gruppen geschaffen wird, die unabhängig von staatlichen Autoritäten sind. Der asiatische Kontinent fungierte als Linse, durch die man die Verbindungen und Überschneidungen zwischen verschiedenen Trends in der kulturellen Entwicklung sehen kann.</p>
<p style="text-align: justify"><b>Gafurov und die große Strategie der Tadschiken</b></p>
<p style="text-align: justify">Die UdSSR beteiligte sich aktiv an diesem Programm einer Umschreibung der Geschichte &#8211; sie wurde demokratischer und bestritt offen die Rolle des Westens als Hauptmotor der Weltgeschichte. Der neue Direktor des Instituts für Orientalistik der Akademie der Wissenschaften der UdSSR wurde <span style="font-weight: normal"><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Bobodschon_Ghafurow">Bobodschon Gafurov</a></span>, ehemaliger Erster Sekretär der Kommunistischen Partei Tadschikistans. Mit dieser Ernennung versuchte Chruschtschow der Welt zu zeigen, dass die Vertreter der östlichen Völker in der UdSSR die wissenschaftliche Agenda selbst bestimmen können. 1957 wurde Gafurov Vorsitzender des sowjetischen Komitees für die Beziehungen zwischen Ost und West, und mit der UNESCO verband ihn eine Freundschaft mit <span style="font-weight: normal"><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mirso_Tursunsoda">Mirso Tursunsoda</a></span>, dem Vorsitzenden des sowjetischen Solidaritätskomitees für Asien und Afrika. Darüber hinaus war Igor Reisner, ein Mitglied des Redaktionsausschusses der &#8222;Geschichte Asiens&#8220;, bereits in den 1940er Jahren Gafurovs wissenschaftlicher Direktor.</p>
<p style="text-align: justify"><p style="background-color: #d4d4d4;"><span style="color: #000000;">Lust auf Zentralasien in eurer Mailbox? Abonniert unseren kostenlosen wöchentlichen Newsletter <strong><span style="text-decoration: underline;"><a href="https://2ff41361.sibforms.com/serve/MUIFAD3kOVgHRZMEzVL0tQuvV__Lm5slYuTqY-DEgdyDpH9WazOpCwYD2CLbIZdPKxyD_Mnaw2SKMY78StG6vCfPNIE1HcIumNXgnjsKyqsb8MuZ5Ng1jN3cNsBhf4SSp2VDJAgy_38b6jiUL7aU6Y-RaIAVhUpNqW1tNwmWOB-8YcNp9LBWEk57rUlkszlx_tQ8qxYED63Sz6UU">mit einem Klick.</a></span></strong></span></p></p>
<p style="text-align: justify">Gafurovs Arbeiten standen den neuen UNESCO-Projekte nahe. Als Historiker wurde er von der humanistischen Tradition der vorrevolutionären Orientalistik geprägt. In seinem ersten Buch (&#8222;Die Geschichte des tadschikischen Volkes&#8220;) schenkte er dem Klassenkampf, den Wirtschaftskonflikten und anderen für einen marxistischen Historiker obligatorischen Themen viel weniger Aufmerksamkeit als den kulturellen Beziehungen und dem Dialog zwischen wandernden Sufis, muslimischen Hofdichtern und Händlern. Darüber hinaus kritisierte Gafurov von Beginn seiner akademischen Laufbahn an westliche Geschichtskonzepte und betonte die Notwendigkeit, die Vergangenheit des tadschikischen Volkes, eines &#8222;Volkes ohne Geschichte&#8220;, das von &#8222;bürgerlichen Historikern&#8220; ignoriert wird, der Welt zu öffnen. Wie Nehru in &#8222;Die Entdeckung Indiens“ argumentierte Gafurov, dass die Geschichte des tadschikischen Volkes der Welt beweisen würde, dass die Menschen Zentralasiens zur Schatzkammer der menschlichen Kultur beigetragen haben.</p>
<figure id="attachment_21787" aria-describedby="caption-attachment-21787" style="width: 720px" class="wp-caption alignnone"><img fetchpriority="high" decoding="async" class="size-full wp-image-21787" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/05/Gafurov-Museum-in-Tadschikistan.jpg" alt="" width="720" height="478" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/05/Gafurov-Museum-in-Tadschikistan.jpg 720w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/05/Gafurov-Museum-in-Tadschikistan-300x199.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/05/Gafurov-Museum-in-Tadschikistan-128x86.jpg 128w" sizes="(max-width: 720px) 100vw, 720px" /><figcaption id="caption-attachment-21787" class="wp-caption-text">Gafurov-Museum in Gafurov, Tadschikistan</figcaption></figure>
<p style="text-align: justify">So waren die Kulturprogramme und Buchprojekte der UNESCO bis Mitte der 1950er Jahre für viele Politiker zu einer strategischen Ressource geworden. Die Ideologie der Einheit zwischen den Völkern Asiens und Afrikas half Nehru bei der Bekämpfung des Konflikts zwischen Muslimen und Hindus im unabhängigen Indien und Gafurov bei der Aufwertung des tadschikischen Volkes, das nicht mehr als Zusammenschluss von Bewohnern einer kleinen Bergrepublik, sondern als Schlüsselelement in der Geschichte und Kultur des Ostens wahrgenommen werden sollte. Der sowjetische Generalsekretär Chruschtschow war indes mit der Lösung von konkreteren Aufgaben beschäftigt: Jede öffentliche Aktivität der Zentralasiaten auf der Weltbühne war für sein Projekt der &#8222;Wende nach Osten&#8220;, die diplomatische Annäherung an die neuen unabhängigen Staaten Asiens und Afrikas, von Nutzen.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/tadschikistan/25-jahre-unabhngigkeit-tadschikistans-komplizierte-geschichte/">25 Jahre Unabhängigkeit: Tadschikistans komplizierte Geschichte</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">Aber auch Vertreter der Sowjetrepubliken zogen aktiv die Decke über sich zusammen und arbeiteten an der Umgestaltung der SKSAA-Agenda. Jansen schreibt ausführlich über die Diskussionen auf einer Sitzung des Präsidiums der Organisation im November 1956. Der kasachische Schriftsteller <span style="font-weight: normal"><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Muchtar_%C3%84uesow">Muchtar Auezov</a></span> schlug vor, in den Hauptstädten der Republiken Konferenzen der afroasiatischen Solidarität abzuhalten und in den sowjetischen Medien mehr über die zentralasiatischen Republiken zu berichten. Trotz der grundsätzlichen sowjetischen Furcht vor Spionen und des schwindenden Einflusses bürgerlicher Länder wurden grenzüberschreitende Verbindungen anvisiert: Der georgische Regisseur Akaki Chorava wies auf die Bedeutung der Beziehungen zwischen georgischen Muslimen in Georgien, Iran und der Türkei hin, und der Präsident der Turkmenischen Akademie der Wissenschaften, Tagan Berdiev, sagte, dass die Turkmenen im Irak, Iran und der Türkei der UdSSR helfen würden, enge Verbindungen mit der fortschrittlichen Intelligenz dieser Länder herzustellen.</p>
<p style="text-align: justify">Die Historikerin betont, dass internationale Solidarität und interkulturelle Kontakte für die Mitglieder des SKSAA keine abstrakten Schlagworte waren, sondern ein Spiegelbild ihrer realen Lebenserfahrung. Gafurov und Tursunsoda verbrachten ihre Kindheit in einem mehrsprachigen und multinationalen Umfeld, das noch nicht in die getrennten Republiken &#8222;Usbekistan&#8220; und &#8222;Tadschikistan&#8220; aufgeteilt war. Auch ihre islamische Erziehung spielte eine wichtige Rolle &#8211; der Islam nicht als eine fanatische religiöse Tradition, sondern als Grundlage einer völkerverbindenden Kultur. In Gafurovs historischem Konzept vereinten die Sufi-Dichtung und die islamische Literatur im Allgemeinen die Völker des Ostens, die durch Kriege und Politiker gespalten waren.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Höhepunkt und Ende des globalen Projekts</strong></p>
<p style="text-align: justify">Der Höhepunkt der &#8222;Vereinigung&#8220; der UNESCO, des Kremls und der zentralasiatischen Eliten war <span style="font-weight: normal"><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Afro-Asiatische_Schriftstellerorganisation">die Konferenz der Schriftsteller Asiens und Afrikas</a></span> in Taschkent (Oktober 1958). Die Wahl des Ortes &#8211; nicht Moskau, sondern die Hauptstadt des &#8222;sowjetischen Ostens&#8220; &#8211; kam auch den einheimischen Intellektuellen zugute und demonstrierte der Welt, dass Entkolonialisierung und Modernisierung auch auf dem sozialistischen Entwicklungspfad möglich sind. Zur Eröffnung der Konferenz rief der Erste Sekretär der Kommunistischen Partei Usbekistans, <span style="font-weight: normal"><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Nuritdin_Akramowitsch_Muchitdinow">Nuritdin Muchitdinov</a></span>, die Schriftsteller dazu auf, das jahrhundertealte gemeinsame Erbe von Kultur und Geschichte nicht zu vergessen. Es gab nicht ausschließlich sowjetische Propaganda zu hören: Der Kongress wurde vom burmesischen Führer Wu Wu, weit entfernt vom Kommunismus, eröffnet. Wu Wus Rede befand sich im Einklang mit der gleichen Ideologie: Humanismus und ein gemeinsames spirituelles Erbe der Völker Asiens werden es ihnen, nachdem sie das Joch der Kolonisatoren abgeworfen haben, ermöglichen, nicht in die romantische Faszination der vorkolonialen Vergangenheit einzutauchen, sondern eine rasche Modernisierung einzuleiten.</p>
<p style="text-align: justify">Das kulturelle und ideologische Programm von Gafurov, Tursunsoda und Nehru stieß jedoch auch auf Widerstand. Die Kommunistische Partei Chinas und ihr Vorsitzender Mao persönlich lehnten die Ideen der &#8222;geistigen Einheit der Völker Asiens&#8220; als Widerspruch zum Sozialismus und als Deckmantel für den &#8222;Sowjetimperialismus&#8220; ab. Auch afrikanische Delegierte der Organisation für die Solidarität der Völker Asiens und Afrikas konnten solchen kulturellen Projekten nichts abgewinnen: Man solle nicht an Humanismus und Literatur denken, sondern für die Unabhängigkeit der noch unter der Macht der Kolonisatoren leidenden Völker kämpfen.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/usbekistan/die-geschichte-der-geschichte-wie-die-vergangenheit-aus-usbekischen-lehrbuechern-verschwindet/">Die Geschichte der Geschichte: Wie die Vergangenheit aus usbekischen Lehrbüchern verschwindet</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">Aber es waren nicht diese politischen Ausbrüche, die das Projekt schließlich begraben sollten, sondern die allmähliche Entwicklung des intellektuellen Klimas der UNESCO. Der globale, universalistische Schwung der Geschichte der Menschheit oder der Geschichte Asiens kam aus der Mode. 1958 sandte Gafurov eine Reihe von Briefen an verschiedene Abteilungen der UNESCO und forderte mehr Aufmerksamkeit für die Werke zeitgenössischer Schriftsteller des &#8222;Ostens&#8220;, wie etwa Muchtar Auezovs. Die Idee eines einzigen &#8222;Ostens&#8220;, in dem neben den sowjetischen Kasachen auch Inder präsent sind, passte nicht in die Logik der UN-Bürokratie. Gafurov wurde jedoch eingeladen, sich bei bestimmten Staaten und deren Kulturprogrammen um Unterstützung zu bemühen.</p>
<p style="text-align: justify">Die Wissenschaft der damaligen Zeit trug auch zu der Idee bei, dass &#8222;der Osten&#8220; und sogar &#8222;Asien&#8220; zu amorphe und abstrakte Objekte seien und nur bestimmte Länder und Regionen erforscht werden könnten. Kurze Zeit später wurde Nehru in der Regierungspartei Indiens aus der Macht gedrängt, und ihr <span style="font-weight: normal"><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Indisch-Chinesischer_Grenzkrieg">Konflikt mit China 1962</a></span> und die darauffolgende Annäherung an den Westen archivierten schließlich das Projekt der revolutionären Kultur Asiens und Afrikas. Die &#8222;Geschichte Asiens&#8220; wurde nie veröffentlicht. Gafurov und andere zentralasiatische Persönlichkeiten arbeiteten zwar noch in zahlreichen sowjetischen Ausschüssen, aber sie versuchten nicht mehr, globale Projekte umzusetzen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p style="text-align: right"><strong>Artjem Kosmarskij für <a href="https://fergana.news/articles/117458/">Fergana</a> <a href="https://fergana.ru/articles/117133/">News</a></strong></p>
<p style="text-align: right"><strong>Aus dem Russischen von Hannah Riedler</strong></p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>„Man sagte uns, wir sollten Häuser bauen“ &#8211; Tadschikische Liquidatoren erinnern sich an Tschernobyl</title>
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		<dc:creator><![CDATA[hriedler]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 15 May 2020 17:20:44 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Tadschikistan]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Sowjetunion]]></category>
		<category><![CDATA[Tschernobyl]]></category>
		<category><![CDATA[Umwelt]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Der 26. April, der Tag des Reaktorunfalls im Kernkraftwerk Tschernobyl 1986, ist heute ein internationales Gedenktag f&#xFC;r die Opfer von Strahlenkatastrophen. Etwa 6000 Tadschiken haben in den Folgejahren an der Beseitigung der Folgen mitgewirkt. Heute leben noch mehr als 1800 ehemalige Liquidatoren, 1450 mit bleibenden Behinderungen.&#xA0;Folgender Artikel erschien im russischen Original bei Fergana News, wir [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><b>Der 26. April, der Tag des Reaktorunfalls im Kernkraftwerk Tschernobyl 1986, ist heute ein internationales Gedenktag für die Opfer von Strahlenkatastrophen. Etwa 6000 Tadschiken haben in den Folgejahren an der Beseitigung der Folgen mitgewirkt. Heute leben noch mehr als 1800 ehemalige Liquidatoren, 1450 mit bleibenden Behinderungen.<span class="Apple-converted-space"> </span></b><b>Folgender Artikel erschien im russischen Original bei</b> <a href="https://fergana.ru/articles/117133/"><strong>Fergana News</strong></a><b>, wir übersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.</b></p>
<p style="text-align: justify;">Die meisten tadschikischen Männer, die in das Katastrophengebiet geschickt wurden, dienten damals in der sowjetischen Armee. Die Beamten sagten ihnen jedoch nicht die Wahrheit, wohin und warum sie dorthin gingen. Junge, gesunde Männer wurden zur Arbeit in der verstrahlten Zone herangezogen &#8211; oft unter Verstoß gegen etablierte Normen und Sicherheitsregeln.<span class="Apple-converted-space"> </span></p>
<p style="text-align: justify;">Erst Monate oder gar Jahre nach ihrer Rückkehr aus Tschernobyl erfuhren jene Männer, dass sie dort hohen Strahlendosen ausgesetzt gewesen waren und sich in ihnen nun schwere Krankheiten entwickelten. Mehr als 1300 Kinder mit chronischen Krankheiten oder Beeinträchtigungen wurden als Kinder von Tschernobyl-Opfern allein in Tadschikistan geboren.</p>
<p style="text-align: justify;"><p style="background-color: #d4d4d4;"><span style="color: #000000;">Novastan ist das einzige deutschsprachige Nachrichtenmagazin über Zentralasien. Wir arbeiten auf Vereinsgrundlage und <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/werde-unser-mitglied-werde-novastan/"><strong>Dank eurer Teilnahme</strong></a>. Wir sind <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/unser-projekt/">unabhängig</a> und wollen es bleiben, dafür brauchen wir euch! Durch jede noch so kleine <strong><a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/spenden/">Spende</a></strong> helft ihr uns, weiter ein realitätsnahes Bild von Zentralasien zu vermitteln.</span></p></p>
<p style="text-align: justify;">Kibriyo Ganieva, Vorsitzende der NGO„Verband der Tschernobyl-Invaliden“ in <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Chudschand">Chudschand</a>, erinnert sich noch gut an jenen Abend des 7. April 1989. Es war bereits dunkel, als Menschen in Militäruniform zu ihrem Haus kamen. Als sie sich als Angestellte des Militärkommissariats von Leninabad (früherer Name Chudschands) vorstellten, sagten sie zu ihrem Ehemann, dem damals 35-jährigen Nozir Ganiev, er solle am folgenden Tag mit seinen Habseligkeiten in ein Ausbildungslager kommen.<span class="Apple-converted-space"> </span></p>
<p style="text-align: justify;"><b>Gesundheitsschäden folgten bald</b></p>
<p style="text-align: justify;">„<i>Nozir war ein guter Koch und arbeitete in dem angesehenen Restaurant Panjshanbe, das nicht nur in Chudschand, sondern in der ganzen Republik bekannt war. Aus allen Ecken Tadschikistans kamen Menschen, um speziell von meinem Mann zubereitete Gerichte zu probieren&#8220;</i>, erinnert sich seine Frau<i>. </i>Er sei oft zu großen Veranstaltungen mit Hunderten von Menschen eingeladen worden und hätte Plov besonders meisterhaft gekocht. Er reiste am 8. April ab und sagte seiner Familie, dass er in die Ukraine geschickt würde, aber warum? Niemand wusste das. Dann stellte sich heraus, dass er nach Tschernobyl geschickt worden war, um die Folgen des Unfalls im Atomkraftwerk zu beseitigen. Er kehrte fast sechs Monate später zurück, am zweiten Oktober desselben Jahres, wie Ganieva sich erinnert.</p>
<p style="text-align: justify;"><b>Lest auch bei Novastan: </b><a href="https://novastan.org/de/kasachstan/semipalatinsker-testgelaende-das-atomare-erbe-der-sowjetunion-in-kasachstan/">Semipalatinsker Testgelände: Das atomare Erbe der Sowjetunion in Kasachstan</a></p>
<p style="text-align: justify;">Vor Tschernobyl sei Nozir ein vollkommen gesunder Mann gewesen, sagte sie. Nach seiner Rückkehr arbeitete er noch eine Zeit lang. Aber die Strahlenbelastung machte sich <a href="https://www.ippnw.de/commonFiles/pdfs/Atomenergie/Gesundheitliche_Folgen_Tschernobyl.pdf">bald bemerkbar</a>. Nozir bekam starke Schmerzen, die ihn dann buchstäblich umwarfen. Bei Nozir wurde Leukämie festgestellt. Er war lange Zeit bettlägerig, sei aber mutig mit seinen Schmerzen umgegangen und habe sich nie beschwert.<span class="Apple-converted-space"> </span></p>
<p style="text-align: justify;">„<i>Ich war die Einzige, die wusste, welches Leid er durchmachte. Nozir starb sieben Jahre nach seiner Rückkehr aus Tschernobyl. Die Freunde meines Mannes baten mich im Gedenken an ihn, die Leitung der Chudschand-Filiale des Verbands der Tschernobyl-Invaliden zu übernehmen. Ich machte mich daran, die Tschernobyl-Opfer zu festigen, ihnen zu helfen, rechtliche und materielle Hilfe zu erhalten. Jetzt arbeiten wir zum Beispiel an einem Antrag an die Regierung, die Tschernobyl-Opfer ganz oder zumindest teilweise von den Stromkosten zu befreien&#8220;</i>, sagt Ganieva.</p>
<figure id="attachment_21623" aria-describedby="caption-attachment-21623" style="width: 1024px" class="wp-caption aligncenter"><img decoding="async" class="size-large wp-image-21623" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/05/1522px-IAEA_02790037_5612537827-1024x727.jpg" alt="Liquidatoren in Tschernobyl nach der Reaktor-Katastrophe erhalten Extra-Lebensmittelrationen: Kondensmilch und Fischkonserven. Historisches Bild der Ukrainischen Gesellschaft für Freundschaft und Kulturbeziehungen mit anderen Staaten (USFCRFC)." width="1024" height="727" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/05/1522px-IAEA_02790037_5612537827-1024x727.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/05/1522px-IAEA_02790037_5612537827-300x213.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/05/1522px-IAEA_02790037_5612537827-768x545.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/05/1522px-IAEA_02790037_5612537827-1300x922.jpg 1300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/05/1522px-IAEA_02790037_5612537827.jpg 1522w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption id="caption-attachment-21623" class="wp-caption-text">Liquidatoren in Tschernobyl nach der Reaktor-Katastrophe erhalten Extra-Lebensmittelrationen: Kondensmilch und Fischkonserven. Historisches Bild der Ukrainischen Gesellschaft für Freundschaft und Kulturbeziehungen mit anderen Staaten (USFCRFC). Credit: IAEA Imagebank/Wikipedia</figcaption></figure>
<p style="text-align: justify;">Die Folgen von Tschernobyl betrafen auch die jüngste Tochter der Ganievs: Sie war das einzige von vier Kindern, das nach der Rückkehr von Nozir aus dem verstrahlten Gebiet geboren wurde. Die heute 24-jährige leidet an Blutarmut.<span class="Apple-converted-space"> </span></p>
<p style="text-align: justify;">Viele der Kinder von Tschernobyl leiden an chronischen Krankheiten und benötigen ständige Behandlung und Unterstützung. Die Auswirkungen der Strahlenbelastung können die Gesundheit noch mehrerer Generationen nach den Liquidatoren selbst beeinträchtigen.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Ein</strong> <b>Arbeitstag dauerte 20 Minuten</b></p>
<p style="text-align: justify;">Der ebenfalls in Chudschand lebende Homidžon Obidžonov nahm nach seinem Militärdienst eine Stelle als Betonarbeiter im städtischen Wohnungsbauwerk an. Am 16. Mai 1989 kehrte er spät nach Hause zurück. Es war bereits dunkel. Mitglieder des städtischen Militärkommissariats warteten bereits an der Tür und baten ihn, morgen mit ein paar Garnituren an Wechselkleidung zu ihnen zu kommen.<span class="Apple-converted-space"> </span></p>
<p style="text-align: justify;">Das Gespräch war kurz. Sie sagten nur, dass er als Teil des Bauteams nach Russland geschickt würde, um dort neue Wohngebäude zu bauen. Am nächsten Morgen sah Obidžonov eine Schar junger Männer im Militärausschuss. Es gab viele wie ihn. Sie kamen in Zugwaggons<span class="Apple-converted-space">  </span>und dachten, sie fuhren nach Russland. Bis zur Ankunft am Zielort wurde ihnen die Wahrheit vorenthalten.</p>
<p style="text-align: justify;"><b>Lest auch bei Novastan: </b><a href="https://novastan.org/de/kirgistan/von-radioaktivitaet-bedroht-das-dorf-kadschi-saj/">Von Radioaktivität bedroht: Das Dorf Kadschi-Saj</a></p>
<p style="text-align: justify;"><i>„Die Offiziere haben uns getäuscht: Sie brachten uns nach Tschernobyl statt nach Russland. Sie haben uns in einer Militäreinheit untergebracht, die 18 Kilometer vom Unfallort entfernt war. Sie gaben uns Overalls. Als wir zur Arbeit gingen, zogen wir sie in der Umkleidekabine an und legten eine Gasmaske an.“<span class="Apple-converted-space"> </span></i></p>
<p style="text-align: justify;">Er habe in Block vier des Kernkraftwerks gearbeitet und getan, was ihm aufgetragen wurde. Zum Beispiel, verschiedene Baumaterialien zu transportieren. Ein Arbeitstag habe nur 20 Minuten gedauert. Danach wurden alle mit einem speziellen Gerät untersucht, die Kleidung chemisch behandelt, dann in eine spezielle Urne geworfen und irgendwo vergraben. Jeder Arbeiter hatte seinen eigenen persönlichen Schrank, auf dem Vor-, Nach- und Vatersname standen, erinnert er sich. Obidžonov wurde am 3. September 1989 aus Tschernobyl nach Hause geschickt.<span class="Apple-converted-space"> </span></p>
<p style="text-align: justify;">Heute ist er 66 Jahre alt. Und Invalide der dritten Gruppe. Auf dieser Grundlage erhält er eine Rente von 800 Somoni (81 Dollar). Den größten Teil des Geldes braucht er für Medikamente zur Behandlung von Krankheiten, die auf die damalige Strahlenbelastung zurückzuführen sind.</p>
<p style="text-align: justify;"><i>„Ich hatte bereits zwei Kinder, bevor ich nach Tschernobyl ging. Als ich zurückkehrte, bekamen wir keine weiteren Kinder, obwohl meine Frau und ich das wollten. Ich brach schnell zusammen, alle meine Zähne fielen aus. Mein Gedächtnis wurde sehr schlecht, meine Gelenke begannen zu schmerzen. Ich war jung und gesund, aber kam behindert zurück&#8220;,</i> sagt der ehemalige Liquidator.</p>
<p style="text-align: justify;"><b>Sicherheitsbegrenzungen überschritten</b></p>
<p style="text-align: justify;">Agzam Hodžiev wurde wie die anderen Liquidatoren nach Tschernobyl geschickt: heimlich und getäuscht. Er stammte aus dem Dorf Poshkent im Distrikt Ura-Tube (heute Istaravshan) und arbeitete nach seinem Abschluss an der Bau-Fachschule in Zafarabad als Gipsmaler in der Bauorganisationen der Region Leninabad (heute Chudschand). Am späten Abend im September des Jahres 1988 erhielt er eine Vorladung, am nächsten Tag vor dem Militärausschuss zu erscheinen &#8211; mit Kleidung, angeblich für zehn Tage Militär-Training. Stattdessen wurde auch er mit anderen Männern, die sich im Militärausschuss versammelten, zunächst nach Wolgograd, am nächsten Tag nach Kiew geschickt. Von dort kamen sie in das Dorf Zelenyi Mys, 30 Kilometer von Tschernobyl entfernt. Sie wurden in einer Militäreinheit untergebracht.</p>
<p style="text-align: justify;">Erst da erfuhr er, dass sie die Folgen der Tschernobyl-Katastrophe beseitigen sollten. Das Leben unter dem strengen Regime begann, sagt Hodžiev heute. Jeden Morgen nach dem Frühstück seien sie zur Arbeit geschickt worden und mit dem Bus an die Unfallstelle durch drei Kontrollpunkte gebracht worden.<span class="Apple-converted-space"> </span></p>
<p style="text-align: justify;"><i>„Es waren viele Leute da, und alle hatten es eilig. Wie bei einer besonders wichtigen Aufgabe. Je nach Fachgebiet wurden wir in Gruppen eingeteilt, die jeweils aus zehn Personen bestanden. In einer speziellen Umkleidekabine zogen sich alle um, es gab Overalls in drei Farben: rot &#8211; für die Arbeit innerhalb des Blocks, gelb &#8211; neben dem Block, blau &#8211; weiter vom Block entfernt. Am gefährlichsten war es, im Block zu arbeiten. Unsere Aufgabe bestand darin, die im Inneren des Blocks zurückgelassenen Metallfragmente, Bauschutt usw. zu sammeln und in eine spezielle Box zu werfen. Die Kiste selbst wurde dann von anderen gereinigt.“</i></p>
<p style="text-align: justify;"><b>Lest auch bei Novastan: </b><a href="https://novastan.org/de/kasachstan/verschwiegene-katastrophe-der-tengiz-zwischenfall-von-1985/">Verschwiegene Katastrophe: Der Tengiz-Zwischenfall von 1985</a></p>
<p style="text-align: justify;">Manchmal hätten sie auch an benachbarten Standorten gearbeitet und zum Beispiel Wasser aus einem überfluteten Wohnhauskeller in der Nähe des Atomkraftwerks gepumpt. Die Arbeit, die den Männern übertragen wurde, erledigten sie auch. Hodžiev betont, dass sich herausstellte, dass es zu dieser Zeit ein geheimes Dokument über die Zulassung zur Arbeit gegeben habe, welches die Offiziere ihnen jedoch nicht gezeigt hätten. Das Dokument definierte die zulässigen Zeitstandards für die Ausführung bestimmter Arbeiten. Als Hodžiev dieses Dokument schließlich erhielt, stellte sich heraus, dass er über der Norm arbeitete – statt 15 Minuten wurden 30 gearbeitet, statt 30 Minuten 45.<span class="Apple-converted-space"> </span></p>
<figure id="attachment_21622" aria-describedby="caption-attachment-21622" style="width: 1024px" class="wp-caption aligncenter"><img decoding="async" class="size-large wp-image-21622" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/05/1528px-IAEA_02790036_5613126700-1024x724.jpg" alt="Von einem Hubschrauber aus wird die Gegend um den explodierten Reaktor in Tschernobyl 1986 dekontaminiert. Archivfoto der Ukrainischen Gesellschaft für Freundschaft und Kulturbeziehungen mit anderen Staaten (USFCRFC)." width="1024" height="724" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/05/1528px-IAEA_02790036_5613126700-1024x724.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/05/1528px-IAEA_02790036_5613126700-300x212.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/05/1528px-IAEA_02790036_5613126700-768x543.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/05/1528px-IAEA_02790036_5613126700-1300x919.jpg 1300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/05/1528px-IAEA_02790036_5613126700.jpg 1528w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption id="caption-attachment-21622" class="wp-caption-text">Von einem Hubschrauber aus wird die Gegend um den explodierten Reaktor in Tschernobyl 1986 dekontaminiert. Archivfoto der Ukrainischen Gesellschaft für Freundschaft und Kulturbeziehungen mit anderen Staaten (USFCRFC). Credit: IAEA Imagebank/Wikipedia</figcaption></figure>
<p style="text-align: justify;"><i>„Leider haben wir von diesen Verstößen zu spät erfahren, und es hatte keinen Sinn, irgendwelche Ansprüche geltend zu machen. Den Rest der Zeit ruhten wir in der Militäreinheit. Jeder von uns erhielt eine so genannte ‚Akkumulationsplakette&#8216;, das heißt ein Strahlungsmesser. Wir brachten das Abzeichen an unserer Kleidung an und trugen es überall, egal wo wir waren: bei der Arbeit, auf der Straße oder in der Kaserne. Einmal in der Woche wurden uns diese Abzeichen abgenommen und nach Kiew gebracht. Uns wurden neue Abzeichen ausgeben. Aber niemand hat uns etwas erklärt. Und damals wussten wir nichts über die zulässige Strahlendosis und verstanden die Gefahr nicht.“</i></p>
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<p style="text-align: justify;">Zusammen mit Hodžiev war auch Solidžon Hakimov mobilisiert und entsandt worden. Hakimov verbachte genau drei Monate in der Unfallzone, während Hodžiev bereits nach 80 Tagen zurückkehrte. Mit der Zeit verlor Hakimov sein Augenlicht vollständig, Hodžiev litt nach seiner Rückkehr an Schwäche, Schwindel, Osteochondrose sowie Krankheiten der inneren Organe.<span class="Apple-converted-space"> </span></p>
<p style="text-align: justify;">„<i>Urazkul, ein weiterer Tschernobyl-Überlebender, den ich kannte, starb kurz nach seiner Rückkehr. Viele unserer Kollegen hatten nicht das Glück, bis heute zu überleben, obwohl sie noch recht jung waren&#8220;</i>, schloss Agzam Hodžiev.</p>
<p style="text-align: justify;"><b>Zuwenig Hilfe für Leidtragende</b></p>
<p style="text-align: justify;">Im Jahr 2007 verabschiedete Tadschikistan ein Gesetz über den sozialen Schutz der von der Tschernobyl-Katastrophe betroffenen Bürger. Das Gesetz sieht vor, dass die an der Liquidation der Tschernobyl-Katastrophe Beteiligten und ihre Kinder Anspruch auf Sozialleistungen haben. So erhalten die Tschernobyl-Opfer beispielsweise mehrere Steuervergünstigungen. Medizinische Versorgung und Medikamente sollen ihnen kostenlos zur Verfügung gestellt werden. In der Praxis müssen sie jedoch viele teure Medikamente auf eigene Kosten kaufen, erzählen die Ex-Liquidatoren.</p>
<p style="text-align: justify;"><i>„Jedes Jahr wird uns empfohlen, uns einer 24-tägigen Behandlung in Kur- und Sanatoriumseinrichtungen der Republik zu unterziehen. Der Staat stellt jedem Tschernobyl-Überlebenden 2930 Somoni (290 Dollar) zur Verfügung. Diese Summe deckt jedoch nicht die Kosten einer Behandlung in den Urlaubsorten des Landes, wo ein 24-tägiger Aufenthalt 4500 bis 5000 Somoni ($450-500) kostet. Deshalb muss man entweder die Aufenthaltsdauer im Sanatorium verkürzen oder aus eigener Tasche zuzahlen. Es wäre gut, wenn die Verwaltungen der Sanatorien in Tadschikistan ihre Preisliste für Tschernobyl-Opfer um 50 Prozent senken würden. In den letzten Jahren hat sich die Zahl der Leistungen für uns verringert. Zum Beispiel haben wir bis 2007 nicht für Strom, Wasser und Müllentsorgung bezahlt, aber dieses Privileg wurde uns gestrichen, und jetzt zahlen wir den Strom vollständig und die Hälfte für Wasser und Müllentsorgung&#8220;,</i> klagt der ehemalige Liquidator Abduvahob Hodžiboev.</p>
<p style="text-align: justify;"><b>Lest auch bei Novastan: </b><a href="https://novastan.org/de/usbekistan/zwischen-klimakatastrophe-und-nepotismus-der-bruch-des-sardoba-damms-in-usbekistan/">Zwischen Klimakatastrophe und Nepotismus – der Bruch des Sardoba-Damms in Usbekistan</a></p>
<p style="text-align: justify;">Die meisten Tschernobylopfer in Tadschikistan arbeiten nicht. Denn viele sind seit ihrer Rückkehr aus gesundheitlichen Gründen arbeitsunfähig. Sie leben von 800 Simoni (80 Dollar) Rente. Sie führen ein schwieriges und bescheidenes Leben, ihnen fehlt Geld für gutes Essen und passende Behandlungen. Doch auf die Frage, was sie sich im Leben noch wünschen, kam von zweien doch eine unerwartete Antwort:</p>
<p style="text-align: justify;"><i>„Ich möchte Tschernobyl noch einmal besuchen, um mit eigenen Augen zu sehen, wie alle jetzt dort leben. Tschernobyl hat schließlich unser ganzes Leben verändert. Ach, wenn die Regierung der Ukraine uns ein solches Geschenk machen könnte &#8211; und die Liquidatoren des Unfalls aus Tadschikistan auf eine Tour durch die Sperrzone einladen würde &#8230;“</i></p>
<p style="text-align: right;"><strong><span class="Apple-converted-space"> </span>Tilav Rasul-Zade für <a href="https://kun.uz/ru/74413787">Fergana</a> <a href="https://fergana.ru/articles/117133/">News</a></strong></p>
<p style="text-align: right;"><b>Aus dem Russischen von Hannah Riedler</b></p>
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		<title>Welche Themen bestimmten Usbekistans Presse vor 100 Jahren?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[hriedler]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 06 May 2020 13:48:09 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Usbekistan]]></category>
		<category><![CDATA[Bildung]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Am 4. M&#xE4;rz veranstaltete die Agentur f&#xFC;r Information und Massenkommunikation in Zusammenarbeit mit der Nationalbibliothek Usbekistans eine Pressekonferenz zum Thema &#x201E;Zeitschriften des sp&#xE4;ten XIX. und fr&#xFC;hen XX. Jahrhunderts &#x2013; eine wichtige historische Quelle&#x201C;. &#xA0;Folgender Artikel erschien im russischen Original bei Kun.uz, wir &#xFC;bersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion. Die Veranstaltung sprach &#xFC;ber einzigartige Quellen, [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify"><strong>Am 4. März veranstaltete die Agentur für Information und Massenkommunikation in Zusammenarbeit mit der Nationalbibliothek Usbekistans eine Pressekonferenz zum Thema &#8222;Zeitschriften des späten XIX. und frühen XX. Jahrhunderts &#8211; eine wichtige historische Quelle&#8220;.  Folgender Artikel erschien im russischen Original bei</strong> <a href="https://kun.uz/ru/74413787">Kun.uz</a><strong>, wir übersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.</strong></p>
<p style="text-align: justify">Die Veranstaltung sprach über einzigartige Quellen, die in der Sammlung der Nationalbibliothek Usbekistans aufbewahrt werden, wie etwa Zeitschriften, die Ende des XIX. bis Anfang des XX. Jahrhunderts veröffentlicht wurden. Es ging um ihre Verwendung, ihre Erforschung und um Probleme, die mit der Veröffentlichung dieser Ausgaben verbunden sind, sowie um Fragen, die in ihnen aufgeworfen wurden.</p>
<p style="text-align: justify"><em>&#8222;Leider gab es damals Zeitungen, die nicht nur in einem Monat, sondern auch nach ein paar Ausgaben schlossen, d.h. die Herausgabe der Zeitung war ein großes Problem. Der Hauptgrund für die Einstellung ihrer Aktivitäten war die politische Zensur. Sie wurden unter dem Vorwand der Propaganda gegen die Regierung eingestellt. Das betraf Zeitungen wie &#8222;Tarakkiy (Fortschritt)&#8220;, &#8222;Xurshid&#8220;, oder &#8222;Shuxrat&#8220;. Vor 1917 wurden nur zwei Zeitungen in einem Jahr vollständig veröffentlicht&#8220;,</em> sagt die Geschichtswissenschaftlerin Dr. Sanobar Shodmonova.</p>
<p style="background-color: #d4d4d4;"><span style="color: #000000;">Novastan ist das einzige deutschsprachige Nachrichtenmagazin über Zentralasien. Wir arbeiten auf Vereinsgrundlage und <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/werde-unser-mitglied-werde-novastan/"><strong>Dank eurer Teilnahme</strong></a>. Wir sind <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/unser-projekt/">unabhängig</a> und wollen es bleiben, dafür brauchen wir euch! Durch jede noch so kleine <strong><a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/spenden/">Spende</a></strong> helft ihr uns, weiter ein realitätsnahes Bild von Zentralasien zu vermitteln.</span></p>
<p style="text-align: justify"><strong>„In gewisser Weise ist es unsere Tragödie“</strong></p>
<p style="text-align: justify">Der Geschichtsphilosoph Dr. Baxrom Irzaev, bemerkt, dass es keine besonderen sprachlichen Schwierigkeiten gibt, die Quellen aus der jüngeren Geschichte Usbekistans zu lesen.</p>
<p style="text-align: justify"><em>&#8222;Ich stelle oft fest, dass es keine große Begeisterung beim Lesen der Quellen aus dieser Zeit gibt. Der Grund dafür ist die Unfähigkeit, die alte usbekische Schrift zu lesen. In gewisser Weise ist es unsere Tragödie. Aber gleichzeitig kann eine Person, die sich entschieden hat, sie zu lesen, dies auch tun.“</em> Turksprachige und einige arabischsprachige Länder hingegen verstünden nicht, was vor 100 Jahren in ihren Zeitungen oder Zeitschriften geschrieben wurde, denn ihre Sprache habe sich seitdem so sehr verändert.</p>
<p style="text-align: justify">Ursprünglich seien viele arabisch-persische Wörter verwendet worden. Doch dann hätten die Befürworter des Fortschritts verstanden, dass es für die Akzeptanz des Schreibens durch die Bevölkerung notwendig gewesen sei, auf einfache und klare Weise zu schreiben. Und sie hätten dies kurzfristig auch erreicht, sagt der Wissenschaftler.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch bei Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/usbekistan/wie-vor-100-jahren-die-bolschewiki-das-emirat-von-buxoro-und-das-khanat-von-xiva-zerstoerten/"><strong>Wie vor 100 Jahren die Bolschewiki das Emirat von Buchara und das Khanat von Xiva zerstörten</strong></a></p>
<p style="text-align: justify">Izraev sprach auch über die in der damaligen Presse beschriebenen Themen. Das Hauptthema, welches die Presse dominierte, war Bildung. Insbesondere mehr als die Hälfte der Artikel in der Zeitung &#8222;Sadoi Farghona (Stimme von Fergana)&#8220; seien diesem Thema gewidmet. Das war ein wichtiger Gegenstand für Intellektuelle. Wenn zum Beispiel Ibrat (<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Is%27hoqxon_Ibrat">Is&#8217;hoqxon Ibrat</a> – Schriftsteller und Vertreter des zentralasiatischen Dschadidismus – Anm. d. Red.) nach Taschkent kam, dann tat er das nicht, um Hochzeiten beizuwohnen und Spaß zu haben, sondern um zu studieren.</p>
<p style="background-color: #d4d4d4;"><span style="color: #000000;">Lust auf Zentralasien in eurer Mailbox? Abonniert unseren kostenlosen wöchentlichen Newsletter <strong><span style="text-decoration: underline;"><a href="https://2ff41361.sibforms.com/serve/MUIFAD3kOVgHRZMEzVL0tQuvV__Lm5slYuTqY-DEgdyDpH9WazOpCwYD2CLbIZdPKxyD_Mnaw2SKMY78StG6vCfPNIE1HcIumNXgnjsKyqsb8MuZ5Ng1jN3cNsBhf4SSp2VDJAgy_38b6jiUL7aU6Y-RaIAVhUpNqW1tNwmWOB-8YcNp9LBWEk57rUlkszlx_tQ8qxYED63Sz6UU">mit einem Klick.</a></span></strong></span></p>
<p style="text-align: justify">Am 8. April 1922 veröffentlichte Saidaxmad Nazirov in der Zeitschrift &#8222;Armugon&#8220; Artikel von Intellektuellen der damaligen Zeit. Besonders erwähnenswert ist der Bericht von Abdurauf Fitrat über die Bildung, den er als Bildungskommissar der BSSR (Bucharische sowjetische Volksrepublik &#8211; Hrsg.) verfasste. Darin macht er fortschrittliche Vorschläge zur Organisation des Bildungswesens in Buchara. <em>„Dies sollte heute nicht nur von Wissenschaftlern, sondern auch von Beamten im Bildungssektor gelesen werden&#8220;,</em> sagte Baxrom Izraev.</p>
<p style="text-align: justify">Aus Fitrats Artikel &#8222;Herd des Wissens&#8220; zitierte der Wissenschaftler: <em>&#8222;Solange sich im menschlichen Gehirn nichts verändert, werden sich andere Veränderungen nicht durchsetzen&#8220;. Izraev erklärt: &#8222;Das heißt, Fitrat sagte, nur wenn sich das Bewusstsein eines Menschen verändert, werden die Reformen Ergebnisse bringen.&#8220;</em></p>
<p style="text-align: justify"><strong> </strong></p>
<p style="text-align: right"><a href="https://kun.uz/ru/74413787"><strong>Kun.uz</strong></a></p>
<p style="text-align: right"><strong>Aus dem Russischen von Hannah Riedler</strong></p>
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		<title>Die Roma von Taschkent: Besuch in einem Viertel, das für neugierige Fremde geschlossen ist</title>
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		<dc:creator><![CDATA[hriedler]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 29 Apr 2020 10:31:45 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Usbekistan]]></category>
		<category><![CDATA[Diskriminierung]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Grenzen]]></category>
		<category><![CDATA[Luli-Roma]]></category>
		<category><![CDATA[Minderheit]]></category>
		<category><![CDATA[Randgruppe]]></category>
		<category><![CDATA[Taschkent]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>In Taschkent, wie in allen gr&#xF6;&#xDF;eren St&#xE4;dten Usbekistans und ganz Zentralasiens, sind Luli-Roma keine Seltenheit. Ein Besuch in dem Viertel &#x201E;Chashma&#x201C; (Usbekisch f&#xFC;r &#x201E;Fr&#xFC;hling&#x201C;), am Rande der Hauptstadt auf dem Vodnik-Massiv im Bezirk Bektemir, in dem nur Luli-Roma leben. Folgender Artikel erschien im russischen Original bei Fergana News, wir &#xFC;bersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der [&#x2026;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify"><strong>In Taschkent, wie in allen größeren Städten Usbekistans und ganz Zentralasiens, sind Luli-Roma keine Seltenheit. Ein Besuch in dem Viertel „Chashma“ (Usbekisch für „Frühling“), am Rande der Hauptstadt auf dem Vodnik-Massiv im Bezirk Bektemir, in dem nur Luli-Roma leben. Folgender Artikel erschien im russischen Original bei <a href="https://fergana.news/photos/115796p/">Fergana News</a>, wir übersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.</strong></p>
<p style="text-align: justify">Was mit &#8222;Luli&#8220; gemeint ist, ist nicht klar belegt. Einige Mitglieder dieser Bevölkerungsgruppe glauben, dass das Wort von &#8222;Schuga&#8220; stammt. Es wird angenommen, dass ihre Vorfahren aus Ägypten stammten, und das Wort &#8222;Schuga&#8220; &#8222;suchende Menschen&#8220; bedeutet. Sie nennen sich selbst Mugat. Die Sprache der Luli ist einer der Dialekte der tadschikischen Sprache, daher werden sie in Pässen oft als Tadschiken vermerkt.</p>
<p style="text-align: justify">Luli sind sunnitische Muslime, obwohl die meisten von ihnen nicht viel religiösen Eifer zeigen. Frauen verdecken ihr Gesicht nicht, wenden sich nicht ab und gehen nicht weg, wenn sie einen Fremden sehen, sie werden auch leicht in die Gespräche der Männer miteinbezogen. Frauen stellen das Haupteinkommen für die Familie, obwohl der Mann ohne Frage als Familienoberhaupt gilt. Hochzeiten finden in der Regel im Haus der Braut statt, aber auf Kosten der Familie des Bräutigams. Einige Bräuche ähneln denen der europäischen Roma, wie z.B. die Lösung von Konflikten und die Anwesenheit eines Gemeindevertreters zur Kontaktaufnahme mit der Außenwelt.</p>
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<p style="text-align: justify"><strong>Das ungerechte Bild von „schmutzigen Bettlern“</strong></p>
<p style="text-align: justify">Fergana-Korrespondenten begaben sich in das Stadtviertel Chashma, um zu versuchen, mit diesen Menschen Kontakt aufzunehmen. Aleksandr Barkovsky, ein bekannter Artist und Videokünstler aus Taschkent, der sich seit fast zehn Jahren mit diesem Thema beschäftigt, führte uns Korrespondenten durch die Welt der Luli-Roma: Er besucht diese Mahalla <em>[</em><em>Stadtviertel, Anm. d. Redaktion]</em> regelmäßig, macht sich mit ihren Bewohnern vertraut und fotografiert sie mit seiner Kamera, um aus diesen Bildern malerische Collagen zu erstellen. Unterwegs erzählt der Künstler, warum er sich von den Luli so angezogen fühlt.</p>
<p style="text-align: justify">Die Suche nach einem positiven Bild der Roma sei zum Teil verbunden mit der Aufforderung verschiedener humanitärer Stiftungen und Institutionen, die sich wünschen, in ihrer Komfortzone zu bleiben, sagt Barkovsky. „<em>Die Luli-Roma zogen mich zunächst wegen ihrer Marginalisierung an &#8211; oder wegen ihrer Fähigkeit, innerhalb des Systems frei zu bleiben. Ich würde vorschlagen, unser Bild eines &#8222;positiven Helden&#8220; in den Hochglanzmedien zu überdenken und zu hinterfragen, ob man zum &#8222;erfolgreichen Mann&#8220; nur als Gazprom-Manager oder Wall-Street-Broker werden kann“, </em>so Barkovsky.</p>
<figure id="attachment_21254" aria-describedby="caption-attachment-21254" style="width: 742px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-21254" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/600ae06e-a55c-465d-bbe2-e768b38964c8.jpeg" alt="" width="742" height="452" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/600ae06e-a55c-465d-bbe2-e768b38964c8.jpeg 742w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/600ae06e-a55c-465d-bbe2-e768b38964c8-300x183.jpeg 300w" sizes="auto, (max-width: 742px) 100vw, 742px" /><figcaption id="caption-attachment-21254" class="wp-caption-text">Die Mahalla Chasma. In diesem Stadtviertel am Rande Tashkents leben die Luli-Roma, ausgegerenzt von der restlichen Bevölkerung.</figcaption></figure>
<p style="text-align: justify"><em>„Und wohin mit dem Müll, den wir gedankenlos in Plastiktüten wegwerfen? Wer sortiert ihn, wer säubert die Märkte und Straßen der Stadt, wer sammelt Altpapier, Auberginen, Metallschrott&#8230;? Die Luli-Roma haben diese schwierige und wenig prestigeträchtige Aufgabe übernommen, die Abfälle unserer Gesellschaft wiederzuverwerten. Im Gegenzug erhielten sie von uns das Bild von &#8222;schmutzigen Bettlern&#8220;, eine verächtliche Haltung und Probleme mit dem Gesetz,</em>“ schließt der Künstler.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/die-judische-minderheit-in-zentralasien-wie-lebt-sie-heute/">Die jüdische Minderheit in Zentralasien – Wie lebt sie heute?</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">Als wir vor Ort ankommen, sagt Barkovsky, dass die Chashma Mahalla unter der besonderen Kontrolle des Innenministeriums und des Staatssicherheitsdienstes stehe.  Angestellte des Sicherheitsdienstes besuchten regelmäßig dieses Gebiet innerhalb und im Umkreis, und beträten die Häuser, in denen jeder Bewohner bei ihnen registriert sei. Er warnt: <em>„Es ist ungewiss, wie die Anwohner auf uns reagieren werden, und nicht selbstverständlich, dass irgendjemand offen zu uns sein wird.“</em></p>
<p style="text-align: justify">Wir suchen den Vorsitzenden des Chashma-Mahalla-Ausschusses, Zafar, auf. Er weicht dem Interview aus, verweist auf dringende Angelegenheiten und übergibt an seine Stellvertreterin Zulfiya Irgasheva. Zusammen mit dieser älteren Frau gehen wir tief ins Viertel hinein, und die Leute kommen aus ihren Häusern, um uns zu sehen. Sie sind offensichtlich interessiert.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Wortkarge Gesprächspartner</strong></p>
<p style="text-align: justify">Alexander schenkt ihnen Bilder, die er vor fünf Jahren aufgenommen hat, in der Hoffnung, dass es uns bei der Kontaktaufnahme helfen wird. Dies bleibt leider erfolglos. Die Menschen sind nicht geneigt, über sich selbst zu erzählen. Ein kleines bisschen gelingt es, mit einer alten Frau namens Nigora Xamdamova zu sprechen. Es stellt sich heraus, dass sich in ihrem Haus drei Familien mit je fünf Personen befinden. In ihrer Familie gibt es neben ihrem Ehemann drei Kinder. Ihre Eltern hatten eine Ausbildung, sie arbeiteten im Mahalla-Ausschuss. Ihr Ehemann, Abduhamid Xamdamov, <em>&#8222;ruht sich derzeit in Samarkand aus&#8220;</em>, und sie selbst <em>&#8222;kauft und verkauft&#8220;</em> Kleidung in der Yangiabad-Kaserne in Taschkent.</p>
<p style="text-align: justify">Ein Mann mittleren Alters namens Sodir ist noch wortkarger. Das Einzige, was von ihm herausgefunden werden kann, ist, dass er in derselben Yangiabad-Kaserne im privaten Transport tätig ist und Eisen, das von den Bürgern von Taschkent gekauft wurde, hauptsächlich Ersatzteile für Autos und Sanitärartikel (Rohre und Batterien), in ihre Häuser bringt. Und Frauen aus seiner Familie, genau wie Nigora Xamdamova, verkaufen verschiedene Dinge weiter.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch bei Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kasachstan/altaische-kasachen-das-verlorene-volk-in-sibirien/"><strong>Altaische Kasachen: Das verlorene Volk in Sibirien</strong></a></p>
<p style="text-align: justify">Damit endet das Interview mit den Roma &#8211; von den übrigen Bewohnern der Mahalla gelingt es uns noch nicht, etwas zu erfahren. Aber Zulfiya Irgasheva, Stellvertreterin des Vorsitzenden der Mahalla und Beraterin für Familie, Frauen und Mädchen, erklärt sich bereit, mehr über ihr kulturelles Erbe zu erzählen.</p>
<figure id="attachment_21251" aria-describedby="caption-attachment-21251" style="width: 742px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-21251" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/a730c885-0723-4bab-99d6-6ec748ace475.jpeg" alt="" width="742" height="472" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/a730c885-0723-4bab-99d6-6ec748ace475.jpeg 742w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/a730c885-0723-4bab-99d6-6ec748ace475-300x191.jpeg 300w" sizes="auto, (max-width: 742px) 100vw, 742px" /><figcaption id="caption-attachment-21251" class="wp-caption-text">Die Luli-Roma gelten als Zigeuner und schmutzige Bettler. Sie leben ausgegrenzt am Stadtrand von Tashkent</figcaption></figure>
<p style="text-align: justify">Sie ist seit 2011 in ihrer Position tätig. Heute arbeitet sie in der Chashma Mahalla. 108 Wohnungen, 651 Familien &#8211; das sind 1405 Personen, von denen nur 260 minderjährig sind. Junge Bräute bleiben meist zu Hause und erziehen ihre Kinder. Alle Kinder, die älter sind, studieren an der örtlichen Sekundarschule Nr. 293 &#8211; in den Klassen 1 bis 11. Obwohl im Jahr 2011 nicht mehr als 20 Jugendliche zur Schule gingen.</p>
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<p style="text-align: justify">Unter den Absolventen gibt es Mädchen, die diese Schule mit einer Goldmedaille abgeschlossen haben, aber sie haben sich nicht für eine höhere Ausbildung eingeschrieben, weil sie alle geheiratet haben. In den letzten Jahren haben jedoch 11 Jugendliche aus der Mahalla das College abgeschlossen. Viele Kinder besuchen einen Sportkomplex, in dem sie Boxen, Karate betreiben, Ringen und Fußball spielen. Einige gehen in die Klasse des Mahalla-Komitees, wo sie Dame und Schach spielen und sogar Bücher lesen.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Der „Rais“ der Mahalla</strong></p>
<p style="text-align: justify">Beraterin Irgasheva kennt dieses Viertel seit 1989, als sie als Verkäuferin in einem nahe gelegenen Geschäft zu arbeiten begann. Zu dieser Zeit war die Siedlung klein und galt nicht als Mahalla, das Mahalla-Komitee wurde hier erst 1996 gegründet. Seit 2008 ist ihr Vorsitzender Kuntugmush Axkulov. Wie sich herausstellte, ist Zafar nur sein Spitzname. Niemand nennt ihn dabei &#8222;Baron&#8220;. Früher gab es Barone unter den Roma in Usbekistan, aber jetzt werden sie &#8222;Rais&#8220; (Usbekisch für &#8222;Vorsitzender&#8220;) genannt.</p>
<p style="text-align: justify">Die ganze Mahalla ehrt den vorbildlichen Familienvater und Vater von vier Kindern Axkulov im höchsten Maße und gehorcht jedem seiner Worte. Er ist Mitglied des Oliy Majlis (Parlament) und wurde zweimal in dieses Amt gewählt. Ende letzten Jahres wurde ihm der Orden <em>Mahalla Fahri</em> (&#8222;Stolz der Mahalla&#8220;) verliehen, den er vom Hokim der Stadt <em>[=Bürgermeister, Anm. d. Red.]</em> Jahongir Artykhodjaev erhielt.</p>
<p style="text-align: justify">Auf die Frage der Journalisten, ob nur &#8222;Zigeuner&#8220; in der Mahalla lebten, erklärte Irgasheva, dass die Bewohner sich nicht &#8222;Luli-Zigeuner&#8220; nennen<em>. &#8222;Vielleicht betrachten sie sich intern als Luli Roma, aber niemand von außen hat das Recht, sie so zu nennen, es wird als unschön angesehen&#8220;</em>, betont Irgasheva.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch bei Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kasachstan/wie-leben-die-menschen-im-osten-kasachstans-an-der-grenze-zu-china/"><strong>Wie leben die Menschen im Osten Kasachstans, an der Grenze zu China?</strong></a></p>
<p style="text-align: justify">Seit 2011 gibt es in der Chashma Mahalla keine Straßenbettler mehr. Nach einer Reihe von Regierungskampagnen, die auf ein Verbot des Bettelns abzielten, einschließlich 15-tägiger Haft, wurde das Betteln eingestellt, sagte die stellvertretende Vorsitzende Irgasheva. Fast 30 Frauen aus der Mahalla arbeiten jetzt offiziell (laut Arbeitsbuch) als Hausmeisterinnen bei der Bektemir Bezirksverwahltung in Taschkent.</p>
<p style="text-align: justify">In unmittelbarer Nähe der Chashma Mahalla, an der Suvsoz-Straße, befindet sich ein Wohnviertel, das aus zehn typischen zweistöckigen Häusern besteht. Laut dem Vorsitzenden des Hausausschusses namens Fai beantragten die Bewohner des Bezirks vor zwei Jahren bei der Bezirksstaatsanwaltschaft, einen Zaun zwischen ihren Häusern und der Chashma Mahalla zu errichten. Als Gründe wurden unter anderem häufiger Kleindiebstahl und Rowdytum von Nachbarn genannt. In der Mahalla waren sie zunächst dagegen und sahen darin eine Diskriminierung. Dann stimmte Zafar zu, und ein gedämpfter Eisenzaun tauchte zwischen dem Chashma und den zweistöckigen Häusern auf.</p>
<p style="text-align: justify">Ob es half, ist eine große Frage. Stereotypen, Vorurteile und gegenseitiges Misstrauen sind nicht verschwunden, das Zusammenleben ist nicht einfacher geworden.</p>
<p style="text-align: right"><strong>Sid Janischew für <a href="https://fergana.ru/photos/115796p/">Fergana News</a></strong></p>
<p style="text-align: right"><strong>Aus dem Russischen von Hannah Riedler</strong></p>
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<p>The post <a href="https://novastan.org/de/usbekistan/die-roma-von-taschkent-besuch-in-einem-viertel-das-fuer-neugierige-fremde-geschlossen-ist/">Die Roma von Taschkent: Besuch in einem Viertel, das für neugierige Fremde geschlossen ist</a> appeared first on <a href="https://novastan.org/de">Novastan Deutsch</a>.</p>
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		<title>Verschwiegene Katastrophe: Der Tengiz-Zwischenfall von 1985</title>
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		<dc:creator><![CDATA[hriedler]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 27 Apr 2020 12:57:17 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Erdgas]]></category>
		<category><![CDATA[Erdöl]]></category>
		<category><![CDATA[Tengiz]]></category>
		<category><![CDATA[Umweltkatastrophen]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Vor 30 Jahren ereignete sich in der Region des Kaspischen Meeres, am Bohrloch Nr. 37 des Tengiz-Feldes, eine beispiellose menschengemachte Katastrophe, &#xFC;ber die in jenen Jahren nicht berichtet wurde. Der westliche Teil Kasachstans h&#xE4;tte vom Erdboden getilgt werden k&#xF6;nnen. Die Tengiz-Katastrophe, die nur ein Jahr sp&#xE4;ter heldenhaft behoben werden konnte, wird gar mit der Tschernobyl-Trag&#xF6;die [&#x2026;]</p>
<p>The post <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/verschwiegene-katastrophe-der-tengiz-zwischenfall-von-1985/">Verschwiegene Katastrophe: Der Tengiz-Zwischenfall von 1985</a> appeared first on <a href="https://novastan.org/de">Novastan Deutsch</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify"><strong>Vor 30 Jahren ereignete sich in der Region des Kaspischen Meeres, am Bohrloch Nr. 37 des Tengiz-Feldes, eine beispiellose menschengemachte Katastrophe, über die in jenen Jahren nicht berichtet wurde. Der westliche Teil Kasachstans hätte vom Erdboden getilgt werden können. Die Tengiz-Katastrophe, die nur ein Jahr später heldenhaft behoben werden konnte, wird gar mit der Tschernobyl-Tragödie von 1986 verglichen. Folgender Artikel erschien im russischen Original bei</strong> <a href="https://www.caravan.kz/gazeta/sekretnye-materialy-neftyanojj-chernobyl-na-tengize-83983/"><strong>Caravan</strong></a><strong>, wir übersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.</strong></p>
<p style="background-color: #d4d4d4;"><span style="color: #000000;">Novastan ist das einzige deutschsprachige Nachrichtenmagazin über Zentralasien. Wir arbeiten auf Vereinsgrundlage und <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/werde-unser-mitglied-werde-novastan/"><strong>Dank eurer Teilnahme</strong></a>. Wir sind <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/unser-projekt/">unabhängig</a> und wollen es bleiben, dafür brauchen wir euch! Durch jede noch so kleine <strong><a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/spenden/">Spende</a></strong> helft ihr uns, weiter ein realitätsnahes Bild von Zentralasien zu vermitteln.</span></p>
<p style="text-align: justify">Während der Sowjetzeit wurde von Katastrophen solchen Ausmaßes nicht gesprochen. Dieser Devise folgten alle relevanten Organe der UdSSR bis hin zum Staatssicherheitskomitee (<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/KGB">KGB</a>) und dem <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Zentralkomitee">Zentralkomitee der Kommunistischen Partei</a>. Erst Jahrzehnte später erzählen uns jene, die an der Liquidation der bis dahin größten Gas- und Ölfontäne in der Geschichte der Welt teilnahmen, mit welchen unglaublichen Schwierigkeiten sie damals konfrontiert waren. Es war unmöglich, sich der riesigen Feuerfackel auch nur zu nähern und sie zu dämpfen &#8211; der Boden brannte buchstäblich unter den Füßen, die Overalls der Feuerwehrleute und die Kleidung der Feuerwehr entzündeten sich. Es entstand ein enormer Schaden für die Umwelt. Abertausende Vögel flogen in das helle Feuer und verbrannten. Riesige Mengen Öl, Gas und Schwefelwasserstoff gelangten in die Umwelt und vergifteten alle Lebewesen in der Umgebung.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch auf Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kasachstan/die-pocken-in-kasachstan-1971-wie-eine-epidemie-verhindert-wurde/"><strong>Die Pocken in Kasachstan 1971: Wie eine Epidemie verhindert wurde</strong></a></p>
<p style="text-align: justify"><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Tengiz">Tengiz</a> im Juni 1985.  Ölarbeiter, Geophysiker und Bohrtechniker aus der ganzen Sowjetunion arbeiten an einem Programm, um möglichst schnell tiefe Salzbohrungen zu erproben und mehr Öl zu gewinnen. Die Probebohrung Nr. 37  wurde angelegt, um die geologische Struktur zu klären und die Ölreserven abzuschätzen. Die Spezialisten arbeiteten bei ungewöhnlich hohem Formationsdruck und hohem Schwefelwasserstoffgehalt.</p>
<p style="text-align: justify"><em>„Am 23. Juni 1985 wurden die Bohrungen im Normalbetrieb durchgeführt, es gab keine Abweichungen von den technologischen Vorschriften&#8220;</em>, sagt Wjatscheslaw Ljubin, in jenen Jahren Leiter der Feuerwehr der Region Gurjew (heute <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Atyrau">Atyraý</a>). Er war für das Feuerlöschhauptquartier des Bohrlochs Nr. 37-Tengiz verantwortlich. <em>„Aber um 14 Uhr und 20 Minuten, als bei den Bohrungen der letzten zwei Meter in einer Tiefe von 4.467 Metern Schwierigkeiten auftraten, kam es zur Absorption von Bohrschlamm.“</em></p>
<p style="text-align: justify"><strong>So etwas gab es auf der Welt bisher noch nicht</strong></p>
<p style="text-align: justify">Die Versuche, das Problem zu lösen, waren erfolglos. Um 15.30 Uhr entzündete sich eine unkontrollierte, über zweihundert Meter hohe Öl- und Gasfontäne. Nach weiteren 12 Minuten verformten sich durch die hohe Temperatur die Metallstrukturen der Bohranlage und sie stürzte ein.</p>
<p style="text-align: justify"><em>„Es war sogar in beträchtlicher Entfernung von der brennenden Ölfackel heiß, und alles brannte auf 450-500 Quadratmetern.“</em> fährt Wjatscheslaw Ljubin fort. Die Verantwortlichen standen vor etwas, mit dem sie noch nicht umzugehen wussten. Zu dieser Zeit gab es keine Literatur über Methoden und Taktiken zum Löschen von Öl-Gas-Fontänen mit so komplexen Eigenschaften wie einem hohem Schwefelwasserstoffgehalt und hohem Druck in der Quelle.</p>
<p style="text-align: justify">In diesen Jahren gab es keine spezielle Ausrüstung für die Brandbekämpfung dieser Art. Es wurde klar, dass die Arbeit an dem Bohrloch sehr schwierig und zeitaufwendig sein würde. Für die Entwicklung von Maßnahmen zur Beseitigung der riesigen Feuerfontäne wurde ein Stab geschaffen, dem Vertreter verschiedener Dienste unter der Leitung des Ersten Stellvertretenden Ministers für Ölindustrie der UdSSR Walerij Iserewskij angehörten &#8211; nicht nur ein Beamter, sondern ein berühmter Wissenschaftler, einer der weltweit größten Spezialisten für die Beseitigung der mächtigsten Öl- und Gasfontänen.</p>
<p style="text-align: justify">Anfangs mussten die Feuerwehrleute die Arbeit jener Kräfte sicherstellen, die die Fontäne bekämpften, um dann den Zustand des Bohrlochkopfes zu untersuchen und ihn von Metallstrukturen zu reinigen.</p>
<p><em>„Da der Brand am Bohrloch eine sprühende Form angenommen hatte, konnte die Arbeit der Anti-Fontäne-Einheiten nur erfolgreich sein, wenn die glühenden Metallkonstruktionen gekühlt würden. Eine riesige Menge Wasser war erforderlich, und in der Nähe des Bohrlochs gab es keines“,</em> erklärt Wjatscheslaw Ljubin.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Feuerwehrleute fielen in brennende Gruben</strong></p>
<p style="text-align: justify">Es musste ein 13 Kilometer langer Wasserweg und künstliche Reservoirs gebaut werden. Diejenigen für die Beseitigung der Fontäne verantwortlichen Kräfte arbeiteten unter dem Schutz von Feuerwehrleuten, die ihre Schächte zur Wasserversorgung nutzten, um den Bereich um das Bohrloch und die Stahlkonstruktion zu kühlen. Es kostete große Anstrengungen, Mut und sogar Heldentum. Die Lufttemperatur erreichte 100 Grad! Feuerwehrschläuche mit Wasser entzündeten sich und brannten wie Kerzen.</p>
<p style="text-align: justify">Menschen fielen in die mit kochendem Wasser gefüllten Löcher auf dem Boden und erlitten schwere Verbrennungen. Aufgrund der hohen Temperatur und des hohen Anteils an Mineralsalzen (der Bohrlochkopf wurde mit Salzwasser gekühlt) kristallisierte das Wasser schnell aus und verstopfte die Löcher in den Schächten. Darüber hinaus spürte die Menschen die Auswirkungen der Schwefelsäure, die durch die Wechselwirkung von Wasser mit Verbrennungsprodukten entstand. Es wurde beschlossen, eine weitere Gruppe von Menschen an die Mündung des brennenden Lochs zu leiten, um die Wasserversorgung sicherzustellen. Trotz der Sicherheitsmaßnahmen starb am 29. Oktober 1985 Wolodymyr Bondarenko, der stellvertretende Kommandeur der Abteilung für Anti-Fontänen-Einheiten Poltawa des Ministeriums für Geologie der Ukrainischen SSR.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch bei Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kasachstan/kann-sich-das-schicksal-des-aralsees-am-balqash-wiederholen/"><strong>Kann sich das Schicksal des Aralsees am Balqash wiederholen?</strong></a></p>
<p>„<em>Im Nachhinein wurde eine Straße in der Schichtarbeiter-Siedlung von Tengiz nach ihm benannt und ein Denkmal wurde in der Nähe von Bohrloch Nr. 37 errichtet“</em>, erinnert sich Wjatscheslaw Ljubin.</p>
<p style="text-align: justify">Die imposante Fackel erleuchtete weiterhin Tag und Nacht die kasachische Steppe. Die Bemühungen der Feuerschutzdienste und Feuerwehrleute, die aus der ganzen Sowjetunion kamen, brachten keine Ergebnisse. Es war klar, dass es aufgrund der hohen Konzentration toxischer Bestandteile und der riesigen Ölreserven schwierig war, den Brand mit traditionellen Methoden und technischen Mitteln zu beseitigen.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Feurige Hölle</strong></p>
<p style="text-align: justify">Zum ersten Mal wurde unter den Bedingungen einer Wärmestrahlung mit hohem Gehalt an hochgiftigen Gasen im Öl ein System der Fernsteuerung von Absperrventilen zur Abdichtung der Mündung der brennenden Fontäne entwickelt. Die strategischen Hauptziele wurden festgelegt &#8211; das Erproben von zwei technologischen Schrägbohrungen mit Zugang zum Notfallbohrloch in einer Tiefe von 3.500 Metern mit anschließender Anwendung von Tiefenexplosionen. Eine Rückstoßvorrichtung wurde aus Deutschland und eine Druckrohr-Starteinheit aus Holland geliefert. An der Liquidation des Bohrlochs nahmen Mitarbeiter der militarisierten Einheiten des Ministeriums für Erdölindustrie und des Ministeriums für Geologie der UdSSR, der Feuerlöscheinheiten aus den Gebieten Gurjew, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mangischlak">Mangyschlak</a>, Aktjubinsk (heute <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Aqt%C3%B6be">Aqtóbe</a>) und anderen Regionen, des Werks &#8222;Sojusneftemaschremont&#8220; sowie ausländische Spezialisten teil.</p>
<p style="text-align: justify">Unter den Bedingungen des aus dem Bohrloch brennenden Strahls sei es notwendig gewesen, einen zuverlässigen Quellendeckel zu schaffen und darauf die Absperrventile für die nachfolgende Beseitigung des Bohrloches zu platzieren, erklärt Klyshbek Kuandykov, 1985 &#8211; Zugführer der vorderkaspischen paramilitärischen Abteilung der Anti-Fontänen-Einheit. <em>„Die Geräte und Metallstrukturen wurden von Traktoren und Bulldozern unter den schweren Bedingungen einer unvollständigen Ölverbrennung und hoher Temperaturen besprüht“, </em>erläutert er weiter.<em><br />
</em></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/usbekistan/der-aralsee-gestern-heute-morgen/">Der Aralsee: gestern, heute, morgen </a></strong></p>
<p style="text-align: justify">Die Mitglieder der Anti-Fontänen-Einheit gingen in Spezialanzügen und Gasmasken zum feuerspeienden Bohrschacht. In normaler Kleidung kamen sie einfach nicht näher als 150 Meter an den Brunnen heran. Während der Liquidierung der Gas- und Ölquelle in Tengiz wurde ein neues, wärmereflektierendes Material &#8211; Asbestosofinylgewebe &#8211; getestet. Segmente des Materials wurden an den Stellen möglicher Verbrennungen in der damals vorhandenen Arbeitskleidung der Feuerwehrleute genäht und für die Dauer von drei Minuten in einer Entfernung von 4 Metern zum Bohrlochs überprüft. Das Risiko war zweifellos groß, aber alles lief gut. In der Folge wurden aus diesem Stoff zwei Arten von wärmereflektierenden Anzügen hergestellt &#8211; leichte Anzüge, in denen man bis zu 15 Minuten bei hohen Temperaturen arbeiten konnte, und schwere Anzüge, die an diejenigen von Astronauten erinnern.</p>
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<p style="text-align: justify"><strong>Wie kam ein T-54-Panzer zum Einsatz?</strong></p>
<p style="text-align: justify"><em>„Die Militärausrüstung &#8211; der T-54-Panzer &#8211; trug dazu bei, die Haufen an Metallstrukturen zu zerlegen. Wenn sich die Windrichtung änderte, änderte sich die Situation am Bohrloch, die Versetzung von Menschen und Ausrüstung begann sofort“, </em>fährt Kuandykov fort. Das Verfahren, den Metallhaufen abzuschießen, habe dazu beigetragen, die Öffnung des Bohrloches teilweise freizulegen. In der Quelle befand sich eine Kolonne von Bohrgestängen, fünf Minuten nach den Schüssen begannen sie sich zu drehen und langsam aufzusteigen. Weiter wurden in 15 bis 17 Minuten 3840 Meter Bohrgestänge mit einem Gesamtgewicht von 152 Tonnen in die Luft geworfen.</p>
<p style="text-align: justify">Weder Bagger noch mächtige Bulldozer konnten die geschmolzene Erde und das Stahlbetonfundament an der Mündung aufnehmen. Sprengarbeiten waren erforderlich &#8211; nichts dergleichen wurde unter solchen Bedingungen auf der Welt bisher unternommen. Aber es gab keinen anderen Weg. Vom 1. bis 24. Oktober gab es 12 Explosionen. Die Sprengladungen zertrümmerten den Betonboden der Bohranlage, bildeten Entwässerungstrichter und Gräben. Um nach der Räumung des Geländes  die Zufahrten zur Bohrloch abzukühlen, wurden diese mit 160 Liter Wasser pro Sekunde begossen.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/semipalatinsker-testgelaende-das-atomare-erbe-der-sowjetunion-in-kasachstan/">Semipalatinsker Testgelände: Das atomare Erbe der Sowjetunion in Kasachstan</a></strong></p>
<p style="text-align: justify"><em>„Unter dem Schutz dieses Wasserstrahls haben wir tonnenschwere Absperrvorrichtungen vorbereitet. Zunächst scheiterte das Vorhaben, das Bohrloch abzudichten.“</em> sagt Kuandykov. Erst beim dritten Versuch &#8211; am 31. Dezember 1985 um 18.00 Uhr &#8211; setzte sich der „Verschluss“ an die Mündung und um 23.30 Uhr konnte er sicher fixiert werden. Zum ersten Mal überhaupt wurde bei der Liquidation von Ölquellen mit einem hohen Gehalt an Schwefelwasserstoff ein System von Hydrozylindern entwickelt und angewendet. Mit ihrer Hilfe wurden die Antivibrationsgeräte auf den brennenden Brunnen gerichtet. Infolgedessen gingen die Luft- und Bodentemperaturen stark zurück.</p>
<p style="text-align: justify">Im weiteren Verlauf begannen sie mit den Vorbereitungen für die endgültige Zuschüttung und Zementierung des Bohrlochs. Die vollständige Beseitigung der Fontäne konnte jedoch erst 400 Tage nach dem Unfall &#8211; am 27. Juli 1986 &#8211; abgeschlossen werden.</p>
<p style="text-align: right"><strong>Svetlana Novak für <a href="https://www.caravan.kz/gazeta/sekretnye-materialy-neftyanojj-chernobyl-na-tengize-83983/">Caravan</a></strong></p>
<p style="text-align: right"><strong>Aus dem Russischen von Hannah Riedler</strong></p>
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<p>&nbsp;</p>
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		<title>Die „Sogdischen Briefe“  &#8211; Zeugen der engen Beziehung zwischen China und Zentralasien</title>
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		<dc:creator><![CDATA[hriedler]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 20 Apr 2020 13:05:46 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>1907 wurden in Westchina alte Briefe in sogdischer Sprache gefunden. Raschid Alimow, Doktor der Politikwissenschaft, der fr&#xFC;here Botschafter Tadschikistans in China und ehemaliger Generalsekret&#xE4;r der Shanghaier Organisation f&#xFC;r Zusammenarbeit und Zusammenarbeit, berichtet &#xFC;ber ihre Bedeutung als Quelle zur Geschichte der Sogdier und der Seidenstra&#xDF;e. Folgender Artikel erschien im russischsprachigen Original bei Asia Plus, wir &#xFC;bersetzen [&#x2026;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong><span lang="DE">1907 wurden in Westchina alte Briefe in sogdischer Sprache gefunden. Raschid Alimow, Doktor der Politikwissenschaft, der frühere Botschafter Tadschikistans in China und ehemaliger Generalsekretär der </span></strong><span lang="DE"><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Shanghaier_Organisation_f%C3%BCr_Zusammenarbeit"><b>Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit und Zusammenarbeit</b></a><strong>, berichtet über ihre Bedeutung als Quelle zur Geschichte der Sogdier und der Seidenstraße. Folgender Artikel erschien im russischsprachigen Original bei</strong> <a href="https://asiaplustj.info/ru/news/life/culture/20200225/sogdiiskie-pisma-kak-zhivie-svideteli-napominayut-o-tesnih-svyazyah-mezhdu-kitaem-i-tsentralnoi-aziei?tg_rhash=59df260525b319"><b>Asia Plus</b></a><strong>, wir übersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.</strong></span></p>
<p style="text-align: justify;"><span lang="DE">Ein Roboterführer trifft Besucher des tadschikisch-chinesischen Kulturaustauschzentrums in Duschanbe. Langsam, aber kenntnisreich, in einer von drei Sprachen (Tadschikisch, Chinesisch und Russisch) spricht er über die </span><span lang="DE" style="font-weight: normal;">„</span><span lang="DE">alt-sogdischen Briefe</span><span lang="DE" style="font-weight: normal;">“</span><span lang="DE">, von denen Kopien dort zentral ausgestellt werden. Die Originalbriefe </span><span lang="DE" style="font-weight: normal;">von </span><span lang="DE">1907 wurden von dem berühmten Reisenden <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Aurel_Stein">Sir Aurel Stein</a> in der Ruine eines Wachturms der Chinesischen Mauer gefunden. Während der Zeit der Großen Seidenstraße bewachte dort eine Garnison den Abschnitt zwischen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Dunhuang">Dunhuang</a> und Louulian.</span></p>
<p style="text-align: justify;"><span lang="DE">Wie sich der Autor des Fundes erinnert, befanden sich die Briefe 1600 Jahre lang in einer vom Zahn der Zeit verschonten Tasche eines unbekannten </span><span lang="DE" style="font-weight: normal;">„</span><span lang="DE">Boten</span><span lang="DE" style="font-weight: normal;">“. J</span><span lang="DE">eder Brief war sorgfältig gefaltet, und auf der Außenseite standen die Namen des Absenders und des Empfängers. </span><span lang="DE" style="font-weight: normal;">Dieser </span><span lang="DE">Tatsache</span><span lang="DE" style="font-weight: normal;"> nach</span><span lang="DE"> zu urteilen, dass die Briefe gut erhalten sind und bis heute erhalten geblieben sind, hat die </span><span lang="DE" style="font-weight: normal;">„</span><span lang="DE">Seidenpos</span><span lang="DE" style="font-weight: normal;">t“</span><span lang="DE"> zu Beginn des </span><span lang="DE" style="font-weight: normal;">4</span><span lang="DE">. Jahrhunderts n. Chr. (Wissenschaftler datier</span><span lang="DE" style="font-weight: normal;">te</span><span lang="DE">n Briefe </span><span lang="DE" style="font-weight: normal;">auf</span><span lang="DE"> die Jahre 312-313) zuverlässig funktioniert. Die sogdische Sprache war bis zum </span><span lang="DE" style="font-weight: normal;">11</span><span lang="DE">. Jahrhundert auf dem Gebiet des heutigen Usbekistan und Tadschikistans weit verbreitet und fungierte während der Zeit der Großen Seidenstraße als Lingua </span><span lang="DE" style="font-weight: normal;">F</span><span lang="DE">ranca der riesigen zentralasiatischen Region.</span></p>
<p style="text-align: justify;"><strong><span lang="DE">Lest auch bei Novastan: </span></strong><span lang="DE"><a href="https://novastan.org/de/kirgistan/gegestaende-aus-dem-8-jahrhundert-in-kirgistan-entdeckt/"><b>Objekte aus dem 8. Jahrhundert in Kirgistan entdeckt</b></a></span></p>
<p style="text-align: justify;"><span lang="DE">Die </span><span lang="DE" style="font-weight: normal;">„</span><span lang="DE">alten Briefe</span><span lang="DE" style="font-weight: normal;">“</span><span lang="DE"> sind nicht nur die frühesten </span><span lang="DE" style="font-weight: normal;">Manuskripte</span> <span lang="DE" style="font-weight: normal;">aus</span><span lang="DE"> Sogdien. Die Hauptsache ist, dass diese Briefe und andere Schriftstücke in sogdischer Sprache, deren Originale in der British Library in London als </span><span lang="DE" style="font-weight: normal;">„l</span><span lang="DE">ebende Zeugen</span><span lang="DE" style="font-weight: normal;">“</span><span lang="DE"> der Antike aufbewahrt werden, </span><span lang="DE" style="font-weight: normal;">die </span><span lang="DE">an die engen Beziehungen zwischen den Völkern Chinas und Zentralasiens erinnern.</span></p>
<p style="text-align: justify;"><span lang="DE">Bekanntlich spielten in vielen chinesischen Städten der Zeit der Großen Seidenstraße die Handelsniederlassungen von Sogdien eine sehr wichtige Rolle bei der Herstellung und Stärkung der Handelsbeziehungen zwischen China und den weit entfernten Ländern des Westens. Dunhuang war einer ihrer Schlüsselstandorte, da dieser </span><span lang="DE" style="font-weight: normal;">„</span><span lang="DE">glitzernde Vorposten</span><span lang="DE" style="font-weight: normal;">“</span><span lang="DE"> als eine Art </span><span lang="DE" style="font-weight: normal;">„</span><span lang="DE">Tor nach China</span><span lang="DE" style="font-weight: normal;">“</span><span lang="DE"> für Handelskarawanen diente.</span></p>
<p style="text-align: justify;"><strong><span lang="DE">Die „leuchtende Perle“ Dunhuang</span></strong></p>
<p style="text-align: justify;"><span lang="DE">Der chinesische Präsident Xi Jinping nannte Dunhuang eine </span><span lang="DE" style="font-weight: normal;">„</span><span lang="DE">leuchtende Perle im langen Fluss der Weltzivilisation</span><span lang="DE" style="font-weight: normal;">“</span><span lang="DE">, wo der </span><span lang="DE" style="font-weight: normal;">„</span><span lang="DE">Geist</span><span lang="DE" style="font-weight: normal;">“</span><span lang="DE"> der Großen Seidenstraße geformt wurde. „Dunhuangs Kultur gehört China, aber Dunhuangs Forschung gehört der ganzen Welt</span><span lang="DE" style="font-weight: normal;">“</span><span lang="DE">, betonte er am 19. August 2019 vor den Mitarbeitern der Dunhuang-Akademie </span><span lang="DE" style="font-weight: normal;">&#8211; </span><span lang="DE">zu Recht.</span></p>
<p style="text-align: justify;"><span lang="DE">Der Präsident Chinas würdigte die Arbeit von Wissenschaftlern aus Großbritannien</span><span lang="DE" style="font-weight: normal;">, </span><span lang="DE">Frankreich, Russland</span><span lang="DE" style="font-weight: normal;">, </span><span lang="DE">Deutschland, den Vereinigten Staaten</span><span lang="DE" style="font-weight: normal;">, </span><span lang="DE">Japan, Zentral- und Südasien und lud Forscher aus aller Welt ein, die reiche Kultur von Dunhuang, geschützt als UNESCO-Weltkulturerbe, weiter zu erforschen. Es ist wichtig, die Einladung des chinesischen Staatsoberhauptes zu nutzen, um gemeinsam das Erbe der Dunhuang-Kultur zu studieren, die die Vielfalt der Kulturen aller Völker der Welt aufnahm, die an der Entstehung der Großen Seidenstraße beteiligt waren.</span></p>
<p style="text-align: justify;"><span lang="DE">Bekanntlich gehörten zu den ersten Verbreitern des Buddhismus in China Kaufleute aus den zentralasiatischen Staaten, die aktiv entlang der Routen des Großen Seidenweges Handel trieben.</span></p>
<p style="text-align: justify;"><strong><span lang="DE">Lest auch bei Novastan: </span></strong><span lang="DE"><a href="https://novastan.org/de/uigurische-region/vom-mythos-seidenstrasse/"><b>Vom Mythos Seidenstraße</b></a></span></p>
<p style="text-align: justify;"><span lang="DE">Einer der </span><span lang="DE" style="font-weight: normal;">„</span><span lang="DE">stillen Hüter der Geheimnisse</span><span lang="DE" style="font-weight: normal;">“</span><span lang="DE"> jener fernen Zeiten ist die weltweit größte Tonskulptur Buddhas</span><span lang="DE" style="font-weight: normal;"> aus dem 4.-6. Jahrhundert</span><span lang="DE">, die 1966 im Süden Tadschikistans in den Ruinen eines buddhistischen Klosters gefunden wurde. Im März 2021 ist es zwanzig Jahre her, dass der sogenannte </span><span lang="DE" style="font-weight: normal;">„</span><span lang="DE">Buddha im Nirwana</span><span lang="DE" style="font-weight: normal;">“</span><span lang="DE">, eine riesige Statue mit einer Länge von dreizehn Metern und einer Höhe von 2</span><span lang="DE" style="font-weight: normal;">,</span><span lang="DE">70</span> <span lang="DE">Meter</span><span lang="DE" style="font-weight: normal;">n</span><span lang="DE">, ausgestellt wurde und seitdem dort die Besucher des Nationale Antikenmuseum</span><span lang="DE" style="font-weight: normal;">s</span><span lang="DE"> von Tadschikistan erfreut.</span></p>
<p style="text-align: justify;"><span lang="DE">Die </span><span lang="DE" style="font-weight: normal;">„</span><span lang="DE">sogdischen Briefe</span><span lang="DE" style="font-weight: normal;">“</span><span lang="DE">, der </span><span lang="DE" style="font-weight: normal;">„</span><span lang="DE">Buddha im Nirwana</span><span lang="DE" style="font-weight: normal;">“</span><span lang="DE"> sowie zahlreiche weitere Kulturdenkmäler aus der Entstehungs- und Blütezeit der Großen Seidenstraße auf dem Gebiet Zentralasiens sind originelle Botschaften aus der Vergangenheit, geistige Abdrücke von Völkern &#8211; Nachbarn, die nicht dem Einfluss der Zeit unterliegen. Regierungen und Hochschulen in Zentralasien und China bauen Jahr für Jahr ihre Zusammenarbeit aus, um neue Seiten in der Geschichte der Großen Seidenstraße zu erforschen und ihr reiches kulturelles Erbe zu erhalten und zu vervielfältigen.</span></p>
<p style="text-align: justify;"><strong><span lang="DE">Förderung des interkulturellen Dialoges durch die Erforschung der Geschichte</span></strong></p>
<p style="text-align: justify;"><span lang="DE">Dokumente wurden der UNESCO zur Aufnahme in das Weltkulturerbe einer Reihe von Korridoren und zentralasiatischen Städten entlang der Großen Seidenstraße vorgelegt. Einige von ihnen sind bereits in </span><span lang="DE" style="font-weight: normal;">das Weltkulturerbe</span><span lang="DE"> aufgenommen worden. Es scheint, dass solcherlei Schritte die Kulturerhaltung, den interkulturellen Dialog sowie die Völkerverständigung fördern und es den heutigen und künftigen Generationen ermöglichen werden, mehr über die Geschichte und Kultur der zentralasiatischen Völker und ihre historischen Beziehungen zu China zu erfahren. Auch die gemeinsame Förderung der </span><span lang="DE" style="font-weight: normal;">„</span><span lang="DE">Belt and Road</span><span lang="DE" style="font-weight: normal;">“</span><span lang="DE">-Initiative bietet hierfür einen starken Anreiz.</span></p>
<p style="text-align: justify;"><span lang="DE">Die Bewahrung und Aufwertung des reichen Kultur- und Naturerbes ist eine Priorität für die Regierungen der zentralasiatischen Staaten. In den vergangenen 20 Jahren wurde mit der UNESCO zum Wohle der heutigen und künftigen Generationen viel Arbeit geleistet. Auf der Liste des Weltkulturerbes stehen 53 Kulturstätten. Viele von ihnen stehen in direktem Zusammenhang mit der Geschichte der Großen Seidenstraße. Einen besonderen Platz unter ihnen nimmt </span><span lang="DE" style="font-weight: normal;">das usbekische </span><span lang="DE">Samarkand, der weltbekannte Schnittpunkt der Weltkulturen</span><span lang="DE" style="font-weight: normal;">, ein.</span></p>
<p style="text-align: justify;"><strong><span lang="DE">Lest auch bei Novastan: </span></strong><span lang="DE"><a href="https://novastan.org/de/kirgistan/chinas-ruckkehr-nach-zentralasien/"><b>Chinas Rückkehr nach Zentralasien</b></a></span></p>
<p style="text-align: justify;"><span lang="DE">Da Zentralasien historisch eines der Zentren der menschlichen Zivilisation darstellt, liegt es auf der Hand, dass die nur 53 Stätten, die in die Liste des Welterbes eingetragen sind, den Beitrag der Völker der Region zur Entwicklung der materiellen und geistigen Kultur der Menschheit nicht vollständig widerspiegeln können. Die Nationalkommissionen der zentralasiatischen Länder für die UNESCO arbeiten in mühevoller Kleinarbeit daran, potenzielle Stätten für die Aufnahme in die Liste zu untersuchen und zu dokumentieren und ihre Unterrepräsentierung auszugleichen. Dokumente zur Aufnahme von 75 neuen Stätten wurden der UNESCO bereits zur Prüfung vorgelegt (15 aus Kasachstan, 3 aus Kirgisistan, 17 aus Tadschikistan, 9 aus Turkmenistan und 31 aus Usbekistan). Jede von ihnen </span><span lang="DE" style="font-weight: normal;">ist ein Mosaikstück </span><span lang="DE">des gemeinsamen historischen Erbes der zentralasiatischen Völker und deren Beitrag zur Entwicklung der Weltzivilisation.</span></p>
<p style="text-align: justify;"><span lang="DE">Im Jahr 2010 wurde </span><span lang="DE"><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sarasm">Sarasm</a>, die älteste Siedlung sesshafter Völker Zentralasiens, in die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes aufgenommen. In Übereinstimmung mit dem anstehenden Beschluss der UNESCO-Generalkonferenz im September 2020 im tadschikischen <span style="font-weight: normal;">Pandschakent</span> werden Veranstaltungen zum 5.500. Jahrestag von Sara<span style="font-weight: normal;">s</span>m als Zentrum für die Bildung der alten landwirtschaftlichen Kultur des tadschikischen Volkes stattfinden. Archäologen zufolge verlief die Große Lazuli-Straße durch Sara<span style="font-weight: normal;">s</span>m, die dann die Grundlage für eine der zuverlässigen Routen der Seidenstraße von Europa nach China und Indien bildete.</span></p>
<p style="text-align: justify;"><strong><span lang="DE">Lest auch bei Novastan: </span></strong><span lang="DE"><a href="https://novastan.org/de/kirgistan/das-manas-epos-eine-enzyklopdie-kirgisischer-geschichten-und-sitten/"><b>Das „Manas“-Epos – eine Enzyklopädie kirgisischer Geschichte und Sitten</b></a></span></p>
<p style="text-align: justify;"><span lang="DE">Es ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass jede Stätte, die von den zentralasiatischen Ländern in die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes aufgenommen wurde, sich durch eine effiziente Verwaltung und einen durchdachten Schutz auszeichnet, der ihre Erhaltung vor möglichen klimatischen Veränderungen, seismischen Risiken, unkontrollierten Bauarbeiten und touristischen Besuchen gewährleistet.</span></p>
<p style="background-color: #d4d4d4;"><span style="color: #000000;">Lust auf Zentralasien in eurer Mailbox? Abonniert unseren kostenlosen wöchentlichen Newsletter <strong><span style="text-decoration: underline;"><a href="https://2ff41361.sibforms.com/serve/MUIFAD3kOVgHRZMEzVL0tQuvV__Lm5slYuTqY-DEgdyDpH9WazOpCwYD2CLbIZdPKxyD_Mnaw2SKMY78StG6vCfPNIE1HcIumNXgnjsKyqsb8MuZ5Ng1jN3cNsBhf4SSp2VDJAgy_38b6jiUL7aU6Y-RaIAVhUpNqW1tNwmWOB-8YcNp9LBWEk57rUlkszlx_tQ8qxYED63Sz6UU">mit einem Klick.</a></span></strong></span></p>
<p style="text-align: justify;"><span lang="DE">Seit der Entdeckung und Entstehung der Großen Seidenstraße waren weder hohe Berge noch schnelle Flüsse, grenzenlose Steppen oder leblose Wüsten ein Hindernis für die Kommunikation zwischen den Völkern Zentralasiens und Chinas. Die Stärkung dieser Beziehungen wurde sowohl durch das gegenseitige Interesse an der Entwicklung von Handels- und Wirtschaftsbeziehungen als auch durch den gegenseitigen Wunsch der beiden alten Kulturzentren nach gegenseitiger Kenntnis und Bereicherung diktiert. Die Traditionen des Dialogs zwischen den Kulturen und Zivilisationen, die zu Beginn unserer Ära festgelegt wurden, werden heute fortgesetzt. Die &#8222;spirituellen Kratzer&#8220; aus der Zeit der Großen Seidenstraße haben über die Jahrhunderte hinweg ihre Zuverlässigkeit bewiesen. Und das seit Jahrhunderten.</span></p>
<p style="text-align: right;" align="right"><strong><span lang="DE">Raschid Alimow für </span></strong><span lang="DE"><a href="https://asiaplustj.info/ru/news/life/culture/20200225/sogdiiskie-pisma-kak-zhivie-svideteli-napominayut-o-tesnih-svyazyah-mezhdu-kitaem-i-tsentralnoi-aziei?tg_rhash=59df260525b319"><b>Asia Plus</b></a></span></p>
<p style="text-align: right;" align="right"><strong><span lang="DE">Aus dem Russischen von Hannah Riedler</span></strong></p>
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		<title>Die Pocken in Kasachstan 1971: Wie eine Epidemie verhindert wurde</title>
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		<dc:creator><![CDATA[hriedler]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 11 Apr 2020 17:50:41 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Epidemie]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Medizin]]></category>
		<category><![CDATA[Pocken]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Im Jahr 1971 konnte in Aralsk ein gr&#xF6;&#xDF;erer Ausbruch der damals in der UdSSR als bereits ausgerottet betrachteten Pocken verhindert werden. Jandos Asylbekov berichtet von seinen eigenen Erfahrungen als Teenager im Zentrum des verhinderten Ausbruchs einer Pandemie. Folgender Artikel erschien im russischen Original bei Central Asian Monitor, wir &#xFC;bersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion. [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify"><strong>Im Jahr 1971 konnte in Aralsk ein größerer Ausbruch der damals in der UdSSR als bereits ausgerottet betrachteten Pocken verhindert werden. Jandos Asylbekov berichtet von seinen eigenen Erfahrungen als Teenager im Zentrum des verhinderten Ausbruchs einer Pandemie. Folgender Artikel erschien im russischen Original bei</strong> <a href="https://camonitor.kz/34404-chernaya-ospa-v-kazahstane-1971-god-kak-predotvratili-epidemiyu.html"><strong>Central</strong> <strong>Asian</strong><strong> Monitor</strong></a><strong>, wir übersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.</strong></p>
<p style="text-align: justify">In den Archiven Kasachstans nach Dokumenten darüber zu suchen ist sinnlos. Wenn es sie denn noch gibt, dann nur in Moskau, und höchstwahrscheinlich werden sie nach wie vor als &#8222;streng geheim&#8220; vermerkt. Wenn also jemals bekannt wird, wie es zu der Infektion kam, wie viele Menschen erkrankten und starben und welche Maßnahmen zur Verhinderung der Epidemie ergriffen wurden, wird dies wahrscheinlich nicht so bald geschehen.</p>
<p style="background-color: #d4d4d4;"><span style="color: #000000;">Novastan ist das einzige deutschsprachige Nachrichtenmagazin über Zentralasien. Wir arbeiten auf Vereinsgrundlage und <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/werde-unser-mitglied-werde-novastan/"><strong>Dank eurer Teilnahme</strong></a>. Wir sind <a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/unser-projekt/">unabhängig</a> und wollen es bleiben, dafür brauchen wir euch! Durch jede noch so kleine <strong><a href="https://novastan.org/de/novastan-ev/spenden/">Spende</a></strong> helft ihr uns, weiter ein realitätsnahes Bild von Zentralasien zu vermitteln.</span></p>
<p style="text-align: justify">Verschiedene Quellen haben Versionen mit Bezug auf die so genannten <a href="http://www.zeno.org/Meyers-1905/A/Aralsee">Zareninseln</a> vorgelegt (ursprünglich wurden diese 1848 nach Kaiser Nikolaus I., Großherzog Konstantin und anderen Thronfolger benannt und erhielten zu sowjetischer Zeit neue Namen &#8211; Erweckung, Lazarew und Komsomolski). Seit 1954 befand sich dort ein Feldforschungslabor (PNIL), das sich mit der Untersuchung und dem Test von Proben biologischer Waffen befasste. Im Mai 1991, sechs Monate vor dem Zusammenbruch der UdSSR, als die öffentliche Meinung nicht mehr ignoriert werden konnte, wurde eine kleine Delegation zugelassen, der auch der Autor dieses Artikels angehörte. Natürlich wurden die geheimen Objekte selbst nicht gezeigt, aber wie die Militärs behaupteten, wurden die Experimente in sehr begrenzten Gebieten durchgeführt und stellten keine Gefahr dar. Als Beweis wurde den Besuchern der Kindergarten gezeigt und versichert, dass die Beamten hier nicht mit Kindern leben würden, wenn die Gefahr bestünde, dass diese sich mit etwas Ernstem infizieren könnten.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/coronavirus-zentralasien-im-krisenmodus/">Coronavirus: Zentralasien im Krisenmodus</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">Andererseits wurde die Aktivität der PNIL und der am gleichen Ort errichteten Stadt Kantubek durch eine große, in der Nähe von <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Aral_(Kasachstan)">Aralsk</a> (heute Aral, Anm. d. Red.) stationierte Militärgarnison sichergestellt, die über eine Flugabwehr-, Flug-, Bau- und Radar-Einheit verfügte. Dies allein könnte bereits ein Hinweis darauf sein, dass die Arbeit auf den Inseln sehr wichtig war und dass sie ziemlich umfangreich war. Darüber hinaus argumentieren die Autoren Sergej Bubnovsky und Igor Prokopenko in dem Buch &#8222;Mythen über Krankheiten&#8220;, dass bis Mitte der 1980er Jahre, also vor der Verschmelzung der drei Inseln zu einer, Tests auf der Lazarew-Insel  durchgeführt wurden.</p>
<p style="text-align: justify">Hier ein Zitat aus dem Buch: &#8222;<em>In den Labors dieser als geheim eingestuften Insel befanden sich Kampfstämme von Viren und Bakterien. Es gab zuverlässige Aufzeichnungen über einen Fall des Durchsickerns eines aggressiven Virus, der 1971 auftrat. Damals wurde auf der Konstantin-Insel  ein Biopräparat gegen die Schwarzpocken getestet. Dazu wurde eine kleine Bombe mit einem Gewicht von nur 400 Gramm gezündet. Aber zum Zeitpunkt der Explosion änderte sich die Windrichtung plötzlich, und die Wolke zog nach Norden bis zur Stadt Aralsk</em>&#8222;.</p>
<p style="text-align: justify">Es ist nicht klar, ob wir den Text von Igor Prokopenko, einem bekannten Fernsehjournalisten des Fernsehsenders Ren-TV, dem oft Unwahrheiten und Verfälschungen vorgeworfen werden, glauben sollten. Es gilt zu bedenken: Wenn eine Wolke von Pockenviren Aralsk erreicht hätte, wären Tausende von Menschen infiziert worden, während es in Wirklichkeit viel weniger waren.</p>
<p style="background-color: #d4d4d4;"><span style="color: #000000;">Lust auf Zentralasien in eurer Mailbox? Abonniert unseren kostenlosen wöchentlichen Newsletter <strong><span style="text-decoration: underline;"><a href="https://2ff41361.sibforms.com/serve/MUIFAD3kOVgHRZMEzVL0tQuvV__Lm5slYuTqY-DEgdyDpH9WazOpCwYD2CLbIZdPKxyD_Mnaw2SKMY78StG6vCfPNIE1HcIumNXgnjsKyqsb8MuZ5Ng1jN3cNsBhf4SSp2VDJAgy_38b6jiUL7aU6Y-RaIAVhUpNqW1tNwmWOB-8YcNp9LBWEk57rUlkszlx_tQ8qxYED63Sz6UU">mit einem Klick.</a></span></strong></span></p>
<p style="text-align: justify">Die andere Version sieht plausibler aus. Es läuft darauf hinaus, dass sich eine Wissenschaftlerin als erste auf einem Schiff der örtlichen Zweigstelle des Fischereiforschungsinstituts mit der Krankheit infiziert hat. Es scheint, dass das Schiff vom Kurs abgekommen ist und zu nahe an die Inseln herangekommen ist, obwohl alle angewiesen wurden, sich mindestens 40 Kilometer von ihnen fernzuhalten. Nach ihrer Rückkehr nach Aralsk sagte die Frau, sie habe andere angesteckt. Aber es gibt auch die Meinung, insbesondere von russischen Virologen, dass der Ausbruch der Pocken auf natürliche Weise erfolgte. Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass wir jemals erfahren werden, was wirklich passiert ist.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Ständige Angst vor den Pocken</strong></p>
<p style="text-align: justify">Seit der Antike gelten die Pocken als eine der tödlichsten Infektionskrankheiten. Im Mittelalter starb jeder fünfte Mensch daran, die Sterblichkeitsrate bei Kindern war sogar noch höher.  &#8222;<em>Ja, die  Pest war tödlicher, aber sie besuchte unsere Gestade nur ein- oder zweimal seit Menschengedenken. Aber die Pocken blieben unerbittlich unter uns, füllten die Friedhöfe mit Toten und quälten mit ständiger Angst all jene, die noch nicht daran erkrankt waren. Sie hinterließ auf den Gesichtern der Menschen, deren Leben sie verschonte, hässliche Male als Zeichen ihrer Macht, machte das Kind für seine Mutter unkenntlich, verwandelte eine schöne Braut in das Objekt des Ekels in den Augen des Bräutigams.</em>&#8220; schrieb der englische Historiker Thomas McClow in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts.</p>
<p style="text-align: justify">Erst nachdem die Menschheit einen Impfstoff erfunden hatte, begannen die Ausbrüche der Pocken zurück zu gehen. In der UdSSR wurde ihre Ausrottung 1936 verkündet. Es gab jedoch noch einen Fall Anfang 1960, als ein Künstler, der Indien besucht hatte, die Infektion mit sich nach Moskau brachte. Obwohl sofortige Maßnahmen ergriffen wurden, um alle Kontakte zu identifizieren und zu behandeln, konnten drei Menschen nicht gerettet werden. Jahre später trat die schreckliche Krankheit in der Provinz Aralsk auf.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Im Belagerungszustand</strong></p>
<p style="text-align: justify">Die Stadt wurde von führenden Wissenschaftlern und Epidemiologen aus der ganzen Sowjetunion besucht. Aralsk war ein abgerigieltes Gebiet, so dass niemand aus ihm herauskommen konnte. Zuerst standen zahlreiche Soldaten aus Einheiten der örtlichen Garnison im Sperrgürtel, dann wurden Soldaten aus anderen Regionen der UdSSR dorthin versetzt. Militärschiffe waren auf See im Einsatz. Mit einem Wort, es war unmöglich, die Stadt zu verlassen, weder auf dem Trockenen, noch auf dem Wasser, geschweige denn in die Stadt hineinzukommen. Darüber hinaus beteiligten sich Militäreinheiten zusammen mit der Polizei an der Isolierung von Personen, die Kontakt zu den Infizierten hatten. Erwähnt wird dies z. B. in Alexej Sukonkins Buch &#8222;Streitkräfte des Sowjetlandes&#8220;, das den Aktivitäten der Sonderbrigaden gewidmet ist, sowie in der Publikation &#8222;Special Forces of the GRU&#8220;.</p>
<p style="text-align: justify">Durch Aralsk, als ob es in zwei ungefähr gleich große Hälften geschnitten wäre, führte die Eisenbahnlinie von unionsweiter Bedeutung, die Moskau und dem europäischen Teil der südlichen Regionen der UdSSR mit Kasachstan, einschließlich der Hauptstadt Alma-Ata (heute Almaty, Anm. d. Red.), sowie mit allen Republiken Zentralasiens verband. Damals gab es sowohl mehr Personen- als auch Güterzüge als heute. Unser Haus lag direkt an dieser Bahn, und deshalb kann ich mit Sicherheit bezeugen: Die Züge fuhren fast alle zehn Minuten. Und sie alle machten am Aralsker Bahnhof Station, zumindest für eine Weile. So wurden nach Einführung einer vollständigen Quarantäne alle Stopps verboten, und die Personenzüge passierten uns mit fest verschlossenen Türen und Fenstern.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/semipalatinsker-testgelaende-das-atomare-erbe-der-sowjetunion-in-kasachstan/">Semipalatinsker Testgelände: Das atomare Erbe der Sowjetunion in Kasachstan</a> </strong></p>
<p style="text-align: justify">Das Postamt arbeitete nur &#8222;als Eingang&#8220;. Mit anderen Worten: Briefe, Pakete, Zeitungen und Zeitschriften kamen in die Stadt, aber es war unmöglich, etwas zu verschicken. Übrigens sind die Infektionswege bei den Pocken etwa die gleichen wie bei COVID-19: durch die Luft mit winzigen Speicheltröpfchen einer infizierten Person oder durch direkten Kontakt, und das Virus dringt über die Schleimhäute von Mund, Nase und Augen in den Körper ein. Das heißt, die postalischen Einschränkungen mögen unnötig gewesen sein (obwohl es besser ist, dies von Spezialisten beurteilen zu lassen), aber die Behörden scheinen beschlossen zu haben, selbst minimale Risiken auszuschließen. Beim geringsten Verdacht auf eine Infektion wurde die Person natürlich isoliert. Ich erinnere mich, dass ein Junge, der neben unseren Cousins und Schwestern wohnte, die wir am Tag zuvor besucht hatten, ins Krankenhaus gebracht wurde. Die Eltern waren in Panik, aber es ist nichts passiert.</p>
<p style="text-align: justify">Es ist klar, dass Zeitungen und Fernsehen (das es seit einem Jahr zuvor in Aralsk gab) nichts über die Geschehnisse in der Küstenstadt berichteten &#8211; schließlich war die UdSSR in dieser Hinsicht ein absolut geschlossener Staat. Übrigens, wie sich später herausstellte, war auch die Weltgesundheitsorganisation nicht informiert. Ich erinnere mich auch nicht an Aufklärungsarbeit in der Bevölkerung. Unter den Bedingungen dieses Informationsvakuums tauchten eine Reihe von Gerüchten auf. Als mehrere Aralsker versuchten, die Stadt zu verlassen, wurden sie angeblich erschossen. Sie sagten, dass alle gesunden Bürger bald in das Pionierlagergebiet verlegt werden sollten, das einige Kilometer von der Stadt entfernt war, für das sie Zelte aufgestellt haben (es war war warme Jahreszeit), und Aralsk wird zerstört werden sollte. Und so weiter und so fort.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Keine zuverlässigen Informationen</strong></p>
<p style="text-align: justify">Wir Kinder haben im Gegensatz zu den Erwachsenen nicht viel Angst empfunden. Es stimmt, als ich Bilder von Kranken sah, fühlte ich mich unbehaglich. Tatsache ist, dass der Sohn des Leiters der Bezirksgesundheitsabteilung mit mir in derselben Klasse lernte &#8211; er zog heimlich die Fotos aus der Mappe seines Vaters, machte Abzüge (damit haben wir uns alle mit Fotografie beschäftigt) und zeigte sie uns.  Selbst in Schwarz-Weiß sahen die Geschwüre auf den Gesichtern und Körpern der Infizierten erschreckend aus.</p>
<p style="text-align: justify">Ich kann nicht genau sagen, wie lange die Stadt in völliger Isolation lebte. Vielleicht einen Monat, vielleicht etwas weniger. Auch über die Zahl der Todesfälle gibt es keine zuverlässigen Informationen: Verschiedene Quellen geben Zahlen von 3 bis 9 an. Aber es ist eine Tatsache, dass es dank schneller und sehr strenger Maßnahmen möglich war, den Infektionsherd schnell zu lokalisieren und große Verluste an Menschenleben zu vermeiden.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Anstelle eines Nachwortes</strong></p>
<p style="text-align: justify">Nach Angaben der Website der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wurde der letzte Fall einer Pockeninfektion weltweit 1977, sechs Jahre nach den oben beschriebenen Ereignissen, in einem armen afrikanischen Land, Somalia, registriert. Drei Jahre später, 1980, empfahl die WHO, die Impfung gegen diese Infektion zu stoppen. Aber obwohl die Ausbreitung des Virus aufgehört hat, werden seine Stämme immer noch in zwei Labors gelagert, eines in Russland und das andere in den Vereinigten Staaten.</p>
<p style="text-align: justify">Im Dezember 2002 veröffentlichte die New York Times einen Artikel über den &#8222;Aralsker Ausbruch&#8220; der Schwarzpocken. Nelly Maltseva, eine zu diesem Zeitpunkt bereits verstorbene Viruswissenschaftlerin, die an der Prävention der Epidemie in einer kasachischen Stadt beteiligt war, hatte den Stamm angeblich 1990 an den Irak weitergegeben. Warum haben sich die Amerikaner über den &#8222;Aralsk-Virus&#8220; Sorgen gemacht? Weil sie ihn für besonders gefährlich gehalten haben sollen und kein Gegenmittel hatten. Diese Anschuldigung kam jedoch höchstwahrscheinlich aus derselben Inszenierung, zu der auch das &#8222;Anthrax-Reagenzglas&#8220; geworden ist, das US-Außenminister Colin Powell ein paar Monate später zeigte, nachdem die US-Invasion im Irak begonnen hatte (falsche Anschuldigung gegenüber dem Irak in Bezug auf den potentiellen Einsatz von Massenverichtungswaffen – Anm. d. Red.).</p>
<p style="text-align: right"><strong>Jandos Asylbekov für </strong><a href="https://camonitor.kz/34404-chernaya-ospa-v-kazahstane-1971-god-kak-predotvratili-epidemiyu.html"><strong>Central Asian Monitor</strong></a></p>
<p style="text-align: right"><strong>Aus dem Russischen von Hannah Riedler</strong></p>
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		<title>Wie vor 100 Jahren die Bolschewiki das Emirat von Buchara und das Khanat von Xiva zerstörten</title>
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		<dc:creator><![CDATA[hriedler]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 06 Apr 2020 15:36:19 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Usbekistan]]></category>
		<category><![CDATA[Bolschewismus]]></category>
		<category><![CDATA[Emirat Buchara]]></category>
		<category><![CDATA[Khanat Xiva]]></category>
		<category><![CDATA[Rote Armee]]></category>
		<category><![CDATA[Russisches Reich]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Im Khanat von Xiva und im Emirat von Buchara, die seit 1873 unter russischem Protektorat gestanden hatten, ver&#xE4;nderte sich vieles nach der Februarrevolution und den damit verbundenen Aufst&#xE4;nden von Kommunisten 1919 in Xiva, die von den Bolschewiki unterst&#xFC;tzt wurden. Im Februar 1920 wurde die Volksrepublik Chorezm in Xiva ausgerufen, w&#xE4;hrend im gleichen Jahr nach dem [&#x2026;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>Im <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Khanat_Chiwa">Khanat von Xiva</a> und im <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Emirat_Buchara">Emirat von Buchara</a>, die seit 1873 unter russischem Protektorat gestanden hatten, veränderte sich vieles nach der Februarrevolution und den damit verbundenen Aufständen von Kommunisten 1919 in Xiva, die von den Bolschewiki unterstützt wurden. Im Februar 1920 wurde die Volksrepublik Chorezm in Xiva ausgerufen, während im gleichen Jahr nach dem Einmarsch der Roten Armee die Bucharische Volksrepublik gegründet wurde. Der führende Forscher des Instituts für Orientalistik der Russischen Akademie der Wissenschaften <a href="https://ivran.academia.edu/SergiusLKuzmin">Sergey Kuzmin</a> beantwortet im folgenden Fragen zum Ausmaß der Eigenstaatlichkeit der neu entstandenen Staaten, sowie der Unterstützung der Bevölkerung und der Rolle der Engländer. Folgender Artikel erschien im russischen Original bei</strong> <a href="https://fergana.news/articles/114949/"><strong>Fergana News</strong></a><strong>, wir übersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Bis 1917 standen das Khanat Xiva und das Emirat Buchara bereits fast ein halbes Jahrhundert lang unter russischem Protektorat. Wie sehr hat sich das Leben dieser Staaten in dieser Zeit verändert, vor allem im Vergleich zu den Gebieten Zentralasiens, die unter die direkte Kontrolle des Russischen Reiches kamen?</p>
<p style="text-align: justify;">Nachdem sich der Khan von Xiva und der Emir von Buchara zu Vasallen des russischen Kaisers erklärt hatten, wurden ihre Monarchien nicht in den Staatsverband aufgenommen, sondern zu Protektoraten. Die gesellschaftliche Ordnung wurde dort kaum verändert. Unter den Bedingungen des erhaltenen alten Systems betrachteten die Menschen in <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Xiva">Xiva</a> und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Buxoro">Buchara</a> ihre Monarchen und Geistlichkeit weiterhin als unbestreitbare Autoritäten. Die auf dem Traditionalismus basierende monarchische Autorität bewahrte ihre charismatische Legitimität in den Augen ihrer Untertanen.</p>
<p style="text-align: justify;">Man kann lediglich über die Unzufriedenheit der Menschen mit konkreten Fällen von Willkür der Feudalherren sprechen, nicht aber über Unzufriedenheit über die bestehende gesellschaftliche Ordnung. Natürlich gab es auch inter-ethnische Auseinandersetzungen (insbesondere zwischen Usbeken und Turkmenen), Konkurrenz um Wasser und andere Konflikte sozialer und wirtschaftlicher Art. Unter der Autorität des russischen Kaisers verbesserte sich die Position beider Monarchien.</p>
<p style="text-align: justify;">So wurde beispielsweise die Sklaverei abgeschafft, die innere Lage stabiler, eine Eisenbahn von Russland nach Buchara sowie Straßen und Kanäle gebaut und die Industrie entwickelt. Zur gleichen Zeit entstanden russische Kolonien auf dem Territorium beider Monarchien, die später zu den Zentren revolutionärer Stimmungen wurden. Vergleicht man Xiva und Buchara mit den Gebieten Zentralasiens, die zum Russischen Reich gehören, so haben sie natürlich ihre Unabhängigkeit weitgehend behalten, obwohl sie nicht als unabhängige Staaten bezeichnet werden konnten.</p>
<figure id="attachment_20687" aria-describedby="caption-attachment-20687" style="width: 800px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-20687" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/41f2b3e5-cca4-4817-902c-4130c8b5472e.jpeg" alt="Der buxorische Emir Alim Khan" width="800" height="550" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/41f2b3e5-cca4-4817-902c-4130c8b5472e.jpeg 800w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/41f2b3e5-cca4-4817-902c-4130c8b5472e-300x206.jpeg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/41f2b3e5-cca4-4817-902c-4130c8b5472e-768x528.jpeg 768w" sizes="auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px" /><figcaption id="caption-attachment-20687" class="wp-caption-text">Der buxorische Emir Alim Khan</figcaption></figure>
<p style="text-align: justify;"><strong>Warum hat die zaristische Regierung Ihrer Meinung nach Xiva und Buxoro nicht auf Anhieb wie das liquidierte </strong><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Khanat_Kokand"><strong>Kokand-Khanat</strong></a><strong> behandelt? Warum brauchte St. Petersburg diese Staatsformationen?</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Die russische Führung hielt die Vasallenabhängigkeit des Emirs von Buchara und des Khans von Xiva vom russischen Kaiser für ausreichend. Dies umso mehr, als beide ihm stets treu geblieben sind. Die wirtschaftlichen Interessen Russlands in beiden Monarchien wurden respektiert. Dank Russland gab es in Xiva und Buchara relative Stabilität. Sie dienten als Puffer, der zur Sicherheit der südlichen Provinzen Russlands beitrug. Es ist schwer zu sagen, ob sie später in das Russische Reich integriert worden wären &#8211; die Geschichtsforschung kennt keine entsprechenden Pläne.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Lest auch bei Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/usbekistan/choresm-und-buchara-die-zweigeteilte-geschichte-der-juedinnen-zentralasiens/"><strong>Choresm und Buchara: Die zweigeteilte Geschichte der JüdInnen Zentralasiens</strong></a></p>
<p style="text-align: justify;">Was das Kokand-Khanat betrifft, so unterschied sich die Situation dort in den letzten Jahren seiner Unabhängigkeit deutlich von Xiva und Buxoro. Die Instabilität hat zugenommen. Der rechtmäßige Monarch &#8211; <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Palast_des_Xudayar_Khan">Xudayar Khan</a> &#8211; war Russland gegenüber loyal. Aber er konnte die Macht nicht halten und floh beim nächsten Aufstand zu den Russen. Die Rebellen wählten seinen Sohn Nasreddin als ihren Khan.</p>
<p style="text-align: justify;">Nach der Niederlage der Aufstände unterzeichnete <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Konstantin_Petrowitsch_von_Kaufmann">General von Kaufman</a> (Oberkommandierender der russischen Truppen des Turkestanischen Militärbezirkes – Anm. d. Red.) einen Friedensvertrag mit ihm. Kokand wurde wie Xiva und Buchara zu einem Protektorat Russlands. Aber die Unruhen gingen weiter, Nasreddin floh unter dem Schutz der Russen. Nach der Einnahme von Kokand wurde das Khanat liquidiert. Nicht Russland war schuld, sondern diejenigen, die Unruhe gegen ihren rechtmäßigen Khan verursachten.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Sind die politischen und sozialen Prozesse in Xiva und Buxoro, die der Liquidation der Monarchien vorausgingen, eine Kopie der Prozesse im Russischen Reich selbst, oder unterschieden sie sich grundlegend? Vor allem voneinander?</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Die politischen Prozesse dort unterschieden sich zwar von den russischen, aber ich glaube nicht grundlegend. Es gab eine sehr wichtige Ähnlichkeit: Diese Gesellschaften waren traditionell monarchisch, und die Politik der Behörden sowohl im Russischen Reich als auch in Xiva und Buchara zielte darauf ab, diesen Traditionalismus mit einer langsamen und eher vorsichtigen Reform zu bewahren.</p>
<p style="text-align: justify;">Natürlich gab es historische, religiöse und nationale Unterschiede. Die Gesellschaften in Buchara und Xiva waren im Allgemeinen konservativer, religiöser und weniger von den revolutionären Ideen zerfressen. Diese Ideen waren ihnen ursprünglich fremd. Aber auch Russland waren die revolutionären Ideen ursprünglich fremd. Diese Ideen kamen aus dem Westen nach Russland. Das ist allseits bekannt. Von Russland aus drangen diese Ideen in Xiva und Buchara ein: teils durch verschiedenen roten Parteien, teils von den Dschadiden.</p>
<p style="text-align: justify;">Aber selbst die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Dschadidismus">Dschadidismus</a>-Bewegung (muslimisch-nationalistischen Reformbewegung im russischen Reich, die sich an westlichen Vorstellungen von Modernität anlehnte – Anm. d. Red.) unter den russischen Muslimen entwickelte sich unter ausländischem Einfluss &#8211; aus europäischen und jung-türkischen politischen Ideen. All diese Ideen hatten wichtige Gemeinsamkeiten: Sie wurden von außen eingeführt und zielten letztlich auf die Zerstörung traditioneller Gesellschaften und die Abschaffung von Monarchien ab.</p>
<figure id="attachment_20688" aria-describedby="caption-attachment-20688" style="width: 800px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-20688" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/9a1dffa3-9bfc-477b-a15b-29a592bc2c68.jpeg" alt="Artillerie des buxorischen Khanats" width="800" height="550" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/9a1dffa3-9bfc-477b-a15b-29a592bc2c68.jpeg 800w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/9a1dffa3-9bfc-477b-a15b-29a592bc2c68-300x206.jpeg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/9a1dffa3-9bfc-477b-a15b-29a592bc2c68-768x528.jpeg 768w" sizes="auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px" /><figcaption id="caption-attachment-20688" class="wp-caption-text">Artillerie des buxorischen Khanats</figcaption></figure>
<p style="text-align: justify;"><strong>Kann man die die (mit den Jungtürken in Verbindung stehende) dschadidistische Bewegung „Junge Xivaer“ (russisch: Mladochiwinzy) und „Junge Bucharer“ (russ. Mladobucharzy) nur als lokale Versionen des Dschadidismus betrachten? Was ist die Einzigartigkeit dieser Phänomene?</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Ich würde sie nicht ausschließlich als lokale Versionen betrachten. Natürlich gab es auch Unterschiede in Bezug auf die lokalen Bedingungen. Aber das Wesentliche waren die Gemeinsamkeiten. Sowohl die Mladochiwinzy als auch die Mladobucharzy befürworteten ursprünglich eine (zunehmend radikale) Reform, die auf von außen eingeführten Konzepten beruhte. Das ist nicht überraschend: Ihre Führer lebten lange Zeit außerhalb ihres Heimatlandes, und dort sammelten sie diese fremden Ideen und wollten dann das Leben in ihrer Heimat durch sie verändern.</p>
<p style="text-align: justify;">Tatsächlich finden sich Analogien solcher Personen und Parteien sowohl in der Geschichte Russlands als auch in der Geschichte anderer Länder, wie z.B. der Mongolei. Ein gemeinsames Merkmal ist, dass ein neues Konzept aus dem Ausland eindrang, das die Grundlage für die Veränderung der Gesellschaft in ihrem Land war. Diese traditionelle Gesellschaft wurde zwangsläufig als rückständig angesehen. Die einzige Frage ist, wie schnell und tiefgehend beschlossen wurde, sie zu ändern, entweder durch eine Reform (die ursprünglich von den Mladochiwinzy und Mladobucharzy befürwortet wurde) oder durch einen revolutionären Bruch (der von den Kommunisten befürwortet wurde). Zwischen beiden Ansichten gab es keine Kluft, sondern einen allmählichen Übergang: So lässt sich sagen, dass die Mladobucharzy gemeinsam mit den Buchara-Kommunisten aktiv die Revolution in Buchara vorbereiteten.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Die Sowjetmacht beeilte sich wie die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Provisorische_Regierung_(Russland)">provisorische Regierung</a>, sowohl das Khanat als auch das Emirat anzuerkennen. Worin bestand das Kalkül der Bolschewiki?</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Ich denke, es war dieselbe Überlegung wie bei der Anerkennung anderer Staaten, in denen sie ebenfalls erfolgreich sozialistische Revolutionen durchgeführt haben. Als die Bolschewiki die Revolution exportierten, behaupteten sie, sie würde von den Völkern gemacht (was tatsächlich nicht der Fall war). Zu diesem Zweck wurden in bestimmten Staaten heimliche kommunistische oder prokommunistische Parteien oder Gruppen gegründet, denen notwendigerweise Vertreter der einheimischen Bevölkerung angehörten.</p>
<p style="text-align: justify;">Diese Parteien versuchten dann, die Macht zu ergreifen, und riefen, falls sie scheiterten (wie in den zentralasiatischen Monarchien), die Bolschewiki zu Hilfe. Die Rote Armee kam, um die so genannte &#8222;internationale Pflicht&#8220; erfüllen. Infolgedessen ging die Macht an eben diese Parteien über, die von den Bolschewiki geleitet wurden. Danach konnte sich ein Teil der Republiken anstatt mit dem Russische Reich mit der UdSSR vereinen, mit der bereits eine gemeinsame ideologische Basis etabliert worden war. Dieser Plan war effektiver als eine Eroberung von außen mit der anschließenden Gründung der bolschewistischen Partei und der Revolution.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Kann man sagen, dass Xiva und Buchara dazu bestimmt waren, weil sie Bolschewiken als Nachbarn hatten? Welche &#8222;Parteilinie&#8220; gab es im Allgemeinen in Bezug auf die Ostmonarchien, und wurde in Erwägung gezogen, sie in irgendeiner Form zu erhalten?</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Die Bolschewiki versuchten damals, die Revolution in die ganze Welt zu exportieren. Die Staaten auf dem Gebiet des zerstörten Russischen Reiches und der Nachbarländer befanden sich in einer besonderen Gefahrenzone. Das Khanat von Xiva und das Emirat Buchara sind in das Gebiet des ehemaligen russischen Reiches von Afghanistan bis zum Aralsee tief vorgedrungen.</p>
<p style="text-align: justify;">In zaristischen Zeiten hatten sie gute Beziehungen zu Russland, wurden von ihm unterstützt und waren unter den Bolschewiken ein fremder Keil zwischen den roten Gebieten. Die Monarchen und der Traditionalismus, insbesondere in Buchara unter dem Einfluss des Islam, wurden von den Kommunisten als Gefahr gesehen. Die &#8222;Parteilinie&#8220; bestand darin, rote Parteien (einschließlich bewaffneter) zu gründen und zu unterstützen, um die Revolution zu exportieren. Damit waren das Emirat Buchara und das Khanat Xiva dem Untergang geweiht.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>War der Kreuzzug gegen Bucharavon 1918 eine Initiative der örtlichen Bolschewiki oder wurde er vom Zentrum genehmigt? Warum endete es mit einem Misserfolg?</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Fjodor Kolesow war der Vorsitzende der Souveränität der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Autonome_Sozialistische_Sowjetrepublik_Turkestan">Turkestanischen Sowjetrepublik</a> und verkörperte somit selbst das Zentrum dort. Er verhandelte unter anderem mit Xodjaev, einem Mitglied des Zentralkomitees der Partei der Mladobucharzy. Der Export der Revolution wurde also nach dem gleichen Schema geplant, von dem ich gesprochen habe.</p>
<p style="text-align: justify;">Kolesow glaubte den Mladobucharzy und erwartete, dass die Invasion einen Massenaufstand auslösen und die Armee des Emirs schwach sein würde. Die Kampagne endete mit einem Misserfolg, weil Kolesow und Xodjaev nicht genug Kraft hatten. Außerdem schrieb Xodjaev später zu Recht, dass der Angriff der russischen und mladobucharischen Roten auf Buchara von der Bevölkerung als eine Invasion von außen wahrgenommen wurde &#8211; was dieser Feldzug in Wirklichkeit auch war. So unterstützte das Volk seinen Monarchen.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Hat das Erscheinen von </strong><a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Khivan_Revolution"><strong>Djunaid Khan</strong></a><strong> auf der politischen Bühne von Xiva die Agonie des Khanats beschleunigt oder verlängert? Können wir seine Rolle mit der des Barons </strong><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Roman_von_Ungern-Sternberg"><strong>Ungern</strong></a><strong> (Kommandeur einer Teilgruppe der Weißen Armee im Fernen Osten Russlands, der Anfang 1921 die Äußere Mongolei besetzte, Anm. d. Red.) in der mongolischen Geschichte vergleichen? Hatte Buchara einen ähnlichen &#8222;Helden&#8220;?</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Ich denke, die Bolschewiken hätten das Khanat von Xiva ohnehin zerstört. Natürlich trug Djunaid-Khan zur Stärkung des usbekisch-turkmenischen Konflikts bei, aber auch einige Turkmenen rebellierten dagegen. Die Ermordung des rechtmäßigen Monarchen &#8211; Asfandiyar-Khan auf seinen Befehl hin und die Einführung von Marionetten an seiner Stelle trugen nicht zur Konsolidierung der Gesellschaft bei. Aber als Kämpfer gegen die Kommunisten war Djunaid Khan sicherlich einer der effektivsten.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Lest auch bei Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/usbekistan/die-geschichte-der-geschichte-wie-die-vergangenheit-aus-usbekischen-lehrbuechern-verschwindet/"><strong>Die Geschichte der Geschichte: Wie die Vergangenheit aus usbekischen Lehrbüchern verschwindet</strong></a></p>
<p style="text-align: justify;">Was Ungern betrifft. Eine Analogie zwischen ihm und Djunaid Khan zu ziehen, ist falsch. Ungern befreite die Mongolei von den chinesischen Invasoren und setzte den rechtmäßigen Monarchen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Bogd_Khan">Bogdo Gegen VIII</a> wieder ein. Ohne Ungern wäre die Mongolei kein unabhängiger Staat, sondern wäre unter chinesischer Besatzung geblieben. Während Ungerns Aufenthalt in der Mongolei war Bogdo-Gegen nicht seine Marionette, und Ungern selbst war kein Diktator der Mongolei. Die damalige Politik der Mongolei wurde von Bogdo-Gegen bestimmt, nicht von Ungern.</p>
<p style="text-align: justify;">Djunaid-Khan wurde von recht weiten Kreisen in Xiva (Usbeken, Turkmenen und anderen) bekämpft, und Ungern wurde nur von einer Handvoll mongolischer Revolutionäre, die mit Bolschewiken in Verbindung standen, bekämpft. Aber hier gibt es eine Ähnlichkeit in der Geschichte von Xiva und der Mongolei. Der Export der Revolution in die Mongolei wurde von den Bolschewiken mit Hilfe der Mongolischen Volkspartei, nach Xiva &#8211; mit Hilfe von den Mladochiwinzy &#8211; durchgeführt. Sowohl in der Mongolei als auch in Xiva fand der Einmarsch der sowjetischen Truppen auf Einladung dieser Parteien statt, die von den Bolschewiki beaufsichtigt wurden.</p>
<figure id="attachment_20690" aria-describedby="caption-attachment-20690" style="width: 800px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-20690" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/800px-Said_Abdullakhan.jpg" alt="Der letzte Khan Khivas Said Abdulla Khan" width="800" height="1273" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/800px-Said_Abdullakhan.jpg 800w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/800px-Said_Abdullakhan-189x300.jpg 189w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/800px-Said_Abdullakhan-768x1222.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/800px-Said_Abdullakhan-644x1024.jpg 644w" sizes="auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px" /><figcaption id="caption-attachment-20690" class="wp-caption-text">Der letzte Khan Xivas Said Abdulla Khan</figcaption></figure>
<p style="text-align: justify;">In Bezug auf Buxoro sehe ich einen solchen Helden dort nicht. Was den Export der Revolution und die Aufnahme in die UdSSR betrifft, so ist das Schema das gleiche wie in Xiva. Ich möchte nur anmerken, dass das Schicksal der Monarchen der Mongolei, Xiva und Buchara ein anderes war: Bogdo-Gegen, der der Staatsmacht beraubt war, durfte als nomineller Monarch bis zum Tod in seiner Heimat leben, der Emir von Buchara konnte sich nach Afghanistan retten und starb in der Emigration, und das Schicksal des Khans von Xiva war das traurigste: Er wurde verhaftet, in die Ukraine deportiert und starb dort an Entbehrungen und Krankheit.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Wie haben die Bolschewiki ihre militärischen Operationen gegen beide Länder begründet? War es demnach Sowjetrussland, das zuerst seine Vereinbarungen mit den usbekischen Herrschern brach?</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Die Gründe waren überall ungefähr die gleichen: militärische Hilfe für die Menschen, die angeblich darum gebeten haben. In Xiva &#8211; für die friedliche Bevölkerung, um Djunaid Khan zu besiegen, in Buxoro &#8211; für die rebellischen Mladobucharzy und Buxoro-Kommunisten, die angeblich die Interessen des Volkes zum Ausdruck brachten. Wie es im Befehl des sowjetischen Heeresführeres <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Michail_Wassiljewitsch_Frunse">Frunse</a> heißt, <em>&#8222;mit all unserer bewaffneten Macht dem Volk von Buchara zu Hilfe kommen.&#8220;</em> Tatsächlich handelte es sich um eine kommunistische Aggression, die darauf abzielte, die legitime Macht in anderen Staaten zu stürzen und die Macht auf Mündel der Bolschewiki zu übertragen.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Trotz der populären Meinung aus der Sowjetzeit waren die Briten in Zentralasien (mit der möglichen Ausnahme der transkaspischen Region) recht passiv. Warum haben sie Ihrer Meinung nach das Emirat, das ja eine gemeinsame Grenze mit dem britisch kontrollierten Afghanistan hatte, nicht maßgeblich unterstützt?</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Und warum hätten sie sich ernsthaft darauf einlassen sollen? Afghanistan, das ihr Protektorat war, erklärte 1919 seine Unabhängigkeit, im selben Jahr fand der dritte anglo-afghanische Krieg statt. Die Briten kümmerten sich um ihre Macht in Indien, sie kümmerten sich mehr um die Situation in Afghanistan als um die in Buchara. Die Regierung von Buchara bat England um militärische Unterstützung – das war ihr souveränes Recht. Aber es war keine große Hilfe. Und dann, als sich die Basma-Bewegung (<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Basmatschi">Basmatschi</a> waren mittelasiatische Aufständische, die sich 1916 gegen die allgemeine Mobilmachung im Ersten Weltkrieg in Turkestan erhoben und bis Mitte der 1920er Jahre gegen die Bolschewiki kämpften – Anm. d. Red.) entfaltete, können wir über die Neutralität Englands im Allgemeinen sprechen.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Hatten Xiva und die Armee von Buchara eine Chance der Roten Armee mehr oder weniger erfolgreich zu widerstehen? Wie haben sich die militärischen Operationen entwickelt und waren sie für die Frunse-Truppen ein Spaziergang?</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Das Khanat von Xiva und das Emirat von Buchara konnten der Roten Armee natürlich nicht erfolgreich Widerstand leisten. Der Emir von Buchara versuchte, eine effektive Armee zu schaffen, aber er hatte nicht genug Zeit oder Ressourcen dafür. Dennoch waren die Militäraktionen gegen Buchara für Frunse kein leichter Weg, obwohl sie gut vorbereitet waren. Nach den Erinnerungen von Emir Alim Khan wurde der Krieg nicht erklärt, der Angriff erfolgte plötzlich. Trotzdem wurde der erste Angriff der Roten auf Buchara abgewehrt.</p>
<p style="text-align: justify;">Es stellte sich heraus, dass die Zusicherungen der Buchara-Revolutionäre über die Aufstandsbereitschaft der Bevölkerung falsch waren &#8211; das sind Worte von Frunse. Der Angriff auf die Hauptstadt begann am 30. August und endete am 2. September. Die Artillerie und die Bombardierung der Festung, der Wohngebiete und der Moscheen aus der Luft spielten eine entscheidende Rolle. Es wurden unter anderem chemische Granaten verwendet. Der Angriff forderte viele Opfer. Anschließend raubten bolschewistische Truppen die Stadt aus.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Was ist allgemein über den Einsatz chemischer Waffen durch die Bolschewiki gegen Buchara bekannt?</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Gerne würde ich hier aus einer Mitteilung des Vertreters von Moskau, Maschitskij zitieren. Nachlesen kann man den Bericht zum Beispiel im Buch von Genis &#8222;Man muss Buxoro ein Ende setzen&#8220;, das auf dokumentarischem Material beruht:</p>
<p style="text-align: justify;">&#8222;<em>Die Revolution trat, da sie unvorbereitet war, als ein uniformierter Vormarsch der Roten Armee zu Tage. Dies verletzte alle Vorstellungen über das Selbstbestimmungsrecht des Buchara-Volkes und Buchara erwies sich tatsächlich als ein besetztes Land. Mehrere Millionen Kugeln und mehrere tausend Kanonenhülsen wurden über Buchara abgefeuert, darunter eine beträchtliche Anzahl chemischer Waffen. Die Stärke des Artillerie- und Infanteriefeuers war so groß, dass Bucharas Soldaten auch nicht zur Seite der Revolution übertreten konnten. </em></p>
<p style="text-align: justify;"><em>Das Zentrum von Buchara und die an den Bahnhof angrenzenden Gebiete wurden vollständig zerstört. Historische Denkmäler wurden zerstört. Die Moscheen wurden beschädigt, und einige der verbleibenden (2/3 von ihnen) wurden zu Kasernen und Ställen umgebaut. Die entstandenen Brände und Raubüberfälle hatten die verheerendsten Auswirkungen, nicht nur auf die Stimmung des Volkes, sondern auch auf die Buchkoj (den Genossen, die sich der Revolution am stärksten verschreiben hatte), die empört waren und offen sagten, Buchara sei &#8222;von den Bolschewiken ausgeraubt&#8220; worden</em>. (Aus dem Bericht von A. Maschitski, einem Mitglied des &#8222;Troika&#8220;-Kriegsrevolutionsbüros).</p>
<figure id="attachment_20689" aria-describedby="caption-attachment-20689" style="width: 650px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-20689 size-full" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/Fires_in_Bukhara_1920.jpg" alt="Der Sturm durch die Rote Armee auf Buxoro" width="650" height="647" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/Fires_in_Bukhara_1920.jpg 650w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/Fires_in_Bukhara_1920-150x150.jpg 150w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/04/Fires_in_Bukhara_1920-300x300.jpg 300w" sizes="auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px" /><figcaption id="caption-attachment-20689" class="wp-caption-text">Der Sturm durch die Rote Armee auf Buxoro</figcaption></figure>
<p style="text-align: justify;"><strong>Haben die Monarchen von Xiva und Buchara bei ihren Untertanen Autorität genossen? Inwieweit hat die monarchische Komponente die Eskalation der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Basmatschi">basmaschischen Bewegung</a> beeinflusst?</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Die verfügbaren Daten deuten darauf hin, dass die Monarchen bei ihren Untertanen Autorität genossen. Republikanische Ideen waren der Mehrheit der Bevölkerung fremd. Die monarchische Komponente war sehr wichtig. Der Höhepunkt dieser Bewegung kam gleich nach dem Sturz der Monarchien.</p>
<p style="text-align: justify;">Es ist an der Zeit, das Klischee aufzugeben, dass die Basma-Bewegung Banditentum ist. So einfach ist das nicht. Die Basma-Bewegung war in Bezug auf Zusammensetzung und Ziele sehr bunt gemischt. Es war eine allgemeine Ablehnung des Kommunismus, der Macht der Roten, der Loyalität zum Islam und des Traditionalismus. Alle Teile der Bevölkerung waren in der Bewegung breit vertreten. Die Mehrheit waren einfache Leute &#8211; genau die Leute, die von den Kommunisten &#8222;von der Ausbeutung befreit&#8220; wurden.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Mitglieder der Bewegung selbst nannten sich nicht Basmatschi, sondern <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mudschahed">Mudschaheddin</a>. Dies deutet auf ihre Verbindung zum Islam hin. Heutzutage hört man Vergleiche zwischen Mitgliedern dieser Bewegung und modernen Islamisten, die in den Terror verwickelt sind. Das ist falsch, denn, wie ich schon sagte, spielten auch andere (nicht religiöse) Komponenten eine wichtige Rolle. Diese Mudschaheddin waren keine Salafisten, sondern folgten ihrem traditionellen Islam und wollten ihre Lebensweise bewahren, nicht ändern.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Lest auch bei Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/kirgistan/die-sowjetische-geschichte-zentralasiens-12/"><strong>Die sowjetische Geschichte Zentralasiens (1/2)</strong></a></p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Warum haben die Bolschewiki Ihrer Meinung nach schließlich die an Stelle der zentralasiatischen Monarchien errichteten Sowjetrepubliken liquidiert?</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Dies geschah als Folge der national-territorialen Abgrenzung in der UdSSR. Schließlich waren diese Monarchien multi-ethnisch, was in einigen Fällen zu inter-ethnischen Konflikten führte. Und nach der Abgrenzung wurden die neuen Republiken von Titularnationalitäten dominiert. Darüber hinaus wurden wirtschaftliche, politische und administrative Faktoren berücksichtigt. Aber man darf nicht vergessen, dass diese Abgrenzung gleichzeitig die Grundlage für künftige interethnische Konflikte in einigen Teilen Zentralasiens gelegt hat.</p>
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<p style="text-align: justify;"><strong>Meinen Sie nicht, dass die Zeit der unabhängigen Existenz von Xiva und Buxoro als Teil des russischen Reiches und vor allem ihr Leben während des Bürgerkriegs in der sowjetischen und postsowjetischen Geschichtsschreibung nicht ausreichend abgedeckt wurde und ein gewisser weißer Fleck bleibt? Welche Quellen über diese Zeit verdienen Ihrer Meinung nach die meiste Aufmerksamkeit und das meiste Vertrauen?</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Hier stellt sich zunächst die Frage, was unter dem Bürgerkrieg zu verstehen ist. Ein Bürgerkrieg im Russischen Reich und dann in der Russischen Volksrepublik? Und was ist dann mit Xiva und Buchara, die von beiden kein Teil waren? Die Unabhängigkeit von Xiva und Buchara wurde ja offiziell von der provisorischen Regierung, damals vom Rat der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Rat_der_Volkskommissare_der_Sowjetunion">Volkskommissare</a>, anerkannt. Es gab keinen Bürgerkrieg in Xiva und Buchara, sondern eine ausländische kommunistische Intervention.</p>
<p style="text-align: justify;">Ich glaube nicht, dass diese Periode einen weißen Fleck darstellt, aber sie verdient sicherlich weitere Untersuchungen. Besonderes Augenmerk sollte auf Dokumente und Memoiren gelegt werden &#8211; auf beiden Seiten, nicht nur auf einer. Leider sind in Russland (und in einer Reihe anderer post-sozialistischer Länder wie der Mongolei) die Memoiren einer Seite &#8211; der siegreichen &#8211; größtenteils erhalten geblieben. Und während russische Emigranten wertvolle Erinnerungen an diese Zeit hinterlassen haben, gibt es viel weniger ähnliche Erinnerungen aus Zentralasien.</p>
<p style="text-align: justify;">Zu Sowjetzeiten wurden viele ideologisch fremde Dokumente in den Archiven vernichtet. Es ist unmöglich, a priori zu sagen, welche Dokumente und Memoiren das meiste Vertrauen verdienen. Auf jeden Fall bedeutet die Tatsache, dass einiges Material mehrfach veröffentlicht wurde und weithin bekannt geworden ist, nicht, dass dieses Material zuverlässig ist. Es ist notwendig, verschiedene Materialien, verschiedene Standpunkte zu analysieren, zu prüfen und zu vergleichen. Es ist notwendig, nur der Wissenschaft zu folgen, historische Mythen zu entlarven und Fälschungen aufzudecken. Jedes nationale oder politische Interesse ist kein Kriterium für Wahrheit und Zuverlässigkeit in der Wissenschaft. Das ist von grundlegender Bedeutung.</p>
<p style="text-align: right;"><strong>Natalia Nikitina für </strong><a href="https://fergana.news/articles/114949/"><strong>Fergana News</strong></a></p>
<p style="text-align: right;"><strong>Aus dem Russischen von Hannah Riedler</strong></p>
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		<title>Über den „Schwarzen Februar“ 1990 in Tadschikistan</title>
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		<dc:creator><![CDATA[hriedler]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 30 Mar 2020 12:25:27 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Tadschikistan]]></category>
		<category><![CDATA[Aufstände]]></category>
		<category><![CDATA[Duschanbe]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Schwarzer Februar]]></category>
		<category><![CDATA[Tadschikischer Bürgerkrieg]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Im Zuge des Zerfalls der Sowjetunion kam es nach dem sogenannten Schwarzen Januar in Aserbaidschan auch zu einer Eskalation politischer Spannungen in Tadschikistan. Im Februar 1990 wurde der Grundstein f&#xFC;r die Entwicklung hin zur Unabh&#xE4;ngigkeit des Landes und zum B&#xFC;rgerkrieg gelegt. Folgender Artikel erschien im russischen Original bei Fergana News, wir &#xFC;bersetzen ihn mit freundlicher [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify"><strong>Im Zuge des Zerfalls der Sowjetunion kam es nach dem sogenannten </strong><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Schwarzer_Januar"><strong>Schwarzen Januar</strong></a><strong> in Aserbaidschan auch zu einer Eskalation politischer Spannungen in Tadschikistan. Im Februar 1990 wurde der Grundstein für die Entwicklung hin zur Unabhängigkeit des Landes und zum Bürgerkrieg gelegt. Folgender Artikel erschien im russischen Original bei</strong> <a href="https://fergana.news/articles/114991/?fbclid=IwAR3BoXnR-Z6bCffMeS15NBW1Ev69Vr34IzzVNTeE9BchXZFrHnHFTlJjQss"><strong>Fergana News</strong></a><strong>, wir übersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.</strong></p>
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<p style="text-align: justify">Am 12. Februar jährte sich der 30. Jahrestag der tragischen Ereignisse des Jahres 1990 in Duschanbe, die zu den Vorläufern des Bürgerkriegs von 1992-1997 wurden. An diesem Tag starben bei der Niederschlagung der Demonstranten und der Unterdrückung der Unruhen, die in der tadschikischen Hauptstadt begannen, 25 Menschen, und Hunderte weitere wurden verletzt. Die Chronologie dieser Februartage wird von zahlreichen Zeugen ausführlich beschrieben. Diese Beschreibungen sind unterschiedlich, daher ist es wichtig, so viele Augenzeugenaussagen wie möglich zu sammeln, um eine zuverlässige Untersuchung der Ereignisse von 1990 zu ermöglichen.</p>
<p style="text-align: justify">Der russische Journalist und politische Beobachter Andrej Sachwatow war ein direkter Beteiligter an diesen Ereignissen. Er teilt im Folgenden seine Gedanken und einige wenig bekannte Fakten über die Ereignisse jenes Februars mit.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Chronik des Geschehens</strong></p>
<p style="text-align: justify">Die großangelegten Unruhen in Duschanbe im Februar 1990 begannen, nachdem sich Gerüchte über die Zuteilung von Wohnungen an armenische Flüchtlinge durch unbekannte Personen verstärkt verbreiteten. Auf diese Gerüchte hin veranstalteten am 11. Februar mehrere hundert Jugendliche, die zum Teil aus den umliegenden Dörfern hergebracht wurden, vor dem Gebäude des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Tadschikistans auf dem Lenin-Platz eine Kundgebung, in der sie die Vertreibung der Armenier forderten. Tatsächlich wurden den Flüchtlingen keine Wohnungen zugewiesen, und die Zahl der Armenier, die in Duschanbe ankamen und bei Verwandten und Bekannten untergebracht wurden, betrug nicht mehr als einige Dutzend. Sie erhielten nur eine geringe finanzielle Unterstützung, mehr nicht.</p>
<p style="text-align: justify">Am nächsten Tag versammelten sich die Demonstranten wieder und nach den Aufrufen zur Abschiebung der Flüchtlinge wurden Forderungen nach dem Rücktritt der Führung der Republik laut. Harte Auseinandersetzungen begannen zwischen den Demonstranten und der Polizei sowie dem Militär, die das Gebäude des Zentralkomitees bewachten. Es ist immer noch unklar, auf wessen Befehl hin die Schüsse aus diesem Gebäude abgegeben wurden: Es ist nicht ausgeschlossen, dass das Militär &#8211; als Reaktion auf den Durchbruch der Menge ins Gebäudeinnere &#8211; eigenmächtig Waffen eingesetzt hat.</p>
<p style="text-align: justify">Die Reaktion der Protestierenden auf die bewaffnete Reaktion war unerwartet: Große Gruppen von Protestierenden und teilweise Kriminellen schlossen sich ihnen an, um das Zentrum der Stadt zu zerstören und dann, mit Unterstützung von Jugendlichen aus den umliegenden Dörfern, auch am Stadtrand zu wüten.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch bei Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/tadschikistan/extremismus-in-tadschikistan-diese-regionen-sind-am-meisten-betroffen/"><strong>Extremismus in Tadschikistan: Diese Regionen sind am meisten betroffen</strong></a></p>
<p style="text-align: justify">In den ersten drei Tagen der Ereignisse, während die Unruhen in der Stadt weitergingen, starben nach verschiedenen Schätzungen 24-26 Menschen, darunter fünf Russen, zwei Usbeken, zwei Tataren und der Rest &#8211; Tadschiken. Über 550 Mitglieder vieler Nationalitäten wurden verletzt. Nach offiziellen Angaben erlitt auch die Hauptstadt während mehrtägiger Pogrome Schäden in Höhe von 17,2 Millionen Rubel. Der an das Gebäude des Zentralkomitees angrenzende Flügel des Ministeriums für Wasserressourcen wurde demoliert und teilweise geplündert. Die aufgebrachte Menge zerstörte den Barakat-Markt, einige Unternehmen und Geschäfte des Handelsministeriums und der tadschikischen Verbraucherunion, wobei der größte Schaden &#8211; 1,36 Millionen Rubel &#8211; dem tadschikischen Juwelierhandel entstand.</p>
<p style="text-align: justify">Im Stadtzentrum wurden mehrere Zeitungskioske verwüstet, etwa 300 öffentliche Telefonzellen zerstört und 34 Krankenwagen außer Dienst gestellt. Mehrere Abteilungen des Republikanischen Klinischen Krankenhauses wurden beschädigt. Ein medizinischer Mitarbeiter starb und sieben wurden verletzt. Am Abend des 12. und am Morgen des 13. Februar breiteten sich Pogrome und Prügeleien in der ganzen Stadt aus. Angst lag über Duschanbe. Erst am Abend des 13. Februar trafen Truppen und Panzer in Duschanbe ein, und die Unruhen wurden am 14. Februar beendet.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Ursache, Gründe und Ursprünge</strong></p>
<p style="text-align: justify">Bei der Beurteilung der Geschehnisse nennen Historiker Gerüchte und Appelle zur Vertreibung der Armenier nur einen von vielen Gründen für den Beginn der Pogrome. Nach der Einschätzung der tadschikischen Opposition, die 1992 in einen offenen bewaffneten Kampf um die Macht eingetreten war, war der Hauptgrund für die Ereignisse im Februar die Unzufriedenheit der Bevölkerung mit den Aktivitäten der damaligen kommunistischen Regierung. Es gab Spekulationen über die Beteiligung von Abgesandten ausländischer Geheimdienste und sogar afghanischer Mudschaheddin an den Ausschreitungen.</p>
<p style="text-align: justify">In einer Reihe von Veröffentlichungen der letzten 10-15 Jahre werden die Beteiligung des Innenministeriums der Union, des KGB und der Streitkräfte der UdSSR an der Provokation und der vorgeplanten gewaltsamen Unterdrückung der Kundgebung als Fortsetzung der tragischen Ereignisse beschrieben, die sich zu diesem Zeitpunkt bereits in Tiflis und Baku ereigneten, beschrieben. Solche Aussagen enthalten jedoch keine Beweise und entbehren jeglicher Vernunft. Als Zeuge dieser Ereignisse kann ich ein Beispiel nennen, um meine Überzeugung zu untermauern.</p>
<p style="text-align: justify">Als Reaktion auf die daraus resultierende Gesetzlosigkeit und der Pogrome wurden buchstäblich in jedem Bezirk von Duschanbe spontan Selbstverteidigungskommandos eingerichtet. Dieser einzigartige Prozess der Selbstorganisation der Bürger, den es bis dahin in keiner Unionsrepublik gab, ging schnell voran &#8211; vor allem nachdem der erste Sekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei, Qahhor Mahkamow, im Fernsehen die Bürger dazu aufgerufen hatte, sich zu bewaffnen und ihre Häuser und ihre Stadt zu verteidigen.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch bei Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/tadschikistan/erinnerungen-an-den-burgerkrieg-die-redakteurin-sebo-tadschibajewa-13/"><strong>Erinnerungen an den tadschikischen Bürgerkrieg: „Die Kugeln fliegen schneller als man rennen kann“ (1/3)</strong></a></p>
<p style="text-align: justify">In der Nachbarschaft &#8222;Giprozemgorodok&#8220;, in der meine Familie wohnte, wurden am Morgen des 13. Februar buchstäblich innerhalb von ein oder zwei Stunden 10 gut ausgestattete Einheiten gebildet, insgesamt etwa 250 Personen. Die Abteilungen vereinigten Bewohner verschiedener Nationalitäten, Tadschiken und Usbeken machten etwa die Hälfte aus. Nur eine halbe Stunde nach der Gründung unserer Abteilung traf eine Menge von mehreren hundert aggressiven jungen Leuten, die sich in die Nachbarschaft begeben hatten, auf unsere Organisierung und lösten sie auf.</p>
<p style="text-align: justify">Nach einem kurzen Treffen der Kommandeure der Divisionen wurde beschlossen, mich und den stellvertretenden Direktor des Instituts &#8222;Tadschikgiprozem&#8220;, Lewan Kokorischwili, in die 201. Motorisierte Gewehr-Division neben &#8222;Giprozemgorodok&#8220; zu entsenden, um im Falle einer Verschärfung der Situation das Zusammenwirken unserer Divisionen mit dem Militär zu koordinieren.</p>
<p style="text-align: justify">Der Eingang zur Divisionsabteilung wurde von einem gepanzerten Mannschaftswagen und einem Zug bewaffneter Soldaten unter dem Kommando eines Majors bewacht. Auf unsere Frage nach den Aufgaben der Division in der geschaffenen Situation, antwortete der Major, dass von Moskau aus dem Militär befohlen wurde, das Territorium der Division und die Lager mit Waffen und Munition zu schützen und sich nicht &#8222;in einen zivilen Konflikt&#8220; einzumischen. Der Offizier sagte auch, dass Frauen und Kinder aus unserer Nachbarschaft vorübergehend &#8211; bis sich die Situation normalisiere &#8211; in Baracken untergebracht werden können, wo sie verpflegt werden. Unser Vorschlag, sich mit dem Militär zu verbünden, hat jedoch Wirkung gezeigt: Der Major scheint dem Divisionskommandeur Bericht erstattet zu haben, und die APCs haben mit regelmäßigen Patrouillen in unserer Nachbarschaft begonnen, wodurch es für uns viel einfacher war, unser Gebiet zu sichern, insbesondere nachts.</p>
<figure id="attachment_20549" aria-describedby="caption-attachment-20549" style="width: 300px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-medium wp-image-20549" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/03/800px-RIAN_archive_699866_Dushanbe_riots_February_1990-300x198.jpg" alt="" width="300" height="198" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/03/800px-RIAN_archive_699866_Dushanbe_riots_February_1990-300x198.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/03/800px-RIAN_archive_699866_Dushanbe_riots_February_1990-768x507.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2020/03/800px-RIAN_archive_699866_Dushanbe_riots_February_1990.jpg 800w" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" /><figcaption id="caption-attachment-20549" class="wp-caption-text">Soldaten im Gebäude des Zentralkommitees der Kommunistischen Partei Tadschikistan (02/1990)</figcaption></figure>
<p style="text-align: justify"><strong>Bevölkerungswachstum als Unzufriedenheitsfaktor</strong></p>
<p style="text-align: justify">Nicht nur ich, sondern auch eine Reihe meiner Journalistenkollegen und Experten sind überzeugt, dass die Hauptgründe für den &#8222;schwarzen Februar&#8220; viel tiefer liegen, als man vor 30 Jahren vielleicht gedacht hätte. Ich halte das hohe Bevölkerungswachstum in den zentralasiatischen Republiken, insbesondere in Tadschikistan, für einen der beiden Hauptgründe, die günstige Bedingungen für den Ausbruch von öffentlicher Unzufriedenheit mit den Behörden geschaffen haben. Das war der Grund.</p>
<p style="text-align: justify">Bis Ende der 1980er Jahre hatte sich das Problem der Landverteilung für den Wohnungsbau in ländlichen Gebieten mit wachsender Bevölkerung in der Republik verschärft. Nur wenige Menschen wissen, dass Ende 1989 das Oktjabrski-Bezirkskomitee der Kommunistischen Partei einen Brief von Bewohnern von Dörfern in den Vororten von Duschanbe, in der Warsob-Schlucht, die verwaltungsmäßig zum Stadtbezirk gehörten, erhielt und als klassifiziert eingestuft hat.</p>
<p style="text-align: justify">Die Menschen waren empört über das Anwachsen der Gebiete, die für den Bau von Erholungsgebieten für Arbeiter von Unternehmen und Organisationen aus der Hauptstadt vorgesehen waren, die am Wochenende aus ihren Stadtwohnungen dorthin kamen und die im muslimischen Land bestehenden Verhaltensnormen verletzen, indem sie Alkohol tranken und sich in Badeanzügen zeigten. Vor allem aber beschwerten sich die Verfasser des Briefes über den Mangel an bewohnbarem Land.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Gesteigertes nationales Bewusstsein</strong></p>
<p style="text-align: justify">Der zweite Grund, der zur Unzufriedenheit der Bevölkerung und zur Aktivierung der Opposition beitrug, ist das gewachsene Nationalbewusstsein, das durch Gorbatschows Perestroika entstanden ist und das von verschiedenen politischen Kräften mehrdeutig interpretiert wurde. In den späten 1980er Jahren entstand in Tadschikistan die Oppositionsbewegung „<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Rastokhez">Rastoches</a>“ (dt. „Wiedergeburt“, „Auferstehung“ – politische Partei in Tadschikistan aktiv während des Bürgerkrieges – Anm. d. Red.), die das Tadschikische offen zur Staatssprache erklärte und mit der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Islamische_Partei_der_Wiedergeburt_Tadschikistans">Islamischen Partei der Wiedergeburt</a> (HNIT bzw. IPWT) zusammenarbeitete, die keinen offiziellen Status hatte und in der Republik verboten war.</p>
<p style="text-align: justify">Die für einfache Menschen verständliche und weitgehend gerechtfertigte Diskussion über die Bewahrung der Sprache, der nationalen Identität und Kultur und die Probleme des Zugangs zu Land ging schnell von Küchengesprächen zu offenen Reden von den Ständen der kommunistischen Parteitreffen und Konferenzen über. So hielt im Herbst 1989 auf der Berichts- und Wahlkonferenz des Oktjabrski-Bezirks im Lahuti-Theater (<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Abolqasem_Lahuti">Abolqasem Lahuti</a> – politischer Dichter und Aktivist – Anm. d. Red.) von Duschanbe einer der Führer der tadschikischen Intelligenzija eine für die damaligen Delegierten undenkbare Rede: <em>&#8222;Genossen Abgeordnete, sehen Sie sich Ihre Beglaubigungsschreiben an: Die Texte auf Russisch und auf Tadschikisch unterscheiden sich fast nicht. Wir Tadschiken vergessen unsere Sprache, unsere nationale Kultur&#8230;&#8220;</em></p>
<p style="text-align: justify">So wurden bis Februar 1990 in der Hauptstadt der Republik alle Voraussetzungen für die lautstarke Erklärung der Machtansprüche der Opposition in Tadschikistan geschaffen &#8211; in einer Atmosphäre allgemeiner positiver Einstellung gegenüber Verhandlungen mit den offiziellen Behörden in Duschanbe wurde das &#8222;Komitee-17&#8220; gegründet, dem Mitglieder von Rastoches eine Reihe hoher Beamter, Wissenschaftler und Kulturschaffender der Republik und Vertreter der Protestierenden angehörten.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Der „Genozid“, den es nicht gab</strong></p>
<p style="text-align: justify">Die Ereignisse dieser wenigen Februartage in Duschanbe schockierten die ganze Republik, aber es konnte nicht mit Sicherheit festgestellt werden, für wen es profitabel war, die Menschen zum Gebäude des Zentralkomitees zu führen. Ab dem 12. Februar wurden antiarmenische Parolen durch regierungsfeindliche Parolen ersetzt und Schießereien und Pogrome provoziert, trotz der Beteiligung von Dutzenden von Ermittlern des Innenministeriums, des KGB und der Generalstaatsanwaltschaft der UdSSR und der Tadschikischen Sowjetrepublik.</p>
<p style="text-align: justify">Darüber hinaus brachte das zentrale Fernsehen in Moskau alarmierende Informationen zum Schweigen. In einer solchen Situation wird das Informationsvakuum sofort mit Gerüchten, verschiedenen Versionen und Fiktion gefüllt. So wurden die Ereignisse vom Februar viele Jahre in einem verzerrten Licht von &#8222;Details von Augenzeugen&#8220;, sowie Einschätzungen von Pseudoanalytikern und politischen Persönlichkeiten dargestellt.</p>
<p style="text-align: justify">Der berühmteste Fall der Veröffentlichung von Fehlinformationen über die Tage des &#8222;schwarzen Februars&#8220; ist ein Fragment des 2008 erschienenen Buches „Feind des Volkes“ des bekannten russischen Politikers Dmitrij Rogosin, der schrieb: „<em>Es ist charakteristisch, dass die ersten Opfer der wütenden Separatisten russische Zivilisten waren. Zum Beispiel das innertadschikische Massaker zwischen &#8222;Wowtschiki&#8220; und &#8222;Jurtschiki&#8220; (wie die Leute die Vertreter der Seiten der zivilen Konfrontation nannten). Mitte Februar 1990 töteten die National-Islamisten in Duschanbe buchstäblich anderthalbtausend russische Männer und Frauen. Die Frauen wurden gezwungen, sich unter dem Lärm der Maschinenpistolen und dem Gelächter der Vergewaltiger auszuziehen und auf dem Bahnhofsplatz im Kreis zu laufen.“</em></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch bei Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/tadschikistan/tadschikistan-der-unvergessliche-horror-des-burgerkriegs/"><strong>Tadschikistan: der unvergessliche Horror des Bürgerkriegs</strong></a></p>
<p style="text-align: justify">Es ist schwer zu sagen, woher der russische Politiker „Informationen“ über den „Völkermord“ an den Russen hatte, die weder 1990 noch in den folgenden Kriegsjahren kursierten. Als direkter Teilnehmer an den Ereignissen kann ich bezeugen: Ja, es gab Russen, aber auch Menschen anderer Nationalitäten, die in diesen Tagen starben, mehrere hundert wurden verprügelt (die gleiche Anzahl von Vertretern der Titularnation wurde geschlagen), aber es gab keine Massaker und anderthalbtausend &#8222;„zerrissene“ Russen.</p>
<p style="text-align: justify">Die genaueste Einschätzung der Ereignisse vom Februar gab meiner Meinung nach der tadschikische Historiker Ibrohim Usmonow: <em>&#8222;Die jungen Menschen Tadschikistans nahmen damals die Demokratie als eine Möglichkeit wahr, zu tun, was sie wollten. Ich glaube nicht, dass wir durch die Zerschlagung des Platzes den Frieden in der Republik herstellen könnten. Die Ereignisse vom Februar 1990 in Tadschikistan richteten sich nicht gegen irgendeine Nation. Es hätte vielleicht keinen Bürgerkrieg in Tadschikistan gegeben, wenn wir zu gegebener Zeit eine Lehre aus der Situation mit Berg-Karabach gezogen hätten&#8220;.</em></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Das Team ist angekommen: Die Truppen auflösen!</strong></p>
<p style="text-align: justify">Weniger als einen Tag nach Beginn der Pogrome in Duschanbe wurde eine Ausgangssperre verhängt, und mehrere hundert Truppen wurden aus Russland verlegt und übernahmen die Kontrolle über wichtige Einrichtungen der Stadt. Die tatsächliche Kontrolle über die Hauptstadt (vor allem nachts) wurde jedoch von den Kommandanten der Selbstverteidigungseinheiten übernommen. Sie wehrten die Willkür der zügellosen jungen Männer ab. Am Vormittag des 16. Februar trafen etwa 20 Kommandeure von Kommandotruppen, die bereits eine Interaktion untereinander aufgebaut hatten, beim Exekutivausschuss des Stadtrats für die nächste Sitzung ein, der vorschlug, die Einrichtung eines Rates der Kommandeure von Kommandotruppen zu prüfen.</p>
<p style="text-align: justify">Dieses informelle paramilitärische lokale Regierungsorgan, das von der Zivilgesellschaft eingerichtet wurde, könnte einen erheblichen Einfluss auf die nachfolgenden Entwicklungen gehabt haben. Am selben Tag fand jedoch in Duschanbe ein außerordentliches Plenum des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Tadschikistans statt, auf dem des aus Moskau angereisten <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Boris_Karlowitsch_Pugo">Boris Pugo</a>, Vorsitzender des Parteikontrollkomitees des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Tadschikistans, sprach und die Ereignisse spielten sich nach einem von Moskau diktierten Szenario ab.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Kein Wort des Dankes</strong></p>
<p style="text-align: justify">Die in den Zeitungen veröffentlichte Rede des späteren Generaloberst und Innenmnisters Pugos, der sich unmittelbar nach dem August-Putsch von 1991 umbrachte, enthielt nur pompöse Aussagen über die Größe der Kommunistischen Partei, aber sie enthielt kein einziges Wort des Dankes an die Bürger, die auf die Straßen gegangen waren und die Stadt vor Banditen verteidigt hatten. Die verängstigten örtlichen Behörden waren der Meinung, dass die Bedrohung ihrer Vorsitzenden vorbei sei, und bestanden auf der Auflösung der Selbstverteidigungskommandos. In der Stadt begann eine freiwillige Abgabe von Jagdwaffen, aber die Einheiten schützten ihr Territorium noch eine weitere Woche lang. Die Menschen waren empört über die Rückgratlosigkeit der Behörden, aber die Stadtbewohner wurden nur dadurch beruhigt, dass kein einziges Strafverfahren gegen die Kommandeure und Mitglieder der Kommandotruppen eingeleitet wurde, obwohl sie formell gegen das Gesetz verstießen und die Kriegsparteien zum Teil schwer verletzten.</p>
<p style="text-align: justify">In den 1990er Jahren änderte sich die nationale Zusammensetzung des kürzlich unabhängigen Tadschikistans erheblich. Viele Teilnehmer an den Ereignissen des „Schwarzen Februars“ verließen Tadschikistan, und einige dokumentierende Beweise dieser Tage wurden während des Bürgerkriegs in der Republik verbrannt oder gingen aus den Archiven verloren.</p>
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<p style="text-align: justify"><strong>„Die Untersuchung ist vorbei, vergessen Sie das Ganze“</strong></p>
<p style="text-align: justify">Einigen Quellen zufolge gab der damalige sowjetische Staatspräsident Michail Gorbatschow zu, dass er nicht wisse, wer die Erschießung der Demonstranten befohlen oder den Amoklauf in der Stadt angeführt habe. Es ist wahrscheinlich, dass diese Fragen unbeantwortet bleiben werden. In den vergangenen 30 Jahren hat sich keiner der Teilnehmer an den Ereignissen im Februar zu den getroffenen Entscheidungen bekannt, mit Ausnahme von Qahhor Mahkamow &#8211; einige Zeugen jener Tage glauben, dass viele Leben dank seines Fernsehaufrufs zur Verteidigung gerettet wurden. Die meisten hochrangigen sowjetischen Minister und Generäle in Moskau und Duschanbe, die an den Ereignissen vom Februar beteiligt waren, sind inzwischen verstorben.</p>
<p style="text-align: justify">Die derzeitige Regierung hat den Bewohnern von Duschanbe nie für ihre Widerstandsfähigkeit während der Ereignisse im Februar gedankt, noch erinnert sie sich an die Rolle der Zivilbevölkerung der Stadt bei der Konfrontation mit den Kriegsparteien. Alles ist wie in dem Kriminaldrama des italienischen Regisseurs Damiano Damiani: „Die Untersuchung ist vorbei, vergessen Sie das Ganze.“ Und wenn die selbstorganisierte Volksmiliz nicht gewesen wäre, hätte das Ergebnis dieser Ereignisse viel tragischer sein können.</p>
<p style="text-align: right"><strong>Andrej Schwatow für </strong><a href="https://fergana.news/articles/114991/?fbclid=IwAR3BoXnR-Z6bCffMeS15NBW1Ev69Vr34IzzVNTeE9BchXZFrHnHFTlJjQss"><strong>Fergana News</strong></a></p>
<p style="text-align: right"><strong>Aus dem Russischen von Hannah Riedler</strong></p>
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		<title>Über ausgesetzte Kinder zentralasiatischer MigrantInnen in Russland</title>
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		<dc:creator><![CDATA[hriedler]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 19 Mar 2020 16:46:38 +0000</pubDate>
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		<category><![CDATA[Zentralasien]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Nicht nur M&#xE4;nner, auch Frauen aus Zentralasien migrieren vermehrt nach Russland, um dort zu arbeiten. Manche Kinder, welche dort oft au&#xDF;erehelich und ungewollt zur Welt kommen, werden von ihren verzweifelten M&#xFC;ttern ausgesetzt. Folgender Artikel erschien im russischen Original bei Fergana News, wir &#xFC;bersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion. Eine usbekische Staatsb&#xFC;rgerin lie&#xDF; am 12. [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify"><strong>Nicht nur Männer, auch Frauen aus Zentralasien migrieren vermehrt nach Russland, um dort zu arbeiten. Manche Kinder, welche dort oft außerehelich und ungewollt zur Welt kommen, werden von ihren verzweifelten Müttern ausgesetzt. Folgender Artikel erschien im russischen Original bei</strong> <a href="https://fergana.news/articles/115439/"><strong>Fergana News</strong></a><strong>, wir übersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.</strong></p>
<p style="text-align: justify">Eine usbekische Staatsbürgerin ließ am 12. Februar ein Neugeborenes in der Nähe der Moskauer U-Bahn-Station Park Pobedy zurück. Nach Angaben ihres Anwalts Alexander Timoschenko wurde K. Maftunachon, 29 Jahre alt, in Usbekistan von ihrem Vater verstoßen und ging mit einer Freundin nach Russland, um Geld zu verdienen. Sie konnte weder Russisch, noch hatte sie einen Beruf gelernt. In Russland lernte sie einen Mann kennen und wurde schwanger. Der Vater des Kindes verlangte von K. es abzutreiben und verließ sie anschließend. Im November 2019 wurde das Kind geboren. Nachdem es aus medizinischen Gründen zwei Wochen in der Entbindungsklinik bleiben musste, konnte sie es mitnehmen und begann, nach Arbeit zu suchen &#8211; mit ihrem Baby auf dem Arm.</p>
<p style="text-align: justify">„<em>Mit dem Baby auf dem Arm ging sie jeden Tag auf Arbeitssuche. Zwei oder drei Mal pro Woche hatte sie Erfolg, z.B. auf einer Baustelle, in einem Fischgeschäft oder einem Handwerkerladen. Sie erhielt etwa 1000 Rubel pro Tag. Von diesem Geld  gab sie monatlich 4000 Rubel für ihr Schlafquartier und den Rest für Nahrung für ihren Sohn aus, da sie ihn nicht stillen konnte. Am 11. Februar ging sie in die Klinik, in der sie entbunden hatte, und sagte, dass das Kind verhungere, weil es nichts zu essen bekomme. Sie flehte darum, ihn zu retten, ihn ihr wegzunehmen. Sie wurde abgewiesen. Anschließend klopfte sie an die Tür des Waisenhauses, die aber nicht geöffnet wurde“</em>, schrieb die Anwältin auf ihrer Facebook-Seite.</p>
<p style="text-align: justify">In ihrer Verzweiflung bat Maftunachon einen Bekannten, sie nach Moskau zu bringen und ging zum Eingang der U-Bahn-Station. Dort legte sie das Kind vor die Tür und rannte weg, konnte jedoch kurze Zeit später gefasst werden. Ihr drohen nun 15 Jahre Gefängnis: Zuerst wurde sie wegen Artikel 125 („Zurücklassung in Gefahr<em>“</em>) angeklagt, dann aber wegen Artikel 105 – „Mord<em>“</em> (obwohl das Kind noch lebt und sich im Krankenhaus befindet) und Artikel 30 – &#8222;Vorbereitung auf ein Verbrechen und Versuch eines Verbrechens&#8220;. Derzeit sitzt sie in Untersuchungshaft, voraussichtlich bis zum 02. April.</p>
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<p style="text-align: justify"><strong>Filmische Aufbereitung dieses Themas</strong></p>
<p style="text-align: justify">Diese Geschichte ähnelt dem Schicksal „<a href="https://www.youtube.com/watch?v=RU9VtYRG-ZI">Aikas<em>“</em></a> im gleichnamigen Film von Sergei Dvoretski, lediglich mit einem viel traurigeren Ende. Ausgesetzte Kinder gehören zu den schmerzhaftesten Themen im Zusammenhang mit Migration aus Zentralasien, und solche Nachrichten sind häufig zu finden.</p>
<p style="text-align: justify">Wenn eine Frau in einer Entbindungsklinik ein Kind zur Welt bringt, muss sie Dokumente vorlegen, aus denen ihre Staatsbürgerschaft hervorgeht. Und wenn sie ein Dokument zur Verweigerung des Kindes unterschreibt, informieren die Ärzte die Botschaft des Herkunftslandes der Kindesmutter. Wenn eine Frau zu Hause entbindet und das Kind dann irgendwo zurücklässt, ist es schwieriger zu bestimmen, welche Botschaft zu kontaktieren ist. In solchen Fällen werden die Kinder meist in russische Heime geschickt.</p>
<p style="text-align: justify">Das russische Bildungsministerium, zu dem auch Vormundschafts- und Treuhänderagenturen gehören, führt keine Statistiken über ausgesetzte Kinder aus Zentralasien. Entsprechende Daten wurden zwar bei den Botschaften zentralasiatischer Länder in Moskau angefordert, aber das Thema scheint ein Tabu zu sein. Viele Experten, die sich mit Migration beschäftigen, weigerten sich, über die ausgesetzten Kinder zu berichten. Der Menschenrechtsaktivist Schuchrat Latifow etwa argumentiert, dass Frauen immer nur unter der Aufsicht eines männlichen Familienmitglieds (ihres Mannes, Bruders oder Vaters) migrieren, weshalb es keine registrierten Fälle gibt, in denen tadschikische Frauen Kinder in der Migration zurücklassen. Im Extremfall würden sie zu Hause gelassen werden: bei den Eltern der Frau oder vorübergehend in einem Internat.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Die Wirklichkeit sieht anders aus</strong></p>
<p style="text-align: justify">Die einzige diplomatische Vertretung, die uns die notwendigen Informationen zur Verfügung stellte, war die Botschaft Kirgistans, die die Rückkehr der in Russland zurückgelassenen Kinder in ihr Heimatland aufzeichnet. Nach ihren Angaben wurden im Jahr 2019 15 Kinder zurückgegeben (während es 2017 noch 13 waren). Die Kinder werden zunächst vom Ministerium für soziale Entwicklung betreut, das nach Verwandten in Kirgistan sucht. Werden keine Verwandten gefunden, kommen die Kinder in Waisenhäuser.</p>
<p style="text-align: justify">Der Pressedienst der tadschikischen Botschaft in Moskau antwortete auf unsere Anfrage, dass ihm keine Daten über ausgesetzte Kinder vorliegen würden. Er nannte aber Zahlen zur Gesamtzahl der Kinder, die aus verschiedenen Gründen von ihren Eltern zurückgelassen wurden (die z.B. gestorben oder abgeschoben worden waren). Im Jahr 2019 wurden 56 Minderjährige nach Hause geschickt, und zusätzlich 12 in den ersten anderthalb Monaten des Jahres 2020. Ihr künftiges Schicksal ist dasselbe wie das der kirgisischen Kinder: Zunächst suchen die staatlichen Strukturen nach Verwandten, wenn sie nicht gefunden werden, kommen sie in ein Waisenhaus. Hilfsorganisationen für Migranten erzählten, dass sie von mindestens zehn Kindern wissen, die im vergangenen Jahr von ihren tadschikischen Müttern verlassen und nach Hause zurückgeschickt wurden.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch bei Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/usbekistan/usbekistan-laesst-frauen-und-kinder-von-is-kaempfern-zurueckkehren/"><strong>Usbekistan lässt Frauen und Kinder von IS-Kämpfern zurückkehren</strong></a></p>
<p style="text-align: justify">Die usbekische Botschaft beantwortete unsere Anfrage nicht, aber neun Tage nach dem Vorfall in Moskau bestätigte die Konsular- und Rechtsabteilung des usbekischen Außenministeriums die Informationen über die Inhaftierung der usbekischen Staatsbürgerin Maftunachon, die ihr Kind in der Nähe der U-Bahn-Station zurückgelassen hatte.  Die Abteilung teilte darüber hinaus mit, dass die diplomatische Mission die Kontrolle über die Situation übernommen und Kontakte zu den Strafverfolgungsbehörden hergestellt habe. Das Leben des Kindes, das sich im Krankenhaus befindet, sei nicht bedroht.</p>
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<p style="text-align: justify">Die Berichterstattung über den Fall löste eine hitzige Diskussion auf usbekischen Facebook-Seiten aus. Einige Kommentatoren waren über Maftunachon verärgert, einige sympathisierten mit ihr, aber alle waren mit der Untätigkeit der Behörden unzufrieden. Auch das Thema adäquater Sexualerziehung kam auf, da es in direktem Zusammenhang mit dem Problem ausgesetzter Kinder steht.</p>
<p style="text-align: justify">Sexualerziehung ist eines der sensibelsten Themen in der Region: Hinweise auf eine besondere „Mentalität<em>“</em> und fehlende außereheliche Beziehungen machen die Diskussion darüber häufig unmöglich. In der Realität ist es jedoch ein riesiges Problem: Frauen wissen häufig nicht, wie sie einen potenziellen Sexualpartner ablehnen können oder welche Verhütungsmöglichkeiten es gibt und wie diese funktionieren.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Sexualleben und Tabu</strong></p>
<p style="text-align: justify">Nodira Abdulloyeva, Expertin für Fragen der Arbeitsmigration aus Tadschikistan, bestätigte in einem Interview, dass es in der Gesellschaft tabuisiert ist, über sexuelle Themen zu diskutieren. Für Jugendliche ist es daher schwierig, mit Erwachsenen über diese Themen zu sprechen oder Zugang zu geeigneten Informationen und Dienstleistungen zu erhalten.</p>
<p style="text-align: justify"><em>„Unseren NGOs zufolge verhindern nicht nur Geschlechterstereotypen und gesellschaftliche Tabus, sondern auch die mangelnde Autonomie von Mädchen und Frauen, dass sie Informationen erhalten“</em>, erklärte die Expertin. Die meisten tadschikischen Frauen seien nicht in der Lage, mit ihrem Partner über den Gebrauch von Kondomen zu sprechen Bei der Vorbereitung der Mädchen auf das Erwachsenenalter werde ihnen nicht beigebracht, dass jede Handlung, die mit ihrem Körper zu tun hat, in erster Linie ihre eigene Entscheidung ist.</p>
<p style="text-align: justify">Laut Abdulloyeva ist die Situation von Maftunachon typisch. Viele Menschen sind schockiert,  dass die Mutter ihr Kind zurückgelassen hat, und machen ihr deswegen Vorwürfe. Aber wenn man das Problem genauer betrachtet, ist Maftunachon ebenso ein Opfer wie ihr Kind.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>„Die Option der Rückkehr ist die undenkbarste“</strong></p>
<p style="text-align: justify">Laut Abdulloyeva ist das bestehende Ausbildungssystem für MigrantInnen unvollkommen, weil es die besonderen Bedürfnisse von Frauen nicht berücksichtigt.</p>
<p style="text-align: justify"><em>„Wenn Mädchen unvorbereitet zur Arbeit gehen, können sie in eine gleiche Situation wie Maftunachon geraten. Sie können von ihren Partnern betrogen oder verlassen werden, sie können Opfer von Gewalt durch einen Mann werden, sogar durch ihren Ehemann. Sie können dazu gezwungen sein, in einem fremden Land zu bleiben, ohne Arbeit, Dokumente und Rechtsstatus, ohne Geld, ohne zu verstehen, an wen sie sich im Falle von Schwierigkeiten wenden können. Gleichzeitig ist die Option der „Rückkehr nach Hause“ die undenkbarste, weil es eine Schande ist, die die Angehörigen nicht akzeptieren werden. Frauen sind desorientiert und sehen vielleicht keinen anderen Weg, als das Gleiche wie Maftunachon zu tun“,</em> stellte die Expertin fest.</p>
<p style="text-align: justify">Abdulloyeva sieht den Ausweg aus dem Problem vor allem in der Auseinandersetzung mit diesem Problem und in der Bildung. Sexualerziehung müsse zugänglich und umfassend sein, regelmäßig stattfinden und die Menschen in städtischen und ländlichen Gebieten erreichen. Sie solle nicht nur in der Schule, sondern auch außerhalb derselben thematisiert werden. Auch die Eltern sollen einbezogen werden, damit sie verstehen, wie wichtig es ist, über solche Themen mit den Kindern sprechen zu können, so Abdulloyeva.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch bei Novastan: </strong><a href="https://novastan.org/de/usbekistan/trotz-verbot-polygamie-bleibt-in-usbekistan-verbreitet/"><strong>Trotz Verbot: Polygamie bleibt in Usbekistan verbreitet</strong></a></p>
<p style="text-align: justify">Internationale Organisationen sind bereit, den Ländern der Region bei der Versorgung der Bevölkerung mit Verhütungsmitteln zu helfen. Galina Tschirkina, Leiterin der kirgisischen Allianz für reproduktive Gesundheit, sagte in einem Interview, dass die derzeitige Situation hinsichtlich der Bildung der Bevölkerung als „wellenförmig“ beschrieben werden kann.</p>
<p style="text-align: justify">So habe ich die Verfügbarkeit von Informationen über Verhütung und Familienplanung ernsthaft verschlechtert, da nach 2015 viele Programme internationaler Organisationen, die unter anderem die Bereitstellung von Verhütungsmitteln als Form von humanitärer Hilfe anboten, eingestellt worden seien. Allein der UN-Bevölkerungsfonds hatte laut Tschirkina Kondome, Spiralen, Pillen und Hormone im Wert von einer Million Dollar pro Jahr zur Verfügung gestellt. Nach der Einstellung solcher Programme hätte die Regierung versucht, die Situation unter Kontrolle zu bringen, aber nur 20% der Bedürfnisse von Frauen aus extrem armen und großen Familien decken können. Die Jugendlichen, mit denen man in erster Linie arbeiten müsse, konnten diese Hilfe jedoch gar nicht in Anspruch nehmen . Laut der Statistik des Gesundheitsministeriums betrug die Zahl der 18–19-jährigen Mädchen, die Verhütungsmittel benutzen, im Jahr 2016 37.957, halbierte sich 2019 jedoch auf 19.593. Nach Angaben des Nationalen Statistikkomitees machen junge Menschen ein Viertel der Bevölkerung des Landes aus, also etwa eine Million Menschen.</p>
<p style="text-align: justify"><em>„Bis das Land spezielle Programme für junge Menschen einführt, die die Verfügbarkeit von Verhütungsmitteln erleichtern, werden wir ungewollte Schwangerschaften, Abtreibungen, Komplikationen nach Abtreibungen, Sterblichkeit von Müttern in jungen Jahren und/oder ausgesetzte Neugeborene verzeichnen. Wenn wir 17-Jährigen bis heute kein sicheres Sexualverhalten und Familienplanung beigebracht haben, werden wir morgen 18-Jährige mit ungewollten Schwangerschaften und schweren Schicksalen haben.“</em></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Proteste der Eltern und der Religionsgemeinschaften</strong></p>
<p style="text-align: justify">Galina Tschirkina hält fest, dass diese Probleme aufgrund mangelnder Sexualerziehung in den Schulen entstehen. über die ständig von Fachleuten und NGOs gesprochen wird. Im Jahr 2014 habe das Bildungsministerium zusammen mit dem Gesundheitsministerium eine Methodik zur Entwicklung von Unterrichtsstunden zu gesunder Lebensweise für Schüler der höheren Klassen entwickelt, welche sich mit den Themen sicheres Sexualverhalten und Familienplanung befasste. Diese Methodik wurde in den Schulen jedoch kaum eingesetzt, was einerseits an Protesten der Eltern, andererseits an Kritik seitens Religionsgemeinschaften lag. <em>„Sobald wir anfangen über etwas zu sprechen, bei dem „Sex“ im Namen steht: sexuelle Gesundheit, Sexualerziehung oder Sexualität, müssen wir mit heftigem öffentlichen Widerstand rechnen. So wird uns vorgeworfen, dass wir junge Menschen korrumpieren. Die Medien könnten eine wichtige Rolle bei der Aufklärung der Öffentlichkeit spielen, aber leider kommt das Thema erst dann zur Sprache, wenn extreme Fälle in der Öffentlichkeit bekannt werden. Zu diesem Thema gibt es in den Massenmedien weder Bildungssendungen noch Spezialprogramme“, </em>so Galina Tschirkina.</p>
<p style="text-align: justify">Des Weiteren erinnert sie daran, dass die Migration nach Russland insbesondere aus den südlichen Regionen Kirgistans erfolgt, wo die Menschen aufgrund religiöser Vorschriften nur über geringe Informationen hinsichtlich Sexualerziehung verfügen..</p>
<p style="text-align: justify"><em>„Wir müssen den Mädchen, die ins Ausland gehen, Informationen geben&#8220;</em>, ist Tschirkina überzeugt. <em>„Zuhause können die jungen Frauen zu ÄrztInnen gehen, die sie kennen. In Russland haben sie hingegen viel weniger Informationsquellen und Möglichkeiten. Es ist deshalb sehr wichtig, sie in ihrem Heimatland gut vorzubereiten, damit sie sich in Russland selbst versorgen können. Und dies gilt nicht nur für Mädchen: Auch Männer sollten so gut wie möglich darüber informiert werden, wie sie sich vor Infektionskrankheiten und HIV schützen können, und die Partnerin sowohl vor Krankheiten als auch vor ungewollter Schwangerschaft</em>“ sagte Tschirkina.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>In die Enge getrieben</strong></p>
<p style="text-align: justify">Die Programmkoordinatorin der Safe House Foundation, Veronika Antimonik, die Frauen in schwierigen Situationen hilft, berichtet darüber, dass eine Person, die in die Enge getrieben wird, riskante und sogar verzweifelte Entscheidungen treffen kann. <em>„Hilflosigkeit, mangelnde Unterstützung, Verzweiflung führen zu solchen Entscheidungen. Diese Person sieht keine Möglichkeit, etwas an ihrer Lage zu ändern. Frauen in diesen Situationen brauchen viel früher Hilfe; eine rechtzeitige Bereitstellung von Schutz und Unterstützung kann solche Situationen verhindern&#8220;, </em>stellt die Koordinatorin fest.</p>
<p style="text-align: justify">Antimonik betont auch, dass die Probleme, wie im Falle Maftunachons nicht erst bei der Geburt des Kindes selbst, sondern schon viel früher – in der Familie der Eltern – begannen.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Ein Problem, dessen Lösung immer dringender wird</strong></p>
<p style="text-align: justify">Es sei wahrscheinlich, dass die Schwangerschaft zu einem ungünstigen Zeitpunkt geschah und ungeplant war, dass sie keinen Zugang zu Verhütungsmitteln hatte oder nicht ausreichend darüber informiert war. Und wenn sie kein Kind wollte, hatte sie wahrscheinlich keinen Zugang zu einer Möglichkeit, die Schwangerschaft zu beenden. Nach der Geburt des Kindes ging sie zu ihrer Familie und bat um Hilfe, wurde aber abgelehnt. Sie konnte nirgendwo hingehen und konnte weder für sich selbst noch für das Baby sorgen. Und selbst als sie bereit war, es aufzugeben, blieb ihr diese Möglichkeit versperrt. Das Baby auf der Straße zu lassen, sei wahrscheinlich ihre einzige Chance gewesen, sein Leben zu retten. Nur wenn man all diese Fakten ignoriert, kann man eine kriminelle Absicht dahinter vermuten, glaubt Antimonik.</p>
<p style="text-align: justify">Laut der Soziologin Anna Rotscheva machen Frauen 40% der Migrationsströme aus Kirgistan und 20% aus Usbekistan und Tadschikistan aus. In der Regel kommen Frauen bis zu 30 Jahren (seltener 30 bis 40 Jahre) aus Kirgistan. Etwa gleich viele Frauen unter 30 Jahren und ältere Frauen kommen aus Usbekistan und Tadschikistan. Sie sind in der Regel verheiratet, verwitwet oder geschieden.</p>
<p style="text-align: justify">Das Problem der ungeplanten Schwangerschaften, des fehlenden Zugangs zu Gesundheitsdiensten und der ausgesetzten Kinder wird ähnlich dem Schneeballeffekt zunehmen, da die Migration von Frauen einerseits immer wichtiger wird, die Sexualerziehung in den Ländern der Region andererseits aber nicht gefördert wird.</p>
<p style="text-align: right"><strong>Ekaterina Iwaschtschenko für </strong><a href="https://fergana.news/articles/115439/">Fergana News</a></p>
<p style="text-align: right"><strong>Aus dem Russischen von Hannah Riedler</strong></p>
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