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	<title>daz_almaty, Author at Novastan Deutsch</title>
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	<description>Wissenswertes und Nachrichten aus Kirgistan, Tadschikistan, Usbekistan, Kasachstan und Turkmenistan</description>
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		<title>Wandel durch Mobilität: Das Marschrutka-Projekt (Teil 2/2)</title>
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		<pubDate>Thu, 15 Feb 2018 11:38:56 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Marschrutkas geh&#xF6;ren in Zentralasien oft zum Alltag. Im ersten Teil des Interviews mit Tonio Weicker und Wladimir Sgibnev ging es vor allem darum, wie Marschrutka-Systeme entstanden sind. Im zweiten Teil erfahren wir mehr &#xFC;ber die Probleme und die Zukunft der Marschrukas. Das Interview von Therese Bach und Othmara Glas &#xFC;bernehmen wir mit freundicher Genehmigung der [&#x2026;]</p>
<p>The post <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/wandel-durch-mobilitat-das-marschrutka-projekt-teil-22/">Wandel durch Mobilität: Das Marschrutka-Projekt (Teil 2/2)</a> appeared first on <a href="https://novastan.org/de">Novastan Deutsch</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify"><strong>Marschrutkas gehören in Zentralasien oft zum Alltag. <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/wandel-durch-mobilitat-das-marschrutka-projekt-teil-12/">Im ersten Teil</a> des Interviews mit Tonio Weicker und Wladimir Sgibnev ging es vor allem darum, wie Marschrutka-Systeme entstanden sind. Im zweiten Teil erfahren wir mehr über die Probleme und die Zukunft der Marschrukas. Das Interview von Therese Bach und Othmara Glas übernehmen wir mit freundicher Genehmigung der Redaktion.</strong></p>
<p>Hier geht es zum <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/wandel-durch-mobilitat-das-marschrutka-projekt-teil-12/">ersten Teil des Interviews</a>.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>DAZ: Marschrutkas gibt es ja flächendeckend, sowohl im innerstädtischen als auch im Überlandverkehr. Unterscheiden sich die Strukturen und der Umgang mit den Marschrutkas im Verhältnis von der Stadt zum Land?</strong></p>
<p style="text-align: justify"><strong>T:</strong> Soweit ich weiß, gibt es in Russland keine Bestrebungen, das im dörflichen Bereich zu verändern. Meine Arbeit konzentriert sich aber hauptsächlich auf das urbane Phänomen.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>W:</strong> Wir haben keine Doktorarbeiten, die sich explizit mit den Überlandstrecken befassen. Doch was die Verkehrsleistung angeht, ist das Funktionsprinzip das gleiche. Genauso gibt es dort diese unglaubliche Vielfalt an Organisationsformen: Große Firmen, kleine Firmen, Fahrer, die mit eigenen Fahrzeugen oder mit geleasten Fahrzeugen unterwegs sind. In jeder Stadt und jeder Region hat sich ein ganz eigenes, genuines System entwickelt. Im tadschikischen Chudschand gibt es von Monopolisten beherrschte Märkte.</p>
<p style="text-align: justify">In Tbilisi hingegen gibt es nur eine einzige Marschrutka-Firma, die infolge einer Ausschreibung den Markt übernehmen durfte. Wiederum gibt es Märkte wie in Bischkek, wo es viele kleine Firmen gibt. Innerhalb dieser Firmen variiert die Funktionsweise aber auch: Manche besitzen selber Autos und die Fahrer sind angestellt. In anderen Fällen gibt es geleaste Fahrzeuge mit Fahrern, die selbständige Unternehmer sind oder Fahrer fahren mit ihren eigenen, privaten Wagen.</p>
<p style="text-align: justify">Diese Flexibilität im Marschrutkabusiness – so unsere Theorie – ist einer der Gründe dafür, dass sich Marschrutkas so schnell und so massenhaft verbreitet haben. Die Marktzugänge sind niedrigschwellig und die Organisationsmöglichkeiten sehr divers. Was wir auf der Straße als Marschrutka erkennen, ist in sehr vielen Städten sehr ähnlich. Aber das dahinterliegende System kann sich radikal unterscheiden.</p>
<figure id="attachment_12624" aria-describedby="caption-attachment-12624" style="width: 1200px" class="wp-caption alignnone"><img fetchpriority="high" decoding="async" class="size-full wp-image-12624" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/02/3992602802_f9be094c1d_o.jpg" alt="Hochzeit Fest Marschrutki" width="1200" height="691" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/02/3992602802_f9be094c1d_o.jpg 1200w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/02/3992602802_f9be094c1d_o-300x173.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/02/3992602802_f9be094c1d_o-768x442.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2018/02/3992602802_f9be094c1d_o-1024x590.jpg 1024w" sizes="(max-width: 1200px) 100vw, 1200px" /><figcaption id="caption-attachment-12624" class="wp-caption-text">Marschrutki können auch bei Hochzeitsfeiern zum Einsatz kommen, wie hier in Kasachstan</figcaption></figure>
<p style="text-align: justify">Gleichzeitig gibt es auch große Busse wie im Moskauer Vorortverkehr, die vom System her funktionieren wie eine Marsch-rutka, also wie ein nicht-subventioniertes Mobilitätsunternehmen mit privaten Fahrern. Auch wenn sie nicht so aussehen, wie wir uns landläufig eine Marschrutka vorstellen, sind diese Busse vom Prinzip her eine Marschrutka. Von daher war es für uns im Projekt sehr schwer festzulegen, was wir genau als Marschrutka definieren. Denn je nachdem, auf welchen Aspekt man sich konzentriert, stecken sehr unterschiedliche Organisationsformen und sehr unterschiedliche Fahrzeugtypen dahinter.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Was wird am Ende mit den Ergebnissen passieren? Sollen diese zum Beispiel von den Stadtverwaltungen verwertet werden?</strong></p>
<p style="text-align: justify"><strong>W:</strong> Es ist nicht unser Ziel, den Stadtverwaltungen zu sagen, was sie mit den Marschrutkas machen sollen. Teilweise gibt es in unseren Projekten Leute, die Zugang zu jeweiligen Stadtverwaltungen haben, dort Interviews führen und im Austausch stehen. Aber es wird keine Politikempfehlungen unsererseits geben. Bei den Projekttreffen und Sommerschulen haben wir bisher gut lokale Experten einbinden können. In Tbilisi gibt es ziemlich enthusiastische Aktivisten die für die Verbesserung des öffentlichen Nahverkehrs kämpfen. Da sind auch langfristige Arbeitskontakte entstanden. Da wird es sicher auch Nachfolgeprojekte mit deren Einbindung geben.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>T:</strong> Das kann ich auch sagen von meinen Projekten. In Wolgograd zum Beispiel arbeite ich oft mit der örtlichen Universität zusammen. Es gibt viele Forscher vor Ort, die sich für Mobilitätsforschung, aber auch für lokale Stadtentwicklung interessieren. Das wird auch gerade institutionalisiert. Es ist eine sehr fruchtbare Zusammenarbeit.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Da Sie Tbilisi erwähnen: Dort sind alle Marschrutkas gelb, es scheint ein sehr einheitliches System zu geben.</strong></p>
<p style="text-align: justify"><strong>W:</strong> 2011 wurde der Markt komplett auf den Kopf gestellt, weil die Stadtverwaltung eine Art Ausschreibung für Marschrutka-Dienstleistungen gestartet hat. Da ist eine einzige Firma zum Zug gekommen und es wurde beschlossen, dass alle Fahrzeuge neu angeschafft werden müssen: Eine ganz neue Flotte von gelben Marschrutkas. Die alten sind verkauft worden und wandern zum Teil auch weiter gen Osten. Hinter manchen Flotten stecken auch lokale Geschichten: In Duschanbe hatte die Tochter des Präsidenten angeblich gute Arbeitskontakte nach Südkorea und so kam es zu einer Verordnung, dass alle neu angeschafften Marschrutkas Hyundai Starex sein mussten.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Andere versuchen Marschrutkas komplett abzuschaffen. Kasachstan scheint hier Vorreiter zu sein.</strong></p>
<p style="text-align: justify"><strong>W:</strong> Astana ist ein Sonderfall. Es verwundert nicht, dass es dort keine Marschrutkas gibt. Es gibt, glaube ich, noch drei-vier Linien, die in den Außenbezirken verkehren. Das deckt sich mit der allgemeinen Feststellung, dass in Städten, in denen Marschrutkas reguliert werden sollen, sie zuerst vom Hauptplatz oder der zentralen Straße verbannt werden. Oft herrscht bei der Stadtverwaltung oder bei der Bevölkerung die Überzeugung vor, dass Marschrutkas nicht repräsentativ genug seien. Nichts, was einer Hauptstadt würdig ist.</p>
<p><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/kasachstan-wlan-in-den-bussen-der-hauptstadt/">Kasachstan &#8211; WLAN in den Bussen der Hauptstadt</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">In Bischkek gab eine Zeit lang die Regelung, dass Marschrutkas nur nachts den Ala-Too-Platz (ein zentraler Platz in der kirgisischen Hauptstadt, Anm. d. Red.) befahren durften. Tagsüber war es verboten. In Duschanbe darf die Hauptstraße, die Rudaki, nicht von Marschrutkas befahren werden, die Querstraßen aber schon. Was auf der Hauptstraße aber geht, ist, dass PKWs als Marschrutkas fungieren, die anscheinend das Stadtbild weniger stören. Der nächste Schritt ist dann der, dass in Städten wie Almaty oder Astana Marschrutkas nur noch auf den Außenstrecken fahren dürfen, damit Gäste und wichtige Personen im Stadtzentrum nicht vom Anblick der Marschrutkas gestört werden.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Worauf liegt der Schwerpunkt Ihrer Forschung in Kasachstan?</strong></p>
<p style="text-align: justify"><strong>W:</strong> Dort haben wir eine Fallstudie in Astana. Unser Doktorand geht der Frage nach, wie die Bildung sozialer Netzwerke mit dem Transportverhalten von Schülern zusammenhängt. Er untersucht an einer Mittelschule, welche in einem Bezirk liegt, der von Marschrutkas angefahren wird, ob die Mobilität von Schülern Auswirkungen auf ihre Popularität hat. Er analysiert, ob es etwas ausmacht, wenn sie mit dem Taxi, dem Bus oder der Marschrutka fahren und welche Korrelationen es gibt – ob sie öfter im Kino sind, mehr Computer spielen, oder sich häufiger mit ihren Freunden treffen.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>T:</strong> Ich möchte an dieser Stelle gerne die Internationalität des Projektes betonen. Ich habe zwei Betreuer: Einen hier an der TU Berlin und eine Betreuerin in Moskau. So ist das bei allen Doktoranden: Es ist immer ein binationales Team, auf das sich die Betreuungsleistungen unterschiedlich verteilen. Das macht es für mich wahnsinnig spannend. Wir haben Forschungsaufenthalte in all den Ländern und dadurch wird die Arbeit an der eigenen Doktorarbeit noch viel multiperspektivischer. Auch weil Wissenschaft immer unterschiedlich in jedem Land funktioniert. Das ist meiner Meinung nach ein sehr produktives Team.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Zum Schluss möchten wir noch die Frage nach der Zukunft der Marschrutki stellen: Wie geht es weiter?</strong></p>
<p style="text-align: justify"><strong>T:</strong> Es gibt neue Organisationsformen. In Russland sieht man überall <a href="https://taxi.yandex.ru/">Yandex-Taxen</a>. Das wird fortentwickelt zu Yandex-Marschrutkas. Über eine App wird errechnet, wer den gleichen Zielwunsch hat und man zahlt weniger, wenn man bereit ist, mit anderen zusammenzufahren. Die Marschrutka sammelt dann die Leute auf der Straße ein und fährt alle ins Zentrum. Das ist letztlich eine intelligente Bündelung von Passagierwünschen. So haben sich schon in den 1990ern die Routen gebildet: Es ging um das Passagieraufkommen. Das ist eine interessante Parallele.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>W:</strong> In den frühen 90ern kam es auf die Marktkenntnis der Fahrer an. Heute digitalisiert sich der Markt.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Also ist das System “Yandex” die Zukunft?</strong></p>
<p style="text-align: justify"><strong>T:</strong> Unternehmen wie Uber und Yandex-Taxi werden auch als Konkurrenz gesehen. Ich habe vor einigen Monaten in Rostow ein Foto aufgenommen. Ich saß neben dem Fahrer und habe ihn parallel interviewt, da war vor uns ein Wagen mit einem Schild, das den Fahrer direkt angesprochen hat. Der Werbeslogan lautet: „Für ein sicheres Einkommen, damit Sie Ihre Familie versorgen können.“ Der Fahrer hat das kategorisch abgelehnt. Aber das ist direkt nach dem Motto: Ihr Marschrutka-Fahrer seid prekär finanziert, kommt zu Uber, da geht es euch besser.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>W:</strong> Was ein Hohn ist. Weil Uber und Yandex durch ihre digitale Organisationsform die zwischenmenschliche Komponente zwischen den Fahrern ausschließen. Die Fahrer kennen sich nicht mehr untereinander. Aber das Marschrutka-System funktioniert unter anderem auch deswegen so gut, weil die Fahrer sich an den Endstationen treffen und sich austauschen. Es gibt auch eine Art Hilfskassen. Sie treten jetzt vielleicht nicht direkt als Gewerkschaft auf, aber versorgen sich gegenseitig mit zinslosen Krediten, Nachrichten, Kontakten. Die Koordinierung erfolgt durch Eigeninitiative: Wer geht auf die Strecke raus, wer fährt in welchen Abständen wie viele Touren. Das ist schon so eine Art selbstorganisiertes System, welches auf einer sehr engen Solidarität der Fahrer untereinander basiert. Und durch die app-basierten Systeme wird diese Solidarität unter Fahrern ausgehebelt.</p>
<p style="text-align: right"><strong>Therese Bach und Othmara Glas<br />
<a href="http://daz.asia/blog/wandel-durch-mobilitaet-das-marschrutka-projekt-teil-22/">Deutsche Allgemeine Zeitung </a></strong></p>
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		<title>Wandel durch Mobilität: Das Marschrutka-Projekt (Teil 1/2)</title>
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		<dc:creator><![CDATA[daz_almaty]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 11 Feb 2018 13:34:12 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Marschrutkas, also Minibusse f&#xFC;r den Nah- und Fernverkehr, geh&#xF6;ren in weiten Teilen Zentralasiens zum Alltag. Tonio Weicker und Wladimir Sgibnev untersuchen mit ihren Kollegen das System Marschrutka in Russland, dem Kaukasus und Zentralasien. Ihr Ziel: Prozesse des gesellschaftlichen und &#xF6;konomischen Wandels zu begreifen. Das Interview f&#xFC;hrten Therese Bach und Othmara Glas von der Deutschen Allgemeinen [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify"><strong>Marschrutkas, also Minibusse für den Nah- und Fernverkehr, gehören in weiten Teilen Zentralasiens zum Alltag. Tonio Weicker und Wladimir Sgibnev <a href="http://marshrutka.net/#">untersuchen</a> mit ihren Kollegen das System Marschrutka in Russland, dem Kaukasus und Zentralasien. Ihr Ziel: Prozesse des gesellschaftlichen und ökonomischen Wandels zu begreifen. Das Interview führten Therese Bach und Othmara Glas von der <a href="http://daz.asia/blog/wandel-durch-mobilitaet-das-marschrutka-projekt-teil-12/">Deutschen Allgemeinen Zeitung</a>. Wir übernehmen es mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.</strong></p>
<p style="text-align: justify"><strong>DAZ: Gibt es Unterschiede zwischen den Marschrutkas in den verschiedenen Ländern?</strong></p>
<p style="text-align: justify">T: Nicht nur in den Ländern, sondern in jeder einzelnen Stadt. Es gibt fast im kompletten postsowjetischen Raum Marschrutkas. Sie sind fast überall eines der stärksten Nahverkehrsphänomene, gleichzeitig sind sie überall sehr unterschiedlich. Daher haben wir einen qualitativen Forschungsansatz gewählt. Wir wollen nicht wissen, wie viele Busse es gibt oder wie viele Menschen diese nutzen. Wir wollen Fragen beantworten wie: Was bedeutet es eigentlich für den Fahrer Marschrutkas zu fahren? Wie geht man mit der körperlichen Nähe in einer Marschrutka um?</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Wie wird man eigentlich Marschrutkafahrer?</strong></p>
<p style="text-align: justify">T: Das ist ganz unterschiedlich. Das sind wahnsinnig interessante Lebensgeschichten, die dahinterstehen. Es gibt viele noch zu Sowjetzeiten ausgebildete Fahrer, sodass der Weg nicht so weit war. Viele haben früher für ein staatliches Busunternehmen gearbeitet und sind dann in den privaten Mobilitätsbereich gewechselt. Andere haben den Quereinstieg gewählt. In Russland ist es mittlerweile ein häufiges Phänomen, dass viele der Fahrer einen Migrationshintergrund aus den zentralasiatischen Ländern haben.</p>
<p style="text-align: justify">W: Auch in den zentralasiatischen Städten selbst ist es oft ein Phänomen, das mit Migration verbunden ist. Häufig sind die Fahrer selbst Binnenmigranten aus ländlichen Regionen.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Gibt es eigentlich weibliche Marschrutka-Fahrer?</strong></p>
<p style="text-align: justify">W: Sehr selten. Im Baltikum oder der Ukraine vielleicht. Das ist schon eine sehr männliche Domäne. Wobei es zu Sowjetzeiten relativ viele Bus- und vor allem Trolleybusfahrerinnen gab. Das ist sicher eine Folge des Transformationsprozesses, als sich die Arbeitskollektive auflösten. In Zentralasien sieht man noch des Öfteren, dass es neben männlichen Fahrern auch Schaffnerinnen gibt.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Wie ist das heutige System Marschrutka entstanden?</strong></p>
<p style="text-align: justify">T: In den 1990er Jahren fand eine grundlegende Veränderung des Transportwesens in den Städten statt. Der öffentliche Nahverkehr war in der UdSSR eine Top-Priorität; es wurden viele Trolleybus- und Straßenbahnsysteme aufgebaut. Danach kam es zu einer massenhaften Schließung dieser ÖPNV-Systeme. Die entstandene Lücke wurde durch Marschrutkas geschlossen.</p>
<p style="text-align: justify">W: Die größten Schließungen fanden in Zentralasien und im Kaukasus statt. Dort hat nur eine Handvoll der Straßenbahn- und Trolleybussysteme überlebt. In Almaty etwa wurde die Straßenbahn kaputtgespart. Das ist typisch für den postsowjetischen Raum: Es werden massenhaft Straßenbahnsysteme stillgelegt mit dem Versprechen, irgendwann einmal eine U-Bahn zu eröffnen.</p>
<p><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/motanja-die-hauptsehenswuerdigkeit-von-stepnogor/">Motanja &#8211; die Hauptsehenswürdigkeit von Stepnogor</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">Dieses Denken stammt noch aus der Sowjetzeit: Die Metro ist etwas Tolles, Großartiges, das eine richtige Millionenstadt braucht. Schaut man sich die Metrosysteme an, dann sind sie immer sehr tief, prunkvoll, sehr aufwändig – und dadurch auch richtig teuer. Die Metro in Almaty hat nur neun Stationen, während das Straßenbahnsystem relativ weit verzweigt war und bei entsprechender Instandhaltung eine ähnliche Verkehrsleistung hätte erbringen können. In Astana ist es nicht anders. Da gab es ein funktionierendes Trolleybusnetz. Irgendwann im nächsten Jahrzehnt soll dann eine Metro eröffnet werden – wer weiß.</p>
<p><img decoding="async" class="alignnone size-full wp-image-8530" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/04/03_47_DE.png" alt="U-Bahn Taschkent" width="940" height="788" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/04/03_47_DE.png 940w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/04/03_47_DE-300x251.png 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/04/03_47_DE-768x644.png 768w" sizes="(max-width: 940px) 100vw, 940px" /></p>
<p style="text-align: justify">Marschrutkas gab es auch schon zu Sowjetzeiten. Es ist keine Erfindung der 90er Jahre. Nur war es ein sehr randständiges Phänomen. Es gab sie nur auf wenigen Strecken, z.B. vom Stadtzentrum zum Flughafen oder vielleicht mal zum Strand. Also nichts, was man alltäglich benutzte. Und die waren teurer, dafür aber schneller als normale Verkehrsmittel. Aber es war kein Massenverkehrsmittel. Im Gegensatz zu heute: Es gibt Städte und Agglomerationen mit mehr als einer halben Million Einwohner, in denen der komplette Nahverkehr nur von Marschrutkas bestritten wird.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Wenn sie einen so wichtigen Beitrag zur Personenbeförderung leisten, warum werden Marschrutkas dann immer mehr als Problem gesehen?</strong></p>
<p style="text-align: justify">T: Das ist von Stadt zu Stadt unterschiedlich. In Russland gibt es zwei Städte, die eine Art “Vorzeigefunktion” haben: Kasan und Moskau. Moskau hat 2016 die Lizenzen für Marschrutkadienstleistungen auslaufen lassen. Die heutigen Minibusse in Moskau sind entweder in das städtische Nahverkehrsunternehmen integriert oder informell. In Kasan gibt es bereits seit 2007 keine Marschrutkas mehr im herkömmlichen Sinne. Auch hier ist das öffentliche Nahverkehrsunternehmen vor Ort mit modernisierten Bussen und Minibussen eingesprungen.</p>
<p style="text-align: justify">Als Begründung für die Umstrukturierungen wird immer argumentiert, dass man keine Steuereinnahmen habe und es schwierig sei, das Marschrutkabusiness zu kontrollieren. Generell seien die Marschrutkas in keinem guten Zustand. Viele behaupten, es sei ein Verkehrsphänomen aus der dritten Welt. Dieses Image wollen manche Städte natürlich loswerden.</p>
<p style="text-align: justify">Dem gegenüber steht, dass es für den Staat eine sehr günstige Variante ist, da Marschrutkas ohne jegliche Subvention auskommen. Das ist beim staatlichen Nahverkehr überhaupt nicht der Fall. Bis heute werden die Busse und Straßenbahnen in Russland stark bezuschusst. Das ist die Konfliktlinie, an der sich der öffentliche Diskurs auch abspielt. Es gibt Städte, die das immer weiter einschränken wollen. Zum Beispiel ist in Rostow am Don das Stadtzentrum frei von Marschrutkas, aber in den Randbezirken bleiben sie weiter erlaubt. Dort haben sie auch eine wichtige Funktion als Zubringer ins Zentrum. In anderen Städten versucht man gleich ein komplett neues System zu etablieren. Das ist oft sehr, sehr teuer und aufwändig und funktioniert auch gar nicht.</p>
<p style="text-align: justify">In Wolgograd hat man im April 2016 mit einem Mal innerhalb von vier Wochen 90 Prozent der Marschrutkas abgeschafft. Und das hat in einem Kollaps geendet. Im Endeffekt sind danach nicht-registrierte Marschrutkas neu aufgekommen und neue Routen wurden gebildet. Diese Marschrutkas bewegen sich in einer rechtlichen Grauzone. Sie sind de-facto illegal. Auf die Marschrutka wird „bestellt“ geschrieben und sie fährt genau die Route, die es vorher auch schon gab. Und wenn sie von der Polizei angehalten wird, behauptet der Fahrer, es handele sich um einen privaten Bus und nicht um eine Marschrutka. Zur Zeit wird das noch toleriert, weil die Stadt sieht, dass sie ohne die Marschrutkas nicht klarkommt. Aber es führt natürlich zu einer weiteren Prekarisierung der Fahrer.</p>
<p style="text-align: right"><strong>Therese Bach und Othmara Glas<br />
<a href="http://daz.asia/blog/wandel-durch-mobilitaet-das-marschrutka-projekt-teil-12/">Deutsche Allgemeine Zeitung</a>, Almaty<br />
</strong></p>
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			</item>
		<item>
		<title>Kasachstan: EU startet Menschenrechtskampagne</title>
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		<dc:creator><![CDATA[daz_almaty]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 15 Nov 2017 11:46:03 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Die EU will sich st&#xE4;rker f&#xFC;r die F&#xF6;rderung von Menschenrechten in Zentralasien einsetzen. Bis zum Tag der Menschenrechte am 10. Dezember sollen im Rahmen der Kampagne #EU4HumanRights verschiedene Veranstaltungen und Aktionen das Bewusstsein f&#xFC;r Menschenrechte in der Region st&#xE4;rken. Der folgende Artikel erschien im Original bei der Deutsche Allgemeinen Zeitung, wir &#xFC;bernehmen ihn mit freundlicher [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify"><strong>Die EU will sich stärker für die Förderung von Menschenrechten in Zentralasien einsetzen. Bis zum Tag der Menschenrechte am 10. Dezember sollen im Rahmen der Kampagne #EU4HumanRights verschiedene Veranstaltungen und Aktionen das Bewusstsein für Menschenrechte in der Region stärken. </strong><strong>Der folgende Artikel erschien im Original bei der <a href="http://daz.asia/blog/eu-startet-menschenrechtskampagne/">Deutsche Allgemeinen Zeitung</a>, wir übernehmen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.</strong></p>
<p style="text-align: justify">Die Europäische Union hat im Oktober ihre <a href="https://eeas.europa.eu/headquarters/headquarters-homepage/8664/-eu4humanrights_en">#EU4HumanRights</a>-Kampagne in Zentralasien gestartet, die das Bewusstsein für Menschrechte und Freiheit stärken soll. Als Auftaktveranstaltung fand am 27. Oktober in Almaty das Rollenspiel „EU Mini Model 2017“ statt. Mehr als 30 Studenten der Fakultät für Internationale Beziehungen der Kasachischen Nationalen Al-Farabi-Universität und der Deutsch-Kasachischen Universität nahmen daran teil und diskutierten die Bedeutung von Menschenrechten.</p>
<p style="text-align: justify">Die Teilnehmer schlüpften in die Rollen von Diplomaten, die die jeweiligen Mitgliedsstaaten der EU sowie die Republik Kasachstan vertreten. Sie diskutierten die Kooperation in den Bereichen Menschenrechtsschutz mit den Schwerpunkten Sozialschutz, Gesundheitsversorgung, Bildung, Kultur, Sport und <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/zentralasien-2030-tourismusperspektiven/">Tourismus</a>. Die Ziele des Rollenspiels sind die Förderung von Menschenrechten, die Entwicklung von kritischem Denken, öffentlichem Auftreten und Verhandlungsgeschick, das Heranführen an Forschungsmethoden sowie ein erweiterter allgemeiner Blick.</p>
<p style="text-align: justify">Der Leiter der EU-Delegation in Kasachstan, Botschafter <a href="https://eeas.europa.eu/delegations/kazakhstan/1366/about-eu-delegation-kazakhstan_en">Traian Hristea</a>, sagte: „Die EU setzt sich für die Förderung und den Schutz von Menschenrechten ein. Wir beteiligen uns an Menschenrechtsdebatten mit Kasachstan durch verschiedene Plattformen. Eine davon ist das Rollenspiel der Studenten. Wir freuen uns über das exzellente Wissen im Bereich der Menschenrechte und Freiheiten, dass sie heute gezeigt haben.“</p>
<p><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/zentralasien-ferner-nachbar-der-eu/">Zentralasien – ferner Nachbar der EU</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">Die Veranstaltung wurde von der EU-Delegation in Kasachstan in Zusammenarbeit mit dem Europäischen Informationszentrum an der Al-Farabi-Universität organisiert. Neben dem Botschafter waren auch der Erste Prorektor der Nationalen Al-Farabi-Universität, Muchambetkali Burkitbajew, die Geschichtsprofessorin Kuralai Baysakowa und der kasachstanische Menschenrechtsaktivist Evgeniy Zhovtis anwesend.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Gute Beziehungen</strong></p>
<p style="text-align: justify">Kasachstan pflegt gute Beziehungen mit der EU. Es gibt zahlreiche Kooperationsformate, wie den EU-Kasachstan Kooperationsrat oder den Dialog mit zivilgesellschaftlichen Organisationen. Die diplomatischen Beziehungen begannen bereits 1993, eine EU-Delegation in Kasachstan gibt es seit 1994. Seit Mai 2016 gibt es zudem ein Erweitertes <a href="http://zentralasien.ahk.de/news/einzelansicht-nachrichten/artikel/eu-und-kasachstan-unterzeichnen-erweitertes-partnerschafts-und-kooperationsabkommen/?cHash=313381537e86cbbddd52361410f033a8">Partnerschafts– und Kooperationsabkommen mit der EU</a>, das die Handels- und Wirtschaftsbeziehungen mit der EU regelt.</p>
<p style="text-align: justify">Die EU ist der größte Handelspartner für Kasachstan. Fast die Hälfte der kasachischen Exporte gingen 2015 in die EU, vor allem im Bereich Energie. Dank Öl, Gas und Uran trägt Kasachstan erheblich zur Energiesicherheit in der EU bei. Die EU-Mitgliedsstaaten wiederum sind der größte Direktinvestor in Kasachstan; zwischen 2000 und 2014 betrugen die Investitionen rund 100 Milliarden Euro. Auch in der Zentralasienstrategie der EU spielen wirtschaftliche Themen wie Energiesicherheit und nachhaltiges Wachstum eine große Rolle.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Menschenrechtsdialog zwischen EU und Kasachstan</strong></p>
<p style="text-align: justify">Obwohl (energie-)wirtschaftliche Themen klar im Vordergrund der Beziehungen mit Kasachstan stehen, unterstützt die EU zivilgesellschaftliche Organisationen und fördert Menschenrechte, Rechtstaalichkeit und Good Governance. Nach dem Abschluss des Erweiterten Partnerschafts– und Kooperationsabkommens will Kasachstan eine Visaliberalisierung für seine Staatsbürger erreichen. Für die meisten EU-Bürger ist die Einreise nach Kasachstan bereits ohne Visum möglich.</p>
<p><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/mehr-deutsche-touristen-in-kasachstan/">Mehr deutsche Touristen in Kasachstan</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">Bis zum 10. Dezember, dem Tag der Menschenrechte, sollen weitere Veranstaltungen in Kasachstan folgen. Neben der #EU4HumanRights-Kampagne in Sozialen Netzwerken sollen auch bekannte Kasachstaner das Projekt unterstützen. Mitte November findet der jährliche Menschenrechtsdialog zwischen Vertretern der EU und der kasachischen Regierung statt. Dabei soll es um die Beendigung von Menschenrechtsverletzungen, die Unterstützung von Migranten und Menschenrechtsaktivisten sowie die Stärkung von Frauen gehen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p style="text-align: right"><a href="http://daz.asia/blog/author/othmaraglas/"><strong>Othmara Glas</strong></a><br />
<strong>Deutsche Allgemeine Zeitung</strong></p>
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		<title>100 Jahre Oktoberrevolution: Kasachstans Kampf um einen Nationalstaat</title>
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		<dc:creator><![CDATA[daz_almaty]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 07 Nov 2017 09:49:44 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Bolschewismus]]></category>
		<category><![CDATA[Lenin]]></category>
		<category><![CDATA[Nationalstaat]]></category>
		<category><![CDATA[Oktoberrevolution]]></category>
		<category><![CDATA[Stalin]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>2017 j&#xE4;hrt sich die Oktoberrevolution zum 100. Mal. Am 7. November 1917 kam es in Russland zur endg&#xFC;ltigen Macht&#xFC;bernahme durch die Bolschewiki. Die Oktoberrevolution hat aber auch in Kasachstan ihre Spuren hinterlassen. Erst durch sie konnte zum ersten Mal eine Art kasachischer Nationalstaat entstehen. Die 1920er Jahre gelten gar als &#x201E;goldenes Jahrzehnt&#x201C; f&#xFC;r Nationen. Der [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="td-post-content">
<div></div>
<div class="td-post-featured-image" style="text-align: justify"><strong>2017 jährt sich die Oktoberrevolution zum 100. Mal. Am 7. November 1917 kam es in Russland zur endgültigen Machtübernahme durch die Bolschewiki. Die Oktoberrevolution hat aber auch in Kasachstan ihre Spuren hinterlassen. Erst durch sie konnte zum ersten Mal eine Art kasachischer Nationalstaat entstehen. Die 1920er Jahre gelten gar als „goldenes Jahrzehnt“ für Nationen. Der folgende Artikel erschien im Original bei der <a href="http://daz.asia/blog/kasachstans-kampf-um-einen-nationalstaat/">Deutsche Allgemeinen Zeitung</a>, wir übernehmen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.<br />
</strong></div>
<p style="text-align: justify">Als die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Oktoberrevolution">Oktoberrevolution 1917</a> in St. Petersburg ausbrach, war Kasachstan weit weg. Das Gebiet galt als Peripherie im Russischen Reich. Der Historiker <a href="http://unito.academia.edu/MarcoButtino">Marco Buttino</a> schreibt, dass <em>„die Revolution via Telegraph“</em> nach Zentralasien kam. In Kasachstan war die Machtübernahme durch Bolschewiken keineswegs willkommen. Dabei ermöglichte Revolution die Entstehung eines ersten kasachischen Nationalstaates. Selbst nach Gründung der Sowjetunion blieb ein kasachisches Nationalgefühl bestehen.</p>
<p style="text-align: justify">In Zentralasien gewann die Idee von ethnischen Nationalstaaten erst mit der Machtübernahme der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Bolschewiki">Bolschewiken</a> und der Gründung der Sowjetunion 1922 an Bedeutung. Obwohl in der marxistisch-leninistischen Theorie Nationalismus und Nationalstaaten nicht von allzu großer Bedeutung waren, korrelierte die Idee mit der Realität im russischen Reich. Infolge des Zusammenbruchs des Zarenreichs und der Oktoberrevolution erlangten nationale Gebiete wie Armenien, Aserbaidschan, Belarus und die Ukraine die Unabhängigkeit. Sie hätten eine dominante Zentralregierung, ohne die Zugeständnisse von nationalen Rechten, abgelehnt, schlussfolgerte <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Wladimir_Iljitsch_Lenin">Lenin</a>.</p>
<p><strong>Zugeständnisse an Nationen</strong></p>
<p style="text-align: justify">Der Schriftsteller und Historiker <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Isaac_Deutscher">Isaac Deutscher</a> fasst Dilemma der Bolschewiken im Jahr 1917 so zusammen: <em>„Die Leninisten glaubten, dass der Sozialismus die Gleichheit von Nationen braucht; aber sie fühlten auch, dass die Wiedervereinigung der meisten, wenn nicht gar aller zaristischen Herrschaftsgebiete unter der Sowjetischen Fahne im Interesse des Sozialismus liegt.“</em> Obwohl Lenin sich also die Assimilation aller nationalen Gruppen wünschte, sah er die Notwendigkeit, Gleichheit und Souveränität vorzutäuschen, und stimmte der Gründung einer sozialistischen Föderation zu.</p>
<p style="text-align: justify">Die Politik der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Korenisazija">Korenisazija</a>, die die Bolschewiken anschließend verfolgten, hatte zum Ziel, nichtrussische Völker in den neuen Staat einzubinden, indem Minderheiten explizit gefördert wurden. Titularnationen wurden in ihren jeweiligen Republiken in den Bereichen Bildung, Wohnen und Arbeit bevorzugt behandelt. Für Zentralasien bedeutete das die Entstehung von den heutigen nationalen Identitäten. Offiziell, laut Verfassung, hatten die Sowjetrepubliken sogar das Recht auf Unabhängigkeit. De facto hätte aber kein sowjetischer Führer es jemals erlaubt, dass sie dieses Recht nutzen dürfen.</p>
<p><strong>Die Entstehung eines kasachischen Nationalgefühls</strong></p>
<p style="text-align: justify">Während der Zeit des <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Russisches_Kaiserreich">Russischen Kaiserreichs</a> waren zahlreiche Siedler aus Russland nach Zentralasien, insbesondere Kasachstan, gekommen. Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 lebten in Kasachstan mehr als eine Million Siedler aus Russland, darunter Ukrainer, Deutsche und Polen. Als der Zar versuchte, Zentralasiaten für den Militärdienst zu verpflichten, kam es 1916 zu spontanen Revolten und Demonstrationen von Kasachen, Kirgisen und Usbeken. Tausende Siedler wurden umgebracht, bevor die zaristische Armee einschritt, noch mehr Zentralasiaten umbrachte und hunderttausende Kasachen und Kirgisen nach China flohen.</p>
<p style="text-align: justify">Seit Ende des 19. Jahrhunderts hatte sich eine kasachische Elite herausgebildet, die von der russischen Kultur und dem russischen Lebensstil beeinflusst worden war. Diese Elite siedelte sich in Städten an und schickte ihre Kinder zur Ausbildung nach Russland. Nach dem Sturz des Zaren im Februar 1917 forderte eine Gruppe westlich-orientierter Kasachen, die Gründung eines autonomen kasachischen Nationalstaates innerhalb Russlands.</p>
<figure id="attachment_11392" aria-describedby="caption-attachment-11392" style="width: 800px" class="wp-caption alignnone"><img decoding="async" class="size-full wp-image-11392" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/11/45-100-Jahre_Oktoberrevolution_04.jpg" alt="Sozialismus Marx Engels Lenin" width="800" height="479" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/11/45-100-Jahre_Oktoberrevolution_04.jpg 800w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/11/45-100-Jahre_Oktoberrevolution_04-300x180.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/11/45-100-Jahre_Oktoberrevolution_04-768x460.jpg 768w" sizes="(max-width: 800px) 100vw, 800px" /><figcaption id="caption-attachment-11392" class="wp-caption-text">Vordenker des Sozialismus: Karl Marx, Friedrich Engels, Wladimir Iljitsch Lenin.</figcaption></figure>
<p><strong>Ein kasachischer Nationalstaat entsteht</strong></p>
<figure id="attachment_40061" class="wp-caption alignleft" style="text-align: justify">Im Sommer 1917 fand der erste Allkirgisische Muslim-Kongress in <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Orenburg">Orenburg</a> statt. Die Hauptforderungen waren die Erneuerung und Modernisierung des Islams in Mittelasien, das Recht der zentralasiatischen Steppenvölker (Kasachen und Kirgisen) auf das traditionelle Nomadentum und die Rücksiedlung der russischen Siedler. Im Dezember erklärten Vertreter der Baschkiren und der „Alasch“ ihre Autonomie innerhalb Russlands. Orenburg wurde die Hauptstadt der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Alasch_Orda">Alasch-Orda</a>.</figure>
<p style="text-align: justify">Die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Baschkiren">Baschkiren</a> lehnten die Machtübernahme der Bolschewiki durch die Oktoberrevolution ab und damit kam es bald zu Spannungen zwischen der Sowjetregierung und der Alasch-Orda. Immer wieder kam es zu Aufständen gegen die Regierung in Russland. 1919 verloren die Truppen der Alasch-Orda gegen die Rote Armee und 1920 wurde das Gebiet unter der Bezeichnung „Kirgisische Autonome Sozialistische Sowjetrepublik“ Sowjetrussland angeschlossen.</p>
<p><strong>Die Situation der Deutschen in Kasachstan</strong></p>
<p style="text-align: justify">Die Revolutionen des Jahres 1917 hatte die deutsche Bevölkerung in den Steppengebieten <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Turkestan">Turkestans</a> kaum berührt. Doch nach Ausbruch des Bürgerkrieges wurde auch Turkestan zum Schauplatz von Kampfhandlungen. Deutsche kämpften sowohl für die Weißgardisten, also die zarentreuen Truppen, als auch für die Rote Armee. Allerdings beteiligten sich insgesamt nur wenige Deutsche an den Kämpfen.</p>
<p style="text-align: justify">Die Urbanisationsrate der Deutschen lag 1917 gerade einmal um die zehn Prozent. Die meisten deutschstämmigen Siedler waren Bauern und kümmerten sich wenig um Politik. Sie waren nicht in die kasachische Gesellschaft integriert und lebten entsprechend ihrer eigenen Kultur. In den Wirren des Bürgerkrieges wurden ihre Siedlungen sowohl von Weißen als auch Roten angegriffen. Viele verließen ihr Höfe und flohen, meist aber jedoch mit den roten Partisanen. Dementsprechend stellten sich Deutsche eindeutig gegen die Baschkiren. Auch deutsche und <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/kriegsgefangene-in-turkestan-gesprach-mit-dem-historiker-peter-felch-teil-1/">österreichische Kriegsgefangene</a> aus dem Ersten Weltkrieg spielten hierbei eine Rolle.</p>
<p><strong>Ein goldenes Jahrzehnt</strong></p>
<p style="text-align: justify">Die Korenisazija hatte für Kasachen wie Deutsche positive Effekte. Kasachen in der kasachischen Republik wurden gefördert, Deutsche erhielten eigene Schulen und Kulturzentren und ab 1924 auch ihre eigene „Wolgadeutsche Republik“. Die Vertreter der Alasch-Orda behielten bis 1928 die politische Führung in der Region und waren Teil der Kommunistischen Partei Turkestans. Danach begann Josef Stalin mit Säuberungen. Tamara Wolkowa, Professorin für Geschichte an der Deutsch-Kasachischen Universität, spricht von einem <em>„goldenen Jahrzehnt für Minderheiten“</em>.</p>
<p><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/langer-weg-nach-hause-wie-kasachstan-fur-sowjetische-deutsche-ein-zuhause-wurde/">Wie Kasachstan ein neues Zuhause für sowjetische Deutsche wurde</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">Trotz der Korenisazija begann auch die Russifizierung in den nicht-russischen Sowjetrepubliken bereits unter Lenin und fand ihren Höhepunkt mit der <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/stalins-erbe-in-kasachstan/">Machtübernahme Stalins</a>. In den nichtslawischen Gebieten wurde das Narrativ verbreitet, dass es dort vor der sowjetischen Regierung keine Kultur gegeben habe. Stalin legte Nationen zusammen (Slijanije) und begann mit Deportationen aus anderen Teilen der Sowjetunion nach Zentralasien und Sibirien. Auch die Hungersnöte in der Ukraine, Kasachstan und andernorts waren Teil der Politik. Mehr als ein Drittel der kasachischen Bevölkerung, rund 1,5 Millionen Menschen, starben am Holodomor.</p>
<p style="text-align: justify">Mit der Einführung einer neuen Verfassung 1936 wurde Kasachstan schließlich eine eigene Republik innerhalb der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken. Die Folgen der Nationalisierung Kasachstans spiegeln sich noch heute in der gesellschaftlichen Debatte über eine ethnische oder zivile Identität wieder.</p>
<p style="text-align: right"><a href="http://daz.asia/blog/author/othmaraglas/"><strong>Othmara Glas</strong></a><br />
<strong>Deutsche Allgemeine Zeitung</strong></p>
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</div>
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		<title>Leben und Sterben in Batbakkarinsk</title>
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		<dc:creator><![CDATA[daz_almaty]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 23 Mar 2017 15:25:42 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Hungersnot]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die Kollektivierung und die damit verbundene Hungersnot in Kasachstan ist noch heute pr&#xE4;sent. Robert Kindler, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Humboldt-Universit&#xE4;t zu Berlin, widmet dem Thema seine Doktorarbeit, die auch als Buch unter dem Titel &#x201E;Stalins Nomaden. Herrschaft und Hunger in Kasachstan&#x201C; erschienen ist. Sein Artikel erschien zuerst in der Deutschen Allgemeinen Zeitung in Almaty und [&#x2026;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify"><strong>Die Kollektivierung und die damit verbundene Hungersnot in Kasachstan ist noch heute präsent. Robert Kindler, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Humboldt-Universität zu Berlin, widmet dem Thema seine Doktorarbeit, die auch als Buch unter dem Titel „Stalins Nomaden. Herrschaft und Hunger in Kasachstan“ erschienen ist. <a href="http://daz.asia/blog/leben-und-sterben-in-batbakkarinsk/">Sein Artikel </a>erschien zuerst in der Deutschen Allgemeinen Zeitung in Almaty und wird von uns mit freundlicher Genehmigung der Redaktion übernommen. </strong></p>
<p style="text-align: justify">Anfang der 1930er Jahre brach über die Bevölkerung Kasachstans das Unheil herein. Zwangskollektivierung, Kampagnen gegen „Kulaken“ und „Bais“, massenhafte Enteignungen sowie die Sesshaftmachung der nomadischen Bevölkerung lösten eine verheerende Hungersnot aus, der mehr als 1,5 Millionen Menschen zum Opfer fielen. Diese Katastrophe war Teil jener gesamtsowjetischen Hungersnot der Jahre 1932-1933, die neben Kasachstan insbesondere die Ukraine, den Nordkaukasus und das Wolgagebiet traf. Insgesamt kamen in diesen Jahren fünf bis sieben Millionen Menschen ums Leben.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Folgen einer halsbrecherischen Politik</strong></p>
<p style="text-align: justify">Die Verantwortung für diese präzedenzlose Tragödie trugen zweifellos der sowjetische Diktator Joseph Stalin und seine engste Umgebung. Sie waren es, die die rücksichtslose Kollektivierung der Landwirtschaft und die Beschlagnahmung von Getreide und Vieh vorantrieben und auch dann nicht von ihren Forderungen abließen, als die Folgen dieser halsbrecherischen Politik absehbar waren.</p>
<p style="text-align: justify">Sie nahmen die Verelendung und den Hungertod der Bevölkerung in Kauf, weil sie darin einen akzeptablen Preis für die Durchsetzung ihrer Ziele sahen: Die vollständige Kollektivierung der Landwirtschaft, die Vernichtung der „Kulaken als Klasse“ sowie die Finanzierung ihres ehrgeizigen Industrialisierungsprogramms, das den rückständigen sowjetischen Staat in die Moderne katapultieren sollte. Für die Landbevölkerung waren die Folgen dieser zynischen Politik gravierend, und sie veränderten die Strukturen der sowjetischen Landwirtschaft für immer.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/langer-weg-nach-hause-wie-kasachstan-fur-sowjetische-deutsche-ein-zuhause-wurde/">Langer Weg nach Hause – Wie Kasachstan ein Zuhause für sowjetische Deutsche wurde</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">Wie aber entwickelte sich aus der Kollektivierungskampagne die verheerende Hungersnot? Und: Welche Folgen hatte sie für die Bevölkerung? Am Beispiel des Kreises Batbakkarinsk, dem heutigen Kreis Amangel’dinsk im Südosten der Oblast’ Kustanaj, will ich exemplarisch zeigen, wie die kasachischen Halbnomaden ins Verderben gestürzt wurden. Die Vorgänge in Batbakkarinsk waren furchtbar, aber sie waren keineswegs außergewöhnlich. Ähnliches ereignete sich in allen Teilen Kasachstans.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>„Der sowjetische Staat und seine Institutionen waren den Nomaden fremd.“</strong></p>
<p style="text-align: justify">Nach dem Ende des Bürgerkriegs spielte die Sowjetmacht im Leben dieses abgelegenen Kreises keine besondere Rolle. Auf einer Fläche von rund 22.000 Quadratkilometern lebte die rein kasachische Bevölkerung fast ausschließlich von den Erträgen ihrer Viehzucht. Die meisten Kasachen waren Halb– oder Vollnomaden.</p>
<p style="text-align: justify">Wenn sie mit Vertretern des Staates in Verbindung kamen, so waren dies allenfalls punktuelle Kontakte, bei denen es um die Einziehung von Abgaben und Steuern ging. Dass die Bolschewiki den Kommunismus errichten wollten, davon hatten die meisten Bewohner des Kreises Batbakkarinsk niemals gehört und wenn, so hatten sie keine Vorstellung, was sich hinter diesem abstrakten Begriff verbergen mochte. Der sowjetische Staat und seine Institutionen waren den Nomaden fremd.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Stalinsche „Revolution von oben“ und Widerstand der Nomaden</strong></p>
<p style="text-align: justify">Mit der stalinschen „Revolution von oben“ Ende der 1920er Jahre änderte sich die Situation grundlegend. Überall im Lande begannen nun Kampagnen gegen „reiche“ Bauern und Nomaden, die so genannten „Kulaken“ und „Bais“. Beides waren in erster Linie politische Kampfbegriffe, mit denen tatsächliche und vermeintliche Gegner der sowjetischen Ordnung stigmatisiert werden sollten. Vieh und Getreide wurden beschlagnahmt und „Kulaken“ aus ihren Heimatregionen verwiesen oder in die Lager des GULag gesperrt. Doch diese Attacken des Staates auf die Landbevölkerung riefen auch Widerstand hervor. So war es auch in Batbakkarinsk.</p>
<figure id="attachment_8044" aria-describedby="caption-attachment-8044" style="width: 800px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-8044" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/03/10-Leben_und_Sterben_in_Batbakkarinsk_02.jpg" alt="Archivdokumente über die Region Batbak-karinsk aus dem Gosudarstvennyj Archiv Aktjubinskoj oblasti." width="800" height="678" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/03/10-Leben_und_Sterben_in_Batbakkarinsk_02.jpg 800w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/03/10-Leben_und_Sterben_in_Batbakkarinsk_02-300x254.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/03/10-Leben_und_Sterben_in_Batbakkarinsk_02-768x651.jpg 768w" sizes="auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px" /><figcaption id="caption-attachment-8044" class="wp-caption-text">Archivdokumente über die Region Batbak-karinsk aus dem Gosudarstvennyj Archiv Aktjubinskoj oblasti.</figcaption></figure>
<p style="text-align: justify">Als hier Anfang November 1929 eine Reihe bekannter und wohlhabender Nomaden verhaftet und ihr gesamtes Vieh konfisziert wurde, taten sich einige hundert Männer zusammen, überfielen das Kreiszentrum und verhafteten lokale Vertreter des sowjetischen Partei– und Staatsapparates. Einige Kommunisten schlossen sich den Aufständischen an, die große Pläne hatten, aber nur über wenige und veraltete Waffen verfügten. Deshalb fiel es den gut ausgerüsteten sowjetischen Truppen leicht, den Widerstand zu brechen.</p>
<p style="text-align: justify">Aus der Perspektive der sowjetischen Behörden handelte es sich bei den Aufständischen um „Konterrevolutionäre“, die den Herrschaftsanspruch der Sowjetmacht in Frage stellten und zugleich die Besitzverhältnisse vor der Kollektivierung wiederherstellen wollten. Die Reaktion des Staates auf den Aufstand war drakonisch. Mehr als 100 Männer wurden zum Tode verurteilt und weitere 170 erhielten Haftstrafen. Ein Zeitzeuge erinnerte sich Jahrzehnte später, dass viele Beteiligte ohne jeden Prozess in der Steppe erschossen und verscharrt wurden.</p>
<p style="text-align: justify">Der „Aufstand von Batbakkarinsk“ reiht sich ein in eine Vielzahl ähnlicher Episoden in den Jahren 1929-1931, als sich überall in Kasachstan und der gesamten Sowjetunion Bauern und Nomaden verzweifelt gegen den drohenden Verlust ihrer Lebensgrundlagen zur Wehr setzten. Für sich genommen, stellten die meisten dieser lokalen Erhebungen kein Problem für den sowjetischen Staat dar, doch insgesamt bedeutete der massenhafte Widerstand der Landbevölkerung eine ernste Herausforderung.</p>
<p style="text-align: justify">Stalin reagierte darauf im März 1930 in der Parteizeitung „Prawda“ mit seinem berühmten Artikel „Vor Erfolgen von Schwindel befallen“, in dem er den radikalsten Exzessen der Kollektivierungskampagne zeitweise einen Riegel vorschob. Doch lange hielt diese Atempause nicht an. Schon bald ging die Jagd nach Getreide und Fleisch sowie auf „Feinde“ der Kolchosordnung unvermindert weiter.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>„Blutiges Quartal in Batbakkar“</strong></p>
<p style="text-align: justify">Auch in Batbakkarinsk, so hieß es in einem Bericht, waren die Kolchosen unter Zwang entstanden: <em>„Nicht ein Kolchos im Kreis ist freiwillig organisiert worden, nicht ein einziger Viehhalter hat seine Tiere vergesellschaftet und nicht ein einziger kasachischer Viehhirte ist freiwillig in den Kolchos eingetreten.</em>“ Zugleich versuchten die Behörden den Ablieferungsplan für Vieh zu erfüllen.</p>
<p style="text-align: justify">Weil sich aber Ende 1931 abzeichnete, dass dieses Ziel nicht erreicht werden konnte, griff die Kreisführung zu radikalen Maßnahmen. Viele Kasachen wurden nun willkürlich zu den „Ausbeutern“ gezählt, ihnen wurden alle Tiere genommen, und man schloss sie aus den Kolchosen aus. Unter den Bedingungen der Ökonomie der Steppe war dies gleichbedeutend mit dem vollständigen Ruin. Im Volksmund wurden die Monate dieses erbarmungslosen Vorgehens als „blutiges Quartal in Batbakkar“ bezeichnet.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest auch bei Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/stalins-erbe-in-kasachstan/">Stalins Erbe in Kasachstan</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">Zugleich versuchten viele Kasachen ihre Tiere vor dem Zugriff der Kommunisten in Sicherheit zu bringen oder, wenn das nicht möglich war, zu verkaufen oder zu schlachten. Die Schlachtungen nahmen derartige Ausmaße an, dass die Kreisführung grundsätzlich verbot, Tiere zu töten und damit begann, sämtliche Fleischprodukte zu beschlagnahmen. Immer mehr Familien versuchten, der drohenden Katastrophe zu entfliehen. Seit Beginn des Jahres 1932 nahm die Fluchtbewegung in andere Regionen Kasachstans oder in andere Unionsrepubliken immer mehr zu.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Massenhafter Hunger</strong></p>
<p style="text-align: justify">Schon zuvor hatte schwerer Mangel geherrscht, aber 1932 begann im Kreis Batbakkarinsk der massenhafte Hunger. Die Vorräte gingen zur Neige und die Menschen verzehrten, was immer sie finden konnten. Im November 1932 hieß es in einem Bericht der sowjetischen Geheimpolizei OGPU, dass der Kreis Batbakkarinsk neben einigen anderen Kreisen zu den vom Hunger besonders betroffenen Gebiete gehöre, in denen es praktisch kein Vieh mehr gäbe und die Felder nicht bestellt worden seien. Weiter war dort zu lesen:<em> „Die Bevölkerung hungert. Die Kasachen ernähren sich von Wurzeln, die sie in der Steppe sammeln, Zieseln und Mäusen. Die Gebäude der Kreisverwaltung sind mit Hungernden überfüllt, die dort versterben. […] Im Kreis Batbakkarinsk sind insgesamt 8400 Menschen ohne Getreide.“</em></p>
<figure id="attachment_8045" aria-describedby="caption-attachment-8045" style="width: 800px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-8045" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/03/10-Leben_und_Sterben_in_Batbakkarinsk_03.jpg" alt="Archivdokumente über die Region Batbak-karinsk aus dem Gosudarstvennyj Archiv Aktjubinskoj oblasti" width="800" height="1234" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/03/10-Leben_und_Sterben_in_Batbakkarinsk_03.jpg 800w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/03/10-Leben_und_Sterben_in_Batbakkarinsk_03-194x300.jpg 194w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/03/10-Leben_und_Sterben_in_Batbakkarinsk_03-768x1185.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/03/10-Leben_und_Sterben_in_Batbakkarinsk_03-664x1024.jpg 664w" sizes="auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px" /><figcaption id="caption-attachment-8045" class="wp-caption-text">Archivdokumente über die Region Batbak-karinsk aus dem Gosudarstvennyj Archiv Aktjubinskoj oblasti</figcaption></figure>
<p style="text-align: justify">Das Elend der Bevölkerung nahm unvorstellbare Ausmaße an. Tausende Menschen verhungerten, und die Behörden waren nicht in der Lage, die Zahl der Toten zu registrieren. Im Frühjahr 1933 waren in einigen Teilen des Kreises nur noch knapp 25 Prozent der Bevölkerung am Leben.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Kasachische Wirtschaft am Boden</strong></p>
<p style="text-align: justify">Die Hungersnot war nicht nur für die betroffenen Menschen eine Katastrophe, sondern sie war auch ein ökonomisches Desaster. Die einstmals riesigen Viehherden Kasachstans schmolzen in rasantem Tempo zusammen und zerstörten damit die Grundlagen der kasachischen Wirtschaft. Die sowjetische Führung um Stalin war zwar bereit, Millionen von Menschenleben zu opfern, aber den völligen Zusammenbruch der Landwirtschaft konnte sie nicht akzeptieren. Vor allem deshalb wurde bereits im Spätsommer 1932 ein Programm initiiert, mit dem einerseits Lebensmittelhilfen für die Hungernden organisiert wurden und das andererseits die teilweise Verteilung der vergesellschafteten Viehbestände an die Bevölkerung vorsah.</p>
<p style="text-align: justify">Die Hilfe war in vielen Fällen unzureichend, und oft kam sie zu spät. Häufig erreichte sie nicht die Ärmsten, sondern diente der Versorgung von Bürokraten und Bediensteten des sowjetischen Staates. Dennoch: dort, wo verarmte Kasachen ein oder zwei Tiere aus den Kolchosbeständen erhielten, bedeutete dies für viele von ihnen die Rettung vor dem Hungertod. Ein Mann aus Batbakkarinsk erklärte: <em>„Wenn ich eine Milchkuh bekommen würde, wäre ich der glücklichste Mensch, und meine Familie wäre versorgt.“</em></p>
<p style="text-align: justify">Doch für die Menschen, die selbst nichts hatten, war es unsagbar schwer, die Tiere über die Wintermonate zu bringen. Viele schlachteten daher die Kühe, Ziegen oder Schafe, obwohl dies streng verboten war und schwerste Strafen nach sich zog. Ungeachtet solcher Probleme waren es gerade diese an die Familien verteilten Tiere, die das Überleben abertausender Menschen sicherten und zugleich Reste der kasachischen Viehbestände bewahrte. Das sowjetische Kolchossystem hatte sich dafür als unfähig erwiesen.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Hungerflüchtlinge</strong></p>
<p style="text-align: justify">Zu den größten Problemen mit denen die Behörden im Kreis Batbakkarinsk konfrontiert waren, gehörten die kasachischen Hungerflüchtlinge, die so genannten „otkochevniki“. Diese Menschen hatten in der Regel alles verloren. Die meisten unter ihnen besaßen keinerlei Vorräte und viele waren aufgrund des Hungers zu geschwächt, um auf den Kolchosfeldern zu arbeiten. Im Frühherbst 1933 zeigte sich, dass trotz anderslautender Direktiven bislang nur wenig für die Unterstützung der Flüchtlinge getan worden war. Weder waren für sie Häuser in ausreichender Zahl vorhanden, noch gab es Brennmaterial für Öfen und Herde.</p>
<p style="text-align: justify">Zugleich vermutete der Staat selbst unter diesen verelendeten Menschen noch Feinde. In einem Bericht zur Lage der otkochevniki hieß es, dass bei der Verteilung von Nahrungsmitteln an die Flüchtlinge genau darauf zu achten sei, dass keine „sozial fremden Elemente“ und „bösartigen Bais“ Lebensmittelhilfe erhielten. Und ganz grundsätzlich gelte folgendes: <em>„Die Ansicht, dass der Staat die Bevölkerung mit allem notwendigen versorgen müsse, muss man kräftig bekämpfen. Stattdessen muss man die Massen organisieren und mobilisieren, um die inneren Möglichkeiten des Kreises auszuschöpfen, und diese Möglichkeiten gibt es ohne Zweifel.“</em></p>
<p style="text-align: justify">Angesichts der fortdauernden Not der Bevölkerung war dies eine vollkommen zynische Einschätzung der realen Lage, die zugleich offenbarte, das Hilfe von außen in größerem Maße nicht zu erwarten war. Vielmehr sollten, so dekretierten es die Behörden, alle Anstrengungen unternommen werden, um den Ackerbau in der Steppe zu forcieren. Dafür sei es notwendig, Kanäle und Bewässerungsgräben zu graben. Um die Bevölkerung zu dieser anstrengenden Arbeit zu motivieren, sollten Lebensmittelhilfen und Vieh als Belohnung ausgelobt werden.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Opfer einer erbarmungslosen Politik</strong></p>
<p style="text-align: justify">Es lag in der Logik des stalinistischen Regimes, dass nicht die Führer des Staates, sondern Funktionäre vor Ort für die desaströsen Zustände verantwortlich gemacht wurden. Sie waren es, die Direktiven „von oben“ umsetzen mussten und für ihre Nichterfüllung zur Rechenschaft gezogen wurden. Derart unter Druck gesetzt, verloren auch die Verantwortlichen im Kreis Batbakkarinsk jedes Maß. Zugleich nutzten sie ihre scheinbar grenzenlose Macht dazu, sich selbst und ihre Anhänger zu versorgen.</p>
<p style="text-align: justify">Als sich der Wind 1933 zu drehen begann, wurde ihnen ihr Verhalten während der Kollektivierung und der entstehenden Hungersnot zum Verhängnis. Es fehle, so hieß es, an „lebendiger Führung“ der Massen durch die Partei, die örtlichen Apparate seien „durchsetzt“ mit „sozial-fremden Elementen, die bis in die letzte Zeit auf führenden Posten“ gewirkt hätten, und niemand habe die Initiative zur Säuberung der Organisationen ergriffen. Angesichts solcher Vorwürfe war es nur eine Frage der Zeit, dass die meisten der Batbakkarinsker Mächtigen den Parteisäuberungen zum Opfer fielen.</p>
<p style="text-align: justify">Als die Hungersnot endete, war der Kreis Batbakkarinsk, ebenso wie alle anderen Regionen Kasachstans auch, wirtschaftlich am Ende. Von den Viehherden der Nomaden hatten nur kleine Bestände überlebt, die Landwirtschaft lag weitgehend brach und andere Wirtschaftszweige, etwa der Fischfang oder die Jagd auf wilde Steppentiere waren kaum entwickelt. Die Bevölkerung lebte in Armut und hatte kaum das Nötigste zum Überleben.</p>
<p style="text-align: justify">Es sollte Jahrzehnte dauern, bis sich Gesellschaft und Landwirtschaft von den Exzessen der Kollektivierung und den Verlusten der Hungersnot erholt hatten. Verantwortlich für diese Verelendung war die gewaltsame Politik des sowjetischen Staates gegenüber der Bevölkerung der Steppe. Die Menschen waren zu Opfern einer erbarmungslosen Politik geworden, für die der Einzelne keine Bedeutung hatte.</p>
<p style="text-align: right"><strong>Robert Kindler<br />
<a href="http://www.his-online.de/verlag/9010/programm/detailseite/publikationen/stalins-nomaden/?sms_his_publikationen%5BbackPID%5D=1252&amp;cHash=7771bcb967f5d214b6a1e281ddf1e5a7">Herrschaft und Hunger in Kasachstan</a>, erschienen März 2014</strong><br />
<strong><a href="http://daz.asia/blog/leben-und-sterben-in-batbakkarinsk/">Deutsche Allgemeine Zeitung in Almaty</a></strong></p>
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		<title>Aus den Augen, aus dem Sinn</title>
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		<dc:creator><![CDATA[daz_almaty]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 21 Mar 2017 13:00:08 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Tadschikistan]]></category>
		<category><![CDATA[Bildung]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Korruption]]></category>
		<category><![CDATA[Migration]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>&#x201E;Ich will weg&#x201C;, beantwortet Asisa die Frage, was sie nach ihrem Schulabschluss machen m&#xF6;chte. Die tadschikische Sch&#xFC;lerin wei&#xDF; noch nicht, ob oder was sie nach der Schule studiert, sie ist sich aber sicher, sie will nicht in Tadschikistan bleiben. Warum wird das Verlassen des Landes bei den jungen Leuten zu einem Lebensziel? Alin Kor hat [&#x2026;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify"><em><strong>„Ich will weg“, beantwortet Asisa die Frage, was sie nach ihrem Schulabschluss machen möchte. Die tadschikische Schülerin weiß noch nicht, ob oder was sie nach der Schule studiert, sie ist sich aber sicher, sie will nicht in Tadschikistan bleiben. Warum wird das Verlassen des Landes bei den jungen Leuten zu einem Lebensziel? <a href="http://daz.asia/blog/aus-den-augen-aus-dem-sinn/">Alin Kor hat für die Deutsche Allgemeine Zeitung</a> vier Personen dazu befragt. Wir übernehmen den Artikel mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.</strong></em></p>
<p style="text-align: justify">Asisa besucht die 8. Klasse einer staatlichen Mittelschule in Duschanbe, der Hauptstadt von Tadschikistan. Mit ihren Mitschülern kommt sie nicht klar: <em>„Sie wollen alle nur heiraten.“</em> Die Lehrkräfte scheinen bei Asisas Berufswahl nicht hilfreich oder überhaupt nicht daran interessiert zu sein. Die Eltern wollen ihre Töchter nach der Schule glücklich verheiratet sehen. Asizas verheiratete Schwester empfiehlt ihr, etwas zu studieren, womit sie später in einer internationalen Firma in der Hauptstadt arbeiten kann.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest mehr auf Novastan:<a href="https://novastan.org/de/tadschikistan/25-jahre-unabhngigkeit-tadschikistans-komplizierte-geschichte/"> 25 Jahre Unabhängigkeit: Tadschikistans komplizierte Geschichte<br />
</a></strong><br />
<em>„Aber ich will nur weg“,</em> erzählt die 14-Jährige. Niedrige Löhne, Wohnungsnot, Wehrpflicht und Mangel an Möglichkeiten, ein eigenes Geschäft oder Unternehmen zu gründen sind die Hauptgründe der Jugendmigration laut dem Bericht der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) <a href="http://staging.ilo.org/public/libdoc/ilo/2010/455257.pdf">„Migration and Development in Tajikistan – Emigration, Return and Diaspora“</a> von 2010.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Von Plattenbau zu Bauhaus</strong></p>
<p style="text-align: justify">Nigora ist 28 und lebt seit eineinhalb Jahren in Weimar. Sechs Jahre lang hat Nigora Architektur an der Technischen Universität in Duschanbe studiert. Nach dem Studium arbeitete die junge Architektin für ein staatliches Projektierungsbüro. Während ihrer zweieinhalbjährigen Tätigkeit beendete sie 23 Bauprojekte mit einem monatlichen Lohn in Höhe von ca. 120 Euro.</p>
<p style="text-align: justify">„<em>Es gibt keine Zukunft für mich in Tadschikistan als Frau und Architektin – in diesem Bereich herrscht volles Patriarchat. Des Weiteren gibt es keine Entwicklung von Spezialisten – der Markt und der Kunde diktieren den Architekten, was sie machen sollen. Es gibt keine Unterstützung von Kreativität und Entwicklung der modernen Architektur.“</em> Nigora ist mit der <em>„strengen zentralisierten Kontrolle und dem Druck auf den eigenen Stil der Architektur“</em> unzufrieden. „<em>Das Wichtigste ist natürlich eine (bisher fehlende) Basis-Schule, in der man eigene Fähigkeiten schaffen und entwickeln kann.“</em></p>
<p style="text-align: justify">Nicht als Letztes spielt auch die Geldfrage eine Rolle: „<em>Ich kann als Architektin verdienen, aber nur, wenn ich die sowjetischen Plattenbauten umsetze, wie der Kunde will.“</em> Das alles hat Nigora den Weg erleichtert, ihr Zuhause zu verlassen. Heute studiert sie Europäische Urbanistik an der Bauhaus-Universität in Weimar.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Jovid lebt seinen Pilottraum im Ausland.</strong></p>
<p style="text-align: justify">Jovid gelang es im Gegenteil schwer, seine Heimat zu verlassen. Der ausgebildete Pilot vom Kyrgyz Aviation College arbeitete vier Jahre lang für eine tadschikische Fluggesellschaft in Duschanbe. „<em>Das war damals schon schwer, in die Fluggesellschaft reinzukommen. Ich hatte keine Beziehungen zu irgendeinem der Mitarbeiter. Alles, was ich hatte, waren sehr gute Noten in meinem Diplom und eine Hoffnung, dass alles, was ich gelernt habe, irgendwo gebraucht wird.“</em></p>
<p style="text-align: justify">Der damalige Flugdirektor prüfte und testete Jovid, worauf er mit 22 Jahren einen Job als Pilot erhält. Drei Jahre später – eine Zeit voller Schwierigkeiten, Konflikte, Demütigungen und Erniedrigungen, kündigt er.<em> „Ich konnte nicht mehr.“</em> Er bewirbt sich bei internationalen Fluggesellschaften und bekommt schnell eine Stelle bei der nationalen Fluggesellschaft eines anderen Landes. „<em>Es ist nicht gut, wenn dein Schicksal von gierigen und habsüchtigen Chefs abhängt. Wenn du kein „extra“ Einkommen hast, ist jedem egal, was du alles kannst. Niemand braucht dich.“</em> Der 27-Jährige Pilot wohnt heute mit seiner Familie in Maskat (Oman). „<em>Wegen einigen inkompetenten Menschen muss ich heute weit weg von meiner Heimat leben.“<br />
</em><br />
<strong>Brain-Drain in Tadschikistan</strong></p>
<p style="text-align: justify"><a href="http://staging.ilo.org/public/libdoc/ilo/2010/455257.pdf">Laut dem Bericht der ILO </a>nehmen tadschikische Hochschulabsolventen und Graduierte im Brain-drain-Prozess am aktivsten teil (Brain-drain ist ein Begriff, der die Auswanderung hochqualifizierter Fachkräfte ins Ausland bezeichnet, Anm. d. Red.). Dazu zählen auch die besten Graduierten, die mit den Chancen auf dem Arbeitsmarkt in Tadschikistan unzufrieden sind, sowie auch die, die keinen entsprechenden Job in ihrem beruflichen Bereich finden konnten.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Lest mehr auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/tadschikistan/die-tadschiken-aussatzige-in-russland/">Die Tadschiken &#8211; Aussätzige in Russland</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">46% aller tadschikischen Migranten sind laut der <a href="http://www.iom.tj/pubs/Impact%20of%20remittances%20in%20Khatlon%20by%20Mughal.pdf">Internationalen Organisation für Migration IMO </a>unter 30. Nur knapp ein Viertel von ihnen (22.3%) hat einen universitären Abschluss, drei Viertel (76.2%) haben einen Schulabschluss</p>
<p style="text-align: justify">Dilbar aus Duschanbe ist Mutter von drei Kindern, und alle drei sind im Ausland. Die Tochter studiert in Kasan (Russland), ein Sohn arbeitet in Toronto (Kanada), und der jüngste Sohn macht sein Bachelorstudium in Deutschland. <em>„In einem Land, in dem Korruption im Bildungs– und Gesundheitswesen den zweiten und dritten Platz abwechselnd teilen, habe ich keine Zukunft für meine Kinder gesehen,“</em> erzählt die Mutter enttäuscht. „<em>Ich gab ihnen meinen Segen, das Land zu verlassen, um ihnen damit eine bessere Zukunft zu ermöglichen zur Erreichung ihrer Lebensziele.“</em></p>
<p style="text-align: right"><strong>Alin Kor</strong><br />
<strong><a href="http://daz.asia/blog/aus-den-augen-aus-dem-sinn/">Deutsche Allgemeine Zeitung,</a> Almaty</strong></p>
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		<title>Nicht nur ein Stück vom Kuchen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[daz_almaty]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 17 Mar 2017 08:09:56 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Frauenrechte]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Am 8. M&#xE4;rz war Internationaler Frauentag. Dieser Tag bedeutet f&#xFC;r viele Blumen, Shopping und Geschenke, doch ein paar Frauen wollen mehr. In zahlreichen St&#xE4;dten demonstrieren Frauen f&#xFC;r ihre Rechte. Journalistin Diana K&#xF6;hler von der Deutschen Allgemeinen Zeitung in Almaty begleitet den ersten Woman&#x2019;s March in Kasachstan. Wir &#xFC;bernehmen den Artikel mit freundlicher Genehmigung der Redaktion. [&#x2026;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify"><strong>Am 8. März war Internationaler Frauentag. Dieser Tag bedeutet für viele Blumen, Shopping und Geschenke, doch ein paar Frauen wollen mehr. In zahlreichen Städten demonstrieren Frauen für ihre Rechte. Journalistin Diana Köhler von der <a href="http://daz.asia/blog/nicht-nur-ein-stueck-vom-kuchen/">Deutschen Allgemeinen Zeitung in Almaty </a>begleitet den ersten Woman’s March in Kasachstan. Wir übernehmen den Artikel mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.<br />
</strong><br />
Das Streichquartett spielt die Kleine Nachtmusik von Mozart. Etwas schief, manchmal gleitet eine Hand ab, manchmal sitzt der Bogen nicht richtig auf der Saite, manchmal kommt eine von den Musikerinnen aus dem Takt. Den Zuschauerinnen und Zuschauern ist das egal, sie klatschen trotzdem Beifall.</p>
<p><strong>Lest mehr auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/16-frauenportraets-aus-osch-kirgistan/">16 Frauenporträts aus dem kirgisischen Osch</a></strong></p>
<p>Vor der Gruppe liegt ein Geigenkoffer voll mit Geldscheinen. Ein Mann geht vorbei, über seinem Kopf schweben zwanzig Heliumballons, sicher an seinem Handgelenk verknotet. Alle rot, in Herzform, mit der Aufschrift „I love you”. Vielleicht hat er zwanzig Geliebte oder zwanzig Töchter. Wahrscheinlich aber will er sie verkaufen, es ist der 8. März.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Erste Frauendemonstartion<br />
</strong><br />
Im Arbat, der bekannten Fußgängerzone in Almaty, trägt fast jede Frau Blumen mit sich herum. Heute bekommt sie lauter schöne Dinge. Gelbe Tulpen, Luftballons, vielleicht auch Kuchen. Heute muss jede Frau schön sein. Doch es gibt Frauen, die an diesem Tag etwas anderes vorhaben, als sich beschenken zu lassen und Kuchen zu essen. An der Straßenecke hat sich eine kleine Gruppe versammelt. Es sind Frauen verschiedenen Alters mit Plakaten in den Händen. Sie wollen heute Demonstrieren.</p>
<figure id="attachment_8029" aria-describedby="caption-attachment-8029" style="width: 1000px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-8029" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/03/11-Nicht_nur_ein_Stück_vom_Kuchen_02.jpg" alt="&quot;Ich möchte keine Angst vor Männern haben&quot;" width="1000" height="850" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/03/11-Nicht_nur_ein_Stück_vom_Kuchen_02.jpg 1000w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/03/11-Nicht_nur_ein_Stück_vom_Kuchen_02-300x255.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/03/11-Nicht_nur_ein_Stück_vom_Kuchen_02-768x653.jpg 768w" sizes="auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px" /><figcaption id="caption-attachment-8029" class="wp-caption-text">&#8222;Ich möchte keine Angst vor Männern haben&#8220;</figcaption></figure>
<p style="text-align: justify">Eine der Initiatorinnen erklärt:<em> „Heute ist ein historisch sehr wichtiger Tag. Frauen haben in diesem Land schon lange nicht mehr demonstriert. Wir wollen mit unserem Protest daran erinnern, dass es am 8.März nicht um Weiblichkeit oder die schwache Seite von Frauen geht. Es geht darum, dass Frauen Rechte haben.&#8220;<br />
</em><br />
<strong>Lest mehr auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/tadschikistan/schweizer-kse-und-der-kampf-tadschikischer-frauen-gegen-russlands-krise/">Schweizer Käse und der Kampf tadschikischer Frauen gegen Russlands Krise<br />
</a></strong><em><br />
&#8222;Ehefrau oder Mutter zu sein, zu kochen und gut auszusehen ist nicht alles, was sie sein kann. Frauen verdienen es, in der Nacht keine Angst haben zu müssen, nicht als Objekt gesehen zu werden und gleich viel zu verdienen wie Männer. Deswegen bin ich hier!”.</em></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Internationale Solidarität<br />
</strong><br />
Organisiert wurde die Aktion von der feministischen Gruppe Kazfem. Sie schließen sich damit einer weltweiten Bewegung an. Von Brasilien bis Polen, überall auf der Welt gehen Frauen am 8. März für ihre Rechte auf die Straße. Wenn möglich sollen sie an diesem Tag aus Protest nicht arbeiten oder aus Solidarität schwarz tragen.</p>
<figure id="attachment_8030" aria-describedby="caption-attachment-8030" style="width: 1000px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-8030" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/03/11-Der_Frauenmarsch.jpg" alt="Der Frauenmarsch zieht durch die Straßen Almatys" width="1000" height="663" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/03/11-Der_Frauenmarsch.jpg 1000w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/03/11-Der_Frauenmarsch-300x199.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/03/11-Der_Frauenmarsch-768x509.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/03/11-Der_Frauenmarsch-128x86.jpg 128w" sizes="auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px" /><figcaption id="caption-attachment-8030" class="wp-caption-text">Der Frauenmarsch zieht durch die Straßen Almatys</figcaption></figure>
<p style="text-align: justify">Vor einem Jahr haben Zhanar Sekerbayeva und Gulzada Serzhan die Gruppe Feminita gegründet. Sie wollen auf ihrer Website und mit ihrem Podcast über frauenpolitische Themen informieren. Auch sie nehmen an der Protestaktion teil. Sekerbajewa ist Sozialwissenschaftlerin und erforscht das Phänomen des weiblichen Bodybuildings, auch Bikinifitness genannt. Sie sieht die Sportart als eine Möglichkeit für Frauen sich von Geschlechterklischees abzugrenzen.</p>
<p><strong>Lest mehr auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kirgistan/kirgistan-40-starke-frauen-in-portrats/">Kirgistan &#8211; 40 starke Frauen im Porträt</a></strong></p>
<p style="text-align: justify">Im Arbat setzt sich die Gruppe in Bewegung. Fußgängerinnen und Fußgänger schauen verwundert, manche machen Fotos. Auf viel Verständnis scheinen die Frauen nicht zu stoßen. Das Streichquartett spielt jetzt „Die vier Jahreszeiten von Vivaldi“. Die Frauen singen das Lied „Brot und Rosen: ”<em>Wenn wir zusammen gehen kommt mit uns ein besserer Tag, die Frauen, die sich wehren, wehren aller Menschen Plag, zu Ende sei, dass kleine Leute schuften für die Großen, her mit dem ganzen Leben.&#8220;</em></p>
<p style="text-align: right"><em><br />
</em><strong><a href="http://daz.asia/blog/author/dianakoehler/">Diana Köhler<br />
</a> <a href="http://daz.asia/blog/nicht-nur-ein-stueck-vom-kuchen/">Deutsche Allgemeine Zeitung Almaty</a></strong></p>
<p>The post <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/nicht-nur-ein-stuck-vom-kuchen/">Nicht nur ein Stück vom Kuchen</a> appeared first on <a href="https://novastan.org/de">Novastan Deutsch</a>.</p>
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		<title>Kasachstan &#8211; zwischen zwei Großmächten</title>
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		<dc:creator><![CDATA[daz_almaty]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 21 Feb 2017 15:54:09 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Astana]]></category>
		<category><![CDATA[Deutschland]]></category>
		<category><![CDATA[Internationale Beziehungen]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Der deutsche Botschafter in Kasachstan, Rolf Mafael, spricht mit der Deutschen Allgemeinen &#xA0;Zeitung in Almaty &#xFC;ber seine bisherigen Erfahrungen als Botschafter in S&#xFC;dkorea und jetzt in Kasachstan, &#xFC;ber die Chancen Kasachstans als Drehscheibe zwischen Asien und Europa, kasachstandeutsche Migrationsbande, und die bilateralen kasachisch-deutschen Beziehungen. Novastan ver&#xF6;ffentlicht das Interview mit freundlicher Genehmigung der Redaktion. Herr Mafael, [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>Der deutsche Botschafter in Kasachstan, Rolf Mafael, spricht mit der <a href="http://daz.asia/blog/gemeinsam-unsere-zukunft-gestalten-bildung-in-deutschland-und-kasachstan/">Deutschen Allgemeinen  Zeitung </a>in Almaty über seine bisherigen Erfahrungen als Botschafter in Südkorea und jetzt in Kasachstan, über die Chancen Kasachstans als Drehscheibe zwischen Asien und Europa, kasachstandeutsche Migrationsbande, und die bilateralen kasachisch-deutschen Beziehungen. </strong></p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Novastan veröffentlicht das Interview mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.</strong></p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Herr Mafael, haben Sie sich bereits eingelebt in Astana? Wie waren die ersten Monate in Kasachstan?<br />
</strong>Meine Frau und ich sind Mitte letzten Jahres hierhergekommen und haben einen wunderbaren Sommer erlebt. Im September und Oktober konnten wir sowohl Astana, als auch etwas Almaty, Kustanai und Karaganda kennenlernen und von daher einen ersten und auch sehr positiven Eindruck vom Land gewinnen. Astana ist eine sehr attraktive Stadt geworden, die gut organisiert und lebenswert ist und wo ich mir vorstellen kann, dass es uns dort die nächsten Jahre gut geht.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Hilft Ihre Erfahrung in Südkorea auch in Zentralasien, oder ist es hier ein anderes Terrain?</strong><br />
Die Tatsache, dass ich zuvor als Botschafter für vier Jahre in Südkorea war, ist letztlich sehr hilfreich für meine Tätigkeit in Kasachstan. Schließlich liegt Astana auf halber Strecke zwischen Seoul und Berlin – und so fühle ich mich dann auch. Es gibt sehr viele Parallelen zwischen der wirtschaftlichen Entwicklung in Südkorea seit den 60er Jahren und der Entwicklung in Kasachstan seit der Unabhängigkeit. Insbesondere was den rasanten wirtschaftlichen Aufstieg Kasachstans in diesem Jahrtausend angeht. Es gibt auch viele Parallelen bei den Menschen. Die Koreaner sind extrem wissensbegierig und lernfreudig, und genau diesen Eindruck habe ich auch hier in Kasachstan. Korea und Kasachstan sind Länder, die geografisch zwischen großen Mächten gelegen sind. Im Falle von Südkorea sind es China, Japan, Russland. Hier sind es China und Russland.</p>
<p style="text-align: justify;">Von daher besteht die Notwendigkeit, ein eigenes Profil zu haben, international Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und eigenes Gewicht zu entwickeln. Und beide Länder sind sehr erfolgreich in diesem Bemühen um internationale Anerkennung. Das sieht man bei Kasachstan u.a. auch bei der erstmaligen Wahl zum nichtständigen Mitglied des UN-Sicherheitsrates. Auch die Methoden sind ähnlich – wir haben im Sommer die EXPO in Astana. Die letzte thematische EXPO war 2012 in Yeosu in Südkorea und als ich dort meinen Dienst antrat, ging meine erste Reise zur EXPO, so wie jetzt mein erster Gesprächstermin EXPO Kommissar Jessimov galt.</p>
<p style="text-align: justify;">Eine meiner letzten Großveranstaltungen in Südkorea war die Sommeruniversiade 2015 in Gwangju und soeben fand die Winteruniversiade 2017 hier in Almaty statt. Es gibt auch eine dritte Parallele. Aus Korea sind über 20.000 Koreaner in den 60er Jahren nach Deutschland gegangen, um dort zu arbeiten. Und viele von ihnen kamen oder kommen nun zurück, so dass eine menschliche Brücke besteht, wie wir es hier in viel größerem Umfang mit den Kasachstandeutschen haben.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/die-kleine-winterolympiade/">Die kleine Winterolympiade</a></strong></p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Aus Ihrem Lebenslauf ist nicht zu entnehmen, dass sie bereits im postsowjetischen Raum aktiv waren. Ist diese Distanz vielleicht von Vorteil in ihrer Position in Kasachstan?</strong><br />
Für mich selbst ist es in außenpolitischer Hinsicht so, dass die Befassung mit den Themen, die auch hier aktuell sind, mir über einen langen Zeitraum vertraut ist. Ich habe 2007 mitgearbeitet an der EU-Zentralasienstrategie. Das war eine deutsche Initiative und von Deutschland lanciert. Zentralasien war immer in der Aufmerksamkeit der deutschen Außenpolitik, deshalb habe ich das schon länger verfolgt. Insgesamt sind mir die außenpolitischen Fragestellungen hier vertraut. Manche Gesprächspartner sagen mir in der Tat, dass ein neuer Blick neue Schlussfolgerungen bringt. Allerdings werde ich für die Innen– und Gesellschaftspolitik natürlich deutlich mehr Zeit brauchen, um zu verstehen, wie dieses Land wirklich funktioniert.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Im Rückblick auf die EU-Zentralasienstrategie von 2007 – wie haben sich die Ziele von damals in zehn Jahren umsetzen lassen?</strong><br />
Die Schwerpunkte der Strategie waren und sind richtig gewählt: Rechtsstaatsförderung; Fragen des Umweltschutzes und der Wasserwirtschaft, Bildung und Sicherheit (Grenzmanagement, Bekämpfung von Drogenhandel). Auch der Ansatz, nicht nur bilateral mit den einzelnen Ländern zusammenzuarbeiten, sondern auch die regionale Zusammenarbeit zu fördern war eine richtige Entscheidung. Natürlich hatten wir uns erhofft, dass sich die Zusammenarbeit untereinander in der Region dynamischer entwickeln würde, als es in den letzten zehn Jahren der Fall war.</p>
<p style="text-align: justify;">Aber wir haben Hoffnungen, dass, gerade mit dem Wandel in Usbekistan hier neue Impulse kommen werden. Auch Kasachstan hat in den Vorbereitungen für seine Mitgliedschaft im UN-Sicherheitsrat einen Schwerpunkt darauf gelegt, die anderen zentralasiatischen Staaten einzubeziehen und Zentralasien als Region und als politisches Thema stärker in den Mittelpunkt der Vereinten Nationen und des Sicherheitsrates zu stellen. Insofern hoffe ich auf eine positivere Dynamik in der näheren Zukunft.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Wie schätzen Sie die Rolle Kasachstans im Beziehungsgeflecht Europa-Asien ein? In welche Richtung wird sich das Land in Zukunft stärker orientieren?</strong><br />
Kasachstan ist aufgrund der privilegierten Lage zwischen Europa und Asien ein wichtiger Partner in den Bereichen Logistik und Kommunikation zwischen Ostasien und Europa. Und ich bin überzeugt, dass die Seidenstraßen-Initiative für Kasachstan tatsächlich eine große Chance bei der Weiterentwicklung des Landes bietet. Ein infrastruktureller Ausbau entlang der Route kann dazu beitragen, mehr als nur ein Transportkorridor zu sein. Entlang dieser Strecke können Dienstleistungen und auch Industrien ausgebaut werden. Es besteht demnach die Chance für Kasachstan, neben einem Transitland eine wirtschaftliche Drehscheibe zu werden zwischen Ost und West, und im Hinblick auf Russland und Iran, auch zwischen Nord und Süd.</p>
<p style="text-align: justify;">Wenn man Zentralasien als Ganzes sieht, so gilt das sicher für die gesamte Region, aber Kasachstan hat einen Vorsprung, was Infrastruktur angeht und bietet vergleichsweise sehr gute Bedingungen für größere Investitionen. Man ist WTO-Mitglied geworden und strebt den OECD-Beitritt an – das heißt die wirtschaftspolitische Richtung des Landes ist für Investoren klar. Und das schafft eine optimistische Stimmung, was das Potenzial des Landes zwischen Europa und Asien angeht.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Welche Industrien schweben Ihnen da vor?</strong><br />
Die offensichtlichen Bereiche sind natürlich die Bereiche, die mit Rohstoffen zusammenhängen. Das ist schließlich die große Frage, ob es Kasachstan gelingt, neben der Rohstoffförderung auch die Veredelung dieser im eigenen Land durchzuführen. Das würde eine sehr viel größere Wertschöpfung ermöglichen. Ein zweiter Bereich, der mir auffiel, ist das große Potential im Bereich der Landwirtschaft. Kasachstans Norden kann dabei zum Brotkorb der großen Region werden. Auch China ist ein großer Markt. Gerade eine dynamische Entwicklung der Landwirtschaft kann die Chance ermöglichen, dass die Wertschöpfung und der Wohlstand nicht auf wenige Zentren beschränkt bleiben, sondern, dass die Bevölkerung auch auf dem Lande am wirtschaftlichen Aufschwung partizipieren kann. Interessanterweise sind auch viele Kasachstandeutsche in diesem Bereich aktiv und ich würde mir in den Bereichen Rohstoffe und Landwirtschaft eine deutliche Intensivierung der deutsch-kasachischen Zusammenarbeit wünschen.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Im Januar und Februar fanden die Syrien-Friedensgespräche in Astana statt. Wie ist Ihre Bilanz dazu?</strong><br />
Wir hoffen, dass es durch diese Gespräche gelungen ist, einen Waffenstillstand länger abzusichern und damit die Voraussetzungen für eine friedliche Lösung des Syrienkonflikts zu schaffen. Wir erhoffen uns die Absicherung einer Feuerpause und damit einen Beitrag zu den Genfer Syrien-Gesprächen unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen. Es ist aus unserer Sicht zentral, dass hier nicht eine zweite Verhandlungsschiene eröffnet wird, sondern, dass die Gespräche in Astana zum UN-Prozess beitragen.</p>
<p>Ich möchte auch darauf hinweisen, dass Astana und Kasachstan in den letzten Jahren nicht so häufig in der internationalen Presselandschaft vertreten waren wie im Zusammenhang mit den Syriengesprächen. Das war eine besonders gelungene medialen Eröffnung des EXPO-Jahres für Astana. Die internationale Gesellschaft ist für Kasachstan bereits zu Jahresbeginn sensibilisiert. Das ist ein gelungener Nährboden für eine sich weiter intensivierende Werbekampagne für die Weltausstellung.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Lest auch auf Novastan: <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/franzoesischer-fotograf-zeigt-ein-noch-futuristischeres-astana/">Französischer Fotograf zeigt ein noch futuristischeres Astana</a></strong></p>
<p style="text-align: justify;"><strong>„Terroristen aus Zentralasien“ war eins der Themen, mit denen die Region zuletzt wieder in Schlagzeilen geriet. Wie betrifft es Kasachstan?</strong><br />
Dies ist heute eine globale Herausforderung, der sich Deutschland genauso gegenübersieht wie Kasachstan und wo auch beide Länder zusammenarbeiten. Die Tatsache, dass es auch mehrere Hundert sogenannter „foreign fighter“ in den Reihen des IS gibt, lässt nicht ausschließen, dass diese ein Sicherheitsrisiko darstellen. Man muss sich also mit der Frage beschäftigen, was passiert, wenn foreign fighters in das Ursprungsland zurückkommen, sei es nun Deutschland oder Kasachstan. Insofern ist es sehr wichtig, dass die Regierung dies sorgfältig beobachtet und zu verhindern versucht, dass aus diesen Rückkehrern ein Gefahrenpotential hervorgeht. Ein Teil der Erfolgsgeschichte Kasachstans ist die Tatsache, dass es als ein multiethnisches und multireligiöses Land ein säkularer Staat ist. Das Grundprinzip des säkularen Staates ist auch für die Zukunft ein wichtiges Element der kasachstanischen Identität und der Fortsetzung des Erfolges. Es ist insofern sehr begrüßenswert, dass auch die Regierung auf den Fortbestand des säkularen Staates großen Wert legt.</p>
<figure id="attachment_7702" aria-describedby="caption-attachment-7702" style="width: 300px" class="wp-caption alignleft"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-medium wp-image-7702" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/02/08-Zwischen-zwei-Grossmaechten-02-300x263-300x263.jpg" alt="Astana EXPO Deutschland Pavillon" width="300" height="263" /><figcaption id="caption-attachment-7702" class="wp-caption-text">Achmedschan Jesimow (EXPO-Leitung) übergibt den deutschen Pavillon an Botschafter Mafael. Bild: Astana EXPO-2017</figcaption></figure>
<p style="text-align: justify;"><strong>Man feiert 2017 das 25-jährige Jubiläum kasachisch-deutscher diplomatischer Beziehungen. Wo liegen die strategischen Hauptinteressen Deutschlands in Kasachstan?</strong><br />
Das Jubiläum und die EXPO sind die Hauptthemen für die bilateralen Beziehungen dieses Jahres. Die Botschaft veranstaltete am Jahrestag, dem 11. Februar 2017, zusammen mit dem Akimat ein Jubiläumskonzert. Wir hoffen, dass es uns gelingt, weitere kulturelle Veranstaltungen im Laufe des Jahres durchzuführen, auch außerhalb der Hauptstadt. Beispielsweise planen wir die „Winterreise“ von Schubert, die bereits zu Weihnachten in Astana gespielt wurde, auch in Pawlodar und Karaganda aufzuführen.</p>
<p style="text-align: justify;">Im März werden die &#8222;Wiedergeburt&#8220; (Assoziation der Kasachstandeutschen, Anm. d. Red.) und die Botschaft zusammen eine bilaterale Bildungskonferenz in Astana veranstalten, die sich mit aktuellen Herausforderungen des Schul– und Hochschulbildung in unseren beiden Ländern auseinandersetzt und das Potential der Zusammenarbeit ausloten soll. Zum Nationentag am 12. Juli erwartet der deutsche Pavillon zahlreiche Besucher aus Deutschland. In dessen Rahmenprogramm bietet der Nationentag ein deutsches Kulturprogramm. Ich kann bereits sagen, dass das Konzept des deutschen Pavillons sehr vielversprechend ist und sich alle Besucher auf ein hochspannendes und interaktives Gesamtprogramm zu dem Thema erneuerbare Energien und Energiewende in Deutschland freuen können.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Stichwort Energiewende. Kasachstan setzt auf atomare Energie und sieht diese auch als „grüne“ Energie. Es bietet eine Uran-Bank mit schwach-angereichertem Uran, Endlagerstätten in der Steppe und positioniert sich gleichzeitig als globaler Akteur bei nuklearen Abrüstungsbemühungen. Wie passt es für Sie zusammen?</strong><br />
Diese außen– und sicherheitspolitische Entscheidung des Präsidenten, auf nukleare Waffen zu verzichten, und sich für die nukleare Abrüstung weltweit einzusetzen, ist ein zentraler Faktor für die gute außenpolitische Entwicklung des Landes. Mit diesen Bemühungen leistet Kasachstan einen Beitrag zur regionalen und weltweiten Stabilität. Das Engagement für die nukleare Abrüstung, was wir aus deutscher Sicht sehr begrüßen, wird durch Initiativen wie die Einrichtung der Uranium-Bank unterstützt. Vor einiger Zeit konnten wir bei den Iran-Verhandlungen sehen, dass Kasachstan hier einen wichtigen Beitrag leisten kann. Der Kompromiss, der dem Atomwaffensperrvertrag zugrunde liegt, sieht im Übrigen vor, dass die Mitgliedsstaaten auf der einen Seite auf Atomwaffen verzichten, auf der anderen Seite aber die Nutzung der Atomenergie zu friedlichen Zwecken gefördert werden soll. Allerdings habe ich nicht den Eindruck, dass für Kasachstan ein Ausbau der Nutzung von Atomenergie besondere Priorität hat.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Was Länderbeziehungen angeht, ist die recht große deutsche Minderheit in Kasachstan sicher speziell für das bilaterale Verhältnis. Wie schätzen Sie ihre Rolle ein?</strong><br />
1% der Bevölkerung Kasachstan macht die deutsche Minderheit aus. Auch umgekehrt sind 1% der Bevölkerung in Deutschland Russlanddeutsche. Die Bundesregierung und ich als Botschafter wünschen, dass diese Menschen in Zukunft sehr viel stärker zur Brücke zwischen unseren beiden Ländern werden und eine noch stärkere Rolle in der Pflege unserer Beziehungen spielen. Bereits heute ist es so, dass sie in der Tat eine wichtige Verbindung darstellen.</p>
<figure id="attachment_7698" aria-describedby="caption-attachment-7698" style="width: 1000px" class="wp-caption alignleft"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-7698 size-full" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/02/08-Zwischen-zwei-Grossmaechten-03.jpg" alt="Mafael Deutschland Astana Kasachstan" width="1000" height="563" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/02/08-Zwischen-zwei-Grossmaechten-03.jpg 1000w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/02/08-Zwischen-zwei-Grossmaechten-03-300x169.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/02/08-Zwischen-zwei-Grossmaechten-03-768x432.jpg 768w" sizes="auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px" /><figcaption id="caption-attachment-7698" class="wp-caption-text">Der deutsche Botschafter auf Besuch bei der Gesangsgruppe ”Späte Blumen”, Assoziation der Deutschen in Astana.</figcaption></figure>
<p style="text-align: justify;">Aber ich sehe hier für die Zukunft ein sehr viel größeres Potential. Gerade, wenn diejenigen, die nach Deutschland gegangen sind, wieder zurückkommen und hier wirtschaftlich tätig werden und erfolgreich sind. Im Fall von Südkorea habe ich es erlebt, dass diese Menschen die zentrale Bezugsstelle der bilateralen Beziehungen geworden sind. Da es eine so große Zahl von Kasachstandeutschen gibt und die Bedingungen vor Ort immer lukrativer werden, bin ich dahingehend sehr optimistisch.</p>
<p style="text-align: justify;">Insgesamt sind die Gemeinde der Kasachstandeutschen und die Assoziation der Kasachstandeutschen „Wiedergeburt“ wichtige Partner. In allen Städten suche ich immer die regionalen Niederlassungen auf. In Kustanai gab es zum Beispiel eine sehr schöne Jubiläumsfeier und in Karaganda erlebte ich eine überraschend große Gemeinde. Ich wünsche mir in dieser Beziehung eine noch regere Beteiligung der Kasachstandeutschen im Rahmen der regionalen Vertretungen, und dass vor allem jüngere Leute hier einen Anknüpfungspunkt an ihre Identität und Zukunft sehen.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Die momentane Situation der deutschen Sprache in Kasachstan gibt vielen zu denken. Sie sind nun der Vorsitzende der frisch gegründeten Arbeitsgemeinschaft für die deutsche Sprache. Was sind hier die Ziele?</strong><br />
Insgesamt bereiten wir die erste Sitzung mit kasachischen Regierungsvertretern vor. Wir stellen fest, dass die Anzahl der Deutschlerner mit den Jahren zurückgeht. Es ist aber nachvollziehbar, da die Auswanderungswellen von Kasachstandeutschen diesen Prozess begünstigt haben. Allerdings besteht das Risiko, dass Deutsch als Fremdsprache an den Schulen immer weniger unterrichtet werden kann. Es gibt eine Einbuße an Möglichkeiten für Kasachstaner, Deutsch zu lernen, auch für diejenigen, die vorhaben, in Deutschland zu studieren. Das bereitet uns Sorge. Deutschland hat in den letzten 20 Jahren erhebliche Mittel investiert, um das PASCH-Programm vor Ort zu fördern. Wir verstehen die Konzeption hinter der Dreisprachigkeit für kasachische Schulen und Universitäten, aber wir hoffen auf ausreichend Flexibilität für verstärkten Deutschunterricht an den 16 betroffenen Schulen. Wir möchten darüber hinaus auch die universitäre Bildungsarbeit mit Kasachstan voranbringen.</p>
<p style="text-align: justify;">Es macht den Eindruck, dass die meisten Deutschlernenden heutzutage an einem Studium in Deutschland interessiert sind.<br />
Mein Eindruck und auch der deutscher Organisationen ist, dass das Interesse am Studium in Deutschland rasant ansteigt. Unser Ziel muss nun sein, die Strukturen dafür zu behalten und zu schaffen, dass die kasachischen Studenten die Mindestvoraussetzungen mitbringen, um eine Chance auf ein Studium in Deutschland zu haben. Natürlich hoffen wir, dass wir uns gemeinsam mit der kasachischen Seite hierzu auf Regelungen zu Sprach– und Studienförderung einigen können.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Apropos Sprachen – lernen Sie bereits Kasachisch oder Russisch bzw. haben Sie es vor?</strong><br />
Ich glaube, aufgrund der Zeitintensivität, die das Lernen mit sich bringt, werde ich mich darauf beschränken müssen in beiden – komplexen – Sprachen, ein paar Sätze zu lernen, mit denen ich mein Interesse zum Land und beiden Sprachen zum Ausdruck bringe.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Vielen Dank für das Gespräch.</strong></p>
<p style="text-align: right;"><strong>Das Interview führte Julia Boxler<br />
<a href="http://daz.asia">Deutsche Allgemeine Zeitung, Almaty</a></strong></p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Die kleine Winterolympiade</title>
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		<dc:creator><![CDATA[daz_almaty]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 06 Feb 2017 08:47:49 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
		<category><![CDATA[Almaty]]></category>
		<category><![CDATA[Sport]]></category>
		<category><![CDATA[Universiade]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Es sind &#x201E;die Olympischen Spiele der Studierenden&#x201C;. Universiaden vereinen alle zwei Jahre Spitzenathleten aus der ganzen Welt. Sportlernachwuchs aus 57 L&#xE4;ndern zwischen 17 und 28 Jahren tritt bei Wettk&#xE4;mpfen vom&#xA0;29. Januar bis 8. Februar 2017 in Almaty an. 2000 Athleten aus aller Welt k&#xE4;mpfen in zw&#xF6;lf Disziplinen an acht Austragungsorten in Almaty um Siege und [&#x2026;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify"><strong>Es sind „die Olympischen Spiele der Studierenden“. Universiaden vereinen alle zwei Jahre Spitzenathleten aus der ganzen Welt. Sportlernachwuchs aus 57 Ländern zwischen 17 und 28 Jahren tritt bei Wettkämpfen vom </strong><strong>29. Januar bis 8. Februar 2017 in Almaty an. 2000 Athleten aus aller Welt kämpfen in zwölf Disziplinen an acht Austragungsorten in Almaty um Siege und Medaillen. Dieser Artikel wurde Novastan mit freundlicher Genehmigung der <a href="http://deutsche-allgemeine-zeitung.de/de/content/view/3968/1/">&#8222;Deutschen Allgemeinen Zeitung&#8220;</a> zur Verfügung gestellt. </strong></p>
<p style="text-align: justify"><em>„Kasachstan träumte schon lange davon Sportler aus aller Welt zu sich einladen zu dürfen“,</em> so die Worte des deutschen Generalkonsuls bei der Begrüßung der deutschen Universiade-Delegation. Nun ist Almaty elf Tage auf eine Probe gestellt – ein Großevent wie die <a href="https://almaty2017.com.">Universiade 2017</a> hat es in Kasachstan noch nicht gegeben. Es ist gefühlt die organisatorische Feuerprobe vor der <a href="https://expo2017astana.com/en/">EXPO in Astana</a> und auch ein Fingerzeig in Richtung der Olympischen Winterspiele 2022, deren Zuschlag Kasachstan sehr knapp verpasste.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Weltspiele der Studierenden</strong></p>
<p style="text-align: justify">In einer Welt voller Krisen, Misstrauen und Ungewissheit sieht der Generalkonsul Jörn Rosenberg solche internationalen Sportevents als „politisch wichtig“. Ein „<em>Forum für friedliches Zusammenkommen aus aller Welt</em>“ vereine <em>„Menschen von allen Kontinenten, verschiedenster Ethnien und Religionen aus Ländern mit unterschiedlichen politischen Vorstellungen.</em>“</p>
<p style="text-align: justify">Ein Gedanke wie aus einem kasachstanischen Image-Video, positioniert sich doch das Land bereits seit geraumer Zeit als friedensfördernder neutraler Staat mit eigens konzipierter multivektorieller Außenpolitik. Diese Renommee wächst auch zunehmend, das Land sieht sich mehr und mehr in internationales mediales Rampenlicht getaucht – und das nicht unbedingt unverdientermaßen.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Gastgeberland für alles gewappnet</strong></p>
<p style="text-align: justify">Die erste deutsche Curling-Frauenmannschaft in der Geschichte der Universiade tritt dieses Jahr in Almaty an. Claudia Beer und ihre Team-Kolleginnen nach dem Anstoß des Curlingsteins während des Spiels Kasachstan-Deutschland (2:13).</p>
<figure id="attachment_7480" aria-describedby="caption-attachment-7480" style="width: 1800px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-7480" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/02/uni2.jpg" alt="Das deutsche Team beim curlen" width="1800" height="1200" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/02/uni2.jpg 1800w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/02/uni2-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/02/uni2-768x512.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/02/uni2-1024x683.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/02/uni2-1300x867.jpg 1300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/02/uni2-128x86.jpg 128w" sizes="auto, (max-width: 1800px) 100vw, 1800px" /><figcaption id="caption-attachment-7480" class="wp-caption-text">Das deutsche Team beim curlen</figcaption></figure>
<p style="text-align: justify">Die Stadt Almaty hat sich akribisch vorbereitet: Schüler und Studenten wurden freigestellt und somit viele Tausende Freiwilliger gewonnen, der Neujahrsschmuck erleuchtet die Hauptstraßen, große Plakate sollen den urbanen Raum verschönen und eine hohe Polizeipräsenz die Sicherheit gewährleisten, auch freilaufender Tiere wurde sich entledigt. Tatsächlich wurde sich auf das Event über die Maßen vorbereitet. Fast scheint es, als soll bewiesen werden, dass auch eine Winterolympiade drin gewesen wäre. Die Positionierung als Wintersport-Austragungsort rückt mit dem Bau neuer Sportstätten in den Vordergrund. Jede dieser Investitionen ist auch eine in künftige Bewerbungen für die Olympischen Winterspiele.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Eintracht statt Wettstreit</strong></p>
<p style="text-align: justify">Zu diesen Bemühungen zählt auch ein eigens für die Spiele errichtetes Athletendorf – zur positiven Überraschung vieler internationaler Delegationen. Ganz im Sinne des kasachstanischen Images als multiethnische Nation kommen hier Teams aller Nationen und Sektionen zusammen, um das freundschaftliche Miteinander vor und nach den Wettkämpfen zu erleben. Der Gebäudekomplex soll Veranstaltern zufolge nach den Winterspielen als erschwingliche Wohnanlage genutzt werden. Auch die neu gebauten Halyk Arena und Almaty Arena sollen nach der Universiade als Austragungsorte Internationaler Wettkämpfe und kultureller Großevents und zur Förderung von Wintersport dienen.</p>
<p style="text-align: justify">Bei ihrer ersten Universiade freut sich die Curlerin Claudia Beer insbesondere über das intensive Zusammentreffen mit Athleten anderer Disziplinen. Auf Curling, das seit knapp 20 Jahren olympische Disziplin ist, stieß Beer rein zufällig in ihren Ferien. Seitdem spielte sie mehrere europäische Meisterschaften sowie eine Weltmeisterschaft. Die Curlerinnen sind die einzigen Sportlerinnen, die fast täglich zum Wettkampf antreten.</p>
<p style="text-align: justify">Auch der Skilangläufer und Lehramtsstudent Andreas Weishäupl, der schon zwei Universiaden zuvor mitmachte ist überrascht von dem Athletendorf in Alamty: <em>„Es ist ein besonderes Flair. Man hat das Gefühl, man sei auf einem olympischen Dorf.“</em> Allerdings sei es sportlich in Almaty ein wenig nachteilig, denn die Sportstätten selbst liegen zum Teil sehr weit voneinander entfernt. Aber das Gefühl einer großen Universiade, wo sich Sportler aller Disziplinen begegnen, mache dies wieder wett. <em>„Das soll ja das Besondere einer Universiade sein. Wettkämpfe anderer Natur haben wir im Alltäglichen gegeben.“</em></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Urbane Herausforderung</strong></p>
<p style="text-align: justify">Ungeachtet der detaillierten Planung gibt es Stimmen der Verwunderung. Wurden die Spiele ausreichend beworben? Tickets für die Finalrunden sind zwar ausverkauft, aber Tribünen der regulären Wettkämpfe blieben zu Beginn nicht selten halbleer. Eine besondere Herausforderung stellt der Verkehr in Almaty dar.</p>
<p style="text-align: justify">Trotz der Eigenwilligkeiten des Almatiner Stadtverkehrs, mache das gut organisierte Transportsystems der Universiade die Entfernung zwischen den Austragungsorten wieder wett, so Team-Leader Dirk Kilian. Er wagt noch vor Beginn der Wettkämpfe eine Einschätzung der Wettkampfanlagen:<em> „Es sind tolle Wettkampfstätten dabei, so die Anlage in Alatau – hier ist die Strecke anspruchsvoll und gut präpariert.“</em></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Nischendasein Uni-Sport</strong></p>
<p style="text-align: justify">Eine klassische Disziplin – der Eiskunstlauf. Die Organisation von Großveranstaltungen ist in Deutschland kostspieliger und auch organisatorisch schwieriger umzusetzen. Außerdem protestieren BürgerInnen oft gegen Austragungen von teuren Mega-Events, wie auch bei den letzten deutschen Olympia-Bewerbungen. Die Bevölkerung sieht sich als leidtragend bei milliardenschweren Großveranstaltungen.</p>
<figure id="attachment_7481" aria-describedby="caption-attachment-7481" style="width: 1800px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-7481" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/02/uni1.jpg" alt="Eine Eiskunstläuferin während ihrer Darbietung" width="1800" height="1200" srcset="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/02/uni1.jpg 1800w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/02/uni1-300x200.jpg 300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/02/uni1-768x512.jpg 768w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/02/uni1-1024x683.jpg 1024w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/02/uni1-1300x867.jpg 1300w, https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/02/uni1-128x86.jpg 128w" sizes="auto, (max-width: 1800px) 100vw, 1800px" /><figcaption id="caption-attachment-7481" class="wp-caption-text">Eine Eiskunstläuferin während ihrer Darbietung</figcaption></figure>
<p style="text-align: justify">Umso mehr pocht der Allgemeine deutsche hochschulsportverband (adh) auf die Wichtigkeit von Studentensport, bei dem Spaß vor Geld gehe. Doch, so Kilian, mangelt es in Deutschland an grundsätzlicher Akzeptanz von Hochschulsport. Universitätssport hat in anderen Ländern eine ganz andere Kultur. Durch das besonders starke deutsche Vereinswesen führe der Hochschulsport jedoch leider ein Nischendasein, analysiert Kilian. Deshalb kämen die Sportler aus der deutschen Delegation auch alle aus dem Vereins–, und nicht aus dem Hochschulsport.</p>
<p style="text-align: justify"><em>„Im angloamerikanischen Bereich gibt es zwar nicht so ein gut aufgestelltes Vereinssystem wie in Deutschland, aber der Collegesport hat eine viel größere Bedeutung“</em>, vergleicht der Team-Leader. Den adh und die Sportler würde es sicher freuen, eine Universiade in Deutschland auszurichten, aber das sei <em>„ein dickes Brett“.</em></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Hartes Training für Olympia</strong></p>
<p style="text-align: justify">Ein Studentenleben mit Leistungssport zu vereinbaren ist eine Doppelbelastung. Christian Nüchtern und Shari Koch aus Nordrhein-Westfalen tanzen seit 2008 zusammen und leben und trainieren momentan in Mailand. Nüchtern studiert BWL an der FU Berlin und meint, dass Leistungssport und Studium nur mit viel Management zu vereinbaren sind.<em> „Man muss sehr viel Privates aufgeben.“</em> Koch will trotz intensivem Training noch dieses Jahr ihr Bachelorstudium beenden. Die Teilnahme an den Olympischen Spielen 2018 steht als nächstes großes Ziel der beiden. Nüchtern, der den Organisationsaufwand in Almaty nur zu loben weiß, findet es im Übrigen schade, dass Kasachstan nicht die Austragung der Olympischen Winterspiele 2022 für sich entscheiden konnte, <em>„sie hätten es verdient“</em>. Einer der ehemaligen Trainer von Nüchtern ist der Kasachstandeutsche Vitali Schulz, gebürtig aus Karaganda.</p>
<p style="text-align: justify">Die Delegationsleiterin Dr. Katrin Werkmann hofft auf gute Platzierungen und den Top 8 für die 29 deutschen Nachwuchssportler. Das Sammeln von Medaillen überlassen sie anderen, weitaus stärker vertretenen Delegationen, wie z.B. der größten Delegation mit 216 Athleten – aus Russland.</p>
<p style="text-align: right"><strong>Julia Boxler<br />
<a href="http://deutsche-allgemeine-zeitung.de/de/content/view/3968/1/">Deutsche Allgemeine Zeitung Almaty</a></strong></p>
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		<title>Winter-Universiade 2017 in Almaty: Balanceakt zwischen Studium und Sport</title>
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		<pubDate>Sun, 05 Feb 2017 12:52:13 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kasachstan]]></category>
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		<category><![CDATA[Sport]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Selten trifft man junge Frauen im Vorstandsvorsitz von Institutionen oder Verb&#xE4;nden. Dr. Katrin Werkmann ist mit ihren 33 Jahren neue ehrenamtliche Vorstandsvorsitzende des Allgemeinen Deutschen Hochschulverbandes (adh) und zum ersten Mal bei einer Universiade. Julia Boxler von der &#x201E;Deutschen Allgemeinen Zeitung&#x201C;(DAZ) in Almaty sprach mit ihr zum Universiade-Empfang des deutschen Generalkonsulats. Das Interview wurde Novastan [&#x2026;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify"><strong>Selten trifft man junge Frauen im Vorstandsvorsitz von Institutionen oder Verbänden. Dr. Katrin Werkmann ist mit ihren 33 Jahren neue ehrenamtliche Vorstandsvorsitzende des <a href="http://www.adh.de/">Allgemeinen Deutschen Hochschulverbandes (adh)</a> und zum ersten Mal bei einer <a href="http://www.adh.de/wettkampf/international/universiade.html">Universiade</a>. Julia Boxler von der <a href="http://deutsche-allgemeine-zeitung.de/de/content/view/3967/1/">&#8222;Deutschen Allgemeinen Zeitung&#8220;</a>(DAZ) in Almaty sprach mit ihr zum Universiade-Empfang des deutschen Generalkonsulats. Das Interview wurde Novastan mit freundlicher Genehmigung der Redaktion zur Verfügung gestellt. </strong></p>
<p style="text-align: justify"><strong>Frau Werkmann, sind Sie das erste Mal in <a href="https://almaty2017.com/">Almaty</a>?</strong><br />
Ich bin das erste Mal in Almaty und Kasachstan. Für mich persönlich ist es auch die Universiaden-Premiere (die Weltspiele der Studierenden die in zweijährigem Rhythmus im Winter und im Sommer stattfinden, Anm. der Redaktion)  da ich erst seit November die Vorstandsvorsitzende des adh bin. Also ganz frisch im Amt, daher ist alles für mich hier sehr aufregend und neu.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Wie empfinden Sie die Universiade? Ist sie strukturell und logistisch gut organisiert?</strong><br />
Da es die Erste für mich ist, habe ich keinen Vergleich. Aber was ich von meinen Kollegen höre, unter denen einige schon das 20. Mal an Universiaden teilnehmen, ist es einmalig für die Winterausgabe, dass es ein Athletendorf gibt. Normalerweise sind die Athleten oder die Delegation in Hotels untergebracht, so sind wir alle recht weit verstreut. Durch das Athletendorf kommt man an einem Platz zusammen. Die Sportler treffen sich morgens beim Frühstück, tauschen sich im Fitnessraum oder Schwimmbad aus, trainieren gemeinsam. Dadurch entsteht eine Begegnungsstätte außerhalb der eigentlichen Wettkämpfe und Sportstätten.</p>
<figure id="attachment_7438" aria-describedby="caption-attachment-7438" style="width: 300px" class="wp-caption alignleft"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-7438" src="https://novastan.org/de/wp-content/uploads/sites/5/2017/02/universiade-daz-2.jpg" alt="Katrin Werkmann, Vorsitzende des adh" width="300" height="228" /><figcaption id="caption-attachment-7438" class="wp-caption-text">Katrin Werkmann, Vorsitzende des adh</figcaption></figure>
<p style="text-align: justify"><strong>Wie kommt es, dass es eine Art Jugendversion der Olympiade gibt, warum diese zwei Großereignisse?</strong><br />
Das<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Internationales_Olympisches_Komitee"> Internationale Olympische Komitee (IOC) </a>hat den Leistungssport im Fokus und der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/F%C3%A9d%C3%A9ration_Internationale_du_Sport_Universitaire">Weltverband des internationalen Hochschulsports (FISU)</a> greift gesondert die Studierenden heraus. Studierende Leistungssportler haben eine andere Belastung. Sie bringen sowohl im Sport als auch im Studium ihre Leistung. Diese Athleten haben ganz bewusst die Entscheidung für ein Studium getroffen und nehmen die Doppelbelastung in Kauf, um auf das Leben nach dem Sport vorbereitet zu sein.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Die deutsche Delegation zählt 29 Sportlerinnen und Sportler. Wie qualifiziert man sich für die Universiade?</strong><br />
Es gibt für jede Disziplin bestimmte Kriterien, die ein halbes Jahr zuvor veröffentlich werden. Diese Qualifikationskriterien erstellen wir im Vorfeld in Abstimmung mit nationalen Spitzensportverbänden in Deutschland, wie z.B. den Ski-, Curling– oder Eiskunstlaufverband. Wir gehen natürlich auch auf diese Verbände zu und fragen nach, wer aus dem Nationalkaderpool Studierender ist und für die Universiade infrage kommt. Die Spitzensportverbände geben, entsprechend der zuvor festgelegten Kriterien, ihre Empfehlungen zur Universiade-Nomination an den adh.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Alle die hier Teilnehmen sind also Sportstudenten?</strong><br />
Nein, sie müssen nicht unbedingt Sport studieren. Wir haben ein breites Feld, von z.B. Sport, Lehramt, Umwelttechnik, Medizintechnik, Ingenieurswesen, Germanistik und vieles mehr.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Machen Teilnehmer nach der Universiade auch Olympia-Karrieren?</strong><br />
Die Universiade ist eher die Plattform der Nachwuchssportler, die später bei den olympischen Spielen starten sollen. In der deutschen Delegation haben wir auch eine Athletin dabei, die bereits bei den letzten olympischen Spielen im Eiskunstlauf vertreten war, und sich dennoch bewusst für ihren Antritt bei der Universiade entschied. Sie möchte die außergewöhnliche Atmosphäre und auch den Spaß dieser Veranstaltung gern nochmal erleben.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Wie entscheidet der Verband welche Sportarten man mannschaftlich abdeckt? Es gibt zum Beispiel keine deutsche Eishockey-Mannschaft.</strong><br />
Das liegt daran, dass bestimmte Sportarten in Deutschland zu professionell sind und es da keine Studierenden gibt. Beispielsweise sind die in Frage kommenden Eishockey-Spieler in Deutschland alle bereits Profis, die nicht studieren. Beziehungsweise studieren sie im Ausland, wie USA oder Kanada, sind aber immer noch zu wenige für eine Nationalmannschaft. Wir würden am liebsten alle Sportarten abdecken, aber bei manchen Sportarten – so wie bei den Olympischen Spielen auch – gibt es einfach nicht die geeigneten Sportler dafür.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Wie bereitet sich eine Mannschaft auf die Universiade vor?</strong><br />
Die Sportler trainieren das ganze Jahr und die Universiade ist dann ihr Top-Wettkampf.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Waren sie zuvor da, um das Gelände zu testen?</strong><br />
Wir haben gestaffelte Anreisen. Die Langläufer sind im Voraus angereist und haben auch schon in den Bergen den Schnee getestet. Es gibt ein offizielles und ein inoffizielles Training – die Sportstätten öffnen nach und nach. Die Skisprungschanze öffnet auch erst morgen. Die Alpinskifahrerinnen reisen auch erst später an, da es im zuvor zu wenige Trainingsmöglichkeiten gab. Sie haben zum Teil zuhause vor Ort noch bessere Trainingsbedingungen, weil hier die Pisten schon für die Wettkämpfe präpariert werden.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Wie bereitet sich der adh für den biennalen Event vor?</strong><br />
Für uns ist eine Universiade immer etwas Besonderes. Die intensiven Vorbereitungen fangen schon ein dreiviertel Jahr zuvor an. Es ist ein großer Arbeitsaufwand, der viel Bürokratie, Organisations– und Logistik-Aufgaben umfasst. Besonders die logistischen Herausforderungen sind nicht zu unterschätzen, denn gerade im Winter ist viel Wettkampfequipment dabei. Bei <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Nordische_Kombination">nordischer Kombination</a> hat ein Sportler zum Beispiel zwei große Skisäcke für Sprung– und Langlaufski, drei Sprunganzüge, verschiedene Schuhe und anderes Equipment dabei. Da kommt einiges an Sperrgepäck zusammen.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Welche Erfolge erwarten sie von der Mannschaft? Was wünscht man sich?</strong><br />
Wir haben ein sehr junges Team dabei und sehen uns als Nachwuchsmannschaft. Nur vier von den Athleten waren bereits vor zwei Jahren bei einer Universiade dabei, die anderen sind Neulinge. Wir zählen nicht die Medaillen, für uns und unseren Förderer Bundesministerium des Innern zählt der Gedanke der Finalplatzierung. In den vergangenen Jahren haben wir es geschafft, dass 80% unserer Athleten unter die Top 8 gekommen sind.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Wer sind die Medaillenzähler unter den Nationen? Sind das die üblichen Verdächtigen, wie bei Olympia?</strong><br />
Ja, Russland wird wieder vorne sein, auch die USA. Sie haben auch die größten Teams dabei und werden am Ende auch im Medaillenspiegel am weitesten vorne stehen.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Wie kommt es, dass in Deutschland erst einmal eine Sommeruniversiade (Duisburg, 1989) ausgetragen wurde?</strong><br />
Natürlich kostet so ein Event eine Menge Geld und da sind deutsche Politiker eher zögerlich. Aber was die Entsendung zu Meisterschaften weltweit angeht, ist die Unterstützung immer da. Aber so etwas im eigenen Land vor Ort zu stemmen, ist es noch einmal eine ganz andere Angelegenheit. Man sieht auch an der Entwicklung der Austragungsorte der letzten Universiaden oder auch Olympischen Spielen, dass der Trend in Richtung postsowjetischen und asiatischen Raum geht.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Was ist das Steckenpferd der deutschen Delegation in Sachen Wintersport?</strong><br />
Dadurch, dass die Mannschaft jung ist, kann man das nicht immer voraussagen, wer am Ende durchstartet. Ich denke aber, dass die nordisch Kombinierer gut abschneiden werden. <a href="http://www.fis-ski.com/nordic-combined/athletes/athlete=welde-david-138327/">David Welde</a>, zum Beispiel, gewann bei der letzten Universiade zwei Einzel– und eine Mannschaftsmedaille. Er ist sicher auch dieses Mal ein Medaillenprätendent.</p>
<p style="text-align: justify"><strong>Was hat das mit dem <a href="https://www.facebook.com/NOCTP/">Sportphänomen Curling</a> auf sich?</strong><br />
Ich bin selbst leider auch keine Curling-Expertin (lacht). Aber wir haben dieses Jahr zum ersten Mal überhaupt eine deutsche Curling-Mannschaft dabei! Ich wünsche unserem super Mädels auf jeden Fall viel Erfolg!</p>
<p style="text-align: right"><strong>Julia Boxler, Chefredakteurin <a href="http://deutsche-allgemeine-zeitung.de/de/content/view/3967/1/">DAZ</a></strong></p>
<p>The post <a href="https://novastan.org/de/kasachstan/winter-universiade-2017-in-almaty-balanceakt-zwischen-studium-und-sport/">Winter-Universiade 2017 in Almaty: Balanceakt zwischen Studium und Sport</a> appeared first on <a href="https://novastan.org/de">Novastan Deutsch</a>.</p>
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